Hafen im Nebel

Ein wahres Schattendasein

In England hat Reiseliteratur Tradition. Hierzulande wird sie nicht ernst genommen. Ein Plädoyer für den Reisebericht zwischen authentischer Reportage und fiktionaler Erzählung.

Von Martin Hager.

Berlin: Ein junger Mann betritt eine Buchhandlung. Er erkundigt sich nach Reiseliteratur. Die Verkäuferin fragt, wo er denn hin will, um ihn auf das entsprechende Sortiment an Reiseführern verweisen zu können: Kunst-Reiseführer, Abenteuer-Reiseführer, Individual-Reiseführer, Reisen-mit-Kind- Reiseführer. Der Mann will aber gar nicht verreisen. Er will lesen.

London: Die Frage nach Reiseliteratur führt zu einem Regal, dessen Bücher nicht nach Ländern, sondern nach Autoren geordnet sind: Bruce Chatwin, James Fenton, Norman Lewis, Jan Morris, Eric Newby, Jonathan Raban, Paul Theroux etc.

Im Gegensatz zu Deutschland wird in Großbritannien der zweite Teil des Begriffs „Reiseliteratur“ ernst genommen. Nicht dass es hierzulande keine guten Reiseberichte gäbe, es kennt sie nur kaum einer. Zugegeben, dass Goethe in Italien war, ist allgemein bekannt. Auch Heinrich Böll hätte Irland als Thema der diesjährigen Frankfurter Buchmesse nicht gebraucht. Ob Alfred Andersch, der über Spitzbergen geschrieben hat, mit Norwegen geholfen wäre, ist schon eher wahrscheinlich. Das „Verzeichnis lieferbarer Bücher“ vermerkt lapidar: „Andersch, Alfred, „Hohe Breitengrade“. Letzte Auflage 1989, z.Zt. vergriffen, Datum der Neuauflage unbestimmt.“ Seine Romane zählen zur Standard-Schullektüre und sind zum Teil in verschiedenen kommentierten Ausgaben erhältlich, die Reiseberichte dagegen liegen mangels Nachfrage nur noch in Bibliotheken vor. Ihr Wert ist, scheint es dem interessierten Beobachter, eher museal.

Ob es für ein literarisches Werk schlimmer ist, nicht mehr gedruckt oder als Pflichtlektüre in den Schulunterricht aufgenommen zu werden, sei dahingestellt. Literarische Reiseberichte führen hierzulande jedenfalls ein beklagenswerten Schattendasein. Literarische Reiseberichte zählen – abschätzig formuliert – als „Bastardliteratur“. Sie sind weder zweckgebundene Information wie ein Reiseführer noch freies Spiel der Phantasie wie ein Roman.

Der Autor eines Reiseberichts ist auf die faktische Basis seiner Erzählung verpflichtet, sie muss auf eine tatsächlich unternommene Reise zurückgehen. Andererseits sind seiner subjektiven Interpretation des Gesehenen und Erlebten keine Grenzen gesetzt. Am besten ist der Text, der auf faktischer Basis beruht und sich dennoch aller stilistischer Techniken fiktionalen Erzählens bedient, der wörtliche Rede einsetzt und Spannungskurven aufbaut, der es also vermag, authentische Erfahrung eindrucksvoll zu inszenieren.

Wenn der britische Reiseerzähler Bruce Chatwin in seinem Buch „In Patagonien“ über seine Suche nach den Ursprüngen eines Stücks Faultierhaut aus dem Kuriositätenkabinett seiner Grossmutter berichtet, ist das spannender als eingehende Beschreibungen noch so schöner Gletscher – worauf er ohnehin verzichtet.

Es ist ein interessantes Phänomen, dass die Beschreibung eines Raums in einem Roman – skizziert durch wenige Worte – eindringlicher und nachvollziehbarer ist als die seitenlange Beschreibung einer wunderschönen Landschaft in einem Reisebericht. Das hat mit der menschlichen Kognition zu tun. Die Fiktion des Romanautors wird zur Fiktion beim Leser. Der Reisende hat jedoch die Realität vor Augen und unternimmt den – zum Scheitern verurteilten – Versuch, diesen visuellen Eindruck in Sprache zu transformieren.

Der Romanautor will Atmosphäre vermitteln. Wenn das mit Hilfe einiger „telling details“ gut gemacht ist, merkt der Leser nicht, dass er von dem Raum eigentlich gar keine konkrete Vorstellung hat, sondern nur von einigen Details, die bestimmte, eindringliche und klare Assoziationen wecken: „Wie sie aufwacht, ist es Abend, und die saubere weiße Wand, auf die sie zuerst sieht, ist nur noch wenig hell.“ (Die Szene spielt im Krankenhaus.)

In der akkuraten Landschaftsbeschreibung kann die Stärke von Reiseberichten also nicht liegen. Hier hilft höchstens Verfremdung weiter, also weg von der Nüchternheit des Sachtexts hin zur Dichte des Romans: „Die Bocage ist jener südwestliche Teil des Departements Calvados, wo… sich das Land hinterm Meer plötzlich zu Hügeln aufwirft, wo die sanfte Dünung der Normandie durcheinandergerät und der Horizont hinter sich türmenden Strauchmauern verschwindet.“ Der Text stammt aus einer Geo-Reportage. Hier wird kein konkret-exaktes Bild gezeichnet, sondern ein Bild, wie die Landschaft auf den Betrachter, den Autor wirkt.

Gute Reiseberichte, das hat Bruce Chatwin mit „In Patagonien“ und „Traumpfade“ bewiesen, bewegen sich an der Schnittstelle von authentischer Reportage und fiktionaler Erzählung. Natürlich war Chatwin in Patagonien und in Australien, und natürlich basieren die Bücher auf den dort gemachten Erfahrungen. Begleitet wurde er aber in Australien nicht von Arkady Volchok, wie es in den „Traumpfaden“ heißt, sondern von Salman Rushdie, der sich im Jahr 1983 noch frei bewegen konnte. Chatwin brachte aber, um die zentrale Botschaft von der Qualität der ursprünglichen Kultur der Aborigines glaubhaft vermitteln zu können, jemanden, der in diese Kultur eingeweiht war. Also erfand er den in Australien gebürtigen Russen Volchok, einen Weißen, der mit europäischer kultureller Tradition und Kenntnissen aboriginaler Mythologie aus erster Hand aufwarten konnte.

Auch Alfred Andersch blendet in seinem Reisebericht über einen Sommeraufenthalt auf und um Spitzbergen die Tatsache völlig aus, dass der Anlass dieser Reise eine Filmexpedition war. Ein Kamerateam existiert nicht, auch nicht seine Frau Gisela Andersch, die doch für die Fotos in dem Buch verantwortlich zeichnet; statt dessen eine gewisse Asa, die nicht zur Crew des Schiffes gehört, das Andersch gemietet hat, sondern als Fotografin agiert und in einer persönlichen, aber nicht näher definierten Beziehung zum Ich-Erzähler steht.

Andererseits lautet der vollständige Titel des Buches „Hohe Breitengrade oder Nachrichten von der Grenze. Mit 48 Farbtafeln nach Aufnahmen von Gisela Andersch“. Und auf der letzten Seite des Buches findet sich eine kurze „Notiz“, die auf den tatsächlichen Kontext der Reise verweist, eine „Film-Expedition des Deutschen Fernsehens“. Damit ist der Bericht eingerahmt von zwei Aussagen, die seine Fiktionalität klar zum Ausdruck bringen. Entscheidend ist aber nicht die exakte Wiedergabe der äusseren Realität, sondern die Nachempfindung einer inneren Wahrheit. Wenn es dazu notwendig ist, das Kamerateam zu streichen und Gisela durch Asa zu ersetzen, dann muss das eben sein.

Wichtig für das Funktionieren der beschriebenen Verschmelzung von Fakt und Fiktion ist der Status, den ein Text hat, weniger der tatsächliche Authentizitätsgehalt. Reiseberichte haben, wenn sie als solche gelten, faktischen Status, das heißt, der Leser akzeptiert ihre Authentizität – im Gegensatz zu der von Münchhausens oder Gullivers Reisen. Kaum jemand verschwendet einen Gedanken daran, ob man sich wirklich an den eigenen Haaren aus dem Dreck ziehen kann (was möglicherweise ein Fehler ist).

