Titelbild Rotpunkt Verlag

Wolken über Taiwan

Notizen aus einem bedrohten Land.

Wie soll man über ein Land schreiben, das es offiziell nicht gibt? Das keinem Vergleich standhält und immer wieder von neuem überrascht? Taiwan, die kleine Insel und Chipgroßmacht vor der südchinesischen Küste, hat in den letzten Jahrzehnten eine enorme gesellschaftliche Wandlung durchlaufen. Bürgerrechtsbewegungen ist es zu verdanken, dass der Übergang von einer Jahrzehnte andauernden Militärdiktatur zu einer der offensten und lebendigsten Demokratien Asiens so friedlich verlaufen ist.

Die Collagen aus Erlebtem, Notizen und Überlegungen, Reportagen und essayistischen Miniaturen sind von lichter Leichtigkeit und verlieren doch nie an Prägnanz, etwa in der Beschreibung gesellschaftlicher Zusammenhänge und historischer Exkurse.

Es sind kürzere Texte, jeweils überschrieben mit einem Stichwort; sie sind alphabetisch geordnet, reichen von »Abschied« bis »Zeichen«. Ob es um Wolken und Wasser geht, Müllabfuhr und Demonstrationen, Tempel und Götter, Brücken, Flüsse und Meere – jede Betrachtung beleuchtet eine Facette dieser fragilen Insel entlang der Bruchlinien des Alltags.

Rotpunkt Verlag
260 Seiten, gebunden, mit Übersichtskarte
ISBN 978-3-85869-943-5
Dieser Titel ist auch als E-Book erhältlich

Das Buch erscheint am 16. März 2022

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in der Kategorie Sachbuch / Internationale Politik

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Eine Insel und ihre turbulente Geschichte

Lektürenotiz zu Stephan Thomes Familienroman Pflaumenregen

Dieser Roman ist ein Beweis dafür, dass Literatur mehr kann als ein Sachbuch, als Dokumentationen, als wissenschaftliche Auseinandersetzungen. Denn Stephan Thome ist mit Pflaumenregen gelungen, die schwierige historische Epoche Taiwans – Kolonialisierung durch das japanische Kaiserreich, anschließende Übernahme der Insel durch die Kuomintang-Truppen – auf diverse Schultern einer Großfamilie zu verteilen. Durch die Fiktionalisierung der ambivalenten Gefühlswelten, die durch die Historie gründlich durcheinandergewirbelt werden, wird diese Ära für Leserinnen und Leser empathisch erfahrbar gemacht. Ein Familienroman also, in dem vom Opportunisten bis hin zum heimlichen oder offenen Widerstandskämpfer sämtliche Rollen klug verteilt sind.

Da ist beispielweise Umeko – mit chinesischem Namen Lee Ching-mei -, die wir als Mädchen kennenlernen, die ihre Lehrerin verehrt und alles Japanische sowieso, die fast zerbricht, als die japanische Kultur – nach der Kapitulation Japans 1945 – über Nacht nichts mehr gilt; die erst recht sprach- und ratlos wird, als ihr Bruder später als Opfer der Militärdiktatur Chiang Kaisheks verhaftet wird. Ihr Mann aber, Sohn einer Festlandsfamilie, sieht die Geschichte aus einem anderen Blickwinkel. Den Vater von Umeko zeichnet Thome mit all seinen inneren Zerrissenheiten, auch er sieht ungläubig dem Niedergang Japans zu, findet seine Stellung in der Gesellschaft nicht und nicht im Leben. Seiner ungeliebten Frau kehrt er nur nachts im Bett den Rücken, während er einer japanischen Geliebten und der gefährlichen und geheimen Liaison mit der Lehrerin Umekos nachtrauert. (Die Frucht dieser Liebschaft taucht dann im Gegenwartsstrang des Romans auf – ob dieser die historische Grundierung des Romans unterstützt, sei dahingestellt.)

All diese Ereignisse und ihre Komplexität zeigen sich am deutlichsten in der Szene, als der Großvater Umekos – ein den chinesischen Traditionen verpflichteter Gelehrter, dessen Frau mit den gebundenen Füßen nach der Hochzeit nie mehr das Haus verließ – die siegreiche chinesische Armee in Keelung empfängt. Dieser Großvater gehört zum offiziellen Empfangskomitee, das gespannt auf die Helden der 70. Armee wartet. Doch die Männer entsprechen keineswegs dem Bild von ruhmvollen Soldaten, sie Männer tragen keine Gewehre, keine Uniform, keine Stiefel, sehen aus wie Bettler, schreiten rasch aufs Buffet zu und stopfen sich die Reisbällchen in den Mund.

