Klause der Illusionen

In die Hügel, dem Wasser lauschen

„Mein Leben fühlt sich leicht an“, schreibt der japanische Haiku-Dichter Matsuo Bashô (1644–1694); es braucht wenig mehr als eine spartanische Hütte, so der Laienmönch Kamo no Chômei (1153–1216). Und Bai Juyi (772–846), einer der bedeutendsten Dichter der chinesischen Tang-Zeit, betrachtet die Felsen und Wolken wie ein Wunder ohne Ende. Ihnen gemeinsam ist der Rückzug aus der Gesellschaft und die stille Kontemplation der Natur.

Die Rezension zum Buch Klause der Illusionen ist in der Neuen Zürcher Zeitung nachzulesen.

Singapur: wie geht ein zweckfreies Leben?

Eine Lektürenotiz: Der Literaturlehrer Sukhin stolpert nicht nur ziemlich zweckfrei und sinnentleert durch sein Leben, sondern eines Tages über einen Haufen Karton. Als eine Gestalt auf ihn zukommt, erschrickt er. Die Obdachlose ist Jinn, seine Freundin, die vor Jahren spurlos verschwand.

So beginnt dieser Roman aus Singapur und durchschreitet mit seltenem Humor gesellschaftliche Barrieren. Nachdem sich Jinn wieder in Sukhins (Gedanken-)Welt einnistet, versucht er vorsichtig herauszufinden, warum sie damals das Leben in einer wohlbehüteten Umgebung als Tochter eine wohlhabenden Familie aufgeben und ihn verlassen hat. „Er fragt sich, wo sie gewesen ist, aber er wird sie nicht fragen.“ Die geliebte Großmutter habe ihr völlig unverhofft die halbe Bäckerei und das gesamte Vermögen vermacht, erzählt sie ihm peu à peu, weshalb die Familie sich von ihr distanzierte und Jinn den Boden unter den Füßen verlor. „Und dann fing mein Verstand an, sich selbstständig zu machen.“ „Wo ist er hingegangen?“ „Ach, an alle möglichen Orte, denke ich.“ Sie beschließt, dieser Welt den Rücken zu kehren, weil sie nicht mehr länger Teil dieser Maschine namens Singapur sein will. wie wir von der Autorin erfahren. „Ich konnte nicht mehr. Also habe ich aufgehört und bin gegangen.“
Ganz anders der 35-jährige Misanthrop und Literaturdozent Sukhin, der nichts mehr hasst als Unordnung und Chaos, sich den Heiratsvermittlungsversuchen seinen Panjabi-Eltern erfolgreich widersetzt, dem es nur halb recht ist, dass Jinn wieder in seinem Leben ist, auch wenn er sie, ja, liebt, wie er sich selbst nach vielen Jahren eingestehen muss. Kuchen und Tee, mit einer Portion Geplänkel als Beilage, „das ist die wahre Idylle, oder nicht?“, fragt er sich selbst ein wenig ungläubig.

Sprachlich ist der Roman in Puddingcreme getaucht, gesprengselt mit feinem Humor, in kursiv gesetzten und etwas rätselhaften Kommentaren schillern Zwischenwelten – denn ist der Mann, von dem da erzählt wird, Sukhin, und die Tote Jinn? Oder wer geistert durch die Seiten? Am Ende wird jedenfalls Jinn von der Familie für tot erklärt, und ganz bewusst zelebrieren die beiden dieses Ereignis.

Doch ist der Protagonistin, die angeblich „den Verstand verlor“, nicht etwas anders abhanden gekommen, denn sie ist ja nicht wirklich verrückt geworden? Die Autorin Yeoh Jo-Ann hat einen chinesischen Hintergrund, und ich frage mich, ob die Übersetzung wirklich das getroffen hat, was die Autorin meinte? Handelt es sich womöglich um dieses unübersetzbare shen 神 oder jing 精? Herz und Geist passten nicht mehr zusammen, rissen Jinn auseinander, sie fiel in ein Loch … Ähnliche Zweifel kamen mir beim Titel „Zweckfreie Kuchenanwendung“ – womöglich ist hier eher die Absichtslosigkeit gemeint, die im chinesisch-buddhistischen Kontext verortet ist? Vielleicht aber bin ich es mit meinem sinologischen Hintergrund, die zu viel hineininterpretiert, vielleicht zeigt diese Übersetzung eines Romans aus Asien, der englisch geschrieben und ins Deutsche übersetzt wurde, dass Kulturtransfer über Sprache nicht gänzlich möglich ist. (Die Autorin selbst, die ich deshalb versucht zu kontaktieren, hat sich bisher leider nicht gemeldet.)

Ganz im Gegensatz zu den Crazy Rich Asians wird hier jedenfalls ein anderes Singapur gezeigt, neben Hongkong eine der wohlhabendsten Städte Asiens: eine Stadt der Obdachlosen, der Gemüse-Piraten, Recycling-Weltmeister und all jener, sich sich den Wohlstandsverpflichtungen der Megapolis entzogen haben und stattdessen z.B. wild campen, containern und in einer abgelegenen Gasse vielleicht eines der schönsten Weihnachtsfeste der Gegenwartsliteratur feiern.

