Gedichte in vier Sprachen

Gedichte hören

Die Multimedia- und Soundkünstlerin Pei hat die Meeres- und Kindergedichte von Tsai Wan-Shuen in vier Sprachen einlesen lassen: Deutsch, Französisch, Chinesisch und Taiwanisch. Und von verschiedenen Sprecherinnen, Kindern und Männern.

Zum ersten Mail ausgestellt bzw. hörbar sind diese Gedichte während des Taiwanfestes in Zürich am 7. Juni 2025.

Die Files der einzelnen Sprachen sind anzuklicken, und hinter jedem File verbergen sich mehrere Gedichte aus den Bänden Küsten (Hochroth Verlag Leipzig) und Ich will im Meer aufwachen (Drachenhausverlag).

Viel Freude beim Hören, denn Gedichte wirken erst, wenn sie gelesen, wenn sie gehört werden.

https://taiwanfest.ch/%E8%87%BA%E8%AA%9E-taiwansisch

https://taiwanfest.ch/%E8%8F%AF%E8%AA%9E-mandarin

https://taiwanfest.ch/%E5%BE%B7%E8%AA%9E-deutsch

https://taiwanfest.ch/%E6%B3%95%E8%AA%9E-fran%C3%A7ais

Furios

Yves Raeber über seine Übersetzung des Langpoems Schieflage von Thierry Raboud

Als Yves Raeber beim Übersetzerstammtisch in Zürich von seinem aktuellen Projekt erzählte, dass sich da einer hat einschließen lassen in ein Museum und in wildem Furor in sieben Tagen und Nächten sich alles vom Leib tippte, was ihn quälte – und das auf ein einziges Blatt Papier, einen Bogen vielmehr, eingespannt in eine Schreibmaschine -, wurde ich hellhörig. Wie sollte das gelingen, diesen Furor zu übertragen? Yves war skeptisch, wir wünschten ihm alles Gute, glaube ich, gutes Gelingen vor allem. Immer mal wieder fragte ich ihn, wie es gehe, ob es gehe, er meinte, ja, er käme voran, dann wieder nicht, eher zwei Schritte vor und einer zurück oder noch mehr?

Als nun endlich die Übersetzung vorlag, grub ich mich ein in diesen Text, der sich um die Welt kümmert, um deren Niedergang, um den Menschen und wie er aus diesem selbst angerührten Schlammassel wieder herausfindet, wenn überhaupt.

Und hatte Fragen. Wie Yves Raeber das sprachlich so hinbekommen hat, dass man gar nicht aufhören möchte mit dem Lesen. Dass einem der Verlegerwitz wieder einfällt: „Das Buch ist gut, oder?“ – „Die Übersetzung, hast du die gelesen? Die ist noch besser!“ Hab meine Fragen in eine Mail gepackt und Yves geschrieben, ob er Lust hat auf ein paar Antworten. Dazu hat er zwar Ja gesagt – herausgekommen ist allerdings ein ebenso furioser Text, eine Art Selbstreflexion. Hat er sich frei geschrieben von der ganzen Übersetzerqual? Womöglich …

Nachzulesen ist der Text nun auf literaturblatt.ch, und Daniel Graf ist in der Republik eine Rezension und ein Übersetzungsvergleich gelungen.

Thierry Raboud: Schieflage. Aus dem Französischen von Yves Raeber. Verlag die Brotsuppe, 72 Seiten, 2025

Nicht mit allem …

... einverstanden? Sonst gäbe es womöglich den neuen Gedichtband von Nathalie Schmid nicht? Ein Interview.

Was passiert, wenn ich ein Gedicht lese? Wie wirft es einen Köder aus, fängt mich ein? Erklären kann ich es nicht genau, aber wenn die Zeilen etwas auslösen, das mag ein kurzes Stolpern beim Lesen sein, ein Blitz, ein Feuer … So ist es mir mit Nathalie Schmids Gedichtband Gletscherstück ergangen und nun mit ihrem neuen Band Ein anderes Wort für einverstanden. Was mir besonders gefällt: Der Band ist vielstimmig und nicht monothematisch, die Form wird nicht dem Inhalt übergestülpt, sondern scheint organisch mit dem Inhalt verwoben.

