Es gab einmal ein Buch, darin wurde heftigst überlegt, wie es sich in Zeiten wie diesen überhaupt noch schreiben ließe. Das bloße Abschreiben der Realität und eigenen Befindlichkeiten genüge jedenfalls nicht (mehr), es müsse darüber hinausgehen. Nur wie? Nicht ins pamphletisch-politisch-Fahrwasser geraten, auch nicht allzu utopistisch soll es geraten, die Klassen berücksichtigen und Möglichkeiten zeigen.
Gut, dachte ich, nur wie?
Politische Krimis wurden z.B. aufgeführt und zitiert, doch wenn ich mich recht erinnere, dachte niemand an das Potenzial der Lyrik.
Das interessiert mich, womöglich hatte der Herausgeber Björn Hayer mit seinem Gedichtband „aus einer geschützten Ecke heraus / lässt du den Raum entstehen“ genau dies im Sinne?
Eine ausführliche Rezension der Lyrik-Anthologie lässt sich beim Infosperber /Kontertext nachlesen.
Björn Hayer: „aus einer geschützten Ecke heraus / lässt du den Raum entstehen“ . Utopische Dichtung der Gegenwart. Gans Verlag, 2026.
Unerklärliche Stimmung, gedrückt, gedämpft, und dann doch wieder ein Lachen von irgendwoher. Als ich nach meiner Rückkehr den zufällig erworbenen Gedichtband Meteor von Andra Schwarz las und dieses poetische Fragment entdeckte, schien mir, ich (be-)greife endlich etwas, wenngleich einen kleinen Zipfel nur. Dieses Land, zerrieben seit Jahrhunderten zwischen raffgierigen Großmächten – und nach jeder Invasion eine andere Säuberung. Ein Land, das nur mit Mühe zu einer gewissen Ruhe kommt. Einer Ruhe, die auch durch die hohe Abwanderung bedingt ist.
Akademie der Wissenschaften
Ghetto-/Holocaust-Museum
Sigismunds Vidbergs, Nationales Kunstmuseum Riga
Karlis Padegs, Nationales Kunstmuseum Riga
Peteris Krastins, Nationales Kunstmuseum Riga
Julijs Feders, Nationales Kunstmuseum Riga
Kemeri Nationalpark, Moorpfad
ehemaliges KGB-Gefängnis, Verhörraum
ehemaliges KGB-Gefängnis, Küche
Markthalle, Riga
Kurz vor der baltischen küste truppenübungsplatz militär uwaga hinter stacheldrahtzäunen wandernde lichtkegel durchdrehende reifen als wäre wüste unser träges versacken auf der schräge freischwebende räder fünfzig prozent klares in der salzigen brise sich meilenweit riechen das zischeln zwischen den lippen zigarettenstummel auf der kippe stiefel schmatzen im schlamm das dreimal gerissene seil endlich bewegung fester händedruck versteift sich im blitzlicht und wieder die deutschen anfingen september bei nacht
Lektürenotiz zu Die letzte Insel von Gabrielle Alioth
Gibt es das Wort überhaupt, gibt es inselbiogeografische Forschungen? Sie sind in diesem Roman jedenfalls doppeldeutig zu verstehen.
Holm, eben Inselbiogeograf und auch Erforscher versehrter Landschaften, führt ein letzter Auftrag auf eine Insel, doch der Aufprall ist hart, das Boot mitsamt dem Equipment zerschellt an den Klippen, er rettet sich an Land, findet Aufnahme bei Mönchen. In Gedanken und auf Papier skizziert er alles, was ihm für die Nachwelt lohnenswert scheint. Denn die Insel wird wie viele andere überschwemmt, und auch sonst wird allerlei angeschwemmt: Phosphorbombem aus einem Krieg, Atommüll, der einst vor der Küste irgendwo im Meer versenkt wurde.
Parallel zu dieser Geschichte spricht eine Ich-Erzählerin von einer anderen Überschwemmung, die ihren Mann fortriss, sprachwandelt zwischen Bäumen, Sträuchern und Blumen, erkundet eine Insel – ist es dieselbe, auf der Holm seine letzten Tage verlebt, oder eine andere? Wir wissen es nicht genau, die Zeiten schieben sich ineinander – und das stört nicht, befremdet nicht, fügt sich wie Erdschichten zu einem harmonischen Textwebnis, als seien Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eins; frei von jeglichem esoterischen Hauch, was mich staunen lässt, wie das gelingen kann.
