Es war während der Hundstage, am sechsten Tag des sechsten Monats. Es war so heiß, dass Menschen starben und der Bestattungladen im Dorf alle seine Totengewänder verkaufte, alle Trauerkränze, das ganze Flittergold.
Denn die Menschen hatten wieder einmal den ganzen Tag lang gackert, sie arbeiteten wie blöd, um dem Unwetter zuvorzukommen, das die Arbeit eines ganzen Jahres zunichte machen würde. Die Menschen wetzten die Sensen und dreschten das Korn – sie waren hundemüde, ja sterbensmüde, manche schliefen aus Erschöpfung auf den Feldern ein.
Mit diesen Szenen beginnt der wunderliche Roman des chinesischen Schriftstellers Yan Lianke, die ganze Rezension ist nachzulesen in der WOZ.
Eine weitere Besprechung eines Roman von Yan Lianke ist hier nachzulesen.
Bei Matthes & Seitz wurden zudem die beiden Romane Dem Volke dienen und Der Traum meines Großvaters wieder aufgelegt, beide in der Übersetzung von Ulrich Kautz.
Gefunden, was nicht gesuchtim 13. Arrondissementin Paris
Zeichen, die Essen, Geruch, Geschmack bedeuten, aus China, Vietnam, Laos, Kambodscha und Fisch, des guten Rufes wegen, aus Japan, weil der besonders gut sei – aus den Tiefen eines Gebäudes wird er per LKW im ganzen Land verteilt. Dann ein Gang durch einen Supermarkt, meterweise dieselben Waren, hundert verschiedene Suppentüten mit dem Aufdruck „Mama“, Hunderte Arten von Tofu, weiter hinauf in den ersten Stock, vorbei an Spielkneipen, Wettbüros, um im Olympia lackierte Ente zu essen.
Die Vietnamesin, die uns durch das Viertel führt, erzählt, dass die Nachkommen der französischen Café-Besitzer keine Lust gehabt hätten, rund um die Uhr zu öffnen, auch an Wochenenden, deshalb haben die Chinesen – oder waren es andere? Hintermänner gar? – die „Tabacs“ übernommen, der Kaffee war dann nicht mehr so wichtig. Und immer säßen darin Asiaten, aber auch Araber und Afrikaner kämen, um ihr Glück zu versuchen, gingen mit ihrer Sozialhilfe dorthin, um leichtes Geld zu machen auf die Schnelle, das müsse man sich einmal vorstellen, die Ärmsten der Ärmsten tragen hierher ihr Geld. 2018 gab es eine Petition gegen diese Glückscafés, weil die Casinos sich ausgerechnet hier angesiedelt haben, wo doch ein knappes Viertel von der Sozialhilfe lebe, so erzählt sie sich in eine leise, resignierte Wut.
Unter mächtigen Lüftungsrohren in der abgelegenen Ecke einer Tiefgarage ist ein Tempel eingerichtet, mehrere kleine Altäre stehen direkt auf dem Betonboden, und pro Gast darf nur ein Räucherstäbchen angezündet werden. Praktisch sei der Ort, meint die Vietnamesin, die uns auch hierher führt, denn für den alljährlichen Neujahrsumzug könnten die LKWs gleich vor dem Tempel parken und die Figuren aufladen. Die Götter thronen unter mächtigen Belüftungsrohren und können nichts mehr ausrichten, so scheint es.
… wenn sie nicht gestellt werden, ist es irgendwann zu spät.
Das habe ich gemerkt, als ich nach zwei Lesungen rund um das Buch Fragen hätte ich noch. Geschichten von unseren Großeltern bei meinen Tanten und Onkels nachgefragt habe. Wie war das damals genau? Welche Parole hat im nächtlichen Waldspaziergang welches Leben gerettet? Wann kam wer aus dem Krieg zurück? Die Erinnerungen „stimmten“ nicht mehr, die eine erinnerte anders als der andere, die entsprechenden Dokumente gingen bei Umzügen verloren. Und dass so viel über den Krieg gesprochen wurde, wie ich es in Erinnerung habe? Nur ein Kopfschütteln. Nein, der Opa hätte zu allem geschwiegen, sei auch nicht zu den Veteranen-Treffen gegangen mit jenen, die sie die ganze Kriegszeit über drangsaliert hätten, warum auch?
