Mirjam lebt im Erziehungsheim „Zuversicht“. Hubert Vollundganz ist der kleine Mann mit dem schwarzen Hut, der dort um die Ecke biegt. Eine stille Frau trägt immer einen Sack aus rotem Stoff über ihrer Schulter. Jakob nennt die Suppe, die er täglich kocht, „Eigenbrötlersuppe“. Und über allem fällt der Himmel in Fetzen herunter.
Mit solchen Sätzen beginnen die Texte von Adelheid Duvanel, die im Band Fern von hier gesammelt erschienen sind. Sie klingen und verwirren und hallen noch lange nach. Warum ist das so?
Alle, die das Buch gelesen haben, die gemeinsam herausfinden möchten, was in und hinter diesen Texten steckt, sind herzlich eingeladen zu diesem Leseabend – eine unkomplizierte literarische Gesprächsrunde für Leserinnen und Leser, die gern über Literatur und ihre vielfältigen möglichen Deutungen sprechen.
Es ist zu empfehlen, im Vorfeld „Gnadenfrist“ im Buch Adelheid Duvanel: Fern von hier zu lesen, erschienen im Limmatverlag.
oder Liebe auf zwielichtigem Untergrund. So könnte der Untertitel des Romans Liebe im neuen Jahrtausend der chinesischen Autorin Can Xue ebenso heißen, denn das Leben selbst bietet keinen Halt, bröckelt, deshalb ist auch vielerorts von Kellern die Rede, Tunnel, Höhlen, aus denen Stimmen längst Verstorbener herüberklingen.
Worum geht es? Die Lebensläufe und Schicksale der einzelnen Protagonisten lassen sich schwerlich nacherzählen, allen gemeinsam ist jedenfalls die Suche nach einem erfüllten Leben oder wenigstens außerhalb erstickender Grenzen. Jede und jeder sucht auf verschiedene Weise ein Glück; zwei Frauen beispielsweise als Edelprostituierte oder „Sexarbeiterinnen“ in der Kamelienresidenz (eine Art Wellnesshotel). Dass dies keineswegs öd und grau sein muss, kann man in einem farbenfrohen Kurzfilm sehen.
Weil das Leben eben nur wenig lustvollen Halt bietet, erscheint das Umherschweifen in den Städten, oder von dort zurück aufs Land, wie das vergebliche Greifen nach Luftwurzeln. So kulminiert der Roman auch tatsächlich in einer Wurzelsuche. Lehrerin Xiao Yuan fragt: „Warum nicht den Weg zurückgehen? Vielleicht ist das der richtige Weg für mich, meine Spuren zurückzuverfolgen?“ Sie will die Liebesbeziehung zu Doktor Liu, Arzt der chinesischen Medizin, wieder aufnehmen und ergattert „auf geheimnisvolle Weise“ eine Stelle als Geographielehrerin. Ihr Unterricht ist eigen: Die Schüler sollen ihren abschweifenden Gedanken folgen, ja „Teil des kollektiven Abschweifens“ werden: „Das wäre eine ausgezeichnete Art der Kommunikation!“
Als Geografielehrerin erfasst sie die Topografie der Erde, konkret der Wüste Gobi, stößt durch Erdschichten, begibt sich auf unglaubliche Entdeckungsreisen, geht ganz in der Erd- und Blumenwelt auf, ist auf der Suche nach dem Sound eines Berges, versucht, dessen Botschaften zu verstehen. Dafür, so rät sie, sei es ratsam, eine Regenplane aufzuspannen, an der der Regen abläuft, daran könne man den Klang der Berge hören.
Dann ist da noch die „tapfere Ah Si“, eine der beiden Prostituierten. Sie kehrt nach Hause zurück und möchte ihr Leben noch einmal von vorn beginnen. „Die Hoffnung einer Kriegerin“! Ganz so siegesgewiss geht sie allerdings ihr neues Leben nicht an, fühlt sich vielmehr wie ein „mickriger Kahn auf stürmischer See“.
All diesen Fallstricken im Leben wie in der Bildwelt der Autorin entgeht die Übersetzerin Karin Betz übrigens mit Bravour.