Es war, als strömte eine Horde von Landstreichern aus dem Schiff. In Strohsandalen oder barfuß ignorierten sie das Empfangskomitee und hatten binnen zwei Minuten sämtliche Tische leergeräumt. … Als sie die Japaner sahen, die salutierend in Reih und Glied standen, flogen Schimpfwörter durch die Luft … Weder wurden Ansprachen gehalten noch Hände geschüttelt; einer nach dem anderen gingen die fremden Männer von Bord, spuckten vor ihren Feinden auf den Boden und verschwanden in der Menge.

Schon vor Stephan Thome haben taiwanische Autoren diese historische Ära fiktionalisiert, beispielsweise Chen Yu-hui (Jade Chen) in ihrem Roman Die Insel der Göttin. Er hat sich indes einer gewaltigen Recherchearbeit gestellt, um diese Zeit und ihre Menschen lebendig werden zu lassen. (Dies und anderes erzählt er in einem sehenswerten Video.)

Stephan Thome: Pflaumenregen. Suhrkamp-Verlag, 526 Seiten

„Seinem Affen Zucker geben“

Interview mit Stefanie Jacobs über den Roman Bestiarium von K-Ming Chang

Eine Familiengeschichte über drei Frauengenerationen hinweg ist dieser Debütroman der US-taiwanischen Autorin K-Ming Chang: Es geht um Tigergeist und Tigerschwanz, viele Löcher, die offenen Fragen gleich gestopft werden müssen, vergrabenes Gold und verbuddelte Briefe. Ein wortwuchtiger Roman, dessen Lektüre mich – zugegeben – ratlos macht.

Stefanie, ist das Dein erster Roman, den Du aus dem US-asiatischen Kontext übersetzt? Und wie bist Du mit den taiwanischen Bezügen umgegangen, wie hast Du recherchiert?

Ja, es ist der erste Roman aus diesem Kontext, und deshalb habe ich auch mit meiner Zusage kurz gezögert – kann ich diesem Text gerecht werden? Ich hatte jedoch schnell den Eindruck, dass die taiwanischen Bezüge zwar wichtig sind, aber nicht den Kern des Romans ausmachen. Um erst mal eine Vorstellung von der Kultur zu bekommen, habe ich dann zum Beispiel den „Fettnäpfchenführer Taiwan“ gelesen, der zwar eigentlich für Touristen gedacht ist, mir aber trotzdem geholfen hat. Dazu natürlich im Netz recherchiert, die eine oder andere Doku auf YouTube gesehen, klar. Bei den konkreten Fragen hat mir dann meine liebe Kollegin Karin Betz weitergeholfen, mit der ich ein-, zweimal gezoomt habe.

Was hat es mit den Briefen der Großmutter auf sich, die sich auch typografisch stark abheben? Die Sätze sind unvollständig und haben große Löcher. Wollen Sie uns etwas über die facettenreiche Familiengeschichte erzählen oder wie sich Identitäten über Ozeane hinweg aus Fragmenten zusammensetzen? Das gilt ja auch für die Ama, die mittlere Frauenfigur: ihr Vater ist ein chinesischer Soldat, der in den 50er Jahren vom Festland auf die „Insel“ kam, wie Taiwan im Roman genannt wird; die Mutter ist eine Atayal, eine der 16 indigenen Volksgruppen Taiwans. Später zieht die Familie in die USA, dort werden weitere Identitätsstücke angesetzt … Es kommt zu spannungsreichen Begegnungen wiederum mit Chinesen aus der VR China. Da ist z.B. Ben, ein kräftig-kerniger Mädchencharakter aus der Autonomen Region Ningxia, mit der sich die Jüngste der Familie in eine heftige Liebesbeziehung verstrickt, oder der streitbare Nachbar aus Sichuan. Und zwischendrin immer wieder diese Briefe, viel Gewalt und ein Stück verworrene Familiengeschichte. Wie liest Du den Roman?