Dünn und falsch also sind die Erinnerungen womöglich, wer weiß? Doch sie wirken real, sind präsent und führen ein Eigenleben …
Dreißig Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz versuchen sich zu erinnern. Deshalb werden weite historische und auch geographische Räume umspannt. Nicht weiter verwunderlich auch, dass in den deutschen Texten Vertreibung, Pogrom und das Schweigen darüber präsent sind. Doch ein wahrliches In-Erinnerung-rufen war für mich die Reminiszenz von Waseem Hussain an seine Großmutter. Denn wer erinnert sich noch an die Machtergreifung von Zia-ul-Haq, dem Nachfolger von Zulfikar Ali Bhutto, der den US-Amerikanern nicht gepasst hat? „Die Strategen in Washington machten den radikalreligiösen Generalstabschef Zia zum neuen Staatschef Pakistans und gaben ihm zig Millionen Dollar, getarnt als Wirtschaftshilfe, um die gottlosen Sowjets, wie sie sie nannten, aus der Gegend zu vertreiben. […] Wer in Pakistan regiert und wer scheitert, wird bis heute nicht allein in Pakistan bestimmt, sondern von Regierungen und Geheimdiensten in Washington, Riad und Peking.“ Und Zias geistige Erben, die Taliban und Al-Kaida, terrorisieren heute die ganze Region. Die Folgen sind bis in die Schweiz zu spüren und werden den Geflüchteten angelastet.
Wird in manchen Texten in dieser „Großelternanthologie“ belastendes Schweigen durch das Nachfragen der Enkelin gebrochen, so bei Sabine Bierich, war anderswo doch gar nie ein Schweigen, denn: „Es ist kein Geheimnis. Alle wussten das“, heißt es bei Daniela Engist. Und dass es nicht Hitler war, denen die jüdischen Verwandten in Dnjepropetrowsk zum Opfer fielen, sondern Stalins Schergen, bringt die Welt der jüdischen Gemeinde in Zürich zum Wanken, schreibt André Seidenberg.
Es ist eine besondere Qualität der Erzählungen, wie sich Weltgeschichte in die Einzelschicksale eingeflochten hat, von der dreißig Autor:innen auf ganz eigene Art erzählen, wie dreißig erste Sätze zeigen.
„Meine Großmutter Else passte nicht an diesen Ort.“ „Es ist der 30. August 2013.“ „Seltsam, wie ähnlich meine Großväter einander waren.“ „Ich bin ohne Großväter groß geworden.“ „Mein Großvater wusste nichts von mir.“ „Meine früheste Erinnerung an meinen Großvater Karl ist das unregelmäßige Klopfen seiner Krücken.“ „Es ist Sonntag.“ „Mein Großvater mütterlicherseits hieß Jakob, doch die Familie nannte ihn nur den Kobus.“ „Ma io, ero sposato?“, fragte er, als man ihm die Nachricht vom Tod seiner Frau überbringt.“ „Daran, dass mein Großvater Laci 1956 wegen eines Glases Gewürzgurken fast erschossen wurde, konnte sich meine Großmutter auch dann noch erinnern, als sie bereits ihren eigenen Namen vergessen hat.“ „Mein einer Großvater war Taglöhner und Invalide, wie das damals hieß.“ „Worte fallen.“ „Ein warmer Frühlingstag auf Usedom, 1972.“ „Er hat sich hingelegt.“ „In einem großen Sessel sitzt ein kleiner Mann mit großen Ohren.“ „Wochenlang war meine Familie in Aufregung, wir kauften Geschenke, ließen uns gegen Hepatitis, Malaria und Cholera impfen, gingen zum Friseur, besorgten unsere Visa.“ „Und wieder war es so weit.“ „Nonna Miria band den weichen Gürtel um den Morgenmantel und verließ die Wohnung, trat aus dem Haus auf die Straße, wandte sich nach links Richtung Altstadt.“ „In seinen letzten Lebensjahren saß mein Großpapa Karl Hasler oft in einem Lehnstuhl in der Nähe des schwarzen Wandtelefons.“ „Da seid ihr ja!“ „Meinen Großvater Adolf, den Vater meiner Mutter, habe ich nur als kleines Kind erlebt.“ „Deine Hände.“ „Die Wochen folgen gleichförmig aufeinander, tagsüber grau und kalt, nachts schwarz und eisig.“ „Mein Großvater trug ein Totenhemd.“ „Oma Werfel?“ „Jetzt werden sie wieder sagen, eine Amsel, na gut, ein sympathischer Vogel, schwarzes Federkleid, gelber Schnabel, was soll’s, eine Amsel, pickt Würmer aus der Wiese, reißt Himbeeren vom Strauch, bevor du sie in den Mund schieben kannst, hockt im Apfelbaum und weiß genau, welche Früchte süß sind …“ „Ziegelhausen bei Heidelberg, am 13. Dezember 1967, gegen 22 Uhr.“ „Ich gestehe: Meine eine Großmutter habe ich verabscheut, zeitweise sogar gehasst.“ „Mein Großvater mütterlicherseits, der Cellist Jakob Margoler, wurde 1906 in Zürich geboren.“ „Bis zu meinem zwölften Lebensjahr war mein Großvater für mich ein ganz normaler Großvater: elegant und gut aussehend, wenn auch streng und distanziert.“
Welches Universum, welche Rätsel geben dies Sätze auf? Und vor allem eine Mission: Fragen, bevor es zu spät ist.
