Oken Junge am Meer

Die Keime einer Religion der Poesie

Gastbeitrag von Yu-Sheng Tsou

»Die Liebe ist das Numinose des Herzens«, predigt er. Zumal jetzt,
wo der Frühling da ist.
aus: Yang Mu Frühlinglied

Wu Shih-hungs 吳識鴻 Graphic Novel OKEN: Geburt eines Dichters adaptiert Yang Mus autobiographische Essaysammlung Sturm in den Bergen, Regen über dem Meer, die später in Frühe Schriften aus dem Berg Qilai aufgenommen wurde. Yang Mu 楊牧 (1940-2020) war einer der wichtigsten Dichter*innen Taiwans, der – angeregt von der englischen Romantik – einen poetischen Archetyp der modernen Poesie Taiwans schuf, dessen Leitbegriff der Naturrhythmus ist und den Yang Mu selbst alleine zu seiner Vollendung brachte. ​

​Die Erzählung erstreckt sich über das Ende der japanischen Herrschaft (im Jahr 1945) bis hin zu den Wirren nach der Ankunft der chinesischen Macht Kuomintang (ebenfalls im Jahr 1945) in Taiwan. So erlebte der Dichter in seiner Kindheit gewaltige Umwälzungen in Sprache(n) und Kultur(en); hinzu kam ein großes Erdbeben 1951 in Hualian. In seinem Essay „Die Keime meiner Poesie“ erinnert sich der Dichter folgendermaßen an diese Erfahrung kosmischer, den Wesensgrund erschütternden Gewalt: ​„Dass Himmel und Erde wahrhaftig von Gottheiten bewohnt werden, dass ihre geheimnisvolle Schöpfung und Umwandlung mit mir in Resonanz und Antwort treten kann – dessen wurde ich mir erstmals vor und nach einem großen Erdbeben gewiss. (…)
Da kam gleichsam aus einer fernen, unbegreiflichen Gegend eine geheimnisvolle, schwache Stimme herüber, zwischen Sein und Nichtsein schwebend, ein erschreckendes Geräusch, das bereits angekommen war, bevor ich es völlig begriff, und zugleich begann die ganze Welt zu zittern. Erdbeben!“

​ Die menschliche Welt – Politik, Sprache, zwischenmenschliche Beziehungen. Die Welt der Maschinen – der Zug, den das Kind auf der Flucht bestieg, der den Kosmos in den Rhythmus auf den Schienen zerteilte; die Setzerei seines Vaters; die in das Meer versunkene Standuhr. Die Kosmosmaschine. Die Natur – die Tiefe in den Bergen in Osttaiwan, wo das Kind mit den Eltern auf der Flucht Zuflucht suchte, deren Farbtöne, Klänge und Düfte. Die Kunst – das vom japanischen Freund dem Vater geschenkte blankpolierte Samuraischwert.
Das in jenem Moment vor dem Erdbeben Gesehene: „An diesem Tag stickten die Mädchen Blumen. Jede hielt in der linken Hand ein schönes Stück Stoff, das in der Mitte von zwei Ringen gespannt und gestrafft war, darauf waren Muster gezeichnet – Pfingstrosen, Schmetterlinge, Goldfische und dergleichen –, mit der rechten Hand führten sie die Nadel und stickten bunte Seidenfäden in die Ringe hinein, so konzentriert und schön“; der Bildhauer religiöser und ikonischer Statuen, die in den unruhigen Zeiten künstlerische Gestalt annehmen und einheimische wie fremde Gottheiten in die Welt brachten. So entsteht undeutlich ein Bereich, in dem sich Kunst, Geist und Kosmos begegnen.

​ Die Graphic Novel stellt diese Räume und ihr wechselseitiges Sich-Entfernen, Sich-Nähern und Verschmelzen mit Tusche- und Aquarellstrichen dar. Gerade Tusche und Aquarell, diese flüssigen Farben, lassen die Leser*innen an die Verschmelzung dieser einst getrennten Bereiche denken. Doch wie bei Yang Mus eigener Poesie liegt das Bewegendste meines Erachtens dort, wo die flüssigen Farben auf die Natur treffen – Luftströme, Düfte in den Luftströmen, die gigantischen Berge in Osttaiwan, die Feuchtigkeit der Blätter, die aus der Erde freigesetzte Gewalt, die die Welt der Menschen und Maschinen erschüttert und zerstört.