Während die Frauen im Roman aktiv nach einer Umgestaltung ihres Lebens suchen, scheinen Männer wie beispielsweise Wei Bo vom Leben überfordert. Er lässt sich verhaften und ist froh, im Gefängnis einem geregelten und sorgenfreien Leben nachgehen zu können.
Und weil das Leben im Untergrund oder auch das Wühlen darin eine lustvolle Befriedigung bringt, liegt hier durchaus ein aufrührerisches Potenzial. Im Untergrund sind verborgene, nicht unbedingt verbotene Parallelwelten möglich, zumal an der Oberfläche Dissidenz und Abweichung streng geahndet werden. Und zwischen den Welten gilt es geschickt zu lavieren. „Wie spricht man, wenn man nicht sprechen darf? Unsere Gespräche beruhen auf Anspielungen. (…) Wir reden über das Wetter, über Schach oder über Dinge von nationaler Bedeutung, wenn wir eigentlich über die Wüste Gobi reden.“
Can Xue erzählt in Liebe im neuen Jahrtausend nicht linear, der Text zirkelt von einer Figur zur nächsten und wieder zurück, es stellen sich Zwischenverbindungen ein, sodass ein dichtes Personengeflecht und Erzählwerk entsteht, das sich einem rationalen Verständnis verwehrt, vielleicht gewollt Irritationen hervorruft. „Man versteht ihre Geschichten niemals ganz und doch erschließt sich durch sie vieles, wenn man sich dafür öffnet“, resümiert die Literaturkritikerin Katharina Borchardt. Und beim zweiten Blick, der zweiten Lektüre öffnen sich die rätselhaften Bilder leichter und verbinden sich auf geradezu organische Art mit anderen Erzählfäden.
Gleichwohl ist dieser luftig-flirrende Ton auch andernorts anzutreffen, er zeigt eine gewisse Seelenverwandtschaft mit der Schweizer Autorin Adelheid Duvanel zum Beispiel, der Koreanerin Sua Bae, vielleicht sogar ein wenig mit surreal-verspielten französischen und russischen Autor:innen. Auch bei Can Xue scheinen die Protagonisten immer ein wenig über dem Boden zu schweben, sind nicht wirklich greifbar, für die Leser:innen ebensowenig wie für die Gesellschaft.
So lässt sich der Roman als Metapher für Entwurzelung des Individuum deuten in einer entfesselten Welt, wo der Einzelne nur überlebt, indem er sich verheißungsvolle Parallelwelten erschafft. Auf verstörende Weise zwar, aber durchaus verlockend.
Can Xue: Liebe im neuen Jahrtausend. Aus dem Chinesischen von Karin Betz. Matthes & Seitz Verlag, 2021, 398 Seiten.
Ein hörenswertes Gespräch mit der Übersetzerin Karin Betz und der Literaturkritikerin Claudia Kramatschek über dieses Buch hat litprom organisiert.
Zuerst durch die lichte Blumenhalle, dann über die Straße, unter einer niedrigen mehrbefahrenen Brücke hindurch, hinein in eine dunkle Halle, an den Decken Kabelbündel und Leitungen, hell nur die Leuchtstrahler und Neonröhren über Tischen mit Steinen: grünen, weißen, blauen. Sind sie wertvoll?
Kaum gibt es Schwereres, als über Reisen zu schreiben, will man nicht in Banalitäten abgleiten. Hinzu kommt die Frage, wie schreibe ich über das Andere, die Anderen, ohne mir die fremde Kultur anzueignen, ihnen meinen Blick überzustülpen?
An diesen Fragen reibe ich mich seit Jahren, da ich viel unterwegs bin, mal mit, mal ohne Stift. Mal schreibe ich nur in Gedanken, oft verstauben die Notizen, weil ich sie später uninteressant, oberflächlich finde. Den Nagel auf den Kopf zu treffen, gelingt mit nur selten bzw. nur selten so, dass ich damit zufrieden bin.
Nun bat mich jüngst die Schreibberaterin Barbara Stromberg um ein paar Tipps und Tricks. Enstanden ist ein Blogbeitrag auf ihrer Website „Schreiben als Beruf“.
