Birma – Vignetten

Flug nach Mandalay.

Zwei Mönche mir gegenüber, im 4er-Sitz, praktisch. So könnte man ins Gespräch kommen, wären die Propeller nicht so laut und schickten einen vibrierenden Stoß nach dem anderen durch das Trommelfell, den Rücken hinab bis hinunter in die Zehen.
Zwei Tage Yangoon liegen hinter uns. Der Schimmel an den Häuserwänden ist in den vergangenen Jahren noch dunkler geworden, der Reiz des Verkommenen architektonischer Hoffnungslosigkeit gewichen.

Blühender Zerfall

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Wo einst das Büro des Verantwortlichen für das Verlagswesen Birmas untergebracht war, ist alles versperrt und verriegelt. Die Bierkneipe, in der wir immer so gern gegessen hatten, mit Brettern zugenagelt. In einem Gebäude, dessen rötlicher Putz hier und da noch zu erahnen ist, sprießen aus dem 3. und 4. Stock Bäume, derweil im Erdgeschoss offenbar noch Veranstaltungen abgehalten werden, jedenfalls lassen die Stuhlreihen dies vermuten. Wo früher ein Markt war, hat man riesige Häuserblocks errichtet. In den unteren Geschossen dunkle Münder, die Waren verschlucken und ausspucken. Nachts aber dröhnen die Blocks, aus jedem ein anderer Hit, die Fenster blinken in allen Farben.

Still und gedämpft

Laut sind hier in den Straßen nur die Jungs, die an den offenen Bustüren hängen und ihre Routen ausrufen. Ansonsten funktioniert hier scheinbar alles reibungslos und still. Keine freundlichen Gesichter, aber auch keine unfreundlichen. Um nichts wird viel Aufhebens gemacht. Auch nicht, als vor dem Bankschalter ein junger Burmese Dutzende von gebündelten Banknoten abholt. Von irgendwoher bringt ihm jemand zwei große Plastiktüten. Einer hilft ihm, die Geldscheine hineinzupacken, eine Tüte ist fast zu schwer, der Griff zum Reißen gespannt, deshalb wird sie oben noch einmal zugeknotet, mit zwei Tüten macht er sich auf Richtung Ausgang, fast rutscht ihm die untere aus den Händen, er sucht seinen Schirm, den jemand an die Tür gehängt hat, ein anderer spannt ihn auf für diesen jungen Mann, der in der Menge verschwindet.

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Shwedagon im Monsun, ruhig oder gedämpft? Rituale wie das beständige Waschen und Putzen der kleinen Buddhastatuen rund um die Pagode bleiben rätselhaft. Das Schauen muss genügen für den Moment. Innere Ruhe will nicht einkehren beim Anblick der zahllosen kleinen Stupas, Buddhas, Mönchen und Nonnen. Dazwischen immer wieder Männer mit Abzeichen an der Hemdbrust: Passen sie auf den Tempel auf, achten sie auf gebührliches Verhalten oder seltsame Bewegungen unter den Besuchern? Für Außenstehende nicht auszumachen. Außen. Innen. Warum bin ich hier?

Regenzeit in Kalaw.

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Wie Winter. Das feuchte Leben spielt sich in den eigenen vier Bretterwänden ab. Draußen duckt man sich unter vielfarbigen Regenschirmen mit Blumen, Mickey Mouse, Logos internationaler Designmarken, schiebt sich samt der Schirme unter Plastikplanen über den Markt, ab und an stürzen Wassermassen in die Gassen, nicht selten erklingt ein unterdrückter Aufschrei und ein leises Lachen der Marktfrauen über den Unglücklichen, den es erwischt hat. Kaum ein Augenpaar, das unter dem Schirmrand hervorlugt, denn das frische Gemüse, das Obst, die zahlreichen Schnittblumen, die später vor die Buddhastatuen gestellt werden in den unzähligen Tempeln im Ort und der Umgebung, sind wichtiger als der fremde Besucher.
Nirgends fand sich ein Hinweis, dass Kalaw eine Militärstadt ist. Die Straßen sind voll mit „Grand Tigers“, brandneuen Automobilen, sie stehen in Reih und Glied vor dem Markt. Kaufen Soldaten mit wächsernem Gesicht für ihre Frauen ein, die in den Autos warten? Niemandes Englisch reicht für ein Gespräch, Gesten müssen genügen, um sich nicht zu verirren auf dem Bazar, um nach dem Preis zu fragen, nach den Spezialitäten aus Teig, die ein indisch aussehendes Paar auf Bastmatten anbietet.

Birma – ein Vielvölkerstaat und mehr

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Auf dem Markt Chinesen, Inder, Nepali, Burmesen, auch Bangladeshi? Groß gewachsene Männer mit europäischen Gesichtszügen und dunkler Haut, einer schlurft daher wie ein Japaner, wieder ein anderer könnte die Hauptrolle in einem Bollywood spielen; Frauen mit Thanaka auf den Wangen sind dennoch in der Mehrheit, auch deren Gesichter könnten unterschiedlicher nicht sein. Wie lange ist es her, dass Japaner, Briten diesen Ort verlassen haben? Selbst die über Siebzigjährigen waren damals noch Kinder, die Völker haben sich anscheinend schon früher und über Generationen hinweg vermischt.
Nachfahren nepalesischer Gurkhas bieten in einem Restaurant nepalesische Gerichte an. Die Frau des Hauses reichte einem Mann mit chinesischen Gesichtszügen drei dicke Bündel mit Geldscheinen. Der zählt und zählt. Wer ist dieser Mann, denn die Summe, rasch überschlagen, beträgt 300 bis 500 Dollar, schon im Voraus abgezählt und vorbereitet, mit seinem Besuch wurde gerechnet, sie erhält eine Quittung dafür. Der Vermieter? Einer dieser reichen Chinesen, über die sich das Volk so sehr ärgert, dem hier in Kalaw eine dieser Villen im Cottage-Stil gehört?

Westliche Vorstellungen vom Golden Triangle

Das zweistöckige, gelb gestrichene Wohnhaus gegenüber von unserem Hotel gibt Rätsel auf. Warum zum Beispiel tritt die ältere Matrone alle paar Stunden vors Haus und wirft Hände voll Reiskörner auf die Straße, um zahllose Tauben anzulocken? Zwei Männer auf einem Moped fahren in den Hof, der Beifahrer hat einen Strauß Blumen im Schoß. Sie holen einen fettbauchigen Sack Reis und packen ihn vor den Fahrer unters Lenkrad. Eine alte Frau, das weiße Haar zu einem Dutt am Hinterkopf geknotet, schöpft oben auf dem Balkon Wasser von einem Behälter in den anderen. Dann schüttet sie einen Becher voll in den Hof hinunter, wäscht sie Gläser aus? Herauszufinden wäre dies nur mit einem Fernglas. Sie zupft immer am selben Blumenstrauß mit den weißen und gelben Blüten herum. Als die Frau mich entdeckt, knotet sie hastig ihren Longy neu, dreht mir auf dem schmalen Balkon den Rücken zu. Im Seitenflügel stehen Tür- und Fensterflügel weit auf, undeutlich sind Billardkugeln im Dunkeln zu erkennen, Männer lehnen an der Fensteröffnung, schauen mal dem Spiel zu, manchmal hinaus in den nicht nachlassenden Regen.

