Streunen durch Straßen

Athen: Rollladen runterziehen – lossprayen

Auf Balkonen wuchern Pflanzen, plötzlich zetern Vögel, unsichtbar, wie zerstrittene Nachbarn, streune durch Straßen, bis ich Kreuzungen wiedererkenne, die Richtung ändere, im Kreis gehe, die Kreise mal größer, mal kleiner, wieder ist alles fremd, eine bekannte Zeichnung an einer Brandmauer, ein Schaufenster erleuchtet, dahinter ein Mann über Bücher gebeugt

Sieben Hügel steht auf einem Ladenschild, ich habe sie nicht gezählt, stattdessen auf die Füße achten müssen, die Löcher im Gehsteig, die abschüssigen Kanten, gefährlicher Ausrutscher, anderntags blauer Fleck am Ellbogen

Und doch. Dem morbiden Charme verfallen, deshalb das Streunen wieder von vorn. Beginnen. Die Fenster offen in den oberen Stockwerken, versperrt im Erdgeschoss, manchmal verrammelt mit Brettern

An manchen Ecken hängen Menschen an ihren Kaltgetränken, stehen schwarze Polizisten hinter Schildern, bewachen: was?

Plakate rufen zu Boykotten auf, Touristen sollen sich fortscheren, Investoren das Weite suchen. Nicht Aufwertung, sondern Status Quo. Und der Ruch nach Widerstand in der Luft, etwa anderthalb Meter über dem Boden, Steine herausgeschlagen. Explosive Ruhe. Abwarten

Bis irgendein Handy schrillt, die Wange rot, die Worte unverständlich, ich beobachte die Gesichter, sie schauen, gehen weiter, keine Regung

Das Abgleiten aufhalten, einen Tag nur, mehrere Tage lang, danach eine blaue Leere, das ist es, was mir in den Sinn kommt

Nicht mit allem …

... einverstanden? Sonst gäbe es womöglich den neuen Gedichtband von Nathalie Schmid nicht?

Eine ausführliche Besprechung des Bandes Ein anderes Wort für einverstanden findet sich neu auf der Website zaesur.poesiekritik samt Biografie der Lyrikerin.

Das Interview mit Nathalie Schmid gleich nach Erscheinen des Bandes ist hier nachzulesen:

Was passiert, wenn ich ein Gedicht lese? Wie wirft es einen Köder aus, fängt mich ein? Erklären kann ich es nicht genau, aber wenn die Zeilen etwas auslösen, das mag ein kurzes Stolpern beim Lesen sein, ein Blitz, ein Feuer … So ist es mir mit Nathalie Schmids Gedichtband Atlantis lokalisieren ergangen und nun mit ihrem neuen Band Ein anderes Wort für einverstanden. Was mir besonders gefällt: Der Band ist vielstimmig und nicht monothematisch, die Form wird nicht dem Inhalt übergestülpt, sondern scheint organisch mit dem Inhalt verwoben.

Die Gedichte in Deinem neuen Band lesen sich stellenweise wie eine Rückschau auf ein Leben, auf Dein Leben? Ein bewusstes Voranschreiten, ein Rückblick in Versen?

Die Themen, die mich beim Schreiben dieses Bandes beschäftigten, haben durchaus etwas mit einer Bewusstwerdung zu tun, mit der Frage nach Identitäts- und Rollenbildung, Prägungen und Einfluss auf das eigene Werden. Insofern macht es Sinn, dass sich die Reihenfolge der Kapitel auch wie eine Art Rückschau lesen.

Im Kapitel über „Iris“ fällt das besonders auf, als sinniere eine reife, weise Frau über ihr Leben.

Iris ist die Personifizierung einer Frau, die älter ist, ja. Sie durchläuft in ihrem Kapitel eben diesen Prozess des Innehaltens und der Vergegenwärtigung: Wer bin ich gewesen und wer bin ich geworden. Dadurch erlangt sie eine Art Weisheit und eine gewisse Ruhe. Sie sortiert ihre Vergangenheit aus und entledigt sich alter Themen.