Yeoh Jo-Ann: Zweckfreie Kuchenanwendungen. Übersetzt von Gabriele Haefs. Mit Anmerkungen. Kröner Verlag, 2022, 320 Seiten

Weitere Beiträge zu Singapur:

Derborence …

… ist eine Wand, ist keine Wand, denn sie ist voller Furchen, Kanten, Löcher, bleckenden, leckenden Wasserzungen, weiter unten und auf halber Höhe Geröll, wo vor mehr als 200 Jahren der Berg herunterkam, so hat es Ramuz beschrieben in seinem Roman Derborance, es muss hier gewesen sein, als der Berg einen Gesteinswulst vor sich herschob, die Felsen krachten und flogen, im Tal war es diesig vom steinernen, Nebel, der hinunterwarberte und weiter unten zwischen den Hängen feststeckte, sich einfraß – oder war es auf der anderen Seite, dort, wo es scheint, als sei der Berg abgebrochen, als hätte er die davorliegende Hügelkette durchbrochen, wo heute ein schmales Tal, wo heute Quader aufragen wie Türme, zu beiden Seiten, als wachten sie – worüber? -, als gäben sie Acht, dass nicht noch einmal. Doch ausrichten könnten sie nichts, da der Berg wie eine Wand, oder eben fast, senkrecht aufragt in den scharfklaren Himmel. Ein Streifen Schnee von drüben leckt herüber, vom Gletscher auf der anderen Seite, über allem hängen schwere Wolken, bringen morgen einen beigen Tag, sagt der Wetterdienst. Menschen nur wenige, aber übernächste Woche, wenn gejagt wird, während der Jagdsaison, ist der Parkplatz, das Haus voll, sagt die portugiesische Angstellte, dann nichts mehr, im Winter sowieso und bei Regen sind die Straßen ohnehin gesperrt, dann rutscht die Erde, fließt das Wasser, auch auch unterm Berg. Knappe 7000 Kilometer lang, über Wasserturbinen und Tunnel hinunter ins Tal getrieben, damit unten der Strom … Bald aber nichts mehr. Denn das Gras knistert vor Trockenheit. Und der Berg? Wartet ab.

Wer mehr lesen möchte, dem sei der Roman Derborence von C.F. Ramuz empfohlen, erschienen im Limmatverlag.

Synagoge

Zuschütten

Das Gemäuer, bis auf die Grundmauern verkohlt, verrußt die Steine, Säulen, geschmolzen die Kronleuchter, Kerzenständer, Treppengeländer. Und ein Jahr danach die Trümmer in den Keller geschoben, die Küchenfliesen mit Schutt zugedeckt. Viel später dann alles wieder aufgerissen für eine Tiefgarage, doch den Behörden ging das Geld aus, das Loch also wieder zugeschüttet. Und heute jeden Stein, jede Scherbe, jeden Knopf einzeln bergen, hineinsehen in Abgründe, in das freigelegte Fundament und sich vorstellen, wie es einmal gewesen war – vor dem 9. November 1938.

Mehr Informationen zur Bornplatzsynagoge in Hamburg auf der Website der Jüdischen Gemeinde.

Ciao amore ciao

Liebe, Migration und Backlist

Wie gehören diese drei Begriffe zusammen? Ein Interview mit Franco Supino

Ein wenig sind mir die Hips und Hypes, Trends und Lifestyle-Literatur, die Buchpreise und Festivalprogramme mit stets denselben Namen und Titeln aufgrund der erregten Berichterstattung verleidet worden – und so greife ich in jüngster Zeit immer öfter zu Titeln, die abseits des Mainstreams ihr eigenes Dasein fristen: unbekannt und vielleicht damals wie heute auch unerkannt. Und entdecke Themen und Stile, die in ihrer Unaufgeregtheit ziemlich wohltuend sind. So zum Beispiel Ciao amore, Ciao von Franco Supino (2004 erschienen), die Geschichte der Schlagersängerin Dalida und ihres Geliebten Luigi Tenco; ein Roman auch über das unerbittliche Musikbusiness und die Schnoddrigkeit eines undankbaren Publikums. Wie ich ausgerechnet zu diesem Buch kam? Durch einen einfachen Büchertausch; ich hatte irgendwo gelesen, dass der Roman durch seine Montagetechnik auffällt, das interessierte mich.

Weil mich diese Geschichte auf seltsame Weise streifte, mich der Ohrwurm „Ciao amore, Ciao“ anfing zu plagen, ich einen Abend lang durch Dalidas Leben und ihr Schlagerrepertoire surfte, nicht wusste, warum mir diese Personen so eigenartig nah und vertraut waren, fragte ich Franco Supino ein wenig aus. Denn von der Sängerin hatte ich nur den Namen gekannt, vom Schlagerfestival Sanremo noch nie gehört, auch nicht von einem Sänger, der sich nach einem erfolglosen Auftritt im Hotelzimmer erschoss.

Franco Supino, wie ist es, nach einem Buch gefragt zu werden, dessen Veröffentlichung schon so lange zurückliegt? Ist es noch immer präsent oder haben Deine anderen Schreibprojekte, Bücher diesen Roman mittlerweile vollkommen überlagert? An was denkst, Du, wenn Du ans Schreiben dieser Geschichte von heute aus zurückblickst?

