Das Problem mit Heldinnen

Die Ambivalenz eines Heldinnenlebens in wenigen Worten und mit einer stupenden Präzision zu verdichten, um damit gleichsam die Widersprüche dieses Jahrhunderts auf den Punkt zu bringen – das ist Anne Weber in ihrem „Heldinnenepos“ auf beeindruckende Weise gelungen. Denn sie wählte die freie Versform, um den Fluss dieses mühevollen Lebens aufzuzeichnen. Meine Notizen zum Leben Anne Beaumanoirs, die Heldin und Protagonistin dieses Buches, sind auf literaturblatt.ch nachzulesen.

Von der Mühe …

… wieder Chinesisch zu lernen, erzählt mein Text in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Wespennest“. Schreiben schreiben merken merken vergessen vergessen – so geht das Spiel, so kam es mir vor, wenn ich zu Hause an meinem Schreibtisch saß.

Warum ich dennoch viel beim (Wieder-)Erlernen lernte, so der Titel, und was man beim Lernen der chinesischen Sprache sonst noch lernen kann, ist nachzulesen als Leseprobe auf der Website der Zeitschrift Wespennest.

Widersprüchlich

Dass es möglich sein soll? Nur der Blick auf ein Foto, eine Reportage über einen Mann, dessen politische Karriere und chinesische Frau evozieren eine Flut von Erinnerungen, reißen einer Kaskade von Assoziationen gleich die im US-amerikanischen Exil aufgerichtete Seelen-Mauer ein. Was im alltäglichen Leben fast unmöglich, jedenfalls übertrieben scheint, ist ein gängiges literarisches Verfahren, das Eileen Chang in ihrem posthum veröffentlichten, als Roman klassifizierten Text Die Klassenkameradinnen anwendet.

Zhao Jue also sieht das Foto ihrer Schulfreundin Enjuan, aber wenn es wirklich einmal Freudinnen waren, deren Freundschaft über sämtliche gesellschaftlichen Schranken hinweg gelebt wurde – die eine wohnt in einer Treppenkammer, die andere in einer Villa ­-, warum erinnert sie sich so unwillig? Was ist vorgefallen? Vielerlei Widrigkeiten während der Nachkriegszeit in China und später im Exil in den USA  werden nur angedeutet wie so vieles in dem Text, der eher dadurch das flirrende unstete Erzählen Eileen Changs charakterisiert ist als durch feine Charakterzeichnungen und einen stringenten Handlungsstrang – was bereits bei den Erzählungen in dem Band Gefahr und Begierde auffiel. Andererseits gaukelt eine Präzision beispielsweise bei der Beschreibung von Kleidungsstücken eine Bedeutungsschwere vor, die lediglich einer Vorliebe für Mode entspringe, so erklären es die Übersetzerinnen Susanne Hornfeck und Wang Ju kenntnisreich in einem Nachwort. Dieses Ungleichgewicht von Begebenheiten, Petitessen gar, ist es so, das Leben dieser jungen Frauen, an denen sie sich aufreiben?

Gleichwohl haben Eileen Changs Texte etwas unheimlich Verstörendes, so auch Die Klassenkameradinnen. Denn der Bericht über die Lebenswege zweier Frauen in Rückblenden und mit zahlreichen Ortswechseln werden überlagert von Missverständnissen, Andeutungen, Unterstellungen, wie sie in Beziehungen durchaus anzutreffen sind: Wenn sich bei einem Wort wie „vergnüglich“ ein Misston einschleicht und sich bei der anderen die Kehle zusammenzieht, worüber die Korrespondenz einschläft; wenn Ernüchterung sich einstellt, aber keineswegs Gefühllosigkeit, wenn Trost von einer wenig liebevollen Hand gespendet wird. Bald fragt man sich, ob diese Freundschaft nicht schon sehr früh keine mehr war, wenn sich später die Missverständnisse so unüberwindlich darstellen, wenn es zu keiner stillschweigenden Übereinkunft kommt, Misstöne sich in ein Schweigen schleichen, und alles immer gleich vielgedeutet, missinterpretiert wird.

Es ist diese Ambiguität, diese seltsam anrührende Distanziertheit und die Gnadenlosigkeit einer Wahrheit, basierend auf zwiespältigen Gefühlen, denen die Protagonistinnen – mitunter unwillentlich – ausgeliefert sind, die Eileen Chang wohl im chinesischen Kulturraum zu einer irisierenden Kultautorin stilisieren.

Eileen Chang: Klassenkameradinnen. Aus dem Chinesischen von Susanne Hornfeck und Wang Jue, Ullstein Verlag, 96 Seiten, 2020, 18 Euro

Von Mohn und Farn

Mohnblüte I

Anfangs hielt ich es für die Erinnerung an ein Origami,
was da unter dem Dachvorsprung über dem Wasser hing und mir zufällig in den Blick geriet.
Doch bevor ich genauer hinsah, verwandelte es sich
in den Ton einer Zither, wie eine Feder über dem Ort des Abschieds schwebend,
die ein Vogel im Flug unabsichtlich fallen ließ.
Tief ins Herz des Sängers drang er, hingetuscht und eingesickert.
Oder es war ein Schmetterling, der sich, ins Leben zurückgekehrt,
frisch wie unerschöpfliches Blut im Wimpernschlag zur Reinheit wandelte,
zu einem das Auge blendenden Rot.

Der taiwanische Schriftsteller Yang Mu gilt als erster Dichter von Rang, der seine Herkunft und Identität, aber auch seine Zerrissenheit in seinen Gedichten anklingen lässt. Als er im März 2020 starb, veröffentlichte die Taipei Times einen Nachruf auf den Autor. Eine seiner Lebensfragen hängt seither über meinem Schreibtisch: „How to get involved without being swallowed?“

Nun kam ein Band mit seinen letzten Gedichten heraus, Lange und kurze Balladen, übersetzt von Susanne Hornfeck und Wang Jue. Ich fragte die beiden nach den frühen und späten Gedichten des Autors, der auch Essays schrieb – zu Dt. Die Spinne, das Silberfischchen und ich -, und nach den Herausforderungen, will man chinesische Lyrik übersetzen.

Veröffentlicht ist das Interview auf literaturblatt.ch.

Taiwan – Rückblick und Ausblick

Was weiß man über Taiwan, wenn man überhaupt etwas weiß? Selbst für mich als Sinologin war der Einstieg nicht ganz einfach, mit nichts zu vergleichen, mit keinem Land, das ich kenne. Selbst wenn das Vergleichen selbstredend zu unterlassen ist, drängt es sich anderswo doch regelrecht auf.

Die Radiojournalistin Bihui Chiu befragte mich zu meinen Eindrücken, z.B. zur Rolle der Frauen in Taiwan. Und ob es bei all meinen positiven Schilderungen nicht auch eine Schattenseite gäbe.

Zum Radiointerview.

Bilder von einer Lesung in Taibei

Armut in Boomtown Taibei

Wer an Taiwan denkt, dem fallen vielleicht die Shoppingmalls und der 101-Tower ein, der denkt an Wirtschaftsaufschwung und Computertechnologie.
Obdachlosigkeit aber? Auf der Suche nach Arbeit ziehen die Menschen in den Norden der Inselrepublik Taiwan, doch der Hauptbahnhof ist für einige der Anfang vom Ende. Eine Stadtführung durch Hidden Taibei.
Der Artikel ist nachzulesen in der aktuellen Ausgabe (Nr. 478) des Strassenmagazins Surprise.

Lebendige Literaturszene …

… in Taibei

Das öffentliche Leben in Taibei kommt wieder in Gang, damit gibt es auch wieder Lesungen in den Buchhandlungen, teils rund um die Uhr – wie bis vor Kurzem im Eslite-Buchkaufhaus in Dunnan.
Auch der Hongkonger Buchhändler Lam Wing-kee, der 2015 nach China entführt worden ist, hat kürzlich einen neuen Buchladen in Taibei eröffnet, was viel Aufsehen erregt hat.

Was ist vor Ort tatsächlich zu beobachten?, fragt mich die Literaturredakteurin Katharina Borchardt in einem Radio-Interview.

Nach. Corona.

Der Raumduft überlagert das Desinfektionsmittel
auf der Treppe nach unten in die Jazz-Bar.
Wie vor 30 Jahren, als ich in ebensolch obskurem Licht
an einer Theke stand. Ginza.
(Der Mann mit sorgfältig gekämmtem grauem Haar,
die Chefin brüsk und geschäftstüchtig.)
Ein vierköpfiges Jazz-Ensemble auf der Bühne.
Sieben im Publikum.
Die Zeit danach hat begonnen.