Walle Sayer, der Wortkrumenfinder

Pathos und ein Loblied auf die Provinz ist Walle Sayer fremd. Er sucht nach Wortkrumen in seinem Dialekt wie ein Archivar und setzt sie behutsam ein, des Klanges wegen oder auch nur, wenn es kein anderes adäquates gibt. Das Hingetuschte wirkt bei ihm Sayer keineswegs leicht, jedes Wort ist wohl gesetzt. Und mit wenigen Worten gelingt es ihm, das „Tagesleck“ festzuhalten, damit es nicht im Alltagsrauschen untergeht.

Mehr über Walle Sayer und sein Werk ist nachzulesen auf literaturblatt.ch.

Gewaltige Zärtlichkeit

Wenn Liebe und Gewalt zu dicht beieinander sind, wie in Aufzeichnungen eines Krokodils der taiwanischen Kult-Autorin Qiu Miaojin, werden Menschen im Karussell der Leidenschaften heftig herumgewirbelt.

Lazi, die Protagonistin in diesem Roman und lebenshungrige Studentin, will ausbrechen aus allem, was sie einengt und anödet, alle Brücken hinter sich abbrechen, Brücken zu Familien, Freunden, Geliebten. Dann wieder will sie alles ausprobieren, sich und ihren Körper entdecken, in andere hineinkriechen, mit ihnen verschmelzen. Denn: „Wie geht Freiheit nach 40 Jahren Militärdiktatur?“ Ihre Experimente führen zur gesellschaftlichen Ächtung, aber auch zu Selbsthass, denn sie gehört nirgends dazu, will auch gar nicht dazugehören, weiß nur, dass sie sich den drei Ordnungsprinzipien Schulpflicht, Arbeitszwang, Heiratsdruck entziehen will. Doch auch in ihrer lesbischen Liebe findet sie keine Erfüllung, alles wird von einem Sturm nicht auszuhaltender Gefühle weggerissen. „Mein Kopf und mein Körper werden sich nicht einig.“

So heftig, wie die Gemütsschwankungen sind, so sehr schwankt auch die Sprache, manchmal bricht sie durch alle Register. Mal stelzt das Krokodil in surrealistischer Manier durch die Gedankenwelt der Protagonisten, ertrinkt in Pathos, mal fräst Lazi mit raubeiniger Gossensprache durch die Stadtlandschaft. Nur: Ankommen wird sie nie und nirgends.

„Sogar, die, die mich liebten, wurden von mir in rasender Wut überrannt und mit heruntergerissen wie von einer Blinden, die ins Meer abstürzt.“

Das Buch, Ende der 80er Jahre geschrieben, weiß noch nichts davon, dass Taiwan eines der ersten Demokratien Asiens sein wird, in der gleichgeschlechtliche Liebe erlaubt ist. Qiu Maojin schreibt in ihrem Debüt über Seelenqual und die Zersplitterung von Menschen, die unter Druck und mit der Unterdrückung von Freiheit und Liebe nicht leben können. Dabei reißt sie sich buchstäblich jede Zeile aus dem Leib – und hat sich im Alter von 26 Jahren erdolcht. Da war sie schon in Paris und erlag ihrer Lebens- und Liebessehnsucht, die sie zutiefst verzweifeln ließ.

Qiu Miaojin: Aufzeichnungen eines Krokodils. Aus dem Chinesischen von Martina Haase. Ulrike-Helmer-Verlag, 2020

Edition Weite Felder: Neuerscheinungen Frühjahr 2021

Gleich zwei collagierte Einzelblätter entstanden in den letzten Monaten, beide inspiriert von Karin Betz´ Übersetzungen, von Umwälzungen und dem Nachdenken darüber, von Nicht-tun und Sein-lassen, von Zufall und zugefallener Absicht.

Bruce Lee und Jin Yong waren die Stichwortgeber für die Collage “Be water”, das Motto der Demokratiebewegung in Hongkong.

Die zweite Collage bezieht sich auf die Wandschauer in Liu Cixins Roman Der dunkle Wald, die wiederum auf Boddidharma zurückgehen. Der saß einer Überlieferung gemäß neun Jahr vor einer Wand, ließ sich durch nichts beirren und erdachte sich eine andere Welt, galt fortan als Wandbetrachter. Was sah er, was wir nicht sehen?