Ich erinnere mich gut daran, was ich mit diesem Text darzustellen versucht habe: Iolanda Gigliotti, Dalida, stammte aus einer nach Schubra, Kairo, ausgewanderten italienischen Familie. Als junge Frau ging sie Mitte der 50er nach Paris und feierte als Schlagersängerin phänomenale Erfolge (der Durchbruch gelang ihr mit einem italienisch angehauchten Lied «Bambino»). 1967 wurde sie zum Schlagerfestival von Sanremo eingeladen. In diesem Jahr sah der Modus vor, dass immer ein einheimischer Sänger mit einem internationalen Star im Duett zum Wettbewerb antreten sollte. Luigi Tenco gehörte zur jungen Generation der politisch engagierten Cantautori, die die Welt mit ihrer Musik verändern wollte. Er war talentiert und inspiriert, sah gut aus – doch mit einer beliebigen Partnerin wäre er nie aufgetreten. Die Musikmanager brachten Iolanda und Luigi zusammen, und die beiden verliebten sich sofort ineinander. Ihr gemeinsames Lied, so Luigi Tenco, sollte mit ihnen beiden und mit der Gegenwart zu tun haben. Deshalb schrieb er für sie (und sich) das Lied «Ciao amore, ciao», das zum ersten Mal in der Musikgeschichte das Elend der süditalienischen Migranten besang – also das, was Dalidas Familie vor dem Ersten Weltkrieg erlebt hatte und viele Süditaliener in den 50er und 60er Jahren erlebten. Dalida zweifelte zwar daran, dass das Schlagerpublikum so etwas hören wollte, doch Luigi Tenco überzeugte sie davon, dass man als Künstlerin bei sich bleiben müsse und sich nicht nach dem Publikumsgeschmack richten dürfe. (Ihre Version des Liedes ist hier nachzuhören: )

Wie bist Du überhaupt auf diese Geschichte gekommen?

Ich bin selber mit dem Festival von Sanremo aufgewachsen: zuerst haben wir das Festival am Radio mitverfolgt, später im Fernsehen auf Rai Uno (erst fand es Ende Januar statt, heute im Februar) – immer von Montag bis Samstag. (Ja, ich verfolge auch heute noch das Festival von Sanremo – vielleicht nicht mehr jeden Abend und bis in die Puppen – meistens endet die Übertragung nicht vor 1 Uhr –, aber ich möchte mitbekommen, welche Lieder man dann das ganze Jahr in Italien hört). So erfuhr ich auch von der Tragödie um Luigi Tenco, zwar nicht live, dafür war ich noch zu jung, aber hin und wieder wurde Tenco verstohlen erwähnt – und ich stellte fest, dass sich dahinter ein nationales entsprechend tabuisiertes Trauma verbarg. Ich fand rasch heraus, dass Dalida damals als Partnerin von Tenco auftrat. Doch nie war dabei das Lied ein Thema, und merkwürdigerweise konnte sich in meiner Familie niemand an die Botschaft des Liedes erinnern.

Das schreibst Du auch in einer Stelle im Buch, dass der Ich-Erzähler sich wundert, weil sich das Lied doch an die italienischen Arbeitsmigranten richtete, auf die das Lied jedoch keinerlei Eindruck machte, geschweige denn, einen hinterließ. Waren das musikalisch-politische Engagement demnach umsonst?

Ich stellte es mir (wie Luigi Tenco) eher romantisch vor: Wenn Menschen wie meine Eltern, wenn ihr Leiden und ihre Sehnsüchte in Sanremo besungen werden, wird dies in der italienischen Gesellschaft ein Bewusstsein für deren Situation schaffen und das Thema würde in der Politik ankommen – und gleichzeitig würde es die Emigranten, die das Festival hörten, freuen, sie ermutigen, bestärken. Aber, wie du sagst, das Lied hinterliess keinen Eindruck – auf keiner Seite. Tencos Selbstmord in der Festivalnacht von Sanremo erschütterte Italien, er wirkte wie ein auf sich selbst gerichteter Terroranschlag – und bewirkte, dass ein paar Jahre später (durch Amilcare Rambaldi, einen Blumenhänder aus Sanremo, der ebenfalls im Buch vorkommt) das Tenco-Festival gegründet wurde, ein bis heute sehr wichtiges und aktives Festival für die Cantautori, bei dem die Qualität und nicht die Verkaufszahlen im Mittelpunkt steht. Aber auf den Migrationsdiskurs bezogen war die Wirkung von „Ciao amore, ciao“, soweit ich feststellen konnte, und ich habe viel recherchiert: Null!

Überhaupt habe ich viel gelernt in diesem Buch; ich wusste z.B. nicht, dass es vor dem Zweiten Weltkrieg so eine große italienische Migrantenszene in Kairo gab und Italiener in britische Kriegsgefangenenlager in Ägypten kamen – so z.B. auch Dalidas Vater.

Dass Dalida (auch) Italienerin war, wusste ich von meinen Eltern, ich kannte einige ihrer Lieder. Als ich mir dann „Ciao, amore Ciao“ genauer anhörte und mich fragte, wie kam Luigi Tenco dazu, ein solches Lied zu schreiben und es nach Sanremo zu bringen, entdeckte ich erst diese Zusammenhänge. Meistens werden die Umstände nur aus Luigi Tencos Sicht erzählt, ich erzähle die Geschichte auch aus Dalidas Sicht.