Lektürenotiz zu Todesursache Flucht. Eine unvollständige Liste.
Das Mittelmeer ist ein Grab, die Liste mit den Namen der mehr als 50.000 Toten durchzusehen, ist buchstäblich und wörtlich zu nehmen: nervtötend. Verschwunden, ertrunken, erhängt, erschossen und so geht es in einem fort und weiter. Chancenlos der Blick ins weite Blau, schreibt Bernd Mesovic, ehemaliger Leiter der Abteilung Rechtspolitik von Pro Asyl. Warum also diese Liste? Weil nackte Zahlen uns vor der Nähe schützen, vor eventuellen Gefühlen, die wir hätten, würden wir vom Schicksal derer wissen, die hinter diesen unvorstellbaren Zahlen stehen. Und diese Liste verspottet zugleich die hehren und heuchlerischen Werte Europas, das auf bestem Weg ist, zu einer Festung zu werden, sich damit auch den Zugang zu ihren eigenen Werten zu verbauen. (Was passiert eigentlich mit den Menschen hinter diesen Festungsmauern, womöglich wollen und müssen sie eines Tages aus dieser Festung ausbrechen, die manche Politiker derzeit als Ideal und Ziel propagieren?) Und so schreibt auch der Autor Abdel Wahab Yousif, der aus dem Süden Sudans stammt, in seinem Gedicht „Andere Zeit“, dass es viel mehr Wildheit brauche, „mehr Entschlossenheit gegen den Griff der Verwüstung / der unseren letzten Atem auspresst.“ Am 15. August 2020 besteigt er mit vielen anderen ein weißes Schlauchboot. Die Odyssee seiner Fahrt, das Hin und Her zwischen Küstenwache und erpresserischen Männern, zwischen haushohen Wellen und vergeblichem Alarmieren des Alarm Phones ist nur eine von vier in jener Nacht …
Zahlen über Zahlen also, aber auch Geschichten und Porträts, die von der Verzweiflung und den Träumen erzählen jener erzählen, die sich aufgemacht haben in ein vermeintlich besseres Leben und nie angekommen sind.
Kristina Milz und Anja Tuckermann zeichnen z.T. verantwortlich für diese Liste, die seit dreißig Jahren vom europäischen Netzwerk UNITED fortgeschrieben wird, hier nachzulesen.
*Ist es nicht bezeichnend? Dass ausgerechnet der Hirnkost-Verlag wie so viele andere kleine, engagierte Verlage dieses Jahr in ernsthafte finanzielle Not geriet und im Juni zu einer Spendenaktion aufrief, die glücklichweise erfolgreich war und hoffentlich ein Weile lang das Verlagsschiff durch sicherere Gewässer gleiten lässt.
Immer wieder ein Glück, wenn ein Text die Hürde der Ausschreibungen schafft, wenn er irgendwo bei irgendwem etwas auslöst, andockt, veröffentlicht wird. Und mit meinem Text „Bürokraft“ ist mir das gleich zweimal gelungen – nie hätte ich das gedacht und freue mich gleich doppelt.
Um „Paare / Paarungen“ gehts in der Literaturzeitschrift Am Erker, um „Spiegelungen“ im Mauerläufer. Um Marita und Ernesto, die einander passiert sind. Mehr ist dazu gar nicht zu sagen. Und dass – anders als in meinem jüngsten Roman Jahrhundertsommer, wo die Birne und der Birnbaum wichtige Motive sind – dieses Mal Äpfel eine Rolle spielen. Und zwar so sehr, dass sich der Gestalter Ralf Staiger dazu anregen ließ, den ganzen Text in die Form eines Apfels fließen zu lassen.
