Tsai Wan-shuen

Translasien

Übersetzungen aus Süd- und Ostasien

Viel wird geschrieben in süd- und ostasiatischen Ländern, vielfältig und sprachlich herausfordernd ist die Literatur dieser Länder. Dennoch nimmt man sie auf dem internationalen Buchmarkt kaum wahr, denn wenig wurde bislang ins Deutsch übersetzt. Diesem Missverhältnis zwischen einer immensen literarischen Produktion auf der einen und der geringen Zahl an Übersetzungen auf der anderen Seite versucht das Projekt TRANSLASIEN entgegenzuwirken, das an der Universität Heidelberg angesiedelt ist.

Es freut mich deshalb, dass ich mich als Stipendiatin in diesem Rahmen vertieft mit dem lyrischen Werk der taiwanischen Lyrikerin und Künstlerin Tsai Wan-shuen auseinandersetzen und ihre „Kindergedichte“ Je voudrais me réveiller dans la mer übersetzen kann, In ihren mixed-media Installationen, Videos und Gedichten setzt sich u.a. mit der harschen Inselwelt Taiwans auseinandersetzen. Welche Übersetzer:innen noch als „cultural broker“ eingeladen wurden, zeigt diese Liste.

„Ein zweites Leben“

Salon Jullien

Wir laden herzlich ein zu Lektüre und Diskussion des jüngsten Werks des französischen Philosophen und Sinologen François Jullien. Er stellt sich darin die Frage, wie ein „zweites Leben“ als Fortsetzung des alten Lebens zu denken ist. Dabei geht es Jullien eher um einen neuen Anlauf als um platonische Reduktion auf Weisheit und keineswegs um einen Ratgeber für ein Leben nach der goldenen Mitte.

„Wir gehen auf Abstand zu den Scheingefechten des Lebens und entdecken andere Inhalte“, schreibt Ursula Renz in der NZZ. Über solcherart Entdeckungen wird im philosophischen Salon gesprochen. Kapitel für Kapitel, offen und humorvoll wollen wir uns diesen Text lesend erschließen, das Gelesene beleuchten und diskutieren.

Voraussetzung: Lektüre von Julliens Ein zweites Leben, (Passagen Verlag), Offenheit und Neugier auf die Lesarten der anderen.

Die nächsten Termine: 4.7., 22.8., 26.9.2022, jeweils 19.30 Uhr.

Ort: Atelier Kunst und Philosophie

transhelvectican screenshot tiger

Auf den Tiger gekommen

Als Zeichen im chinesischen Tierkreis taucht er auf, in der Astrologie und in der Kampfkunst. Dort hat man sich den hu, den Tiger, genauer angesehen, die Großkatze studiert, ihren geschmeidigen Gang durch den Wald, jederzeit bereit für einen Sprung. Der Tiger spielt als Qigong-Übung im Winter eine wichtige Rolle, stärkt die Nieren – und ansonsten die Wachsamkeit im Alltag.

Von Militärs als Schutzschild gebraucht, denn hu heißt auch „Schutz“, in der chinesischen Medizin vielfach verwendet, fürchtet man sich hierzulande zu Recht vor dem Papiertiger. Oder vor jenem, der sich als Fuchs vor dem Tiger großtut, den Tiger als vermeintliche Autorität vorschiebt. Denn „ist man allein zu schwach, leiht man sich die Macht eines Tigers.“

Die Fährte zu all diesen verschiedenen Funktionen des Tigers führt u.a. ins Shaolin Kloster nach Obernau bei Luzern, dort wird der Tiger geprobt; nicht für den Notfall, sondern für den Alltag.

Der Text über den Tiger ist nachzulesen in dem Tiger-Heft des Magazins transhelvetica.

Wolken über Taiwan

Wolken über Taiwan

Notizen aus einem bedrohten Land.