Auffällig ist, wie gut Form und Inhalt zusammengehen. Mal sind die Verse eher formal streng gehalten, dann wieder lässt Du die Zeilen non-chalant fliegen. Manche Gedichte sind fein ziseliert, das Sterben der Großmutter ist eher als beschwörende Prosa angelegt.

Da ist zuerst das Thema, dem ich mich durch das Schreiben annähere und das rasch eine bestimmte Form verlangt, die sich mir zeigt, wenn ich weiter mit dem Text arbeite. Bei den Texten zum Sterben war zum Beispiel schnell klar, dass ich dieses Gefangensein im Körper, dieses Nicht-Sterben-Können in einer Form zeigen will, die das Eingesperrt-sein darstellen soll. Ich hatte Betonblöcke vor Augen, aus denen nicht auszubrechen ist, und dieses Bild gab den Texten diese bestimmte Form.

Sich auflehnen und sich dann doch nicht trauen: Das scheint mir ein Thema in Deinem Werk zu sein – auch in Deinem Roman Lass es gut sein – und taucht hier im im Gedicht „Am See“ auf. „Ich will sagen hey lass das aber ich / trau mich nicht. Sie ist / eine Kriegerin mit Kampferfahrung / sie würde mich wegfegen mit einem Ruck.“

Ein Thema bei mir ist sicher die Auseinandersetzung mit einengenden Konventionen. Wo geben sie Halt und Sicherheit, wo fungieren sie als Gefängnis und hemmen Entwicklung und Originalität? Wann wendet sich Höflichkeit gegen einen selbst, weil man nicht Nein sagen kann oder sich nicht zu wehren traut, und wo braucht es zwingend Höflichkeit und Rücksichtnahme, damit ein Zusammenleben funktionieren kann? Solche Fragen beschäftigen mich.

„Wasser“ ist ein zentrales Motiv in diesem Gedichtband, oft und in vielerlei Zusammenhängen ist von Flüssen die Rede, ohne diese bedeutungsschwer zu überfrachten.

Ich lebe im Kanton Aargau, in der Nähe des Wasserschlosses, wo Limmat, Aare und Reuss zusammenfliessen. In dieser Gegend ziehen sich die Flüsse wie Wege durch die Landschaft und prägen das Lebensgefühl, den Raum, in dem ich mich bewege. Ich fühle mich dem Fluss als Wasserkörper sehr verbunden und möchte ihm literarisch gerne ein Denkmal setzen.

Eine Stelle über Wurzeln hat mich gewundert, vor allem im Zusammenhang mit dem derzeit populären Nature Writing, dem Du Dich allerdings nicht andienst. „Er weist auf das Wurzelgeflecht der Tannen hin. Wie es in die Breite geht nicht in die Tiefe wie sippenhaft sie sich gesellen.“ Wie willst Du das verstanden wissen?

Ob eine Pflanze flach oder tief verwurzelt ist, hängt nicht nur von ihrer Art, sondern auch von der Bodenbeschaffenheit ab. Ich finde, das lässt sich durchaus auch auf Bedingungen für Beziehungen übertragen, auf Familiensysteme oder Gemeinschaften, unter welchen Bedingungen und in was für einem System sie funktionieren und gedeihen können.

Allen Kapiteln sind Gedichte von Autor:innen vorangestellt. Welche Bezüge möchtest Du damit herstellen?

Die Auszüge am Anfang der Kapitel sind Mottos, die einen Hinweis geben, wohin die Reise im Kapitel geht. Vielleicht können sie als eine Art Wegweiser gelesen werden, der dennoch vieles offenlässt. Bezüge möchte ich eher mit den Zitaten herstellen, die als Zeilen in die einzelnen Gedichte Eingang gefunden haben und so einen Kanon zeigen, den ich gelesen habe, der mich beschäftigte und beeinflusste, während ich an den Texten arbeitete. Das habe ich schon in meinem letzten Gedichtband gemacht mit Autorinnen wie Anne Carson, Eileen Myles, Sheila Heti … So eröffnet sich ein Echoraum, den ich mit anderen Autorinnen und ihrem Werk teile und der für mich sehr wichtig ist. Den wollte ich gerne aufzeigen und einweben.

