Unerschrocken und neugierig

Eine Bernerin in Indonesien.

Gret Surbek

Ob sie besser kochen lernt oder doch lieber reiten, so lauteten die Gretchenfragen, als eine junge Bernerin 1920 ihrer großen Liebe, dem Tropenarzt Kurt Surbek, nach Indonesien folgte.

Das junge Ehepaar richtet sich auf einer Kautschukplantage ein und pflegt ein freundschaftliches Verhältnis mit den Einheimischen und Angestellten. Der Sohn Bernie kommt zur Welt, wenige Jahre später die Tochter Gladys, mittlerweile wohnen die Surbeks im Süden Sumatras, später werden sie nach Java übersiedeln. Mit dem Aufstieg Kurt Surbeks in der gesellschaftlichen Hierarchie wachsen auch die gesellschaftlichen Verpflichtungen: Man führt alsbald ein routiniertes, fast schon eintönig anmutendes Leben in einer Kolonie. Als Surbeks auf Java ein Sanatorium einrichten, wird Gret allerdings von Tag zu Tag kränker. Das Herz macht ihr zu schaffen. Sie ist hoffnungslos überarbeitet, doch Kurt erlaubt keine Haushaltshilfe oder eine Krankenschwester. Warum, erfährt der Leser nicht, nur dass Kurt in dieser Zeit als Schiffsarzt nach Shanghai unterwegs ist. Ob es eine Flucht vor der Familie, gar der Ehe ist, oder ob ihn schlichtweg die Abenteuerlust packte – die Antwort verbirgt sich zwischen den Zeilen. Gret erhält auch zunehmend Anfragen, ob sie im Sanatorium Kinder, sogenannte Problemkinder, aufnimmt. Doch problematisch, so Gret Surbek, sind weniger die Kinder als vielmehr die Eltern. „Ich habe mich oft gefragt, warum es wohl Kinderärzte, aber keine Elternärzte“ gebe. Man ist überrascht über solch universellen Reflexionen, die einem die Protagonistin auf berührende Art nahe bringen.

Vorurteile abstreifen

Ihr stets offener, an keiner Stelle diskriminierender Blick auf Land und Leute erstaunt immer wieder. Möglicherweise ist es einfach ihr Naturell – Gret Surbek stammt aus einer gutbürgerlichern Berner Familie, der genaue familiäre Hintergrund bleibt jedoch im Dunkeln –, dass sie selbst nach der ermüdenden Überfahrt und atemberaubenden Hitze in Singapur ganz einfach nur überwältigt ist und sämtliche Vorurteile wie eine zweite, lästig gewordene Haut abstreift. Nichts findet sie abstoßend, alles ist faszinierend, selbst den ungewöhnlichsten Bräuchen begegnet sie mit schlichter Neugier. Die Asiaten gefallen ihr, auch das ungewöhnliche Klima setzt ihr keineswegs zu, im Gegenteil: „Die feuchte Hitze wirkte in den ersten Monaten so anregend, dass dadurch mein Lebensgefühl erhöht wurde und alle Sinne maximal funktionierten.“ Dieses Lebensgefühl wird sie nicht mehr verlassen und über so manche Unbill hinwegtrösten.

Mit der japanischen Okkupation Indonesiens ändert sich auch das Leben der Surbeks grundlegend. Asien war und ist auch heute noch im Geschichtsbewusstseins des Westens nur Nebenschauplatz des Zweiten Weltkriegs, wenngleich der Krieg eigentlich dort seinen Anfang und mit Hiroshima sein Ende nahm. Die Neutralität als Schweizer ist den Japanern nur schwer und nicht immer verständlich zu machen. Als eines Nachts drei japanische Soldaten in das Haus eindringen und Gladys entjungfern wollen, lässt sich die Mutter stattdessen vergewaltigen in der Hoffnung, ihre Tochter und ihren Mann damit zu retten. Die Japaner aber lassen nicht von Gladys ab; die Mutter kann einzig durchsetzen, wenigstens bei ihrer Tochter bleiben zu dürfen.

Schrecken und Zukunftsvision

Trotz dieses Vorfalls kehren Gret und auch ihre Tochter die Japaner nie über einen Kamm, was von einer enormen inneren Größe zeugt, derweil die Fronten sich zwischen den noch verbleibenden Ausländern und den Japanern verhärten. Doch von einer Contenance nur um der Contenance willen hält Gret Surbek wenig. Und während die einen hoffen, dass die Amerikaner eingreifen mögen, zeichnet sich weder in Europa noch in Asien ein Sieg ab. Weitsichtig, wie Gret Surbek ist, bangt sie um eine „amerikanisierte Zukunft“.

