Nur die Vögel behalten die Welt im Blick

„Der erste Tag im Wolkenwald hat mich zu Nebel erweicht. Die Welt verlor sich im Weiß, was ich sah, waren meine Füße am Boden und die Farben der Bäume.“ Taiwan ist ein Ort, der Zeit und genaues Hinschauen verlangt, schreibt Jessica Lee, den aber ein unterirdisches Beben jeden Moment auslöschen kann.

In Zwei Bäume machen einen Wald lebt, wuchert, tropft die Natur, während eines Winters in Taiwan kann das unangenehm werden. Denn das Wetter auf dem schwimmenden Archipel ist kalt und nass. So ziehen auch kaltfeuchte Nebelschwaden durch das Buch, streifen über Arme, gleiten bei Wanderungen durch wuchernde Wälder und Bergwelten über den Nacken. Selten habe ich so ein körperliches Buch gelesen, wo jede Faser, jeder Tau- oder Regentropfen zu spüren ist, so eindringlich ist die Sprache Jessica Lees oder vielmehr ihrer Übersetzern Susanne Hornfeck.

Die Autorin, kanadische Umwelthistorikerin, verwebt in ihre Naturbeobachtungen – ihre Bücher werden dem Nature Writing zugeordnet – ihre eigene Familiengeschichte mütterlicherseits beziehungsweise versucht, die losen Fäden zu ordnen, die sie nach jahrzehntelangem Schweigen in der Familie, nach dem Tod zuerst des Großvaters, dann der Großmutter, in Händen hält. Dafür nimmt sie sich Zeit in Taiwan, um über den unsäglichen Schmerz zu trauern, der zwischen uralten Baumstämmen wabert: „Ich hatte zu wenig getan. Hatte nicht genug Mandarin gelernt, konnte überhaupt kein Taiwanisch und hatte zu wenig Interesse gezeigt.“

Zwischen poetischen Landschaftsbeschreibungen, den genauen Betrachtungen von Bergen und Boden, Wald und Wasser schwingt allerdings auch die Trauer und Unverständnis über die Zerstörung der Umwelt mit, die dem Wirtschaftswachstum geopfert wurde. Die Wasserverschmutzung stehe weit oben auf der Agenda von Taiwans Umweltschützern, 1990 waren viele Flüsse toxisch und tot, die gesamte chemische Industrie ist auf dem schmalen Küstenstreifen im Westen angesiedelt, dazu noch die Klimaerwärmung: Tempel und Friedhöfe, die nah an der Küste oder einem Ufer liegen, werden bereits vom Meerwasser überspült.

Trost bieten ihr, so blitzt es mitunter auf, einzig Vögel. Sie waten durch eine Landschaft, die den Menschen unzugänglich ist. Die Schwarzstirnlöffler zum Beispiel haben ihre Heimat in dem Schutzgebiet der demilitarisierten Zone auf der nordkoreanischen Halbinsel, sie überwintern in Taiwan und Hongkong. „Vom wetterwenderischen politischen Treiben der Menschenwelt nehmen die Vögel dabei keine Notiz (…) Die Natur näht wieder zusammen, was der Mensch geteilt hat.“

Jessica Lee: Zwei Bäume machen einen Wald. Aus dem Englischen von Susanne Hornfeck. Matthes & Seitz, 2020, 216 Seiten.