Nathalie Schmid: Ein anderes Wort für einverstanden. Gans-Verlag, 2025, 128 Seiten.

Auflistung von Lyrikerinnen und Lyrikern aus Taiwan

Taiwan auf lyrikline

Endlich ist auf lyrikline.org eine große Bandbreite an lyrischen Stimmen aus Taiwan zu hören und in verschiedenen Sprachen zu lesen.

Vor zwei Jahren fand im Übersetzerhaus Looren (bei Zürich) ein Workshop statt, bei dem sich eine Handvoll Übersetzerinnen und Übersetzer traf, um die Gedichte von Ling Yü in verschiedene Sprachen zu übersetzen. Die niederländische Übersetzerin Silvia Marijnissen schrieb darüber einen erfrischenden Bericht, sie hatte auch die Idee zu diesem Workshop.

Weil die Zusammenarbeit so erquicklich war, sprossen Ideen und sponnen sich Gedanken weiter. Daraus entstand schließlich unter der organisatorischen Leitung von Li Wen-Chi eine Erweiterung des Angebots taiwanischer Stimmen auf lyrikline.org. Dies ist wohl in der Geschichte der Vermittlung taiwanischer Literatur einmalig und verdient auch deshalb besondere Beachtung, weil nun die lyrischen Stimmen nicht nur hörbar, sondern z.T. auch in vier Sprachen lesbar sind: Deutsch, Englisch, Niederländisch und Italienisch.

Mit den Lyrikerinnen Ling Yü, Chen Yuhong, Chen Li, Ye Mimi, Hung Hung, Tsou Yu-Sheng, Hsia Yu, Yinni auf lyrikline.org.

Noch mehr Lyrik aus Taiwan:

Ich aß Dein Kraut Gedichte von Maria Marggraf

Wie ich Maria Marggrafs Gedicht lese

Nachwort zu dem Gedichtband Ich aß Dein Kraut

Das Ich isst das Kraut, das ein Du ihm anbietet, es wird verdaut und verwandelt. Pflanzen sprengen den Topf, Muscheln klappern. Ein Selbst in Stollenstiefeln betritt einen Raum, entzieht sich und brüht als Antwort eine Tasse Tee. Wer sind diese Wesen, die Ansi, die Pfeifenfrau, das Du, das Kind? Man folgt ihnen, wird womöglich verfolgt von einer Hundemeute. Gewissheit gibt es keine, sie ist wie „messer in holz“.

Die Pflanzen indes, sie sind es, die Blätter und Blüten aus sich heraus treiben wie ein Gedicht, die Sporenfäden wuchern im Unbewussten der Lektüre. Und wenn das Auge erkennt, die Wörter weiter denkt, gesellt sich dazu ein unverwechselbarer Klang. Woher kommt dieser Ton? Was beschwört er? Ein Wuchern im Auge des Sturms? Dort ist es ganz still. Noch.

Mit diesem Ton im Ohr streife ich durch lyrische Landschaften, schiebe die wuchernden Pflanzen beiseite, gehe über Brachen, Schwemmland, versehrten Flüssen entlang.

Wie ein wirkmächtiges Kollektiv hingegen aussehen könnte, erkundet Maria Marggraf, indem sie Beziehungen herstellt zwischen anorganischen, organischen und metaphysischen Lebensformen, um sich – im Haraway’schen Sinne – „artenübergreifend die hände zu reichen / vielleicht / weniger brückenpfeiler / sondern waten im schlamm.“

Wo ist die Grenze zwischen Welt und Gedicht? Eine Naht, eine Narbe? Auftrennen oder nach innen träumen? Sie brechen mancherorts auf, regen an, nach innen zu sinnen, darin liegt ihr Trost.

Oder? „auf dass ich berichte / bevor ich verlerne / zu sehen“.

Nachzulesen ist mein Nachwort in Maria Marggrafs Gedichtband, erschienen im Verlag pudelundpinscher, mitherausgegeben von Svenja Herrmann.