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Ein Mönch schüttelt kurz seinen Regenschirm aus, bevor er den Billard-Salon betritt: braun der Schirm, braun sein Gewand und auch die samtenen Sandalen. Mit einem Föhn müsse man diese trocknen, würden sie nass, erklärte die Schuhverkäuferin mir in Yangoon. Ein Mönch mit Föhn? Ein junger Mann geht vor dem Eingang kurz in die Hocke, schiebt den Longy wieder hoch und kehrt zurück zum Spiel. Noch immer lehnen dieselben Männer am Fensterrahmen, noch immer regnet es, seit heute Früh schon. Drei Mopeds stehen mittlerweile vor dem Billard-Salon, ein weiteres fährt vor, der Beifahrer mit Spitzhut aus Palmblatt. Ob wohl auch Alkohol ausgeschenkt wird? Ein Mann hängt seinen rosafarbenen Regenmantel an den rostbraunen Fensterflügel, schaut kurz hinaus auf die Wolken, die immer tiefer ins Tal drücken. Bald wird darin auch die Spitze der weißen Pagode verschwinden. Es regnet wieder stärker. Die Tropfen prasseln lauter und schneller auf das Pflaster. Darunter mischen sich Gitarrenklänge von irgendwoher.

Vor dem Haus steht ein Schild, in birmesischen Schriftzügen steht wohl drauf, was hier gehandelt wird, Reis? Bilder von Kinofilmen aus der benachbarten chinesischen Provinz Yunnan ziehen durch den Kopf, wo in solchen Häusern ungeheure Mengen von Rohopium in geheimen Verstecken gelagert und verkauft werden, und von wilden Schießereien. Golden-Triangle-Fantasien eines westlichen Hirns.
Im Billardraum brennt nun Licht, grün scheint der Billardtisch auf, sieben Mopeds stehen nun davor, eines ist rot. Es regnet noch immer, wird endgültig dunkel.
Ausschnitte, Oberflächen, die Fragen aufwerfen und vermeintlich Geschichten erzählen, die in die Irre führen, weil man eben nur einen Bruchteil sieht; keine Möglichkeit, tiefer zu dringen. Das bloße Schauen führt irgendwann ins Nichts, kreist um sich selbst.

Morgengymnastik in Pyay.

Während die Inder über Jahrhunderte das Yoga verfeinerten, Chinesen Tai Chi und Kungfu, selbst Vietnam einen eigenen Kampfstil entwickelte und in Thailand das Thai-Boxing mit Schlägen und Kicken Menschenmassen in Stadien treibt, ist aus Burma nichts dergleichen bekannt. Eine besondere Form des burmesischen Yoga soll es geben, doch selbst Weitgereiste, Intellektuelle und besser gestellteBirmesen haben davon noch nie etwas gehört.

Lauftrainer und Hüftschwinger

In Pyay aber gibt es an der Strand-Promenade, die nur ein fader Abglanz des gleichnamigen Boulevards in Yangoon ist, einen kleinen Park, der etwa 250 Meter Länge und 50 Meter Breite misst: mit Schaukeln, Bänken und kuriosen Geräten. Gut, den Lauftrainer mag man noch erkennen, dass man aber auf den kreisenden Scheiben lediglich seine Hüften ein wenig hin und her schwingt, wird mir erst beim heimlichen Beobachten einiger Kinder klar. Was aber sollen die schwarzen Rollen auf Knie- und Schulterhöhe? Damit massiert man die Waden, indem man die Beine darüber legt und hin und her zieht, sehe ich am anderen Morgen bei einem Mann.

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Die Frauen in ihren Longyis schlendern nicht einfach durch den Park, was mir erst dann auffällt, als sie schon zum vierten Mal an mir vorüberkommen. Sie gehen tatsächlich ein wenig schneller als auf der Straße, kehren am Ende des asphaltierten Weges schwungvoll um und schreiten den Weg erneut ab. Eine schließt und öffnet dabei ihre Fäuste. Nordic Walking, aus Ermangelung der Stöcke eben nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Ein älterer Herr in grauen, knielangen Hosen und einer dazu passenden Jacke biegt unvermittelt ab und stampft mit seinen klobigen Turnschuhen zur vierten Schaukel, reckt sich in die Höhe und holt seinen Schirm herunter, an dem er seinen dreistöckigen Henkelmann befestigt hat. Stapft dann davon und würdigt mich keines Blickes.

Liebesblick

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Ein Neuankömmling mit Schirmmütze zieht sein rechtes Bein ein wenig nach, vermutlich ein Schlaganfall vor ein paar Wochen, Monaten? Ein anderer stellt sich kurz auf den Lauftrainer in seinem Longyi, danach geht er zur Drehscheibe und schwingt seine Hüfte ein wenig hin und her, allerdings sehr viel weniger dynamisch als die Walking-Frauen zuvor, die noch eine Dehnübung anschlossen auf der kleinen Plattform, die direkt auf den Irrawaddy hinausgeht. Durchaus reizvoll dieser Blick über den Stacheldraht – der den Park vor wem oder was schützen soll? – auf den braunen, rasch dahinfliessenden Irrawaddy, auf die große Brücke, dahinter die geduckten Hügel. Das langsame Hin- und Her auf dem Lauftrainer versetzt einen in eine leichte Trance, während die Mosquitos um die Knöchel schwirren.

Zwischen Park und Fluss sind auf einem schmalen Uferstreifen kleine Zeltbuden aufgestellt. Verlassen am Morgen, bevölkert am Abend von Liebespärchen, die mit Blick auf das kreiselnde Wasser an Limonade nippen und die Arme umeinanderlegen. Liebesbuden am Ufer des Irrawaddy, unter blau-rot-weiß gestreiften Zeltplanen, neben Laufbändern und Hüftschwinger. Für Leib und Seel ist offenbar ausreichend gesorgt.

Aufgezeichnet am 31.7.2012 / 1.8.2012

Verbotenes Schreiben

… und was Autoren dafür aufs Spiel setzen.

verbotenes schreiben-1Wie existenziell Schreiben sein kann, wie es ist, nicht mehr schreiben zu dürfen, eingesperrt zu sein bei Wasser und Brot, das ist erschütternd nachzulesen in Kassiber. Verbotenes Schreiben. Die Herausgeber des Katalogs unterscheiden dabei nicht zwischen verschiedenen totalitären Systemen oder politischen Haltungen der Autoren. Und es wird nicht nur in die Lager und Zuchthäuser des 20. Jahrhunderts geblickt, sondern es geht tief zurück in die eigene Vergangenheit. Da besucht zum Beispiel Schiller auf dem Hohenasperg Christian Friedrich Daniel Schubart, dem man das Schreiben verboten hat. Schubart beschreibt Fetzelchen mit dem Dorn einer Kleiderschnalle, einer Gabel, doch alles wird immer wieder gefunden und vernichtet.