Nicht alle Reiseberichte sind in demselben Maße fiktionalisiert wie die oben genannten. Dann wäre es mit dem Status der Authentizität bald vorbei. Aber der Prozess der Vertextung ist auch einer der Veränderung, von den Sinneseindrücken über die Notizen vor Ort zum fertigen Bericht. Aus dem Reisenden im fremden Land wird schließlich der Autor am heimischen Schreibtisch, und der schafft den Ich-Erzähler in der Geschichte.

Literarische Reiseberichte sind Kunstwerke. Bei deutschen Verlagen laufen sie aber unter der Rubrik Sachliteratur. Das ist schade und irreführend. Der sogenannte Tatsachenroman, wie Truman Capotes „Kaltblütig“, ist auch kein Sachbuch, selbst wenn sich viele Kritiker auf dessen Wahrheitsgehalt gestürzt haben – und ihn dann in Frage stellen konnten.

Um auf die vorher genannten Autoren zurückzukommen: Weder lese ich Chatwin, weil ich erdkundliche Informationen über Patagonien oder Australien brauche, noch Andersch als Vorbereitung auf eine Spitzbergen-Tour. Ich lese die Bücher, weil ihre Autoren gut schreiben können, weil sie sensibel sind für ihre Umgebung und weil sie interessante Geschichten erzählen über das, was sie sehen, was sie denken, was die Orte ihnen zu sagen haben.

Sowenig sich die Bedeutung eines Geschichtswerks darin erschöpft, Quelle zum Verständnis der Gegenwart zu sein, so wenig liegt der Sinn eines Reiseberichts in der Sachinformation über die besuchte Gegend. Dafür gibt es seit 150 Jahren den Baedecker und eine mittlerweile unüberschaubare Zahl ähnlicher Produkte.

Mit freundlicher Genehmigung des Autors.
© taz, erschienen am 18.1.1997, aber noch immer aktuell.

Sounds of Hong Kong 1-5

„I have never seen myself from the outside.“

BB

Sicht aus dem Fenster auf die Insel Peng Chao

一 Nächtlicher Klangteppich
Vermeintlich Bekanntes, alles schon einmal gesehen, wenn auch schon lange nicht mehr – seit zwölf Jahren, um genau zu sein. Gesehen wohl, aber genau gehört? Und nicht das Gefühl gehabt, als wäre es schon hundertmal gehört? Sanfte Wellen, die hier wie dort leise plätschernd auf flachem Sandstrand auslaufen. Hierin sind sich die Meeresgeräusche ähnlich. Am Strand aber – ein angenehm leiser Singsang. Ein Vater ruft, eine Mutter klatscht in die Hände, Teenager lachen. Die Luft dröhnt, Flugzeuge landen und steigen hinter der langgestreckten hügeligen Kuppe auf der gegenüberliegenden Insel, es dröhnt so laut, dass die Antwort auf die Frage am Telefon, wo der Bus zur Discovery Bay denn nun abfährt, immer wieder im Flugzeuglärm unterging, das war gestern gewesen, darüber das grüne Mäppchen mit den wichtigsten Namen, Telefonnummern und Mail-Adressen in einem der unzähligen Flughafentrolleys vergessen. „Dieses Mäppchen, also diese Papiere, die sind nur für Sie von Wert. Jeder andere wirft sie achtlos weg“, sagte mir einer der Angestellten hinter einer Theke, den ich aus seinem Schachspiel herausreißen musste, und er riet mir, in Mülleimern und Blumenkübeln zu suchen. Erstaunte Blicke von Angestellten in grün-weißen Uniformen, von Reisenden, die in Rolls Royce stiegen, um sich zu den Luxushotels fahren zu lassen. Das grüne Mäppchen blieb verloren, der richtige Bus wurde gefunden. Auch der richtige Pier für die Weiterfahrt mit einer der kleineren Fähren, einem Kaito, die zwischen den Inseln für den Personen- und Güterverkehr zuständig sind. Das langsame Motorentuckern wieder, das je nach Wellengang mal leiser, mal lauter den ganzen Schiffsraum und selbst die angeschraubten Sitze im Heck vibrieren lässt. Das eigene Wort bleibt ungehört, das des anderen erst recht, weggeweht vom Fahrtwind.

F

Abendlicher Gang zum Pier, ein Mann schiebt sein Fahrrad den Weg hinauf, murmelt etwas und zieht eine lange Alkoholfahne hinter sich her, Frösche quaken, aber auch eine alte Kröte, so tief hört sich das klopfende Geräusch an, Wind klatscht Wellen ans Ufer der Ostbucht, Gelächter weht herüber vom öffentlichen Grillplatz, leise surrt der meterhohe Zaun, der was einzäunt? Hunde kläffen, eine Fahrradklingel, Vögel stoßen langgezogene Schreie aus, dann wieder kurz und schnell hintereinander. Schlurfende Schritte hallen durch die Wing-On-Street, biegen vor dem Tin-Hau-Tempel links ab in Richtung Ferry Pier. Müde Gespräche, leises Murmeln am frühen Abend, Schritte, die in engen, langen Gassen der Insel verhallen, tief und grau hängt der Himmel über dem Platz zwischen Supermarkt und Public Library, beim Franzosen stehen zwei Ausländer im Türrahmen. Seltsames Zwielicht schon den ganzen Tag über. Von weitem hört man das Stampfen des Motors, die letzte Fähre legt gleich ab.

Hunde bellen die ganze Nacht, nicht so schlimm zwar wie in Lhasa, wo man ihretwegen oft kein Auge zutut. Und auch Flugzeuge nachts, oder dann erst recht, erzählt eine Inselbewohnerin. „Drüben beschweren sich die Bewohner, wenn gegen das nächtliche Flugverbot verstoßen wird, deshalb fliegen sie hier über unsere Insel. Und wir haben keine Lobby.“

F

Inmitten des nächtlichen Klangteppichs ist zu hören, wie sich Vögel wie auf ein verabredetes Zeichen hin zurufen, dem Gleichklang vertrauend. Sind die Grillen ruhig, rufen mitten in diese Stille hinein die Vögel, als lauschten nun die Grillen. Und wenn die Vögel verstummen, heben die Grillen wieder an, krätschen unter Sträuchern, in den Zweigen der Büsche. Der Chor schwillt an, begleitet vom Dröhnen der Flugzeuge, das als leiser Bass den Grundton vorgibt, doch kurz vor der Landung heult der Motor noch ein letztes Mal auf, der Bass geht in die Höhe, die Vögel, Grillen werden lauter, ein Ton schraubt sich empor, fällt abrupt in sich zusammen. Stille. Bis wieder ein dumpfer Vogelschrei als Kontrabass einsetzt, Zirpen sich als zweite Stimme darüberlegt, nahes und fernes Vogelgezwitscher auf einmal dazwischenfährt, sich im tönernen Zwist verquirlt, bis einzelne Geräusche herauszuhören sind. Eine Taube gurrt, der Bambus rauscht, hohes Flugzeugsurren, ein Vogel, der laut auflacht, darüber der schallende Zwischenruf eines anderen, erneut lang anhaltendes, anschwellendes Zirpen. Und da capo. Nach einer kurzen Pause, in der das Leben still zu stehen scheint, wieder einzelne Vogelstimmen, von Grillenzirpen unterbrochen, das rhythmische Schnaufen von Schiffsmotoren, ein Blatt, das leise und doch hörbar auf die Terrasse fällt, Schwingen eines Vogels, der durch die Abenddämmerung fliegt, der Abend, die Nacht, zur Ruhe kommt auch sie nicht.

B

二 Lärm durchpflügt den Himmel

Auf Lantau knattern die Fahnen laut im Wind, der die Stofffetzen bloß so um die Fahnenstangen schlägt. Nur dort, wo es hinaufgeht zum weltweit größten sitzenden Buddha, scheint der Wind dermaßen aufzubrausen. Nicht hinten im rund angeordneten Stelenwald und auch nicht vorn, wo die Busse abfahren zu den verschiedenen Orten auf Hongkong drüben und der Insel hier. In Tai O die Kakophonie schlechthin, chinesische Touristen und ihre Guides mit Megaphon, Händler, die Fische in allen Formen – geräuchert, getrocknet, gesalzen – anbieten, Ticketverkäufer, die eine Motorbootfahrt zwischen den Pfahlbauten und hinaus aufs offene Meer anpreisen. Wo weiße Delphine zu sehen sein sollen. Vielleicht früher einmal. Aber spätestens mit dem Bau des Flughafens sind sie verschwunden. Und was sollen sie auch zwischen den unzähligen Touristenbooten mit ihren röhrenden Motoren und den riesigen Frachtern, die auf offenem Meer, so scheint es zumindest, ihre Waren löschen? Zu laut ist auch der Himmel, im Fünf-Minutentakt von Motorenlärm durchpflügt.