Was macht ein Land, wenn es von einer Großmacht bedroht wird? Wie sieht ein Leben unter diesen Umständen aus? Taiwan, die kleine Insel und Chipgroßmacht vor der südchinesischen Küste, hat in den letzten Jahrzehnten eine enorme gesellschaftliche Wandlung durchlaufen. Bürgerrechtsbewegungen ist es zu verdanken, dass der Übergang von einer Militärdiktatur zu einer der offensten und lebendigsten Demokratien Asiens so friedlich verlaufen ist.

Die Texte in der Art der chinesischen Pinselnotizen, 笔记 – am ehesten vergleichbar mit essayistischen Miniaturen – sind wie Collagen aus Erlebtem und Reflexionen, geschrieben in einer lichten Leichtigkeit, und verlieren doch nie an Prägnanz, etwa in der Beschreibung gesellschaftlicher Zusammenhänge und historischer Exkurse.

Die alphabetisch angeordneten Facetten reichen von „Abschied“ bis „Zeichen“ und vereinen sich wie ein Kaleidodskop zu einer kleinen Kulturgeschichte des Landes. Das Changieren zwischen genau recherchierten Geschehnissen und subjektiven Beobachtungen bietet ein vielseitiges Panorama und vemittelt damit ein hautnahes Bild des heutigen Taiwans.

Rotpunkt Verlag
260 Seiten, gebunden, mit ausführlichen Anmerkungen und einem Quellenverzeichnis, mit einer Literaturliste, Chronologie der Ereignisse, Übersichtskarte
ISBN 978-3-85869-943-5
Dieser Titel ist auch als E-Book erhältlich
Zu beziehen ist das Buch direkt beim Rotpunkt-Verlag (in der Kategorie Sachbuch / Internationale Politik), in jeder Buchhandlung und auch in der Autorenwelt.

Eine Leseprobe ist auf der Verlagsseite einzusehen.

Ein Vorabdruck zum Thema Bedrohung ist in der Frankfurter Rundschau erschienen.

Mein Text über den Jademarkt in Taipei hat Manfred Lipp auf seinem Blog veröffentlicht.

Ein Interview mit Radio Taiwan International ist hier nachzuhören: Teil 1 und Teil 2.

Ein Gespräch mit Raphael Zehnder vom Schweizer Radio und Fernsehen 2 beginnt hier ab Minute 17.31.

Pressestimmen:

„Als Sachbuch lässt es sich lesen, weil es viel erzählt über die Geschichte, das Leben und die Literatur Taiwans. Und die verschiedenen Textgattungen zeugen von der Suche nach der literarischen Form.“
Raphael Zehnder, SRF2

„Alice Grünfelders Versuch, mit Wolken über Taiwan impressionistisch in alle Schichten der Insel hineinzuleuchten, ist schon weil er eine Lücke füllt, aller Ehren wert.“
Gregor Dotzauer, Tagesspiegel

„Im Zeitalter grausamer Autokraten, die jegliche demokratische Entwicklung als Bedrohung behandeln, die es gewaltsam zu unterdrücken gilt, schrumpft die globalisierte Welt rapide zusammen. Alice Grünfelder schreibt mit Wolken über Taiwan eindrücklich dagegen an.“
Anna Gerstlacher, WOZ

„Mitten in der Corona-Pandemie spürt Alice Grünfelder dem Leben in der demokratischen Inselrepublik Taiwan nach und schafft literarische Notate von A wie Abschied bis Z wie Zeichen. Sie provoziert dabei Fragen, die auch uns in Europa betreffen.“
Marko Martin, Deutschlandfunk Kultur.

„Alice Grünfelder lässt uns teilhaben an ihrer Entdeckung der vielen Facetten dieses Landes, an Lektüren, Gesprächen, die sich mit ihren Erlebnissen vermengen und sich zu einem Bild zusammensetzen.“ sinofilia

„In lebendiger Spraceh berichtet Alice Grünfelder von Obdachlosen, Graffiti und vielem mehr. So bringt sie das weit entfernte Land und sein mutiges Volk den Lesern extrem nahe.“
Jenny Sterchi, Anzeiger von Saanen

Fotos zu Szenen, die so oder ähnlich im Buch vorkommen:

weiterlesen:

Eine Insel und ihre turbulente Geschichte

Lektürenotiz zu Stephan Thomes Familienroman Pflaumenregen

Dieser Roman ist ein Beweis dafür, dass Literatur mehr kann als ein Sachbuch, als Dokumentationen, als wissenschaftliche Auseinandersetzungen. Denn Stephan Thome ist mit Pflaumenregen gelungen, die schwierige historische Epoche Taiwans – Kolonialisierung durch das japanische Kaiserreich, anschließende Übernahme der Insel durch die Kuomintang-Truppen – auf diverse Schultern einer Großfamilie zu verteilen. Durch die Fiktionalisierung der ambivalenten Gefühlswelten, die durch die Historie gründlich durcheinandergewirbelt werden, wird diese Ära für Leserinnen und Leser empathisch erfahrbar gemacht. Ein Familienroman also, in dem vom Opportunisten bis hin zum heimlichen oder offenen Widerstandskämpfer sämtliche Rollen klug verteilt sind.

Da ist beispielweise Umeko – mit chinesischem Namen Lee Ching-mei -, die wir als Mädchen kennenlernen, die ihre Lehrerin verehrt und alles Japanische sowieso, die fast zerbricht, als die japanische Kultur – nach der Kapitulation Japans 1945 – über Nacht nichts mehr gilt; die erst recht sprach- und ratlos wird, als ihr Bruder später als Opfer der Militärdiktatur Chiang Kaisheks verhaftet wird. Ihr Mann aber, Sohn einer Festlandsfamilie, sieht die Geschichte aus einem anderen Blickwinkel. Den Vater von Umeko zeichnet Thome mit all seinen inneren Zerrissenheiten, auch er sieht ungläubig dem Niedergang Japans zu, findet seine Stellung in der Gesellschaft nicht und nicht im Leben. Seiner ungeliebten Frau kehrt er nur nachts im Bett den Rücken, während er einer japanischen Geliebten und der gefährlichen und geheimen Liaison mit der Lehrerin Umekos nachtrauert. (Die Frucht dieser Liebschaft taucht dann im Gegenwartsstrang des Romans auf – ob dieser die historische Grundierung des Romans unterstützt, sei dahingestellt.)

All diese Ereignisse und ihre Komplexität zeigen sich am deutlichsten in der Szene, als der Großvater Umekos – ein den chinesischen Traditionen verpflichteter Gelehrter, dessen Frau mit den gebundenen Füßen nach der Hochzeit nie mehr das Haus verließ – die siegreiche chinesische Armee in Keelung empfängt. Dieser Großvater gehört zum offiziellen Empfangskomitee, das gespannt auf die Helden der 70. Armee wartet. Doch die Männer entsprechen keineswegs dem Bild von ruhmvollen Soldaten, sie Männer tragen keine Gewehre, keine Uniform, keine Stiefel, sehen aus wie Bettler, schreiten rasch aufs Buffet zu und stopfen sich die Reisbällchen in den Mund.

Es war, als strömte eine Horde von Landstreichern aus dem Schiff. In Strohsandalen oder barfuß ignorierten sie das Empfangskomitee und hatten binnen zwei Minuten sämtliche Tische leergeräumt. … Als sie die Japaner sahen, die salutierend in Reih und Glied standen, flogen Schimpfwörter durch die Luft … Weder wurden Ansprachen gehalten noch Hände geschüttelt; einer nach dem anderen gingen die fremden Männer von Bord, spuckten vor ihren Feinden auf den Boden und verschwanden in der Menge.

Schon vor Stephan Thome haben taiwanische Autoren diese historische Ära fiktionalisiert, beispielsweise Chen Yu-hui (Jade Chen) in ihrem Roman Die Insel der Göttin. Er hat sich indes einer gewaltigen Recherchearbeit gestellt, um diese Zeit und ihre Menschen lebendig werden zu lassen. (Dies und anderes erzählt er in einem sehenswerten Video.)