Schubart: „All meine Gedanken, all mein Wissen.“

Kassiber heißt der Katalog nach der gleichnamigen Ausstellung vor ein paar Jahren im Literaturmuseum der Moderne in Marbach. Man wünschte sich, die Ausstellung wandere weiter in Zeiten eines beständigen Twitter-Rauschens, so eindrücklich erscheinen die Notizen von Autoren, deren Leben nichts wert zu sein scheint, wenn man es nicht mehr mitteilen kann. Erfinderisch waren die Autoren in ihrer Schreibnot: Botschaften wurden durch Blasrohre nach außen befördert, in Hohenasperg gar ein Besenstiel ausgehöhlt, um Nachrichten wie durch ein Blasrohr von Zelle zu Zelle zu schießen.
Und es zeigt sich auch, dass die Macht der Autoritäten nicht grenzenlos war: Textfetzen wurden in Büchern versteckt (z.B. wurden von der Stasi „winzige Schriftzüge, mit blutigem Streichholz auf Toilettenpapier geschrieben“, gesammelt und für die Nachwelt in einer internen Jubiläumsschrift abgedruckt.), vergraben, verschlüsselt.
Erschütternd sind diese Berichte auch deshalb zu lesen, wenn man weiß, dass diese Botschaften oftmals die letzten Lebenszeichen der Autoren waren, oft genug aber nie angekommen sind – weil z.B. die versteckten Schriftstücke erst Jahrzehnte später entdeckt wurden, wie der Text „Käse“ von Wolfgang Borchardt. Diese Erzählung hat ein Freund bei dessen erster Verhaftung unter Schuhen in einem Karton versteckt, der wiederum 1985 in einem Lagerhallenschrank gefunden wurde, weil er versteigert werden sollte. Wieder andere vergruben Schriftstücke in der Hoffnung, die Nachwelt werde sie finden, so wie z.B. nach der Befreiung unter Fußbodendielen in einem KZ. Auch Mandela vergrub seine Notizen im Gefängnisgarten, selbst wenn sich alles dagegen sträubte, selbst wenn es viel zu gefährlich war. „Das innere Muss war stärker als alles. – Ich schrieb.“

Ernst Toller: „Gefangene wurden zum Seiltänzer der Worte.“

Wieder andere Autoren wurden in einem Käfig ausgestellt, ins Lager gesteckt oder in die Verbannung geschickt. Und danach waren sie, so Ovid, nicht mehr der, der sie davor waren. Denn Haftzeit = Vernichtung von Lebenszeit
Warum aber schmuggelten Autoren Texte trotz Strafandrohung? Weil das Schreiben ein überlebensnotwendiger Akt geworden war, weil man dank der Notizen hoffte, seine Worte auch außerhalb der Gefängnismauern machtvoll wirken zu lassen. Und weil, so Konrad Merz, das Schreiben am Nullpunkt, im jahrelangen Untergrund sein muss, um sich im Schreiben wenigstens vergewissern zu können, um gegen die Ohnmacht anzuschreiben, im besten Fall sogar Hoffnung zu schöpfen. Und sich zu sagen: „Es ist vielleicht doch nicht alles umsonst gewesen.“

Das Schreiben wird zum Kamikaze-Akt, die Entdeckung kann tödliche Folgen haben.

Auf die Tarnung kam es also an, sie war auch überlebensnotwendig für all jene Autoren, denen das Schreiben Existenz bedeutete – erfinderisch waren sie in ihrer Not. Brechts „Legende vom toten Soldat“ wurde z.B. eingepasst in Robert Walsers „Poetenleben“, eigens als Übersetzung herausgegeben. Gertrud Kolmar tarnte ihre eigenen Gedichte als Übersetzungen aus dem Englischen, um sie vielleicht doch noch im nationalsozialistischen Deutschland veröffentlichen zu können. Und „Literatur um 1900 ist, wenn man in Deutschland die Verlagsproduktionen anschaut, immer wieder auch Literatur aus den Kerkern, Kellerlöchern und Totenhäusern“, steht geschrieben.
Was die ZEIT über die Ausstellung sagt, führt auch der Katalog mit seinem Panoptikum verbotenen Schreibens eindrücklich vor Augen: „Es sind unterschiedlichste Entstehungsbedingungen, aber alle Texte eint eine innere Notwendigkeit und existenzielle Dringlichkeit.“

Unerschrocken und neugierig

Eine Bernerin in Indonesien.

Gret Surbek

Ob sie besser kochen lernt oder doch lieber reiten, so lauteten die Gretchenfragen, als eine junge Bernerin 1920 ihrer großen Liebe, dem Tropenarzt Kurt Surbek, nach Indonesien folgte.

Das junge Ehepaar richtet sich auf einer Kautschukplantage ein und pflegt ein freundschaftliches Verhältnis mit den Einheimischen und Angestellten. Der Sohn Bernie kommt zur Welt, wenige Jahre später die Tochter Gladys, mittlerweile wohnen die Surbeks im Süden Sumatras, später werden sie nach Java übersiedeln. Mit dem Aufstieg Kurt Surbeks in der gesellschaftlichen Hierarchie wachsen auch die gesellschaftlichen Verpflichtungen: Man führt alsbald ein routiniertes, fast schon eintönig anmutendes Leben in einer Kolonie. Als Surbeks auf Java ein Sanatorium einrichten, wird Gret allerdings von Tag zu Tag kränker. Das Herz macht ihr zu schaffen. Sie ist hoffnungslos überarbeitet, doch Kurt erlaubt keine Haushaltshilfe oder eine Krankenschwester. Warum, erfährt der Leser nicht, nur dass Kurt in dieser Zeit als Schiffsarzt nach Shanghai unterwegs ist. Ob es eine Flucht vor der Familie, gar der Ehe ist, oder ob ihn schlichtweg die Abenteuerlust packte – die Antwort verbirgt sich zwischen den Zeilen. Gret erhält auch zunehmend Anfragen, ob sie im Sanatorium Kinder, sogenannte Problemkinder, aufnimmt. Doch problematisch, so Gret Surbek, sind weniger die Kinder als vielmehr die Eltern. „Ich habe mich oft gefragt, warum es wohl Kinderärzte, aber keine Elternärzte“ gebe. Man ist überrascht über solch universellen Reflexionen, die einem die Protagonistin auf berührende Art nahe bringen.

