Nichts Schöneres, purer Luxus – den Wolken zuschauen. Und manchmal formen sich dabei Silben zu Wörter zu Zeilen. Und manchmal schreibe ich sie auf und schaue sie viele Monate später wieder an. Ein Haiku brannte sich ein, und daran dachte ich oft, wenn ich den Wolken zusah. Jetzt gibt es dieses Haiku als Postkarte.
Und nun lese ich im Buch Wörter, die es nicht auf Hochdeutsch gibt den Begriff „Wulkenschuber“: ein Nichtstuer, der die Wolken betrachtet und Wolken sammeln als Hobby angibt. (S. 102). So eine Müßigggängerin wäre ich gern öfter.
An der Wäscheleine zwei Staubmasken, zwei Unterhemden, eine Unterhose überm Fluss zwei Brücken aus Brettern, eine hinfälliger als die andere, und mitten im Dorf liegt ein Findling.
Die Hälfte aller Häuser steht leer, manchmal ist es auch nur die eine Hälfte eines Hauses, da sind die Fenster zugenagelt bei der anderen Haushälfte hängen Vorhänge vor den Fenstern ein Auto steht vor der Tür, eine Satellitenschüssel im Garten ein Mann streicht die Hauswand hellblau.
Auf der Anhöhe ein Friedhof viele starben jung zwei Männer, vielleicht Vater und Sohn, starben am selben Tag.
Manchmal kommen zwei, drei Pferde die Dorfstraße entlang manchmal bellt ein Hund hinter einem Bretterzaun oder in einem von Unkraut überwucherten Garten in einem Hof picken Hühner im Staubboden der Hahn kräht dünn, keiner dreht sich nach ihm um.
Jirgalan,
der Name wie Schmirgelpapier auf Zunge.
Über der stillgelegten Kohlemine fliegen Tauben auf Förderwagen liegen umgekippt auf gekrümmten Schienen riesige Masten, einst Ventilatoren, kauern umgeknickt am Boden überall Schächte, der ganze Berg ist unterhöhlt.
Versehrte Landschaft, darüber weite Weiden, dahinter leuchten am Abend die Gipfel.
Jirgalan iegt ca. 1 Stunde nord-östlich von Karakol und gehört zu den 10 Top Destinations Kyrgyzstans, noch ist die Zahl der Touristen überschaubar. Jirgalan bietet sich als Ausgangspunkt für diverse Treks an, die Ausrüstung wie Zelt, Schlafsack etc. kann man vor Ort im Jirgalan Destination Office ausleihen. Nach der Schließung des Kohlebergwerks im Jahr 1991 zogen viele Dorfbewohner hinunter an die Ufer des Issik Kul, erzählt die Gastgeberin Bermet vom Gästehaus Baitor. Erst vor zehn Jahren stoppte die Abwanderung mit dem Bau des ersten Guesthouses, von ca. 2016 bis 2018 investierte USAid in den Ausbau der touristischen Infrastruktur. Bermet selbst ist aufgewachsen unten am See, vor 22 Jahren kam sie hierher, doch noch heute vermisst sie die frischen Früchte wie Pfirsiche, Melonen, Aprikosen. Die Tochter Nurela kümmert sich vorn am Dorfeingang um den eigenen Dorfladen – einen von dreien -, der 17-jährige Sohn Erjigit führt Touristen mit dem Pferd aus.
… schreibt der taiwanesische Autor Yang Mu in einem Gedicht über eine Schlange, das er gleich in drei Variationen vorstellt. Das ist typisch für seine „Pinselnotizen“, ein Genre, das in China auf der Bruchlinie zwischen Literatur und Leben angesiedelt ist, wie die Herausgeberinnen und Übersetzerinnnen Susanne Hornfeck und Wang Jue im Nachwort erklären. Reise-Impressionen und philosophische Betrachtungen können das zum Beispiel sein, Beiläufiges werde zu tiefer Einsicht verdichtet, alltägliche Betrachtungen mit neuer Bedeutung aufgeladen.