Umwege

“Unglaubwürdig”, nannte Ilse Aichinger ihre Reisen, die sie im Kopf und Kaffeehaus unternahm, manchmal um sich selbst zirkelnd, manchmal ihren Gedanken nacheilend, immer auf der Suche nach etwas, von dem sie vielleicht oftmals selbst nicht genau wusste, was es ist? Unglaubwürdige Kopfreisen also, Zufälle oder Umwege, die meine Ortskenntnisse erweitern – so jedenfalls steht es auf einem Schild der SBB, das ich an einem Montagnachmittag las. Und nur weil ich ein wenig Zeit hatte und ohnehin dort in der Nähe war, ging ich nach Kilchberg zu den Manns. Nachzulesen ist dieser zeitver-rückte Trip auf dem Blog Nachrichten aus dem Alltag.

Nur die Vögel behalten die Welt im Blick

„Der erste Tag im Wolkenwald hat mich zu Nebel erweicht. Die Welt verlor sich im Weiß, was ich sah, waren meine Füße am Boden und die Farben der Bäume.“ Taiwan ist ein Ort, der Zeit und genaues Hinschauen verlangt, schreibt Jessica Lee, den aber ein unterirdisches Beben jeden Moment auslöschen kann.

In Zwei Bäume machen einen Wald lebt, wuchert, tropft die Natur, während eines Winters in Taiwan kann das unangenehm werden. Denn das Wetter auf dem schwimmenden Archipel ist kalt und nass. So ziehen auch kaltfeuchte Nebelschwaden durch das Buch, streifen über Arme, gleiten bei Wanderungen durch wuchernde Wälder und Bergwelten über den Nacken. Selten habe ich so ein körperliches Buch gelesen, wo jede Faser, jeder Tau- oder Regentropfen zu spüren ist, so eindringlich ist die Sprache Jessica Lees oder vielmehr ihrer Übersetzerin Susanne Hornfeck.

Die Autorin, kanadische Umwelthistorikerin, verwebt in ihre Naturbeobachtungen – ihre Bücher werden dem Nature Writing zugeordnet – ihre eigene Familiengeschichte mütterlicherseits beziehungsweise versucht, die losen Fäden zu ordnen, die sie nach jahrzehntelangem Schweigen in der Familie, nach dem Tod zuerst des Großvaters, dann der Großmutter, in Händen hält. Dafür nimmt sie sich Zeit in Taiwan, um über den unsäglichen Schmerz zu trauern, der zwischen uralten Baumstämmen wabert: „Ich hatte zu wenig getan. Hatte nicht genug Mandarin gelernt, konnte überhaupt kein Taiwanisch und hatte zu wenig Interesse gezeigt.“

Zwischen poetischen Landschaftsbeschreibungen, den genauen Betrachtungen von Bergen und Boden, Wald und Wasser schwingt allerdings auch die Trauer und Unverständnis über die Zerstörung der Umwelt mit, die dem Wirtschaftswachstum geopfert wurde. Die Wasserverschmutzung stehe weit oben auf der Agenda von Taiwans Umweltschützern, 1990 waren viele Flüsse toxisch und tot, die gesamte chemische Industrie ist auf dem schmalen Küstenstreifen im Westen angesiedelt, dazu noch die Klimaerwärmung: Tempel und Friedhöfe, die nah an der Küste oder einem Ufer liegen, werden bereits vom Meerwasser überspült.

Trost bieten ihr, so blitzt es mitunter auf, einzig Vögel. Sie waten durch eine Landschaft, die den Menschen unzugänglich ist. Die Schwarzstirnlöffler zum Beispiel haben ihre Heimat in dem Schutzgebiet der demilitarisierten Zone auf der nordkoreanischen Halbinsel, sie überwintern in Taiwan und Hongkong. „Vom wetterwenderischen politischen Treiben der Menschenwelt nehmen die Vögel dabei keine Notiz (…) Die Natur näht wieder zusammen, was der Mensch geteilt hat.“

Jessica Lee: Zwei Bäume machen einen Wald. Aus dem Englischen von Susanne Hornfeck. Matthes & Seitz, 2020, 216 Seiten.

