Boot am Tallala-Strand unter Palmen

Sri Lanka – Serendip: Was für ein Zufall!

Postkarten, ein Nachwort und mehr

Unlängst erfüllte ich mir einen Traum, stieg endlich einmal auf den Adam’s Peak in Sri Lanka – darüber wird noch zu berichten sein – und schrieb drei Postkarten. Um die mich im Vorfeld Gallus Frei gebeten hatte, die er auf seiner Website literaturblatt.ch veröffentlichte.

Sri Lanka beschäftigt mich schon seit Jahrzehnten, nicht erst seit meinem Buch Sri Lanka fürs Handgepäck, für das ich Texte aus unterschiedlichen Jahrhunderten, von diversen Autor:innen suchte und fand. Denn, wie es im Nachwort dieses Buches zu lesen ist:

„Serendip, wie Sri Lanka von arabischen Seefahrern genannt wurde, war für Nicolas Bouvier auch in anderer Hinsicht Serendip; ein Zufall nämlich, der den Westschweizer auf seiner ausgedehnten Asienreise ausgerechnet in Galle neun Monate lang festhielt, einer Malariaerkrankung wegen. Im Fieberwahn irrte er durch die Straßen, freundete er sich aus schierer Not und Einsamkeit mit Insekten an. Doch erst im Jahr 1974, abermals wie im Rausch, schreibt er in nur einer Nacht den Aufguss aller ceylonesischen Phantasmen nieder und schafft damit den Durchbruch als international geachteter Autor. Auch Hermann Hesse brauchte fast zwanzig Jahre, damit seine Reise nach Ceylon und Indien in Siddharta Früchte trug, so der Autor selbst. Zuvor aber geht er in seinen ersten Berichten Aus Indien mit dem britischen Kolonialismus auf eine fein-spöttische Art ins Gericht, lässt selbst an den Einheimischen kein gutes Haar, schüttet in jeden Riss der für die Fremdenindustrie glatt polierten Oberfläche beißenden Spott, und nicht einmal für den Buddhismus findet er ein gütiges Wort. Einzig der Aufstieg auf den höchsten Berg Ceylons versöhnt Hesse, dort fühlt sich an die Heimat erinnert und er spürt, wie sehr das eigene Wesen in raueren Klimazonen verwurzelt ist und sich doch immer nach dem warmen Süden verzehrt. Taumeln die Menschen bei Hesse noch im Rausch der Trommeln und Räucherstäbchen, so findet Helmut Uhlig durchaus ein religiöses Gestimmtsein in der alten Hauptstadt Polonnaruwa. Der wilde Wirbel von Tänzern mit brennenden Fackeln und der Besuch bei den Weddas, den Waldmenschen, können als wichtiges Dokument einer längst vergangenen Kultur gelesen werden. Davon zeugen auch die Volkserzählungen vom treulosen Freund und einer treulosen Gattin, doch mit feinem Humor und weiser Nachsicht werden diese allzu menschlichen Fehler klug verhandelt. Klugheit allein reicht indes nicht, wenn Naturgewalten sich Bahn brechen wie in „Lansina Nonas Kampf mit dem Fluss“. Dennoch muss das Wasser als lebensspendendes Element geachtet werden. Im ganzen Land wurden seit Urzeiten riesige Reservoirs und Bewässerungskanäle angelegt, damit nur ja kein Regentropfen ungenutzt ins Meer gespült wird. Und so malt Otto Vollnhals mit Wörtern das komplexe Bewässerungssystem wie kein anderer vor ihm.

Seit je hat Sri Lankas Tierwelt Naturforscher zu begeistern vermocht. Selbst wer bislang noch keinen Zoologen in sich entdeckt hat, lässt sich beeindrucken von Rolf Lachners Beschreibungen der Vogelwelt, Flughundekolonien und beeindruckenden Unterwasserwelt. Dienten solcherart naturwissenschaftliche Berichte dem Ansehen der Forscher im eigenen Land, so stillten Abenteuergeschichten aus exotischen Ländern schon früh das beständige Fernweh. Kein Wunder, dass der ungeheuerliche Fußmarsch von Jacob Haafner das Lesepublikum schon damals in Verzückung versetzte.