Wie erzählt man ein Leben, wenn doch die Eckdaten schon alle bekannt sind, was gibt es da noch zu erzählen, wie bist Du vorgegangen beim Schreiben, wie sehr hast Du Dich von den Fakten leiten lassen, wo hast Du fiktionalisiert und warum?

Bei Luigi Tenco und Dalida gibt es klar zwei Sichtweisen. Die französische sieht nur Dalida, die italienische nur Luigi Tenco (die jeweils andere Figur bleibt sekundär und ganz sicher inferior). Von diesen beiden Perspektiven sind auch die Fakten geprägt. Niemand in Italien nahm Dalida als Künstlerin ernst, die mit Luigi Tenco auf Augenhöhe arbeitete. Niemand in Frankreich kannte Luigi Tenco – außer als revoluzzender Songwriter, der mit Dalidas Hilfe den Durchbruch schaffen wollte. Ich wollte die Sichtweisen der beiden Figuren zusammenbringen: als zwei sich liebende Menschen, die versuchen, künstlerisch und als Paar (in den 60er Jahren, also in einem bestimmten historischen Kontext) zusammenzufinden.

Auch in Deinem jüngsten Roman Spurlos in Neapel schickst Du eine Ich-Person als „Rechercheur“ vor und durch die Geschichte. Warum?

Ich habe Mühe damit zu glauben, dass die Wirklichkeit in Texten abbildbar ist. Was wir lesen und schreiben sind nur Projektionen, genährt aus unseren Wünschen, Hoffnungen, Enttäuschungen – gerade wenn es um Fakten geht. Sie in einem Roman zu deuten, steht nur einem Subjekt zu.

Franco Supino: Ciao amore, ciao. Rotpunktverlag, 2004, 276 Seiten,

Franco Supino: Website

Yao Jui-Chung

Von Gold und Schatten

Die erste umfassende Darstellung des taiwanischen Künstlers Yao Jui-Chung

Als ich das erste Mail den Innenhof des C-Lab betrat, ein angesagtes Kulturzentrum in Taipei, musste ich lachen: olivgrüne, aufblasbare Panzer standen vor einem Mann, da mokierte sich einer offensichtlich über die aufgeblasene Machtdemonstration auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1989 oder überhaupt über Macht wie z.B. der einstigen Militärdiktatur Taiwans, denn das Kulturzentrum war früher Hauptquartier der Luftwaffe. Und so ging ich weiter durch Räume, in denen auf Gold grundierten Gemälden gefurzt wurde, verschlungene Körper fluchten oder Weltfrieden heraufbeschwörten. Das war 2020, unversehens war ich in eine Ausstellung von Künstlern geraten, denen nichts heilig war – die Vielfalt nicht nur der Themen, auch der Medien war stupend.

Erst als ich im Frühjahr 2023 den Katalog eines Künstler aus Taiwan in Händen hielt, weil mich ein Schweizer Verlag per Newsletter darauf hingewiesen hatte, begriff ich, dass die Kunstwerke, die ich damals in den über dem ganzen Gelände verstreuten Gebäuden sah, alle von einem einzigen Künstler stammten: Yao Jui-Chung. Ich musste wieder lachen und blätterte very amused in dieser Gesamtschau.

Von Schatten befreien

Yao Jui-Chung, 1969 geboren in Taipei, hinterfragt gängige Kunstformen und Normen, stellt sie buchstäblich auf den Kopf, zieht ihnen in seinen Peformances den Boden unter den Füßen – nimmt alles auseinander und setzt es wieder neu zusammen; aus dem Schatten der Vergangenheit holt er Unterdrücktes hervor und besteht damit gleichsam darauf, dass Taiwan mit seiner Geschichte und Kultur einen eigenen Platz in der Welt erhält. Zudem pocht er darauf, dass man zuerst ein Bewusstsein dafür entwickeln müsse für die Beziehung der Menschen untereinander, zur Umwelt, zur Welt im Allgemeinen, bevor man seine eigene Identität definieren könne – ein Thema, das viele Taiwaner:innen umtreibt.

Yao selbst, so schreibt es die Kuratorin und Herausgeberin Sophie McIntrye, habe eine „mixed heritage“: die Mutter Taiwanerin, der Vater war aus Changzhou (China) und mit den Truppen der Kuomintang-Nationalisten vor den Kommunisten nach Taiwan geflohen. Yao selbst gehörte zur letzten Generation, die noch unter der Kuomintang (KMT) zur Schule ging, als auf den Lehrplänen ausschließlich chinesische Geschichte und Geografie stand, und wenn sie in der Schule Taiwanisch sprachen, mussten sie dem Lehrer dafür einen Taiwan Dollar bezahlen. (vgl. S. 10) Auch im Studium wurde ausschließlich die antike und moderne chinesische Kunst bis zur Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 vermittelt. Bald gab er diese Art der Malerei auf, die er als viel zu traditionell empfand, widmete sich der Fotografie, die ihm geeigneter schien, die Entfremdung in der Gesellschaft zu entlarven. Anfang der neunziger Jahre gründete er zusammen mit Kommilitonen eine Theatergruppe, und schon bald stand die Performance im Mittelpunkt seiner künstlerischen Auseinandersetzung, ja, bis heute gilt er als Pionier der Performance-Szene Taiwans.