三 Sound art: Samson Young
Feines Klanggespinst hätte ich hören sollen, doch nicht einmal die Angestellte der Galerie habe ich gehört, als sie mir den MP3-Player hinhielt. Bin noch taub vom Lärm auf der Straße, hatte auch schon an der Sprechanlage nichts gehört, schaute auf das Display, bis das „Warten“ einem „Sprechen“ wich, und ich sprach, ohne meine Stimme zu hören oder eine andere aus der Sprechanlage, drückte irgendwann gegen die metallene Tür, die nachgab, ging weiter die Wand entlang um eine Ecke, da war nichts, kehrte um, und eine junge Frau schaute mich lächelnd an, winkte.
DCIM100SPORTDer Klangkünstler Samson Young machte die Aufnahmen an verschiedenen Tagen zwischen den Jahren 2012 und 2014 und setzte sie schließlich zu einer Melodie zusammen. Die Hauptmelodie zeichnet sich in der Partitur als starke Linie ab, die schwächeren Stimmen sind fein eingetragen, nur gelegentlich findet sich eine Angabe über die Tonstärke, ein rostbrauner Fleck, dann kleine schwarze Pfeile, die Kreisen und Anschwellen andeuten. Oftmals verbinden sich die Linien, da wo der Grenzzaun doppelt verstrebt und ein Verstärker angeschlossen wurde, dort wo sich eine Polizeistation befindet. Die Töne sind frei, Vogelgezwitscher, ein Zug in der Ferne, irgendwo sirrt vielleicht der Grenzzaun, der Shenzhen von Hongkong trennt.
Am Ende des Galerierundgangs wird per MP3-Player Schuhmanns Träumerei von Martha Argerich gespielt, in Verbindung mit einem kleinen Bildschirm, der eine Aufnahme von einer weißen Metallbaracke am Grenzzaun zeigt – Niemandsland, Rohre, Absperrungen, darunter ein Zitat: „I have never seen myself from the outside.“
Dann setzte der zweite Presslufthammer ein, neben den Wänden der Galerie, alles bebte. Träumereien?
Die Angestellte, vielleicht eine junge Kunststudentin, lächelte nur, als ihr ihr sagte, da, wo leises Plätschern blau in die Partitur eingezeichnet war, hörte ich nur die beiden Presslufthammer von nebenan. Sie lächelte weiter, meinte, sie hätte sich daran gewöhnt und höre den Lärm nicht mehr, der mir die Beine hinaufgekrochen war, so vibrierte das ganze Haus. Stille sei, fiel mir das Zitat einer Schweizer Autorin ein, nur das zu hören, was man auch hören wolle. Voilà. Das schaffte dieses Mädchen auch inmitten dieser Baustellenlärm-Symphonie.

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四 Lärmender Alltag

Zuerst rollen Holzkugeln über die Bretterbühnen, in unregelmäßigen Abständen, ein Rhythmus lässt sich nicht heraushören, genauso wenig beim Herumstochern in Porzellanperlen, wenig sorgsam werden sie mit Essstäbchen aus einer Schale herausgepickt und in Glasschüsseln geworfen, manche fallen mit einem harten Knall auf die Holzdielen. Unter all den Kugeln ist eine, die schwergewichtig durch den Raum rollt und sich von jedem Widerstand abstößt, eine Plastikkugel schabt über die Bretter.
Sonic Anchor #16 stellt, so der Programmflyer, zwei junge Musiker aus Hongkong vor. Tsang Sin-yu gewähre Einblick in ihre alltägliche Hausarbeit. Im zweiten Akt wirft die Künstlerin Federn auf den Boden, zu hören ist dabei nur das leise Schlappen der Plastiksandalen gegen ihre Fußsohlen. Im dritten Akt wickelt sie eine Radioantenne aus Metallfäden, ein Krächzen, dann ein Rauschen aus dem Gerät, das gleichbleibend monoton klingt. Im vierten und zugleich letzten Akt kommt der Staubsauger ins Spiel, der röhrend einen Teil der Federn in sich aufnimmt, sich aber lieber in das weiße Gewand der Künstlerin verheddern würde. Die gröbsten Federn aber muss sie von Hand auflesen. Als es dunkel bleibt, klatscht niemand, die Stille wirkt erlösend.
„In certain sound art communities there is a tendency to highlight the fragility of sound, and the importance of protecting them from the assaults of modern civilisation”, schreibt der Kurator Samson Young von Sonic Anchor, eine Klangkunst-Reihe, die experimentelle Musik und Klangkunst kombiniere. Und so sehr dieses Statement auch zutrifft, gerade in Hongkong, so wenig erschließt sich in diesen Stücken die Sensibilität dem Klang gegenüber.

五 Hongkong Gangster Movie
Was, wenn man einen Hongkonger Gangster Movie wie in „On the Edge“ von Herrmann Yao nur hören könnte? Sparsame Dialoge, Wortfetzen gar, die sich bloß im Kontext erschließen lassen, im Zucken eines Gesichtsmuskels. Auf die dramatisch aufgepeitschte Verfolgungsjagd am Anfang könnte man optisch verzichten, auf die Zweifel im Gesicht des Undercover agierenden Cops weniger, als er seinem vermeintlichen Triadenfreund die Knarre an den Hinterkopf drückt. Die weiten Kameraschwenks über die Stadt und ihre langen Straßen müsste man imaginieren, erspart wäre einem das Säbel- und Messergewetze. Was wäre mit dem Lavieren zwischen den Identitäten, zwischen Cop oder Punk, die sich beständig auf Harry-Boys Gesicht abzeichnet, mit der nie ausgesprochenen Frage: „Wer bin ich eigentlich?“, auf die alles in dieser Stadt hinausläuft.

M

Die grotesk-komödienhafte Szene am Ende, sie würde man missen: Alles hängt an einem Turnschuh, ein Mann, stundenlang – so scheint es zumindest – über einer Balkonbrüstung eines schäbigen Mietblocks. Kopfunter, das andere Bein hält Harry-Boy fest. Lässt er ihn fallen? Zeigen die plötzlich verständnisvollen Worte seines unnachsichtigen Polizeikollegen doch noch Wirkung? Ja, schon, doch dann rutscht der Fuß aus dem Schuh. Der Verräter fällt. Fällt in ein Sprungtuch, das die Feuerwehr gerade noch rechtzeitig hatte aufspannen können. Harry-Boy wird abgeführt. Zwischen der gaffenden Menge fährt ein beinloses Triadenmitglied auf seinem Brett mit vier Rädern unbeachtet herum, zielt auf Harry-Boy, drückt ab. Und wie er in seinem Blut liegt, das wird in der Anfangs- und Schlussszene des Films gezeigt. Nein, hören könnte man das alles nicht. Und viele Worte widersprechen den Bildern, die man gesehen haben muss.

Weitere Filme über Hongkong in Zürich …

Vignetten vom April 2014, seither ist in Hongkong nichts mehr, wie es vorher war. Und die Zukunft ist unklarer als vielleicht jemals zuvor.

Alles nur ein Traum?

Aus aktuellem Anlass: Der Autor Yan Lianke wird mit dem Franz-Kafka-Preis ausgezeichnet. Yan Lianke, einst Mitglied der Volksbefreiungsarmee, hat mehr als 20 Romane und Erzählungen verfasst. Seine auf Deutsch erschienen Romane „Dem Volke dienen“ und „Der Traum meines Großvaters“ wurden in China von der Zensur verboten. Der Traum wird indes zum Alptraum eines Dorfes.

traumEin ganzes Dorf wird von einem geheimnisvollen Fieber heimgesucht, und „wer das Fieber hatte, würde sterben, so wie der Herbstwind die welken Blätter von den Bäumen fegt“.