Vorurteile abstreifen

Ihr stets offener, an keiner Stelle diskriminierender Blick auf Land und Leute erstaunt immer wieder. Möglicherweise ist es einfach ihr Naturell – Gret Surbek stammt aus einer gutbürgerlichern Berner Familie, der genaue familiäre Hintergrund bleibt jedoch im Dunkeln –, dass sie selbst nach der ermüdenden Überfahrt und atemberaubenden Hitze in Singapur ganz einfach nur überwältigt ist und sämtliche Vorurteile wie eine zweite, lästig gewordene Haut abstreift. Nichts findet sie abstoßend, alles ist faszinierend, selbst den ungewöhnlichsten Bräuchen begegnet sie mit schlichter Neugier. Die Asiaten gefallen ihr, auch das ungewöhnliche Klima setzt ihr keineswegs zu, im Gegenteil: „Die feuchte Hitze wirkte in den ersten Monaten so anregend, dass dadurch mein Lebensgefühl erhöht wurde und alle Sinne maximal funktionierten.“ Dieses Lebensgefühl wird sie nicht mehr verlassen und über so manche Unbill hinwegtrösten.

Mit der japanischen Okkupation Indonesiens ändert sich auch das Leben der Surbeks grundlegend. Asien war und ist auch heute noch im Geschichtsbewusstseins des Westens nur Nebenschauplatz des Zweiten Weltkriegs, wenngleich der Krieg eigentlich dort seinen Anfang und mit Hiroshima sein Ende nahm. Die Neutralität als Schweizer ist den Japanern nur schwer und nicht immer verständlich zu machen. Als eines Nachts drei japanische Soldaten in das Haus eindringen und Gladys entjungfern wollen, lässt sich die Mutter stattdessen vergewaltigen in der Hoffnung, ihre Tochter und ihren Mann damit zu retten. Die Japaner aber lassen nicht von Gladys ab; die Mutter kann einzig durchsetzen, wenigstens bei ihrer Tochter bleiben zu dürfen.

Schrecken und Zukunftsvision

Trotz dieses Vorfalls kehren Gret und auch ihre Tochter die Japaner nie über einen Kamm, was von einer enormen inneren Größe zeugt, derweil die Fronten sich zwischen den noch verbleibenden Ausländern und den Japanern verhärten. Doch von einer Contenance nur um der Contenance willen hält Gret Surbek wenig. Und während die einen hoffen, dass die Amerikaner eingreifen mögen, zeichnet sich weder in Europa noch in Asien ein Sieg ab. Weitsichtig, wie Gret Surbek ist, bangt sie um eine „amerikanisierte Zukunft“.

surbek-coverAls die dreiköpfige Familie – der Sohn lebt mittlerweile in Australien – die schlimmsten Kriegsjahre in einer Matratzenkammer verbringt, reflektiert Gret Surbek an ihrem vierzigsten Geburtstag über ihr Ameisenleben als Mutter und Ehefrau. Sie sieht sich als Glied in einer Kette und sinniert, ob es vielleicht weniger auf das „was“ als auf das „wie“ im Leben ankomme. So weitherzig und offen Gret Surbek im Umgang mit den anderen sein kann, so streng geht sie mit ihren Nächsten und auch mit sich selbst ins Gericht. So ist dieser Bericht aus Indonesien weniger der objektiven Reisebeschreibung verpflichtet, wie sie Reisende und Gelehrte auch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfassen, aber auch nicht der gänzlich subjektiv gehaltenen Reiseliteratur, wie sie neuerdings von einer jüngeren Generation gepflegt (und selbstverliebt inszeniert) wird. Gret Surbek verfällt auch keineswegs einem billigen Exotismus, sondern schreibt sehr ehrlich, oft selbstironisch, gar lakonisch, wenn es beispielsweise um Beobachtungen aus dem Alltag geht. Als sie nach einer langen Reise Kisten auspackt, notiert sie lediglich: „In den Kisten ist es feucht und lebendig geworden.“ Oder nach einem nächtlichen Spaziergang durch den Wald hält sie fest: „Ich kam unaufgefressen nach Hause.“ Ihrem Tagebuch vertraut sie all ihre Sympathien, Verliebtheiten und ihren komplexen Gefühlshaushalt an bzw. übernimmt diese Stellen später in die von ihr erarbeitete Version – wo es für sie doch ein Leichtes gewesen wäre, Heikles unter den Tisch fallen zu lassen.

Schwere Rückkehr

Das vorliegende Buch ist einer aufwändigen Editionsgeschichte zu verdanken: Gret Surbek fasste Tagebuchnotizen, Zeitungssausschnitte, Briefe etc. nach ihrer Rückkehr in die Schweiz zu 17 Bänden zusammen, weil sie einen in sich schlüssigen Text haben wollte. Aus diesem wiederum exzerpierten die Enkelin Christa Miranda gemeinsam mit dem Herausgeber eine Lesefassung, die für ein breiteres Publikum zugänglich gemacht wurde.

Als der Krieg schließlich mit der Kapitulation der Japaner endet, die Inhaftierungslager geöffnet werden und Kriegsgräuel an den Tag kommen, gelingt den dreien die Ausreise über Australien –  wo sie nach vielen Jahren Bernie wieder sehen -, und sie kehren in die Schweiz zurück. Nur kurz wird im Anhang erwähnt, dass Kurt die Rückkehr zum Albtraum wurde. Er litt zu sehr unter den Kriegserlebnissen, fand sich in der Schweiz nicht mehr zurecht und nahm sich im Dezember 1947 das Leben. Gret hingegen trotzte dank ihrem unerschrockenen Naturell und ihrer Unverdrossenheit der engen Verhältnissen in der Schweiz und starb 1982 in Bern, im Herzen vielleicht noch immer Indonesierin. Gern hätte man sie kennengelernt.

Gret Surbek: „Im Herzen waren wir Indonesier. Eine Bernerin in den Kolonien Sumatra und Java. 1920–1945. Zürich: Limmat Verlag, 2007. 512 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, sFr 54

An einem Sonntag in Paris

Leer sind die Straßen, und wenn ich mich recht erinnere, war es auch früher so, wenn ich ausnahmsweise samstags für das Baguette eine Straße weiter gehen musste, weil die anderen Bäckereien geschlossen hatten. Aber ich muss mich anstrengen, will ich mich an diese Leere erinnern. Ist es die Erinnerung, die so mitten hinein trifft? Oder ist es dieses beständige Sonntagsgefühl, das in all den Jahren dasselbe geblieben ist, nur schlummerte, jetzt unvermittelt wieder hervorbricht? Ist die falsche Erinnerung ein Schmuggelpfad des Denkens? Warum scheint in der Erinnerung die Stadt so groß und laut? Vielleicht nicht hier, nicht im 5. und 6. Arrondissement, nicht an diesem Sonntag, vielleicht sind Ferien. Aber auch an den Tagen zuvor war es nicht anders, so schien mir. Strichgerade Boulevards, zu beiden Seiten vier- bis fünfstöckige Appartementhäuser, darüber, abgesetzt nach hinten, die kleinen Dachluken der Dienstmädchenzimmer. Ab und an ein Restaurant, Läden und Cafés mit Rollgittern verschlossen, als hätte man aufgegeben, als wäre ohnehin nichts mehr zu erwarten.