Suchen statt erklären

Wie soll ich davon erzählen, fragt sich Lea Schneider – Autorin und Übersetzerin chinesischer Lyrik – beim Sammeln all ihrer Gedanken, Erlebnisse, Eindrücke, beim Schreiben über China, wie kann man über China schreiben, wenn nicht suchend, wie kann ich also darüber schreiben, was und wie Lea Schneider über China schreibt?
Sie erzählt in einer Mischform aus Lyrik, Essay und Übersetzung, dennoch steht auf dem Cover ihres Buches „Gedichte“.
Sie sucht in der Literatur, jede Querverbindung zu anderen Büchern steht quer zum Satzspiegel.
Sie sammelt Eindrücke aus der südlichen und jetzigen Hauptstadt Chinas, aus Taibei, Hongkong, um nur einige Städte zu nennen. Sie sammelt als Geste des Respekts dem Land gegenüber.
Sie schreibt über die Macht der Worte, die gefürchtet wird: „Die Zensorinnen lesen schlecht, aber sie lesen (…), das ist mehr, als ich von den meisten meiner Freundinnen behaupten kann. Die Zensorinnen haben größeres Vertrauen in die Wirkmächtigkeit unserer Arbeit.“ Und an einer anderen Stelle erzählt Lea Schneider von Briefen einer Freiheitskämpferin, mit eigenem Blut geschrieben, die im Archiv der Ewigkeit landen, im Archiv des Polizeistaates, der nichts vergisst.
Sie begibt sich auf Deutungssuche in der Sprache, wenn sie z.B. über das qu wan, Spaß haben, nachdenkt, das je nach SprecherIn etwas anders heißen kann, über dessen wahre Bedeutung ich auch schon nachsann. Die Übersetzung hilft oft nicht weiter, überhaupt „spreche ich von Worten, die meine Sprache nicht spricht“. Und was, wenn einem das richtige Wort nicht einfällt? „Sie glauben gar nicht, wie oft ich schon mitten im Satz meine Weltanschauung ändern musste, nur weil mir ein Wort in der anderen Sprache gefehlt hat.“
Sie sagt, und hier zitiert sie Ole Döring, wir müssen Chinesisch lernen, denn sonst überlassen wir die Deutung dessen, was China ist, der KP China, weil die Stimmen der anderen nicht übersetzt werden.
Sie erklärt nichts weg, benennt das, was sie sieht, was sie versteht, nicht versteht. Daher ist ihr „made in China“ ein Amalgam, auf das ich mich gerne einlassen, denn es ist ehrlich. Lea Schneider geht damit zwar das Wagnis ein, nicht verstanden zu werden, doch mir sind ihre Seh- und Tastversuche allemal lieber als wohlfeile China-Betrachtungen unter der Gürtellinie der Banalität. Sie sind sympathisch in ihrer Annäherung an China, wo doch die Regierung es einem schwer macht, das Land, die Menschen und Kultur auf unerklärliche und ganz eigene Weise zu lieben.

Lea Schneider: made in china. Mit Illustrationen von Yimeng Wu. Verlagshaus Berlin, 2020, 108 Seiten

Sperrig

Jeder hat es schon gelesen, aber kaum jemand kennt es, deshalb fahren wir hin, nur schon des Namens wegen: Auzelg. Klingt spelzig und unbequem. Von Betonwänden grüßen gesprayte Tauben. Die „Gartenstadt“, in den 1940ern geplant, wird stufenweise geräumt, weil die Wände dünn und deshalb den Wintern nicht mehr länger standhalten können. Die Häuser mit weitem grünem Umschwung wurden einst kinderreichen Familien zur Verfügung gestellt, „Negerdörfli“ hieß es deshalb abschätzig, bis 1981 eine Autobahn das Quartier vom Rest der Stadt trennte.

An einem hellen Sommertag sitzen wir beim Tee in so einem Garten, im Haus wohnt eine WG, jedes Zimmer ist belegt, nebenan wohnt eine Familie, weiter vorn ein vierschrötiger Mann. Alle Häuser sind gleich und doch anders, je nach Bewohner. Manche schützen sich mit einem Drahtzaun, manche geben den Blick frei auf eine Wiese, darin eine Hollywood-Schaukel.