Gedichte aus der Ukraine – weil mich die Lyrik-Online-Lesung von manuskripte (Graz) und Hermes Baby (Wien) so geflasht hat, poste ich in (un-)regelmäßigen Abständen ab sofort und so lange, wie dieser Wahnsinn anhält, auf Facebook Gedichte. Alphabetisch, je nachdem, wie auf lyrikonline die Gedichte der ukrainischen Lyriker:innen aufploppen.
Viel wird geschrieben in süd- und ostasiatischen Ländern, vielfältig und sprachlich herausfordernd ist die Literatur dieser Länder. Dennoch nimmt man sie auf dem internationalen Buchmarkt kaum wahr, denn wenig wurde bislang ins Deutsch übersetzt. Diesem Missverhältnis zwischen einer immensen literarischen Produktion auf der einen und der geringen Zahl an Übersetzungen auf der anderen Seite versucht das Projekt TRANSLASIEN entgegenzuwirken, das an der Universität Heidelberg angesiedelt ist.
Es freut mich deshalb, dass ich mich als Stipendiatin in diesem Rahmen vertieft mit dem lyrischen Werk der taiwanischen Lyrikerin und Künstlerin Tsai Wan-shuen auseinandersetzen und ihre „Kindergedichte“ Je voudrais me réveiller dans la mer übersetzen kann, In ihren mixed-media Installationen, Videos und Gedichten setzt sich u.a. mit der harschen Inselwelt Taiwans auseinandersetzen. Welche Übersetzer:innen noch als „cultural broker“ eingeladen wurden, zeigt diese Liste.
Wir laden herzlich ein zu Lektüre und Diskussion des jüngsten Werks des französischen Philosophen und Sinologen François Jullien. Er stellt sich darin die Frage, wie ein „zweites Leben“ als Fortsetzung des alten Lebens zu denken ist. Dabei geht es Jullien eher um einen neuen Anlauf als um platonische Reduktion auf Weisheit und keineswegs um einen Ratgeber für ein Leben nach der goldenen Mitte.
„Wir gehen auf Abstand zu den Scheingefechten des Lebens und entdecken andere Inhalte“, schreibt Ursula Renz in der NZZ. Über solcherart Entdeckungen wird im philosophischen Salon gesprochen. Kapitel für Kapitel, offen und humorvoll wollen wir uns diesen Text lesend erschließen, das Gelesene beleuchten und diskutieren.
Als Zeichen im chinesischen Tierkreis taucht er auf, in der Astrologie und in der Kampfkunst. Dort hat man sich den hu, den Tiger, genauer angesehen, die Großkatze studiert, ihren geschmeidigen Gang durch den Wald, jederzeit bereit für einen Sprung. Der Tiger spielt als Qigong-Übung im Winter eine wichtige Rolle, stärkt die Nieren – und ansonsten die Wachsamkeit im Alltag.
Von Militärs als Schutzschild gebraucht, denn hu heißt auch „Schutz“, in der chinesischen Medizin vielfach verwendet, fürchtet man sich hierzulande zu Recht vor dem Papiertiger. Oder vor jenem, der sich als Fuchs vor dem Tiger großtut, den Tiger als vermeintliche Autorität vorschiebt. Denn „ist man allein zu schwach, leiht man sich die Macht eines Tigers.“
Die Fährte zu all diesen verschiedenen Funktionen des Tigers führt u.a. ins Shaolin Kloster nach Obernau bei Luzern, dort wird der Tiger geprobt; nicht für den Notfall, sondern für den Alltag.
Der Text über den Tiger ist nachzulesen in dem Tiger-Heft des Magazins transhelvetica.
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Was macht ein Land, wenn es von einer Großmacht bedroht wird? Wie sieht ein Leben unter diesen Umständen aus? Taiwan, die kleine Insel und Chipgroßmacht vor der südchinesischen Küste, hat in den letzten Jahrzehnten eine enorme gesellschaftliche Wandlung durchlaufen. Bürgerrechtsbewegungen ist es zu verdanken, dass der Übergang von einer Militärdiktatur zu einer der offensten und lebendigsten Demokratien Asiens so friedlich verlaufen ist.