Und dann kam einer, der diese Welt endlich für die Daheimgebliebenen nach Europa brachte: John Hagenbeck. Und er kauft ein: Elefanten, Leoparden, Schlangen. Einen Teufelstänzer hätte er auch noch gern, wenngleich es viel diplomatisches Geschick – oder doch eben Bargeld – brauche, diese Leute nach Europa zu locken. Und immer wieder Elefanten: Der eine kauft sie ein, während sich andere einen Spaß daraus machen, die Dickhäuter zu jagen. Ohnehin sei nur ein Mensch mit mannhaftem Herzen überhaupt in der Lage, so ein Tier zu erlegen, verspottet Michelle de Kretser feinsinnig ihren Helden, der sich im Leben als wahrer Hasenfuß erweist und sich mit zahlreichen hehren Worten um Kopf und Kragen redet. Singhalesen haben eben das schönste Alphabet der Welt, so Michael Ondaatje. Und wer die Zunge einer Echse esse, der werde garantiert ein Meister der Redekunst.

So faszinierend Sri Lanka auch ist, so unerklärlich bleibt es, wie es zu diesem Hass zwischen Tamilen und Singhalesen, aber auch zwischen rivalisierenden Tamilen-Gruppen kommen konnte. Mit Michael Ondaatje und Ranjith Henayaka werfen wir einen Blick hinter die exotische Tropenkulisse. Selbst Tamilen schießen aufeinander, davon gerät das Weltbild ins Wanken, die tamilische Befreiungsfront zeigt Risse.

Ums Töten, aber auch um die Liebe und ungestüme Lebenslust geht es selbst in der Küche, oder vielmehr beim Einkaufen auf einem Fischmarkt, wohin uns Romesh Gunesekera entführt. Mit roher Gewalt wird auf einen Riffhai eingeschlagen, bis das Blut spritzt, doch eingekauft wird trotzdem, um einen Leckerbissen zuzubereiten: Kulinarische Dekadenz am Vorabend zur Ausrufung der Republik, als aus Ceylon Sri Lanka wurde? Düstere Ahnungen liegen in der Luft, selbst ein Delfin ist vor dem Morden nicht geschützt, was kommt als Nächstes dran, fragt Nili, die Geliebte des Masters?

Vielleicht hilft doch nur wieder ein Pilgergang, dieses Mal auf den Adam‘s Peak, der von Gläubigen aller vier Religionen verehrt wird, den Buddhisten, Hindus, Moslem und Christen. Christoph Ransmayr berichtet von einem Ehepaar, das als Dank für die Rettung vor dem Tsunami auf den Gipfel pilgert, als Dank auch dafür, vom Bürgerkrieg verschont worden zu sein. Buddha hatte einen Fußabdruck hinterlassen, Shiva getanzt, der Apostel Thomas habe gedankt, dass ihm sein Gott diesen Blick in das Tal gewährte. Und schließlich ist es dieser Berg, der die unterschiedlichsten Menschen zusammenführt, und es ist diese Erzählung „Wallfahrer“, die das Schicksal Sri Lankas in sich vereint.“

Weitere Artikel aus Sri Lanka:

Buchcover schwrz gelb auf Literaturkritik - Yan Lianke - Der Tag, an dem die Sonne starb

Wenn die Sonne nicht mehr scheint

Es war während der Hundstage, am sechsten Tag des sechsten Monats. Es war so heiß, dass Menschen starben und der Bestattungladen im Dorf alle seine Totengewänder verkaufte, alle Trauerkränze, das ganze Flittergold.

Denn die Menschen hatten wieder einmal den ganzen Tag lang gackert, sie arbeiteten wie blöd, um dem Unwetter zuvorzukommen, das die Arbeit eines ganzen Jahres zunichte machen würde. Die Menschen wetzten die Sensen und dreschten das Korn – sie waren hundemüde, ja sterbensmüde, manche schliefen aus Erschöpfung auf den Feldern ein.