Stephan Thome: Pflaumenregen. Suhrkamp-Verlag, 526 Seiten

„Seinem Affen Zucker geben“

Interview mit Stefanie Jacobs über den Roman Bestiarium von K-Ming Chang

Eine Familiengeschichte über drei Frauengenerationen hinweg ist dieser Debütroman der US-taiwanischen Autorin K-Ming Chang: Es geht um Tigergeist und Tigerschwanz, viele Löcher, die offenen Fragen gleich gestopft werden müssen, vergrabenes Gold und verbuddelte Briefe. Ein wortwuchtiger Roman, dessen Lektüre mich – zugegeben – ratlos macht.

Stefanie, ist das Dein erster Roman, den Du aus dem US-asiatischen Kontext übersetzt? Und wie bist Du mit den taiwanischen Bezügen umgegangen, wie hast Du recherchiert?

Ja, es ist der erste Roman aus diesem Kontext, und deshalb habe ich auch mit meiner Zusage kurz gezögert – kann ich diesem Text gerecht werden? Ich hatte jedoch schnell den Eindruck, dass die taiwanischen Bezüge zwar wichtig sind, aber nicht den Kern des Romans ausmachen. Um erst mal eine Vorstellung von der Kultur zu bekommen, habe ich dann zum Beispiel den „Fettnäpfchenführer Taiwan“ gelesen, der zwar eigentlich für Touristen gedacht ist, mir aber trotzdem geholfen hat. Dazu natürlich im Netz recherchiert, die eine oder andere Doku auf YouTube gesehen, klar. Bei den konkreten Fragen hat mir dann meine liebe Kollegin Karin Betz weitergeholfen, mit der ich ein-, zweimal gezoomt habe.

Was hat es mit den Briefen der Großmutter auf sich, die sich auch typografisch stark abheben? Die Sätze sind unvollständig und haben große Löcher. Wollen Sie uns etwas über die facettenreiche Familiengeschichte erzählen oder wie sich Identitäten über Ozeane hinweg aus Fragmenten zusammensetzen? Das gilt ja auch für die Ama, die mittlere Frauenfigur: ihr Vater ist ein chinesischer Soldat, der in den 50er Jahren vom Festland auf die „Insel“ kam, wie Taiwan im Roman genannt wird; die Mutter ist eine Atayal, eine der 16 indigenen Volksgruppen Taiwans. Später zieht die Familie in die USA, dort werden weitere Identitätsstücke angesetzt … Es kommt zu spannungsreichen Begegnungen wiederum mit Chinesen aus der VR China. Da ist z.B. Ben, ein kräftig-kerniger Mädchencharakter aus der Autonomen Region Ningxia, mit der sich die Jüngste der Familie in eine heftige Liebesbeziehung verstrickt, oder der streitbare Nachbar aus Sichuan. Und zwischendrin immer wieder diese Briefe, viel Gewalt und ein Stück verworrene Familiengeschichte. Wie liest Du den Roman?

(c) Caroline Schreer

Eine wichtige Botschaft lautet aus meiner Sicht, dass man Dinge in sich trägt – Familiengeschichten, Herkunft, Traditionen –, gegen die man sich letzten Endes nicht wehren kann, mit denen man früher oder später konfrontiert wird und denen man sich deshalb bestenfalls ein Stück weit hingibt, statt sich dagegen zu wehren. Die Jüngste der Familie etwa muss ja doch feststellen, dass sie mit ihrer Mutter und Großmutter mehr gemein hat, als ihr lieb ist. Und in diesem Kontext ergeben für mich auch die Löcher einen Sinn: Sie spucken ihr, ob sie es will oder nicht, Briefe ihrer Großmutter aus, die tatsächlich zu Fragmenten ihrer Identität werden oder es längst sind. Das Lückenhafte dieser Briefe passt im Grunde genommen auch ganz gut, wenn man sich überlegt, dass das, was man über die eigenen Großeltern weiß oder in Erfahrung bringen könnte, zumeist eher fragmentarischen Charakter hat und vielerlei Deutungen zulässt. (Je nachdem, ob die Großeltern noch leben, wie alt sie sind und woran sie sich aus ihrem Leben noch erinnern.)
Auch die Gewalt, die im Roman an vielen Stellen präsent ist, gehört zu den Dingen, von denen sich die Tochter nicht so weit distanzieren kann, wie sie gern würde, tut sie ihrem Großvater doch später, ohne es zu wollen, selbst Gewalt an. Was mir das Buch gesagt hat: Eine Familie ist ein mit Erlebnissen und Geschichten dicht verwobenes Gebilde, aus dem sich niemand ohne Weiteres ganz befreien kann.