Die Texte in der Art der chinesischen Pinselnotizen, 笔记 – am ehesten vergleichbar mit essayistischen Miniaturen – sind wie Collagen aus Erlebtem und Reflexionen, geschrieben in einer lichten Leichtigkeit, und verlieren doch nie an Prägnanz, etwa in der Beschreibung gesellschaftlicher Zusammenhänge und historischer Exkurse.
Die alphabetisch angeordneten Facetten reichen von „Abschied“ bis „Zeichen“ und vereinen sich wie ein Kaleidoskop zu einer kleinen Kulturgeschichte des Landes. Das Changieren zwischen genau recherchierten Geschehnissen und subjektiven Beobachtungen bietet ein vielseitiges Panorama und vemittelt damit ein hautnahes Bild des heutigen Taiwans.
Rotpunkt Verlag 260 Seiten, gebunden, mit ausführlichen Anmerkungen und einem Quellenverzeichnis, mit einer Literaturliste, Chronologie der Ereignisse, Übersichtskarte ISBN 978-3-85869-943-5 Dieser Titel ist auch als E-Book erhältlich Zu beziehen ist das Buch direkt beim Rotpunkt-Verlag (in der Kategorie Sachbuch / Internationale Politik), in jeder Buchhandlung und auch in der Autorenwelt.
Ein Vorabdruck zum Thema Bedrohung ist in der Frankfurter Rundschau erschienen.
Die Vertonung des Textes „Qu Yuan“ wurde von QT8 eingesprochen.
Qu Yuan
Mein Text über den Jademarkt in Taipei hat Manfred Lipp auf seinem Blog veröffentlicht.
EinInterview mit Radio Taiwan International ist hier nachzuhören: Teil 1 und Teil 2.
Ein Gesprächmit Raphael Zehnder vom Schweizer Radio und Fernsehen 2 beginnt hier ab Minute 17.31.
Pressestimmen:
„Als Sachbuch lässt es sich lesen, weil es viel erzählt über die Geschichte, das Leben und die Literatur Taiwans. Und die verschiedenen Textgattungen zeugen von der Suche nach der literarischen Form.“ Raphael Zehnder, SRF2
„Alice Grünfelders Versuch, mit Wolken über Taiwan impressionistisch in alle Schichten der Insel hineinzuleuchten, ist schon weil er eine Lücke füllt, aller Ehren wert.“ Gregor Dotzauer, Tagesspiegel
„Im Zeitalter grausamer Autokraten, die jegliche demokratische Entwicklung als Bedrohung behandeln, die es gewaltsam zu unterdrücken gilt, schrumpft die globalisierte Welt rapide zusammen. Alice Grünfelder schreibt mit Wolken über Taiwan eindrücklich dagegen an.“ Anna Gerstlacher, WOZ
„Mitten in der Corona-Pandemie spürt Alice Grünfelder dem Leben in der demokratischen Inselrepublik Taiwan nach und schafft literarische Notate von A wie Abschied bis Z wie Zeichen. Sie provoziert dabei Fragen, die auch uns in Europa betreffen.“ Marko Martin, Deutschlandfunk Kultur.