Maria Marggraf: Ich aß Dein Kraut. 2026, Verlag pudelundpinscher, 60 Seiten, 20 Franken

Mehr Lyrik:

Collage mit Haiku

Poetry Zine Labor

Workshop mit Eva Roth und Alice Grünfelder

Mit Wörtern und Farbe, Leim und Messer kleben und falten, nähen und schreiben wir
unsere Minigeschichten und Gedichte.

Eigenes Lieblingsmaterial (Zeitschriften, Stifte, eigene Gedichte…) mitbringen, vor Ort steht ebenfalls etwas zur Verfügung.

Zeit und Ort: 22. November 2026, 14-17h, Rote Fabrik, Zürich

Kosten 30.-

Hier zum Beispiel ein Fanzine aus Taiwan

Auf dem Kopf und bunt

Landschaft, Buchtitel

Utopisch schreiben

Mehr als nur schreiben.

Es gab einmal ein Buch, darin wurde heftigst überlegt, wie es sich in Zeiten wie diesen überhaupt noch schreiben ließe. Das bloße Abschreiben der Realität und eigenen Befindlichkeiten genüge jedenfalls nicht (mehr), es müsse darüber hinausgehen. Nur wie? Nicht ins pamphletisch-politisch-Fahrwasser geraten, auch nicht allzu utopistisch soll es geraten, die Klassen berücksichtigen und Möglichkeiten zeigen.

Gut, dachte ich, nur wie?

Politische Krimis wurden z.B. aufgeführt und zitiert, doch wenn ich mich recht erinnere, dachte niemand an das Potenzial der Lyrik.

Das interessiert mich, womöglich hatte der Herausgeber Björn Hayer mit seinem Gedichtband „aus einer geschützten Ecke heraus / lässt du den Raum entstehen“ genau dies im Sinne?

Eine ausführliche Rezension der Lyrik-Anthologie lässt sich beim Infosperber /Kontertext nachlesen.

Björn Hayer: „aus einer geschützten Ecke heraus / lässt du den Raum entstehen“ . Utopische Dichtung der Gegenwart. Gans Verlag, 2026.

Noch mehr Lyrik?

Riga – zwischen allem

Unerklärliche Stimmung, gedrückt, gedämpft, und dann doch wieder ein Lachen von irgendwoher. Als ich nach meiner Rückkehr den zufällig erworbenen Gedichtband Meteor von Andra Schwarz las und dieses poetische Fragment entdeckte, schien mir, ich (be-)greife endlich etwas, wenngleich einen kleinen Zipfel nur. Dieses Land, zerrieben seit Jahrhunderten zwischen raffgierigen Großmächten – und nach jeder Invasion eine andere Säuberung. Ein Land, das nur mit Mühe zu einer gewissen Ruhe kommt. Einer Ruhe, die auch durch die hohe Abwanderung bedingt ist.

  • Akademie der Wissenschaften

Kurz vor der baltischen küste truppenübungsplatz militär
uwaga hinter stacheldrahtzäunen wandernde lichtkegel
durchdrehende reifen als wäre wüste unser träges versacken
auf der schräge freischwebende räder fünfzig prozent klares
in der salzigen brise sich meilenweit riechen das zischeln
zwischen den lippen zigarettenstummel auf der kippe stiefel
schmatzen im schlamm das dreimal gerissene seil endlich
bewegung fester händedruck versteift sich im blitzlicht
und wieder die deutschen anfingen september bei nacht

aus: Andra Schwarz: Meteor, Sukultur, 2023, S.6

Weitere Trouvailles über Nahes & Fremdes

die letzte insel vor blauem hintergrund

Eine Inselbiogeografie

Lektürenotiz zu Die letzte Insel von Gabrielle Alioth

Gibt es das Wort überhaupt, gibt es inselbiogeografische Forschungen? Sie sind in diesem Roman jedenfalls doppeldeutig zu verstehen.