Die Geschichten der beiden Hauptfiguren scheint mir indes weniger bedeutsam – vom Halten und Verlieren, von Lieben und Verlusten wird erzählt – als die Naturbetrachtungen es sind. Denn ohne das gespreizte Darlegen von Wissen, wie ich es aus Nature-Writing-Texten kenne, flicht Gabrielle Alioth, die selbst die meiste Zeit des Jahre in Irland lebt, gänzlich unaufdringlich botanische Namen ein, die sich zu einer wundersamen Erzählung verknüpfen.
Ein stilles Buch, in dem eine Vielzahl von Details milde aufscheint, eine raue Inselwelt, in die reale Dystopien einbrechen – selten wurde so unaufgeregt vom Ende unserer Welt erzählt, was verwundert und gerade deshalb umso schmerzlicher nachwirkt.
Der Kriminalroman Dunkle Gewässer der taiwanischen Autorin Ping Lu und Antworten der Übersetzerin Monika Li
Jemand treibt im Wasser, fühlt sich matt, immer schwächer, es ist Frau Hong, die von ihrem Ehemann mit der jungen Jiazhen betrogen wird. Die hat auch ihren Mann vergiftet, der ebenfalls irgendwo nördlich von Taipei im Tamsui-Fluss treibt. Doch das Meer spült die Leichen nicht etwa hinaus aufs offene Meer, sondern die Gezeiten treiben sie den Fluss wieder hinauf, zum Tatort zurück. Dieser Doppelmord hat sich tatsächlich zugetragen und für mediale Aufmerksamkeit gesorgt – selbst ich bin im Februar mit der Fähre über den Tamsui hinüber nach Bali, um das Café aufzusuchen, in dem sich die Täterin und das ältere Ehepaar kennengelernt haben. Denn die Übersetzerin Monika Li hat mir schon vor geraumer Zeit von ihrem Übersetzungsprojekt erzählt, deshalb nur bin ich auf diesen Kriminalroman aufmerksam geworden. Und wie hat sie das Buch gefunden?
„Ich bin über die Empfehlung von Books from Taiwan auf Dunkle Gewässer gestoßen und habe mir dann das Original in einer Buchhandlung in Taiwan besorgt. Es ist ein Krimi, aber auch eine Sozialstudie, ein Psychogramm der taiwanischen Gesellschaft, das zeigt, wie man in Taiwan uneindeutige Kriminalfälle behandelt, wie Frauen mit gesellschaftlichen Erwartungen umgehen und wie sie auf traumatische Erlebnisse reagieren. Ping Lu füllt für mich mit ihrem Roman eine Leerstelle, die durch eine sensationslüsterne Presse in Taiwan geschaffen wurde, und tut das auf eine unglaublich feinfühlige Art und Weise. Es ist ein fiktionales Werk, bei dem man das Gefühl bekommt, es nähert sich der Wahrheit mehr, als es die Gerichtsverhandlungen und die Berichterstattung überhaupt versucht haben. Das finde ich sehr beeindruckend.“
Übersetzerinnen sind nicht nur emsige (und völlig unterbezahlte) Buchstabenhandwerkerinnen, sondern die Engagiertesten, wenn es um literarische Entdeckungen und Vermittlung geht – konventionell auch Brückenbauerinnnen genannt.