„Die Sinologin Alice Grünfelder verbrachte sechs Monate in Taiwan und verpackte ihre Gedanken zu Kultur und Krieg in Buchform. A wie Abschied, B wie Bedrohung und C wie Chrysanthemen. Zu jedem Buchstaben des Alphabets schreibt sie ihre Erfahrungen zum Inselstaat nieder.“ Schweizer Monat
„„Wolken über Taiwan“ ist eine Annäherung mit Mehrfachperspektive, eine vielfältige Einladung, sich mit einem Land zu beschäftigen, das sich all den Bedrohungen stemmt, geschrieben von einer Frau, die mit literarischen Stimmen umzugehen weiss.“ Gallus Frei-Tomic, literaturblatt.ch
„Und so bekommt man mit Wolken über Taiwan einen Querschnittaus all diesen Erfahrungen, die Alice Grünfelder während ihres Aufenthalts gemacht hat samt nachträglicher Recherchen. Zusätzlich ziert jedes Kapitel mindestens eine Fußnote mit Anmerkungen oder weiterführenden Referenzen, auf die man sich nach dem Lesen stürzen kann, um den eigenen Blick auf die Insel am anderen Ende der Welt zu lenken und sich einzulesen in diese mehr als wechselhafte Geschichte eines Landes, das ständiger Gefahr ausgesetzt ist, und gerade deshalb gelernt hat, auch in brenzligen Situationen entspannt zu bleiben. Das könnte auch für die westliche Welt eine überaus gewinnbringende Herangehensweise sein, um aus vielen Handlungen die Hektik und Polemik herauszunehmen, die uns oftmals an den Rand der diplomatischen Verzweiflung bringt.“ Marc Richter, Morehotlist
„Eine charmante und abwechslungsreiche Lektüre, die viele Facetten des Lebens auf dieser Insel näherbringt, die sich dank der kurzen Kapitel auch in kleinen Happen weglesen lässt und dabei sowohl informiert als auch Spaß macht.“ The little queer review
„Sie gerät in einen Sturm, wird von Mücken geplagt, leidet unter der Hitze und dem tosenden Prasseln der tropischen Regengüsse. Dazu sinniert sie kenntnisreich und wirft Fragen auf, ohne die Begebenheit zu werten oder zu kommentieren. Stattdessen streut sie geschichtliche Abrisse ein, zitiert Gedichte und Kurzgeschichten von taiwanischen Autorinnen und Autoren, sucht den Kontakt zu Kunstschaffenden, um ihnen die Fragen zu stellen, die sie umtreiben.“ Gabriel Anwander, orte literaturzeitschrift
„Ich mochte an diesem Buch, dass Grünfelder so gekonnt mit Sprache umgeht. Sie nimmt sich im richtigen Moment zurück und tritt im richtigen Moment in den Vordergrund.“ Andrea Görsch, Wortladen
„Wer schon immer mal nach Taiwan reisen wollte (wie ich), dort bereits gewesen ist oder in nächster Zeit eine China-Reise plant, wird aus diesem Buch viel Inspirationschöpfen. Es ist eine leicht zu lesende Sammlung kurzer Texte, aufblitzender Spotlights, tiefschürfender Momentaufnahmen. Sie stimmen auf das Land ein, lassen uns die Atmosphäre spüren und den Puls der Großstadt Taipei, wir erfahren was die Menschen bewegt, auf dieser fernen Insel mitten im chinesischen Meer. Aus meiner Sicht ist Taiwan das China, wie es ein könnte – ein Antipode, ein Spiegelbild, eine freie, kreative, moderne, bunte und frohe Gesellschaft. Und natürlich auch eine prosperierende Wirtschaftsmacht. Die permanent einem bedrohlichen Schatten trotzt, den Wolken über Taiwan“.“ Ina Baumbach, baumbach.text
„Alice Grünfelder lässt uns teilhaben an ihrer Entdeckung der vielen Facetten dieses Landes, an Lektüren, Gesprächen, die sich mit ihren Erlebnissen vermengen und sich zu einem Bild zusammensetzen.“ sinofilia
„In lebendiger Spraceh berichtet Alice Grünfelder von Obdachlosen, Graffiti und vielem mehr. So bringt sie das weit entfernte Land und sein mutiges Volk den Lesern extrem nahe.“ Jenny Sterchi, Anzeiger von Saanen
„Tenor unseres Lesezirkels war, dass nach der Lektüre alle Lust hatten, selbst mal nach Taiwan zu reisen, um einen Eindruck zu bekommen. Der subjektive Ton hat auf jeden Fall diese Reiselust und den Wunsch nach eigenem Erleben und Erfahren geweckt und, da waren sich alle einig, dazu geführt, dass man sich nicht primär mit der politischen Situation oder einem abstrakten Ort auf der Landkarte beschäftigt, sondern Taiwan als einen Ort wahrnimmt, wo Menschen leben und Träume, Alltag, eine private Geschichte haben. Dass es insofern genauso ein literarisches wie ein Sachbuch ist. Das fand ich ein schönes Fazit.“ Susan Sitzler, Autorin
„Ich habe dein Taiwan-Buch sehr gerne gelesen. Wirklich anregend, deine Pinselnotizen – dein Suchen, Sich-Aussetzen, Beobachten, Nachdenken. Und was paradox oder fremd bleibt, wird weder beklagt noch verschwiegen und schon gar nicht idealisiert. Wohltuende Klischee-Freiheit.“ Leserzuschrift aus Zürich
Fotos zu Szenen, die so oder ähnlich im Buch vorkommen:
Lektürenotiz zu Stephan Thomes Familienroman Pflaumenregen
Dieser Roman ist ein Beweis dafür, dass Literatur mehr kann als ein Sachbuch, als Dokumentationen, als wissenschaftliche Auseinandersetzungen. Denn Stephan Thome ist mit Pflaumenregen gelungen, die schwierige historische Epoche Taiwans – Kolonialisierung durch das japanische Kaiserreich, anschließende Übernahme der Insel durch die Kuomintang-Truppen – auf diverse Schultern einer Großfamilie zu verteilen. Durch die Fiktionalisierung der ambivalenten Gefühlswelten, die durch die Historie gründlich durcheinandergewirbelt werden, wird diese Ära für Leserinnen und Leser empathisch erfahrbar gemacht. Ein Familienroman also, in dem vom Opportunisten bis hin zum heimlichen oder offenen Widerstandskämpfer sämtliche Rollen klug verteilt sind.