​ ​Zwei Szenen haben mich besonders berührt.

​ ​Die erste ist die Szene der Begegnung des jungen Dichters mit dem Bildhauer taiwanischer/chinesischer Gottheiten. Der Kontext ist folgender: Die Gottheiten des japanischen Shintō haben keine Götterstatuen in den Schreinen, sondern werden durch symbolische Gegenstände bezeichnet, die den Ritualen als Bezugspunkt dienen – etwa Spiegel oder Schwerter, die als shintai 神体 (das Konkrete einer Gottheit) bezeichnet werden. In der Erzählung empfindet der Dichter daher die Götterstatuen mit konkreter menschlicher Gestalt als fremd. Der junge Dichter erlebt nicht nur die Revitalisierung bereits „taiwanisierter“ chinesischer Gottheiten, sondern wird auch Zeuge des Einzugs einer neuen Schar von Gottheiten, die mit der chinesischen Macht Kuomintang kamen. Der Bildhauer religiöser Statuen, der den taiwaniserten chinesischen sowie den neuen chinesischen Glauben stützt, lässt den Dichter miterleben, wie anthropomorphe Gestalten unter seinen Händen allmählich zur Vollendung gelangen, um dann die Hände eines Demiurg-Künstlers zu verlassen und zum Kern des Glaubens zu werden. Hier berührt der Dichter zum ersten Mal im Leben den Bereich, in dem Kunst, Geist und Schönheit zusammentreffen.

​Die zweite ist die Szene, in der der junge Dichter nach dem Erdbeben in den Wald geht und dort dem „schönen und schrecklichen“ Geist in einer wie Müll weggeworfenen Gottheitsstatue begegnet. Um die Schönheit und Gewalt des Kosmos kreisend, beginnen ein Dialog und die Vorstellung einer poetischen Religion, die sich um das in jedem Kunstwerk aufbewahrte Material dreht – Material, das aus Spuren menschlicher Arbeit und der Zusammenarbeit zwischen Elementen in der Natur besteht – sowie um jene Momente menschlicher Selbstüberschreitung und Ekstase. Eine Religion der Poesie, die Kunstfertigkeit und Kunst verehrt und dem Menschen rückwirkend sein eigenes Bild und seinen Ort gibt.

Shih-hung Wu: OKEN: Geburt eines Dichters. Eine Adaption des Bandes Sturm in den Bergen, Regen über dem Meer mit sieben autobiografischen Essays von Yang Mu (楊牧). Aus dem Chinesischen von Marc Hermann. Chinabooks.ch, 2025

Weiterer Text über Hualian, die Stadt am Meer:

https://www.mosaikzeitschrift.at/literatur/freitext-alice-gruenfelder

Weitere Hinweise auf Bücher aus Taiwan:

Wege durch finstere Zeiten

Finster sind die Zeiten

Afghanische und Schweizer Texte über Flucht und Asyl.

Da will eine nicht mehr länger zusehen, da schreckt eine weder bürokratische Hürden noch die Not der Afghaninnen und Afghanen, aus der kein Entkommen scheint. Die Rede ist von Sabine Haupt, die hochgefährdeten afghanischen Intellektuellen (Schriftstellerinnen, Journalisten, Universitätsdozentinnen, Menschen- und Frauenrechtsaktivisten, Juristinnen) mit ihrem beherzten Engagement ermöglicht hat, nach Europa zu gelangen. Um diese Aktion zu dokumentieren, an der ein ganzes Netzwerk von ehrenamtlichen Helfer:innen beteiligt ist und das von PEN Schweiz unterstützt wurde, entstand diese Anthologie mit Beiträgen afghanischer und Schweizer Autorinnen und Autoren.

Der Publizist Roger de Weck schreibt im Vorwort: «Der Schritt vom Entsetzen, vom Zorn oder Mitgefühl zu einer beherzten Tat ist nicht selbstverständlich», stellt er fest. «Oft fehlt es an Tatkraft, und bloße Empörung ist Passivität. Die afghanischen Autorinnen und Autoren dieses Buches aber sind heute in der Schweiz oder sonst wo in Europa, weil ein Individuum die Initiative ergriff und gegen die Gleichgültigkeit, die Bürokratie, die kühl organisierte Abwehr von Geflüchteten kämpfte. Dieser Mensch ist Sabine Haupt, Herausgeberin des vorliegenden Bands. (…) Zur Tat schritten ihrerseits die Afghaninnen und Afghanen, die ein Albtraum ins Exil schlug. Sie taten jenen Schritt, der das Herz zerreißt und oft das Leben aus seiner Bahn wirft, um überhaupt das Leben und das der Nächsten zu bewahren. Sie verließen eine Heimat, in der Gewalt, Willkür und Menschenverachtung zum Gesetz erhoben wurden.»