Typisch scheint mir indes bei Yang Mus literarischen Pinselstrichen zu sein, dass er sich eben weigert, seine Beobachtungen in Gewissheiten zu verankern – zu unsicher scheint selbst der Boden unter den Füßen und das Schwanken der Erde vielmehr „Ursprung der Poesie“, so der Titel einer Prosaminiatur. Hier schreibt er vom Aufheulen der Erde, einer Stimme, die in Panik versetzt, bevor sie einen erreicht und erstarren lässt in einer metaphysischen Ehrfurcht, die zwischen Himmel und Erde waltet. In diesem Dazwischen ist auch der Mensch angesiedelt, und nicht alles, was vom Himmel kommt, ist gut, weiß schon der kleine Yang Mu, als sich seine Mutter über ihn wirft, um ihn vor den Angriffen der japanischen Kolonisatoren zu schützen in „Weiße Novemberblüten“. Zwischen Himmel und Erde ist der Mensch, diesem Dreiergestirn gilt auch der Kungfu-Gruß, wenn eine Faust in die Handinnenfläche gelegt wird. Warum aber die Kampfkunst eines Mannes aus dem Süden der Insel nicht mithalten kann mit der strahlenden Vitalität des Großonkels, die allerdings vom Autor nur behauptet wird, bleibt offen. Gern würde man hierzu mehr erfahren.
Doch dieses Mehr, eine Festlegung der Beobachtung und Überführung in eine allgemeine Betrachtung der Welt, wie sie klassischen chinesischen Texten eigen ist, verweigert Yang Mu, so als habe die Moderne keine solche Gewissheiten mehr zu bieten, so als sei das Schwebende, das Dissidente wie bei der einsamen Schlange, eine Konstante, der er stattdessen nachsinnt.
Das luftige Element dieser Pinselnotizen, das Puzzle voller Anspielungen ins Deutsche zu übertragen, sei ein „halsbrecherisches Unterfangen“, so die Herausgeberinnen im Nachwort. Es ist ihnen gelungen, dass ich jedenfalls gern und immer wieder eingetaucht bin in dieses literarische Fluidum.
Yang Mu: Die Spinne, das Silberfischchen und ich. Pinselnotizen. Aus dem Chinesischen von Susanne Hornfeck und Wang Jue. A1 Verlag, 2013. (nicht mehr lieferbar, gebraucht bei amazon, ebooks, ebay …)
Auf den Schotterwegen, die durch den Mischwald mit seinen Tannen und Buchen führen, liegen Vogelfedern, schwarz-weiß gestreift. Regentropfen glitzern in den Blättern der Heidelbeersträucher, oder sind es die Schleimspuren der Schnecken? Der Weg führt sumpfigen Wiesen entlang, auf denen einst Sägemühlen standen und sich Müller um das spärliche Wasser stritten, säumt einen Fischweiher. Dort angelt einer, wohin die Wanderwege führen, weiß er nicht. Er sitzt auf einem Klapphocker vor seinem Auto, ein Kind pult Würmer aus einer Plastikschachtel, ein anderes steckt eine Angel zusammen. Auf den Wiesen steht hoch der Mohn. Und auf den Feldern wiegen sich die fedrigen Gerstenähren im Wind.
Stünde nicht auf einmal eine Informationstafel am Wegrand,
würde man die bemoosten Ruinen im Wald übersehen. Es sind die Reste eines
Schwimmbeckens, doch Beton – das erstaunt mich immer wieder – übersteht historische
Epochen fast unbeschadet. Zerbröckelt sind hier und da die Wände, doch die
einstige Größe ist ersichtlich, wenngleich unvorstellbar, dass hier einmal ein
Freibad mit Nichtschwimmerbecken und Umkleidekabinen existiert haben soll. Die
Natur hat sich alles zurückgeholt. Selbst die Haken, die aus den Beckenwänden
ragen, sind voller Moos.