Welche Schwierigkeiten hattest Du beim Übersetzen dieses stellenweise kryptischen, dann aber wieder flippigen Textes?

Kryptisch trifft es gut. Nicht selten musste ich erst einmal überlegen, was überhaupt gemeint ist und worauf Bezug genommen wird. Wenn ich mich dann für eine Deutung entschieden hatte, galt es, dem deutschen Satz eine ähnliche klangliche und/oder rhythmische Qualität zu verleihen. Eine wichtige Frage beim literarischen Übersetzen lautet ja grundsätzlich: Warum hat die/der Autor:in genau diese Formulierung gewählt und keine andere? Bei Chang kam ich überdurchschnittlich oft zu dem Schluss, dass vor allem die, ich nenne es jetzt einmal „sensorische“ Qualität eines bestimmten Wortes ausschlaggebend war: Wie klingt es? (Fast schon: Wie schmeckt es? Wie fühlt es sich beim Aussprechen an?) Ist es eher ein helles oder ein dunkles Wort? Ist dieser Satz eher eine Maschinengewehrsalve oder ein flatternder Drachen im Wind?

Sprachlich ist dieser Text ja wirklich gewaltig, die Bilder sind einzigartig: „Die Zähne unserer Mutter waren vor lauter Lügen ganz brüchig“, „Weil er statt Hirnwindungen Schlangen im Schädel hat“, „Nur dass Ma ihr Leben nicht in Jahren, sondern in Sprachen zählt“, „Der Fisch schmeckte metallisch, es stecken zu viele Erinnerungen an das Meer in seinen Gräten“. So könnte ich weiter aufzählen und meinen Bleistiftrandnotizen entlangschreiben. Wie bist Du beim Übersetzen dieser Bilder vorgegangen?

Für mich lag der Schlüssel beim Übersetzen dieses Textes darin, mich nicht zu wehren, sondern mich ihm im Zweifelsfall einfach hinzugeben. Nicht immer bis zum Letzten durchdringen zu wollen, wie diese oder jene Szene zu deuten ist, sondern sie in ihrer ganzen Wucht in mich aufzunehmen, dort wirken zu lassen und dann wieder zu Papier zu bringen. Und so etwas macht mir persönlich durchaus Spaß: Selbst beim soundsovielten Überarbeitungsgang ploppen hier und da neue Assoziationen und Wortideen auf, und bei so einem Text darf man seinem Affen ja auch mal Zucker geben. Insofern: Bestiarium war in übersetzerischer Hinsicht sicherlich eine Nuss, aber wenn man Freude am Knacken hat, auch ein Schmankerl.

Worin liegt für Dich die Stärke dieses Romans?

In der noch ungezähmten Spielfreude und bewundernswerten Furchtlosigkeit der jungen Autorin. Vielleicht schießt sie manchmal übers Ziel hinaus, aber hey, Bestiarium wird nie langweilig oder vorhersehbar, sondern ist einfach erfrischend anders. Einige der eingestreuten Fabeln werden mich z.B. in ihrer prägnanten Bildhaftigkeit – das Krabbenmeer an Deck des Piratenschiffs! – noch lange begleiten, auch wenn ich nicht genau weiß, was sie mir letzten Endes sagen wollen (Ich bemerke gerade eine Parallele zu den Songtexten von Bob Dylan, die ja auch oft einprägsame und faszinierende Geschichten erzählen, in denen vieles offen bleibt.) Richtig stark finde ich auch die Liebesgeschichte. Dass es eine queere Liebesgeschichte ist, wird gar nicht groß thematisiert, und das ist auch nicht nötig, denn die Szenen zwischen der Jüngsten und ihrer Freundin Ben (eine der coolsten Figuren des Buchs!) wirken so glaubhaft, natürlich und unerschrocken, dass es einfach Spaß macht.