Die Texte der afghanischen Autorinnen, Anwälte, Dozentinnen, Aktivisten sind so unterschiedlich wie Menschen es sind, doch zwei Triebkräfte – so kommt es mir vor, da ist eine unglaubliche Kraft, die die Menschen, die Texte vorantreibt – sind in allen zu spüren. Neben der Tragödie, das Land, die Familie verlassen zu müssen, oft gar nicht verlassen zu wollen, ist es die Kraft, den Neuanfang, die Chance zu schätzen und sich von den Umständen nicht unterkriegen zu lassen. Der Schmerz in den Gedichten von Jahan A. Afroz wird zunächst zerschnitten von senkrechten Strichen, „um jede Zunge hängt ein Schloss / Klage klemmen in der Kehle“, eine Rhapsodie zwar auf das Schicksal, aber auch ein Aufruf: „Gegen das Joch und die Gewalt / Werd ich mich stets erheben … Schreite fort voller Elan / Brich Tabus, sei mutig / Zündel nicht an deinem Leben …“. Andere schreiben nüchtern von Abschied und Ankunft, wieder andere sind ganz in sich gekehrt und holen Worte aus einer dunklen Tiefe (Nilofar Niksear in „Deine Albträume“). Der ehemalige leitende Staatsanwalt Ekramuddin Barez („Von Kabul in die Schweiz“) erhebt in seinem Text Vorwürfe, denn die SEM (Schweizer Staatssekretariat für Migration) habe ihm in seinem Asylantrag unterstellt, die Haftbefehle der Taliban gefälscht zu haben, um eine Einreise zu erwirken.

Daniel Rothenbühler, ehemaliger Präsident von PEN Schweiz, zitiert mit A. Gramsci das Engagement von Sabine Haupt: „Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens.“ Dieses Zitat stimmt indes auch für all die Geflüchteten, die in diesem Textband zu Wort kommen, sicherlich auch für die Künstlerinnen und Künstler, deren Illustrationen die Schatten der Vergangenheit einfangen.

Es ist ein Buch der Vielfalt, der Vielstimmigkeit, lässt sich aufgrund der Wuchtigkeit der Themen nicht in einem Fluss durchlesen, könnte vielmehr immer wieder dann zur Hand genommen werden, wenn der eigene Tunnelblick zu düster gerät.

In der Leseprobe ist nachzusehen, wer worüber schreibt, der Band selbst ist gegliedert in vier Kapitel: „Wie alles begann“, „Was früher war“, „Wie es weiterging“, „Der Blick von außen“. Mein Text „Eindringlinge“ über Neophyten zeigt lediglich, wie fremd und feindlich der eigene Garten werden kann, wenn Fremdes sich einnisten will.

Sabine Haupt: Wege durch finstere Zeiten. Afghanische und Schweizer Texte über Flucht und Asyl. Verlag die Brotsuppe, 360 Seiten.

Mauerläufer Zeitschrift Krisen und Magie

Krisen & Magie …

... als ließen sich beim Blick in die Glaskugel die Probleme der Welt lösen?

Weil es zu viele sind, weil sie allgegenwärtig sind, fangen wir an, sie zu überblättern, steht im Editorial der aktuellen Ausgabe des Literarischen Jahresheftes Mauerläufer. Und so gehen die Autorinnen und Autoren hinein in einen Cottbusser Sommer oder hinauf in die wilde Rentiereinsamkeit.
„Sollten wir uns nicht doch ein Paar Handschuhe kaufen?“ Auf jeden Fall, antwortet Niels Zubler auf die Frage von Chris Inken Soppa im Editorial der Zeitschrift, denn warm anziehen müssen wir uns jetzt und in Zukunft.

Mein Text über die Handschuhe steht auf Seite 116.

Mehr Texte, Illustrationen, Gedichte, Aufrufe, Reflexionen auf allen anderen 192 Seiten der Literaturzeitschrift Mauerläufer.