Ruinen und Zerfall – buddhistisch gedeutet

Die Welt der Kunstakademie wurde ihm Yao bald zu eng, er reiste durch Taiwan und fotografierte verlassene Gebäude. In der schwarz-weiß-Serie Roaming Around the Ruins (1993) zeigt Yao betonierte Affen hinter einem verlassenen Hotel, zerlegte Dinosauriere in einem Freizeitpark, zerbröckelnde Militärbunker, überdimensionale Buddhafiguren auf Autofriedhöfen, sich selbst überlassene Fabriken, weil es günstiger geworden war, in China zu produzieren. Doch anders, als ich sie verstanden hatte, nämlich als Kritik an sinnloser Umweltzerstörung angesichts eines raffgierigen und zerstörerischen Kapitalismus, zielt Yao darauf ab, mit diesen Ruinen auf den Kreislauf des Lebens, die Unvermeidbarkeit von Leben und Tod, die Wiedergeburt hinzuweisen, ganz im buddhistischen Sinne. „Obwohl unsere kurze Anwesenheit auf dieser Welt von Verfall begleitet wird, sind diese stillen Ruinen Symbol für ein kontinuierliches Gebären und Sterben.“ (S.17) Seine Fotografien sind wie Spiegel, in denen man mit dem eigenen Schatten konfrontiert wird. Über einen Zeitraum von 20 Jahren entwickelte Yao diese Serie, darauf folgte mit Mirage – Disused Public Property in Taiwan (2012-20) eine weitere Serie mit Bauruinen: einige waren gebaut worden, um Wahlversprechungen zu erfüllen, andere bezeugen den sorglosen Umgang der Behörden mit der Ressource Umwelt, mit Land oder einfach mit öffentlichen Geldern. „Moskito Hallen“ werden sie genannt, weil nur Moskitos darin leben können.
In Territory Takeover (1994) arbeitet Yao das erste Mal exzessiv mit Gold: sechs sepiafarbene Fotografien, auf denen ein nackter Mann uriniert, sind über sechs goldenen Kindertoiletten angebracht: Taiwans Geschichte, so Sophie McIntrye, sei für den Künstler nicht history, sondern shitory (Kot und Geschichte sind im Chinesischen Homophone). Gold bedeutet Reichtum und Glück, doch „für mich ist Gold wie Kot. Sobald Geschichte und auch Kunst für Macht und Geld instrumentalisiert werde, sei sie nichts mehr wert, so Yao. (vgl. S. 32)
Der Durchbruch kam mit 28, als Yao zur Biennale nach Venedig eingeladen wurde – beachtlich, da Taiwan als Land nicht international anerkannt ist. Eine Einladung folgte auf die andere, 1997 entstand die Serie Beyond The Blue Sky: Hier wird in allen erdenklichen Formen gefurzt. Sophie McIntrye deutete dies daoistisch im Sinne von: Loslassen. Bis der Künstler während eines Seminars erklärte, er habe während seine Aufenthalts in San Francisco an Verstopfung gelitten, der Anus sei im Mittelpunkt seines Lebens und eben dann auch seiner Bilder gestanden.

Gold und Geld

Dekolonialisierung der traditionellen chinesischen Tuschmalerei, den taiwanischen „Funky Local Style“ zurückgewinnen, lautet eine Zwischenüberschrift in diesem Katalog – ein Motto, das bis heute Yaos Kunst prägt, wie auch die Ausstellung im August 2023 in Taipei zeigte. Figuren in traditionell gekleideten Gewändern treiben über pinkfarbene Gewässer, sitzen vor Computern – oftmals sind diese Szenen in Gold getaucht, oder es tauchen goldene Einsprengsel in Bambuswäldern auf. In einem Gespräch mit dem chinesischen Künstler Hou Hanru erklärt er die Verwendung von Gold mit seiner Affinität zur Tempelästhetik, so wie seine ganze Kunst von der Tempelarchitektur inspiriert sei. (S.64) Yaos neuere Arbeiten versteht er als Satire auf die traditionelle chinesische Gelehrtenmalerei; er male diese Pseudolandschaften auch, um die Absurdität traditioneller ästhetischer Normen herauszufordern. Alles, was falsch und heuchlerisch ist, fordert Yao heraus mit frechen Bildern. Nicht zuletzt mit seiner jüngsten Arbeit „Altar Space“, in der er den Hype um Kryptowährungen mit der Wahrsagerei in einem Tempel überblendet, denn: Für Reichtum zu beten ist für Tempelgänger schließlich so selbstverständlich wie für Krypto-Spekulanten.

Yao, so steht es in der Erklärung zu dieser Arbeit, zeigt sich auch hier einmal mehr als ewiger Skeptiker und Zyniker, der sich über jene lustig macht, die zwar die Wissenschaft ernst nehmen, aber an globale Märkte glauben und Götter, wenn der Erfolg lockt.

Sophie McIntrye (ed): Yao Jui-Chung. englisch, zahlreiche Abbildungen, 208 Seiten, Scheidegger & Spiess, Zürich / Tina Keng Gallerie Taipei, 2023

schön & glücklich

Ein Buch wie ein Leben – Autorin Alice Grünfelder und Fotografin Mine Dal zeichnen in Text und Bildern einen Lebensbogen.

«schön & glücklich» ist ein gemeinsamer Foto-Text-Band der Autorin Alice Grünfelder und der Fotografin Mine Dal. Das Buch schildert ein Leben und Möglichkeiten eines Lebens: von der Kindheit übers erste Verliebtsein bis hin zur schmerzhaften Trennung im Alter.