Die Fahrt mit der Metro, zuvor noch Tickets gekauft, aber nicht am Schalter – selbst an dieser kleinen Metrostation gibt es einen Infoschalter, doch die Frau zeigt einem lediglich, wie der Automat zu bedienen ist. Place de la Concorde, die Station ist geschlossen, wir steigen Madeleine aus. Fouchon hat die Schokolade aus dem Schaufenster geräumt, die Juweliere ihren Schmuck. Kameras, wird auf Schildern gewarnt, seien überall angebracht. Concorde, Tuillerien, darüber im Jeu de Paume ein Film über eine verschwundene Großmutter in Kambodscha, eine von vielen, die dem Regime von Pol Pot zum Opfer gefallen ist. Der Enkel und Filmemacher Vandy Rattana sucht vergebens ihr Grab, filmt stattdessen zwei Mangobäume, unter denen ein Massengrab sein soll. Der Bürgermeister des Dorfes weiß von nichts, seinen Vater interessiert es nicht sonderlich. Das Schweigen im Film ist fast unerträglich.

Über die Champs Elysee brettert ein Rennwagen mit aufheulendem Motor hinauf zum Triumphbogen. Der Gehsteig, wie immer nur der rechte vom Louvre aus gesehen, dicht bevölkert, Französisch hört man selten, dafür viele andere Sprachen. Und Gesichter, die man keiner Weltgegend zuordnen kann. Schwer bewaffnete Soldaten stehen am Sternenplatz. Sollte gerade hier und jetzt? An einem Sonntag?

Hinüber auf die andere Straßenseite zum Luxus-Refugium Louis Vuitton, zur Ausstellung „Le fil rouge“, der Titel sprang mir selbst im klein gedruckten „L’officiel spectacle“ ins Auge. Fäden quer gespannt durch Räume, die schwarzen Geflechte von Chikara Shiata sind wie dicht gesponnene Netze, geben nichts mehr frei. Fred Sandback will mit seinen Fäden Nicht-Materie, Nicht-Existenz aufzeigen. Im Video von Hans Op de Beeck flickt ein sichtlich gealterter Punker seiner Lady das Hemd. Auf einer Parkbank in apokalyptischer Umgebung, Weltende. Inszenierte Melancholie und draußen das regennasse Paris. Ist er das, der rote Faden? Die Ausstellungsmacher greifen weit zurück auf Goethe, zitieren ihn mit seiner Erklärung vom roten Faden, der durch englisches Tauwerk gehe und sich nicht herauswinden lasse, ohne alles aufzulösen.

Und abends singt La Demoiselle inconnu:

Nos silences nos absences se confondent et se touchent.

Noch später lese ich bei Kurt Aebli: „Der Sonntag war wieder Nichttag der Regen eine nichtexistierende Wand.“

Buenos Aires …

… unerwartet: Street Art.

Man sieht sie nur, wenn man einen Abstand hat: Graffiti ergeben erst dann einen Sinn und keinen, wenn man direkt davor steht. Banale Einsicht, verblüffend hier und jetzt.


… unerhört: Tango-Punk.

Wenn Musik Krieg ist, eine Kriegseerklärung, Töne und Melodien übereinander herfallen, das Klavier Schüsse knallt, Schweinwerferkegel über die Bühne schweifen, als suchten sie den Gegner in seinem Schlupfwinkel, er wird gestellt, erschossen mit einem Bass, die Saiten reißen, die Bandenoens werden langestreckt, so lange, dass keine Luft mehr, kein Ton mehr entströmt, der Spieler erschöpft aufgibt. Alles ist eine einzige Anklage, kein Sehnen, kein Seufzen, ein polyphoner Aufschrei. Oder Widerspiegelung argentinischer Geschichte?
Wer macht solche Musik? El Afronte zum Beispiel oder Fernández Fierro.

Soziales Trainingscamp

1236_01_SU_Sitzler_Geschwister.inddNur schon der Umschlag spricht Bände, denn die beiden Halbprofile sind geprägt – und prägend sind „Geschwister“. Nur anders wie bei Freundschaften werden einem Geschwisterbeziehungen aufgezwungen. Und deshalb bergen sie auch so viel Konfliktpotenzial. So vergleicht die Journalistin Susann Sitzler in ihrem Buch Geschwister diese Beziehung treffend mit einem sozialen Trainingscamp. „Lernt man mit Geschwistern, wie man teilt? Nicht nur. Man lernt mit ihnen vor allem, was man tun muss, um möglichst nicht teilen zu müssen.“ Mit den Geschwistern spielt man sich warm, sie sind wie der Sparringpartner, danach kommt man aufs Feld. Die Eltern allerdings sollten sich darum kümmern, dass es in diesem Trainingscamp fair zugeht. Sonst würden die einmal geschlagenen Wunden wie ein fauler Zahn ein Leben lang schwären. So manche Rechnung bleibt dann offen, die man später im Leben mit noch härteren Bandagen begleicht. Denn „das, was von ihnen in uns eingewoben ist, arbeitet weiter.“

Das Konfliktfeld Geschwisterbeziehung ist ein weites, die Gedanken der Autorin zu diesem Thema sind kurzweilig zu lesen und informativ: Fakten veranschaulicht Susan Sitzler mit eigenen Erfahrungen, und da kann sie wahrlich aus dem Vollen schöpfen mit einer „echten“ Schwester, Stiefbrüdern und Halbgeschwistern.

Doch die Autorin verharrt nicht etwa bei den Konflikten, sondern – und das merkt man bei der Lektüre – hat sich selbst aus diesem Knäuel ungeklärter Geschwisterbeziehungen herausgearbeitet und ist froh um diese Erfahrung. Damit Geschwisterbeziehungen eine Chance haben, so Sitzler, müsse man die Rollenmuster aus der Kindheit ablegen. Einfach sei das keineswegs, denn es gebe Rituale und Verhaltensweisen, die man nur in einer Geschwisterbeziehung auslebe. „Wie ein Radar ist das Geschwister, das ein Signal aussendet, auf das wir reagieren und das uns in ein früheres Wesen verwandelt.“ Wie also aus diesem negativen Energiefeld ausbrechen?

Glücklicherweise hält sich Susann Sitzler mit allzu vielen und aufdringlichen Ratschlägen zurück, sie denkt lieber laut nach und zitiert aus Studien, aus Romanen und Filmen. Nur hier und da streut sie wohl dosiert Tipps ein: Es im Alter auch einmal dabei belassen können, die schmutzige Wäsche bei Familienfesten im Koffer zu lassen. Zu üben, nicht jedes Mal in die Luft zu gehen, wenn jemand bestimmte Knöpfe bei einem drückt. Schließlich kenne keiner diese Knöpfe so gut wie ein Bruder oder eine Schwester. Die Fähigkeit, Impulse in Schach zu halten und dafür zu sorgen, dass diese nicht ungefiltert in die Verhaltensweisen einfließen. Man sei immerhin erwachsen geworden und könne zwischen Entscheiden und Automatismus wählen: Warum einem Impuls das Steuer überlassen?