Suchen statt erklären

Wie soll ich davon erzählen, fragt sich Lea Schneider – Autorin und Übersetzerin chinesischer Lyrik – beim Sammeln all ihrer Gedanken, Erlebnisse, Eindrücke, beim Schreiben über China, wie kann man über China schreiben, wenn nicht suchend, wie kann ich also darüber schreiben, was und wie Lea Schneider über China schreibt?
Sie erzählt in einer Mischform aus Lyrik, Essay und Übersetzung, dennoch steht auf dem Cover ihres Buches „Gedichte“.
Sie sucht in der Literatur, jede Querverbindung zu anderen Büchern steht quer zum Satzspiegel.
Sie sammelt Eindrücke aus der südlichen und jetzigen Hauptstadt Chinas, aus Taibei, Hongkong, um nur einige Städte zu nennen. Sie sammelt als Geste des Respekts dem Land gegenüber.
Sie schreibt über die Macht der Worte, die gefürchtet wird: „Die Zensorinnen lesen schlecht, aber sie lesen (…), das ist mehr, als ich von den meisten meiner Freundinnen behaupten kann. Die Zensorinnen haben größeres Vertrauen in die Wirkmächtigkeit unserer Arbeit.“ Und an einer anderen Stelle erzählt Lea Schneider von Briefen einer Freiheitskämpferin, mit eigenem Blut geschrieben, die im Archiv der Ewigkeit landen, im Archiv des Polizeistaates, der nichts vergisst.
Sie begibt sich auf Deutungssuche in der Sprache, wenn sie z.B. über das qu wan, Spaß haben, nachdenkt, das je nach SprecherIn etwas anders heißen kann, über dessen wahre Bedeutung ich auch schon nachsann. Die Übersetzung hilft oft nicht weiter, überhaupt „spreche ich von Worten, die meine Sprache nicht spricht“. Und was, wenn einem das richtige Wort nicht einfällt? „Sie glauben gar nicht, wie oft ich schon mitten im Satz meine Weltanschauung ändern musste, nur weil mir ein Wort in der anderen Sprache gefehlt hat.“
Sie sagt, und hier zitiert sie Ole Döring, wir müssen Chinesisch lernen, denn sonst überlassen wir die Deutung dessen, was China ist, der KP China, weil die Stimmen der anderen nicht übersetzt werden.
Sie erklärt nichts weg, benennt das, was sie sieht, was sie versteht, nicht versteht. Daher ist ihr „made in China“ ein Amalgam, auf das ich mich gerne einlassen, denn es ist ehrlich. Lea Schneider geht damit zwar das Wagnis ein, nicht verstanden zu werden, doch mir sind ihre Seh- und Tastversuche allemal lieber als wohlfeile China-Betrachtungen unter der Gürtellinie der Banalität. Sie sind sympathisch in ihrer Annäherung an China, wo doch die Regierung es einem schwer macht, das Land, die Menschen und Kultur auf unerklärliche und ganz eigene Weise zu lieben.

Lea Schneider: made in china. Mit Illustrationen von Yimeng Wu. Verlagshaus Berlin, 2020, 108 Seiten

Sperrig

Jeder hat es schon gelesen, aber kaum jemand kennt es, deshalb fahren wir hin, nur schon des Namens wegen: Auzelg. Klingt spelzig und unbequem. Von Betonwänden grüßen gesprayte Tauben. Die „Gartenstadt“, in den 1940ern geplant, wird stufenweise geräumt, weil die Wände dünn und deshalb den Wintern nicht mehr länger standhalten können. Die Häuser mit weitem grünem Umschwung wurden einst kinderreichen Familien zur Verfügung gestellt, „Negerdörfli“ hieß es deshalb abschätzig, bis 1981 eine Autobahn das Quartier vom Rest der Stadt trennte.

An einem hellen Sommertag sitzen wir beim Tee in so einem Garten, im Haus wohnt eine WG, jedes Zimmer ist belegt, nebenan wohnt eine Familie, weiter vorn ein vierschrötiger Mann. Alle Häuser sind gleich und doch anders, je nach Bewohner. Manche schützen sich mit einem Drahtzaun, manche geben den Blick frei auf eine Wiese, darin eine Hollywood-Schaukel.

Von der Endhaltestelle gehen wir ein paar Schritte hinein in eine andere Welt. „Miami“ steht über der geschlossenen Tür, der Quartierladen rentiert nicht mehr. In den Straßen und angrenzenden Büschen sammeln Kinder Abfall und türmen ihn im Schulhof stolz übereinander. Die Ponyranch heißt Rita Bär. Der Brüelbach ist so schmal, dass er leicht übersehen wird. Wir essen in einer Eckkneipe Chicken Nuggets, über uns dröhnen Flugzeuge, rauscht die Autobahn.

Der November …

… hat es in sich: Das Jahr ist noch zu keinem Ende gekommen, aber irgendwie doch, die Stimmung ist ein Dazwischen oder ein “Gestern kommt noch”. Deshalb wohl wurde der November mehrfach zer-schrieben von so unterschiedlichen Autoren wie Heinrich Heine, Gustave Flaubert, Jean Prod’homme, um nur ein paar Namen zu nennen.