Als es zwölf schlägt vom Frickenhofener Kirchturm, springe
ich über die Mauer, die Luft bebt von den Glockenschlägen. Vor achtzig Jahren lagen
Kinder und junge Männer auf der abschüssigen Wiese, stand eine junge Frau, ein
BDM-Mädel vielleicht, am Beckenrand und zögerte nur kurz, bevor sie sprang und in
das kalte Wasser eintauchte. Und dafür womöglich einen bewundernden Blick erhielt,
den sie nicht sah, da sie unter Wasser die Länge des Beckens durchmaß mit weit
ausholenden Zügen? Derweil an den Hängen die Bauernjungen Heu einholten, auch
am Sonntag. Wer ging dem Müßiggang nach, wer folgte dem Ruf, sich zu stählen,
den Körper zu trainieren auf Führers Befehl? Gingen alle zum Schwimmen am
Sonntag? Gab es welche, die nicht mochten – weil das Wasser zu kalt war, die
jungen Männer zu laut, die Mädchen zu forsch und zuversichtlich, dass an der
deutschen Jugend die Welt genesen soll?
Der Text auf der Tafel erzählt davon, dass das Bad kurze Zeit nach dem Krieg geschlossen wurde. Die Flüchtlinge hatten anderes im Sinn, als sich zu amüsieren; viele der jungen Männer, die hier das Schwimmern lernten, kamen entweder nicht zurück aus dem Krieg, für den sie abgehärtete worden waren, oder verletzt an Körper und Seele. Das Schwimmen am Sonntag war ihnen vergangen.
Auf die Spur diese Freibadruinen im Wald gebracht haben mich allgemeine Recherchen über Zeugnisse des Dritten Reiches auf der Schwäbischen Alb – nachdem ich dort völlig unvermutet auf ehemalige KZs gestoßen bin. Mehr Informationen zu diesem Freibad und Frickenhofen hier:
Taiwan: eine Insel mit 23 Millionen Einwohnern und einer komplexen Geschichte. Unweit der chinesischen Südküste gelegen, wurden die Inselbewohner immer wieder von benachbarten Großmächten überrannt, immer wieder suchten chinesische Exilanten hier nach Zuflucht. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war die Insel eine japanische Kolonie, und als Mao in Peking die Volksrepublik ausrief, flohen anderthalb Chinesen nach Taiwan.
Von diesen Wirren und Überlagerungen unterschiedlichster
Völkerschaften mit all den damit einhergehenden neben- und auch gegeneinander
ausgespielten Lebensweisen erzählt die Autorin Jade Y. Chen in ihrem
Familienroman Die Insel der Göttin. Es geht darin nicht nur um ihre
eigene Familie, in der sich das Leid einer Japanerin genau so spiegelt wie
eines taiwanischen Untergrundkämpfers, der sich für die Demokratie auf der
Insel engagiert und deshalb nach Südamerika fliehen muss. Sondern auch um die
zentrale Frage, die Taiwaner heute umtreibt: „Wer sind wir? Und was ist Taiwan
eigentlich?“ Die Antwort ist alles andere als einfach, wenn man sich folgende Familiengenealogie
vor Augen führt: „ ,Mein Urgroßvater väterlicherseits war Mongole (…). Er
heiratete meine Urgroßmutter, die aus der Nähe von Shanghai stammte. Mein
Großvater und mein Vater sind in Peking geboren. (…) Als junger Mann ging mein
Vater nach Taiwan und lernte in Taichung meine Mutter kennen. Meine Großmutter mütterlicherseits
war eine Japanerin, die meinen Großvater heiratete, dessen Vater, also mein
Urgroßvater, aus Südchina stammte., „
Die Loyalitäten sind entsprechend schwankend. Der Vater der
Ich-Erzählerin, ein wankelmütiger Abtrünniger, der mit den Kuomintang-Truppen
des aus China geflohenen Chiang Kaishek nach Taiwan gelang, kehrt eines Tages
wieder aufs Festland – womit die VR China gemeint ist – zurück, nur um dort als
vermeintlich reicher Mann von seinen Verwandten über den Tisch gezogen zu
werden. Der Großvater fühlt sich dem japanischen Kaiserreich verpflichtet und kämpft
bei der Luftwaffe, verschwindet aber eines Tages, nachdem die Kuomintang-Partei
die Macht übernommen hat. Und die japanische Großmutter verstrickt sich in eine
heimliche Liebe mit dem Großonkel.