Mit diesen Szenen beginnt der wunderliche Roman des chinesischen Schriftstellers Yan Lianke, die ganze Rezension ist nachzulesen in der WOZ.

Yan Lianke: Der Tag, an dem die Sonne starb. Aus dem Chinesischen von Marc Herrmann. Matthes & Seitz, 2024, 366 Seiten.

Eine weitere Besprechung eines Roman von Yan Lianke ist hier nachzulesen.

Bei Matthes & Seitz wurden zudem die beiden Romane Dem Volke dienen und Der Traum meines Großvaters wieder aufgelegt, beide in der Übersetzung von Ulrich Kautz.

Tempel

Von Göttern und Glück-losen

Gefunden, was nicht gesucht im 13. Arrondissement in Paris

Zeichen, die Essen, Geruch, Geschmack bedeuten, aus China, Vietnam, Laos, Kambodscha und der Fisch, des guten Rufes wegen, aus Japan, weil der besonders gut sei – aus den Tiefen eines Gebäudes wird er per LKW im ganzen Land verteilt. Dann ein Gang durch einen Supermarkt, meterweise dieselben Waren, hundert verschiedene Suppentüten mit dem Aufdruck „Mama“, Hunderte Arten von Tofu, weiter hinauf in den ersten Stock, vorbei an Spielkneipen, Wettbüros, um im Olympia lackierte Ente zu essen.

Die Vietnamesin, die uns durch das Viertel führt, erzählt, dass die Nachkommen der französischen Café-Besitzer keine Lust gehabt hätten, rund um die Uhr zu öffnen, auch an Wochenenden, deshalb haben die Chinesen – oder waren es andere? Hintermänner gar? – die „Tabacs“ übernommen, der Kaffee war dann nicht mehr so wichtig. Und immer säßen darin Asiaten, aber auch Araber und Afrikaner kämen, um ihr Glück zu versuchen, gingen mit ihrer Sozialhilfe dorthin, um leichtes Geld zu machen auf die Schnelle, das müsse man sich einmal vorstellen, die Ärmsten der Ärmsten tragen hierher ihr Geld. 2018 gab es eine Petition gegen diese Glückscafés, weil die Casinos sich ausgerechnet hier angesiedelt haben, wo doch ein knappes Viertel von der Sozialhilfe lebt, so erzählt sie sich in eine leise, resignierte Wut.

Unter mächtigen Lüftungsrohren in der abgelegenen Ecke einer Tiefgarage ist ein Tempel eingerichtet, mehrere kleine Altäre sind direkt auf dem Betonboden aufgestellt, und pro Gast darf nur ein Räucherstäbchen angezündet werden. Praktisch sei der Ort, meint die Vietnamesin, die uns auch hierher führt, denn für den alljährlichen Neujahrsumzug könnten die LKWs gleich vor dem Tempel parken und die Figuren aufladen. Die Götter thronen unter mächtigen Belüftungsrohren und können nichts mehr ausrichten, so scheint es.

Weitere Texte aus Paris:

Fragen

Fragen …

… wenn sie nicht gestellt werden, ist es irgendwann zu spät.

Das habe ich gemerkt, als ich nach zwei Lesungen rund um das Buch Fragen hätte ich noch. Geschichten von unseren Großeltern bei meinen Tanten und Onkels nachgefragt habe. Wie war das damals genau? Welche Parole hat im nächtlichen Waldspaziergang welches Leben gerettet? Wann kam wer aus dem Krieg zurück? Die Erinnerungen „stimmten“ nicht mehr, die eine erinnerte anders als der andere, die entsprechenden Dokumente gingen bei Umzügen verloren. Und dass so viel über den Krieg gesprochen wurde, wie ich es in Erinnerung habe? Nur ein Kopfschütteln. Nein, der Opa hätte zu allem geschwiegen, sei auch nicht zu den Veteranen-Treffen gegangen mit jenen, die sie die ganze Kriegszeit über drangsaliert hätten, warum auch?