„Geschwister heißt, dass man zusammengehört, ohne sich lieben zu müssen. Gelernt zu haben, wie das geht, kann im Leben von unschätzbarem Vorteil sein“, könnte das Fazit dieses klugen Berichts lauten, der noch weitere Themen aufgreift wie das erwiesenermaßen unnötig problematisierte Einzelkindphänomen, die Bedeutung der Geschwisterbeziehung für die Migration und in anderen Kulturen sowie den Zusammenhang zwischen Burnout und unverarbeiteten Geschwisterkonflikten.

Susan Sitzler: Geschwister. 352 Seiten, Klett-Cotta, 2014.

Zwischen Üetliberg und Trümmerberg

Von Traditionen und ihrer Überwindung.

Gastbeitrag von Stephanie Esser.nachberlin_cover

Deutschland – Schweiz, speziell Berlin – Zürich. Erstere liegen geografisch nahe beieinander und sind sich doch so fern. Die Zweiten sind geografisch weit voneinander entfernt, sich aber vielleicht näher als man auf den ersten Blick meint.

Diese Polarität liegt auch Kaspar Schnetzlers Familiengeschichte zugrunde: Nach Berlin. Der Roman eines sehnsüchtigen Zürchers, der unter dem weiten preußischen Himmel traumwandelt und schließlich im Emmental gebodigt wird. Der Protagonist Wenzel Morgenthaler hat von seiner verstorbenen Mutter eine starke Sehnsucht nach dem Osten geerbt, von seinem Vater die Liebe zu Tradition und Ordnung. So ist es seit 300 Jahren in seiner Familie vorherbestimmt, dass die Morgenthaler-Männer im Alter von 67 Jahren sterben.

„Berlin lässt einen nicht los.“

Als Wenzel nach Berlin kommt, ist er allerdings noch weit entfernt von diesem Lebensjahr. Zuvor lebt er mit seinem Vater in einer Genossenschaftswohnung mit Blick auf den Zürichsee, begleitet ihn regelmäßig in die Kneipe Alt-Züri und unternimmt die obligaten Wanderungen auf den Zürcher Üetliberg. Bis sich der Germanistikstudent für ein Studienjahr in West-Berlin entscheidet. 1966 ist es, die Mauer steht, und der junge Schweizer findet Logis am Bülowbogen in einem möblierten Zimmer nebst ostpreußischer Wirtin, die ihm zu einer mütterlichen Freundin wird.
Hertha, die zweite Frau in seinem Berliner Leben, lädt ihn zu sich in ihre Grunewald-Villa ein, wo sie mit der Mutter lebt und an der bürgerlichen Etikette zu ersticken droht.
Wenzel und Hertha sind in der Tradition zu Hause und wollen ihr doch entkommen. Ohne Erfolg, wie es scheint. Nach einem Ausflug auf den Trümmerberg, bei dem Hertha ihm ihre Lebensgeschichte erzählt, flieht Wenzel vor der Wucht ihrer ostpreußischen Vergangenheit zurück nach Zürich. Hertha lässt sich von ihrer Mutter in eine Ehe drängen und wird eine Gräfin von Alvensleben.

„Tradition garantierte Schutz vor der widerwärtigen Gegenwart und Trutz gegen die drohende Zukunft.“

Wenzel lebt weiter mit dem Vater in der Zürcher Wohnung, beendet sein Studium und wird Privatdozent an der Universität. Doch er hat mit Berlin nicht abgeschlossen. Bald führt er einen Volkshochschulkurs auf den Spuren Fontanes nach Berlin. Bis nach Lübars geht die Erkundung, und nachdem Wenzel für seine Schüler sogar in die Rolle des Dichters geschlüpft ist, meint er sich des alten Muffs komplett entledigt zu haben.
Dann stirbt, traditionell im 67. Lebensjahr, sein Vater, und Wenzel wendet sich der Gegenwart zu, genauer: der Zürcher Gegenwartslyrik. Die Lehrveranstaltung, die er ins Leben ruft, trägt den altmodischen Namen Collegium Turicense Helveticum. Man beschäftigt sich mit dem Hier und Jetzt, aber im Mäntelchen der guten alten Tradition.
Ungewollt führt ihn sein neues Fachgebiet zurück zu Hertha, die ihm eine Einladung an die Ost-Berliner Humboldt-Universität vermittelt. Wieder ruft Berlin, und wieder folgt Wenzel diesem Ruf. Er reist ein in die DDR, hält eine Vorlesung, die den Parteigenossen schnell die Haare zu Berge stehen lässt, woraufhin das Kolloquium stillschweigend gestrichen wird. Dafür kommt Wenzel seiner Fremdenführerin näher und verstrickt sich in eine (Ost-)Berlin-Zürich-Beziehung.
Er lebt weiter in seiner beschaulichen und überschaubaren Stadt, reist jedoch regelmäßig in die DDR – bis die Mauer fällt und sein Traum von einem gemeinsamen Leben mit seiner Geliebten wahr werden könnte. Doch wieder ist Wenzel nur traumgewandelt. Jetzt, wo sich alles hin zu einer neuen Zeit geöffnet hat, bleibt er da, wo er schon immer war: in seiner Wohnung mit Blick auf den Zürichsee. Ohne Frau, in guter alter Tradition. Vorerst.

„Nach Berlin ist nichts anderes als vor Berlin.“

Nicht der Roman, aber dieser Text lässt offen, ob Wenzel sich seiner letzten Tradition, der Sterbetradition, ebenso hingibt wie allen anderen Traditionen seines Lebens. Fest steht allerdings, dass in diesem Roman Altes und Modernes, Leben und Sterben, Traditionen und Rituale, Nähe und Distanz eng miteinander verwoben sind, einander beeinflussen und bedingen – so wie Berlin und Zürich, die beiden Städte, die weit auseinander liegen und sich doch näher sind, als man auf den ersten Blick meint. Oder vielleicht auch nicht.

Kaspar Schnetzler: Nach Berlin. Der Roman eines sehnsüchtigen Zürchers, der unter dem weiten preußischen Himmel traumwandelt und schließlich im Emmental gebodigt wird. Bilgerverlag Zürich, 2012.

Stephanie Esser lebt als freie Texterin und Lektorin in Berlin (www.textschliff.de). Seit sie beim Diogenes Verlag in Zürich gearbeitet hat, ist sie regelmäßig zu Gast in der Stadt. Denn „nach Zürich ist nichts anderes als vor Zürich“. Diesen Text hat sie im Rahmen des Texttreff-Blogwichtelns geschrieben.

Provinzprosa

Ein Logbuch.