Inspirieren ließ ich mich zu diesem Text von Adelheid Duvanel, von ihren schräg-traurig-bitterbös-scharfen Geschichten, ihrem Klang, ihren Sprachbildern.
Der Text wurde bereits Ende August auf dem Literaturboot Schaffhausen vorgestellt, am 25. September 2024 spricht Ruth Erat im Literaturhaus St Gallen mit der Mit-Herausgeberin des Mauerläufers, Chris Inken Soppa, mit dem Illustrator sowie der Lyrikerin Tina Stroheker und mir über die aktuelle Ausgabe der Literaturzeitschrift.
Game over: Auf den Spuren der Flüchtenden aus Afghanistan
„Games“, so erklärte es Ziya, eine der fünf Personen, die aus Afghanistan in die Schweiz flüchten, „nennt man die Versuche, über eine Grenze zu kommen. Nicht im Sinne eines Spiels, aber im Sinn von ’sein Schicksal testen‘. Man kann ein Game gewinnen, aber auch verlieren. Manche Leute brauchen zwanzig oder vierzig Games, um es zu schaffen.“
Sie fliehen aus unterschiedlichen Gründen: Die einzige Frau unter den Flüchtenden, Afsaneh, flieht beispielsweise vor den erdrückenden Familienverhältnissen und einem gewalttätigen Mann, den sie zu Flucht überredet, weil sie hofft, dass dann alles besser wird. Trotz des Elends, der Gewalt, der monatelangen Knochenarbeit z.B. in Istanbul und im Iran, treffen die Flüchtenden immer wieder auf großzügige Menschen, die ihnen weiterhelfen.
Glücklicherweise kommen sie körperlich unversehrt in der Schweiz an. Afsaneh gelingt es, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen und ein neues Leben zu beginnen, ja eine Lehre als Frisörin. Ziya arbeitet als Elektriker, wie schon zuvor in seinem Land, und hilft in seiner Freizeit auf einem Bauernhof aus. Nima aber wäre niemals geflohen, hätte er gewusst, was auf ihn zukommt.
Eingestreut zwischen die sieben Kapitel sind Informationen über die Flucht, die z.B. damit verbundenen Kosten, Geldtransfer, die Organisation einer Flucht, die einzelnen Schritte des Asylverfahrens.
All das Material, das Patrick Oberholzer recherchiert hat (auch eine ausführliche Literaturliste im Anhang zeugt davon), zeichnerisch zu verdichten und textlich zu verknappen, ist dem Illustrator hervorragend gelungen. Daher bietet sich die Graphic Novel auch für Bildungseinrichtungen an, Patrick Oberholzer selbst hat auf seiner Website sogar Unterrichtsmaterial zur Verfügung gestellt.
Lesung: Die Gedichte der taiwanischen Lyrikerin Tsai Wan-Shuen
Von Küsten und Meeren wird zu sprechen sein, wenn der letzte Paradiesfisch mit dem Bauch nach oben im Abfluss liegt und der Vater einen Mittagsschlaf hält, so als frässen nicht Planierraupen die Küsten auf. Die Weißen Delphine haben der Insel Taiwan längst den Rücken gekehrt. Und wenn die Mutter mit ihrer Tochter die Schönheit der Natur heraufbeschwört, werden die Verluste erst recht erfahrbar. Poetisch und lakonisch lässt die taiwanische Lyrikerin Tsai Wan-Shuen ihre Gedanken in den beiden Gedichtbänden Küsten und Im Meer erwachen über die Insel wandern.
Wie es zu den Übersetzungen dieser Gedichte kam, wie die Inselwelt Taiwans und der eigentümliche Bezug der Bewohner zur Meereswelt zu verstehen ist, beleuchtet wiederum der Band Wolken über Taiwan.
Die Lesung wird begleitet von Video-Sequenzen von Feng Chihan und Gedichten, die von der Autorin selbst eingesprochen wurden.
8. November 2024, 20 Uhr: Lesung im Buchhändlerkeller Berlin. Diese Veranstaltung wird unterstützt von Spotlight Taiwan. Moderiert von Marie-Luise Knott, Essayistin und Verfasserin der Lyrikkolumne „Tagtigall“ im Perlentaucher.