Von der Endhaltestelle gehen wir ein paar Schritte hinein in eine andere Welt. „Miami“ steht über der geschlossenen Tür, der Quartierladen rentiert nicht mehr. In den Straßen und angrenzenden Büschen sammeln Kinder Abfall und türmen ihn im Schulhof stolz übereinander. Die Ponyranch heißt Rita Bär. Der Brüelbach ist so schmal, dass er leicht übersehen wird. Wir essen in einer Eckkneipe Chicken Nuggets, über uns dröhnen Flugzeuge, rauscht die Autobahn.

Der November …

… hat es in sich: Das Jahr ist noch zu keinem Ende gekommen, aber irgendwie doch, die Stimmung ist ein Dazwischen oder ein “Gestern kommt noch”. Deshalb wohl wurde der November mehrfach zer-schrieben von so unterschiedlichen Autoren wie Heinrich Heine, Gustave Flaubert, Jean Prod’homme, um nur ein paar Namen zu nennen.

Um diese Stimmungen & Schwingungen aufzugreifen, dachte ich zu Novembermonatsbeginn an eine Collage, und je mehr ich darüber nachdachte, desto stärker drängte sich die Idee einer kollaborativen Collage auf, ganz analog mit Papier und Stift / Schere in Zeiten der Eventisierung im digitalen Raum.
Meine Auswahl der Teilnehmenden ist subjektiv; um lange Postwege zu vermeiden, beschränkte ich mich auf die Schweiz.
Jedes Mal, wenn ich einen Umschlags öffnete und die assoziativen Hinzufügungen Schritt für Schritt mitverfolgte, gab es ein heimliches Leuchten in mir und ein Ah-Oh. Auch die vereinzelten Kommentare sind vielsagend:
Jetzt fallen auch noch die Wörter runter.
Muss nur noch Klebstift kaufen.
Morgen, gleich morgen gebe ich die Karte zur Post …
Einer schickte mir zu (s)einem Zeichen einen zweiseitigen Artikel.
Eine andere will hinter Äste und in Punkte Gesichter malen.
Wieder eine meinte, man solle nur ja nicht ihre Texte zerschneiden für die Buchstaben, die man vielleicht brauche.
Und schließlich fragte eine nach, wann denn das Rätsel gelüftet werde, da war die letzte Karte gerade eingetrudelt.

Jedenfalls danke ich Euch allen fürs Mitschreiben, Mitschneiden, Mitzeichnen, Mitkleben.

November-1

Svenja Herrmann
Hannes Binder, Illustrator
Urs Mannhart, Schriftsteller und Bio-Landwirt
Eva Roth, Autorin

November-2

Kuan Ling Tsai, Tänzerin
Ulrike Ulrich, Autorin
Alice Grünfelder

Das chinesische Gedicht von Yang Wanli hat Kuan Ling Tsai so zusammengefasst: Is autumn really only a sad season? Not excatly. A tiny touch of chill is actually a comfort season. Although the green lotus leaves are almost fallen out. But the pink lotus flower are still blossoming. The new leaves comes like the size of a coin.

November-3

Samuel Herzog, Inselgründer und Bild-Textwerker
Ina Boesch, Historikerin und Autorin
Theres Rütschi, Illustratorin
Melanie Katz, Lyrikerin

November-4

Christoph Simon, Autor
Roland Merk, Lyriker
Renata Burckhardt, Theaterautorin und Kolumistin
Yves Raeber, Schauspieler und Übersetzer

Die Transkription des “updating Heinrich Heine” von Roland Merk geht so:
Elf war’s, da trauerten die November,
die trüben würden tagtäglicher,
der Riss verlaubte den Wind,
da uberte ich hin und wieder …

Das Copyright für alle Texte & Collagen liegt ausdrücklich bei den Teilnehmenden.

Auf den Tee gekommen

Komplizierte Tee-Zeremonien waren nie etwa für mich: Steif und ängstlich saß ich oft da, um nur ja keinen Fehler zu machen.
Ganz anders in Taiwan im Ali-Shan-Gebirge. Ein Teebauer bat uns an den Teetisch und begoß Schälchen und Kännchen und redete und goß weiter das Wasser in unsere Becher, und wir tranken und redeten, und der Nebel zog auf, und die Sonne ging unter und am nächsten Tag später auf, als wir dachten, weshalb wir den legendären Sonnenuntergang verpassten.