Wozu notieren, was wie Eintagsfliegen neben Bundesstraßen und Autobahnen wuchert? Will man sich später wirklich daran erinnern? Immerhin: Kursbücher aus bestimmten Jahren sind gefragt, z.B. von 1913, das letzte Jahr des Friedens im alten Europa, 1946, als die Menschen aus den Ruinen krochen, so Klaus Schlögel in einem Essay über Kursbücher und Zivilisationsprotokolle. 2014 aber? Titelte nicht die ZEIT, die Sommermonate 2014 seien so katastrophal wie seit 70 Jahren nicht mehr? Flüchtlingsströme, Kriege, Okkupationen.

Kursbücher, so Schlögel weiter, seien nicht einfach Tabellen und Verzeichnisse, sondern Choreografien unendlich vieler aufeinander abgestimmter Bewegungen, ja Bewegungsprotokolle. Voilà, mit dem Fernbus einmal der Länge nach durch Deutschland.

7.50 Uhr. Ein jovialer, gut gelaunter Busfahrer hält zur Begrüßung eine Haarbürste in der Hand. „Was die Leute so vergessen.“ Wir steigen der Reihe nach ein in den grün-gelben Palmenbus. Wir: Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, osteuropäisch klingt die eine Familie, deutsch reden die beiden Outdoor-Klamottenträger, denen sicherlich die beiden Mountainbikes gehören, die der Bus sich auf den Rücken geschnallt hat. Ein Schwarzafrikaner spricht leise in sein Handy. Studenten nippen an einem dampfenden Kaffee, in der anderen Hand eine Zigarette. Kaum ist die eine Zigarette zu Ende, wird die nächste daran angezündet. Schon mal vorrauchen vor der 12-Stunden-Fahrt nach Berlin.

8.00 Uhr. Klimaanlage springt an, der Bus ruckelt, als die letzten Fahrgäste einsteigen, Schlagermusik singt leise aus den Boxen, die meisten telefonieren, der Bus ist zu knapp einem Viertel besetzt, als er losfährt.

8.03 Uhr. Limmat führt braunes Hochwasser, derweil eine Stimme vom Band die Begrüßung abspult. Das Radio läuft weiter. „Wir würden uns sehr erfreuen“, worüber, geht im Gedudel unter. Dann das Ganze noch auf einmal Englisch. Und ich überlege, wie man noch langsamer nach Berlin kommen könnte. Zu Fuß, per Fahrrad. Das nächste Mal

8.50 Uhr. In Konstanz steigt die Hälfte aus. Zwei Inder, Sikhs mit Turban, fragten beim Einsteigen in Zürich, wie das an der Grenze denn ablaufe, ob die reinkämen, sie aussteigen müssten. Der Bus fuhr aber durch, keine Passkontrolle. Mehrheitlich junge Leute steigen wieder ein, in allerletzter Minute rennen sieben Jugendliche gutgelaunt zum Bus, der Motor brummt schon, sie belegen wie früher auf Klassenfahrten die hinterstes Bank, öffnen das erste Bier, machen einen Drauf in Berlin, denke ich.

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Fähre über den Bodensee

9.20 Uhr. Ein Asiate, leicht angegraute Schläfen, mit braunen Gehstöcken in beiden Händen, lehnt mit überkreuzten Beinen an der nächsten Haltestelle, geht humpelnd zum Gepäckfach, richtet sich wieder auf, geht weiter und schaut dem Bus nach.

9.30 Uhr. Die Fähre über den Bodensee braucht nur 15 Minuten. Wie Urlaub, ich breite die Hände gegen den Fahrtwind aus.

9.55 Uhr. An der Kirche in Meersburg steigt ein halbes Dutzend Rentner ein, sie haben den oberen Bodensee schon gar nicht mehr im Blick, über dem tief die Regenwolken hängen. Dann Reben, Obstplantagen, Spielzeugmuseum, ein Kampfsportstudio preist Wing Tsun an, vorbei an Fachwerkhäusern. Alles so idyllisch gelegen, es würgt, erst recht auf den grünen Wiesen mit ihren Einkaufsparadiesen, Campingplätze direkt am See, Biergarten, Minigolf, Gewächshäuser. Bauern ernten Äpfel, oder wer von ihnen ist Pole, Rumäne, aus der Ukraine? Seepromenade, Bodenseecenter, Seehotel Zeppelin, Sanatorium zum See, Hotel Traube. Provinzpoesie denke ich. „Sorglos dichte Keller“, wirbt ein Bauunternehmen. La Brassa Band hängt an einem Laternenpfahl, die verschlägt es hierher aufs Land? Gerüche nach Erdbeerjoghurt, ein Apfel kracht laut, kein Kaffeeduft zieht durch die Gänge. Das Radio ist still. Der Tag wird nur langsam hell, auch zwei Stunden nach Abfahrt ist der Himmel schwer grau.

10.25 Uhr. Friedrichshafen Bahnhof: Ärger mit einem Fahrgast, der bissig beharrlich nicht einsehen will, dass er sein Gepäck hinten verstauen muss und nicht mit hinein nehmen kann. Das wäre ihm telefonisch zugesagt worden. Er blitzt beim Busfahrer ab, der nur meint: Welcome back in Germany. Ein blond rasierter junger Mann steigt ein, brauner Stoffrucksack, nach hinten geklappte Sonnenbrille. Wieder zwei Teenager, von der Mutter in allerletzter Minute zum Bus gefahren. Liest da jemand in einem Buch mit dem Titel: Zen or the art to drive a bus?

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Reisecomfort?

10:27 Uhr. Nach Friedrichshafen meldet sich die Bandstimme wieder zuerst auf Deutsch und dann auf Englisch. Ein neues Wort: „Vertrauenskasse“, da hinein kommt das Geld für Snacks und Getränke.

10:34 Uhr. Erster Stau, wird der Bus die Ankunftszeit in Berlin halten können? Zähflüssiger Verkehr, der Tag ist noch immer nicht hell. Zwischen Plantagen und Bäumen immer wieder See. Statt Mais stehen Sonnenkollektoren auf den Feldern, liegen in Reih und Glied wie Menschen in Liegestühlen an einem überfüllten Cote-d’Azur-Strand, halten Gesichter in die Sonne. Plastikplanen über Gemüsebeeten am anderen Ufer. Wälder, Farn, feuchter dunkler Waldboden, den riecht man im Bus nicht. Apfelbaumspaliere, Mountainbikefahrer, Obstkistenkaskaden, Zwiebeltürme barocker Kirchen. Knappes Überholmanöver eines Motorradfahrers, der Bus bremst nur leicht.

10:53 Uhr. Autobahn. Autobahnkapelle. Schläfrigkeit. Ich greife zum zweiten Teil der Zeitung. Stockender Verkehr wegen Baustelle. Eine alte Holzbrücke über einem Fluss. Selbstbefragung: Höhepunkt der Reise? Schmerzender Rücken vom Sitzen? Komfort? Übelkeit vom Lesen? Mitreisende? Pünktlichkeit? Fahrweise?