(c) Caroline Schreer

Eine wichtige Botschaft lautet aus meiner Sicht, dass man Dinge in sich trägt – Familiengeschichten, Herkunft, Traditionen –, gegen die man sich letzten Endes nicht wehren kann, mit denen man früher oder später konfrontiert wird und denen man sich deshalb bestenfalls ein Stück weit hingibt, statt sich dagegen zu wehren. Die Jüngste der Familie etwa muss ja doch feststellen, dass sie mit ihrer Mutter und Großmutter mehr gemein hat, als ihr lieb ist. Und in diesem Kontext ergeben für mich auch die Löcher einen Sinn: Sie spucken ihr, ob sie es will oder nicht, Briefe ihrer Großmutter aus, die tatsächlich zu Fragmenten ihrer Identität werden oder es längst sind. Das Lückenhafte dieser Briefe passt im Grunde genommen auch ganz gut, wenn man sich überlegt, dass das, was man über die eigenen Großeltern weiß oder in Erfahrung bringen könnte, zumeist eher fragmentarischen Charakter hat und vielerlei Deutungen zulässt. (Je nachdem, ob die Großeltern noch leben, wie alt sie sind und woran sie sich aus ihrem Leben noch erinnern.)
Auch die Gewalt, die im Roman an vielen Stellen präsent ist, gehört zu den Dingen, von denen sich die Tochter nicht so weit distanzieren kann, wie sie gern würde, tut sie ihrem Großvater doch später, ohne es zu wollen, selbst Gewalt an. Was mir das Buch gesagt hat: Eine Familie ist ein mit Erlebnissen und Geschichten dicht verwobenes Gebilde, aus dem sich niemand ohne Weiteres ganz befreien kann.

Welche Schwierigkeiten hattest Du beim Übersetzen dieses stellenweise kryptischen, dann aber wieder flippigen Textes?

Kryptisch trifft es gut. Nicht selten musste ich erst einmal überlegen, was überhaupt gemeint ist und worauf Bezug genommen wird. Wenn ich mich dann für eine Deutung entschieden hatte, galt es, dem deutschen Satz eine ähnliche klangliche und/oder rhythmische Qualität zu verleihen. Eine wichtige Frage beim literarischen Übersetzen lautet ja grundsätzlich: Warum hat die/der Autor:in genau diese Formulierung gewählt und keine andere? Bei Chang kam ich überdurchschnittlich oft zu dem Schluss, dass vor allem die, ich nenne es jetzt einmal „sensorische“ Qualität eines bestimmten Wortes ausschlaggebend war: Wie klingt es? (Fast schon: Wie schmeckt es? Wie fühlt es sich beim Aussprechen an?) Ist es eher ein helles oder ein dunkles Wort? Ist dieser Satz eher eine Maschinengewehrsalve oder ein flatternder Drachen im Wind?

Sprachlich ist dieser Text ja wirklich gewaltig, die Bilder sind einzigartig: „Die Zähne unserer Mutter waren vor lauter Lügen ganz brüchig“, „Weil er statt Hirnwindungen Schlangen im Schädel hat“, „Nur dass Ma ihr Leben nicht in Jahren, sondern in Sprachen zählt“, „Der Fisch schmeckte metallisch, es stecken zu viele Erinnerungen an das Meer in seinen Gräten“. So könnte ich weiter aufzählen und meinen Bleistiftrandnotizen entlangschreiben. Wie bist Du beim Übersetzen dieser Bilder vorgegangen?

Für mich lag der Schlüssel beim Übersetzen dieses Textes darin, mich nicht zu wehren, sondern mich ihm im Zweifelsfall einfach hinzugeben. Nicht immer bis zum Letzten durchdringen zu wollen, wie diese oder jene Szene zu deuten ist, sondern sie in ihrer ganzen Wucht in mich aufzunehmen, dort wirken zu lassen und dann wieder zu Papier zu bringen. Und so etwas macht mir persönlich durchaus Spaß: Selbst beim soundsovielten Überarbeitungsgang ploppen hier und da neue Assoziationen und Wortideen auf, und bei so einem Text darf man seinem Affen ja auch mal Zucker geben. Insofern: Bestiarium war in übersetzerischer Hinsicht sicherlich eine Nuss, aber wenn man Freude am Knacken hat, auch ein Schmankerl.

Worin liegt für Dich die Stärke dieses Romans?