Ein Lebensbogen, der Abgründen entlanggleitet, von der Ohnmacht des Einzelnen erzählt und das Versehrte zeigt.

Die Figuren in den Geschichten werden seziert, ohne sie zu denunzieren, sie kommen vielmehr in ihrer eigenen Schönheit und Tragik zu Wort. Sei es das Kind, das nicht mehr Kind sein darf, eine Jugendliche, die auf den Anruf ihrer ersten grossen Liebe wartet.

Mine Dals Fotografien und Alice Grünfelders Texte führen in eine Welt, die erst auf den zweiten Blick zu erahnen ist. Das Bild verspricht zunächst Orientierung, die Haikus, Prosaminiaturen und Erzählungen schaben die Oberfläche frei, legen Verborgenes bloss.

Und das ist nicht immer nur schön.

Die Vertonung eines Gedichts von QT8 ist hier nachzuhören:

Einen Blick ins Buch gibt’s als Blick auf die Ausstellung in der Photobastei, Zürich: Vom Tag, als wir die ersten Fotografien aufgehängt haben.

Ein Text – Litfaßsäule – ist auf der Bühne des Alltags zu lesen.

Erste Stimmen zum Buch:

„Ein Spannungsbogen herrscht zwischen Mine Dals Fotografien und Alice Grünfelders Texten, handeln doch letztere von Menschen und ihren Beziehungen. Mine Dals stille Bilder zeigen weite Landschaften, Felder, städtische Innenhöfe, Spielplätze, entsorgtes Mobiliar und abgelegtes technisches Gerät. Es sind häufig Bilder des Dazwischen zwischen Landschaft und Stadt. Nicht wenige Bilder geben Rätsel auf, führen beim Betrachten zu neuen Assoziationen.“
schreibt Michael Guggenheimer in seinem Fotoblog filmeinwurf.

schön & glücklich hab‘ ich nun gelesen, hab’s richtig verschlungen. Ihre Texte treffen ja immer den Punkt, der so wund ist und doch gern übersehen wird, ganz bewusst. („Er bekam eine 1, du eine 2. / Du verstandest die Zeichen nicht. Diese Welt. Worauf es ankam.“) Viele Texte, die mich staunen ließen, einer aber, der mich richtiggehend überrumpelt hat: „Utopia“.
Manfred Lipp, Aus dem Alltag

„Ein kleines, ironisch-melancholisches Büchlein, das perfekt ist zum Verschenken und an einem regnerischen Sonntagnachmittag auf dem Sofa aufzuschlagen.“
Urs Heinz Aerni, Journalist

Alice Grünfelder, Mine Dal
schön & glücklich

Zahlreiche Fotografien & Texte, 19.5 x 13 cm
€ 27.00 / CHF 29

Zu bestellen beim Songdog-Verlag: info[a]songdog.ch.
Zudem erhältlich in jeder Buchhandlung.


Tsai Kun-Lin

Panels verlieren ihre Fassung

„Ein Junge, der gerne las“ – so lautet der Untertitel des ersten Bandes einer auf vier Teile angelegten taiwanischen Graphic Novel; weil dem Jungen die Bücher zum Verhängnis wurden? Denn als junger Mann wird Tsai Kun-Lin Opfer des Weißen Terrors, der Taiwan 40 Jahre lang im Griff hatte. Schließlich regierte die Partei Chiang Kai-Sheks uneingeschränkt über das Land, und missliebige Personen wanderten vor allem nach dem Aufstand vom 28.2.1947 rasch hinter Gitter oder wurden gleich hingerichtet. So wurde Tsai Kun-Lin beispielsweise angeklagt, weil er angeblich einer Untergrundorganisation angehörte, was aber nur ein Lesezirkel war. Sein Leben und damit auch die wechselhafte Geschichte Taiwans liegt nun auf Deutsch vor.

Eine Rezension zu Band 1 und 2 erschien am 17.8.2023 in der WOZ.

Li Bai

Li Bai: der verbannte Unsterbliche

Die erste Biografie dieses bedeutenden chinesischen Lyrikers liegt nun vor.

Noch heute müssen Schulkinder seine auswendig lernen, werden bei Festen seine Gedichte als Trinksprüche aufgesagt; Li Bai (701-762) ist wegen der Bild- und Sinnhaftigkeit seiner Gedichte der wohl bekannteste Lyriker Chinas. Nach ihm sind Schnäpse und Weine benannt, Kneipen und Hotels tragen seinen Namen: Li Bai ist zu einer Marke geworden. Im Westen wurde er zunächst einer breiteren Leserschaft durch die Nachdichtungen von Ezra Pound bekannt und dessen wohl bekanntestes Gedicht „Die Frau des Flusshändlers“. Im deutschsprachigen Raum dichtete Hans Bethge altchinesische Lyrik nach, und auf eine seiner Li-Bai-Übertragungen bezog sich wiederum Gustav Mahler bei der Komposition „Lied von der Erde“. Nun liegt zum ersten Mal eine ausführliche Biografie dieses Poeten auf Deutsch vor.