K-Ming Chang: Bestiarium. Aus dem Englischen von Stefanie Jacobs. Hanser Verlag, 2021.

Wozu?

„Man kann ja eh nichts machen.“ Wer so fragt, hat gleich verloren. Denn ist es nicht gerade der Pessimismus, der uns in eine passive Haltung zwängt, die uns nur reagieren lässt, die einen impft mit diesem fatalen Satz?

Antworten auf diese und andere Fragen diskutiere ich auf dem Blog „Aus dem Alltag“ von Manfred Lipp und im Buch Wird unser MUT langen? Ziviler Ungehorsam für den Frieden

Buntblau und zerbrechlich

Kinderbücher aus Taiwan – gebe ich diesen Suchbegriff ein, taucht wenig auf, aber jüngst wieder mal eines: Das blaue Kleid von Chang Yu-jan, das im Sommer 2021 erschienen ist. Eine buntfröhliche Geschichte über Xiao Yu, die offenbar an einer Allergie leidet und deshalb nicht ebenso bunte Kleider tragen kann wie andere Kinder. Nur ein Elfe kann ihr helfen und die Großmutter, die ihr Kleid indigoblau färbt. So knapp sich die Geschichte, von Monika Li überzeugend übersetzt, zusammenfassen lässt, so tiefgründig ist sie indessen. Sie birgt die Hoffnung oder gar Überzeugung, dass die Natur zu heilen vermag und auch die Besinnung auf Traditionen, die in den letzten Jahrzehnten aufgrund diverser politischer Turbulenzen und eines enormen Wirtschaftsaufschwungs der Inselrepublik überlagert worden waren. Erfrischend sind die Illustrationen, sehr bunt zwar und manches Gesicht mit den großen Augen erinnert an Manga-Figuren, aber die Details sind einnehmend: Wie z.B. die Großmutter gezeichnet wird, mit grauem Lockenkopf, geblümter Hose, einem Amulett. So munter-modische und selbstbewusste Omas sind vermutlich eher selten in der Kinderliteratur. Auch die tropischen Wälder, die Sicht auf den Brunnen, in dem das Kleid gefärbt wird, aus der Vogelperspektive, die Einrichtung von Omas Wohnung sind liebevoll und ungewöhnlich gestaltet.

So selbstbewusst Xiao Yu, Kleine Jade ist, so vorsichtig-verhalten bewegt sich Xiao Yu, dieses Mal Kleiner Fisch, in Kleiner Spaziergang durch die Welt, fast als zerbräche sie unter ihren Schritten. Im Mittelpunkt dieser ebenfalls zweisprachigen Erzählung – von Johannes Fiederling treffsicher übertragen -, stehen, fast schon symbolisch, Eier, die fürs Abendessen noch rasch gekauft werden müssen. Doch auf dem Weg gibt es so allerlei zu entdecken: eine kleine Murmel, eine Katze … So als wäre das Große im Kleinen dem Autor Chen Chih-yuan Glück genug.

Weitere Kinderbücher aus Taiwan sind bei chinabooks erschienen, und zwar jene von Jimmy Liao, der in Taiwan mit seinen hochformatigen Bildern populär ist (seine Illustrationen sind u.a. selbst in U-Bahn-Stationen abgebildet). Seine – ebenfalls zweisprachigen Bücher – sind ein farbenprächtiges Wunder, das hierzulande noch zu entdecken ist, auch wenn sie als Kinderbücher für Erwachsene gelabelt sind.