11:32 Uhr. Bei der Ausfahrt Buxheimer Wald liegen schwarz-weiß gefleckte Kühe auf einer Wiese, ein BMW überholt rechts, draußen fällt leichter Regen, österreichische, tschechische Autonummern. Mitfahrende: Frau mit schwarzer Samtjacke, tief ausgeschnittenes schwarzes T-Shirt unter knallig orangefarbener Bluse im Mijake-Stil, Beutel in demselben Orange mit Esswaren, Regenmütze aus schwarzem Lack des Regens wegen nahm sie ab beim Einsteigen, geredet hat sie mit niemandem. Geschrieben immer wieder, was? Seltsame Erscheinung, passt nicht zu den anderen, wohin sie wohl fährt? Nassgrüne Felder, pralle Sonnenblumen, Raben auf einem Baum.

11:45 Uhr. Scheibenwischer ziehen zwei halbrunde Kreise, berühren sich nicht, gehen sich bei ihrer Kreisbewegung aus dem Weg, und im Scheitelpunkt prallen große Tropfen auf die Frontscheibe. Raubvögel sitzen auf Zaunpfosten und warten auf die von den Autos tot gefahrenen Opfer.

12:46 Uhr. Eingeschlafen, wieder aufgewacht vom steifen Nacken. Bus ist inzwischen fast voll.

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Wartende am ZOB München

 

12:50 Uhr. ZOB München, tiefdunkel der Busbahnhof. Die meisten Reisenden steigen aus, stehen Schlange vor dem Gepäckverschlag hinten im Bus. Auch die Jugendlichen aus Konstanz, also doch nicht Berlin.
Eine junge attraktive Frau in geblümtem Trägerkleid mit schwarzen Stiefeln, die Absätze schief getreten, rennt an den Bussen vorbei nach Paris, Prag, Pristina. Schwingt ihr langes volles Haar über die Schultern. Väter bringen ihre Töchter, Reisende steigen ein, die sich ähneln in Kleidung und Haltung. Ein Musiker mit Gitarre steigt zu.

13:45 Uhr. Maisfelder, Weizenfelder, Fenster-Türen-Fassaden auf einem blauen Kleinlaster, Pferde auf Koppeln, Hopfenstangen auf Feldern, wie Vs spießen sie den Himmel auf, und immer noch Zwiebeltürme. Auf unserer Spur geht’s voran, auf der anderen stehen sie. Baustelle.

14:51 Uhr: Berlin 491 Kilometer, das erste Mal angeschrieben, tschechische Nummernschilder häufen sich.

Was wird konsumiert? 1 Tageszeitung, 1 Thermoskanne Ingwer-Fencheltee als Prophylaxe gegen Reisekrankheit, 1 Flasche frisch gepressten Blutorangensaft, 1 Tüte Power Mix mit Sprossen unterschiedlichster Bohnen, 4 Kapitel aus Sebalds „Die Ringe des Saturn“, 2 Artikel aus der Zeitschrift Korea-Forum.

15:15 Uhr. Man sieht nichts, wenn man es nicht aufschreibt. Es wäre sonst nur eine reflexartige Aufnahme vorüberziehender Bilder, im nächsten Augenblick schon wieder vergessen.

15:42 Uhr. Unzählige Male schon diese Strecke nach Berlin gefahren, aber nun von oben sieht man die Täler, Dörfer und abgehalfterten Maienbäume deutlicher.

15:23 Uhr. Erotikmarkt mit Videokabinen, Berlin 343 km

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… und dann doch gekauft.

17:00 Uhr. Zweiter Fahrerwechsel, der erste war in München, Autohof Mönchberg. Fleischkäse lag traurig und einsam hinter beschlagener Scheibe, zweimal daran vorbeigegangen. Bis(s).

17:20 Uhr. Brücke der deutschen Einheit. Wie viele der Businsassen wissen, wie hier der Grenzzaun verlief, erinnern sich an die Kontrollposten, daran, dass man vorn die Pässe auf die Laufbänder legen musste, damit sie 20 Meter weiter geprüft wurden?

19:07 Uhr. Mich beim Einnicken ertappt. Es regnet, immer stärker, keine Sicht, dabei bin ich doch des Regens wegen in den Norden geflohen, kein Tröpfen trübte den Wettervorhersagehimmel.

19:12 Uhr. Nur noch flaches Land, so weit das Auge reicht, abgeerntete Weizenfelder, man sieht die Struktur noch der einstigen Landgenossenschaften, die großflächig dachten und anpflanzten. Windräder mit rotem Zyklopenauge, das rote Strumpfband heruntergerutscht auf Kniehöhe, drei Arme recken sie gegen den Blitzgewitterhimmel. Berlin 117 km. Elbe: kein Hochwasser, sandige Uferbänke.

20:05 Uhr. So düster, als ginge die Welt unter, als sei die Sonne dem Winter gewichen.

20:16 Uhr: Schnurgerade die Avus rein, bis der Funkturm aus dem Abenddunst auftaucht.

20:23 Uhr. Kaum zu glauben: mit drei Minuten Verspätung in Berlin eingetroffen. Hinein ins Sommergewitter.

Nachtrag: Im Sommer 2014 war der Fernbusmarkt noch heiß umkämpft, im November gaben die ersten auf. Die FAZ schreibt am 11.11.2014: „Endspurt um den Fernbusmarkt hat begonnen.“

 

 

Schuhe in Budapest am Fluss

Flucht

Ich kann, mag es mir nicht vorstellen. Da rast ein Mob durch die Straßen und jagt die jüdische Bevölkerung vor sich her, jagt sie womöglich johlend und tobend durch die Altstadtgassen Budapests, jagt sie bis hin zum Donauufer. Schaut womöglich zu und klatscht in die Hände, wie die Menschen in den Fluss springen und ertrinken.

Glücklicherweise ist es nur ein Mahnmal, die jüdischen Ungarn sind nicht ertrunken, man hat sie am Donauufer zusammengeschossen. Einige wenige wurden gerettet. Zum Beispiel vom Schweizer Vizekonsul Carl Lutz, was diesem allerdings der Vorwurf der Kompetenzüberschreitung eintrug.

Warum nur geht mir dieses Bild mit den verlassenen Schuhen nicht mehr aus dem Kopf? Flüchtlinge, Erschießungen, ein Mob, der alles Fremde eliminieren möchte …

Budapest 2011 / Januar 2015

Schreiben per Zufall?

„Stricken ohne Wolle geht nicht.“

Das Gerücht, wonach das Schreiben einfach so aus einem herausfließe und der Zufall nachhelfe, wenn man nur offen dafür sei, hält sich hartnäckig. Dass Kreativität aber nicht von nichts kommt, erläutert der Neuropsychologe Lutz Jäncke. Und weitere Beispiele zeigen den Zusammenhang zwischen Schreiben und dem faszinierenden Prinzip Serendipität in meinem Gastartikel auf Christa Goedes Blog.