„Ich liebe es, selbst nach spannenden Titeln Ausschau zu halten und mir zu überlegen, wie man sie auf dem deutschsprachigen Buchmarkt integrieren könnte, sie dann selbst zu übersetzen und anschließend auch dazu beizutragen, dass sie präsentiert und diskutiert werden. Den Austausch mit der Leserschaft finde ich immer unglaublich spannend und freue mich über Reaktionen, auch über kontroverse.“
Das psychologische Drama hinter diesem Doppelmord lässt sich erahnen, da die Autorin Ping Lu nach jedem Kapitel Ausschnitte aus Zeugenaussagen, Gerichtsprotokollen, ja selbst Facebook-Postings etc. zu einem Nachklapp montiert, der nachdenklich stimmt und einiges über die taiwanische Gesellschaft verrät. War die Täterin Jiazhen nur am Geld des ältlichen Hong interessiert oder hat sie sich selbst in eine ausweglose Lage manövriert? Welche Motive hatte die „Dämonenfrau“, wie die taiwanischen Medien die junge Frau skandalisiert haben, die unter ihren ärmlichen Verhältnissen litt, ihrer Kindheit? Vor Gericht wirkt sie schüchtern, die Rückblicke in ihr Leben sind ernüchternd, beim Blick über den Fluss hinüber zu den Häusern der Wohlhabenden wird ihr stets schmerzlich bewusst, dass sie nie dazu gehören wird, wie nur diesen Graben überwinden? Die Antworten bleiben vage, die Spekulation treibt den Plot voran – denn der Fall wurde rasch gelöst und die Täterin war geständig. Und gilt es nicht als Zeitverschwendung, die Beweggründe eines „schlechten Menschen“ erforschen zu wollen, so befragt sich die Autorin im Nachwort gleich selbst? Wie ging die Übersetzerin mit diesem ambivalenten Stimmungsbild um?
„Ich musste den aktuellen Stand des Kriminalfalls recherchieren, ansonsten erzählt Ping Lu selbst in dem angehängten Interview viel über den realen Hintergrund von Dunkle Gewässer. Tatsächlich bin ich auch an den realen Tatort gefahren, um die Geschichte nachzuspüren, aber zu dem Zeitpunkt war die Übersetzung bereits fertig. Das Café gibt es bis heute. Als ich dort war, kam tatsächlich ein älteres Ehepaar herein und hat am Fenster Kaffee getrunken, exakt wie in der Anfangsszene des Romans. Das war fast schon gruselig. Ansonsten ist die Umgebung wirklich sehr schön und ein Ausflug lohnt sich ungeachtet des Doppelmords, der dort in der Nähe passiert ist.“
Die Vielstimmigkeit des Romans lässt jedenfalls die Nöte der älteren Frau Hong ebenso aufscheinen wie jene der jungen Jiazhen, die davon träumt, eines Tages ein eigenes Café zu eröffnen. Das Mitleid mit dem älteren Herrn Hong hält sich in Grenzen, der die junge Angestellte zuerst per K.o.-Tropfen, später mit einem Gespinst aus Lügen einfängt. Was war dabei die größte Herausforderung beim Übersetzen?
„Am härtesten war es für mich, die Darstellung der Ehe in „Dunkle Gewässer“ auszuhalten, das war eine wirkliche emotionale Herausforderung, vor allem vor dem Hintergrund, dass ich versichert bekommen habe, viele Ehen in Taiwan würden tatsächlich so lieblos geführt werden. Stilistisch ist Dunkle Gewässer sehr reduziert, mit wenigen Worten wird viel ausgedrückt. Es war ebenfalls eine Herausforderung dafür zu sorgen, dass das auch im Deutschen funktioniert und nicht plump oder an manchen Stellen redundant wirkt.“
Die Autorin warnt jedenfalls davor, den Roman als Plädoyer für einen „bösen Menschen“ zu lesen, ihr ist viel eher daran gelegen, die Grauzonen der menschlichen Natur offenzulegen. Das ist ihr gelungen, denn mit jeder Seite wächst die Fassungslosigkeit über so viel Kälte, Missmut und Bösartigkeit – allein das macht die Spannung dieses lesenswerten Kriminalromans aus.
Lesung mit Gedichten von Tsai Wan-Shuen, Ling Yü und Alice Grünfelder
Taiwan ist umgeben vom Meer, liegt inmitten 166 weiterer Inseln – jede mit einer eigenen Geschichte, jede besungen, beschwört, missbraucht. Die Lyrikerin Tsai Wan-Shuen ist in Penghu aufgewachsen und hinterfragt in ihren Gedichten den Umgang der Menschen mit der Natur. Das Meer ist eine Naturgewalt, man muss es zähmen, es bedroht die eigene Existenz. „Von den älteren Bewohnern käme niemand auf den Gedanken, aus reiner Sinnenfreude zum Beispiel seinen Fuß ins Meerwasser zu halten, im Wasser zu planschen, zu schwimmen gar aus purer Lust“, sagt sie mir im Gespräch. In ihrem Gedicht „Mutterinsel“ beschreibt sie das raue Inselleben. Inselromantik liegt ihr fern. Die Menschen sind froh, fortgehen zu können in die Stadt, um den Fischgeruch ein für allemal lozuwerden, auch wenn die Gehälter in den Fabriken niedrig sind.