Wer war dieser Jahrtausenddichter, der an der Westgrenze Chinas, im heutigen Kirgisien, von einer Nicht-Chinesin geboren wurde? Ausführlich beschreibt Ha Jin von Li Bais Ehrgeiz, politische Karriere machen zu wollen, aber auch von fröhlicher Unbekümmertheit und lustvollen Ausschweifungen. Dabei stützt sich er auf Li Bais Gedichte, wenngleich er gelegentlich mild-empathisch über die Stilisierung des lyrischen Ichs lächelt. Zwei Sammlungen mit etwa 1000 Gedichten und Prosaminiaturen sind erhalten geblieben, auch wenn der größte Teil seiner Werkes offenbar verlorengegangen ist. Zudem greift der Biograf auf die Aussagen von Zeitgenossen zurück. Du Fu (712 –770) beispielsweise, der sozialkritischere und jüngere der beiden Lyriker – auch sein Ruhm ist bis heute ungebrochen – hat ihm einige Verse gewidmet, da er ihn als junger Mann bewunderte.

„Wenn sein Pinsel zum Schreiben ansetzt, weckt er Wind und Regen auf.“ „Dein Talent ist zu groß für Erfolg / deine Tugenden sind zu nobel, als dass anderes sie teilen könnten.“
Du Fu

Stolz und Ungeduld

Sich selbst beschrieb der Lyriker als jemand, der die Laute im Arm herumfläzt, Nektar schlürfe und schluckt Elixiere für ein langes Leben schlucke, als „Schildkrötenangler im Ozean“, als großer Vogel Rokh, worin sich sein taoistisches Naturverständnis zeigte und die Überzeugung, die Natur trage im Grunde die Dichtung in sich und offenbare sich nur demjenigen, der offen sei für die passenden Verse.

Li Bai fällt bereits als Junge auf, hat einen wachen Geist und ein gutes Gedächtnis, sodass der Vater ihm eine gute Ausbildung zuteil werden lässt in der Hoffnung, sein Sohn könnte später aufsteigen, denn er selbst ist schließlich nur Händler, gehört damit zu den unteren Schichten der chinesischen Gesellschaft. Doch das Studium der alten Klassiker findet Li Bai bald fad, er tut sich stattdessen im Schwertkampf hervor und fühlt sich eher zu den Schriften der Taoisten hingezogen. „xiaoyao you – frei und ungehindert umherschweifen“ macht er sich als Lebensmotto zu eigen und bald schon zum Maßstab seiner Lyrik. Auch hier schätzt er die reglementierte Form nicht, sondern orientiert sich an der frühen Volksdichtung, die weder eine feste Metrik noch ein Reimschema kennt.

Dennoch strebt Li Bai schon früh danach, als wichtiger politischer Berater an den Hof gerufen zu werden: Wie oft spricht er vor, gibt in Gesprächsrunden sein Wissen und seine Dichtkunst zum Besten, lässt sich indes hinreißen zu Selbstüberschätzung und Spott – was seine Gastgeber irritiert, weshalb sie ihn rasch loswerden wollen. Überheblichkeit, Stolz, Verachtung: wenig sympathische Charaktereigenschaften, die Ha Jin indes nicht weiter bewertet. Einmal nur gelingt ihm ein kurzer Aufenthalt in der Hauptstadt, doch nach zwei Jahren reicht er bereits sein Rücktrittsgesuch ein – zu schal erscheint ihm die Politisiereri. Andererseits ist Li Bai zeitlebens getrieben von der Sehnsucht, sich zurückzuziehen und einzig der Dichtkunst zu widmen. Dass aber der Rückzug in die Natur ohne harte Arbeit nicht zu haben ist, davor verschließt Li Bai zeitlebens die Augen. Nie wäre er Bauer geworden, Natur ist für ihn vornehmlich ein religiöser und ästhetischer Raum. Er liebt das Leben in freier Natur, das schon, lässt aber lieber seine Bediensteten die Äcker bestellen, während er sich am Anblick eines Wasserfalls ergötzt. Wie zerrissen Li Bai zwischen seinem politischen Ehrgeiz, seinem lyrischen Schaffen, seiner Trunksucht ist – oft treffen ihn Freunde und Mitreisende schon nachmittags betrunken an, was ihn jedoch nicht am Schreiben hindert -, ist ein Topos in dieser Biografie des Tang-Dichters.

Schwärmt er in seinen frühen Gedichten noch von Kurtisanen und einem Leben am Hof, von unversehrter Natur und hochtrabenden Plänen, erzählen seine Lieder zunehmend vom Elend und Leid der Menschen, was ihn zum Höhepunkt seiner Dichtkunst führt, so der Biograf Ha Jin. Einmal springt ihn das das Schicksal der Treidler am Oberen Yangtse an. “Wie schwer sich die Treidler mit dem Kahn taten. / Das schlammige Wasser war ungenießbar, / jeder Kessel nach dem Abkochen halb voll mit Erde. / Von Ferne klang das Arbeitslied, das sie sangen. / Es brach mir das Herz und rührte mich zu Tränen. / Tausende Männer brachen riesige Steine, / und konnten sie kaum zu Ufer schaffen. / Sieh die vielen Felsbrocken, die noch herumliegen – / die endlose Fron machte mich weinen.“

Spät im Leben folgt die sehnsüchtig erwartete Chance, doch Li Bai setzt auf das falsche Pferd und macht sich für einen Rivalen des Kaisers stark. Er wird verhaftet, noch im Gefängnis tobt Li Bai, er sei zu Unrecht eingesperrt worden. Als der Kaiser ihn amnestiert, meint er, dies habe er seiner Dichtkunst zu verdanken. Schließlich wird er im Januar 764 als Berater an den kaiserlichen Hof gerufen, doch da ist er schon zwei Jahre tot. Der Legende nach, die sich bis heute hartnäckig hält, war er mit einem Boot unterwegs auf einem Fluss und wollte in betrunkenem Zustand den Mond auf dem Wasserspiegel umarmen.