Die Gedichte in Deinem neuen Band lesen sich stellenweise wie eine Rückschau auf ein Leben, auf Dein Leben? Ein bewusstes Voranschreiten, ein Rückblick in Versen?

Die Themen, die mich beim Schreiben dieses Bandes beschäftigten, haben durchaus etwas mit einer Bewusstwerdung zu tun, mit der Frage nach Identitäts- und Rollenbildung, Prägungen und Einfluss auf das eigene Werden. Insofern macht es Sinn, dass sich die Reihenfolge der Kapitel auch wie eine Art Rückschau lesen.

Im Kapitel über „Iris“ fällt das besonders auf, als sinniere eine reife, weise Frau über ihr Leben.

Iris ist die Personifizierung einer Frau, die älter ist, ja. Sie durchläuft in ihrem Kapitel eben diesen Prozess des Innehaltens und der Vergegenwärtigung: Wer bin ich gewesen und wer bin ich geworden. Dadurch erlangt sie eine Art Weisheit und eine gewisse Ruhe. Sie sortiert ihre Vergangenheit aus und entledigt sich alter Themen.

Auffällig ist, wie gut Form und Inhalt zusammengehen. Mal sind die Verse eher formal streng gehalten, dann wieder lässt Du die Zeilen non-chalant fliegen. Manche Gedichte sind fein ziseliert, das Sterben der Großmutter ist eher als beschwörende Prosa angelegt.

Da ist zuerst das Thema, dem ich mich durch das Schreiben annähere und das rasch eine bestimmte Form verlangt, die sich mir zeigt, wenn ich weiter mit dem Text arbeite. Bei den Texten zum Sterben war zum Beispiel schnell klar, dass ich dieses Gefangensein im Körper, dieses Nicht-Sterben-Können in einer Form zeigen will, die das Eingesperrt-sein darstellen soll. Ich hatte Betonblöcke vor Augen, aus denen nicht auszubrechen ist, und dieses Bild gab den Texten diese bestimmte Form.

Sich auflehnen und sich dann doch nicht trauen: Das scheint mir ein Thema in Deinem Werk zu sein – auch in Deinem Roman Lass es gut sein – und taucht hier im im Gedicht „Am See“ auf. „Ich will sagen hey lass das aber ich / trau mich nicht. Sie ist / eine Kriegerin mit Kampferfahrung / sie würde mich wegfegen mit einem Ruck.“

Ein Thema bei mir ist sicher die Auseinandersetzung mit einengenden Konventionen. Wo geben sie Halt und Sicherheit, wo fungieren sie als Gefängnis und hemmen Entwicklung und Originalität? Wann wendet sich Höflichkeit gegen einen selbst, weil man nicht Nein sagen kann oder sich nicht zu wehren traut, und wo braucht es zwingend Höflichkeit und Rücksichtnahme, damit ein Zusammenleben funktionieren kann? Solche Fragen beschäftigen mich.

„Wasser“ ist ein zentrales Motiv in diesem Gedichtband, oft und in vielerlei Zusammenhängen ist von Flüssen die Rede, ohne diese bedeutungsschwer zu überfrachten.

Ich lebe im Kanton Aargau, in der Nähe des Wasserschlosses, wo Limmat, Aare und Reuss zusammenfliessen. In dieser Gegend ziehen sich die Flüsse wie Wege durch die Landschaft und prägen das Lebensgefühl, den Raum, in dem ich mich bewege. Ich fühle mich dem Fluss als Wasserkörper sehr verbunden und möchte ihm literarisch gerne ein Denkmal setzen.

Eine Stelle über Wurzeln hat mich gewundert, vor allem im Zusammenhang mit dem derzeit populären Nature Writing, dem Du Dich allerdings nicht andienst. „Er weist auf das Wurzelgeflecht der Tannen hin. Wie es in die Breite geht nicht in die Tiefe wie sippenhaft sie sich gesellen.“ Wie willst Du das verstanden wissen?

Ob eine Pflanze flach oder tief verwurzelt ist, hängt nicht nur von ihrer Art, sondern auch von der Bodenbeschaffenheit ab. Ich finde, das lässt sich durchaus auch auf Bedingungen für Beziehungen übertragen, auf Familiensysteme oder Gemeinschaften, unter welchen Bedingungen und in was für einem System sie funktionieren und gedeihen können.