9. Februar 2025, 18-19 Uhr: Lesung und Gespräch mit der Lyrikerin Tsai Wan-Shuen auf der Buchmesse in Taipei.
Seit Jahren schon kennt die chinesische Regierung nur Repressionen als Antwort auf die Forderungen der Uiguren im Nordwesten Chinas nach mehr Autonomie, seit Jahren spannt sie das Netz der systematischen Überwachung immer dichter – u.a. mithilfe westlicher Technologien -, dass kaum noch ein Atmen, ein Leben mehr möglich ist. Davon schreibt der Lyriker Tahir Hamut Izgil in seinen „Uigurischen Notizen“, so lautet der Untertitel seines Berichts. Wenngleich seine Aufzeichnungen weniger spektakulär sind als beispielsweise die Biografie der gewichtigen Stimme einer Rebiya Kadeer, einst uigurische Geschäftsfrau und heute im Exil in den USA, oder von Kasachinnen, die in chinesischen Gefägnissen gefoltert wurden und denen die Flucht über die Grenze nur unter abenteuerlichen Umständen gelang, so zeichnet der Autor doch ein klares Bild von den Lebensumständen dieses Volkes.
… und in Bordellen geht es selten lustig zu. Eine Lektürenotiz.
Eine junge Frau wird ermordet, so weit so nicht gut; der Polizei ist das herzlich egal. Doch die streitbaren Prostituierten unter der herrschsüchtigen Madame wehren sich; vor allem Lale. Auch wenn die ein Leben lang nichts zu lachen hatte und als Mädchen an ein Bordell in Kalkutta verkauft wurde. Zwar schmeichelt ihr der Aufstieg zur Edel-Prostituierten für kurze Zeit, aber als die kriminellen Machenschaften der Madame bis hinein in einen Ashram reichen, reicht es auch Lale.
Erzählt wird aber auch von den kleinen Nöten zum Beispiel eines erfolglosen Liebesroman-Schriftstellers, der sich hoffnungslos in Lale verliebt. Von korrupten Beamten und Deepa, die sich für die Rechte der Frauen einsetzt. Eine Szene möchte ich hier besonders hervorheben:
„Deepa saß wieder einmal vor ihm, und Samsher lächelte sie höflich an. Deepa sagte eine Reihe von Dingen, nichts davon wollte Samsher gern hören. Müßig überlegte er, ob Deepa an irgendeinem Punkt tatsächlich ausholen und ihn ohrfeigen könnte. Das schien durchaus möglich, und Samsher war nicht mal sicher, dass er in solch einem Fall fähig wäre, sie festzunehmen. Innerlich sang er lautlos vor sich hin, konzentrierte sich ganz auf den Text der neuen Dance-Nummer, die die Constables am Morgan auf ihren Handys hatten laufen lassen.“
Dieser moderne Noir aus Bangladesh wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, dabei entsteht ein unglaublich lebendiges Kaleidoskop dieser quirligen Stadt.
Was aber besonders bestechend ist an diesem Kriminalroman, der gleichsam als Liebes- und Stadtroman gelesen werden kann, ist der feine Sarkasmus, den die Übersetzerin Else Laudan in ein prickelndes Deutsch überträgt und dabei eine gute Balance findet zwischen den Eigenheiten im Debütroman der jungen Autorin Rijula Das und einer flotten Sprache. Über den Monsun wurde zum Beispiel selten so schön, so treffend geschrieben:
„Es wird bald regnen. Es droht schon, es dunkelt in den Ecken, dort, wo der Blick nicht hingeht, es sei denn, man hat Angst. Über dem Gewirr der Stromleitungen, über den Mobilfunkmasten und den Strompfählen, die am ersten Tag des Monsuns wie Zweige schwanken, senkt sich zinngraue Tinte herab, ballt sich, sammelt sich in einer Zukunft, die für immer in der Schwebe bleibt. Und genau das ist ein Tod. Ein Tropfen Tinte in unberührtem Wasser. Er sinkt tiefer, breitet seine Ranken aus, erschöpft sich, repliziert sich in Kurven und Geraden. Die drei wissen es noch nicht, aber sie kennen seine Form, irgendwo tief in den Knochen, wo der Verstand nicht hinkommt.“
Gibt es im deutschsprachigen Raum einen Roman über die Gezi-Proteste in Istanbul, einen, der so hineinkriecht in die gesellschaftlichen Verästelungen der Nach-Gezi-Zeit? Wer, wenn nicht die Türkisch-Übersetzerin Sabine Adatepe könnte darüber so anschaulich schreiben? Zwar war sie nicht selbst dabei, gab aber eine Gezi-Anthologie heraus. Wie es nun zum Roman Lichtblau #Mavi kam, erzählt sie in diesem Interview.