Um diese Stimmungen & Schwingungen aufzugreifen, dachte ich zu Novembermonatsbeginn an eine Collage, und je mehr ich darüber nachdachte, desto stärker drängte sich die Idee einer kollaborativen Collage auf, ganz analog mit Papier und Stift / Schere in Zeiten der Eventisierung im digitalen Raum.
Meine Auswahl der Teilnehmenden ist subjektiv; um lange Postwege zu vermeiden, beschränkte ich mich auf die Schweiz.
Jedes Mal, wenn ich einen Umschlags öffnete und die assoziativen Hinzufügungen Schritt für Schritt mitverfolgte, gab es ein heimliches Leuchten in mir und ein Ah-Oh. Auch die vereinzelten Kommentare sind vielsagend:
Jetzt fallen auch noch die Wörter runter.
Muss nur noch Klebstift kaufen.
Morgen, gleich morgen gebe ich die Karte zur Post …
Einer schickte mir zu (s)einem Zeichen einen zweiseitigen Artikel.
Eine andere will hinter Äste und in Punkte Gesichter malen.
Wieder eine meinte, man solle nur ja nicht ihre Texte zerschneiden für die Buchstaben, die man vielleicht brauche.
Und schließlich fragte eine nach, wann denn das Rätsel gelüftet werde, da war die letzte Karte gerade eingetrudelt.

Jedenfalls danke ich Euch allen fürs Mitschreiben, Mitschneiden, Mitzeichnen, Mitkleben.

November-1

Svenja Herrmann
Hannes Binder, Illustrator
Urs Mannhart, Schriftsteller und Bio-Landwirt
Eva Roth, Autorin

November-2

Kuan Ling Tsai, Tänzerin
Ulrike Ulrich, Autorin
Alice Grünfelder

Das chinesische Gedicht von Yang Wanli hat Kuan Ling Tsai so zusammengefasst: Is autumn really only a sad season? Not excatly. A tiny touch of chill is actually a comfort season. Although the green lotus leaves are almost fallen out. But the pink lotus flower are still blossoming. The new leaves comes like the size of a coin.

November-3

Samuel Herzog, Inselgründer und Bild-Textwerker
Ina Boesch, Historikerin und Autorin
Theres Rütschi, Illustratorin
Melanie Katz, Lyrikerin

November-4

Christoph Simon, Autor
Roland Merk, Lyriker
Renata Burckhardt, Theaterautorin und Kolumistin
Yves Raeber, Schauspieler und Übersetzer

Die Transkription des “updating Heinrich Heine” von Roland Merk geht so:
Elf war’s, da trauerten die November,
die trüben würden tagtäglicher,
der Riss verlaubte den Wind,
da uberte ich hin und wieder …

Das Copyright für alle Texte & Collagen liegt ausdrücklich bei den Teilnehmenden.

Auf den Tee gekommen

Komplizierte Tee-Zeremonien waren nie etwa für mich: Steif und ängstlich saß ich oft da, um nur ja keinen Fehler zu machen.
Ganz anders in Taiwan im Ali-Shan-Gebirge. Ein Teebauer bat uns an den Teetisch und begoß Schälchen und Kännchen und redete und goß weiter das Wasser in unsere Becher, und wir tranken und redeten, und der Nebel zog auf, und die Sonne ging unter und am nächsten Tag später auf, als wir dachten, weshalb wir den legendären Sonnenuntergang verpassten.

Aber von dem Tag an bin ich süchtig nach dem Wohlgeruch des Gaoshan-Tees aus Taiwan, der in hohen Höhen nur angepflanzt wird. Über diese Tee-Affaire habe ich für Anne Weberts Blog Topfgeflüster geschrieben.

Kungfu in Worte fassen – das kann nur Jin Yong. Und nun die Übersetzerin Karin Betz.

Was haben Bruce Lee, Yip Man und Jin Yong gemeinsam? Alle drei verstehen sich auf Kungfu, nur der dritte versteht es zudem, die Kunst des Kungfu-Romans in raffinierten Figurenkonstellationen und überbordenden Handlungssträngen genüsslich auf die Spitze zu treiben.