Allen Kapiteln sind Gedichte von Autor:innen vorangestellt. Welche Bezüge möchtest Du damit herstellen?

Die Auszüge am Anfang der Kapitel sind Mottos, die einen Hinweis geben, wohin die Reise im Kapitel geht. Vielleicht können sie als eine Art Wegweiser gelesen werden, der dennoch vieles offenlässt. Bezüge möchte ich eher mit den Zitaten herstellen, die als Zeilen in die einzelnen Gedichte Eingang gefunden haben und so einen Kanon zeigen, den ich gelesen habe, der mich beschäftigte und beeinflusste, während ich an den Texten arbeitete. Das habe ich schon in meinem letzten Gedichtband gemacht mit Autorinnen wie Anne Carson, Eileen Myles, Sheila Heti … So eröffnet sich ein Echoraum, den ich mit anderen Autorinnen und ihrem Werk teile und der für mich sehr wichtig ist. Den wollte ich gerne aufzeigen und einweben.

Nathalie Schmid: Ein anderes Wort für einverstanden. Gans-Verlag, 2025, 128 Seiten.

schlafende hunde auf gedicht zwilicht

Was ist politische Lyrik?

Dieser Frage geht der Herausgeber der neunten Kollektion „Schlafende Hunde“ mit all ihren Dilemmata und Verwicklungen nach – zumal auch die Reaktionen darauf widersprüchlicher nicht sein könnten. Die einen verwehren jegliche Zuschreibung und Instrumentalisierung, andere wiederum fordern gerade in Zeiten wie diesen klare Worte. Und wer denkt nicht an die Brecht’schen Bäume, wo es doch genau auch hierüber nachzudenken und zu schreiben gilt?

81 Autorinnen und Autoren versammelt diese Lyrik-Anthologie, die Viefalt der Themen und Stimmen überrascht. Vertreten bin ich mit einem Gedicht über die Wispile in der Nähe von Gstaad.

Bachmann, Thomas (Hg.): Schlafende Hunde IX. Verlag am Park, 2025, 430 Seiten

Frau blickt auf Buchtitel Vom Berglern und Geheimagenten

Traumseelen und Geheimagenten

Literarische Geschichtsbewältigung à la Taiwan. Ein Gastbeitrag von Peggy Kames.

Stell dir vor, du sitzt am Computer und kannst mit einem Klick Taiwan aus höchster Not retten, wie schon einmal, du musst nur den richtigen Befehl wiederholen. Was wäre wenn? Das ist die literarische Versuchsanordnung in der Erzählung „Virtuelles Taiwan“ von Ping Lu, die 1997 entstand. Die Autorin erhielt im November 2024 den Literaturpreis Taiwans für Land der Traumseelen, den dritten Band ihrer Taiwan-Trilogie. In „Virtuelles Taiwan“ verknüpft sie historische Fakten in einem fiktiven Setting, bei zunehmender Fiebrigkeit der Hauptfigur: Was wird passieren? Welcher war der richtige Befehl? Das Kammerspiel mit historisch-utopischer Dimension beschließt den Reigen von zwölf taiwanischen Autoren im Erzählband Von Berglern und Geheimagenten. Identitätspolitik ist der rote Faden, der die Geschichten miteinander verbindet, wobei es neben Fragen der politischen Identität, wie in Ping Lus Erzählung, auch um die Zugehörigkeit zu bestimmten Gruppen oder Ethnien geht, um soziale Schichten und Rollenmuster bis hin zu Fragen sexueller Orientierung. Ich hatte Gelegenheit mit der Herausgeberin, Annie Hsu, zu sprechen. Zur Frage der Identität sagt sie, dass „Fremde kamen und gingen, sie Taiwan regiert und aufgebaut, die taiwanische Kultur bereichert, aber den Menschen auch viel Leid gebracht [haben]. Das könnte vielleicht erklären, warum Taiwaner Probleme mit ihrer politischen Identität haben“.