Holm, eben Inselbiogeograf und auch Erforscher versehrter Landschaften, führt ein letzter Auftrag auf eine Insel, doch der Aufprall ist hart, das Boot mitsamt dem Equipment zerschellt an den Klippen, er rettet sich an Land, findet Aufnahme bei Mönchen. In Gedanken und auf Papier skizziert er alles, was ihm für die Nachwelt lohnenswert scheint. Denn die Insel wird wie viele andere überschwemmt, und auch sonst wird allerlei angeschwemmt: Phosphorbombem aus einem Krieg, Atommüll, der einst vor der Küste irgendwo im Meer versenkt wurde.

Parallel zu dieser Geschichte spricht eine Ich-Erzählerin von einer anderen Überschwemmung, die ihren Mann fortriss, sprachwandelt zwischen Bäumen, Sträuchern und Blumen, erkundet eine Insel – ist es dieselbe, auf der Holm seine letzten Tage verlebt, oder eine andere? Wir wissen es nicht genau, die Zeiten schieben sich ineinander – und das stört nicht, befremdet nicht, fügt sich wie Erdschichten zu einem harmonischen Textwebnis, als seien Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eins; frei von jeglichem esoterischen Hauch, was mich staunen lässt, wie das gelingen kann.

Die Geschichten der beiden Hauptfiguren scheint mir indes weniger bedeutsam – vom Halten und Verlieren, von Lieben und Verlusten wird erzählt – als die Naturbetrachtungen es sind. Denn ohne das gespreizte Darlegen von Wissen, wie ich es aus Nature-Writing-Texten kenne, flicht Gabrielle Alioth, die selbst die meiste Zeit des Jahre in Irland lebt, gänzlich unaufdringlich botanische Namen ein, die sich zu einer wundersamen Erzählung verknüpfen.

Ein stilles Buch, in dem eine Vielzahl von Details milde aufscheint, eine raue Inselwelt, in die reale Dystopien einbrechen – selten wurde so unaufgeregt vom Ende unserer Welt erzählt, was verwundert und gerade deshalb umso schmerzlicher nachwirkt.

Gabrielle Alioth: Die letzte Insel, Lenos Verlag

Eine ausführliche Rezension und ein Interview sind auf literaturblatt.ch nachzulesen.

Weiteres zu Inseln und Meer

Dunkler wässiger Hintergrund, in weisser Schrift der Titel des Buches "Dunkle Gewässer"

Stille Wasser sind tief

Der Kriminalroman Dunkle Gewässer der taiwanischen Autorin Ping Lu und Antworten der Übersetzerin Monika Li

Jemand treibt im Wasser, fühlt sich matt, immer schwächer, es ist Frau Hong, die von ihrem Ehemann mit der jungen Jiazhen betrogen wird. Die hat auch ihren Mann vergiftet, der ebenfalls irgendwo nördlich von Taipei im Tamsui-Fluss treibt. Doch das Meer spült die Leichen nicht etwa hinaus aufs offene Meer, sondern die Gezeiten treiben sie den Fluss wieder hinauf, zum Tatort zurück.
Dieser Doppelmord hat sich tatsächlich zugetragen und für mediale Aufmerksamkeit gesorgt – selbst ich bin im Februar mit der Fähre über den Tamsui hinüber nach Bali, um das Café aufzusuchen, in dem sich die Täterin und das ältere Ehepaar kennengelernt haben. Denn die Übersetzerin Monika Li hat mir schon vor geraumer Zeit von ihrem Übersetzungsprojekt erzählt, deshalb nur bin ich auf diesen Kriminalroman aufmerksam geworden. Und wie hat sie das Buch gefunden?