Wolken

Ein Jahr lang „wettern“

Ein Langedicht übers Wetter

Wie wäre es, fragte ich Eva Roth, über etwas so Flüchtiges wie das Wetter zu schreiben? Ja, antwortete Eva, und wenn der Anfang nicht passt, schneiden wir ihn später einfach wieder ab. So sprachen wir miteinander in Gedanken ständig übers Wetter, schickten uns Zeilen, die die andere weiterdachte und fortführte. Mal ist vom Pieselwetter die Rede, vom Husten und Niesen, Nesseln und Schlingen, von seltsamen Gestalten, die über den See wabern –  es ist hier und da eingeflossen in unser Wetterschreiben. Der Kommentar zum Wetter liest sich jedenfalls Jahre später noch wie ein Meta-Text zu diesem kollaborativen Projekt.

Nachzulesen ist nun das ganze Gedicht auf literaturblatt.ch

Weitere Texte übers Wetter:

Der Unwetterer Adolf Stäbli

Ein Stadt wartet auf ein Unwetter

Rezension zu Der Tag, an dem die Sonne starb

Das Wetter auf einer Insel: Rabbit Island

freitext alice grünfelder

Eine Stadt wartet

Eine Stadt am Meer, wartet, harrt aus, weil Unwetterwarnungen das Leben lahm legen.

Eine Stadt, die – eine Fahrradstrecke lang – eine Müllhalde, eine Kläranlage, Kieshalden am Meer ablegt.

Eine Stadt, in der das Hinterland mitschwingt.

So eine Stadt, in wenigen Zeilen verdichtet, erschien nun auf Freitext.

Gedichte in vier Sprachen

Gedichte hören

Die Multimedia- und Soundkünstlerin Pei hat die Meeres- und Kindergedichte von Tsai Wan-Shuen in vier Sprachen einlesen lassen: Deutsch, Französisch, Chinesisch und Taiwanisch. Und von verschiedenen Sprecherinnen, Kindern und Männern.

Zum ersten Mail ausgestellt bzw. hörbar sind diese Gedichte während des Taiwanfestes in Zürich am 7. Juni 2025.

Die Files der einzelnen Sprachen sind anzuklicken, und hinter jedem File verbergen sich mehrere Gedichte aus den Bänden Küsten (Hochroth Verlag Leipzig) und Ich will im Meer aufwachen (Drachenhausverlag).

Viel Freude beim Hören, denn Gedichte wirken erst, wenn sie gelesen, wenn sie gehört werden.

https://taiwanfest.ch/%E8%87%BA%E8%AA%9E-taiwansisch

https://taiwanfest.ch/%E8%8F%AF%E8%AA%9E-mandarin

https://taiwanfest.ch/%E5%BE%B7%E8%AA%9E-deutsch

https://taiwanfest.ch/%E6%B3%95%E8%AA%9E-fran%C3%A7ais

Furios

Yves Raeber über seine Übersetzung des Langpoems Schieflage von Thierry Raboud

Als Yves Raeber beim Übersetzerstammtisch in Zürich von seinem aktuellen Projekt erzählte, dass sich da einer hat einschließen lassen in ein Museum und in wildem Furor in sieben Tagen und Nächten sich alles vom Leib tippte, was ihn quälte – und das auf ein einziges Blatt Papier, einen Bogen vielmehr, eingespannt in eine Schreibmaschine -, wurde ich hellhörig. Wie sollte das gelingen, diesen Furor zu übertragen? Yves war skeptisch, wir wünschten ihm alles Gute, glaube ich, gutes Gelingen vor allem. Immer mal wieder fragte ich ihn, wie es gehe, ob es gehe, er meinte, ja, er käme voran, dann wieder nicht, eher zwei Schritte vor und einer zurück oder noch mehr?

Als nun endlich die Übersetzung vorlag, grub ich mich ein in diesen Text, der sich um die Welt kümmert, um deren Niedergang, um den Menschen und wie er aus diesem selbst angerührten Schlammassel wieder herausfindet, wenn überhaupt.

Und hatte Fragen. Wie Yves Raeber das sprachlich so hinbekommen hat, dass man gar nicht aufhören möchte mit dem Lesen. Dass einem der Verlegerwitz wieder einfällt: „Das Buch ist gut, oder?“ – „Die Übersetzung, hast du die gelesen? Die ist noch besser!“ Hab meine Fragen in eine Mail gepackt und Yves geschrieben, ob er Lust hat auf ein paar Antworten. Dazu hat er zwar Ja gesagt – herausgekommen ist allerdings ein ebenso furioser Text, eine Art Selbstreflexion. Hat er sich frei geschrieben von der ganzen Übersetzerqual? Womöglich …

Nachzulesen ist der Text nun auf literaturblatt.ch, und Daniel Graf ist in der Republik eine Rezension und ein Übersetzungsvergleich gelungen.