Aber von dem Tag an bin ich süchtig nach dem Wohlgeruch des Gaoshan-Tees aus Taiwan, der in hohen Höhen nur angepflanzt wird. Über diese Tee-Affaire habe ich für Anne Weberts Blog Topfgeflüster geschrieben.

Kungfu in Worte fassen – das kann nur Jin Yong. Und nun die Übersetzerin Karin Betz.

Was haben Bruce Lee, Yip Man und Jin Yong gemeinsam? Alle drei verstehen sich auf Kungfu, nur der dritte versteht es zudem, die Kunst des Kungfu-Romans in raffinierten Figurenkonstellationen und überbordenden Handlungssträngen genüsslich auf die Spitze zu treiben.

Die äußerliche Kraft ist nichts ohne die innere – das ist für mich eine der Kernaussagen des historischen Romans „Die Legende der Adlerkrieger“ von Jin Yong, in dem es vordergründig aber um etwas anderes geht. Um es kurz zu fassen: Während im Norden die Jin-Barbaren das chinesische Kaiserreich in die Knie zwang, tut sich im Süden ein tapferes Häuflein an loyalen Kämpfern zusammen, um zumindest die Südliche Song-Dynastie (1126–1279 ) zu retten. Damit dies gelingt, wird ein Junge das Erbe seines Vaters unter der Obhut Dschingis Khans auf seinen schmalen Schultern tragen. Das Geschick Chinas nahm damals verschlungene Wege, ebenso tun es die vielen Protagonisten in diesem Roman, und allzu leicht kann darüber auch mal der Handlungsfaden verloren gehen oder die Vielzahl der Namen sowie die Detailfülle verwirren. Doch letzten Endes ist dies – ohnehin typisch für jedes asiatische Epos dieses Ausmaßes ­– nicht weiter tragisch, denn man kann sich auch ohne ständigen Blick ins Glossar und Personenregister von der Lektüre mitreißen lassen.

Zweierlei überrascht dennoch: Die schillernden Helden in diesem Roman sind keineswegs immer nur heldenhaft unterwegs, und selbst die furchterregendsten Figur bekommt eine menschliche Kontur, sobald man deren Geschichte erfährt. Solcherart Feinzeichnung ist bei einem Heldenepos indes selten, und warum dies bei den Adlerkriegern anders ist, erfahren wir unter anderem aus dem informativen Dossier „Über die Kinetik von Namen, Körpern und Kulturen“ von Karin Betz. Denn die daoistischen Großmeister, die sieben Sonderlinge des Südens, die SchülerInnen des Apothekers Huang – um nur einige Cliquen zu benennen – lassen sich zurückzuführen auf die Jianghu: „eine Ansammlung von ambitionsgetriebenen Gruppen und Figuren, die selbst eine widersprüchliche Gesellschaft voller Gefahren, Intrigen, Rivalitäten und Mord bilden. Mit Machtkämpfen und widerstreitenden Begierden stehen sich die Charaktere oft selbst im Weg oder sie sind von niederen Beweggründen getrieben, verbünden sich mit den Mächtigen und machen den an Gerechtigkeit und Loyalität glaubenden Helden das Leben verdammt schwer – und damit natürlich die Geschichte dramatisch und spannend.“