Von MeToo bis hinauf in die Berge Taiwans

Nicht immer so spielerisch wie in Ping Lus eingangs erwähnter Erzählung geht es um Marginalisierung indigener Kulturen, um tradierte Lebensformen, die mit der Modernisierung des Landes nicht Schritt halten, um Beharrlichkeit patriarchaler Strukturen und Klassismus in der modernen Gesellschaft. Die Geheimagenten im Buchtitel sind demzufolge auch keine Spione im Dienste eines feindlichen Staates, sondern Menschen, die ihre Identität verstecken und sich der dominierenden Gruppe versuchen anzuschließen, wie in der Erzählung von Hu Shu-Wen. Die Protagonistin ist eine Schülerin aus einfachen Verhältnissen, was sie zu verbergen sucht, sie beobachtet und bemerkt Geheimnisse der anderen, wird selbst zum willenlosen Objekt eines Lehrers, zu seinem „Geheimnis“, sie entdeckt schließlich, dass sie nicht allein ist, aber Erlösung bedeutet das nicht. Ich denke, viele Leser in anderen Ländern könnten sich durchaus in der Geschichte wiederfinden, denn das Phänomen findet sich auch anderswo. Vielleicht wird es nicht überall zu einer kollektiven Erfahrung. Auf die Frage nach einer Lieblingsgeschichte nannte Annie Hsu unter anderen diese von Hu Shu-Wen. Sie sprach von einer grausamen Realität, die Menschen in der taiwanischen Gesellschaft zwinge, ihre eigene Identität als minderwertig zu betrachten. Selbst Schülerin einer Elitegrundschule, erkannte sie erst später, dass Mitschüler, die wegen schlechter Noten von Lehrern bestraft oder von den anderen Kindern gehänselt wurden, meistens aus taiwanischen Familien stammten.

Annie Hsu

Aufstrebende Literatur

Geopolitisch ist Taiwan schon seit einigen Jahren ins Zentrum der internationalen Aufmerksamkeit gerückt, denn hier wird der nächste Konflikt zwischen den Großmächten China und USA erwartet. Cinematographisch ist es vierzig Jahre nach der Taiwan New Wave und nachdem 2011 Seediq Bale in den Wettbewerb des Filmfestivals Venedig gewählt wurde, eher ruhig geworden, dafür aber macht die Insel literarisch zunehmend auf sich aufmerksam. Genau dazu passt das Buch Von Berglern und Geheimagenten. Nach dem Erzählband Von Wahrsagern und Technofrauen (2021) mit zwölf Stimmen von Autorinnen aus Taiwan, ist dies der zweite im Projekt-Verlag erschienene Band mit Erzählungen aus Taiwan. Die Texte wurden von Andreas Guder, Marc Hermann, Hans Peter Hoffmann und Brigitte Höhenrieder erstmals ins Deutsche übersetzt und, wo nötig, mit Anmerkungen versehen, so kann man viel über Taiwan und die literarische Bandbreite dort erfahren. „Die Geschichte von den Beuteltieren“ beispielsweise schildert eindringlich die Situation von modernen Frauen, die sich bis zur Selbstaufgabe um Familie, Haushalt und Kinder kümmern, um schließlich in einer Anklage ignoranter Ehemänner zu gipfeln. Dabei wendet sich Chu Tian-Hsin durch die Verwendung des Pronomens „du“ ganz direkt an die Leserinnen und Leser und bezieht sie so automatisch in die Zeugenschaft solcher Verhältnisse ein.

Wer sind wir?

Und die ebenfalls titelgebenden Bergler? Diese abwertende Bezeichnung – auf Chinesisch 山地人 shandiren -, gab die han-chinesische Bevölkerungsmehrheit den Indigenen. Die hier versammelten Autoren sind zwischen 1939 und 1977 geboren, drei von ihnen sind indigene Autoren. Auf den indigenen Kulturen liegt in den letzten Jahren besonderes Gewicht, wenn es zu der Frage kommt: Was ist taiwanisch? Wer sind wir? Noch einmal Annie Hsu: „Inzwischen haben sich immer mehr indigene Autoren einen Ruf im literarischen Bereich aufgebaut. Sie schreiben meist auf Chinesisch, versuchen zunehmend auch in ihrer Stammesssprache zu schreiben und bringen andere, neue Schreibstile mit.“ So wie Walis Nokan vom Stamm der Atayal mit seinem experimentellen Satzbau in der Erzählung „Eines traurigen Tages Gedenken“. Hans Peter Hoffmann folgt in seiner Übersetzung diesem besonderen Stil und Satzbau, was dem Leser einiges abverlangt. Badai vom Stamm der Puyuma schildert die beschwerliche Ingwerernte in den Bergen. Die ganze Familie und befreundete Helfer werden eingesetzt, um die Ernte und damit das Auskommen der Familie auf abenteuerlichen Bergpfaden ins Dorf zu bringen. Er beleuchtet dabei Strukturen, die zur Benachteiligung der indigenen Bevölkerung führten.