Ling Yü lebt in Yilan, das Meer ist ihr Horizont, das Ufer die Linie im Auge, die Felsen am Strand wie Erinnerungen an etwas Fernes, so sagt die wohl renommierteste Lyrikerin Taiwans. Und wie blau ist das Wasser, lichtblau, tragischblau, sehnsüchtiges Blau, fragt sie in ihrem Lyrikband Töchter.
Taiwan ist durchzogen von unzähligen Flüssen, Lebensadern der Insel, einer davon ist der mehr als 80 Kilometer lange Keelung-Fluss, der geplagt und begradigt wurde – um der Modernisierung willen. An ihm entlang ging Alice Grünfelder in den Sommermonaten 2025, jeder Schritt wurde schwerer und schwerer angesichts der Betonmauern, Dämme und Wehre – so entstand das «Klagelied eines Flusses».
Durch die lyrischen Stimmen aus und über Taiwan entdecken wir die Gewässer Taiwans – wie sie so noch nie besungen und gesehen wurden.
Zu dieser Veranstaltung erhielt ich mehrere interessante Rückmeldungen: „spannend“, „ich dachte, Taiwan sei schon annektiert, dabei ist es gar nicht so“, „endlich ein weißer Fleck weniger“. Und die Designerin Wu Yimeng schrieb mir: „In der Nacht darauf habe ich tatsächlich von Taiwan geträumt. Wie ich auf dem Oberdeck eines Reisebusses plein air durch die diesigen Berge und Wälder fuhr … Eine sehr schöne Wirkung hatten die Gedichte und die Landschaften.“
Lektürenotiz zur aktuellen Ausgabe der Literaturzeitschrift Mauerläufer
Es gibt sie noch, es gibt sie wieder – dabei wird ihre Existenz und Notwendigkeit stets bezweifelt: die Literaturzeitschriften. Im literaturport sind sie aufgelistet, nur jene mit einem roten Querbalken wurden eingestellt. Der Mauerläufer gehört nicht dazu, er rennt schon seit mehr als zehn Jahren gegen Trends und Mauern an. Auf der Website ist folgende Selbstäußerung zum Heft und Vogel zu finden: „Obwohl er erstens nicht auf Mauern läuft, sondern Felswänden und zweitens überhaupt nicht läuft, sondern hüpft (…), erklärt er damit seine Zugehörigkeit zu jenen, die wirklich auf Mauern laufen, damit solch zweifelhafte Bauwerke, die statt Gemeinsamkeit Trennung zum Ziel haben, nicht nur über-, sondern auch unterlaufen, er zeigt seine Geistesverwandtschaft mit allen, die sich für eine Heimat im „Dazwischen“ entschieden haben.“
Zwischen Krisen und Magie fallen auch die Texte in der aktuellen Ausgabe, so lautetet jedenfalls das Thema. Weil Krisen so leicht überblättert werden, weil wir uns warm anziehen sollten, weil nur Magie noch hilft – so vielleicht? Und so ähnlich jedenfalls im Editorial.
Schwer lässt sich so ein literarisches Jahresheft, lassen sich mauerlaufende Texte auf einen Nenner bringen, deshalb greife ich zur List der Listung und einigen wenigen Erwähnungen (den Seitenzahlen entlang), die weniger stellvertretend stehen, vielmehr die Bandbreite aufzeigen.
Klaus Reinhard Oehler in „Vogelhäuser“ – die Ahnung einer gewaltvollen Kindheit, „ein Krach in der Nacht“ und ein abgerissener Mercedesstern.
Oliver Gassner zerlegt „Im Wald“ die Demokratie – weil die Gierung die Tauschdings an sich gerissen hat.
Martin Stockburger scheitert in rhythmisierten Fragen und Antworten in „Schöne Bilder“.
Ruth Erat tappt in „Ja, ach ja, wir, ach, wir“´durch ein Land, wo aus Holz Wegwerfmöbel gemacht werden, dagegen hilft kein Abrakadabra.