Die äußerliche Kraft ist nichts ohne die innere – das ist für mich eine der Kernaussagen des historischen Romans „Die Legende der Adlerkrieger“ von Jin Yong, in dem es vordergründig aber um etwas anderes geht. Um es kurz zu fassen: Während im Norden die Jin-Barbaren das chinesische Kaiserreich in die Knie zwang, tut sich im Süden ein tapferes Häuflein an loyalen Kämpfern zusammen, um zumindest die Südliche Song-Dynastie (1126–1279 ) zu retten. Damit dies gelingt, wird ein Junge das Erbe seines Vaters unter der Obhut Dschingis Khans auf seinen schmalen Schultern tragen. Das Geschick Chinas nahm damals verschlungene Wege, ebenso tun es die vielen Protagonisten in diesem Roman, und allzu leicht kann darüber auch mal der Handlungsfaden verloren gehen oder die Vielzahl der Namen sowie die Detailfülle verwirren. Doch letzten Endes ist dies – ohnehin typisch für jedes asiatische Epos dieses Ausmaßes ­– nicht weiter tragisch, denn man kann sich auch ohne ständigen Blick ins Glossar und Personenregister von der Lektüre mitreißen lassen.

Zweierlei überrascht dennoch: Die schillernden Helden in diesem Roman sind keineswegs immer nur heldenhaft unterwegs, und selbst die furchterregendsten Figur bekommt eine menschliche Kontur, sobald man deren Geschichte erfährt. Solcherart Feinzeichnung ist bei einem Heldenepos indes selten, und warum dies bei den Adlerkriegern anders ist, erfahren wir unter anderem aus dem informativen Dossier „Über die Kinetik von Namen, Körpern und Kulturen“ von Karin Betz. Denn die daoistischen Großmeister, die sieben Sonderlinge des Südens, die SchülerInnen des Apothekers Huang – um nur einige Cliquen zu benennen – lassen sich zurückzuführen auf die Jianghu: „eine Ansammlung von ambitionsgetriebenen Gruppen und Figuren, die selbst eine widersprüchliche Gesellschaft voller Gefahren, Intrigen, Rivalitäten und Mord bilden. Mit Machtkämpfen und widerstreitenden Begierden stehen sich die Charaktere oft selbst im Weg oder sie sind von niederen Beweggründen getrieben, verbünden sich mit den Mächtigen und machen den an Gerechtigkeit und Loyalität glaubenden Helden das Leben verdammt schwer – und damit natürlich die Geschichte dramatisch und spannend.“

Dabei lässt Jin Yong leichthändig daoistische und buddhistische Weisheiten einfließen in diesen Wuxia-Roman (die korrekte Bezeichnung für dieses Genre, in dem Kampfkunst die tragende Rolle spielt. Denn Kongfu (gongfu) bedeutet lediglich Kunstfertigkeit – meistens auf einem besonderen Gebiet.) Nicht alle Daoisten und Buddhisten sind bei ihm unbedingt reine und friedliche Wesen sind, womöglich macht er sich gar ein wenig lustig über allzu viel Esoterik? So zum Beispiel in der Szene mit dem einfältigen Guo Jing, der von einem Daoist in das innere Kungfu eingeführt werden soll, weil seine Erfolge in der äußeren Kampfkunst eher bescheiden sind. Und dies obwohl seine Lehrer, die sieben Sonderlinge des Südens, die besten ihres Faches sind. Der daoistische Lehrer beharrt darauf, dass sein neuer Adept folgende Worte verinnerlicht: „Vor dem Schlaf muss der Geist rein und klar sein, kein Gedanke darf darin zurückbleiben.“  Zu Recht wundern sich später seine Lehrer: „Wie hatte dieser arglose Tollpatsch in so kurzer Zeit diese schwierige Kunst [das innere Kungfu, A.d.R.] zu meistern gelernt? Nun, womöglich war es gerade seine Einfalt, die in diesem Fall geholfen hat. Ein Geist, der wenig denkt, ist schnell geleert.“

Und das zweite Überraschungsmoment? All die Schwebetänze, blitzschnellen Fäuste, wirbelnden Körper und knallhart-gezielten Fußtritte, die man aus Kungfu-Filmen kennt, weiß Karin Betz so treffsicher ins Deutsche zu übertragen, dass man kein einziges Mal über die Füße und Fäuste stolpert. Dafür hat sie ausgiebig in Museen und Handbüchern recherchiert: „Um mir die einzelnen Sprünge, Tritte, Stellungen ein wenig besser vorstellen zu können, habe ich mir eine Reihe von Fachbüchern zu Kungfu und Qigong zugelegt, darunter Bruce Lees Grundlagen der chinesischen Kampfkunst“.

Karin Betz hat damit die ausgeklügelte Kungfu-Choreografie in deutsche Worte gefasst und auf den Punkt gebracht: „Das Kultivieren der Lebensenergie Qi durch innere Stärke dient sowohl dem Angriff wie der Verteidigung.“

Jin Yong: Die Legende der Adlerkrieger. Aus dem Chinesischen von Karin Betz. Heyne-Verlag, 2020, 567 Seiten