Von realen bis surrealen Settings bietet der Band einen breiten Überblick. Auch wenn nicht alle Erzählungen wirklich packend sind und Spuren hinterlassen, als Orientierung in der vielfältigen Literaturlandschaft ist der Band jedenfalls sehr empfehlenswert.

Von Berglern und Geheimagenten. Zeitgenössische Erzählungen aus Taiwan
Übersetzt aus dem Chinesischen von Andreas Guder, Marc Hermann, Hans Peter Hoffmann und Brigitte Höhenrieder, 2024; 307 Seiten

Weitere Bücher aus Taiwan (Auswahl):

Das Buch "Fremde vom Pier" von Tash Aw liegt auf der "Wochenzeitung"

Glück …

… in der Abwesenheit von Glück in Malaysia. Eine Rezension.

Über die Vergangenheit schweigen die Vorfahren des malaysischen Autors Tash Aw, deshalb macht er sich auf die Suche, fügt Steinchen um Steinchen aneinander – nur um festzustellen, dass alles ganz anders ist, als er sich es vorgestellt hat?

Es ist einfacher, sich am Luxus zu erfreuen, denn die Vergangenheit schmerzt nur, die Gegenwart ist leicht, so sieht es sein Vater. Ist die Verdrängung also eine Frage des Pragmatismus? Der Vater verneint, sie würden vielmehr aus Scham schweigen. Und auch aus Dankbarkeit: „Schau, wo wir jetzt sind.“

Eine Migrationsgeschichte aus Südostasien, erzählt in Rückblenden und in Gesprächen – eine Geschichte, in der Mobilität und Flexibilität aus purer Not höher gewertet werden als Familienleben.

Nachzulesen ist die Rezension in der WOZ.

Tash Aw: Fremde am Pier. Porträt einer Familie. Aus dem Englischen von Pociao, Roberto de Hollanda. Luchterhand, 2024, 128 Seiten.

Weitere Artikel aus Malaysia:

weisses buchcover mit gekritzel

Dunkel und hell

Ein neues Gedicht aus Taiwan, ein neues Gedicht von Tsai Wan-shuen

Im Dunkeln ist es nicht immer gefährlich, das Dunkel bietet Sicherheit, auch den Verfolgten. Nur was ist mit den Menschen im Licht – und: Gibt es eine Verbindung zwischen den beiden Welten?

Davon spricht das Gedicht „Mir träumte von Zikaden“, heute erschienen auf dem Literaturblog „Aus dem Alltag“ von Manfred Lipp.

Zu den beiden Bänden mit noch mehr Gedichten von Tsai Wan-Shuen geht es hier:

Küsten, erschienen im Hochroth Verlag Leipzig.

Im Meer aufwachen, erschienen im Drachenhausverlag.

Löffel in einer Suppe mit Bohnen neben einem Buchumschlag, auf dem steht "Das Parfum des Todes"

Die einzige Spur: der Duft eines Parfüms

Ein Gastbeitrag von Monika Li über den Kriminalroman Das Parfüm des Todes der taiwanischen Autorin Katniss Hsiao

Die Tatortreinigerin Yang Ning kann aufgrund eines Traumas nur riechen, wenn sie sich am Geruch des Todes berauscht. Bis sie eines Tages den Auftrag erhält, eine Wohnung zu reinigen, in der jemand umgebracht wurde. Plötzlich wird sie zur Hauptverdächtigen und macht sich auf die Suche nach dem wahren Mörder, der als einzige Spur den Duft eines Parfüms hinterließ.