Mit diesem Roman setzt der Autor Yan Lianke all jenen Menschen ein poetisches Denkmal, die dem Aids-Skandal der Neunzigerjahre in sechs südlichen Provinzen Chinas zum Opfer fielen. Die Gesundheitsbehörden der Provinzen, Hersteller von Blutprodukten, sogar Armee-Einheiten sollen an einem spektakulären Bluthandel mitverdient haben. Spendensammler waren über die Dörfer gezogen und hatten Bauern gegen Bezahlung zum Blutspenden animiert. Human Rights Watch berichtet, dass dem Blut das lukrative Plasma entzogen, in Containern gemischt und den Bauern erneut injiziert wurde, damit sie öfter Blut spenden konnten. Als Ende der Neunzigerjahre einige der offiziellen Blutbanken geschlossen wurden, verkauften die Bauern ihr Blut an illegale Blutsammler, weil sie zunehmend vom Verkauf des Blutes abhängig geworden waren. Diese „Blutsauger“ kümmerten sich jedoch wenig um Hygiene, und so verbreitete sich das HIV-Virus in Windeseile.

Aus der ungewöhnlichen Perspektive eines toten Jungen erzählt der Autor die Geschichte eines kleinen Dorfes in der Provinz Hunan, in dem die Bewohner auf Anraten des Großvaters Ding des Jungen ihr Blut verkaufen, damit dieses zu Wohlstand gelangt. Vor allem sein ältester Sohn profitiert von dem Handel – und mit ihm die ganze Familie –, doch als das Fieber grassiert, rächen sich die Dorfbewohner, vergiften zuerst sein Vieh, dann eben den 12-jährigen Sohn, der zum Erzähler des Romans wird.

Erst als der Großvater von der Kreisstadt zurückkehrt, bekommt das Fieber einen Namen: Aids. Bislang war diese Krankheit weit weg gewesen, hatte nur Ausländer und Menschen mit lasterhaftem Lebenswandel erfasst, nun war ein ganzes Dorf davon betroffen. Das aber war erst der Anfang, bald würde die Krankheit mit ganzer Heftigkeit ausbrechen und das Dorf von der Landkarte verschwinden. Darüber verlottert auch die Umgebung, denn die Äcker liegen brach. Alles scheint nur noch auf den Tod zu warten.

Je schlimmer die Krankheit wütet, je raffgieriger der älteste Sohn sich gebärdet, desto auffälliger ist die Verwandlung des Dorfes zur Kulisse. Die Ereignisse werden wie einzelne Szenen kunstvoll arrangiert. Die Schlafkammer des Ältesten quillt über vor lauter Geldscheinen, und man denkt unwillkürlich an Märchen mit vollen Goldkammern. Begräbnisse werden wie Theateraufführungen inszeniert, zu dem das Volk strömt, um sich am Geleitzug und Gepränge der Särge zu ergötzen.

Einmal mehr versucht hier ein chinesischer Autor, unter dem Deckmantel der Fiktion Fakten zu publizieren. Doch Yan Lianke geht noch einen Schritt weiter, denn im Laufe der Lektüre drängt sich die Frage auf: Träumt der Großvater nur von diesem abstoßenden Geschäft mit dem Tod, das sein ältester Sohn da betreibt? Schließlich verliert das Thema seine Schärfe auch durch einen wunderbar lyrischen Ton, den Yan Lianke bei all dem Elend anschlägt. Manche Bilder wiederholt er bewusst und verleiht dadurch der ganzen Szenerie fast die Anmutung eines Gemäldes oder eines melancholischen Requiems. Doch trotz seiner literarischen mehrmaligen Überarbeitung des Stoffes, um nur ja das Buch an der Zensur vorbei zu publizieren, wurde das Buch drei Tage nach Erscheinen in China verboten.

So humorvoll die Burleske Dem Volke dienen – Yan Liankes erstes Buch auf Deutsch – auch ist, in dem er politische Parolen ins Absurde und Lachhafte übersteigert, so poetisch und tieftraurig ist dieser Roman. Er handelt vom bäuerlichen Fatalismus in China, wo Bauern trotz aller Reformen in den letzten Jahrzehnten noch immer entrechtet sind. Nicht von ungefähr finden die meisten Aufstände auch heute wieder auf dem Land statt, wenn sich Bauern gegen korrupte Beamte und unrechtmäßige Landenteignungen wehren. Da ist kleines Glück kostbar, und Bauernfänger haben leichtes Spiel. Lingling, die spätere Geliebte des zweitältesten Sohns, erzählt, dass sie vom Erlös aus dem Blutverkauf ein Haarwaschmittel kaufen wollte, damit ihr Haar in Locken weich herabfällt.

Yan Lianke: Der Traum meines Großvaters. Aus dem Chinesischen von Ulrich Kautz. Ullstein Verlag, 364 Seiten

Du – von Zoran Drvenkar

Hörbuch: 6 CDs, Länge 473 Minuten

Stinke: „Du meinst, Parfum sei der beste Schutz gegen die Außenwelt.“

duDie Erzählperspektive dieses Thrillers ist so genial wie durchdringend – Du denkst, Du machst, Du tust: die Figuren erhalten dadurch eine ungeheuerliche Plastizität, weil sie direkt mit DU angesprochen werden, weil der Erzähler wie ein Operateur das Innenleben der Personen freilegt. Das beginnt gleich zu Beginn mit dem Reisenden, der dabei beobachtet wird, wie er im Stau die Autos nach hinten abschreitet und diejenigen erwürgt, die allein unterwegs sind in dieser Nacht, in der zum ersten Mal Schnee fällt. Manche wundern sich über den Mann, der über die Beifahrerseite einsteigt, nur wenige wehren sich. Und die knallharte Du-Perspektive suggeriert eine schier unerträgliche Nähe zu diesem Monster. Auf diese Weise porträtiert Drvenkar 16-jährige skrupellose Mädchen auf der Flucht vor einem abgebrühten Drogendealer, harmlose Söhne und tölpelhafte Kumpel. Klappe für Klappe entfaltet sich die Geschichte wie ein Leporello, auf jedem Streifen ein anderer Name, eine andere Perspektive, aus der die Handlung vorangetrieben wird.

Haben Leser und Rezensenten des Buches offenbar Schwierigkeiten beim Sich-Hineinfinden in die raschen Perspektivwechsel, gelingt es dem Sprecher Matthias Brandt nicht nur, diese Wechsel so anzukündigen, dass man der Geschichte gut folgen kann. Virtuos zieht er sämtliche Stimmregister, ohne diese überzustrapazieren, und hält so die atmosphärisch dichte Stimmung des Textes in einer gefährlichen Schwebe, die jeden Augenblick kippen kann.

Der Text ist nur scheinbar voller loser Fäden, die irgendwann irgendwo zusammengeknüpft werden, und zwar in Norwegen, wohin die Reise alle 15 Protagonisten über kurz oder lang führt. Und jedes Mal, wenn Zusammenhänge sich erschließen, knallt der Aha-Effekt im eigenen Hirn. Bis hin zum dicken Ende in einem baufälligen Hotel hoch oben über einem norwegischen Fjord. Da aber wollte Drvenkar zu viel, bürdet einer 16-jährigen Protagonistin in allerletzter Minute noch eine heftige Tochter-Vater-Geschichte auf und führt die brutalsten Figuren in diesem Thriller am Küchentisch zusammen. Der Showdown versinkt im norwegischen Meer wie ein Blindgänger.
Und trotzdem: eine furiose Geschichte mit wütenden Protagonisten, unvergessliche menschliche Abgründe und, wie Dobrila Kontić schreibt, „der Weg zum finalen Abschluss ist weit interessanter als dieser selbst“.

 

Restzeit-Reisen

Gastbeitrag von Dora Iseli.

Istanbul
Orient, öffne dich!

Frau Meier erzählt: „Wir kommen gerade aus Istanbul zurück – eine herrliche Stadt. Und vorher Patagonien, ganze drei Monate lang. Schon planen wir unsere nächste Reise: die Malediven, die müssen wir gesehen haben.“

Istanbul, Patagonien und Malediven sind Meiers melodiöse Sehnsuchts-und Statusworte. Istanbul, Malediven und Patagonien vermögen ihre Sehnsucht nicht zu stillen. Aus Patagonien und Malediven erwachsen neue reiseprospekt-taugliche, melodiöse Sehnsuchtsworte. Die Worte und die Orte füllen die Restzeit der Meiers. Unklar bleibt, worauf sich Meiers Sehnsucht wirklich richtet.

Dora Iseli (70) ist Restzeitreisende.

Buchcover

Sri Lanka fürs Handgepäck

Buchcover

Sri Lanka fürs Handgepäck

Geschichten und Berichte – Ein Kulturkompass. Herausgegeben von Alice Grünfelder.

Serendip, wie Sri Lanka von den arabischen Seefahren getauft wurde, war für Nicolas Bouvier – wie für viele andere Autoren – auch in anderer Hinsicht Serendip; ein Zufall, dass er ausgerechnet auf dieser Insel blieb. Doch erst im Jahr 1974 schreibt Bouvier in nur einer Nacht den Aufguss aller ceylonesischen Phantasmen nieder. Auch Hermann Hesse brauchte fast zwanzig Jahre, damit seine Reise nach Ceylon in Siddharta Früchte trug. Volkserzählungen vom treulosen Freund und einer treulosen Gattin zeigen den feinen Humor des Volkes, wenngleich Naturgewalten immer wieder die Insel heimsuchen, so in „Lansina Nonas Kampf mit dem Fluss“ und in Christoph Ransmayrs „Wallfahrer“. Er erzählt von einem Ehepaar, das als Dank für die Rettung vor dem Tsunami auf den Adams Peak pilgert, als Dank auch dafür, vom Bürgerkrieg verschont worden zu sein. Buddha hatte dort einen Fußabdruck hinterlassen, Shiva getanzt, der Apostel Thomas habe gedankt, dass ihm sein Gott diesen Blick in das Tal gewährte. Und schließlich ist es dieser Berg, der die unterschiedlichsten Menschen per Serendip auf dieser Insel zusammenführt.

Unionsverlag, 2014 – UT Nr.662
Erschienen im September 2014

 

Korea-Forum

koreaforum

Zeitschrift über koreanische Politik, Kultur und Zeitgeschichte.

Zeitschrift über koreanische Politik, Kultur und Zeitgeschichte.

„Der Anfang einer großen Erzählung“ lautet: 50 Jahre Migration aus Südkorea. Kaum bemerkt, weil die knapp 8000 Bergarbeiter und über 11.000 Krankenschwestern für „gut integriert“ galten, also nicht weiter auffielen. Nur zu welchem Preis? Und was ist schon eine gelungene Integration? Oh Hye Min erklärt in ihrem Artikel „Helden weinen nicht“, dass KoreanerInnen aufgrund ihres hohen Bildungsniveaus und Fleißes geschätzt wurden. Einerseits. Andererseits aber verstecken sich hinter vermeintlichen Erfolgsgeschichten Konflikte, die nie richtig aufgearbeitet wurden. Um die wirtschaftliche Lage Koreas zu verbessern, wurden im Jahr 1963 KoreanerInnen nach Deutschland geschickt – ein Mythos aber, so Oh Hye Min, der sich „in die Herzen der ehemaligen Gastarbeiter“ eingebrannt hätte. immerhin retteten die Überweisungen die Familien in der Heimat vor der Hungersnot. Die eigenen Probleme wurden indes verdrängt, diejenigen der zurückgelassenen Kinder ebenso, wie die Journalistin Jeong Ok-Hee schreibt. „Eigentlich hat schon vor drei Jahren Deutschland meine Mama und meinen Papa geklaut.“ Die Kinder sollen es besser haben (auch anderswo bis heute in Thema, siehe dazu Skype, Mama!), doch als die Eltern abreisen, wurde „das Lächeln aus meinem Gesicht gestohlen, und in meinem kleinen Bauch spürte ich ein kaltes schwarzes Loch, das mein kleines Herz mit seinen Eiskrallen zerdrückte“. Den Zurückgebliebenen geht es in materieller Hinsicht zwar besser, womit sie allerdings auch den Neid der anderen wecken.

Und die Eltern? Das ursprüngliche Ziel der beruflichen Weiterbildung in Deutschland war eine Farce, erläutert Lee You Jae, denn die wenigsten koreanischen Männer waren zuvor im Bergbau tätig gewesen und die Krankenschwestern hätten bereits eine gute berufliche Ausbildung erhalten, ihr Weggang löste gar einen Krankenschwestermangel in Korea aus. Ihre deutschen Abschlüsse wurden in Südkorea hingegen nicht anerkannt. Auffallend bei der koreanischen Community waren indes der hohe Selbstorganisationgrad und ihre Politisierung. Das begann Mitte der 70er Jahre, als Krankenschwestern „wie Waren“ hätten abgeschoben werden sollen, weil die befristeten Arbeitsverträge nicht verlängert wurden. Dieses politische Engagement war selten unter ArbeitsmigrantInnen, und schließlich hatten die KoreanerInnen durch öffentlichen Protest ihr Bleiberecht erkämpft. Auch während der repressiven Phase in Südkorea war die Demokratisierungsbewegung gerade im Ausland wichtig, da diese für internationalen Druck auf das Regime sorgte.

Ergänzt wird die Geschichte der koreanischen MigrantInnen in Deutschland mit Berichten u.a. über Gehörlose in Nordkorea und über Anzeichen einer schleichenden Reform, die Rüdiger Frank auf zahlreichen Reisen akribisch sammelt: die Zahl der Stände, die Mineralwasser und Zigaretten verkauft, habe sich vervielfacht, alle 50 Meter stoße man auf Schilder für Restaurants, eine Geldkarte wurde eingeführt, Mobiltelefone seien überall zu sehen, die Zahl von Solarkollektoren und kleinen Windrädern auf dem Land sei angestiegen. Es gebe offensichtlich mehr Produkte zur Ansicht und zum Verkauf, und es gebe mehr Kunden mit Geld. Die Preise indes seien horrend, „drei Kilo Äpfel kosten so viel wie ein (offizielles) Monatsgehalt“. Und zum ersten Mal sah er „einen 16-jährigen Jungen in blauen Jeans, und wir konnten ein Gespräch führen, das nicht vorher arrangiert war“.

„Beleuchten“ möchte das Korea-Forum Politik internationale Beziehungen, aber auch Geschichte, Literatur und Kunst der koreanischen Halbinsel. Tatsächlich werden hier Befindlichkeiten und Zustände in einer Weise durchleuchtet, wie man es nirgendwo sonst lesen kann.

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Vom Reisen und vom Schreiben

Ein Gespräch mit dem Autor und Journalisten Stefan Schomann

 Foto: Stefan Maria Rother

Foto von Stefan Maria Rother

Beim Philosophieren über Gott und die Welt haben wir uns kennengelernt, und bei meiner Vorbereitung auf das Schreibseminar „Über Reisen schreiben“ wollte ich es genauer wissen: Wie findet man die passenden Worte für seine Erfahrungen in nahen und fernen Ländern? Stefan Schomann erzählt, wie sich der Reisejournalismus in den vergangenen beiden Jahrzehnten veränderte und worauf es letzten Endes ankommt.

Deine erste Reisereportage?

Ein Schulaufsatz: „Für und wider Bergbahnen“. Das war in der 6. Klasse, Mitte der siebziger Jahre. Da begann die Umweltbewegung, dahinter stand auch der schwierige Begriff Heimat. Ich hatte gerade mit meinem Vater einen Ausflug zum Tegernsee gemacht, auf die Neureut, das war damals schon eine Reise. Alles außerhalb von München war eine Reise. Wir sind zu Fuß hinaufgestiegen und eben nicht hochgefahren. In diesem Aufsatz habe ich beschrieben, was ich dabei alles erlebt habe und womit ich in der Seilbahn nicht in Kontakt gekommen wäre: einen Esel, den Wald, die Almwiesen, die Buttermilch, den durch die Zweige sickernden Sonnenschein.

Also keine Erörterung im strengen Sinne?

Erörterung und Erlebnisaufsatz in einem. Vielleicht wäre das gar keine schlechte Definition für eine Reportage. Jedenfalls war es mein Einstieg ins Metier, auch wenn ich bis heute nie wieder an diesen Aufsatz gedacht habe. Aber die Beweggründe fürs Schreiben wie fürs Reisen sind vermutlich häufig in der Kindheit angelegt. Beides artikuliert die Sehnsucht nach einer anderen Welt. Als Kind hatte ich nie damit gerechnet, dass ich diese Sehnsüchte jemals würde stillen können. Uns fehlten die Mittel dafür, und ich war überzeugt, Fernreisen würden ein Traum bleiben. Der Beruf des Reporters hat dieses Verlangen dann doch eingelöst.
Heute ist das Reisen längst kein Privileg mehr, somit hat sich auch der Stellenwert der Reisereportage geändert. Der Leser war vielleicht schon dreimal an dem Ort, den du jetzt das erste Mal besuchst. Du musst also mehr bieten, als „nur“ irgendwo gewesen zu sein. Damit wird das Schreiben wichtiger als das Reisen.

Reisen ist nichts Besonderes mehr …

Nein, es gehört zum Lebensstandard. Wobei es natürlich die unterschiedlichsten Arten gibt, und bei der Planung fängt die Kreativität auch schon an. Das kann auch mal eine verrückte Idee sein wie diese Erstbesteigung des Uetlibergs mit Sauerstoff. Darüber ist kürzlich ein Büchlein erschienen – köstlich! Im Grunde auch eine Art der Erörterung: für und wider Extrembergsteigen.

Jedenfalls sollte man sich immer überlegen, wie man sich durch einen Raum bewegen will, um darüber am besten schreiben zu können. Ich war unlängst in den albanischen Bergen unterwegs. Auf dem Hinweg hatte ich einen geländegängigen Wagen mit Fahrer. Das war angenehm und effizient, aber darüber gibt es nichts zu berichten. Auf dem Rückweg bin ich mit einem Sammelbus gefahren, der Einheimische und Touristen entlang der Strecke aufliest und über halsbrecherische Pässe karrt. Das war weit weniger bequem, hat dreimal so lange gedauert, und es konnte einem schon mulmig werden dabei. Der Fahrer telefonierte mit der Linken und schwang mit der Rechten das Lenkrad. Wenn er nicht telefonierte, rauchte er. Ich überlegte mir, was wohl geschehen würde, wenn ihn nun beim Telefonieren der Drang nach einer Zigarette überkäme. Ich habe den Gedanken dann aber wieder verworfen – so etwas denken Reporter sich doch nur aus, damit der Leser sich ein bisschen um sie sorgt. Aber wenig später tat er genau das und lenkte die Kiste dann mit beiden Ellbogen am Abgrund entlang. Darüber lässt sich schreiben! Der schnellste Weg ist nie der ergiebigste.

Umgekehrt ist es zum Beispiel immer lohnend, mit Tieren unterwegs zu sein. Ob man nun reitet, mit einem Hund spazierengeht, mit einem Esel herumzieht – Tiere tragen hervorragend zur Entschleunigung bei.

Die Fahrt mit dem Taxi?

Ist in der Regel keine relevante Situation. Wie viele journalistische Texte beginnen damit, was einem der Taxifahrer auf dem Weg vom Flughafen über die Stadt erzählt. Das ist banal. Da müsste schon etwas sehr Besonderes passieren. Vielleicht, wenn einen der Fahrer nach Strich und Faden übers Ohr haut, das könnte in eine Geschichte münden. Oder wenn er einen umsonst befördert. Beides geschieht ziemlich selten.

Braucht man eine zentrale Figur, die durch den Text führt, wie es in Handbüchern für Journalismus empfohlen wird?

Man kann das schon machen, aber man sollte sich generell nicht zu sehr mit diesen Schnittmustern aufhalten. Am Schnittmuster erkennt man die mittelmäßige Reportage. Es kann produktiver sein, ein Muster zu brechen als ihm zu folgen. Die Form kommt immer aus dem Stoff. Und da der jedesmal anders ist, sollten auch die Formen entsprechend variieren. Ich beschäftige mich seit längerem mit den Geschichtenerzählern in China, das ist dort noch ein richtiger Beruf. Nun habe ich eine Reportage über ein Festival gemacht, das in einem kleinen, x-beliebigen Dorf stattfindet. Da treten sechs Hauptfiguren gleichberechtigt auf, die unterschiedliche Regionen, Milieus, Altersgruppen und Erzählstile verkörpern. Die ganze Geschichte spielt in diesem Dorf, das wir eigentlich nicht verlassen – aber durch diese famosen Kollegen wird ein ganzes Land, eine ganze Kultur fassbar. Eine Figur allein könnte das nicht leisten. Dort reden alle durcheinander, alles geschieht gleichzeitig, ein dreitägiger Tumult – das muss man polyphon lösen.

Wie hat sich seit deinem ersten Artikel das Schreiben über Reisen verändert?

Seit 25 Jahren schreibe ich nun. Früher waren die Rahmenbedingungen besser und professioneller, wir hatten beispielsweise ein Reisebudget, das ist heute nur mehr selten der Fall. Es gab weltweit Korrespondentenbüros, das waren Anlaufstellen. Die große Kränkung für uns rührt daher, dass die Leute immer weniger lesen. Die Auflagen der Magazine gehen zurück, und parallel wird weniger inseriert. Ein Teufelskreis. Ähnlich verhält es sich mit den Auflagen von Büchern. Man könnte meinen, die Leser würden desertieren. Sie bringen sich um die besten Sachen.

Wohl als Symptom der Krise ist der Umgang der Redaktionen mit den Freien rauer und zugleich oberflächlicher geworden. Die Autoren wie auch die Fotografen sehen sich zunehmend zu Handlangern degradiert. Statt sich mit den Potentialen eines Autors auseinanderzusetzen, kommen immer öfter stupide Rundmails: Wer war schon mal in Afrika? Wer verrät uns seine 33 Lieblingshotels? Zugleich werden Redaktionen, Verwaltung, Vertrieb, der ganze Apparat immer selbstbezüglicher. Es gibt im Vorfeld genaue „Briefings“, die festlegen, worum es in der Geschichte gehen soll. Bevor sie überhaupt begonnen hat. Für Unvorhergesehenes ist darin kein Platz. Das Unverhoffte ist aber das Beste am Leben.

Kommen Reporter heutzutage unter Druck, um der Erwartung willen etwas zu erfinden? Wie wahr muss ein Text sein?

Die Versuchung war und ist wohl immer da. Aber das ist eine heikle Gratwanderung. Man sollte besser auf eine Pointe verzichten als seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen. Die Realität ist spannend und auch verrückt genug, ohne dass man flunkern muss.

Wollen die Leser mit Klischees bedient werden?

Das Reisen ist selbst ein Klischee. Diese Stereotypen kann man aufgreifen, abwandeln, sie brechen, spielerisch damit umgehen oder einfach kurz abhaken und dann hinter sich lassen. Was beschäftigt mich wirklich, wenn ich unterwegs bin, was spielt sich dort sonst noch alles ab? Da wird es interessant.

Wo steht der Reisejournalismus heute?

Foto: Till Bartels

Foto: Till Bartels

Die Reise ist ein Stiefkind des Journalismus, und der Reiseteil manchmal der schwächste Teil einer Zeitung. Es wird als Genre gar nicht wirklich ernst genommen; man kann damit Anzeigen akquirieren, verfolgt aber keine geistigen Ansprüche. Ich sehe das natürlich genau umgekehrt: das ist die Königsdisziplin, das Schlüsselressort, das die meisten anderen miteinbegreift: Kultur, Sport, Wirtschaft, Politik, Vermischtes. Auch Lokales, als globaler Lokaljournalismus, wenn man so will. Die Welt ist groß, die Welt ist klein.

Wie viel künstlerische Freiheit ist möglich? Und hat sich dein Stil im Laufe der Jahre verändert?

Man braucht wirklich nicht jedesmal zu zaubern – aber wenn es gute Gründe für ein Experiment gibt, sollte man es zumindest versuchen. Über französische Barockgärten habe ich einmal im Blankvers geschrieben. Und eine Geschichte über einen Fluss bestand aus einem einzigen, mäandernden Satz. Solche Stücke schreibt man weniger mit dem Kopf als vielmehr mit den Ohren. Klang, Rhythmus, Melodie sind elementare sprachliche Qualitäten. Das fehlt heute vielfach, dieser Sinn für die Natur der Sprache. Flauberts Nachbarn glaubten manchmal, er hätte spät nachts noch Besuch. Dabei hat er seine Texte nur laut vorgelesen, wieder und wieder. Er hat seiner Sprache zugehört.
Ich habe früher mit mehr Elan geschrieben, auch mit mehr Leichtigkeit. Dieser Verlust an Unmittelbarkeit fällt mir auf. Meine jetzigen Texte haben mehr Substanz, sind von mehr Lebenserfahrung getragen, besser austariert, komplexer, manchmal auch dichter. Mehr als früher interessiert es mich heute, die Menschen zu erreichen, sie durchaus auch zu rühren. Ich habe inzwischen mehr Erfahrung, in diese intimen Prozesse zu gehen. Etwas mitteilen – ist das nicht ein schönes Wort? Der Leser kann nicht nur mitreisen, er kann mitlachen, mitweinen, mitstaunen. Ich biete als Autor eine Art Escort-Service an.

Wie hältst du es mit dem Ich?

Davor habe ich eher Scheu. Man kann subjektiv schreiben, ohne das Ich zu bemühen. Sicher, bei einer körperlich intensiven Erfahrung liegt die Ich-Form nahe, beim Tauchen zum Beispiel oder beim Wandern. Aber auch da hat man die Wahl zwischen einem starken und einem dezenten Ich.

Wie schreibst du?

Eigentlich wäre es wichtig, die Geschichte nach der Reise zügig zu Papier zu bringen. Doch das gelingt selten. Noch unterwegs zu schreiben, habe ich fast nie hinbekommen, die Zeit dort ist dann doch zu kostbar. Ich notiere allerhand Stichwörter, und wenn mir eine gute Formulierung in den Sinn kommt, halte ich sie fest. Bei einer längeren Autofahrt oder Wanderung bietet sich ein Diktiergerät an. Zu Hause tippe ich die Notizen ab, ordne das Material dabei und schleiche um den heißen Brei herum. Das wäre nicht unbedingt nötig, andererseits habe ich dann etwas im Archiv, falls ich später noch einmal zu diesem Thema arbeite. Erst dann beginne ich mit dem Schreiben. Die Grundidee und die Eröffnung kommen mir meist noch unterwegs. Aber wie soll es weitergehen? Und wie löse ich es auf?
Da ich ein guter Vermeidungsstratege bin, kommen mir äußere Anforderungen gelegen. Der finanzielle Druck, der Abgabetermin, der mit den Fingern trommelnde Redakteur, sie sind unsere treuesten Verbündeten.

Und wann schreibst du am besten?

Wenn man nicht mehr ans Schreiben denkt, dann schreibt man am besten.

Bereitest du dich gründlich vor oder verlässt Du dich ganz auf Deine Intuition?

Beides geht, auch wenn Hausaufgaben natürlich seriöser sind. Du solltest imstande sein, in kurzer Zeit eine beträchtliche Menge an Informationen zu sammeln, zu filtern und halbwegs zu verdauen. Natürlich schöpft man auch aus dem, was schon über die Gegend geschrieben wurde. Es zu lesen hilft einem, hinter das Offenkundige zu dringen. Beim Schreiben ermatte ich manchmal, beim Recherchieren interessanterweise nicht. Wenn ich keine Lust mehr aufs Recherchieren hätte, müsste ich aufhören.

Gibt es große Reiseschriftsteller als Vorbilder?

Alles, was gut geschrieben ist, kann zum Vorbild geraten. Auch aus ganz anderen Genres. Ob von bekannten oder weniger bekannten Autoren, toten oder lebenden, das ist ganz gleich. Wirklich Fixsterne habe ich nicht. Neulich habe ich bei Arno Schmidt die Beschreibung eines Sonnenuntergangs entdeckt – zum Niederknien. Das ist kein Autor, den man in diesen Reportage-Handbüchern finden würde. Die großen Einzelgänger und Einzelgängerinnen sind immer faszinierend. Die Reisefeuilletons von Giorgio Manganelli etwa – himmlisch. Auch die Schweizer haben traditionsgemäß große Reiseschriftsteller hervorgebracht, Leute wie Nicolas Bouvier oder Georg Brunold.
Man kann vielleicht sagen, dass mich zwei Schulen geprägt haben. Das sind zum einen die angelsächsischen Autoren mit ihrer etwas schnoddrigen Art, in Ich-Form zu schreiben und dabei doch distanziert. Dazu gehören Autoren wie Jonathan Raban, Bruce Chatwin, Colin Thubron, Bill Bryson. Von den Klassikern Evelyn Waugh mit seinen launigen Reportagen, der immer darüber lamentierte, er sei zu spät dran, er hätte zwei Jahrzehnte früher losziehen sollen – und das schon in den dreißiger Jahren! Was sollen wir da sagen. Dieses Rennen ist nie zu gewinnen. Du kannst kaum mehr irgendwo der Erste sein. Aber vielleicht ja einer der ersten, der wirklich gut darüber schreibt.
Diese angelsächsische Prägung findet sich bei vielen Kollegen, nur bei den Ostdeutschen zwangsläufig seltener. Was insgesamt weniger präsent ist, mich aber stark beeinflusst hat, ist der deutschsprachige Journalismus der zwanziger, dreißiger Jahre. Bezeichnenderweise sind die meisten, die mir in den Sinn kommen, Österreicher: Alfred Polgar, Josef Roth, Egon Erwin Kisch. Das waren die besten Stilisten, die verfügten über das geschmeidigste, reichhaltigste Deutsch. Da sind wir wieder bei den musikalischen Qualitäten. Diese Autoren haben seltener in der Ich-Form geschrieben, die hatten andere Prioritäten. Die Sprache war das denkende Subjekt.

Auf welche Reportagen bist du heute noch stolz?

Interessant wird es natürlich dort, wo man an Grenzen rührt, ob an die eigenen oder die des Genres. Aber im Rückblick finde ich, dass sie erfreulich gleichmäßig geraten sind. Und erfreulich variabel zugleich.

Dein schlimmstes Missgeschick?

Als Missgeschick empfinde ich es, wenn man nichts Gescheites von einer Reise zurückgebracht hat. Da kommt heute öfter vor als früher, und das liegt auch an diesen Pressereisen. Die finden auf Einladung von Fremdenverkehrsämtern oder Touristikunternehmen statt. Sie sind bequem und ökonomisch, aber hinterher gerät man ins Schwimmen. Weil man es sich eben nicht selbst erarbeitet hat. Manchmal wäre die einzig adäquate Reaktion eine Satire. Das ist aber ein Tabuthema in den Reiseredaktionen, die nur ungern eingestehen, wie diese tollen Berichte, die immer so souverän erscheinen, wie die zustandekommen. Die leiden natürlich auch darunter, dass sie solche Konzessionen machen müssen.

Wie weit gehst du für einen guten Text? Wie gefährlich ist der Beruf?

Mir selbst ist nichts Ernstliches passiert, aber Freunde und Kollegen sind durchaus in lebensbedrohliche Situationen geraten, einige auch umgekommen. Ich war ein paarmal in Krisengebieten, aber nicht in eigentlichen Kampfzonen. Trotzdem ist der Krieg ein Phänomen, das mich reizt, auch intellektuell, weil er eine der großen anthropologischen Konstanten darstellt. Für mein letztes Buch habe ich mich zwei Jahre lang mit der Geschichte des Roten Kreuzes beschäftigt, die zwangsläufig eine einzige Folge von Kriegen und Katastrophen war. Das war eine sehr intensive Auseinandersetzung mit Gewalt und Gefahr, auch wenn sie scheinbar nur „in den Regalen“ stattgefunden hat, in Büchern, Archiven, vereinzelt auch mal an einschlägigen Schauplätzen. Ich habe dafür sehr viele Berichte aus erster Hand gelesen und ausgewertet. Und auf gewisse Art all diese Kriege mitgemacht. Das waren auch Reisen: Zeitreisen, Fantasiereisen. Manche bis ins Herz der Finsternis.

Kann man vom Schreiben übers Reisen leben?

Man macht das nicht, um Geld zu verdienen; Reisen sind ein Wert für sich. Es ist ein Lebensstil, es hat für mich eine existentielle Dimension, ein Gegengewicht zu dieser zunehmenden Verarmung und Verengung. Das Weite suchen – aber nicht als Flucht, sondern um teilzuhaben an der Mannigfaltigkeit der Welt.

Von Stefan Schomann kam zuletzt das Buch Auf der Suche nach den wilden Pferden heraus. 2013 erschien seine Monographie über die Geschichte des Roten Kreuzes (Im Zeichen der Menschlichkeit, DVA).

Dalyan – Iztuzu Beach

Iztuzu-StrandKlock, klock, immer wenn ein Ball auf ein Holzbrett trifft, auf der einen Seite schlägt ein Mann, auf der anderen eine Frau, dumpf und doch hörbar trotz des scharfen Windes, der den Sand vor sich her treibt, dass man selbst mit einer Sonnenbrille auf der Nase sich Sandkörner aus den Augen reiben muss. Und nur blinzelnd dem Meer zuschauen kann, wie es die Wellen aufpeitscht, den Strandgängern, die schlendern, marschieren, rennen.

Fest presst sich das geblümte Baumwollkleid an die Oberschenkel des Mädchens, das sich gegen den Wind stemmt, mit der einen Hand ihren geflochtenen Hut festhält. Wenige Minuten später tippelt dasselbe Mädchen einem jungen Mann hinterher in halblangen, schwarzweiß gesprenkelten Bermudas, der gar nicht mal so rasch ausschreitet, und dennoch gelingt es dem Mädchen nicht, ihn einzuholen, sie spricht mit ihm, er wendet den Kopf nicht, sie redet auf ihn ein, hört sie ihn, hört er sie?

SchildkrötenstrandKaum aus dem Blickfeld verschwunden, taucht ein stolzer, blonder Hüne auf mit fünf ebenso blonden Kindern, die um ihn herumtollen wie Welpen und an einer Schnur entlang gehen, die den Sandstreifen abgrenzt, dort wo Schildkröten ihre Eier vergraben. Über die Nester werden nach oben hin spitz zulaufende Drahtkäfige gestellt. Hier darf man nicht buddeln und sich nicht hinlegen. Fast alle halten sich daran, auch wenn das Seil am Boden im Laufe des Tages ob der vielen Strandspaziergänger immer wieder seinen Lauf ändert.

Ein Geschwisterpaar, in langärmligen T-Shirts der Sonne wegen, wird ständig ermahnt „Quelle est le problème?“, wo doch keines zu sein scheint. Oder doch? Vielleicht wird das Mädchen beim Ballspiel ständig vom Großvater – oder ist der Vater? – ignoriert, weil der sich lieber mit dem Jungen abgibt? Das Mädchen zickt und schlägt um sich, dass Wasser hoch aufspritzt, von dem kleinen und großen Mann wird sie darum umso mehr weniger beachtet.

Eine junge Frau mit rotem knappem Bikini und goldgelbem chinesischem Sonnenschirm hält Ausschau nach einem Platz für ihre fünfköpfige Familie; der Mann zieht einen langen Schirm aus einer noch längeren Tasche, rammt diesen in den sandigen Boden, befestigt ihn mit Seilen … Doch nach Stunden vergeblichen Kampfes gegen den Wind geben sie auf und ziehen weiter, zum anderen Ende des Strandes, eine Stunde Fußmarsch entfernt. „Ege, Ege!“ schreit eine Mutter hinaus aufs Meer, aber keiner dreht sich nach ihr um, der Wind verschluckt jede Silbe. Klock, klock macht es wieder, und wieder beißen Sandkörner im Gesicht.

Iztuzu Beach

Den Wind spüren, den Sand zwischen den Zehen, unter den Sohlen, die immer wieder leicht einsinken. Sinnfreies, absichtsloses heißes Dasein am Strand. Doch wie lange noch? Die Behörden haben dem Bau eines Krankenhauses für Schildkröten zugestimmt und damit womöglich weiteren, noch größeren Vorhaben den Weg gebahnt. Die einheimische Bevölkerung organisiert Petitionen. Schon einmal hatte man sich u.a. mit Unterstützung der internationalen Gemeinschaft erfolgreich gewehrt gegen den Bau eines Hotelkomplexes direkt am Strand. Wie wird die Geschichte dieses Mal ausgehen?

Tipps: Zum Iztuzu Beach kann man auf vielerlei Weise gelangen.
1. Mit dem Boot von Dalyan aus zum Strand. Geht man zu Fuß am Strand entlang, ca. eine Stunde, kann man vom anderen Ende mit dem Dolmus wieder zurück nach Dalyan gelangen. Eine schöne Rundreise.
2. Man leiht sich in Dalyan ein Mountainbike und fährt ca. eine Stunde zum Strand. Beschrieben ist diese Tour hier.

Lachkratzer

Eine Landesgartenschau zwischen Himmel und Erde

Schwimmreifen

Wo einst eine vielspurige Bundesstraße toste, den man in einem dunkel-muffigen Fußgängertunnel unterquerte, brandet nun der knöcheltiefe, höhergelegte Josefsbach – weil sein schluchtartiger Charakter moniert wurde –, in die Rems, die mit Strandkörben Meeresrauschen suggeriert.

Einen Verkehrsknotenpunkt rund um den Bahnhof so umzubauen, dass er nicht mehr wiederzuerkennen ist, kann durchaus als ökonomischer sowie soziologischer Kraftakt einer mitteleuropäischen Stadt gesehen werden. Solcherart kolossale Umgestaltung kennt man sonst nur noch aus asiatischen Metropolen. Möglich war dieser Umbau, weil gleich zwei große Infrastrukturprojekte zusammenkamen: der Tunnel, an dem ein gefühltes halbes Jahrhundert gebaut wurde und der die stark befahrene B29 in den Untergrund verbannen sollte, und eben die Landesgartenschau Schwäbisch Gmünd.

Auch die Stadt, die vormals eher durch Ladensterben und vergammelte dunkle Ecken aufgefallen war, ist kaum mehr wiederzuerkennen. Die Cafés sind auch unter der Woche bis auf den letzten Platz gefüllt ebenso das Bimmelbähnchen, das fußlahme Besucher durch die Stadt führt, die man sonst in einer Viertelstunde durchschritten hat. Es brummt, die Wirtschaft boomt, könnte man meinen, nur die Löhne halten mit 4.50 Euro die Stunde nicht Schritt; auch der Leierkastenmann ist offenbar nicht zufrieden und versinkt am späten Nachmittag in wüste Selbstgespräche. Nichtsdestotrotz präsentiert sich neben Eisdielen, Pizzaschnitten, Wurst- und Salateller auch die „innovative“ Gmünder Industrie, u.a. im goldenen Würfel, der quer und schief in der Stadtlandschaft liegt.

Goldener Würfel

Einzigartig. Und zwischen Himmel und Erde kann man sich einen Parkplatz aussuchen, je nachdem, ob man das Erdenreich in der Stadt oder den Himmelsgarten oben bei Wetzgau besuchen möchte.

Weleda präsentiert dort ihren Kräutergarten gleich neben ihrer Verkaufsfiliale mit Vollsortiment und 20% Rabatt, zwischen wenigen bekannten Pflanzennamen stehen auf kleinen Schildern viele unbekannte, und hier hatten sich Wortdesigner austoben dürfen.

Himmelstürmer, gestürmt vor allem von Schulklassen und Best Agers uniformiert in dreiviertellangen Hosen, Rucksack und Gesundheitstretern an den Füßen, offene Wohnzimmer, eingerichtet in ehemaligen alten UnkrautContainern, Suppenstern, Kreuztisch und Kräuterpädagogen, die nicht etwa analog zu Schulpädagogen Kräuter … nein, hier konnte man den Giersch im Salz zerstampfen, weil er aus dem Garten als lästiges und zähes Unkraut eh nicht wegzubekommen ist.

Auch bei der Lesung, die in der geradezu idyllisch gelegenen Salvatorklause hoch über der Stadt „Allerley Kurtzweyl“ zum Tagesausklang versprach, fiel auf, dass jüngere Menschen Veranstaltungen rund um die Landesgartenschau meiden und als Rentnerschow abtun. Grau- und Weißschöpfe lauschten harmlosen Geschichten über Nachbarn und den tückischen Umgang mit der Informationstechnologie.

Dreimal durfte man aufhorchen: Als sich eine Lyrikern damit abmühte, sämtliche schwierig zu merkenden und auszusprechenden botanischen Namen in eine dramaturgisch sinnvolle Reihenfolge zu bringen; als der Moderator des Abends dazu aufrief, eigene Schulgeschichten einzureichen, die im Schulmuseum gesammelt werden würden; und, wie könnte es anders sein im Zentrum der deutschen Automobilindustrie, Gedichte in Anlehnung an Jandl, Mon oder auch Gomringer, wenn man so will, per Flipchart gezeigt wurden über Lackkratzer, Auspuffe und Liebe auf der Rückbank eines Fiat 500: Im Rücksitz liegen zwei liebende / liegen sich lieb / und lieben sich lieg … Oder, um mit den Worten ebendieses Dichters, Erich Klaus, über einen Kratzer im Lack zu schließen: Leck den Kratz und kratz den Leck.

Die Landesgartenschau als Treppenwitz der Gmünder Geschichte ist, man mag es wenden wie man will, tatsächlich mehr als nur ein Lachkratzer.