Dünn und falsch also sind die Erinnerungen womöglich, wer weiß? Doch sie wirken real, sind präsent und führen ein Eigenleben …

Dreißig Autorinnen und Autoren aus Deutschland, Österreich und der Schweiz versuchen sich zu erinnern. Deshalb werden weite historische und auch geographische Räume umspannt. Nicht weiter verwunderlich auch, dass in den deutschen Texten Vertreibung, Pogrom und das Schweigen darüber präsent sind. Doch ein wahrliches In-Erinnerung-rufen war für mich die Reminiszenz von Waseem Hussain an seine Großmutter. Denn wer erinnert sich noch an die Machtergreifung von Zia-ul-Haq, dem Nachfolger von Zulfikar Ali Bhutto, der den US-Amerikanern nicht gepasst hat? „Die Strategen in Washington machten den radikalreligiösen Generalstabschef Zia zum neuen Staatschef Pakistans und gaben ihm zig Millionen Dollar, getarnt als Wirtschaftshilfe, um die gottlosen Sowjets, wie sie sie nannten, aus der Gegend zu vertreiben. […] Wer in Pakistan regiert und wer scheitert, wird bis heute nicht allein in Pakistan bestimmt, sondern von Regierungen und Geheimdiensten in Washington, Riad und Peking.“ Und Zias geistige Erben, die Taliban und Al-Kaida, terrorisieren heute die ganze Region. Die Folgen sind bis in die Schweiz zu spüren und werden den Geflüchteten angelastet.

Wird in manchen Texten in dieser „Großelternanthologie“ belastendes Schweigen durch das Nachfragen der Enkelin gebrochen, so bei Sabine Bierich, war anderswo doch gar nie ein Schweigen, denn: „Es ist kein Geheimnis. Alle wussten das“, heißt es bei Daniela Engist. Und dass es nicht Hitler war, denen die jüdischen Verwandten in Dnjepropetrowsk zum Opfer fielen, sondern Stalins Schergen, bringt die Welt der jüdischen Gemeinde in Zürich zum Wanken, schreibt André Seidenberg.

Es ist eine besondere Qualität der Erzählungen, wie sich Weltgeschichte in die Einzelschicksale eingeflochten hat, von der dreißig Autor:innen auf ganz eigene Art erzählen, wie dreißig erste Sätze zeigen.