Chris Inken Soppa verlässt in „Zwei Ringe“ ein unterlegenes Land, nur wird sie anderswo glücklicher? Und bezahlt dafür bis ans Lebensende.
Zu einem Schmuckeremit verhilft Matthias Ach in „Behausungen“ einem Hausbesitzer, der einen Gärtner sucht und stattdessen einen meditierenden Verrückten beherbergt.
Chandal Nasser berichtet in „Gott spielen“ aus dem Innern eines Glascontainers.
Natur ist eben nicht nur schön, stülpt dem Menschen das Widerborstige nach außen – so in Christine Zureichs „Bewildern“.
Jürgen Wenig folgt: „Meine Mutter hat gesagt“, er solle was rechtes lernen, also legt er sich hin und steht nicht mehr auf, nur dem Opa hätte es gefallen.
Bernd Storz wendet in „Beständigkeit“ einen Lachs in einer faschistischen Pfanne.
Niels Zubler stellt sich in „Bestien“ die Frage, ob der Mensch tatsächlich von Grund auf Böse ist, wie die „fabel-parabelhafte“ Räbin überlegt?
Dass Texte im Mauerläufer zwei- und dreidimensional wirken, ist dem Grafiker Ralf Staiger zu verdanken, jede Doppelseite ein gestalterisches Erlebnis, jeden Text fasst er neu an. In dieser Ausgabe führt die Abteilung „Ein Birnbaum stand in einer fremden Heimat“ mit cut-ups und black-out-Texten diesen mutwilligen Gestaltungsdrang weiter.
Regional radikal randständig: Was braucht es mehr in Zeiten wie diesen?
Lektürenotiz zum zweibändigen Familienroman von Jimmy Brainless
Im Schein der Pfütze und Im Spiegel der Ahnen ist ein Kaleidoskop an Geschichten und Menschen, das drei Generationen und zwei Kontinente umspannent. Da habe ich mich gefragt, wie man in so einem jungen Leben gleich so ein monumentales Werk schreiben kann? „Es hat recht harmlos damit angefangen, dass ich einen meiner Onkel in Taiwan nach seiner Vergangenheit befragt habe. Da sind recht verrückte Dinge dabei herausgekommen, bei denen ich mir gedacht habe, ich notiere sie mal sicherheitshalber – wer weiß. Spannend ist es dann geworden, als ich andere Familienmitglieder auf seine Erlebnisse angesprochen habe und diese mir ganz andere Varianten derselben Geschichte erzählt haben. Gleichzeitig habe ich begonnen, mich mit der Geschichte Taiwans auseinanderzusetzen und habe bemerkt, dass es sich hier ähnlich verhält: Je nachdem, wen man befragt, bekommt man unterschiedliche Versionen zu hören. Dieses Gegenüberstellen von Wahrnehmungen – im Kleinen als auch im Großen – hat mich als Thema sehr gereizt. Und es hat mich genervt, dass Taiwan in den Medien oft nur in bestimmten Kontexten genannt wird. Dieses Framing entspricht der dort vorherrschenden Vielfalt an Kulturen und Sprachen einfach nicht.“
Ein wenig langatmig, manchmal sprunghaft wird von familiären Verwicklungen erzählt; dienlich ist das Lesezeichen mit dem Stammbaum, das als Orientierung hilft. Immer wieder und wie um sich zu vergewissern, telefoniert der junge Ich-Erzähler Simon mit seiner Schwester Lupida in Wien, die nicht so ganz nachvollziehen kann, warum der Bruder sich so tief in die Familiengeschichte vergräbt. Daneben gibt es noch eine zweite perspektivische Unterbrechung, nämlich eine Pfütze. Wie in eine Gehäuseschnecke zieht sich der Erzählstrom hier zurück. Die vermeintlich objektive Instanz wird zur Familienhistorie befragt, eine raffinierte Erzählstrategie. Wie kam es zur Idee der Pfütze? „Weil ich mich mit unterschiedlichen Wahrnehmungen befassen wollte, habe ich nach einer unzuverlässigen Erzählerin gesucht. Da schien mir die Pfütze sehr geeignet, denn je nachdem, aus welcher Perspektive man auf sie schaut, spiegelt sie etwas anderes wider. Das Wasser an sich und die verschiedenen Aggregatzustände, die es annehmen kann, haben mich ebenso fasziniert. Und auch, welche Facetten das Wasser sprachlich bietet. Sei es der „Lesefluss“ oder der „Gedankenstrom“. Oder wenn zwischen Fremden erstmal das Eis gebrochen werden muss.“ Ist Jimmy Brainless ausgezogen, über Taiwan zu schreiben, seine Familie, das Meer, die Furcht vor dem Wasser der Inselbewohner? – um nur ein Detail zu nennen.