Geschickt weiß die Autorin diese Biografien miteinander zu verflechten, wodurch ein einmaliges und vielschichtiges Kaleidoskop der Inselrepublik entsteht, über die im Westen nur wenig bekannt ist. In vielerlei Perspektiven beschreibt sie eindrücklich, wie es sich heute anfühlen muss, in Taiwan mit all den individuellen Traumata zu leben. Dem Schweigen aber, das sich wie Mehltau über die Familie und auch das Land legt, und der damit einhergehenden Lieblosigkeit kann Jade Chen im Buch und auch in der Realität offenbar nur dadurch entkommen, indem sie das Land verlässt. Als hervorragende Einführung in die jüngste Geschichte Taiwans, das international aufgrund des zunehmenden Drucks der VR China zunehmend isoliert wird, sei dieser Familienroman unbedingt empfohlen.
Jade Y. Chen: Die Insel der Göttin. Münchner Frühling Verlag, 2009, 419 Seiten, ca. 42,90 sFr.
Dieses Debüt des taiwanesischen Autors Wang Ting-Kuo ist nicht wirklich greifbar: Ein Mann wird verlassen, zerbricht fast daran – bis eines Tages ein erfolgreicher Geschäftsmann sein Café betritt. Eine Rückschau beginnt, die mäandert, auch die Figuren bleiben vermutlich bewusst vage.
Der Hintergrund der Geschichte, immer wieder kurz angerissen, verrät einiges über die jüngste Geschichte Taiwans. Beispielsweise über den Bauboom zwischen dem Jiji-Erdbebens von 1999 und des Ausbruchs von SARS im Jahr 2003, über die Stimmung in verlassenen Küstenorten, über die Verlorenheit der Menschen, die aus weniger begüterten Verhältnissen stammen wie die Hauptfigur. Eine Szene aus dessen Kindheit schwebt über der weiteren Lektüre: Der Junge ist acht Jahre alt und geht an der Hand seines Vaters zur Schule. Der darf jeden Tag ungehindert ein und aus gehen, was den Sohn mit Stolz erfüllt. Er vermutet ihn in der Schulverwaltung, bis er am Tag seiner Einschulung entdeckt, dass er „in einer weiten schwarzen Regenhose und klobigen Gummistiefeln … energisch den verdreckten Boden schrubbt.“ Der Junge schleicht davon, geht nach Hause, wo die Mutter auf dem Boden sitzt. Ihr wischt er den Speichel vom Mund, denn nach einem Unfall hat sie den Verstand.
Gegen Ende legt der Roman ein wenig an Tempo zu, und die Figuren überzeugen zunehmend – das Ganze gewinnt schlussendlich an Sinnhaftigkeit.
Wenngleich die seltsamen stilistischen Brüche, die sicherlich nicht dem Übersetzer Johannes Fiederling anzulasten sind, immer wieder irritieren, stimmen reizvolle und ungewöhnliche Bilder sowie stilistische Kapriolen nachdenklich. Wang Ting-Kuo gelingt mit seinem Roman jedenfalls ein stimmungsvolles Porträt von Taiwan – ein Sound bleibt ihm Ohr, den man nicht so schnell vergessen wird.
Während des Ersten Weltkriegs arbeiten nach der verlustreichen Schlacht an der Somme im Jahr 1916 140.000 Chinesen für die Briten und Franzosen. China setzt die chinesischen Arbeiter als Pfand ein, um bei den Friedensverhandlungen in Versaille – im Siegesfall der Alliierten – ihre Provinz Shandong wieder zurückzuerhalten. Die chinesischen Arbeiter bleiben teilweise bis 1922 in Frankreich und „räumen den Krieg auf“. In der österreichischen Zeitschrift „Wespennest“ erscheint nun ein erster Text zu diesem Thema.