„Ich bin über die Empfehlung von Books from Taiwan auf Dunkle Gewässer gestoßen und habe mir dann das Original in einer Buchhandlung in Taiwan besorgt. Es ist ein Krimi, aber auch eine Sozialstudie, ein Psychogramm der taiwanischen Gesellschaft, das zeigt, wie man in Taiwan uneindeutige Kriminalfälle behandelt, wie Frauen mit gesellschaftlichen Erwartungen umgehen und wie sie auf traumatische Erlebnisse reagieren. Ping Lu füllt für mich mit ihrem Roman eine Leerstelle, die durch eine sensationslüsterne Presse in Taiwan geschaffen wurde, und tut das auf eine unglaublich feinfühlige Art und Weise. Es ist ein fiktionales Werk, bei dem man das Gefühl bekommt, es nähert sich der Wahrheit mehr, als es die Gerichtsverhandlungen und die Berichterstattung überhaupt versucht haben. Das finde ich sehr beeindruckend.“

Übersetzerinnen sind nicht nur emsige (und völlig unterbezahlte) Buchstabenhandwerkerinnen, sondern die Engagiertesten, wenn es um literarische Entdeckungen und Vermittlung geht – konventionell auch Brückenbauerinnnen genannt.

„Ich liebe es, selbst nach spannenden Titeln Ausschau zu halten und mir zu überlegen, wie man sie auf dem deutschsprachigen Buchmarkt integrieren könnte, sie dann selbst zu übersetzen und anschließend auch dazu beizutragen, dass sie präsentiert und diskutiert werden. Den Austausch mit der Leserschaft finde ich immer unglaublich spannend und freue mich über Reaktionen, auch über kontroverse.“

Das psychologische Drama hinter diesem Doppelmord lässt sich erahnen, da die Autorin Ping Lu nach jedem Kapitel Ausschnitte aus Zeugenaussagen, Gerichtsprotokollen, ja selbst Facebook-Postings etc. zu einem Nachklapp montiert, der nachdenklich stimmt und einiges über die taiwanische Gesellschaft verrät. War die Täterin Jiazhen nur am Geld des ältlichen Hong interessiert oder hat sie sich selbst in eine ausweglose Lage manövriert? Welche Motive hatte die „Dämonenfrau“, wie die taiwanischen Medien die junge Frau skandalisiert haben, die unter ihren ärmlichen Verhältnissen litt, ihrer Kindheit? Vor Gericht wirkt sie schüchtern, die Rückblicke in ihr Leben sind ernüchternd, beim Blick über den Fluss hinüber zu den Häusern der Wohlhabenden wird ihr stets schmerzlich bewusst, dass sie nie dazu gehören wird, wie nur diesen Graben überwinden? Die Antworten bleiben vage, die Spekulation treibt den Plot voran – denn der Fall wurde rasch gelöst und die Täterin war geständig. Und gilt es nicht als Zeitverschwendung, die Beweggründe eines „schlechten Menschen“ erforschen zu wollen, so befragt sich die Autorin im Nachwort gleich selbst? Wie ging die Übersetzerin mit diesem ambivalenten Stimmungsbild um?

„Ich musste den aktuellen Stand des Kriminalfalls recherchieren, ansonsten erzählt Ping Lu selbst in dem angehängten Interview viel über den realen Hintergrund von Dunkle Gewässer. Tatsächlich bin ich auch an den realen Tatort gefahren, um die Geschichte nachzuspüren, aber zu dem Zeitpunkt war die Übersetzung bereits fertig. Das Café gibt es bis heute. Als ich dort war, kam tatsächlich ein älteres Ehepaar herein und hat am Fenster Kaffee getrunken, exakt wie in der Anfangsszene des Romans. Das war fast schon gruselig. Ansonsten ist die Umgebung wirklich sehr schön und ein Ausflug lohnt sich ungeachtet des Doppelmords, der dort in der Nähe passiert ist.“

Die Vielstimmigkeit des Romans lässt jedenfalls die Nöte der älteren Frau Hong ebenso aufscheinen wie jene der jungen Jiazhen, die davon träumt, eines Tages ein eigenes Café zu eröffnen. Das Mitleid mit dem älteren Herrn Hong hält sich in Grenzen, der die junge Angestellte zuerst per K.o.-Tropfen, später mit einem Gespinst aus Lügen einfängt. Was war dabei die größte Herausforderung beim Übersetzen?