„Nichts bedeutet irgendwas, das weiß ich seit Langem. Deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun.“ Damit zitiert die Tatortreinigerin Yang Ning einen Jungen, der in der nihilistischen Parabel Nichts – was im Leben wichtig ist der dänischen Autorin Janne Teller den Sinn des Lebens radikal in Frage stellt. Getrieben von der Provokation des Jungen, tragen die Klassenkameraden in Tellers Geschichte einen Berg voller Dinge zusammen, die ihnen etwas bedeuten.

Am Tatort

Man könnte meinen, Hsiao habe die dänische Parabel nach Taiwan verlegt, um sie mit der Figur Yang Nings herauszufordern. Auch Yang Ning wurde der wichtigste Mensch in ihrem Leben entrissen: Ihr jüngerer Bruder beging Selbstmord. Seitdem versagt ihr absoluter Geruchssinn vollkommen und kann nur für kurze Zeit wiederhergestellt werden, wenn Yang Ning den Ausdünstungen von Leichen ausgesetzt ist. Sie stürzt sich in die Arbeit, um sich am Geruch des Todes zu berauschen, bis sie eines Tages selbst zur Hauptverdächtigen wird.

„Geruch ist das Medium der Liebe und des Geliebtwerdens“ wird man im Verlauf der Geschichte vom wahren Mörder erfahren. Mit dem Verlust ihres Geruchssinns versinkt Yang Ning in einem Strudel der Leere, hinter einer Mauer, durch die auch die Liebe ihres fürsorglichen Exfreunds Xu Haoyang nicht durchzudringen vermag. Aus dem Schmerz ihrer seelischen Verletzung schöpft Yang Ning eine gigantische Kraft, die sie drängt herauszufinden, wer sie in diese Falle gelockt hat. Um die Denkweise des Täters zu verstehen, freundet sich Yang Ning mit einem Serienmörder an.

Es scheint, als müsse sie auf der Suche nach dem Mörder zum Monster werden, wie die Kinder aus Tellers Roman auf ihrer Suche nach dem Sinn des Lebens. „Bevor wir Monster wurden“ lautet daher auch der Originaltitel des Romans, dessen deutsche Übertragung Parfüm des Todes den olfaktorischen Aspekt betont. Bei Teller bleiben die Kinder, die in Nichts zu Monstern werden, schemenhaft, man erfährt wenig über ihre persönlichen Geschichten und Gefühle. Hsiao hingegen nimmt die Leserschaft an die Hand und zieht sie ganz nah an die Wunden in Yang Nings Seele heran, führt sie bis zu ihrer Mutter nach Hause, enthüllt Yang Nings verzweifelt traurige Wut, die sich hinter ihrer impulsiven, rohen Fassade verbirgt.

Riechen und Fühlen und Essen

„Setz deine Maske auf“ war ein Romantitel, den die Autorin selbst in Erwägung gezogen hatte, wie sie im Nachwort des Originals schreibt. Sie reißt den Figuren die Masken vom Gesicht, entblößt ihre Ängste, ihre Sehnsüchte, ihre innerlichen Kämpfe, ihren Humor, – bis wir uns selbst in den Monstern erkennen. Auch uns läuft das Wasser im Mund zusammen, wenn Hsiao den Duft der süßen roten Bohnensuppe beschreibt, wie sie ihren Bubble-Tea schlürfen oder genüsslich in das zarte Lammfleisch beißen. Mit den sinnlichen Beschreibungen des Essens hat Hsiao einen zentralen Aspekt taiwanischer Kultur in ihr Werk eingeflochten, dessen scheinbare Harmlosigkeit in schaurigem Kontrast zur Kriminalgeschichte stehen mag, sich aber beim genaueren Hinsehen stimmig in den Roman als Beziehungsgeschichte einfügt, denn Beziehungen jeder Art werden in Taiwan über das gemeinsame Essen aufgebaut, gepflegt und ausgedrückt.