Dabei lässt Jin Yong leichthändig daoistische und buddhistische Weisheiten einfließen in diesen Wuxia-Roman (die korrekte Bezeichnung für dieses Genre, in dem Kampfkunst die tragende Rolle spielt. Denn Kongfu (gongfu) bedeutet lediglich Kunstfertigkeit – meistens auf einem besonderen Gebiet.) Nicht alle Daoisten und Buddhisten sind bei ihm unbedingt reine und friedliche Wesen sind, womöglich macht er sich gar ein wenig lustig über allzu viel Esoterik? So zum Beispiel in der Szene mit dem einfältigen Guo Jing, der von einem Daoist in das innere Kungfu eingeführt werden soll, weil seine Erfolge in der äußeren Kampfkunst eher bescheiden sind. Und dies obwohl seine Lehrer, die sieben Sonderlinge des Südens, die besten ihres Faches sind. Der daoistische Lehrer beharrt darauf, dass sein neuer Adept folgende Worte verinnerlicht: „Vor dem Schlaf muss der Geist rein und klar sein, kein Gedanke darf darin zurückbleiben.“  Zu Recht wundern sich später seine Lehrer: „Wie hatte dieser arglose Tollpatsch in so kurzer Zeit diese schwierige Kunst [das innere Kungfu, A.d.R.] zu meistern gelernt? Nun, womöglich war es gerade seine Einfalt, die in diesem Fall geholfen hat. Ein Geist, der wenig denkt, ist schnell geleert.“

Und das zweite Überraschungsmoment? All die Schwebetänze, blitzschnellen Fäuste, wirbelnden Körper und knallhart-gezielten Fußtritte, die man aus Kungfu-Filmen kennt, weiß Karin Betz so treffsicher ins Deutsche zu übertragen, dass man kein einziges Mal über die Füße und Fäuste stolpert. Dafür hat sie ausgiebig in Museen und Handbüchern recherchiert: „Um mir die einzelnen Sprünge, Tritte, Stellungen ein wenig besser vorstellen zu können, habe ich mir eine Reihe von Fachbüchern zu Kungfu und Qigong zugelegt, darunter Bruce Lees Grundlagen der chinesischen Kampfkunst“.

Karin Betz hat damit die ausgeklügelte Kungfu-Choreografie in deutsche Worte gefasst und auf den Punkt gebracht: „Das Kultivieren der Lebensenergie Qi durch innere Stärke dient sowohl dem Angriff wie der Verteidigung.“

Jin Yong: Die Legende der Adlerkrieger. Aus dem Chinesischen von Karin Betz. Heyne-Verlag, 2020, 567 Seiten

Vogelfrei … oder vielleicht doch nicht?

Zweierlei hat mich zu dieser Erzählung “Vogel, flieg!” inspiriert. Zuerst war da eine Fotografie von Mine Dal, eine Puppe hing im verdorrten Geäst, wie kam die dorthin? Ich begann zu schreiben, und ins Schreiben hinein mischte sich eine Nachricht, und so kamen das Bild und die Nachricht zusammen in einem kleinen Jungen, der erzählt und doch nicht erzählen will, denn wie soll er das erzählen, was er erlebt hat?

Die Erzählung ist in der Literaturzeitschrift Entwürfe erschienen, als es die Zeitschrift noch gab. Nun hat sie Daniela Dietz für ihren Podcast “Erlesenes” eingelesen und für die Vielfalt der Stimmen im Kopf des Jungen und in der Wirklichkeit den richtigen Ton wunderbar getroffen. Das Audiofile ist bei verschiedenen Podcast-Anbietern zu hören, u.a. Deezer, spotify und apple

Unbekanntes Singapur

Viel Stoff hat sich Jeremy Tiang mit seinem Singapur-Roman Das Gewicht der Zeit vorgenommen. Die zumindest mir unbekannte Geschichte des heutigen Stadtstaates über die Kommunistenverfolgungen in den 50er-Jahren erzählt er aus der Perspektive von sechs Personen.