„Meine Großmutter Else passte nicht an diesen Ort.“
„Es ist der 30. August 2013.“
„Seltsam, wie ähnlich meine Großväter einander waren.“
„Ich bin ohne Großväter groß geworden.“
„Mein Großvater wusste nichts von mir.“
„Meine früheste Erinnerung an meinen Großvater Karl ist das unregelmäßige Klopfen seiner Krücken.“
„Es ist Sonntag.“
„Mein Großvater mütterlicherseits hieß Jakob, doch die Familie nannte ihn nur den Kobus.“
„Ma io, ero sposato?“, fragte er, als man ihm die Nachricht vom Tod seiner Frau überbringt.“
„Daran, dass mein Großvater Laci 1956 wegen eines Glases Gewürzgurken fast erschossen wurde, konnte sich meine Großmutter auch dann noch erinnern, als sie bereits ihren eigenen Namen vergessen hat.“
„Mein einer Großvater war Taglöhner und Invalide, wie das damals hieß.“
„Worte fallen.“
„Ein warmer Frühlingstag auf Usedom, 1972.“
„Er hat sich hingelegt.“
„In einem großen Sessel sitzt ein kleiner Mann mit großen Ohren.“
„Wochenlang war meine Familie in Aufregung, wir kauften Geschenke, ließen uns gegen Hepatitis, Malaria und Cholera impfen, gingen zum Friseur, besorgten unsere Visa.“
„Und wieder war es so weit.“
„Nonna Miria band den weichen Gürtel um den Morgenmantel und verließ die Wohnung, trat aus dem Haus auf die Straße, wandte sich nach links Richtung Altstadt.“
„In seinen letzten Lebensjahren saß mein Großpapa Karl Hasler oft in einem Lehnstuhl in der Nähe des schwarzen Wandtelefons.“
„Da seid ihr ja!“
„Meinen Großvater Adolf, den Vater meiner Mutter, habe ich nur als kleines Kind erlebt.“
„Deine Hände.“
„Die Wochen folgen gleichförmig aufeinander, tagsüber grau und kalt, nachts schwarz und eisig.“
„Mein Großvater trug ein Totenhemd.“
„Oma Werfel?“
„Jetzt werden sie wieder sagen, eine Amsel, na gut, ein sympathischer Vogel, schwarzes Federkleid, gelber Schnabel, was soll’s, eine Amsel, pickt Würmer aus der Wiese, reißt Himbeeren vom Strauch, bevor du sie in den Mund schieben kannst, hockt im Apfelbaum und weiß genau, welche Früchte süß sind …“
„Ziegelhausen bei Heidelberg, am 13. Dezember 1967, gegen 22 Uhr.“
„Ich gestehe: Meine eine Großmutter habe ich verabscheut, zeitweise sogar gehasst.“
„Mein Großvater mütterlicherseits, der Cellist Jakob Margoler, wurde 1906 in Zürich geboren.“
„Bis zu meinem zwölften Lebensjahr war mein Großvater für mich ein ganz normaler Großvater: elegant und gut aussehend, wenn auch streng und distanziert.“

Welches Universum, welche Rätsel geben dies Sätze auf? Und vor allem eine Mission: Fragen, bevor es zu spät ist.

Wolfram Schneider-Lastin (Hg.): Fragen hätte ich noch. Geschichten von unseren Großeltern. Rotpunktverlag 2024, 250 S eiten

PS. Auch im Roman Jahrhundertsommer geht es um eine Großmutter-Enkel-Geschichte, schließlich hält als einziger Viktor zu seiner Oma.


Todesursache Flucht

Die Menschlichkeit an Land gespült

Lektürenotiz zu Todesursache Flucht. Eine unvollständige Liste.

Das Mittelmeer ist ein Grab, die Liste mit den Namen der mehr als 50.000 Toten durchzusehen, ist buchstäblich und wörtlich zu nehmen: nervtötend. Verschwunden, ertrunken, erhängt, erschossen und so geht es in einem fort und weiter. Chancenlos der Blick ins weite Blau, schreibt Bernd Mesovic, ehemaliger Leiter der Abteilung Rechtspolitik von Pro Asyl. Warum also diese Liste? Weil nackte Zahlen uns vor der Nähe schützen, vor eventuellen Gefühlen, die wir hätten, würden wir vom Schicksal derer wissen, die hinter diesen unvorstellbaren Zahlen stehen. Und diese Liste verspottet zugleich die hehren und heuchlerischen Werte Europas, das auf bestem Weg ist, zu einer Festung zu werden, sich damit auch den Zugang zu ihren eigenen Werten zu verbauen. (Was passiert eigentlich mit den Menschen hinter diesen Festungsmauern, womöglich wollen und müssen sie eines Tages aus dieser Festung ausbrechen, die manche Politiker derzeit als Ideal und Ziel propagieren?) Und so schreibt auch der Autor Abdel Wahab Yousif, der aus dem Süden Sudans stammt, in seinem Gedicht „Andere Zeit“, dass es viel mehr Wildheit brauche, „mehr Entschlossenheit gegen den Griff der Verwüstung / der unseren letzten Atem auspresst.“ Am 15. August 2020 besteigt er mit vielen anderen ein weißes Schlauchboot. Die Odyssee seiner Fahrt, das Hin und Her zwischen Küstenwache und erpresserischen Männern, zwischen haushohen Wellen und vergeblichem Alarmieren des Alarm Phones ist nur eine von vier in jener Nacht …

Zahlen über Zahlen also, aber auch Geschichten und Porträts, die von der Verzweiflung und den Träumen erzählen jener erzählen, die sich aufgemacht haben in ein vermeintlich besseres Leben und nie angekommen sind.

