Eine ganz normale chinesische Familie?

Ein Leben in Comicbildern

Gefährlich wird es immer dann, wenn sich die Gesichter der Menschen entleeren, wenn nur noch Umrisslinien von ihrem Dasein zeugen im grafischen Roman „Ein Leben in China“.

Ein Leben in China

Ein Leben in China

Als während des Großen Sprungs nach vorn (1958 bis 1961) das Brennmaterial zur Neige geht, lassen sich die Frauen kurzerhand ihre Haare abrasieren. „Keine grosse Sache, Herr Hauptmann, einfach ein paar Gramm weniger auf dem Kopf“, meint eine froh gelaunt, doch das Bild der leeren Figuren inmitten der Haufen Haare straft sie Lügen. Dieser Optimismus vermag indes einen alten Hasen wie den Vater des Zeichners nicht zu täuschen, seine Laune wird von Tag zu Tag schlechter, was sich seine Kinder gar nicht erklären können, jetzt, da Mao mehr denn je den revolutionären Eifer anstachelt. Schliesslich reisst die Kulturrevolution (1966 bis 1976) wie eine Flutwelle alles mit sich, der Einzelne ist einer von Abermillionen Wassertropfen, die sich zu einem großen Strom vereinen.
Kinder und Jugendliche – in den berüchtigten roten Garden organisiert – gehen rigoros gegen alles vor, was nach Bourgeoisie riecht. Sie kämpfen gegen bürgerliche Gerichte wie „Festmahl im Palast“, verlangen, bestimmte Theaterstücke vom Spielplan zu nehmen, und der Coiffeur muss es sich gefallen lassen, dass man ihm Abbildungen von revolutionär genehmen Frisuren vorlegt – womit der Kleine Li zugleich sein Coming-out als Zeichner feiert. Wellness ist dazumal erst recht verpönt, der Besuch im öffentlichen Bad wird zum Skandal: „Einige Gäste lassen sich massieren, das ist eine Art der Ausbeutung, die verboten werden muss.“
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Denunziation macht auch vor der Familie des Zeichners nicht Halt. Ein guter Freund zerrt den schlechten Klassenhintergrund der Familie ans Licht, der Vater wird daraufhin ins Umerziehungslager gesteckt, wo ihn sein Sohn vier Jahre später als gebrochenen Mann kaum mehr wiedererkennt. Dennoch gelingt es dem Kleinen Li, bei einem Maler in die Lehre zu gehen. Wie hat der wohl die Kulturrevolution mit so einem verwegenen Gesicht überlebt? Li lernt Mao-Porträts in allen Variationen zu malen, entdeckt aber eines Tages hinter den Leinwänden unzählige Zeichnungen von nackten Frauen. Wenn das nicht bourgois ist! Wird der Kleine Li den Mund halten?
Die gesellschaftlichen Wirren verknoten sich immer mehr, der Kampf ums tägliche Überleben legt sich wie Mehltau über die Gesellschaft, die ersten Jugendlichen werden aufs Land verschickt. Der Kleine Li will jedoch Soldat werden, seine Mappe mit den Mao-Porträts gewährt ihm den Zugang.

Der erste Band dieser Autobiografie in Bildern endet mit Maos Tod. Ein Zittern, eine Erschütterung geht durch das Volk. Und der Zeichner konstatiert: „Ich bin mir dir geboren worden und erlosch mit dir.“
Die Identifikation des Einzelnen mit dem großen Führer ist für uns unvorstellbar, aber darin liegt die Stärke dieser Grafic Novel: anhand des Schicksals einer Familie die Auswirkungen dieser enormen historischen Umwälzungen sichtbar zu machen. Von Bild zu Bild wird einem bewusster, wie sich das chinesische Volk über sein Land und seinen Führer definierte, wie es möglich war, dass so viele Menschen Opfer dieser Gehirnwäsche werden konnten. Nie gibt es ein Innehalten, ein Zögern in dieser Propagandamaschine.aufmarsch
Die Tableaus erlauben einen aufgefächerten Blick auf die Gesellschaft und sind mehr auf die Details ausgerichtet als dass sie das große Ganze ins Auge fassen, dies entspricht auch dem textlichen Zugang zur Geschichte. Geradeaus und einfach erzählt wird die Kindheit und Jugend des Malers, weitschweifige historische Exkurse und Erläuterungen werden ausgespart, die Zusammenhänge werden dem einfachen Chinesen damals ebensowenig erklärt wie dem Leser heute.
Die Zeichnungen weisen eine enorme Bandbreite auf: Manchmal meint man gar, den Einfluss der traditionellen chinesischen Landschaftsmalerei zu spüren, so wie Li Kunwu auf seinen Bildern Mensch und Landschaften arrangiert. Bei den Massenveranstaltungen aber wirken die Einzelnen wie überzeichnete Comicfiguren. Und werden einmal ganz leer, weil sich später niemand mehr erinnern wird oder erinnern will. Der Maler, der jahrelang propagandistische Comics im Auftrag der Partei zeichnete, hat jedenfalls sämtliche grafische Register gezogen in dieser Choreografie in Bildern seines Lebens.

P. Otié / Li Kunwu: Ein Leben in China. Die Zeit meines Lebens. Band I. Aus dem Französischen von Christoph Schuler. Edition Moderne, 2012, 254 Seiten, ca. 29.80 sFr

Chinesischer Humor

Der Chinese lacht viel, sagt man, nur lacht er auch gerne? Und was könnte es bedeuten, wenn er lächelt? Schließlich versuchen in interkultureller Kommunikation Geschulte seit Jahrzehnten, dieses Lachen für uns zu enträtseln.
Das irritierende Lächeln der Chinesen ist berüchtigt, gefürchtet gar von jenen, die mit Chinesen Verhandlungen führen. Da wird gelächelt, was das Zeug hält, und nur in den seltensten Fällen weiß das westliche Gegenüber diese Muskeldehnung im Gesicht richtig einzuschätzen, bei der die Augenschlitze dann gleich noch ein wenig schmaler werden. Es könnte heißen: „Ich weiß jetzt auch nicht weiter, deshalb lächle ich zur Sicherheit mal ein paar Runden“, oder: „Dein Angebot ist eine Unverschämtheit, dir werd ichs noch zeigen.“ Aber auch: “Du hast mich ertappt, egal, das nächste Mal passiert mir das nicht mehr.“ Nun, es kann viel bedeuten, nur in den allerseltensten Fällen das, was es im Westen bedeuten würde: ein Zeichen des wohlwollenden, gütigen Einverständnisses. Es ist auch kein verschmitztes Lächeln, sondern möchte einfach nur ein peinlich bedrückendes Schweigen, einen Stillstand im Gespräch, einen Gesichtsverlust kaschieren; es ist eine Mimik aus der Not heraus, wenn man nicht mehr weiter weiß. Und allemal besser, als gleich mit der Faust teutonisch auf den Tisch zu hauen.