Da ist beispielweise Umeko – mit chinesischem Namen Lee Ching-mei -, die wir als Mädchen kennenlernen, die ihre Lehrerin verehrt und alles Japanische sowieso, die fast zerbricht, als die japanische Kultur – nach der Kapitulation Japans 1945 – über Nacht nichts mehr gilt; die erst recht sprach- und ratlos wird, als ihr Bruder später als Opfer der Militärdiktatur Chiang Kaisheks verhaftet wird. Ihr Mann aber, Sohn einer Festlandsfamilie, sieht die Geschichte aus einem anderen Blickwinkel. Den Vater von Umeko zeichnet Thome mit all seinen inneren Zerrissenheiten, auch er sieht ungläubig dem Niedergang Japans zu, findet seine Stellung in der Gesellschaft nicht und nicht im Leben. Seiner ungeliebten Frau kehrt er nur nachts im Bett den Rücken, während er einer japanischen Geliebten und der gefährlichen und geheimen Liaison mit der Lehrerin Umekos nachtrauert. (Die Frucht dieser Liebschaft taucht dann im Gegenwartsstrang des Romans auf – ob dieser die historische Grundierung des Romans unterstützt, sei dahingestellt.)
All diese Ereignisse und ihre Komplexität zeigen sich am deutlichsten in der Szene, als der Großvater Umekos – ein den chinesischen Traditionen verpflichteter Gelehrter, dessen Frau mit den gebundenen Füßen nach der Hochzeit nie mehr das Haus verließ – die siegreiche chinesische Armee in Keelung empfängt. Dieser Großvater gehört zum offiziellen Empfangskomitee, das gespannt auf die Helden der 70. Armee wartet. Doch die Männer entsprechen keineswegs dem Bild von ruhmvollen Soldaten, sie Männer tragen keine Gewehre, keine Uniform, keine Stiefel, sehen aus wie Bettler, schreiten rasch aufs Buffet zu und stopfen sich die Reisbällchen in den Mund.
Es war, als strömte eine Horde von Landstreichern aus dem Schiff. In Strohsandalen oder barfuß ignorierten sie das Empfangskomitee und hatten binnen zwei Minuten sämtliche Tische leergeräumt. … Als sie die Japaner sahen, die salutierend in Reih und Glied standen, flogen Schimpfwörter durch die Luft … Weder wurden Ansprachen gehalten noch Hände geschüttelt; einer nach dem anderen gingen die fremden Männer von Bord, spuckten vor ihren Feinden auf den Boden und verschwanden in der Menge.
Schon vor Stephan Thome haben taiwanische Autoren diese historische Ära fiktionalisiert, beispielsweise Chen Yu-hui (Jade Chen) in ihrem Roman Die Insel der Göttin. Er hat sich indes einer gewaltigen Recherchearbeit gestellt, um diese Zeit und ihre Menschen lebendig werden zu lassen. (Dies und anderes erzählt er in einem sehenswerten Video.)