„Vom Aufprall auf dem Boden der Realpolitik hat sich Hongkongs Gesellschaft bis heute nicht wirklich erholt. Die Regenbogen-Bewegung ist kein Thema mehr für die Bevölkerung, doch immerhin werden Unregelmässigkeiten bei Wahlen aufmerksamer verfolgt als auch schon. Die Menschen sind verunsichert. Als ich darüber mit der Mitarbeiterin eines kleinen Verlags spreche, überlegt sie lange, bevor sie sich quasi selbst befragt: Was darf man tun, was sagen, wo ist die rote Linie? Welche Auswirkungen hat vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt mein Tun, und sind davon auch meine Kinder betroffen?“ Rote Linien überall, von der chinesischen Regierung in Beijing willkürlich gezogen. Man sieht sie erst, wenn das Überschreiten Folgen hat. Nachzulesen sind diese Überlegungen in „Wer weiss denn schon, wo genau die roten Linien verlaufen – in Hongkongs Kulturszene herrscht Verunsicherung“, NZZ vom 3.5.2019.
„Wovon man nicht reden kann, darüber muß man schweigen“, schrieb Ludwig Wittgenstein im letzten Abschnitt des Tractatus. Hätte ich also besser über das geschwiegen, was mir beim Besuch des Gefängnisses Tuol Sleng und der Killing Fields Cheung Ek außerhalb von Phnom Pen durch den Kopf ging? Als ich mir vorstellte, dass hier in einem einstigen Gymnasium ein Mädchen zuerst gefoltert und später ermordert wurde? Eines von ca. 14.000 Menschen? Etwa zur selben Zeit ging ich auf Partys, trug dieselben Schlaghosen wie sie, hörte vielleicht sogar dieselbe Musik? Wer war sie?
Der einen kommen die Schreibideen auf dem Hometrainer, beim Paddeln mit dem Kajak – zum Beispiel mir -, einem anderen unter der Dusche. Als Maike Frie mir zum alljährlichen Blogwichteln der Textinen ein Interview mit Katarina Pollner vorschlug, die Tanzen mit Schreiben kombiniert, dachte ich, ja, warum eigentlich nicht? Und war neugierig.
Katarina Pollner, Foto: Ruth Frobeen
Wie
passen Tanzen und Schreiben zusammen? Viele stellen sich Schreibende vermutlich
im Dachkämmerlein oder am Cafétisch vor – auf jeden Fall sitzend, allein und
vielleicht auch beengt. Sind das Klischees, mit denen du aufräumen kannst?
Wenn wir schreiben, schreibt immer auch
unser Körper. Unsere Haltung, die übergeschlagenen Beine, der vorgestreckte
Kopf, die verkrampfte Hand, wenn wir mit dem Stift schreiben – all das hat eine
Wirkung auf unsere Gedanken, auf das Wie und Was wir schreiben. Der physische
Akt des Schreibens und die Medien, die wir verwenden (zum Beispiel den Computer
oder Stift und Papier) haben Einfluss auf den Text, der entsteht.
Sich körperlich zu bewegen, kann einen
stockenden Schreibfluss in Schwung bringen, und sei es, dass wir eine Runde um
den Block gehen oder uns ausschütteln.
Als Schreibtrainerin und Schreibende
befasse ich mich damit, wie wir leichter Zugang zu Inspiration und Kreativität
finden können. Im Zentrum steht die Frage, wie wir das überwinden können, was
uns daran hindert, frei und furchtlos zu schreiben: in erster Linie unsere
Zweifel und einschränkende Vorstellungen davon, wie wir schreiben sollten. Am
besten gelingt das im Flow, einem Zustand, in dem wir eins sind mit dem, was
wir tun, und das Gefühl für Zeit und Raum verlieren. Wer einmal Flow erfahren
hat, weiß, was ich meine. Sowohl beim Tanzen als auch beim Schreiben kann sich
Flow einstellen, wenn ich mich einlasse und loslasse.