Eine Frau lässt ihren Mann mit zwei kleinen Kindern zurück: „War sie voller Angst oder gelassen, als sie aufblickte und die Welt um sie herum plötzlich einstürzte“?, fragte sich viele Jahre später ihr Mann. Sie musste in den malayischen Dschungel fliehen, weil ihr sonst eine erneute Verhaftung durch die Operation Coldstore – „als würde man die Gefangenen gewissermaßen in Kühltruhen lagern, bis sie ungefährlich waren“ – und eine lange Gefängnisstrafe gedroht hätte; wie auch anderen, die sich damals – als die halbe Welt die Kommunistengefahr heraufbeschwörte – politisch engagierten und demonstrierten. Doch als sie später Briefe nach Hause schreibt, unterschlägt ihr Mann diese, und noch später, als die Tochter die Briefe in die Hände bekommt, rufen sie keine sonderliche Resonanz hervor. Dies gehört zur eigenartigen Unterkühlung dieses Romans. Der Tochter ist das zweite Kapitel gewidmet, doch erst der Sohn Henry, der nach dem Tod des Vaters aus London anreist, lüftet das Geheimnis um die Existenz der Mutter als bekannte Guerilla-Kämpfern.

Während unter Suharto Chinesen, mit Unterstützung der USA und wegen des Vorwurfs kommunistischer Unterwanderung, verfolgen lässt – was im größten Massenmord in der Geschichte Indonesiens endete –, gerät man auch in Singapur schnell in den Bannstrahl der Regierung. Stella, die Nichte der Geflohenen, wehrt sich gegen die Diskriminierung ausländischer Dienstmädchen, wird verhaftet und verwirkt damit ihr gesellschaftliches Leben.

Viel ist von Einsamkeit, Entfremdung, Verrat und Verdrängung die Rede, bisweilen greift ein auktorialer Erzähler ein, um die Geschehnisse ein wenig zu ordnen. Meistens ist das lehrreich, denn die Protagonisten tragen viel Gewicht durch ihr Leben und Informationen auf ihren Schultern, das sie – auch erzählerisch – mitunter zu erdrücken droht. Henry und die Journalistin Revathi wirken indes recht authentisch und lebendig, wenn sie der Vergangenheit auf die Spur kommen. Revathi, selbst Malayin, schreibt über die Dschungeldörfer der Guerilla und Massaker: „Man könne sich nicht vorstellen, welche Verbrechen die Briten verübt haben – mit der Begründung, sie wollten den kommunistischen Banditen das Handwerk legen. Wäre ein ziemlicher Skandal, wenn das rauskäme.“  ­

Scharf kritisiert der Autor das paternalistische System, das Dankbarkeit von seinen Untertanen verlangte, „doch was war das anderes als Selbstgefälligkeit und Stillhalten?“, und die Verfolgung der Linken. Es ist das Verdienst von Jeremy Tiang, Licht ins Dunkel dieser Stadtgeschichte zu bringen, die in der Literatur bislang so noch nie erzählt wurde.

Jeremy Tiang: Das Gewicht der Zeit. Aus dem Englischen von Susann Urban. Residenz-Verlag, 2020, 302 Seiten

Ein modernes vietnamesisches Märchen vom Prenzlauer Berg

Gastbeitrag von Anne Webert

 

Was Wassermarionetten, Kegelhüte und Affenbrücken mit Berlin und der ehemaligen DDR zu tun haben? Im Debüt von Karin Kalisa kommen sie unerwartet zusammen und verhelfen dem Prenzlauer Berg zu vietnamesischen Momenten.  Die Autorin verknüpft lauter kleine Geschichten zu einem farben-formen-frohem Ganzen. Es ist ein wenig wie im Straßencafé zu sitzen und die vorbeiziehenden Menschen zu beobachten. Jeder ist in seiner eigenen Welt, und alle zusammen machen das Leben bunt. Manche huschen kurz vorbei, andere tauchen immer wieder auf oder bleiben irgendwo stehen.