Kristina Milz und Anja Tuckermann zeichnen z.T. verantwortlich für diese Liste, die seit dreißig Jahren vom europäischen Netzwerk UNITED fortgeschrieben wird, hier nachzulesen.

Kristina Milz, Anja Tuckermann (Hg.): Todesursache Flucht. Eine unvollständige Liste. Hirnkost-Verlag, 2023, 858 Seiten.

Ein Hörbuch erschien im Verlag Der Diwan, gesprochen von mehr als 50 Schauspielerinnen und Schauspielern, Autoinnen und Autoren.

*Ist es nicht bezeichnend? Dass ausgerechnet der Hirnkost-Verlag wie so viele andere kleine, engagierte Verlage dieses Jahr in ernsthafte finanzielle Not geriet und im Juni zu einer Spendenaktion aufrief, die glücklichweise erfolgreich war und hoffentlich ein Weile lang das Verlagsschiff durch sicherere Gewässer gleiten lässt.

Ausschreibungen

Immer wieder ein Glück, wenn ein Text die Hürde der Ausschreibungen schafft, wenn er irgendwo bei irgendwem etwas auslöst, andockt, veröffentlicht wird. Und mit meinem Text „Bürokraft“ ist mir das gleich zweimal gelungen – nie hätte ich das gedacht und freue mich gleich doppelt.

Um „Paare / Paarungen“ gehts in der Literaturzeitschrift Am Erker, um „Spiegelungen“ im Mauerläufer. Um Marita und Ernesto, die einander passiert sind. Mehr ist dazu gar nicht zu sagen. Und dass – anders als in meinem jüngsten Roman Jahrhundertsommer, wo die Birne und der Birnbaum wichtige Motive sind – dieses Mal Äpfel eine Rolle spielen. Und zwar so sehr, dass sich der Gestalter Ralf Staiger dazu anregen ließ, den ganzen Text in die Form eines Apfels fließen zu lassen.

Inspirieren ließ ich mich zu diesem Text von Adelheid Duvanel, von ihren schräg-traurig-bitterbös-scharfen Geschichten, ihrem Klang, ihren Sprachbildern.

Der Text wurde bereits Ende August auf dem Literaturboot Schaffhausen vorgestellt, am 25. September 2024 spricht Ruth Erat im Literaturhaus St Gallen mit der Mit-Herausgeberin des Mauerläufers, Chris Inken Soppa, mit dem Illustrator sowie der Lyrikerin Tina Stroheker und mir über die aktuelle Ausgabe der Literaturzeitschrift.

Games

Und wenn es nicht klappt?

Game over: Auf den Spuren der Flüchtenden aus Afghanistan

„Games“, so erklärte es Ziya, eine der fünf Personen, die aus Afghanistan in die Schweiz flüchten, „nennt man die Versuche, über eine Grenze zu kommen. Nicht im Sinne eines Spiels, aber im Sinn von ’sein Schicksal testen‘. Man kann ein Game gewinnen, aber auch verlieren. Manche Leute brauchen zwanzig oder vierzig Games, um es zu schaffen.“

Sie fliehen aus unterschiedlichen Gründen: Die einzige Frau unter den Flüchtenden, Afsaneh, flieht beispielsweise vor den erdrückenden Familienverhältnissen und einem gewalttätigen Mann, den sie zu Flucht überredet, weil sie hofft, dass dann alles besser wird. Trotz des Elends, der Gewalt, der monatelangen Knochenarbeit z.B. in Istanbul und im Iran, treffen die Flüchtenden immer wieder auf großzügige Menschen, die ihnen weiterhelfen.