Ich schreibe nicht nur beharrlich und
leidenschaftlich, ich tanze auch sehr gerne. Beim Tanzen nehme ich mich
intensiv wahr. Ich spüre nicht nur meinen Körper, sondern auch „mich“, was auch
immer das sein mag – meinen Kern, meine Seele, mein Bewusstsein. Ich
akzeptiere, wer ich jetzt in diesem Moment bin. Zur Bewegung kommt die Musik
hinzu, die Emotionen weckt. Selbstwahrnehmung, Fokussierung und die
Durchlässigkeit für Gefühle, Ideen, Imagination und Kreativität das bildet für
mich die Brücke zwischen Tanzen und Schreiben.
Wie
bist du auf die Idee gekommen, Tanzen und Schreiben zu kombinieren? Seit wann
bietest du solche Kurse an?
Seit einigen Jahren bin ich Trainerin
für ENERGY DANCE®. Mit dieser Methode
kann ich Menschen ohne Choreografie und Schritte-Üben direkt ins Tanzen führen.
Ich erkannte, dass dies eine großartige Möglichkeit ist, die Verbindung von
Tanzen und Schreiben all denen zu öffnen, die wenig bis keine tänzerische
Erfahrung haben. Um im Flow tanzen zu können, sich Impulsen zu öffnen, muss man
in der Bewegung aufgehen. Das gelingt nur, wenn man nicht (mehr) zählt, sich
nicht panisch eine Choreografie in Erinnerung ruft oder das Gefühl hat, an
komplizierten Schrittfolgen zu scheitern. Bei choreografischen Methoden ist das
erst der Fall, wenn man ein
recht hohes Level erreicht oder sehr viel geübt hat. Auch freie
Tanzimprovisation kann anspruchsvoll sein – man muss erst lernen, sich Impulsen
zu öffnen. Mit ENERGY DANCE® kann ich
Menschen direkt in Bewegung führen. Sie folgen einfach meinem Bewegungsfluss,
ohne darüber nachzudenken oder verstehen zu müssen, was sie tun. Das Motto ist „Raus
aus dem Kopf, rein in den Körper“ und das funktioniert von Anfang an.
Dies bot mir die Chance, Tanzen und
Schreiben als Methode allen Menschen zu öffnen, unabhängig von Tanz- oder
Schreibvorerfahrungen. Ich entwickelte ein Konzept und biete seit einiger Zeit
erste Workshops an.
Gibt
es bestimmte (Schreib-)Übungen, die sich für dieses Format besonders eignen?
Am naheliegendsten ist es, abwechselnd
zu schreiben und zu tanzen. Die Bewegung des Körpers geht in den Fluss der
Wörter über und umgekehrt. Ich arbeite oft mit Free Writing, also damit, mit
oder ohne einen Impuls möglichst unzensiert und spontan zu schreiben, was
kommt. Mit den entstandenen Texten kann man weiterarbeiten: einzelne Sätze und
Bilder können der Kern eines neuen Textes werden. Man kann die Musik und die
Bewegung auch mit unterschiedlichen Schreibanreizen kombinieren, von Bildern
über zu verwendende Begriffe bis hin zu Gerüchen und Farben. Themen, Figuren
und Stimmungen können vom Schreiben in den Tanz mitgenommen und dort
weiterentwickelt werden. Ich habe auch schon mit Bildern, Zeichnungen oder
Gruppen-Assoziationsnetzen experimentiert. Texte können im Tanz ausgetauscht
und von anderen weitergeschrieben oder beantwortet werden.
Was
macht die Bewegung mit den Schreibenden? Was für Rückmeldungen bekommst du?
Welche (Schreib-)Prozesse stößt das an?