In der noch ungezähmten Spielfreude und bewundernswerten Furchtlosigkeit der jungen Autorin. Vielleicht schießt sie manchmal übers Ziel hinaus, aber hey, Bestiarium wird nie langweilig oder vorhersehbar, sondern ist einfach erfrischend anders. Einige der eingestreuten Fabeln werden mich z.B. in ihrer prägnanten Bildhaftigkeit – das Krabbenmeer an Deck des Piratenschiffs! – noch lange begleiten, auch wenn ich nicht genau weiß, was sie mir letzten Endes sagen wollen (Ich bemerke gerade eine Parallele zu den Songtexten von Bob Dylan, die ja auch oft einprägsame und faszinierende Geschichten erzählen, in denen vieles offen bleibt.) Richtig stark finde ich auch die Liebesgeschichte. Dass es eine queere Liebesgeschichte ist, wird gar nicht groß thematisiert, und das ist auch nicht nötig, denn die Szenen zwischen der Jüngsten und ihrer Freundin Ben (eine der coolsten Figuren des Buchs!) wirken so glaubhaft, natürlich und unerschrocken, dass es einfach Spaß macht.

K-Ming Chang: Bestiarium. Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs. Hanser Verlag, 2021.

Wozu?

„Man kann ja eh nichts machen.“ Wer so fragt, hat gleich verloren. Denn ist es nicht gerade der Pessimismus, der uns in eine passive Haltung zwängt, die uns nur reagieren lässt, die einen impft mit diesem fatalen Satz?

Antworten auf diese und andere Fragen diskutiere ich auf dem Blog „Aus dem Alltag“ von Manfred Lipp und im Buch Wird unser MUT langen? Ziviler Ungehorsam für den Frieden

Buntblau und zerbrechlich

Kinderbücher aus Taiwan – gebe ich diesen Suchbegriff ein, taucht wenig auf, aber jüngst wieder mal eines: Das blaue Kleid von Chang Yu-jan, das im Sommer 2021 erschienen ist. Eine buntfröhliche Geschichte über Xiao Yu, die offenbar an einer Allergie leidet und deshalb nicht ebenso bunte Kleider tragen kann wie andere Kinder. Nur ein Elfe kann ihr helfen und die Großmutter, die ihr Kleid indigoblau färbt. So knapp sich die Geschichte, von Monika Li überzeugend übersetzt, zusammenfassen lässt, so tiefgründig ist sie indessen. Sie birgt die Hoffnung oder gar Überzeugung, dass die Natur zu heilen vermag und auch die Besinnung auf Traditionen, die in den letzten Jahrzehnten aufgrund diverser politischer Turbulenzen und eines enormen Wirtschaftsaufschwungs der Inselrepublik überlagert worden waren. Erfrischend sind die Illustrationen, sehr bunt zwar und manches Gesicht mit den großen Augen erinnert an Manga-Figuren, aber die Details sind einnehmend: Wie z.B. die Großmutter gezeichnet wird, mit grauem Lockenkopf, geblümter Hose, einem Amulett. So munter-modische und selbstbewusste Omas sind vermutlich eher selten in der Kinderliteratur. Auch die tropischen Wälder, die Sicht auf den Brunnen, in dem das Kleid gefärbt wird, aus der Vogelperspektive, die Einrichtung von Omas Wohnung sind liebevoll und ungewöhnlich gestaltet.

So selbstbewusst Xiao Yu, Kleine Jade ist, so vorsichtig-verhalten bewegt sich Xiao Yu, dieses Mal Kleiner Fisch, in Kleiner Spaziergang durch die Welt, fast als zerbräche sie unter ihren Schritten. Im Mittelpunkt dieser ebenfalls zweisprachigen Erzählung – von Johannes Fiederling treffsicher übertragen -, stehen, fast schon symbolisch, Eier, die fürs Abendessen noch rasch gekauft werden müssen. Doch auf dem Weg gibt es so allerlei zu entdecken: eine kleine Murmel, eine Katze … So als wäre das Große im Kleinen dem Autor Chen Chih-yuan Glück genug.

Weitere Kinderbücher aus Taiwan sind bei chinabooks erschienen, und zwar jene von Jimmy Liao, der in Taiwan mit seinen hochformatigen Bildern populär ist (seine Illustrationen sind u.a. selbst in U-Bahn-Stationen abgebildet). Seine – ebenfalls zweisprachigen Bücher – sind ein farbenprächtiges Wunder, das hierzulande noch zu entdecken ist, auch wenn sie als Kinderbücher für Erwachsene gelabelt sind.