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Was aber ist mit dem Lachen? Im Laufe der letzten Jahrhunderte erschienen in China diverse Witzsammlungen, besonders geistreich „Lachwald“ genannt, und kürzlich brachte auch ein deutscher Verlag eine solche heraus. Würde man die besonders schlechten Witze anstreichen, wäre das Buch über und über mit schwarzen X versehen. Unglaublich, worüber die Chinesen lachen können! Aber vielleicht lachen sie ja auch gar nicht über diese Witze, die so moralinsauer und pädagogisch daherkommen, dass man ihnen höchstens als humorige Sinnsprüche etwas abgewinnen kann. Und vielleicht gewähren sie ein wenig Einblick in den Humor eines Volkes, doch beim Blick wird es bleiben.

Ein Witz heißt auf Chinesisch „Xiaohua“, also Lachgespräch, Lachgeschichte. Offenbar fehlt den meisten eine Pointe, über die ein Westler lachen könnte. Woran nur mag das liegen?
Lachen, so die Herausgeber einer solchen Witz-Sammlung, sei gesund: man könne sich damit gleich um 10 Jahre verjüngen, heißt es, den Menschen in Einklang bringen mit seiner Umgebung – Lachen als Heilmittel also. Oder eingebettet in Streitgespräche chinesischer Gelehrter kann solch ein spröder Lacher ein rhetorisches Stilmittel sein. Lachen ist also offenbar nie zweckfrei, und möglicherweise ist das der Grund, weshalb wir solche Weisheits-Humor-Mogelpackungen sofort durchschauen, die uns dann allenfalls ein müdes Gähnen entlocken. Das Lachen bleibt auf der Strecke zwischen Hirn und Gesichtsmuskel irgendwo stecken.

So richtig von Herzen lachen kann der Chinese aber auch, nur worüber? Und worüber am liebsten? Wenn anderen ein Missgeschick passiert, kann man beobachten, wie Chinesen gern und auf der Stelle sofort lachend zueinander finden und sich schenkelklopfend vor lauter Lachen schier gar nicht mehr einkriegen.
Der Begriff „Missgeschick“ ist allerdings dehnbar, es reicht vom Ausrutschen auf der Treppe bis hin zu einer echten Panne oder gar einem üblen Streich. Einmal saß ich in einem Bus – der Motor lief, der Fahrer wollte offenbar nur noch schnell etwas erledigen – und beobachtete, wie auf dem Vorplatz des Busbahnhofs drei Jungen um einen behinderten Mann herumhüpften, den sie immer wieder versuchten, von seinem Brett herunterzustoßen, an dem vier Rollen angebracht waren und das er mit seinen Händen vorwärts bewegte; Beine hatte er keine mehr. Die Jungen gieksten und lachten, lachten am lautesten, wenn das Brett umkippte und der Mann sich wieder aufrichten musste. Schnell bildete sich ein Kreis mit Schaulustigen, die lachend um das makabre Grüppchen herumstanden, und da diese Art von Lachen in China besonders ansteckend ist, wurde der Kreis immer größer. Auch die Mitreisenden im Bus stupsten sich an und schauten dorthin, wo das Lachen und Toben in vollem Gang war, wo der Mann immer wieder umgestoßen wurde und sich mühsam wieder aufrappeln musste. Auch im Bus wurde das Lachen immer lauter, es gellte mir in den Ohren, doch hilf- und ratlos blieb ich sitzen. Der Fahrer hätte ja jeden Augenblick zurückkommen und losfahren können.
Das Lachen blieb mir jedenfalls im Hals stecken. Und gelernt habe ich nur: Wenn einem ein Missgeschick passiert, kommt ihm niemand zu Hilfe, weil dann der Spaß doch zu schnell zu Ende wäre. Doch ausgerechnet in diesem Moment fällt mir eine deutsche Redewendung ein: „Wer zuletzt lacht, lacht am besten!“

Skype bitte, Mama, skype!

Zerkratzte Geschichten aus der Ukraine

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Die neue Nabelschnur ist das Internet samt Webcam, damit wird per Skype die Mutter auf den Bildschirm geholt, weil sie als Gastarbeiterin anderswo arbeitet. Und so verlassen denn in den vorliegenden Erzählungen Mütter ihre Familien, weil sie in der Ukraine keine Arbeit finden oder zumindest keine, die genug Geld einbringt, um sich und die Kinder über Wasser zu halten oder ihnen einen höheren Lebensstandard zu ermöglichen. Doch die Abhängigkeiten, die durch dieses Wirtschaftsexil entstehen, können fatal sein.

Wie im Fall „Slawka“, einem Mädchen, das sich nichts mehr herbeisehnt als ihre Mutter. Doch als die endlich wieder zurück im Dorf ist, erhängt sie sich im Wald, weil der bigotte Pfarrer ihr Geheimnis überall herumerzählt, woraufhin der Vater sich im Haus verbarrikadiert und anzündet. Zurück bleibt Slwaka, und nichts wird gut, wie die Kinder in diesem Erzählband immer wieder getröstet werden – zerkratzte Kinderseelen, die sich mit Marken-T-Shirts und neuesten Handys, mit Aussichten auf ein besseres Leben nicht trösten lassen wollen, sondern zornig versuchen, sich abseits der verlogenen Erwachsenenwelt eine eigene Welt zurechtzuzimmern, so wie in „Das Familien-Finde-Spiel“. Erschütternd, dass solche Sehnsüchte irgendwann selbstzerstörend werden. „Das Arbeitsmigrantenleben der Eltern programmiert in den Kindern von klein auf denselben Sehnsuchtsmechanismus: nach einem besseren Leben nicht in der Heimat, sondern in der Ferne, dort, wohin der Gastarbeiterweg führt“, schreibt die Herausgeberin Marjana Sawka im Nachwort. Nur wenige, scheint es, finden auf diesem Gastarbeiterweg wieder zurück, zumindest in den Erzählungen. Und nie geht es gut aus. Aus einem Jahr werden mehrere, aus kleinen Kindern, die bei ratlosen Verwandten aufwachsen, werden Jugendliche, die an ihre Eltern immer höhere und absurdere Forderungen stellen, die das Loch im Herzen allerdings auch nicht mehr zu stopfen können. Und bei jeder Zeile fragt man sich: Wie halten die Kinder das nur aus?
Von zerrissenen Seelen handeln diese Geschichten, von alltäglichen Entmutigungen, doch über diese sozialen Waisen zu schreiben, so die Herausgeberin, sei schon mal ein erster Schritt zur Lösung des Problems. Und geschrieben wird ganz ohne Anklage, ohne Pathos, einfach nur aus Kinderperspektive. Die Zeit läuft, und Skype hält die Uhr nicht an.

Kati Brunner, Marjana Sawka, Sofia Onufriv (Hg.): Skype Mama. Edition.fotoTAPETA, 2013, 150 Seiten, ca. 18.90 sFr

Balkongespräch

Ein altes Ehepaar sitzt auf dem Balkon. Gegenüber ein Wohnsilo.
M: Jetzt sind wir also im Alterswohnheim Abendruh …
V: Abendruh! Wenn ich das nur höre. Schau doch mal geradeaus! Was siehst du?
M: Ja, schon. So viele Wohnungen, so viele Menschen, laut ist es hier, aber …
V: Aber eben: Du wolltest ja nicht mehr kochen, waschen und putzen. Ich hätte noch lange den Garten besorgt.
M: Den Garten schon, Vater; mir ist es einfach zu viel geworden. Die Trudi in Amerika, das Vreni im Welschen und der Peter …
V: Der Peter, von dem kam nie was Rechtes.
Er stopft seine Pfeife. Sie bleibt still.
V zieht an der sich langsam erwärmenden Pfeife: Also, einige Vorteile hat das Leben hier schon. Und der Lärm ist ja auch manchmal schön, wenn die Jungen da unten tschutten …
M: … dann denkst du daran , wie du am Sonntag immer auf dem Fussballplatz warst, während ich zu Hause blieb mit den Mädchen. Schon da ist mit dem Peter was ungut gelaufen …
V: Jetzt sag nur wieder, ich sei schuld daran! Nein, nein und nochmals nein! Ich war immer korrekt.
M: So korrekt, dass einem schwindlig wurde von deiner Selbstherrlichkeit.
V: Jetzt hör aber auf, Mutter, immer hab ich für euch alle gesorgt. Du hast nie arbeiten müssen. Ich hatte eine gute Stelle. Wir haben eine anständige Wohnung in einer anständigen Gegend gehabt. Dass der Peter auf Abwege gekommen ist und …
M: … ist bestimmt nicht meine Schuld. – Du!
Sie streckt die Hand aus und zeigt auf eines der Fenster des gegenüberliegenden
Hochhauses.
Da will einer springen!
V: Wo? Ich sehe nichts!
M: Ruf die Polizei! Die Feuerwehr! Geh!
Der Vater erhebt sich mühsam, geht vom Balkon hinein ins Zimmer.
M: Lass, Vater, da hat ihn einer aufgehalten!
Sie sehen einander an: Wenn nur einer den Peter gehalten hätte.

Dieses Kürzestdrama enstand während des Workshops „Von der Idee zum Buch“. Marion Eve Stöckli (1937) lebt, liebt, liest und schreibt am liebsten am Bodensee oder über dem Zürichsee und hat bereits bei einigen literarischen Wettbewerben gewonnen. Mehr über sie hat Cornelia Jacoment in einem Gespräch erfahren.

Ayurveda – ums Leben wissen

Sri Lanka, 2013

„Put on some normal clothes!“, wenn der Manager zum Gespräch bittet, der einmal die Woche aus Colombo kommt und mit den neuen Gästen persönlich sprechen möchte. Danach würde man uns die Anlage zeigen, sagte die Empfangsdame im beigefarbenen Sari. Ihr Blick musterte mich von Kopf bis Fuß, glitt dann an mir ab, doch ich hatte ihn vor Augen, als ich in meinem staubigen Rucksack nach „normal clothes“ suchte. Muffig rochen sie. Wie sollte es auch anders sein, zweieinhalb Wochen waren wir vom Norden kommend im Zickzackkurs an der Küste entlang gereist, unterbrochen nur von Besichtigungen – auf sämtlichen Landeskarten gelb markierten Highlights – im Landesinnern: die Felsenfestung Sigiriya und die vernebelte Hochebene der Horton Plains.

Sigiriya Felsenfestung
Sigiriya Felsenfestung

Mit Bus und Tuktuk waren wir angereist, allerdings war das Ayurveda-Resort schwer zu finden, kein Schild, kein Wegweiser, zahlreiche Abzweigungen, von denen der Tuktuk-Fahrer jeweils die falsche wählte; auf hohe weiße Mauern zeigten die Menschen, die der Tuktuk-Fahrer befragte. Der fast schon ein wenig vorwurfsvolle Blick beim Empfang galt auch dieser Art des Reisens, kein Gast war bislang offenbar mit so einem motorisierten Dreirad gekommen und hatte staubige Rucksäcke in der marmorglänzenden Lobby abgestellt. Wie unliebsame Wesen behandelten die Boys die beiden Gepäckstücke, zierten sich gar, schien es, diese Ungetüme auch nur anzufassen.

Gleich nachher würden wir durchs Haus geführt, wiederholte die Empfangsdame abermals, nach dem Gespräch mit dem Manager. Was eine humorlose Managerin war, die über die Tuktuk-Anfahrt wohl informiert worden war und darüber nur den Kopf schüttelte, uns vor dem rauen Meer warnte und auf die rote Fahne hinwies, die wir bei unserem ersten Schwumm übersehen hatte, so eingezwängt hingt sie in einer Astgabel, erneut den Kopf über dieses Wagnis schüttelte und uns ein drittes Mal warnte, nun vor den Moskitos und Affen.

Wie überhaupt die 16-seitige Broschüre, die uns gleich zu Beginn ausgehändigt worden war, unzählige do’s und don‘ts auflistete, dass einem schwindlig wurde. Mir zumindest. Was tun, was lassen? Und ja, man solle nicht miteinander und schon gar nicht schlecht über die anderen reden, solle sich bitte auch nicht von den negativen Energien der Mitreisenden beeinflussen lassen, sich ganz auf das Positive konzentrieren. Entgiftung und Reinigung stünden im Vordergrund, die Besinnung auf sich selbst. Nachdem so viel Negatives erst mal vorgeschoben wurde, dachte ich mir, welch ein Sündenpfuhl, diese Welt da draußen! Und ebenso sollte man auch tunlichst jeglichen Kontakt mit den Dorfbewohnern vermeiden. Nur so sei der Erfolg der Behandlung garantiert. Alles sei nur zum eigenen Besten. Klösterliche Strenge. Hätte man nicht eine hübsche Stange Geld für diesen einwöchigen Ayurveda-Aufenthalt hingelegt, hätte man sich womöglich aufgelehnt. So aber: alles freiwilig.

Buddhas Zehen
Buddhas Zehen

Um 6 Uhr dann die erste Morgensession Yoga. Eine stattliche Zahl von sieben offenbar Schlafgestörten fand sich ein, ein dunkelhäutiger Yogalehrer zählte im Rhythmus mal deutsch, mal englisch die Atemzüge. Das Entspannendste war naturgemäß die Entspannungshaltung, ausgestreckt am Boden, mit dem Blick in das helle Morgenblau zwischen Palmen. Die Konzentration hatte es schwer, denn in den Wipfeln tobte eine Horde Affen, vor den Zehen transportierte eine Meute Ameisen ein totes Insekt, bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Ein strahlend blauer Eisvogel flog über den ebenso strahlend blauen Swimmingpool, verfolgt von einem gelben Schmetterling. Im Meeresrauschen und Affentoben ging die Stimme des Yogalehrers unter. Die schamhaften Shanti-Gesänge ebenso.

Später dann sah man umherwandelnde Gestalten auf sandigen Pfaden, in blauen, schwarzen und roten Sarongs, je nach Behandlung mit oder ohne Handtuch zum Turban gewickelt. Und bald auch schritten wir zur ersten Konsultation, beantworteten brav die Fragen nach Vata, Pita und Kapha, wurden sogleich zur ersten Behandlung beordert mit sonderlichem Namen, der nicht zu merken war, jedenfalls nicht, wenn man sich keine Mühe gab. Und dann in Öl schwimmen, Öl glatt streichen auf dem Haar, den Schultern, im Nacken, ums Ohr herum, die Ohrläppchen, bis in den Gehörgang hinein streckte sich ein Finger, und nochmals, und hinunter am Rückgrat entlang, alles schwimmt in Öl, scheint sich aufzulösen, löst sich auf, meint man, als man wieder bei Sinnen ist, da gleitet ein heißer öliger Stoffballen über die Hüfte und den Oberschenkel.

Aufstehen könne ich jetzt, einen Sarong um mich wickeln und hinter den nächsten Vorhang treten. Dort lag ein Sarg. Ein großer brauner aus Holz. Der Sargdeckel wurde geöffnet, ich solle mich auf den Rost legen, der Deckel schloss sich, nur mein Kopf schaute aus einer runden Öffnung am Kopfende heraus. Freiwillig, dachte ich. Freiwillig garen lassen, über heißen Dämpfen, eine Guillotine könnte nun herabsausen und mit einem glatten Schnitt den Kopf vom Körper trennen, sobald der die richtige Temperatur hätte. Um verspeist zu werden. Kannibalen.

Eine Frau trat neben den Kopf und tupfte mir nicht-existenten Schweiß von der Stirn, jedenfalls spürte ich keinen. Spürte nur die Temperatur, die ich in der Sauna stets mied. Hätte am liebsten gesagt, es reiche jetzt. Dampfbad hin oder her, aber ich lasse mich nicht garen. Es reicht jetzt, meinte sie, lupfte den Deckel, ich kletterte vom Rost, erhaschte einen Blick auf einen Aluminiumtopf, der darunter vor sich hin dampfte.

Blumenarrangement à la Ayurveda
Blumenarrangement à la Ayurveda

Einmal wurde ich zu einem Holzkasten geführt und musste lachen. In den Deckel des Kastens war ein ovales Loch gefräst, und das Ganze sah aus wie ein erhöhter Abort. Geschätzte zehn Minuten steckte ich da hinein meinen Kopf. Um den heißen Dampf einzuatmen, der einem nur halb gedeckelten Topf entwich.
Bei der Synchronmassage ein paar Tage später bearbeiteten mich gleich vier Hände im Rhythmus, und obwohl mir der Druck der Finger genau gleich vorkam, schien der ganze rechte Arm im Gegensatz zum linken nur ein schwaches Rohr zu sein.

Solcherart Ungleichgewicht im ansonsten gleichgewichtigen Kneten und Streichen war verblüffend und kam ansonsten bei keinem anderen Gliedmaß vor. War womöglich der einige Monate zurückliegende Fahrradunfall der Grund dafür, bei dem ich den rechten Ellbogen brach, Schulter und Handgelenk prellte? Schmerzen hatte ich dort keine mehr, doch meine Aussage, der rechte Arm fühle sich einfach nicht mehr so an wie mein linker, wurde bislang von allen Ärzten nicht weiter beachtet, sodass ich es aufgegeben hatte, diesem leisen Ungleichgewicht weiter Aufmerksamkeit zu schenken.

Weniger angenehm war das Rotzen und Schleimlassen nach einem Naseneinlauf, es brennt, es würgt, und immer hinein damit in eine grüne Plastikschüssel, dessen Inhalt allein schon bald gereicht hätte, sich zu übergeben. Sinnigerweise musste an diesem Tag auf das Frühstück verzichtet werden, wie überhaupt Nahrung und Behandlung einhergingen. Man durfte ohnehin nicht immer am Buffet zu den Speisen greifen, die am verlockendsten rochen, sondern konnte schon mal vom Koch nach der Zimmernummer gefragt werden, um mit einem Kopfschütteln die Genehmigung für eben dieses Gericht verweigert zu bekommen. Nach der Nasenreinigung durfte man jedenfalls einen Tag lang nicht an die Sonne: kein leises Streichen des Windes über die ölige Haut, wo doch die Meeresbrandung gerade heute so verführerisch rauschte.

Tangalle
Tangalle

Eine „angenehme Erfahrung“ sei das Augenbad, verspricht der Leitfaden zur Panchakarma-Kur, dieses nahm ich beziehungsweise meine beiden Augen wenige Stunden nach dem Nasenbad ein. Ein Teigrand wird dabei direkt um die Augen gelegt, darin sammelt sich die geschmolzene Butter, in ihr muss man die Augen öffnen, mal nach rechts, mal nach links rollen, schließen, öffnen, grelles Sonnenlicht sei für heute zu vermeiden. Mein Blick auf die Weisheit vom langen und gesunden Leben trübt ein, meine „body energy“, nach der ich jeden Tag mehrere Mal gefragt werde, sackt in den Keller, bis kein tieferer Punkt mehr erreicht werden kann. Noch am Tag danach war mir, als hingen fette Buttertropfen an den Lidern meines linken Auges, als würde sie aus den Augenwinkeln herauslaufen. Das Feuer trete aus den Augen, meinte die befragte Ärztin zu diesem Symptom.

Empfohlen wird eine vierzehntägige Panchakarma-Kur, doch einen Durchhänger hätte ich spätestens nach diesen beiden Behandlungen gehabt. Dennoch: Sechs Tage lang unangestrengt nichts tun, sich entgiften, abgelagerte Schlacke von Jahrzehnten ausstoßen, ölselig sich den Massagen hingeben, nichts tun, nichts tun dürfen, im Palmenschatten den Wind über die Haut streichen lassen, ausspannen, entschleunigen, ermattet tagträumen. Erinnerungen brechen senkrecht durch Gedanken und falten sich wieder zusammen. Einfach nur daliegen und alles sein lassen. Ayurveda eben, ums Leben wissen.

Nachtrag:

Elf Jahre später fuhren wir wieder hin, wegen eines Bandscheibenvorfalls, steifen Gelenken, just name it. Die strengen Konversationsregeln waren von den Gästern aufgelockert wurden, nun wurde morgens und abends Yoga unterrichtet, auch wurde auf manche exotische Behandlung während der Panchakarma-Kur verzichtet (z.B. das herbeigeführte Erbrechen, der Schwenkeinlauf) – vieles aber war so, wie wir es in positiver Erinnerung behalten hatten.

Weiterer Beitrag zu Sri Lanka:

Sri Lanka fürs Handgepäck. Herausgegeben von Alice Grünfelder, erschienen im Unionsverlag, 2014

Die Suche nach B.

Berlin, 2008

Berliner Himmel

Berliner Himmel

Noch immer spürt man die Wunden, den Kahlschlag, Stahlnarben, spürt der Zeit nach. Lange, wie lange? ist es her. Wie gestern. Dort einmal entlang gegangen, untergehakt, nachts. Weil ich Spaziergänge in Städten liebe. Besonders nachts. Über weite Plätze, breite Straßen, wo auch tagsüber kaum Menschen gehen. Lachend schaute er mich an. War ihm offenbar neu, solche Vorlieben kannte er nicht. Er schlurfte über den Kiesweg, sie hinkte ein wenig. Über ihnen bleiche Ausweglosigkeit.

Ihm war bang, nicht wissend, wie sollte er es wissen, wie sie sich entscheidet, entscheiden wird. Und sie noch heute Gewissensbisse deswegen hat. Deswegen, wegen ihm, der bohrenden Vorwürfe wegen, immer zerrissen, ihn von sich stoßen, was er nie verstand.

Waren sie in diesem Café zusammengesessen? Sie stutzt, schaut an der Fassade des Hauses hoch mitten hinein in einen Himmel, der sich verschließt. Dort ein neues Gebäude, der Architekt wollte ein Brauhaus nachbauen. Misslungen, findet sie. Steht und beobachtet die Wachposten, die langsam hin und her gehen, stehen bleiben, zu ihr herüberstarren.

Sie geht weiter. Goethe, Schiller, Humboldt, schwarz sind die Skulpturen vom Wetter, der staubfeindlichen Luft. Sitzen da auf ihren steinernen Stühlen. An der Kantine vorbei. Hat er sich hier mit ihr getroffen? Sie ist sich nicht sicher. Doch dieses Gemäuer verbindet sie mit ihm. Erinnert sich, wie sie einmal die knarrenden Holzstufen des Instituts hochgestiegen ist, ihn gesucht hat.

Das war ein Straßenzug weiter. Und ihn dort nicht gefunden hat. Aber warum war sie dorthin gegangen? Warum hatte sie ihn hier gesucht? Hatte sie sich ihm entzogen und sehnte sich plötzlich nach ihm? Nach seinem Arm, seinem Körper. Sie wusste es nicht mehr. Aber hier sprach alles von ihm. Von den verzweifelten Tagen, von der alles verschlingenden Leidenschaft, vom Schmerz, den sie zufügte. Und selbst litt.

Schön war dieser Blick hier über den Damm auf der einen Seite, frisch herausgeputzte Häuser auf der anderen Die Kuppel eines Museums, dahinter der Fernsehturm.

Die Straße, in die sie soeben einbog, kommt ihr bekannt vor. Oder doch nicht. Alte Schilder hängen an Häusereingängen. Dass hier noch geprobt wird, verrät nur die Türklinke. Blank hebt sie sich ab vor dem dunkelbraunen Holz der schweren Eingangstür.

Weiter vorn ist der Gehweg abgesperrt, an einer schmalen Stelle nur für Fußgänger geöffnet, die sie erst sieht, als sie davor steht. Sie musste immer lange Umwege machen, hier über die Straße, dann auf der anderen Seite zurück, um wieder eine Straße zu überqueren. Sie hüpfte fast, er lachte und wartete, schaute zu, wie sie näherkam. Und nahm sie in die Arme.

Frag nicht!

6.8.2012, Zugreise in Burma

„Train, hello, hello, train“ klopft es an die Tür. Um drei Uhr morgens. Aufstehen wollten wir eine halbe Stunde später, der Zug geht erst um 4 Uhr, den Weg dorthin schaffen wir im Stockdunkeln in knapp zehn Minuten.

Menschen in Burma

Bahnhof in Burma

Schlaftrunken lassen wir uns in die durchgesessenen Sitze der Upper Class fallen, schauen uns um im dunklen Abteil. Zwei junge Frauen weichen dem Blick aus, drei junge Männer vertieft in ein Gespräch, weiter hinten ältere Reisende, die allein unterwegs sind, eine Frau im streng geschnittenen grünen Longy mit farblich darauf abgestimmter, hochgeschlossener Bluse. Das Schaukeln der Waggons schläfert ein, Augen fallen zu, die ausgefranste Morgendämmerung rattert vorüber, Schatten sieht man noch keine, Lichter von Frühaufstehern schon. Irgendwann gelingt es den Augen, länger geöffnet zu bleiben, die Lider klappen müdeschwer nicht sofort wieder zu, die grellgrünen Reisfelder blenden fast, obwohl die Sonne nicht scheint.

An jedem kleinen Bahnhof hält der Zug mit den vier Waggons, es verwundert daher nicht, dass der Zug für diese Strecke von Kyiangin nach Pathein im Südwesten Burmas zehn Stunden braucht, die ein Bus in der Hälfte der Zeit zurücklegen würde – wenn es denn eine Straße gäbe, die hier entlangführte. Nicht jeder Bahnhofsname steht in lateinischen Buchstaben angeschrieben; wie viele Kilometer man bereits zurückgelegt hat, fällt deshalb schwer abzuschätzen.

burma zug

Verkäuferin am Zug

Um 11 Uhr hält der Zug, steht ein wenig länger still. Nur wenige steigen aus. Die meisten bleiben sitzen und schauen einfach nur hinaus. Auch auf dem Bahnsteig wird gewartet, weiter hinten verkauft eine Frau Tee und Reisgerichte, Hühner laufen gackernd über die Bahngleise und zwischen den Wartenden hindurch, Ziegen knabbern an grünen Bündeln, von Frauen gestapelt, die noch mehr Grünzeug holen. Eine Mutter stillt ihren wohl dreijährigen Sohn, der darüber einschläft, wieder aufwacht, einen Klaps auf den Po bekommt, bis sich die Mutter schließlich zu ihm auf die schmale Bank legt, die weiß-rot-blau um einen Pfeiler herum gebaut wurde.

Eine Reiskuchenverkäuferin taucht auf, manche steigen aus, holen sich etwas zu trinken, zu essen. Im hinteren Wagen sitzt eine Sportmannschaft in dunkelblauen Trainingsanzügen der Universität Hinthada. Zwei junge Männer mit Umhängetaschen und in auffällig bedruckten T-Shirts verlassen den Bahnhof. Das Kind wacht auf und hat Hunger. Holt einen blauen Eimer aus dem Lastkorb der Mutter, stellt ihn vor sich hin, nimmt den Deckel ab. Die Mutter öffnet kleine Plastiktüten: eingelegtes Gemüse, Reis, getrocknete Papayafrucht, reicht eins nach dem anderen ihrem Sohn. Schließt den Eimer wieder, dieses Mal mit einer Schnur. Die zwei jungen Männer mit den Umhängetaschen kehren zurück. Mittlerweile ist es zwei Uhr.

burma - wartende

Warten in Burma

Die Lok wurde irgendwann abgekoppelt, die Wagen stehen einfach nur da auf den Gleisen vor dem Kleinstbahnhof. Wann es weitergeht? Mit Händen und Mimik gefragt. „Halp an hour“ antworten dunkle Gesichter und lachende Münder, antworten noch mehr in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Gehe hinaus, trete vor den Bahnhof, links und rechts der löchrigen Straße drei, vier Hütten, in einer wird Billard gespielt, in zwei anderen kann man Café trinken und Whisky, die vierte Hütte bietet eine kleine Auswahl an verschiedenen abgepackten Biskuits, gesüßtes Brot, Bier in Flaschen, burmesischen Energy Drink, Cola.

Ratlos wieder zurück zum Zug. Mutter und Sohn müssen sich den Platz nun mit einem Mann teilen, als der aufsteht, breitet sie sich wieder aus. Der Junge entfernt sich ein paar Schritte, zieht mit einer Hand die Hose herunter, mit der anderen das T-Shirt hoch und pinkelt auf den Trampelpfad, ein schöner, geschwungener Strahl. Die Studenten in den Trainingsanzügen schlendern auf dem Bahnsteig zwischen den kauernden Wartenden hindurch. Arbeiter mit einer Harke über der Schulter treffen sich und gehen einen matschigen Abhang hinunter, den zuvor ein Mädchen und ein Junge mit viel zu großen Fahrrädern hinaufgefahren sind.

Wann geht es weiter? Fragen wir zwei Stunden später. „Halp an hour.“ Mittlerweile ist es 4 Uhr, vor zwei Stunden hätten wir ankommen sollen, vor 12 Stunden sind wir aufgebrochen. Wir holen die Landkarte hervor, lassen uns den Ort zeigen, an dem wir uns gerade befinden. Auf der Karte ist keine Straße eingezeichnet, nur eine Eisenbahnlinie.

Als ein Mann offenbar mit Neuigkeiten zurückkehrt, die Gesichter sich erschrocken verziehen und laut gemurmelt wird, fragen wir mit einer Geste, die schlafen bedeuten soll, ob wir hier wohl im Zug übernachten müssen? Die Köpfe der beiden Männer wackeln hin und her, doch mehr erfahren wir nicht. Nicht den Grund, nicht die Uhrzeit, wann wir denn nun in Pathein ankommen würden. Ich spreche Menschen an, deren distinguiertes Aussehen die Hoffnung zulässt, dass sie Englisch sprechen könnten, gut gekleidet in vornehmen Longyis, in Hemden und Blusen. Nichts. Freundliches Kopfschütteln. Wieder im Bahnhofshäuschen: „Wann geht es weiter? Wir warten schon mehr als fünf Stunden“, und zeige auf die Uhr.

Tatsächlich. Alle vier Männer schauen das Ziffernblatt an, rechnen mit dem Finger nach, als würde ihnen erst jetzt aufgehen, dass der Zug schon so lange still steht. Ich frage nach dem Grund, man weist mir freundlich einen Platz zu, ich setze mich und denke, ohne Antwort gehe ich nicht wieder. Ich zeige auf das Telefon. Die Männer unterhalten sich; meint nicht einer, der andere mit weißem Hemd und blauer Hose – die Uniform der Bahnangestellten – soll anrufen? Die rufen hinaus, ein junger Mann mit vom Betel rotgefärbten Zähnen und schlampig gebundenem Longyi kommt herein, ich schaue ihn erwartungsvoll an, als die anderen mit einem Kopfnicken zu mir hinüberweisen. Er schaut durch mich hindurch. Sie reden und lachen. Über alles Mögliche, nicht aber über die fehlende Lok. Stehe auf und gehe zurück zum Waggon. Kehre auf dem Weg um und hole die vierte Biskuitpackung.

Fünf Uhr. Jetzt muss etwas geschehen. Sonst. Nochmals los, energischer dieses Mal, wann der Zug nun endlich weiterfährt, ein Grinsen, ein Blick auf die Uhr, das Telefon klingelt, ein Aufspringen. „Ten minutes.“ Kann es kaum glauben, gehe hinaus, trinke einen burmesischen Nescafé.

Mann im Hochwasser in Burma

Hochwasser in Burma

Als ich den Bahnhofsschuppen betrete, schauen alle Wartenden in dieselbe Richtung. Eine Lok. Der Raum mit den Bahnangestellten ist leer, erstaunliche Stille. Die Gesichter sind wie in all den Stunden zuvor gleichmütig. Eine Lok kann alles und nichts bedeuten. Der hintere Wagen wird mit Säcken beladen, die Ausgänge und Toiletten sind nun blockiert. Ein Ruck geht durch den ganzen Zug, als die Lok angekuppelt wird, dann noch einer, wir fahren. Winken all denen zu, die noch immer auf dem Bahnsteig warten, vielleicht sind es mittlerweile andere, die Mutter ist mit ihrem Jungen jedenfalls vor einer ganzen Weile gegangen.

Das Dorf, aus dem wir fahren, versinkt im Wasser, ein Ochsenkarren im Reisfeld, dahinter ein Bauer bis zur Hüfte im Wasser.

Die Stelzen der Häuser ragen nur zur Hälfte heraus, zuvor gackerten hier Hühner. Der Zug hält am nächsten Bahnhof, verdächtig lange, nimmt nur langsam wieder Fahrt auf, war die Lok das Problem? Um uns die Welt in Wasser versunken, Dächer von Häusern hier und da, Baumkronen schauen vereinzelt heraus, Strommasten liegen abgeknickt im Wasser, die Leitungen schleifen auf den kleinen braunen Wellen, die bis an den Bahndamm klatschen, ihn unterspülen, aushöhlen? Der Zug hält, die Säcke werden ausgeladen, damit der Damm befestigt werden kann, an einer Stelle nur, die Wasserfläche dehnt sich bis in Unendliche.

Burma Hochwasser

Rikscha im Hochwasser

Eine goldene Stupa steht erhöht auf einem kleinen Hügel, einzelne Vögel am grau verhangenen Himmel, nur das Zischen der Lok, die Waggons schwanken bedenklich hin und her, der Zug schiebt sich wie ein dampfender Koloss durchs Meer, das immer dunkler wird, der Abend bricht unvermittelt herein, kaum noch ist der Mann zu erkennen, der neben dem Bahndamm steht, ganz in sein graues Regencape gehüllt, das ihn verschluckt.

Er schwenkt eine grüne Fahne – um die Durchfahrt freizugeben? In den Abteilen ist es still, alle starren hinaus, halten den Atem an.

Ob der Bahndamm hält? Irgendwann fährt der Zug schneller, dunkle Schatten ziehen vorüber, hat sich die Welt wieder verfestigt? Hütten leuchten auf, Lichter brennen an Bahnhöfen, wann kommt die Endstation? Noch zwei, drei Bahnhöfe, noch einer.

Mit steifen Gliedern steigen wir aus, es regnet, regnet in Strömen. Im Dunkeln finden wir den Weg nicht. Nehmen eine Fahrradrikscha, die fährt und fährt und fährt, durchquert Seen auf Straßen, kann Pfützen nicht ausweichen, so groß sind sie, und alles ist nass, überschwemmt. Manchmal steht eine Silhouette ratlos vor dem Wasser. Die Läden sind mit Brettern zugenagelt. Eine Geisterstadt, unwirklich, am Ende der Welt angelangt.

Vietnam – angekommen

Reisfelder im Norden

Zwei Bauern mit Spitzhüten auf Reisfeldern, einmal vor grünem, blauem und orangefarbenem Hintergrund. Es muss 1972 gewesen sein, als ich diese kleinen gezackten Gemälde ganz nah vor meine Augen gehalten habe, um die Szenerie genauestens zu inspizieren, gänzlich versunken in diese Welt. Wo das sei, fragte ich meinen Vater, an den diese Briefe adressiert waren. Vietnam, ein Land im Krieg, furchtbar, wo die Kinder Hunger leiden und den ganzen Tag nichts als Reis zu essen bekommen. Reis? Das sei doch meine Lieblingsspeise, könnte ich jeden Tag essen, wochenlang, rief ich begeistert. Na vielleicht warst du in einem früheren Leben ja einmal ein vietnamesisches Waisenkind.

So oder so ähnlich mag sich meine erste Begegnung mit Vietnam zugetragen haben. Später gesellten sich zu den Briefmarken TV-Bilder von Kampflinien, die in diese und in jene Richtung verschoben wurden, von Flugzeugen, die Bomben abwarfen, von Listen, die Gewinne und Verluste aufzählten, vom legendären letzten Hubschrauber, der von der amerikanischen Botschaft in Saigon abhob.

Gemälde aus Museum in Hoi An

Gemälde aus Museum in Hoi An

Und wieder ein paar Jahre später ausgelaugte Kindergesichter von Bootsflüchtlingen, zusammengepfercht auf kleinen Booten, Spendenaufrufe. Die Zusammenhänge sollte ich erst viele Jahre später verstehen, als das Land als eines der fünf aufstrebenden Tiger zum Sprung über den asiatischen Tellerrand ansetzte.

Doch jenseits der ökonomischen Schlagzeilen stieß ich eines Tages bei Recherchen auf einen Text von Peter Weiss, der den Finger auf die Flüchtlingswunde legte – schon damals, als die Bilder von den ausgemergelten Vietnamesen in deutsche Wohnzimmer strahlten. Viel würde berichtet über die vietnamesischen Flüchtlinge, die es nur knapp geschafft hätten. Irgendwie. Kein Wort aber verloren über jene, die gestorben, vergewaltigt und übel zugerichtet worden seien, über diese Tragödien im südchinesischen Meer. Schon viel früher hatte ein amerikanischer Autor über thailändische und burmesische Piraten geschrieben, die die Ärmsten der Ärmsten ausraubten und dem Meer übergaben, wochenlang die Frauen für sich schuften ließen und sie in die Wellen warfen, wenn sie ausgedient hatten. Ein Land wurde in den Wahnsinn getrieben, da versprochene Hilfsleistungen ausgeblieben waren, wo doch gerade die USA Wiedergutmachung zu leisten hätten und dem Land beim Wiederaufbau helfen müssten, doch es passte nicht zum Zeitgeist des Kalten Krieges, erklärte Peter Weiss später, ein kommunistisches Regime zu unterstützen, stattdessen berichtet man lieber über dessen Opfer. Stimmen, die Jahrzehnte später vollkommen verstummt waren, da westliche Unternehmer mit der kommunistischen Partei Geschäfte machen wollten, wie sie es schon mit dem nördlichen Nachbar getan hatten.

Kriegsspuren überall

Heute wird das Land angeboten als „Top-Destination“ in Reisekatalogen, ja es gilt als eines der beliebtesten asiatischen Reiseziele, und Traveller können es in nur zehn Tagen „machen“. Nun war es opportun, terrassierte Reisfelder anzupreisen, kilometerlange Badestrände und die vietnamesische Küche. Dass der vermeintliche Wohlstand, der Aufschwung auf dem Rücken der armen Bevölkerung ausgetragen wurde, Enteignungen im großen Stil durchgeführt wurden, dass die wirtschaftliche Erneuerung – Doi Moi – einherging mit der Beschneidung einfacher Grundrechte wie Meinungsfreiheit, bekamen Schrifsteller und Blogger zu spüren, deren Worte bald zensiert wurden, die selbst oft genug hinter Gitter landeten. Kritisierten Politikern indes gelang es stets, ihre Haut zu retten.
Ein kriegsversehrtes, traumatisiertes Volk, möchte man meinen, wenn man die Berichte westlicher Reisender liest, doch keiner konnte wirklich erfassen, was all die Greuel wirklich bedeuteten für die „vietnamesische Seele“, davon können nur vietnamesische Autoren jenseits der wie auch immer gearteten Schwarz-Weiß-Malerei erzählen. Wo liegt die Wahrheit? Irgendwo dazwischen. Wie immer.

Das Faszinosum Vietnam hat mich nie losgelassen, erstaunlich nur, dass ich so viele Jahre verstreichen ließ, bis ich selbst hinfuhr. Die Spuren des Krieges waren tatsächlich auch nach mehr als 40 Jahren noch überall zu sehen, gleichwohl überraschte der scheinbar selbstverständliche Umgang mit der Vergangenheit und auch das Selbstbewusstsein und die Offenheit dieses Volkes. Was bleibt ihm anderes übrig, rätselte ich. Trotz der Schmach weiterleben, vor allem Ende der 70er-Jahre ums nackte Überleben kämpfen, als die Hungernot grassierte und Vietnam zu einem der ärmsten Länder der Welt zählte.

Doch dann, bei einer Wanderung durch die Bergwälder im Norden, vorbei an verlassenen Gebäuden, die wohl noch aus der Kolonialzeit stammten, den Blick über weite Teeplantagen, die bis zum Horizont reichten, der im Nebel verschwand. Angekommen, dachte ich. Und mir fielen die Briefmarken aus meiner Kindheit wieder ein.

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Dongxuan – Vietnam in Berlin

HalleRing-Center, Landsberger Allee, dann noch eine halbe Stadt weiter in Richtung Osten, ein russischer Supermarkt mit aufgesprayten orthodoxen Kirchen, Wohnblockriegel, austausch- und verwechselbar, wären da nicht die mal verblasst gelben, dann verblichenen blauen Ballons, dann, nach der Vulkanstraße links, deren Namen zum Plattenallerlei passt wie die Faust aufs Auge, gelbrotfarbener Metallbogen über regenpfütziger Toreinfahrt: Dong Xue Center. Und links und rechts Tafeln, die werben für eine vietnamesische Fahrschule, für den letzten Schrei des Nail-Design, für Mode aus New York. Deutsch wird hier reduziert auf notwendigste ökonomische Floskeln von Seiten der Käufer sowie der Verkäufer: Wie viel kostet? Teuer! Billiger! Ich kein verdien. Eindringlich, bestimmt, aber nicht laut. Händler und Käufer aller Länder vereinigt Euch – hier!

Triste langgraue Schläuche durchschneiden die langen Hallen, links und rechts finden sich in schlundbäuchigen Läden Waren, die in ihrer Überflüssigkeit kaum zu übertreffen, doch gerade deshalb umso reizvoller sind. Gläserne hellblaue Delphine über grauem Sockel, Plastikspielzeug, das garantiert keine Öko-Zertifizierung erhält, dafür laut schriekt und blinkt, dass es eine Freude ist, auch der bunte Buddha lacht dazu, Plastikschmuck, unmodische Mode, Manicure und Pedicure oder neudeutsch doch besser Nail-Studios, chinesische Lebensmittelläden, haufenweise vietnamesische Nudelsuppen, Klobrillen, die anfangen zu singen, sobald man sich draufsetzt, rosige Grußkarten, Galaschen aus Leder, schmale Frisörläden, in denen sich europäische Gesichter massieren und vietnamesische Köpfe frisieren lassen, Zettel an den Wänden, auf denen etwas angepriesen oder gesucht wird – überwältigend öde und verzweifelt gedämpft ist diese Welt östlich der Mitte.

PlakateGesprochen wird in verschiedenen Sprachen und immer nur leise. Berliner zwängen sich hauptsächlich zwischen Lebensmitteln, ratlos, diese Büchse und jenes Glas gegen das Licht haltend, um zu erraten, was wohl darin sein mag. Unaufdringliche Verkäufer, in Stapel mit Listen vertieft, schauen mit unbeteiligtem Blick auf die meterlangen Regale vor sich. Leer und weit, wie der Parkplatz vor den sechs Hallen, der im Schneematsch versinkt.

 

Geburtstag (17.1.2012)

Sie hatten sich nicht abgesprochen, von Anfang an war alles klar gewesen, eine spontane Einladung. „Wenn du schon in Berlin bist an deinem Geburtstag … Ich lade ein paar Freunde ein, du bringst ein paar Leute mit. Lass mich nur machen.“

In den letzten Jahren war er fast jeden Winter in Europa oder den USA, um über die Erhaltung tibetischer Architektur zu referieren. Mit viel Idealismus und erstaunlichem Durchhaltevermögen hatte er es – keiner weiß wie – geschafft, die Behörden in Lhasa zu überzeugen, einzelne Häuser zu renovieren und dafür eigens Handwerker aus entferntesten Regionen zu holen. Woher er wusste, dass gerade dieser oder jener alte Tibeter sich noch darauf verstand, den Lehm fürs Dach richtig zusammenzumischen, damit der kein Wasser durchließ? Oder das Reisig richtig zu bündeln, das als Abschluss unterhalb der Mauerkronen eingesetzt wurde? Er habe erst einmal mit einem alten Arbeiter angefangen, der sich erinnerte, dass ein anderer, mit dem er einst den Sommerpalast renoviert hatte, diese alte Handwerkskunst beherrsche und auch noch am Leben sei. Und der meinte wiederum, in jenem Ort sei einer, der doch damals dieses Haus gebaut habe. So kam ein Trupp zusammen, der Stein um Stein, Stock um Stock Häuser in Lhasa instand setzte. Zum Abschluss tanzten die Handwerker und Arbeiterinnen im Wechselgesang auf dem Dach, klopften dabei mit Holzpflöcken und stampften mit den Füßen den Lehm eben. Bis es eines Tages den Behörden in Lhasa zu viel wurde. Nur was? Neideten sie sie ihm die Spendengelder, die er im Laufe der Jahre akquirierte? Gönnten gewisse private Bauunternehmer ihm den Erfolg nicht, weil jeder nur noch in seinen Häusern wohnen wollte? Über Nacht wurde ihm die Bewilligung entzogen, an dem Projekt weiterzuarbeiten, ja sich überhaupt in Lhasa aufzuhalten.
Kurze Zeit später hieß es, er baue in Osttibet ein Kloster auf, und in Berlin hielt er in einem Wintermonat einen Vortrag über die Renovierung der Altstadt Leh. Unerschrocken hatte er einfach immer weitergemacht, bescheiden auf seine Projekte verwiesen. Im Kurzfilm „Heritage Heroes“ wandert er durch die Straßen Lehs, hält sich aber auch hier im Hintergrund.
Ein letztes Mal hatten sich unsere Wege auf der Berlinale gekreuzt, worüber hatten wir gesprochen? Für einen Kaffee hatten wir gerade keine Zeit, es war wohl wenig mehr als Wortgeplänkel gewesen. Ein Buch würde er schreiben, meine ich mich zu erinnern, beim renommierten britischen Serindia-Verlag würde es erscheinen. Ich gratulierte ihm.

Am Morgen hatte sie wie vereinbart die letzten Einkäufe erledigt, Essen und guten Wein besorgt, Platz gemacht in der Wohnung für die Gäste am Abend. Denn bei ihm konnte man nie wissen, wie viele Freunde er mitbringen würde. Und alle waren gekommen, alle, die ihn kannten und Zeit hatten oder eben auch gerade zufällig in Berlin waren. Schön sich zu sehen, so lange war es her, alle redeten mit- und durcheinander, umarmten und fragten nach den Projekten der anderen. Die ersten Gäste gingen in die Küche und holten sich etwas zu essen, dort waren auch die Geschenke übereinander gestapelt, nur kleine und wenige, damit er sie auf der Reise zurück auch würde mitnehmen können. Der Abend zog sich hin, die Grüppchen hatten sich in verschiedene Winkel zurückgezogen mit ihren Papptellern und Getränken, bloß er war nicht erschienen. Sie hörte das Telefon klingeln. „Er wird nicht mehr kommen“, sagte sie den Gästen, als sie auflegte. Auf dem Weg zu seiner Geburtstagsfeier hatte sein Herz aufgehört zu schlagen.

Die Geschichte ist nur mein kleines Andenken an André Alexander, den Begründer des Tibet Heritage Fund. Sie beruht lediglich in wenigen Teilen auf Tatsachen, vieles wurde mir zugetragen, einiges habe ich mir zusammengereimt, womöglich falsch. Falls ich mit diesem Text irgend jemandes Gefühle verletze, möchte ich mich dafür aufrichtig entschuldigen.