Thierry Raboud: Schieflage. Aus dem Französischen von Yves Raeber. Verlag die Brotsuppe, 72 Seiten, 2025

schlafende hunde auf gedicht zwilicht

Was ist politische Lyrik?

Dieser Frage geht der Herausgeber der neunten Kollektion „Schlafende Hunde“ mit all ihren Dilemmata und Verwicklungen nach – zumal auch die Reaktionen darauf widersprüchlicher nicht sein könnten. Die einen verwehren jegliche Zuschreibung und Instrumentalisierung, andere wiederum fordern gerade in Zeiten wie diesen klare Worte. Und wer denkt nicht an die Brecht’schen Bäume, wo es doch genau auch hierüber nachzudenken und zu schreiben gilt?

81 Autorinnen und Autoren versammelt diese Lyrik-Anthologie, die Viefalt der Themen und Stimmen überrascht. Vertreten bin ich mit einem Gedicht über die Wispile in der Nähe von Gstaad.

Bachmann, Thomas (Hg.): Schlafende Hunde IX. Verlag am Park, 2025, 430 Seiten

Frau blickt auf Buchtitel Vom Berglern und Geheimagenten

Traumseelen und Geheimagenten

Literarische Geschichtsbewältigung à la Taiwan. Ein Gastbeitrag von Peggy Kames.

Stell dir vor, du sitzt am Computer und kannst mit einem Klick Taiwan aus höchster Not retten, wie schon einmal, du musst nur den richtigen Befehl wiederholen. Was wäre wenn? Das ist die literarische Versuchsanordnung in der Erzählung „Virtuelles Taiwan“ von Ping Lu, die 1997 entstand. Die Autorin erhielt im November 2024 den Literaturpreis Taiwans für Land der Traumseelen, den dritten Band ihrer Taiwan-Trilogie. In „Virtuelles Taiwan“ verknüpft sie historische Fakten in einem fiktiven Setting, bei zunehmender Fiebrigkeit der Hauptfigur: Was wird passieren? Welcher war der richtige Befehl? Das Kammerspiel mit historisch-utopischer Dimension beschließt den Reigen von zwölf taiwanischen Autoren im Erzählband Von Berglern und Geheimagenten. Identitätspolitik ist der rote Faden, der die Geschichten miteinander verbindet, wobei es neben Fragen der politischen Identität, wie in Ping Lus Erzählung, auch um die Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen oder Ethnien geht, um soziale Schichten und Rollenmuster bis hin zu Fragen sexueller Orientierung. Ich hatte Gelegenheit mit der Herausgeberin, Annie Hsu, zu sprechen. Zur Frage der Identität sagt sie, dass „Fremde kamen und gingen, sie Taiwan regiert und aufgebaut, die taiwanische Kultur bereichert, aber den Menschen auch viel Leid gebracht [haben]. Das könnte vielleicht erklären, warum Taiwaner Probleme mit ihrer politischen Identität haben“.

Von MeToo bis hinauf in die Berge Taiwans

Nicht immer so spielerisch wie in Ping Lus eingangs erwähnter Erzählung geht es um Marginalisierung indigener Kulturen, um tradierte Lebensformen, die mit der Modernisierung des Landes nicht Schritt halten, um Beharrlichkeit patriarchaler Strukturen und Klassismus in der modernen Gesellschaft. Die Geheimagenten im Buchtitel sind demzufolge auch keine Spione im Dienste eines feindlichen Staates, sondern Menschen, die ihre Identität verstecken und sich der dominierenden Gruppe versuchen anzuschließen, wie in der Erzählung von Hu Shu-Wen. Die Protagonistin ist eine Schülerin aus einfachen Verhältnissen, was sie zu verbergen sucht, sie beobachtet und bemerkt Geheimnisse der anderen, wird selbst zum willenlosen Objekt eines Lehrers, zu seinem „Geheimnis“, sie entdeckt schließlich, dass sie nicht allein ist, aber Erlösung bedeutet das nicht. Ich denke, viele Leser in anderen Ländern könnten sich durchaus in der Geschichte wiederfinden, denn das Phänomen findet sich auch anderswo. Vielleicht wird es nicht überall zu einer kollektiven Erfahrung. Auf die Frage nach einer Lieblingsgeschichte nannte Annie Hsu unter anderen diese von Hu Shu-Wen. Sie sprach von einer grausamen Realität, die Menschen in der taiwanischen Gesellschaft zwinge, ihre eigene Identität als minderwertig zu betrachten. Selbst Schülerin einer Elitegrundschule, erkannte sie erst später, dass Mitschüler, die wegen schlechter Noten von Lehrern bestraft oder von den anderen Kindern gehänselt wurden, meistens aus taiwanischen Familien stammten.