Chang Yu-jan: Das blaue Kleid. Deutsch von Monika Li. Drachenhaus Verlag, 40 Seiten

Chen Chih-yuan: Kleiner Spaziergang. Aus dem Chinesischen von Johannes Fiederling, Baobab-Verlag, 40 Seiten

Jimmy Liao: Das Kino des Lebens, Der Blaue Stein, Der Klang der Farben, Die Sternennacht, alle übersetzt von Marc Herrmann, Chinabooks

Verschiebungen

Lektürenotiz zu Bae Suah Weiße Nacht

In Kreisen sei dieser Roman angelegt, zirkulär funktioniere er, lese ich in Rezensionen, bin gespannt und merke, es sind nicht Kreise, sondern Halbkreise, die auseinandergeschnitten und leicht verschoben wieder aneinandergesetzt werden. Das gilt für Szenen aus dem Hörtheater in Koreas Hauptstadt Seoul, das bald geschlossen wird; für die Gespräche zwischen Ayami und ihrer Lehrerin Yomi – die später womöglich in einer einzigen Person aufgehen, zumindest fransen die Konturen der Figuren so aus, dass sie sich übereinanderlegen –; für Beobachtungen, die sich leicht verändert wiederholen. Als ich das erste Mal so eine Szene lese, meine ich, mich „ver-lesen, ver-sehen“ zu haben, blättere zurück: „Im Innern des hell erleuchteten Busses saßen einige Frauen um einen Tisch herum, jede von ihnen in die Lektüre eines Buches vertieft. In der dunkelsten, hintersten Ecke der Rückbank saß ein Mann in einer Mönchskutte, die Augen geschlossen.“ Und das Verrückte ist: So absurd diese Szene ist, so deutlich habe ich sie vor Augen und warte gespannt darauf, wann die nächste Verschiebung kommt. So verträumt dieser Roman auch wirkt, die Übergänge zwischen Tag und Nacht, Gestern, Heute und Morgen auch sind, so gegenwärtig ist dieser Roman. Nicht etwa deshalb, weil gegen Ende ein deutscher Krimischreiber namens Wolfi auftaucht. Sondern?

Weil diese flirrenden Parallelwelten, Zwischenwelten auf herbe Realitäten prallen. Immerhin verliert Ayami ihren Job, lebt höchst prekär, hat noch nicht einmal Platz für einen Ventilator, ist auf der Suche nach einem Gegenüber, den sie vielleicht im ehemaligen Direktor des Hörtheaters findet, doch dann lösen sich die beiden langsam auf. Ich gehe mit ihr durch das nächtliche Seoul, begleite sie auf ratlosen Spaziergängen, sehe zu, wie ihre Welt verrutscht, „der Verkehrslärm wie ein brennendes Gerstenfeld„. 

Sprachlich ist dieses Vexierbild von Seoul in ein überzeugendes, sinnliches und doch leichtes Deutsch von Sebastian Bring gebracht worden, sodass ich mich gern von dieser sensorisch reichen, phantastischen und durchaus rätselhaften Geschichte tragen lasse.

Bae Suah: Weiße Nacht. Aus dem Koreanischen von Sebastian Bring. Suhrkamp Verlag, 2021, 160 Seiten.

Eine weitere Rezension mit Korea-Bezug ist auf literaturfelder zu einer Ausgabe des Korea-Forums zu lesen.

Schrei doch!

Wenn ein Text eine Reise antritt, bin ich nervös, bin ich ich unsicher, weil ich nicht weiß, was wird. Nun wurde aus einem Text über eine junge Frau einer, der aus mehr als 1000 ausgewählt wurde und unter die letzten 40 Texte kam – auf die Longlist aber nur. Immerhin. Etwas muss also an der Geschichte gewesen sein, dass sie aufhorchen ließ. Nur schon das freut mich.

Worum es ging? Um den 27. Deutschen Kurzgeschichtenwettbewerb unter dem Motto: SCHREI ENDLICH! „Schreien soll helfen, und deshalb verstehen wir diesen Kurzgeschichtenwettbewerb als Projektionsfläche für all die Schreie, die nötig sind, bislang ungehört sind, gegen all die unverständlichen Phänomene des Menschseins. SCHREI ENDLICH! Schrei! – so polemisch oder böse oder glücklich wie du kannst – gegen oder für das Verlassenwerden, das Einsamsein, das Glücksgefühl auf dem Gipfel, die Ungerechtigkeiten in der Coronakrise, die neue Liebe, Arbeit, Haus, Urlaub. Schrei!“

Und deshalb habe ich mitgemacht.