Was ist ein Kriminalroman? Karen Witthuhn definiert ihn als eine Erzählung, in der Werte und die Frage nach Gut und Böse verhandelt werden und wie Gewalt interpretiert wird. Hsiao tut dies in Das Parfüm des Todes mit einer wuchtigen Brillanz, die Das Schweigen der Lämmer und Das Parfum – die beiden Werke, mit denen man den Roman vielleicht zunächst vergleichen möchte -, verblassen lässt. Hsiao selbst spielt zwar mit diesen Vergleichen, unter anderem durch Yang Nings Lieblingsspeise Lammfleisch und ihren Spitznamen „Lämmchen“, wie sie der befreundete Serienmörder nennt. Dabei isst Yang Ning zwar gerne Lamm, ist aber keineswegs lammfromm. Trotz der Widrigkeiten ihres Schicksals weigert sie sich eindrucksvoll, dem Nihilismus zu verfallen, lehnt sich kraftvoll gegen die vermeintliche Ausweglosigkeit ihrer Situation auf und gibt die unmöglich scheinende Suche nach dem wahren Mörder nicht auf. Wird Yang Ning zu einem der Kinder aus Tellers Parabel? Die Frage nach Gut und Böse bleibt bis zum überraschenden und angenehm unversöhnlichen Ende offen. Beantworten muss man sie sich selbst.

Beim Lesen vergisst man, dass man eine Übersetzung in den Händen hält, was der großartigen Arbeit von Karin Betz zu verdanken ist. Sie hat den Stil und den Ton Hsiaos so gut getroffen und die Eigenheiten chinesischer Sprache und taiwanischer Kultur so natürlich übertragen, dass die deutsche Übersetzung dem taiwanischen Original in nichts nachsteht. Nicht zuletzt aufgrund der größeren Anforderung an Präzision und Kohärenz, die eine deutsche Leserschaft fordert, wurde der Roman durch das Lektorat des Herausgebers Thomas Wörtche verfeinert.

Katniss Hsiao: Das Parfum des Todes. Aus dem taiwanischen Chinesisch von Karin Betz. Suhrkamp Verlag 2024, 486 Seiten

Eine Auswahl von weiteren Rezensionen zu Büchern aus Taiwan:

Florian Bissig Vaterbuch in Versen

Nachbild

Lektürenotiz zu Anchises in Alaska. Ein Vaterbuch in Versen.

Außergewöhnlich, wie Florian Bissigs versucht, das zerfledderte Leben – das sich auch typografisch in aufgelösten Zeilen mit Leerstellen spiegelt – eines Mannes, eines Vaters, zusammenzusetzen, damit sich zumindest ein Bild nach dessen Tod ergibt, wenn schon zu Lebzeiten ein solches verweigert wurde. Denn die „Kunst abwesender Anwesenheit“ hat dieser Mensch gut beherrscht, eingeübt und perfektioniert; seltene Treffen in einem abgelegenen Haus galten als „rare Adelung“. Mit Brosamen also hingehalten, ferngehalten, denn wenn es dem Vater zu nahe wurde: „Beziehungsabbruch“.

Auch die Todessehnsucht des Mannes in jungen, die Alkoholsucht in späteren Jahren ist ein Zeichen der Negation und wiederkehrendes Bild. Um zu „versickern“ und schließlich – die letzte Option -, die Wahl des Nichts, stolz verklärt, um wenig später vor dem „Tor der Himmelspforte herumzustehen“.

Der Vater ist wohl im Leben schon verschwunden wie später auch das Grab, das der Sohn nicht mehr findet, es wurde abgeräumt. Was bleibt, ist also dieses Buch und eine letzte Szene am Heiligabend, ein Moment der Stille und Finsternis zugleich, weil die Kerzenlichter am Baum erlöschen und im letzten Aufzucken ein Netz aus Schattenmuster an Decke und Wände werfen. Die Menschen sehen diesem Spiel von Aufleuchten und Auslöschung zu, bis sie reglos schweigend ins Schwarz starren. Selten wurde so eindringlich von diesem Vorgang in Versen geschrieben (mir fiel noch das „Orangenpapier“ von Pietro de Marchi ein), vom Aufflackern, Leuchten, Verglimmen bis hin zum Verlöschen des Lebens überhaupt, um wieder von vorn beginnen zu können.

So in etwa lässt sich dieser Bogen – mit Abschweifungen in Mythologien – nachzeichnen von einem Leben, in dem einer nicht wirklich glücklich war. Das Verglühen jedenfalls bleibt und auch die Frage, ob der Tod wie auch das Leben Anfang eines Gesprächs sein könnte?

Florian Bissig: Anchise in Alaska. Ein Vaterbuch in Versen. Verlag die Brotsuppe, Biel, 2024