Eigentlich ist es eine Familiengeschichte über mehrere Generationen oder aber auch die Geschichte des Prenzlauer Bergs im Wandel der Zeit. Politisch und gesellschaftlich. Ausgangspunkt ist eine kurzfristig anberaumte “weltoffene Woche” in einer Schule – in der eh völlig überfüllten Vorweihnachtszeit. Was zunächst alle nervt, entwickelt sich dank des Tanzes einer traditionellen vietnamesischen Wassermarionette in einen vorsichtigen Blick über den Tellerrand. Plötzlich sehen sich die Menschen, die hier schon lange nebeneinander leben. Der Laden von Sung ist dabei das Zentrum – wie in einem Tornado, der die Geschichte in Bewegung setzt.

Als “Bootsflüchtlinge” gelangten Südvietnamesen auf der Flucht vor dem Kommunismus in den 1970er Jahren in die Bundesrepublik und erhielten Unterstützung und eine neue Heimat. Die “Vertragsarbeiter” aus Nordvietnam kamen etwa 10 Jahre später in die kommunistische Schwesterrepublik DDR, um dort zu arbeiten. Sie bildeten mit etwa 60.000 damals die größte ausländische Gruppe. 

Zu ihnen gehören im Roman Hiên und Gam, die sich in der Fremde ineinander verlieben und eine Familie gründen. Als Hiên schwanger wird, hat sie die Wahl zwischen Abtreibung oder Rückkehr in die Heimat. Erst ihr zweites Kind Sung wird einige Jahre später in Deutschland geboren, seine ältere Schwester wächst in Vietnam auf.

Ein Antiquar bewahrt in den Tiefen seines Lagers wunderbare Bücher aus Vietnam und ist damit anderen Buchhändlern des Viertels um eine Nasenlänge voraus – denn bis auf ein paar Reiseführer gibt der aktuelle Markt in diesem unerwarteten Berliner Sommer des Romans nichts her. Die Lektüre dieser Bücher drehen das Leben eines Standesbeamten, der sich in die Schrift verliebt, auf den Kopf. 

Mir war nicht bewusst, wie schön vietnamesische Schriftzeichen sind. Und darauf aufmerksam wurde ich eigentlich nur, weil Karin Kalisa es explizit beschreibt. Denn, so habe ich inzwischen gelernt – die aktuelle vietnamesische Schrift beruht nicht mehr auf chinesischen, sondern auf lateinischen Schriftzeichen – verziert mit allerlei Strichen, sogenannten “diakritischen Zeichen”. Diese verwandeln die tonlosen Buchstaben in die sechs Tonhöhen des Vietnamesischen. 

Eines der Werke über die frau in diesem Antiquariat stolpert (und das Lust zum Weiterlesen weckt), ist der Epos “Das Mädchen Kiều“. 

“Er schlug das vietnamesische Taschenbuch in der Mitte auf, bewunderte wieder die mit Punkten, Strichen, Häkchen umwickelten, vertrauten und doch so fremdartigen Buchstaben…” […]”Das Nibelungenlied der Vietnamesen. Nur schöner. Ein Nationalepos in 3254 Versen, nachgedichtet in deutschen Jamben, angefertigt in nahezu sieben Jahren Arbeit von einem sprachbegabten Ehepaar.”

Die behutsame Übersetzung von Irene und Franz Faber wird von Claudia Borchers vortrefflich illustriert.

Ein wenig ist der Roman wie “unsere kleine Farm” in Berlin. Eine Geschichte, in der sich alles zum Guten wendet, Liebe und Toleranz am Ende gewinnen. Aber da Karin Kalisa die Probleme nicht verschweigt, die Lösungen nicht auf der Hand liegen, sondern charmante Umwege nutzen, sehe ich in Sungs Laden eher ein modernes Märchen, und da darf schließlich alles gut enden.

Also: eine absolute Leseempfehlung – gerade in trüben Zeiten. 

Karin Kalisa: Sungs Laden. Droemer-Knaur-Verlag, Taschenbuch, 256 Seiten