Scham – oh weh?

Ein Scham-O-Mat als Erinnerungsarchiv

Die Idee und Installation ist bestrickend: In einer Kabine sitzen sich zwei gegenüber, corona-bedingt getrennt durch eine Scheibe, und lesen sich Scham-Geschichten vor. Aber keine fiktiven, sondern Texte, die im Laufe von Monaten in verschiedenen Kulturkreisen (Russland, Pakistan, Schweiz) gesammelt wurden. Weil mich diese Geschichten unentwegt beschäftigten, traf ich mich mit Trixa Arnold – der Co-Initiatorin – zu einer kleinen Schifffahrt über den Zürichsee zu einem Gespräch.

Ausgangspunkt für die Entwicklung des Scham-O-Maten war die Theaterbühne, so Trixa Arnold. Ihr Mann, Co-Initiator und Schauspieler Ilja Komarov, hat ein Programm rund um das Thema Scham konzipiert. Nach der Vorstellung erzählten Zuschauer von eigenen beschämenden Erlebnissen.

Die Texte für die Installation erhielten die beiden über die Scham-O-Maten, Kabinen, die mit einem Aufnahmegerät und einem Briefkasten ausgerüstet waren und an diversen Orten aufgestellt wurden. Es gab leichte und lustige Geschichten, aber auch „schwere“ über Missbrauch und Gewalt. Überarbeitet wurden die eingereichten Texte nur wenig, Trixa Arnold wollte sich auf jeden Fall an den Duktus halten, die Texte keinesfalls überschreiben. Sie wurden verdichtet, Redundanzen gestrichen, ins Präsenz gesetzt. Manchmal gab es Lücken in den Texten, und je schwerer die „Fälle“ waren, desto umständlicher wurde erzählt, gelegentlich in die 3. Person gewechselt.

Verblüffend klar treten die Kategorien der Scham zu Tage: die schichtspezifische Scham, der Klassimus, sich aufgrund der finanziellen Situation etwas nicht leisten können, Armut. Die körperliche Scham – in manchen Kulturkreisen rufen beispielsweise Schamhaare angewiderte Empörungsrufe hervor -, die erste Monatsblutung. Und die Scham aufgrund der Ohnmacht in einem Machtgefälle, dem man ausgeliefert ist.

Ein weiterer überraschender Aspekt ist die Einsicht, dass nicht nur Opfer Scham empfinden, sondern auch Täter, sie schämen sich für ihre Tat. Oder es gibt eine Fremdscham, man schämt sich für die Eltern, für die Freundin.

Wie nah Schuld und Scham beieinander liegen, ist ein Gedanke, der sich wie viele andere nach dem Besuch des Scham-O-Maten weiterspinnt. Es gibt durchaus eine Schnittmenge, sagt Trixa Arnold. „Es ist befreiend, von einem beschämenden Ereignis zu erzählen, selbst wenn der Scham-O-Mat kein Beichtstuhl ist.“

Auch zwischen Scham und Schande gibt es Berührungspunkte: Der gesellschaftliche Kontext bestimmt, was Schande ist, man wird von den anderen beschämt, die Scham wiederum wirft einen auf sich selbst zurück. Scham, so Trixa Arnold, könne gleichwohl auch ein Schutz vor Blamage sein, vor gesellschaftlicher Ächtung. So wurden uneheliche Kinder jungen Mädchen oft als Schande vor Augen geführt, um sie vor diesem beschämenden Schritt zu bewahren.

Für mich war der Scham-O-Mat eine unerwartete Möglichkeit, einen besseren Einblick in dieses komplexe und vielschichtige Thema zu bekommen, zu lesen und hören, worüber und warum Menschen sich schämen. Das mag banal klingen, und banal empfanden vielleicht manche Besucher:innen diese Installation, weil sie die Geschichten zu kennen glaubten. Andere wiederum erzählten sich endlich die eigene Scham vom Leib, wurden sie damit ein für allemal los.