„Nur knietief dürft ihr ins Wasser“, hat man uns immer gesagt.
„Wenn ihr weiter hineingeht, schnappt euch eine Strömung, die reißt euch in die Tiefe und lässt euch erst wieder vor der japanischen Küste auftauchen.“
„Das klingt super“, sage ich, als ginge es um ein Angebot, das ich gern wahrnehmen möchte. „Ich bin noch nie in Japan gewesen.“
An einer Stelle ist vom Placebo-Menschen die Rede. „Du tust widerspenstig, aber am Ende gibst du doch immer die Pfote.“ Diese doppelbödige Placebo-Mentalität ist fast wie eine Grundierung des Romans, denn keine Personen ist die, die sie zu sein vorgibt, stets schwingt die Vergangenheit subkutan mit und drückt mit Gewalt nach oben.
Nach der Ankunft in Tainan, woher die Familie von Jimmy Brainless stammt, fragt sich der Erzähler Simon: „Wohin hat es mich verschlagen?“ Wo steht wohl der Autor selbst?
„Ich habe auf meiner letzten Lesereise in Taiwan sehr vehement behauptet, dass ich meinen Platz gefunden habe und die Unentschlossenheit meines Protagonisten Simon definitiv nicht teile. Und zu diesem Zeitpunkt hat sich das auch sehr richtig angefühlt. Dann bin ich wieder nach Wien geflogen und hab mir gedacht: Oh je. So einfach ist es vielleicht doch nicht … Ich bin also noch dabei, herauszufinden, wo mein Platz ist. Denn obwohl ich in Wien lebe, ist Taiwan ein wichtiger Teil meines Lebens – ich habe Familie und Freund:innen dort, die meine Mentalität geprägt haben und ich fühle mich der Kultur sehr verbunden.“
Lektürenotiz zum Erzählband Blumen ohne Gewähr von Niels Zubler
Auch solche Bücher muss es geben, die stillen, nachdenklichen und sich im Skurrilen verlierenden. Im Gehen auch, denn gegangen wird viel in diesen Texten, durch Gelände und Dörfer, es werden Berge und Meere überquert. Auch gedacht wird viel, über das Leben in einer Rückschau, von einem Dazwischen aus zurückblickend, um einen nächsten Schritt zu tun, Umbruch oder Aufbruch? Gleichwohl stellt Niels Zubler die eigenen Erinnerungen infrage, denn: „Dem Autor ist nicht immer klar, inwiefern sie der damals erlebten Realität entsprechen.“ Ja, von Kindheit könnte die Rede sein, traumähnlich wirkt so manche Szene in der Abteilung „Ohne Gewähr“. Wie durch ein Milchglas scheinen die Kindheitserinnerungen auf.
Die detailreichen Beobachtungen – zum Beispiel in „Die japanische Uhr“ – führen hin zu recht einsamen Menschen, vor allem Männern, seltsame Kauze gar. Andererseits scheint das sich Herausnehmen aus der Gesellschaft, die selbstgewählte „distinguierte Einsamkeit“ wie eine Freiheit. Vorsichtige Annäherungen oder gar ein Miteinander enden oft glücklos, im Falle einer Sohn-Vater-Beziehung sogar mit Gewalt und Tod. Gründe, Erklärungen werden nicht gegeben.