„Am härtesten war es für mich, die Darstellung der Ehe in „Dunkle Gewässer“ auszuhalten, das war eine wirkliche emotionale Herausforderung, vor allem vor dem Hintergrund, dass ich versichert bekommen habe, viele Ehen in Taiwan würden tatsächlich so lieblos geführt werden. Stilistisch ist Dunkle Gewässer sehr reduziert, mit wenigen Worten wird viel ausgedrückt. Es war ebenfalls eine Herausforderung dafür zu sorgen, dass das auch im Deutschen funktioniert und nicht plump oder an manchen Stellen redundant wirkt.“

Die Autorin warnt jedenfalls davor, den Roman als Plädoyer für einen „bösen Menschen“ zu lesen, ihr ist viel eher daran gelegen, die Grauzonen der menschlichen Natur offenzulegen. Das ist ihr gelungen, denn mit jeder Seite wächst die Fassungslosigkeit über so viel Kälte, Missmut und Bösartigkeit – allein das macht die Spannung dieses lesenswerten Kriminalromans aus.

Ping Lu: Dunkle Gewässer. Aus dem Chinesischen von Monika Li. Drachenhausverlag, 2025, 164 Seiten

Weiter mit Büchern aus Taiwan:

Felsen am Meer

Mehr Meer – eine lyrische Reise durch Taiwan

Lesung mit Gedichten von Tsai Wan-Shuen, Ling Yü und Alice Grünfelder

Taiwan ist umgeben vom Meer, liegt inmitten 166 weiterer Inseln – jede mit einer eigenen Geschichte, jede besungen, beschwört, missbraucht. Die Lyrikerin Tsai Wan-Shuen ist in Penghu aufgewachsen und hinterfragt in ihren Gedichten den Umgang der Menschen mit der Natur. Das Meer ist eine Naturgewalt, man muss es zähmen, es bedroht die eigene Existenz. „Von den älteren Bewohnern käme niemand auf den Gedanken, aus reiner Sinnenfreude zum Beispiel seinen Fuß ins Meerwasser zu halten, im Wasser zu planschen, zu schwimmen gar aus purer Lust“, sagt sie mir im Gespräch. In ihrem Gedicht „Mutterinsel“ beschreibt sie das raue Inselleben. Inselromantik liegt ihr fern. Die Menschen sind froh, fortgehen zu können in die Stadt, um den Fischgeruch ein für allemal lozuwerden, auch wenn die Gehälter in den Fabriken niedrig sind.

Ling Yü lebt in Yilan, das Meer ist ihr Horizont, das Ufer die Linie im Auge, die Felsen am Strand wie Erinnerungen an etwas Fernes, so sagt die wohl renommierteste Lyrikerin Taiwans. Und wie blau ist das Wasser, lichtblau, tragischblau, sehnsüchtiges Blau, fragt sie in ihrem Lyrikband Töchter.

Taiwan ist durchzogen von unzähligen Flüssen, Lebensadern der Insel, einer davon ist der mehr als 80 Kilometer lange Keelung-Fluss, der geplagt und begradigt wurde – um der Modernisierung willen. An ihm entlang ging Alice Grünfelder in den Sommermonaten 2025, jeder Schritt wurde schwerer und schwerer angesichts der Betonmauern, Dämme und Wehre – so entstand das «Klagelied eines Flusses».

Durch die lyrischen Stimmen aus und über Taiwan entdecken wir die Gewässer Taiwans – wie sie so noch nie besungen und gesehen wurden.

Zeit und Ort: Donnerstag, 23. April 2026, 19.30 Uhr, Taipeh Vertretung Berlin

Zu dieser Veranstaltung erhielt ich mehrere interessante Rückmeldungen: „spannend“, „ich dachte, Taiwan sei schon annektiert, dabei ist es gar nicht so“, „endlich ein weißer Fleck weniger“. Und die Designerin Wu Yimeng schrieb mir: „In der Nacht darauf habe ich tatsächlich von Taiwan geträumt. Wie ich auf dem Oberdeck eines Reisebusses plein air durch die diesigen Berge und Wälder fuhr … Eine sehr schöne Wirkung hatten die Gedichte und die Landschaften.“

Lyrik aus Taiwan: