Mauerläufer und Krisen und Magie

Auf der Mauer laufen

Lektürenotiz zur aktuellen Ausgabe der Literaturzeitschrift Mauerläufer

Es gibt sie noch, es gibt sie wieder – dabei wird ihre Existenz und Notwendigkeit stets bezweifelt: die Literaturzeitschriften. Im literaturport sind sie aufgelistet, nur jene mit einem roten Querbalken wurden eingestellt. Der Mauerläufer gehört nicht dazu, er rennt schon seit mehr als zehn Jahren gegen Trends und Mauern an. Auf der Website ist folgende Selbstäußerung zum Heft und Vogel zu finden: „Obwohl er erstens nicht auf Mauern läuft, sondern Felswänden und zweitens überhaupt nicht läuft, sondern hüpft (…), erklärt er damit seine Zugehörigkeit zu jenen, die wirklich auf Mauern laufen, damit solch zweifelhafte Bauwerke, die statt Gemeinsamkeit Trennung zum Ziel haben, nicht nur über-, sondern auch unterlaufen, er zeigt seine Geistesverwandtschaft mit allen, die sich für eine Heimat im „Dazwischen“ entschieden haben.“

Zwischen Krisen und Magie fallen auch die Texte in der aktuellen Ausgabe, so lautetet jedenfalls das Thema. Weil Krisen so leicht überblättert werden, weil wir uns warm anziehen sollten, weil nur Magie noch hilft – so vielleicht? Und so ähnlich jedenfalls im Editorial.

Schwer lässt sich so ein literarisches Jahresheft, lassen sich mauerlaufende Texte auf einen Nenner bringen, deshalb greife ich zur List der Listung und einigen wenigen Erwähnungen (den Seitenzahlen entlang), die weniger stellvertretend stehen, vielmehr die Bandbreite aufzeigen.

Klaus Reinhard Oehler in „Vogelhäuser“ – die Ahnung einer gewaltvollen Kindheit, „ein Krach in der Nacht“ und ein abgerissener Mercedesstern.

Oliver Gassner zerlegt „Im Wald“ die Demokratie – weil die Gierung die Tauschdings an sich gerissen hat.

Martin Stockburger scheitert in rhythmisierten Fragen und Antworten in „Schöne Bilder“.

Ruth Erat tappt in „Ja, ach ja, wir, ach, wir“´durch ein Land, wo aus Holz Wegwerfmöbel gemacht werden, dagegen hilft kein Abrakadabra.

Chris Inken Soppa verlässt in „Zwei Ringe“ ein unterlegenes Land, nur wird sie anderswo glücklicher? Und bezahlt dafür bis ans Lebensende.

Zu einem Schmuckeremit verhilft Matthias Ach in „Behausungen“ einem Hausbesitzer, der einen Gärtner sucht und stattdessen einen meditierenden Verrückten beherbergt.

Chandal Nasser berichtet in „Gott spielen“ aus dem Innern eines Glascontainers.

Natur ist eben nicht nur schön, stülpt dem Menschen das Widerborstige nach außen – so in Christine Zureichs „Bewildern“.

Jürgen Wenig folgt: „Meine Mutter hat gesagt“, er solle was rechtes lernen, also legt er sich hin und steht nicht mehr auf, nur dem Opa hätte es gefallen.

Bernd Storz wendet in „Beständigkeit“ einen Lachs in einer faschistischen Pfanne.

Niels Zubler stellt sich in „Bestien“ die Frage, ob der Mensch tatsächlich von Grund auf Böse ist, wie die „fabel-parabelhafte“ Räbin überlegt?

Dass Texte im Mauerläufer zwei- und dreidimensional wirken, ist dem Grafiker Ralf Staiger zu verdanken, jede Doppelseite ein gestalterisches Erlebnis, jeden Text fasst er neu an. In dieser Ausgabe führt die Abteilung „Ein Birnbaum stand in einer fremden Heimat“ mit cut-ups und black-out-Texten diesen mutwilligen Gestaltungsdrang weiter.

Regional radikal randständig: Was braucht es mehr in Zeiten wie diesen?

Zu beziehen sind die Mauerläufer über diese Website oder diese Buchhandlungen.

Weitere Hinweise auf Literaturzeitschriften:

Eine Rezension in Orte:

Und noch eine zu Walle Sayer:

Mein Flusspoem in der Zeitschrift Am Erker

Im Schein der Pfütze, blauer Buchumschlag

Eine Pfütze erzählt

Lektürenotiz zum zweibändigen Familienroman von Jimmy Brainless

Im­ Schein­ der­ Pfütze und Im Spiegel der Ahnen ist ein Kaleidoskop an Geschichten und Menschen, das drei Generationen und zwei Kontinente umspannent. Da habe ich mich gefragt, wie man in so einem jungen Leben gleich so ein monumentales Werk schreiben kann?
„Es hat recht harmlos damit angefangen, dass ich einen meiner Onkel in Taiwan nach seiner Vergangenheit befragt habe. Da sind recht verrückte Dinge dabei herausgekommen, bei denen ich mir gedacht habe, ich notiere sie mal sicherheitshalber – wer weiß. Spannend ist es dann geworden, als ich andere Familienmitglieder auf seine Erlebnisse angesprochen habe und diese mir ganz andere Varianten derselben Geschichte erzählt haben. 
Gleichzeitig habe ich begonnen, mich mit der Geschichte Taiwans auseinanderzusetzen und habe bemerkt, dass es sich hier ähnlich verhält: Je nachdem, wen man befragt, bekommt man unterschiedliche Versionen zu hören. 
Dieses Gegenüberstellen von Wahrnehmungen – im Kleinen als auch im Großen – hat mich als Thema sehr gereizt. Und es hat mich genervt, dass Taiwan in den Medien oft nur in bestimmten Kontexten genannt wird. Dieses Framing entspricht der dort vorherrschenden Vielfalt an Kulturen und Sprachen einfach nicht.“

Ein wenig langatmig, manchmal sprunghaft wird von familiären Verwicklungen erzählt; dienlich ist das Lesezeichen mit dem Stammbaum, das als Orientierung hilft. Immer wieder und wie um sich zu vergewissern, telefoniert der junge Ich-Erzähler Simon mit seiner Schwester Lupida in Wien, die nicht so ganz nachvollziehen kann, warum der Bruder sich so tief in die Familiengeschichte vergräbt. Daneben gibt es noch eine zweite perspektivische Unterbrechung, nämlich eine Pfütze. Wie in eine Gehäuseschnecke zieht sich der Erzählstrom hier zurück. Die vermeintlich objektive Instanz wird zur Familienhistorie befragt, eine raffinierte Erzählstrategie.
Wie kam es zur Idee der Pfütze?
„Weil ich mich mit unterschiedlichen Wahrnehmungen befassen wollte, habe ich nach einer unzuverlässigen Erzählerin gesucht. Da schien mir die Pfütze sehr geeignet, denn je nachdem, aus welcher Perspektive man auf sie schaut, spiegelt sie etwas anderes wider. Das Wasser an sich und die verschiedenen Aggregatzustände, die es annehmen kann, haben mich ebenso fasziniert. Und auch, welche Facetten das Wasser sprachlich bietet. Sei es der „Lesefluss“ oder der „Gedankenstrom“. Oder wenn zwischen Fremden erstmal das Eis gebrochen werden muss.“
Ist Jimmy Brainless ausgezogen, über Taiwan zu schreiben, seine Familie, das Meer, die Furcht vor dem Wasser der Inselbewohner? – um nur ein Detail zu nennen.

„Nur knietief dürft ihr ins Wasser“, hat man uns immer gesagt.

„Wenn ihr weiter hineingeht, schnappt euch eine Strömung, die reißt euch in die Tiefe und lässt euch erst wieder vor der japanischen Küste auftauchen.“

„Das klingt super“, sage ich, als ginge es um ein Angebot, das ich gern wahrnehmen möchte. „Ich bin noch nie in Japan gewesen.“

An einer Stelle ist vom Placebo-Menschen die Rede. „Du tust widerspenstig, aber am Ende gibst du doch immer die Pfote.“ Diese doppelbödige Placebo-Mentalität ist fast wie eine Grundierung des Romans, denn keine Personen ist die, die sie zu sein vorgibt, stets schwingt die Vergangenheit subkutan mit und drückt mit Gewalt nach oben.

Nach der Ankunft in Tainan, woher die Familie von Jimmy Brainless stammt, fragt sich der Erzähler Simon: „Wohin hat es mich verschlagen?“ Wo steht wohl der Autor selbst?

„Ich habe auf meiner letzten Lesereise in Taiwan sehr vehement behauptet, dass ich meinen Platz gefunden habe und die Unentschlossenheit meines Protagonisten Simon definitiv nicht teile. Und zu diesem Zeitpunkt hat sich das auch sehr richtig angefühlt. Dann bin ich wieder nach Wien geflogen und hab mir gedacht: Oh je. So einfach ist es vielleicht doch nicht … 
Ich bin also noch dabei, herauszufinden, wo mein Platz ist. Denn obwohl ich in Wien lebe, ist Taiwan ein wichtiger Teil meines Lebens – ich habe Familie und Freund:innen dort, die meine Mentalität geprägt haben und ich fühle mich der Kultur sehr verbunden.“

Jimmy Brainless: Im Schein einer Pfütze und Im Spiegel der Ahnen. Müry Salzmann Verlag, 2025

Weitere Familienroman aus Taiwan und anderswo:

Landschaft unter Wolken La Brevine Jura

Flirrendes

Lektürenotiz zum Erzählband Blumen ohne Gewähr von Niels Zubler

Auch solche Bücher muss es geben, die stillen, nachdenklichen und sich im Skurrilen verlierenden. Im Gehen auch, denn gegangen wird viel in diesen Texten, durch Gelände und Dörfer, es werden Berge und Meere überquert. Auch gedacht wird viel, über das Leben in einer Rückschau, von einem Dazwischen aus zurückblickend, um einen nächsten Schritt zu tun, Umbruch oder Aufbruch? Gleichwohl stellt Niels Zubler die eigenen Erinnerungen infrage, denn: „Dem Autor ist nicht immer klar, inwiefern sie der damals erlebten Realität entsprechen.“ Ja, von Kindheit könnte die Rede sein, traumähnlich wirkt so manche Szene in der Abteilung „Ohne Gewähr“. Wie durch ein Milchglas scheinen die Kindheitserinnerungen auf.

Die detailreichen Beobachtungen – zum Beispiel in „Die japanische Uhr“ – führen hin zu recht einsamen Menschen, vor allem Männern, seltsame Kauze gar. Andererseits scheint das sich Herausnehmen aus der Gesellschaft, die selbstgewählte „distinguierte Einsamkeit“ wie eine Freiheit. Vorsichtige Annäherungen oder gar ein Miteinander enden oft glücklos, im Falle einer Sohn-Vater-Beziehung sogar mit Gewalt und Tod. Gründe, Erklärungen werden nicht gegeben.

Realitäten werden überblendet, das macht neugierig, wie es wohl enden wird, denn irgendwann „dreht sich im Kreis / immer schneller …“ Die preisgekrönte Erzählung (1. Platz beim IBC Kurzgeschichtenwetttbewerb) „Bestie“ endet mit dem Tod auf dem Schlachtfeld. Woher rühren die Geschichten, woran rühren sie, die auf Sinnoffenes verweisen? Oder liegt genau darin ihr widerständiger Charakter? (In „Neu York“ ist die Rede von einem Pferd, das in einen Transporter gezerrt wurde – „Als Ross, das man einspannen konnte, kam es zurück.“)

Das Skurrile kippt ausgerechnet in der brav „Blumen“ genannten Abteilung ins Ernste, denn dort geht es um alles: Morde, Moorleichen, vermisst, verschwunden – die Texte verschlingen sich ineinander, manchmal überstrapazieren sie das gewöhnliche Leseverständnis und zwingen zum Zurückblättern, manche Verschlingung wirkt eher gewollt als raffiniert. Die Natur ist bloß Kulisse für menschliche Abgründe, so scheint es, denn wenn Menschen in der schönen Natur morden, wozu ist er dann noch fähig? Doch, halt, einmal sind die Feuerlilien Brandherde. Das Wetter bricht ein, Wasserläufe trocknen aus – Zeichen dafür, dass die Texte im Hier und Jetzt angesiedelt sind? Wie dem auch sei, eine Räbin sieht es so: „Ihr Menschen seid Bestien.“ Ihr Gesprächspartner verteidigt sich. „Der Krieg macht uns dazu.“ Doch die Räbin widerspricht: „Ihr müsst es schon vorher gewesen sein.“

Am besten, wir halten es bei dem Versuch, diesen Geschichten auf die Schliche zu kommen, mit dem Karpfen: „Ein weissrot gefleckter Karpfen schwimmt in seinem Teich und fragt sich, wie er es deuten soll, dass die Erinnerungen wie Traumbilder sind, ganz ohne Gewähr.“

Niels Zubler: Blumen ohne Gewähr. Edition ensemble, 110 Seiten.

Weitere Hinweise auf Erzählbände:

Schwanentage

Klasse(n)

Lektürenotiz zu Schwanentage von Zhang Yueran

Ein Kindermädchen entführt einen Jungen, auf den sie eigentlich aufpassen soll. Doch da erfährt sie, dass der Vater und Großvater wegen Korruptionsverdacht verhaftet wurden. Wer soll nun das Lösegeld bezahlen, zumal auch von der Mutter jede Spur fehlt?

Dumm gelaufen, wie so vieles in Yu Lings Leben. Der neue Freund hat es womöglich nur auf ihr Geld abgesehen, und weil sie einmal unnötigerweise zu viel Schuld auf sich genommen hat, kam sie ins Gefängnis. Das liest sich glatt und ist es doch nicht, denn Yu Ling ist eine ambivalente Figur: Mal begehrt sie auf – wenn auch nur insgeheim und in ihren Selbstgesprächen -, mal suhlt sie sich in ihrer Opferrolle und im Selbstmitleid, was ihr immer wieder zum Verhängnis wird; bis ganz zuletzt. (Man mag darin eine andere Figur wiederkennen, den Kurier Hu Anyan in Ich fahr Pakete aus in Peking, und das Phänomen „juǎn“ 卷 – so etwas wie Erschöpfung. „In China muss man ständig auf Hochtouren laufen, um mitzuhalten.“) Einzig zu dem Jungen Kuan Kuan, verwöhntes Bürschen einer neureichen Familie, entwickelt die resignierte Haushälterin eine innige Beziehung, auch wenn ihr bewusst ist, dass sie eines Tages vergessen sein wird.

So ruppig wie Yu Ling wirkt, so verhärtet scheinen auch die anderen Protagonistinnen – die Personal Trainerin Xiaomin zum Beispiel oder die Mutter und Ehefrau Qin Wen, die sich als Künstlerin verkannt fühlt. Eine Bandbreite von sich widersprechenden Gefühlen wird hier en detail ausgebreitet, die behauptet werden, sich allerdings nicht unbedingt aus der Geschichte heraus entwickeln, fast wirken all die Personen deshalb konstruiert. Karin Betz hat indes einmal mehr sich nicht davon beirren lassen und diesen Roman überzeugend übertragen.

Gleichwohl gibt dieser unkonventionell geschriebene Roman einen wichtigen Einblick in Verhältnisse, die von Klassenzugehörigkeit bestimmt werden (sehr zu empfehlen sind in diesem Zusammenhang auch die Gedichte von Zheng Xiaoqiong Erzählung von den Konsumgütern), und das macht ihn wiederum spannend. Denn Schwanentage könnte genauso gut an der Schweizer Goldküste spielen oder überall dort, wo ökonomisch bedingte Ungerechtigkeiten schwärende Wunden schlagen, die irgendwann einmal aufbrechen.

Zhang Yueran: Schwanentage. Aus dem Chinesischen von Karin Betz. Ecco, 2025, 224 Seiten

Weitere Beiträge zu Literatur aus China:

Bücher gestapelt

Lyrik aus Taiwan …

… ist im deutschsprachigen Raum nahezu unbekannt, von vereinzelten Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften einmal abgesehen und den Lyrikbänden von Yang Mu, Cheng Chiung-ming sowie Tsai Wan-Shuen.

Daher werde ich in unregelmäßigen Abständen Gedichte von Lyrikerinnen – gelegentlich auch Lyrikern – aus Taiwan publizieren und hier die einzelnen Verweise auflisten, sodass im Laufe der Wochen, Monate und Jahre vielleicht ein kleiner Einblick, bestenfalls eine kleine digitale Lyrikbibliothek ensteht. (Über das Übersetzen von Gedichten sprach ich übrigens mit Radio Taiwan International, das Gespräch ist hier nachzuhören.)

Chen Yuhong: „Lass den Regen“ (讓雨) und „Wasserschlange“ (水·蛇). Poesie.xyz. Magazin für Gedichte

Forest Lin: „Teilbetrachtung“ (觀看的局部), „Moos“ (苔蘚), Poesie.xyz, Magazin für Gedichte

Lin Wei-Yun. „Wald“ (林), „Wandel“ (变化) und „Kriegszeiten“ (戰時). Signaturen. Forum für Autonome Poesie; „Regenschirm“ (雨傘), „Hoffnung“ (希望) und „Mauer“ (牆)) auf Poesie.xyz, Magazin für Gedichte

Ling Yü: „Holzpuppe“ (木頭人) und „Lass uns versöhnen“ (我想和你和好) auf Poesie.xyz, Magazin für Gedichte

Maniniwei: „Gedichte schreiben und Boden putzen“ (寫詩和拖地) und „Soll ich Dir von meinem Leben erzählen?“ (要不要跟你說我的生活), Poesie.xyz. Magazin für Gedichte

Tsai Wan-Shuen: „Mir träumte von Zikaden“ (我夢見一些蟬), Aus dem Alltag. Die Welt ist eine Laienbühne. „Zeichen aus dem Meer“ (海的字的魂魄) und „Wilde Insel“ (野島) auf poesie.xyz. Magazin für Gedichte

Ye Mimi: „Wie schwarz denn noch?“ (還有多黑), „Schlaflos verwelken“ (眠花謝光了) und “ „Du liebst nicht das, was ich liebe“ (你的喜歡有關無關我的喜歡), Poesie.xyz. Magazin für Gedichte

Seit Neuestem sind auf lyrikline.org poetische Stimmen aus Taiwan nachzulesen und zu hören, ein längst überfälliges Projekt, darunter sind auch einige Übersetzungen von mir, z.B. von Chen Yuhong, Ye Mimi und Hung Hung.

Weniger virtuell, dafür umso schöner:

Im März 2026 sind zwei Gedichte von Zhuxuederen in der österreichischen Literaturzeitschrift Mosaik – „Blumen für den Busfahrer“ erschienen. „Der Dolmetscher der Fische“ und „Mensch ohne Regen“.

In Zusammenarbeit mit dem Jazz-Festival Willisau entstand 2026 eine neue Ausgabe der Literaturzeitschrift Orte, die u.a. zwei Gedichte des taiwanischen Lyriker Hung Hung enthält. „Blue Note“ und „Pechschwarzer Feuertopf“.

Buddhastatue auf Buchumschlag mit dem Titel "Jenseits der Dinge"

Einatmen – ausatmen …

… wie soll das gehen, wenn alle rundherum nerven?

Eine Rezension über den Roman Jenseits der Dinge von Vera Hohleiter

In einem Schweizer Großraumbüro soll ein koreanischer Mönch durchleuchtet werden, um nachzuweisen, dass Menschen, die meditieren, resilienter sind und weniger anfällig für Manipulation.

Oona, Neuropsychologin, ist schon fast besessen von diesem Gedanken, der leicht in einen Selbstoptimierungswahn kippt: um sich zu spüren, lässt sie ständig ihr Gummiarmband gegen ihr Handgelenk schnalzen, das soll sie zudem von negativen Gedanken ablenken und helfen, sich aufs Jetzt zu konzentrieren.

Als Sponsor Q, Besitzer der WellnessApp SoS (für Menschen, die unzufrieden sind mit sich selbst und für alles eine Anleitung brauchen), sich als Beobachter der Studie aufdrängt, ahnt Oona schon, dass er das Experiment gefährdet und damit ihre Karriere.

Der in sich ruhende Mönch Jibong ist indes beseelt von dem Gedanken, mit dieser Studie die koreanische Schule des Buddhismus Seon – dem Zen verwandt, der im Westen um einiges populärer ist – genau so bekannt zu machen wie K-Pop.

Die Autorin Vera Hohleiter kennt Korea aus eigener Erfahrung, hat mit den Schattenseiten der Gesellschaft Bekanntschaft gemacht, die hier und da im Roman aufleuchten. Und sie gibt den Leser:innen eine Lesehilfe an die Hand, damit sie die Namen der koreanischen Wörter korrekt aussprechen.

Die ganze Rezension ist in der WOZ nachzulesen.

Vera Hohleiter: Jenseits der Dinge. Edition Bücherlese, 2025, 240 Seiten

Lesung am 6.3.2026 mit Vera Hohleiter im Atelier für Kunst und Philosophie, Zürich.

Gespräche über Bäume

Bäume und Schweigen

Rezension zu der Lyrik-Anthologie Gespräche über Bäume

Wer kennt sie nicht, die vielzitierte Aussage von Bertolt Brecht, wonach das Sprechen über Bäume beinah ein Verbrechen sei? Wo doch gerade in Zeiten der Klimakrisen das Sprechen und Schreiben über Bäume existentiell ist? Weiter geht das Zitat: „Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!“ Gegen dieses Schweigen schreiben im Gedichtband Gespräche über Bäume Lyrikerinnen und Lyriker an, denn: „Lyrik ist eine Haltung“.

Die ganze Rezension ist in der aktuellen Ausgabe der Orte-Literaturzeitschrift zu lesen.

Gespräche über Bäume. Gedichte zur Demokratie. In Zusammenarbeit mit dem PEN-Zentrum Deutschland, herausgegeben von Hubert Klöpfer und Thomas Weiß. Kröner Edition Klöpfer, 2025, 166 Seiten

Das letzte Viertel des Mondes, Sonnenuntergang, Rentier

Die Ewenken: eine Nomadin erzählt


„Ich bin eine langjährige Vertraute des Regens und des Schnees“ – so beginnt die namenlose Erzählerin, Witwe des letzten Häuptlings ihres ewenkischen Stammes, die Geschichte ihres Lebens und gleichsam ihres Volkes zu erzählen.
Die Ewenken, Jäger und Rentierzüchter, einst aus Sibirien vom linken Ufer des Amur vor russischen Übergriffen auf die rechte Seite des Flusses gezogen, leben heute in einem Siedlungsgebiet aufgeteilt zwischen Russland, der Mongolei und China.
Die han-chinesische Autorin Chi Zijian lässt eine 90-jährige Frau an nur einem Tag das schicksalvolle Leben Revue passieren und schreibt mit Das letzte Viertel des Mondes eine Art ethnografischen Roman.

Die ganze Rezension ist in der NZZ nachzulesen.

Chi Zijian: Das letztes Viertel des Mondes. Aus dem Chinesischen von Karin Betz. Blessing-Verlag 2025, 416 Seiten

Weitere Rezensionen zu Büchern aus den Randregionen Chinas:

https://www.literaturfelder.com/uigurische-notizen
Drei Arten Papierdrachen zu falten Tibetische Gebetsfahnen vor Schneebergen

Tibet: Wahrheit und Fiktion

Eine Lektürenotiz

Eine Expedition macht sich auf, im tibetischen Hochland den Yeti zu finden. Besuch in einem Lepradorf. Chinesische Abenteurer, die das Fremde und Exotische im eigenen Land suchen. Postmoderne und Künstlermilieu in Lhasa in den 80er Jahren: Das ist der Stoff, aus dem die Erzählungen in Drei Arten, Papierdrachen zu falten von Ma Yuan sind

„Wenn Leute aus dem Kernland nach Tibet kommen oder Ausländer hierher reisen, dann erscheint ihnen nach der Ankunft zunächst alles frisch und neu: wie die Tibeter Kotaus machen und ihre Gebetsrunden drehen, wie sie in den Tempeln Yakbutter und Geld opfern; die kleinen Händler auf dem Barkhor und die Betenden, die ihre Sutras rezitieren; die Steinmetze am Fuß des Potala-Berges; die buddhistischen Sutras in Steinplatten meißeln, und die in den Fels gehauenen Götterfiguren […] Die Neuankömmlinge schauen sich alles an und machen mit ernster Miene Fotos […] Aber das Entscheidende ist, dass es sich überhaupt nicht um etwas Neues und Frisches handelt, denn die Leute hier leben schon seit vielen tausend Jahren so. Wenn die Dinge den Außenstehenden neu und frisch erscheinen, dann liegt das bloß daran, dass sich das Leben hier so stark von ihrem eigenen unterscheidet.“

Doch wie schnell nutzt sich das Neue, das Exotische ab, wenn Neuankömmlinge oder, wie in diesem Erzählband, han-chinesische Intellektuelle auf der Suche nach dem ultimativen Kick durch Tibet reisen? So wie die Freunde in „Die Verlockungen von Gangdise“, die einer tibetischen Himmelsbestattung beiwohnen wollen, obwohl sie genau wissen, dass sie damit ein Tabu brechen – ähnlich wie die Touristen aus Hongkong, die zeitgleich zur verbotenen Himmelbestattung reisen möchten.

Allen Texten gemein ist das postmoderne Verwirrspiel zwischen Wahrheit und Lüge, so die Herausgeberin und Übersetzerin Julia Veihelmann. Mal widersprechen sich die Figuren, die Figuren der Handlung, Zeitebenen verwirren sich und löschen sich gegenseitig aus, denn was ist schon gestern, heute und morgen? So hyperrealistisch die Erzählungen aufgrund einer verblüffenden Detailtreue wirken, so führt der Erzähler damit doch nur auf eine falsche Fährte und mokiert sich über die politischen Gegebenheiten, denn was Machthaber uns weiß machen wollen, ist noch längst nicht Weiß, wer Wahrheiten vortäuscht, muss mit Entlarvung rechnen. Dieses Lektürespiel ist erfrischend, wenngleich gewagt, denn nicht immer ist Ma Yuans postmodernes Vexierspiel verständlich, das zwischen Maoismus und Kommerzialisierung, einem kleinen Zeitfenster in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre, möglich war. Davon zeugt auch der Erzählband An den Lederriemen geknotete Seele

So sitzt Ma Yuan, selbst ein han-chinesischer Intellektueller aus dem fernen Nordosten Chinas, der Provinz Liaoning, zwar zwischen den Stühlen, spielt dieses Dazwischen indes literarisch raffiniert durch. In Lhasa, Hauptstadt Tibets, versammelten sich in den 80er Jahren etliche han-chinesische Intellektuelle, zum einen waren sie der eigenen nach-kulturrevolutionären und noch immer oder wieder konfuzianisch geprägten Gesellschaft überdrüssig, zum anderen faszinierten sie die fremden und, aus ihrer Sicht, rohen Bräuche. Sie wussten wenig über Tibet, was sich vor allem in den Kunstproduktionen jener Zeit zeigt: verkitschte Darstellungen von Tibetern, die im Schneesturm nach ihren Yaks suchen, freizügige Tibeterinnen, Wildheit und Schroffheit auf die Leinwand gebannt und abgereist. Doch bis heute stehen sich die chinesische Besatzermacht und tibetische Bevölkerung gegenüber, mal mehr, mal weniger versöhnlich. Was die Figuren in Ma Yuans Erzählungen auch unternehmen, dazu gehören sie nie.

Ma Yuan: Drei Arten, Papierdrachen zu falten. Aus dem Chinesischen von Julia Veihelmann. 340 Seiten, Arco-Verlag

Eine weitere Erzählung, „Himalaya-Ballade“, von Ma Yuan ist in dem Erzählband Himalaya fürs Handgepäck zu lesen.

Container gestapelt Erzählung von den Konsumgütern

Alle haben ein Recht auf Gedichte

Eine Rezension von Peggy Kames

„Erzählung von den Konsumgütern“ – der Band heißt, wie sein erstes Gedicht, Erzählung, und ist somit auch als Einladung zu verstehen an all jene, die lieber keine Gedichte lesen. Die Gedichte gehen uns indes unmittelbar an, auch wenn sie aus dem vermeintlich „fernen China“ stammen, weil es unsere globalisierte Welt ist, die da beschrieben wird. Zheng Xiaoqiong, 1980 in Sichuan geboren, ging 2001 als Wanderarbeiterin nach Dongguan, wo ihre ersten Gedichte entstanden, wo „sie eine Freifläche aus ihrem Körper [holt], in der sie Gesundheitsschäden und Wut vergräbt, in die sie helle Wörter pflanzt […]“ (S.65)

Ihr erster, viel beachteter Gedichtband Das Buch der Arbeiterinnen (女工记) gab den bis dahin anonym gebliebenen Wanderarbeiterinnen eine Stimme. Als sie 2007 überraschend den Liqun-Lyrikpreis erhielt, wuchs ihre Popularität. Die Gedichte aus den Warenfabriken, die Porträts der Wanderarbeiterinnen, wie sie selbst eine war, machten sie zur Wortführerin einer Poesierichtung. Inzwischen lebt sie als freie Autorin und Mitherausgeberin eines Literaturmagazins, sitzt „versunken in einer Stadt im Süden und [schreibt] die Strophen und Balladen des Industriezeitalters.“ (S.23)

Die vorliegende Auswahl aus dem Gesamtwerk ist Zheng Xiaoqiongs erste Buchveröffentlichung auf Deutsch. Sie wurde von Christian Filips zusammengestellt und den Dichterinnen und Sinologinnen Sara Landa, Maja Linnemann, Eva Schestag und Lea Schneider übersetzt.
Einige der Gedichte erschienen bereits 2016 auf Deutsch in der von Lea Schneider zusammengestellten und übersetzten Anthologie neuer Lyrik aus der Volksrepublik, Chinabox. 2018 war Zheng Xiaoqiong zu Gast beim Poesiefestival und 2023 auf der Poetica 8, „Das chorische Ich. Writing in the name of …“, kuratiert von Christian Filips, dem Herausgeber des vorliegenden Bandes. Zu hören ist die Lyrikerin übrigens auf www.lyrikline.org, ein besonderes Erlebnis, da sie Rhythmus und Tempo stets variiert und dadurch die Kraft, Unmittelbarkeit und selbst Zartheit der Gedichte – nicht zuletzt durch ihren weichen Sichuan-Dialekt – auch jenseits des Verstehens der Sprache erfahrbar macht.

Die „Stacheln [der Sprache] sind aufgestellt und stechen in dieses weiche Zeitalter“ (S.17). Manchmal stechen sie auch in meinen Lesefluss, ich stoße mich an Worten wie „Venusse“ und daran, dass in der Werkstatt geschleift und nicht geschliffen wird. Zheng Xiaoqiong verwendet wiederholt den Begriff der Zeit und des Zeitalters als etwas Vorübergehendes, Veränderliches und tröstet damit letztlich den Leser ob der beschriebenen Düsternis mit Wandlung und Wiedergeburt: „Wenn die Epoche mich als Ausschussware deklariert,/ dann werde ich ins Feuer zurückkehren, mich in eine Form pressen, in spitze Nägel zerlegen und sie in die Wände der Epoche schlagen“, heißt es im Gedicht „Zum Abriss freigegeben“ (S.21). Die Möglichkeit einer Veränderung sieht sie jedoch nicht.
Sie schreibt über den Alltag der unteren sozialen Schichten, der Arbeiterinnen, der Abgehängten, schildert Orte ihres Alltags in stakkatoartigen Aufzählungen, steckt fest zwischen Ohnmacht und Aufbegehren, beschreibt in wiederkehrenden Bildern das 21. Jahrhundert,/ diese staubgraue Maschinerie, aus der gefällte Litschiwälder/ herabstürzen […]“. Leider fehlt dieses Klappentextgedicht im Buch selbst.
Im letzten Teil „Fußgänger-Himmelsbrücke“ verdichtet sie Gehörtes, Gesehenes, Gelesenes zu einem Crescendo. Zheng Xiaoqiongs Poesie ist Aufschrei, sie deckt auf und klagt an, sie wünscht sich, „dass mehr Schreibende ihre Arbeit mit dem Kampf der Schwachen verbinden, mit den Machtlosen, deren Stimmen nicht hörbar sind.“ (S.174) Ihre Gedichte knüpfen an Traditionen der Arbeiterliteratur, führen uns hin zu den Schmuddelecken. Sie erzählt von einer unterrepräsentierten, von vielen ignorierten Seite unseres 21. Jahrhunderts.

Allerdings vermisse ich Angaben zu den Gedichten. Wann und wo wurden die Originale veröffentlicht? Wurden sie es überhaupt? Diese Information hätte dem Buch gutgetan, wurden nun auf dieser Website nachgereicht.

Unbedingt lesenswert ist diese Lyrikanthologie allemal! Denn: „Alle haben ein Recht auf Gedichte“, erklärt die Autorin in einem Interview, ebenfalls abgedruckt im Band.

Zheng Xiaoqiong: Erzählung von den Konsumgütern. Gedichte. Aus dem Chinesischen übersetzt von Sara Landa, Maja Linnemann, Eva Schestag, Lea Schneider und Christian Filips (Hrsg.), zweisprachige Ausgabe Chinesisch und Deutsch, Reihe Poesie Dekolonie, Bd. 3, Engeler Verlage, Schupfart und Berlin 2025.

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