Wie hast Du Deine Figuren gefunden, die unterschiedlicher nicht sein könnten? Da ist zum Beispiel Marie, die sich vor dem Nachtmahr fürchtet, die an Mollträumen leidet, von denen sie sich aber nicht unterkriegen lassen will angesichts der Katastrophen auf diesem Planeten. Oder Lea, eine junge Studentin, die sich zunächst einfach nur treiben lässt und Straßenpoesie sammelt („Das Glück ist ein Streichholz, solange es eben brennt.“) und sich immer weiter, immer tiefer auf die Protestbewegung einlässt. Und die Dritte, Imke, eine lebensfremde, vom Leben verstörte Seniorin, der das Leben abhanden gekommen ist, weil sie sich immer davor fürchtet, etwas zu versäumen, was sie ihr ganzes Leben lang versäumt hat; die wegen ihrer Kinder den Beruf und damit auch gleich das eigene Leben an den Nagel gehängt hat. Wie nur bist Du auf ihre Geschichten gekommen?
Mich trieben schon länger einige Themen um: Stadtkultur und -entwicklung, Gentrifizierung und StreetArt, Tourismus-Kritik, bikulturelle Beziehungen, Kriegskinder und transgenerationale Weitergabe von Traumata, Kontaktabbruch in Familien, dazu kamen 2013 die Gezi-Proteste und mit ihnen das Phänomen Straßenpoesie. Bei einem Gang durch die Hamburger Hafencity im Herbst 2013 blitzte die Idee auf, diese Themen anhand von drei Frauen aus drei Generationen zwischen Hamburg und Istanbul zu erzählen. Die drei Protagonistinnen waren sofort da, übernahmen ihre jeweiligen Themen und brachten quasi ihre Geschichten mit. Einige Fragmente davon sind lebenden Vorbildern entlehnt, natürlich habe ich auch manch eigene Erfahrungen verarbeitet, sodass ich in allen Dreien ein wenig drinstecke, ohne die eine oder andere explizit zu „sein“.
Dein Roman schlägt ein hohes Tempo an, die Geschichte drängt, als müsse sie raus, so dicht geschrieben, so scharf geschnitten, als wärst Du bei den Protesten mit dabei gewesen, er ist so voller Details, dass man meinen könnte, Du hättest mitgemacht.
Ich war nicht selbst im Park dabei, habe die Proteste aber atemlos aus der Ferne verfolgt und unterstützt, mit Posts und Übersetzungen, dann mit der Herausgabe des Bandes Gezi: Eine literarische Anthologie, zu dem neunzehn Autor:innen, die alle unmittelbar involviert waren, beigetragen haben. Besonders wichtig für die möglichst authentische Rekonstruktion des Geschehens im Park und die Atmosphäre ringsum waren für mich zum einen Fotos der Fotografin Selen Özer-Günday, die sie uns für die Anthologie zur Verfügung gestellt hatte, und zum anderen der Dokumentarfilm „Gözdağı“ (Die Blendung, 2014, von Can Dündar), für den ich die deutschen Untertitel erstellt hatte. Mit dem Schreiben konnte ich auch mein Bedauern darüber kompensieren, nicht unmittelbar dabei gewesen zu sein.
Wie bist Du beim Schreiben vorgegangen? Hast Du zuerst die eine Figur geschrieben, dann die zweite, dann zusammengeschnitten?
Nein, die drei Figuren liefen parallel zueinander, ihre Kapitel im jeweiligen Wechsel entstanden fast genau in der Reihenfolge, wie sie im Roman stehen. Fast, sage ich, denn auf Anregung des Verlags teilte ich zugunsten von Spannungsbögen und Cliffhangern am Ende doch noch das ein oder andere Kapitel und stellte ein wenig um.
Du schreibst und übersetzt ja auch selber, auf S. 209 habe ich sogar eine Anspielung auf den populären jungen wilden Autor Hakan Günday gefunden, einen Autor, dessen Werke Du übersetzt hast. Kannst Du etwas zu diesen beiden „Schreibvorgängen“ sagen, welche Unterschiede gibt es, Gemeinsamkeiten, Inspirationen?