Realitäten werden überblendet, das macht neugierig, wie es wohl enden wird, denn irgendwann „dreht sich im Kreis / immer schneller …“ Die preisgekrönte Erzählung (1. Platz beim IBC Kurzgeschichtenwetttbewerb) „Bestie“ endet mit dem Tod auf dem Schlachtfeld. Woher rühren die Geschichten, woran rühren sie, die auf Sinnoffenes verweisen? Oder liegt genau darin ihr widerständiger Charakter? (In „Neu York“ ist die Rede von einem Pferd, das in einen Transporter gezerrt wurde – „Als Ross, das man einspannen konnte, kam es zurück.“)
Das Skurrile kippt ausgerechnet in der brav „Blumen“ genannten Abteilung ins Ernste, denn dort geht es um alles: Morde, Moorleichen, vermisst, verschwunden – die Texte verschlingen sich ineinander, manchmal überstrapazieren sie das gewöhnliche Leseverständnis und zwingen zum Zurückblättern, manche Verschlingung wirkt eher gewollt als raffiniert. Die Natur ist bloß Kulisse für menschliche Abgründe, so scheint es, denn wenn Menschen in der schönen Natur morden, wozu ist er dann noch fähig? Doch, halt, einmal sind die Feuerlilien Brandherde. Das Wetter bricht ein, Wasserläufe trocknen aus – Zeichen dafür, dass die Texte im Hier und Jetzt angesiedelt sind? Wie dem auch sei, eine Räbin sieht es so: „Ihr Menschen seid Bestien.“ Ihr Gesprächspartner verteidigt sich. „Der Krieg macht uns dazu.“ Doch die Räbin widerspricht: „Ihr müsst es schon vorher gewesen sein.“
Am besten, wir halten es bei dem Versuch, diesen Geschichten auf die Schliche zu kommen, mit dem Karpfen: „Ein weissrot gefleckter Karpfen schwimmt in seinem Teich und fragt sich, wie er es deuten soll, dass die Erinnerungen wie Traumbilder sind, ganz ohne Gewähr.“
Ein Kindermädchen entführt einen Jungen, auf den sie eigentlich aufpassen soll. Doch da erfährt sie, dass der Vater und Großvater wegen Korruptionsverdacht verhaftet wurden. Wer soll nun das Lösegeld bezahlen, zumal auch von der Mutter jede Spur fehlt?
Dumm gelaufen, wie so vieles in Yu Lings Leben. Der neue Freund hat es womöglich nur auf ihr Geld abgesehen, und weil sie einmal unnötigerweise zu viel Schuld auf sich genommen hat, kam sie ins Gefängnis. Das liest sich glatt und ist es doch nicht, denn Yu Ling ist eine ambivalente Figur: Mal begehrt sie auf – wenn auch nur insgeheim und in ihren Selbstgesprächen -, mal suhlt sie sich in ihrer Opferrolle und im Selbstmitleid, was ihr immer wieder zum Verhängnis wird; bis ganz zuletzt. (Man mag darin eine andere Figur wiederkennen, den Kurier Hu Anyan in Ich fahr Pakete aus in Peking, und das Phänomen „juǎn“ 卷 – so etwas wie Erschöpfung. „In China muss man ständig auf Hochtouren laufen, um mitzuhalten.“) Einzig zu dem Jungen Kuan Kuan, verwöhntes Bürschen einer neureichen Familie, entwickelt die resignierte Haushälterin eine innige Beziehung, auch wenn ihr bewusst ist, dass sie eines Tages vergessen sein wird.
So ruppig wie Yu Ling wirkt, so verhärtet scheinen auch die anderen Protagonistinnen – die Personal Trainerin Xiaomin zum Beispiel oder die Mutter und Ehefrau Qin Wen, die sich als Künstlerin verkannt fühlt. Eine Bandbreite von sich widersprechenden Gefühlen wird hier en detail ausgebreitet, die behauptet werden, sich allerdings nicht unbedingt aus der Geschichte heraus entwickeln, fast wirken all die Personen deshalb konstruiert. Karin Betz hat indes einmal mehr sich nicht davon beirren lassen und diesen Roman überzeugend übertragen.
Gleichwohl gibt dieser unkonventionell geschriebene Roman einen wichtigen Einblick in Verhältnisse, die von Klassenzugehörigkeit bestimmt werden (sehr zu empfehlen sind in diesem Zusammenhang auch die Gedichte von Zheng Xiaoqiong Erzählung von den Konsumgütern), und das macht ihn wiederum spannend. Denn Schwanentage könnte genauso gut an der Schweizer Goldküste spielen oder überall dort, wo ökonomisch bedingte Ungerechtigkeiten schwärende Wunden schlagen, die irgendwann einmal aufbrechen.
Zhang Yueran: Schwanentage. Aus dem Chinesischen von Karin Betz. Ecco, 2025, 224 Seiten