Chang Yu-jan: Das blaue Kleid. Deutsch von Monika Li. Drachenhaus Verlag, 40 Seiten

Chen Chih-yuan: Kleiner Spaziergang. Aus dem Chinesischen von Johannes Fiederling, Baobab-Verlag, 40 Seiten

Jimmy Liao: Das Kino des Lebens, Der Blaue Stein, Der Klang der Farben, Die Sternennacht, alle übersetzt von Marc Herrmann, Chinabooks

Verschiebungen

Lektürenotiz zu Bae Suah Weiße Nacht

In Kreisen sei dieser Roman angelegt, zirkulär funktioniere er, lese ich in Rezensionen, bin gespannt und merke, es sind nicht Kreise, sondern Halbkreise, die auseinandergeschnitten und leicht verschoben wieder aneinandergesetzt werden. Das gilt für Szenen aus dem Hörtheater in Koreas Hauptstadt Seoul, das bald geschlossen wird; für die Gespräche zwischen Ayami und ihrer Lehrerin Yomi – die später womöglich in einer einzigen Person aufgehen, zumindest fransen die Konturen der Figuren so aus, dass sie sich übereinanderlegen –; für Beobachtungen, die sich leicht verändert wiederholen. Als ich das erste Mal so eine Szene lese, meine ich, mich „ver-lesen, ver-sehen“ zu haben, blättere zurück: „Im Innern des hell erleuchteten Busses saßen einige Frauen um einen Tisch herum, jede von ihnen in die Lektüre eines Buches vertieft. In der dunkelsten, hintersten Ecke der Rückbank saß ein Mann in einer Mönchskutte, die Augen geschlossen.“ Und das Verrückte ist: So absurd diese Szene ist, so deutlich habe ich sie vor Augen und warte gespannt darauf, wann die nächste Verschiebung kommt. So verträumt dieser Roman auch wirkt, die Übergänge zwischen Tag und Nacht, Gestern, Heute und Morgen auch sind, so gegenwärtig ist dieser Roman. Nicht etwa deshalb, weil gegen Ende ein deutscher Krimischreiber namens Wolfi auftaucht. Sondern?

Weil diese flirrenden Parallelwelten, Zwischenwelten auf herbe Realitäten prallen. Immerhin verliert Ayami ihren Job, lebt höchst prekär, hat noch nicht einmal Platz für einen Ventilator, ist auf der Suche nach einem Gegenüber, den sie vielleicht im ehemaligen Direktor des Hörtheaters findet, doch dann lösen sich die beiden langsam auf. Ich gehe mit ihr durch das nächtliche Seoul, begleite sie auf ratlosen Spaziergängen, sehe zu, wie ihre Welt verrutscht, „der Verkehrslärm wie ein brennendes Gerstenfeld„. 

Sprachlich ist dieses Vexierbild von Seoul in ein überzeugendes, sinnliches und doch leichtes Deutsch von Sebastian Bring gebracht worden, sodass ich mich gern von dieser sensorisch reichen, phantastischen und durchaus rätselhaften Geschichte tragen lasse.

Bae Suah: Weiße Nacht. Aus dem Koreanischen von Sebastian Bring. Suhrkamp Verlag, 2021, 160 Seiten.

Eine weitere Rezension mit Korea-Bezug ist auf literaturfelder zu einer Ausgabe des Korea-Forums zu lesen.

Schrei doch!

Wenn ein Text eine Reise antritt, bin ich nervös, bin ich ich unsicher, weil ich nicht weiß, was wird. Nun wurde aus einem Text über eine junge Frau einer, der aus mehr als 1000 ausgewählt wurde und unter die letzten 40 Texte kam – auf die Longlist aber nur. Immerhin. Etwas muss also an der Geschichte gewesen sein, dass sie aufhorchen ließ. Nur schon das freut mich.

Worum es ging? Um den 27. Deutschen Kurzgeschichtenwettbewerb unter dem Motto: SCHREI ENDLICH! „Schreien soll helfen, und deshalb verstehen wir diesen Kurzgeschichtenwettbewerb als Projektionsfläche für all die Schreie, die nötig sind, bislang ungehört sind, gegen all die unverständlichen Phänomene des Menschseins. SCHREI ENDLICH! Schrei! – so polemisch oder böse oder glücklich wie du kannst – gegen oder für das Verlassenwerden, das Einsamsein, das Glücksgefühl auf dem Gipfel, die Ungerechtigkeiten in der Coronakrise, die neue Liebe, Arbeit, Haus, Urlaub. Schrei!“

Und deshalb habe ich mitgemacht.