Glücklicherweise kommen sie körperlich unversehrt in der Schweiz an. Afsaneh gelingt es, sich von ihrem Mann scheiden zu lassen und ein neues Leben zu beginnen, ja eine Lehre als Frisörin. Ziya arbeitet als Elektriker, wie schon zuvor in seinem Land, und hilft in seiner Freizeit auf einem Bauernhof aus. Nima aber wäre niemals geflohen, hätte er gewusst, was auf ihn zukommt.

Ziya

Eingestreut zwischen die sieben Kapitel sind Informationen über die Flucht, die z.B. damit verbundenen Kosten, Geldtransfer, die Organisation einer Flucht, die einzelnen Schritte des Asylverfahrens.

All das Material, das Patrick Oberholzer recherchiert hat (auch eine ausführliche Literaturliste im Anhang zeugt davon), zeichnerisch zu verdichten und textlich zu verknappen, ist dem Illustrator hervorragend gelungen. Daher bietet sich die Graphic Novel auch für Bildungseinrichtungen an, Patrick Oberholzer selbst hat auf seiner Website sogar Unterrichtsmaterial zur Verfügung gestellt.

Patrick Oberholzer: Games. Auf den Spuren der Flüchtenden aus Afghanistan. Splitter-Verlag, 2023

Blaue Wellen

3 x Taiwan. Meer und mehr.

Lesung: Die Gedichte der taiwanischen Lyrikerin Tsai Wan-Shuen

Von Küsten und Meeren wird zu sprechen sein, wenn der letzte Paradiesfisch mit dem Bauch nach oben im Abfluss liegt und der Vater einen Mittagsschlaf hält, so als frässen nicht Planierraupen die Küsten auf. Die Weißen Delphine haben der Insel Taiwan längst den Rücken gekehrt. Und wenn die Mutter mit ihrer Tochter die Schönheit der Natur heraufbeschwört, werden die Verluste erst recht erfahrbar.
Poetisch und lakonisch lässt die taiwanische Lyrikerin Tsai Wan-Shuen ihre Gedanken in den beiden Gedichtbänden Küsten und Im Meer erwachen über die Insel wandern.

Wie es zu den Übersetzungen dieser Gedichte kam, wie die Inselwelt Taiwans und der eigentümliche Bezug der Bewohner zur Meereswelt zu verstehen ist, beleuchtet wiederum der Band Wolken über Taiwan.

Die Lesung wird begleitet von Video-Sequenzen von Feng Chihan und Gedichten, die von der Autorin selbst eingesprochen wurden.

Bücher:
«Küsten», Hochroth Verlag Leipzig, 2024
«Im Meer aufwachen», Drachenhausverlag, 2024
«Wolken über Taiwan», Rotpunktverlag 2022

2. Oktober 2024, 19.30 Uhr: Lesung im Atelier für Kunst und Philosophie, Zürich

8. November 2024, 20 Uhr: Lesung im Buchhändlerkeller Berlin. Diese Veranstaltung wird unterstützt von Spotlight Taiwan. Moderiert von Marie-Luise Knott, Essayistin und Verfasserin der Lyrikkolumne „Tagtigall“ im Perlentaucher.

9. Februar 2025, 18-19 Uhr: Lesung und Gespräch mit der Lyrikerin Tsai Wan-Shuen auf der Buchmesse in Taipei.

Uigurische Notizen

„Uigurische Notizen“

Seit Jahren schon kennt die chinesische Regierung nur Repressionen als Antwort auf die Forderungen der Uiguren im Nordwesten Chinas nach mehr Autonomie, seit Jahren spannt sie das Netz der systematischen Überwachung immer dichter – u.a. mithilfe westlicher Technologien -, dass kaum noch ein Atmen, ein Leben mehr möglich ist. Davon schreibt der Lyriker Tahir Hamut Izgil in seinen „Uigurischen Notizen“, so lautet der Untertitel seines Berichts. Wenngleich seine Aufzeichnungen weniger spektakulär sind als beispielsweise die Biografie der gewichtigen Stimme einer Rebiya Kadeer, einst uigurische Geschäftsfrau und heute im Exil in den USA, oder von Kasachinnen, die in chinesischen Gefägnissen gefoltert wurden und denen die Flucht über die Grenze nur unter abenteuerlichen Umständen gelang, so zeichnet der Autor doch ein klares Bild von den Lebensumständen dieses Volkes.