Die Bewegung lässt die Gedanken und
Impulse fließen. Es können unerwartete Ideen aufkommen. Durch den Wechsel von
Schreiben und Tanzen kommt es seltener zu Blockaden. Wir ändern unserer
Haltung, geben unserem Hirn neue Aufgaben und Eindrücke, so kann die
Kreativität sich entfalten. Die Text sind oft, und das ermuntere ich
ausdrücklich, überraschend, bildhaft und dicht. Es sind meist Entwürfe, an
denen man später weiterarbeiten kann. Ich habe aber auch schon erlebt, dass „aus
dem Nichts“ fertige, runde Szenen entstanden.
Wer
sind typische Teilnehmer*innen von „Tanzen und Schreiben“? Wer sollte sich noch
auf den Weg machen, das für sich zu entdecken?
Bislang kamen die Teilnehmer*innen
zumeist vom Schreiben. Ich habe aber auch einen Wochenendkurs unterrichtet, in
dem die meisten Teilnehmer*innen erfahren in der Tanzimprovisation waren. Sie
konnten sich beim Tanzen schnell von meinen Impulsen lösen und in einen eigenen
Bewegungsfluss eintauchen. Das ist bei meiner Methode jederzeit möglich, sodass
mehr oder weniger Tanzerfahrene auch in derselben Gruppe arbeiten können.
Tanzen und Schreiben ist daher geeignet
für alle, die sich auf einen kreativen Prozess einlassen wollen, bei dem sie
nicht vorher genau wissen, was entstehen wird. Bewegung, Musik und Schreiben
wecken Bilder, Erinnerungen und Assoziationen. Emotionen werden angesprochen.
Man kann plötzlich von Traurigkeit erfüllt sein, düstere Text können entstehen,
aber auch fröhliche, alberne und skurrile. In den Workshops stellt sich schnell
eine dichte Atmosphäre ein und eine starke Fokussierung auf den kreativen
Fluss. Es ist gut, wenn die Teilnehmer*innen offen sind für unerwartete Ideen.
Was
planst du in der Zukunft? Wo und wann könnte ich – oder können andere
Interessierte – einen Kurs besuchen?
Bislang habe ich eher sporadisch
Workshops gegeben – bei Netzwerktreffen oder an einer Schule für Tanz,
Clownerie und Schauspiel. Ich plane, in Berlin regelmäßig offene
Schnupperabende anzubieten, um die Methode bekannter zu machen und Menschen die
Möglichkeit zu bieten, sie kennenzulernen und zu erfahren. Perspektivisch
möchte ich mehrmals im Jahr Wochenendworkshops anbieten und suche dafür noch
die passenden Orte und Kooperationspartner*innen. Ich bin offen für
Einladungen.
Du
schreibst selbst. Magst du uns kurz sagen, was für Texte – und nutzt du
Bewegung auch für dein eigenes Schreiben?
Ich schreibe seit Langem und stetig Prosatexte. Neben Romanen und Erzählungen zählen dazu kurze und kürzeste Texte unter anderem für mein Blog „Das Bodenlosz-Archiv“. Letztes Jahr habe ich einen Band mit Märchenumschreibungen herausgebracht. Ein gemeinsamen Nenner meiner Texte könnte das Spiel mit Erwartungen und Perspektiven sein. Ich schreibe realistische Texte mit skurrilen oder surrealen Einschlüssen oder umgekehrt Märchen, die ins Realistische, Satirische oder Psychologische abschweifen. Ich bewege mich oft auf dem Grat zwischen Ernsthaftigkeit und Humor oder Realismus und Phantastik. Offensichtlich liebe ich es, auf der Grenze zwischen mehreren Welten zu wandern.
Ich nehme meine Texte mit ins Tanzen,
nicht immer geplant. Meine Figuren, meine Ideen, Probleme, an denen ich
festhänge – ich habe sie
beim Tanzen dabei und bewege sie. Und oft löst sich dabei der Knoten und eine
Eingebung stellt sich ein.