Spannend wird die Scham dort, wo sie Potenzial freilegt. So erzählt Miriam Davoudvandi in der WOZ, dass sie die Ausgrenzung nicht etwa wegen ihrer Ethnie oder ihres Körpers so stark empfunden habe, sondern wegen des sozialen Milieus. Ob daraus eine Wut entstanden sei? „Wir hatten nicht das Privileg, wütend zu sein. Meine Eltern wussten, wenn sie aufmüpfig sind, könnten sie ihre Arbeit verlieren. Daran war ihre nackte Existenz geknüpft. (…) Ich selbst fühle immer auch Wut gegenüber den Realitäten unserer Welt. Aber manchmal fühlt sich auch das nach einem Privileg an.“

Solche Beschämungen können also Wut hervorbringen, Trotz und Stolz, könnten dazu führen, mehr Gerechtigkeit einzufordern, um unfaire Verhältnisse nicht weiter zu begünstigen, die beschämend sind. Dann wäre Scham nicht mehr länger nur ein Gefühl, das bestenfalls in die Privatsphäre abgedrängt wird.

Die Gedanken rund um Scham erhellen jedenfalls einige dunkle Schatten in uns und in der Gesellschaft, führen vor, wie beschämende Gefühle perpetuiert werden – und so gehen die Schamgeschichten in eine neue Runde: Ab dem 3. November 2021 gehen die Schamgeschichten als Performance „Schäm Dich!“ auf Tournee, zuerst in der Helferei Zürich, im Frühjahr 2022 im Theater der Roten Fabrik.

Genauere Termine sind auf der Homepage schaemdi.ch nachzulesen.

Adelheid Duvanels Sprengsätze

Duvanels Lust an widerständigem Schreiben zeigt sich in den 251 Geschichen, die in der Anthologie „Fern von hier“ versammelt sind; ihre Lust auch an leiser Provokation, an Verdichtung des schier Unausdenkbarem auf kleinstmöglichem Raum, die Lust auch, alles, was zwischen Licht und Schatten in solch einer Existenz möglich ist, aufzuspüren.

Und die Figuren erst! Sie flirren, schweben knapp über dem sogenannten festen Boden unter den Füssen, lassen sich nicht unbedingt verorten und und erst recht nicht bändigen.

Eine Rezension zu diesem Textband ist im literaturblatt.ch nachzulesen.

Mit scharfem Blick

Es war das Bellen der Hunde, das mich auf den taiwanischen Lyriker Cheng Chiung-ming aufmerksam machte. Entdeckt hatte ich ihn im Vorspann der Anthologie Kriegsrecht, die wie keine andere ein halbes Jahrhundert Literaturgeschichte Taiwans umfasst.

Diese Hunde lassen sich nichts gefallen, und das will viel heißen in einem Land, das de facto 40 Jahre unter der Knute einer Parteidiktatur lebte, in der zu Beginn, also Ende der 1950er-Jahre, die intellektuelle Elite dahingemordet, „weißer Terror“ verbreitet wurde. In Anlehnung an diese Zeit heißt auch der Titel der Lyrik-Anthologie „Gedanken in Weiß“. Brave Hund bellen nicht in dieser pechschwarzen Nacht, andere aber haben geknurrt und wurden dafür bestenfalls für Jahre eingesperrt, denn: „Ich muss einfach bellen“.

Cheng Chiung-ming, so schreibt es der Übersetzer Thilo Diefenbach im Vorwort, gehört zu den mutigsten, politisch engagierten Lyrikern Taiwans. Als Arzt hat er tief hineingeblickt in die Seelennöte der Menschen, die Schwermut darüber drückt sich in seinen Gedichten aus, die immer wieder auch in direkte Kritik umschlägt, denn: „Worte sind die schärfste Waffe“, lautet der Titel eines Gedichts. So wechseln sich auch seine Schaffensperioden ab, sind mal politisch grundiert, dann wieder lyrisch wie in „Schatten“, das der Übersetzer in gleich drei Variationen vorstellt. Ihm ist nach Kriegsrecht erneut eine Entdeckung zu verdanken, denn von Cheng Chiung-ming lagen bisher nur vereinzelt Übersetzungen vor.

Cheng Chiung-ming: Gedanken in Weiß. Gedichte aus Taiwan. Aus dem taiwanischen Chinesisch von Thilo Diefenbach. Iudicium-Verlag, 2019.