Annie Hsu

Aufstrebende Literatur

Geopolitisch ist Taiwan schon seit einigen Jahren ins Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit gerückt, denn hier wird der nächste Konflikt zwischen den Großmächten China und USA erwartet. Cinematographisch ist es vierzig Jahre nach der Taiwan New Wave und nachdem 2011 Seediq Bale in den Wettbewerb des Filmfestivals Venedig gewählt wurde, eher ruhig geworden, dafür aber macht die Insel literarisch zunehmend auf sich aufmerksam. Genau dazu passt das Buch Von Berglern und Geheimagenten. Nach dem Erzählband Von Wahrsagern und Technofrauen (2021) mit zwölf Stimmen von Autorinnen aus Taiwan, ist dies der zweite im Projekt-Verlag erschienene Band mit Erzählungen aus Taiwan. Die Texte wurden von Andreas Guder, Marc Hermann, Hans Peter Hoffmann und Brigitte Höhenrieder erstmals ins Deutsche übersetzt und, wo nötig, mit Anmerkungen versehen, so kann man viel über Taiwan und die literarische Bandbreite dort erfahren. „Die Geschichte von den Beuteltieren“ beispielsweise schildert eindringlich die Situation von modernen Frauen, die sich bis zur Selbstaufgabe um Familie, Haushalt und Kinder kümmern, um schließlich in einer Anklage ignoranter Ehemänner zu gipfeln. Dabei wendet sich Chu Tian-Hsin durch die Verwendung des Pronomens „du“ ganz direkt an die Leserinnen und Leser und bezieht sie so automatisch in die Zeugenschaft solcher Verhältnisse ein.

Wer sind wir?

Und die ebenfalls titelgebenden Bergler? Diese abwertende Bezeichnung – auf Chinesisch 山地人 shandiren -, gab die han-chinesische Bevölkerungsmehrheit den Indigenen. Die hier versammelten Autoren sind zwischen 1939 und 1977 geboren, drei von ihnen sind indigene Autoren. Auf den indigenen Kulturen liegt in den letzten Jahren besonderes Gewicht, wenn es zu der Frage kommt: Was ist taiwanisch? Wer sind wir? Noch einmal Annie Hsu: „Inzwischen haben sich immer mehr indigene Autoren einen Ruf im literarischen Bereich aufgebaut. Sie schreiben meist auf Chinesisch, versuchen zunehmend auch in ihrer Stammesssprache zu schreiben und bringen andere, neue Schreibstile mit.“ So wie Walis Nokan vom Stamm der Atayal mit seinem experimentellen Satzbau in der Erzählung „Eines traurigen Tages Gedenken“. Hans Peter Hoffmann folgt in seiner Übersetzung diesem besonderen Stil und Satzbau, was dem Leser einiges abverlangt. Badai vom Stamm der Puyuma schildert die beschwerliche Ingwerernte in den Bergen. Die ganze Familie und befreundete Helfer werden eingesetzt, um die Ernte und damit das Auskommen der Familie auf abenteuerlichen Bergpfaden ins Dorf zu bringen. Er beleuchtet dabei Strukturen, die zur Benachteiligung der indigenen Bevölkerung führten.

Von realen bis surrealen Settings bietet der Band einen breiten Überblick. Auch wenn nicht alle Erzählungen wirklich packend sind und Spuren hinterlassen, als Orientierung in der vielfältigen Literaturlandschaft ist der Band jedenfalls sehr empfehlenswert.

Von Berglern und Geheimagenten. Zeitgenössische Erzählungen aus Taiwan
Übersetzt aus dem Chinesischen von Andreas Guder, Marc Hermann, Hans Peter Hoffmann und Brigitte Höhenrieder, 2024; 307 Seiten

Weitere Bücher aus Taiwan (Auswahl):