Fron und Frauen

Was Li Bais Gedichte neben der Bildhaftigkeit und Regellosigkeit seiner Werke noch unterscheidet, ist die weibliche Perspektive in manch seiner Gedichte. Er schreibt über Kurtisanen und Sängerinnen, aber auch über Arbeiterinnen und seine erste Frau, die er bemitleidet, dass sie einen so untüchtigen und erfolglosen Lyriker zum Mann hat. „Dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr / bin ich betrunken und schlapp wie Matsch. / Wie schrecklich für dich, dass du Bais Frau wurdest. / Es ist, als hätte man einen Idioten zum Mann.“ Seine zweite Frau, eine überzeugte Daoistin, hatte vergeblich versucht, ihn von der politischen Bühne fernzuhalten. Doch „seine Heimat war die Straße und sein Wesenskern das ewige Wandern“.

Die Problematik, sich am lyrischen Ich für eine Biografie auszurichten, erläutert die kompetente Übersetzerin Susanne Hornfeck in einem Nachwort: Ha Jin interessiere sich weniger für die Form der Gedichte, sondern lediglich für deren Inhalt, was die Übersetzerin in ein Dilemma stürzte. „Meine Aufgabe war es, Ha Jin zu übersetzen, nicht Li Bai. Dennoch habe ich das als Sinologin natürlich mit einem Seitenblick auf das Original getan. (…) Insofern war ich bei diesem Übersetzungsauftrag gleichzeitig Dienerin zweier Herren.“

Ha Jin erzählt linear und konventionell das Leben des Dichters nach, wobei sich die Frage aufdrängt, wie sich eine Biografie vielleicht anders als fadengerade erzählen ließe? Wenn sich die Zerrissenheit zwischen Rückzug und Karrierewillen in einer ermüdenden Redundanz wiederholt, weil Li Bai nicht aus sich herausfindet und es ihm zeitlebens nicht gelingt, endlich in Einklang mit den ihn zerreißenden Ansprüchen zu leben? Das moniert auch der Literaturkritiker Han Zhang in der New York Times. Gleichwohl sieht er Parallelen im Leben des Tang-Lyrikers Li Bai und Autors Ha Jin: Auch Ha Jin musste seine Heimat verlassen, seine Empathie mit dem Dichter rührt an eigene Gefühle, seine Sehnsucht, endlich anzukommen, die Zerrissenheit hinter sich zu lassen. In dem Gedicht „Dankbarkeit“ schreibt er über Du Fu und Li Bai, über deren bitterem Schicksal, aus dem so wunderbare Poesie erwuchs. Bitternis als Grundlage für exzellente Lyrik gar?

Der Rückzug à la Li Bai hat jedenfalls Tradition – Unter dem gegenwärtigen harschen Regime hört man gelegentlich von Kulturtätigen, die sich aufs Land zurückziehen, um dort auf bessere Zeiten zu warten. Dass Bedeutendes in dieser neuerlichen selbstgewählten Isolation entsteht, darauf wird zu hoffen sein.

Erschienen ist eine kürzere Rezension in der NZZ, das Buch selbst wurde bei Matthes&Seitz veröffentlicht.

Ha Jin: Der verbannte Unsterbliche. Das Leben des Tang-Dichters Li Bai. Aus dem

Buch Vernissage Schön Glücklich

„schön & glücklich“ – Noch …

… kann ich es kaum glauben: Nach fünf Jahren, nach dem immer wieder neuen Kombinieren von Text und Fotografie, dem Überarbeiten, dem Weglassen und Hinzufügen, dem Überdenken und neu schreiben, der Verlagssuche, feiern wir – Mine Dal und Alice Grünfelder – unsere erste gemeinsame Publikation „schön & glücklich“. Hinter dem Titel könnte durchaus ein Fragezeichen stehen, denn genau um die Hinterfragung dieser gesellschaftlich erwünschten, aber unerquicklichen Ziele geht es uns.

«schön & glücklich» (Songdog-Verlag, September 2023) skizziert in Text und Bild einen Lebensbogen, der Abgründen entlanggleitet: von der Kindheit übers erste Verliebtsein bis hin zur schmerzhaften Trennung und inneren Schönheit im Alter. Bei der Vernissage sprechen wir über die Bedeutung von leeren Schaukeln im Niemandsland, über Verborgenes unter Plastikplanen, über steinerne Landschaften. Denn die Fotografien und Texte führen in eine Welt, die erst auf den zweiten Blick zu erahnen ist. Und das Zusammenspiel von Sprache und Bild eröffnet noch eine weitere, ein dritte Dimension.

Das Gespräch moderiert Nadine Olonetzky, Autorin und Herausgeberin von Fotobüchern.

Ort und Zeit: Photobastei, Zürich; 7. September 2023, 19 Uhr.