Tahir Hamut Izgil: In Erwartung meiner nächtlichen Verhaftung. Uigurische Notizen. Aus dem Englischen von Ulrike Kretschmer. Mit einem Vorwort von Joshua L. Freeman. Hanser Verlag, 2024, 272 Seiten.

Eine Rezension zu diesem Buch ist am 19.6.2026 in der NZZ erschienen.

Die Frauen von Shonagachi

Kalkutta liegt am Ganges …

… und in Bordellen geht es selten lustig zu. Eine Lektürenotiz.

Eine junge Frau wird ermordet, so weit so nicht gut; der Polizei ist das herzlich egal. Doch die streitbaren Prostituierten unter der herrschsüchtigen Madame wehren sich; vor allem Lale. Auch wenn die ein Leben lang nichts zu lachen hatte und als Mädchen an ein Bordell in Kalkutta verkauft wurde. Zwar schmeichelt ihr der Aufstieg zur Edel-Prostituierten für kurze Zeit, aber als die kriminellen Machenschaften der Madame bis hinein in einen Ashram reichen, reicht es auch Lale.

Erzählt wird aber auch von den kleinen Nöten zum Beispiel eines erfolglosen Liebesroman-Schriftstellers, der sich hoffnungslos in Lale verliebt. Von korrupten Beamten und Deepa, die sich für die Rechte der Frauen einsetzt. Eine Szene möchte ich hier besonders hervorheben:

„Deepa saß wieder einmal vor ihm, und Samsher lächelte sie höflich an. Deepa sagte eine Reihe von Dingen, nichts davon wollte Samsher gern hören. Müßig überlegte er, ob Deepa an irgendeinem Punkt tatsächlich ausholen und ihn ohrfeigen könnte. Das schien durchaus möglich, und Samsher war nicht mal sicher, dass er in solch einem Fall fähig wäre, sie festzunehmen. Innerlich sang er lautlos vor sich hin, konzentrierte sich ganz auf den Text der neuen Dance-Nummer, die die Constables am Morgan auf ihren Handys hatten laufen lassen.“

Dieser moderne Noir aus Bangladesh wird aus verschiedenen Perspektiven erzählt, dabei entsteht ein unglaublich lebendiges Kaleidoskop dieser quirligen Stadt.

Was aber besonders bestechend ist an diesem Kriminalroman, der gleichsam als Liebes- und Stadtroman gelesen werden kann, ist der feine Sarkasmus, den die Übersetzerin Else Laudan in ein prickelndes Deutsch überträgt und dabei eine gute Balance findet zwischen den Eigenheiten im Debütroman der jungen Autorin Rijula Das und einer flotten Sprache. Über den Monsun wurde zum Beispiel selten so schön, so treffend geschrieben:

„Es wird bald regnen. Es droht schon, es dunkelt in den Ecken, dort, wo der Blick nicht hingeht, es sei denn, man hat Angst. Über dem Gewirr der Stromleitungen, über den Mobilfunkmasten und den Strompfählen, die am ersten Tag des Monsuns wie Zweige schwanken, senkt sich zinngraue Tinte herab, ballt sich, sammelt sich in einer Zukunft, die für immer in der Schwebe bleibt. Und genau das ist ein Tod. Ein Tropfen Tinte in unberührtem Wasser. Er sinkt tiefer, breitet seine Ranken aus, erschöpft sich, repliziert sich in Kurven und Geraden. Die drei wissen es noch nicht, aber sie kennen seine Form, irgendwo tief in den Knochen, wo der Verstand nicht hinkommt.“

Rijula Das: Die Frauen von Shonagachi. Ariadne im Argument Verlag, 2023, 336 Seiten, 32 Euro.