Beim Schreiben empfinde ich Selbstwirksamkeit viel eher als beim Übersetzen. Den Schreibprozess erlebe ich als weit kreativer und freier, als inspirierender, tiefgehender, ja, befriedigender. Übersetzen ist ein wenig wie Puzzeln, was ich als Kind sehr geliebt habe. Das richtige Teil für die richtige Stelle finden oder eben das richtige Wort in meiner Sprache für den bereits vorhandenen Text, also für die Gedanken einer oder eines anderen. Das macht mir auch heute noch Spaß, zudem baue ich gern kulturelle Brücken. Aber wenn ich Texte übersetze, hinter denen ich nicht wirklich stehen kann, ob inhaltlich oder sprachlich, was nicht eben selten vorkommt, überfällt mich mitunter ein Gefühl von Ennui, wie es vielleicht in jedem Brotberuf der Fall ist. Da ich mich emotional und mental stark auf meine jeweilige Aufgabe einlasse, sozusagen im Text lebe, ob beim Übersetzen oder beim Schreiben, gelingt es mir nicht, beides parallel zu betreiben. Ich brauche Abstand vom Übersetzen, um schreiben zu können. Eigentlich hatte ich das Übersetzen immer als Station auf dem Weg zum Schreiben gedacht. Es hindert mich aber eher am Schreiben als mich dorthin zu führen. Dennoch würde ich das literarische Übersetzen aus dem Türkischen als Traumberuf für mich bezeichnen – solange ich vom Schreiben nicht leben kann.
Woher kam die Idee zu den hashtag-Untertiteln der Kapitel, die Du immer sehr gut getroffen hast?
Die hashtag-Untertitel sind eine Reminiszenz an #şiirsokakta, Poesie auf der Straße. Unter diesem Hashtag wurden während und nach den Gezi-Protesten zahllose Gedichtzeilen und Sinnsprüche auf Mauern gesprayt und im Internet geteilt, wie es im Roman ja auch beschrieben wird. Heute sind Hashtags ein alter Hut, aber 2013, als ich zu schreiben anfing, wurden sie vor allem auf Twitter gerade erst populär. Darüber hinaus sind die Hashtag-Titel ein Augenzwinkern hin zu Marie, der mittleren der drei Romanfiguren: Die sozialen Medien sind zu Beginn des Romans Neuland für sie, mit dem praktischen Hashtag zur Schlagwortsuche aber freundet sie sich rasch an.
Am Ende führst Du die Splitter oder Lebensscherben der Protagonistinnen und der Bewegung zusammen in der japanischen Kunst des Kintsugi, in der man etwas so repariert, dass die Spuren zu sehen sind – ein grandioser Schachzug.
Im Roman bleibt die Studentin Lea nach der Niederschlagung der Gezi-Proteste etwas planlos in Istanbul, macht sich auf die Suche nach ihrem Vater und lebt – Achtung Spoiler :) -, als sie ihn findet, eine Zeitlang bei ihm im kurdischen Diyarbakır. Dort lernt sie eine ältere Silberschmiedin kennen, die Lea später, als sie nicht über den erneuten Kontaktabbruch des Vaters hinwegkommt, unvermutet auffängt. Auf ihren Spuren will Lea dann selbst in Richtung Silber- oder Goldschmiedekunst gehen. Doch auf dem Weg dorthin stieß ich in einem Berliner Teegeschäft zufällig – falls es Zufälle überhaupt gibt – auf wunderschöne Schalen mit goldenen Adern, die ich für Verzierungen hielt. Das sei Kintsugi, erklärte mir die Verkäuferin, eine japanische Reparaturkunst. Ich recherchierte und erfuhr, dass Kintsugi als Goldverbindung einen Makel nicht kaschiert, sondern hervorhebt und veredelt. Da war sofort klar: Kintsugi ist das einzig Richtige für Lea mit ihrem gebrochenen Herzen. Und sie ist ja nicht die einzige im Roman, die einiges in ihrem Leben zu „kitten“ hat. Es ist nicht meine Art, etwas zu übertünchen oder zu kaschieren, also sollten auch meine Figuren ihre „Bruchstellen“ annehmen und als Bereicherung verstehen. Dafür ist Kintsugi geradezu ideal.