surbek-coverAls die dreiköpfige Familie – der Sohn lebt mittlerweile in Australien – die schlimmsten Kriegsjahre in einer Matratzenkammer verbringt, reflektiert Gret Surbek an ihrem vierzigsten Geburtstag über ihr Ameisenleben als Mutter und Ehefrau. Sie sieht sich als Glied in einer Kette und sinniert, ob es vielleicht weniger auf das „was“ als auf das „wie“ im Leben ankomme. So weitherzig und offen Gret Surbek im Umgang mit den anderen sein kann, so streng geht sie mit ihren Nächsten und auch mit sich selbst ins Gericht. So ist dieser Bericht aus Indonesien weniger der objektiven Reisebeschreibung verpflichtet, wie sie Reisende und Gelehrte auch noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts verfassen, aber auch nicht der gänzlich subjektiv gehaltenen Reiseliteratur, wie sie neuerdings von einer jüngeren Generation gepflegt (und selbstverliebt inszeniert) wird. Gret Surbek verfällt auch keineswegs einem billigen Exotismus, sondern schreibt sehr ehrlich, oft selbstironisch, gar lakonisch, wenn es beispielsweise um Beobachtungen aus dem Alltag geht. Als sie nach einer langen Reise Kisten auspackt, notiert sie lediglich: „In den Kisten ist es feucht und lebendig geworden.“ Oder nach einem nächtlichen Spaziergang durch den Wald hält sie fest: „Ich kam unaufgefressen nach Hause.“ Ihrem Tagebuch vertraut sie all ihre Sympathien, Verliebtheiten und ihren komplexen Gefühlshaushalt an bzw. übernimmt diese Stellen später in die von ihr erarbeitete Version – wo es für sie doch ein Leichtes gewesen wäre, Heikles unter den Tisch fallen zu lassen.

Schwere Rückkehr

Das vorliegende Buch ist einer aufwändigen Editionsgeschichte zu verdanken: Gret Surbek fasste Tagebuchnotizen, Zeitungssausschnitte, Briefe etc. nach ihrer Rückkehr in die Schweiz zu 17 Bänden zusammen, weil sie einen in sich schlüssigen Text haben wollte. Aus diesem wiederum exzerpierten die Enkelin Christa Miranda gemeinsam mit dem Herausgeber eine Lesefassung, die für ein breiteres Publikum zugänglich gemacht wurde.

Als der Krieg schließlich mit der Kapitulation der Japaner endet, die Inhaftierungslager geöffnet werden und Kriegsgräuel an den Tag kommen, gelingt den dreien die Ausreise über Australien –  wo sie nach vielen Jahren Bernie wieder sehen -, und sie kehren in die Schweiz zurück. Nur kurz wird im Anhang erwähnt, dass Kurt die Rückkehr zum Albtraum wurde. Er litt zu sehr unter den Kriegserlebnissen, fand sich in der Schweiz nicht mehr zurecht und nahm sich im Dezember 1947 das Leben. Gret hingegen trotzte dank ihrem unerschrockenen Naturell und ihrer Unverdrossenheit der engen Verhältnissen in der Schweiz und starb 1982 in Bern, im Herzen vielleicht noch immer Indonesierin. Gern hätte man sie kennengelernt.

Gret Surbek: „Im Herzen waren wir Indonesier. Eine Bernerin in den Kolonien Sumatra und Java. 1920–1945. Zürich: Limmat Verlag, 2007. 512 Seiten mit zahlreichen Abbildungen, sFr 54

An einem Sonntag in Paris

Leer sind die Straßen, und wenn ich mich recht erinnere, war es auch früher so, wenn ich ausnahmsweise samstags für das Baguette eine Straße weiter gehen musste, weil die anderen Bäckereien geschlossen hatten. Aber ich muss mich anstrengen, will ich mich an diese Leere erinnern. Ist es die Erinnerung, die so mitten hinein trifft? Oder ist es dieses beständige Sonntagsgefühl, das in all den Jahren dasselbe geblieben ist, nur schlummerte, jetzt unvermittelt wieder hervorbricht? Ist die falsche Erinnerung ein Schmuggelpfad des Denkens? Warum scheint in der Erinnerung die Stadt so groß und laut? Vielleicht nicht hier, nicht im 5. und 6. Arrondissement, nicht an diesem Sonntag, vielleicht sind Ferien. Aber auch an den Tagen zuvor war es nicht anders, so schien mir. Strichgerade Boulevards, zu beiden Seiten vier- bis fünfstöckige Appartementhäuser, darüber, abgesetzt nach hinten, die kleinen Dachluken der Dienstmädchenzimmer. Ab und an ein Restaurant, Läden und Cafés mit Rollgittern verschlossen, als hätte man aufgegeben, als wäre ohnehin nichts mehr zu erwarten.

Die Fahrt mit der Metro, zuvor noch Tickets gekauft, aber nicht am Schalter – selbst an dieser kleinen Metrostation gibt es einen Infoschalter, doch die Frau zeigt einem lediglich, wie der Automat zu bedienen ist. Place de la Concorde, die Station ist geschlossen, wir steigen Madeleine aus. Fouchon hat die Schokolade aus dem Schaufenster geräumt, die Juweliere ihren Schmuck. Kameras, wird auf Schildern gewarnt, seien überall angebracht. Concorde, Tuillerien, darüber im Jeu de Paume ein Film über eine verschwundene Großmutter in Kambodscha, eine von vielen, die dem Regime von Pol Pot zum Opfer gefallen ist. Der Enkel und Filmemacher Vandy Rattana sucht vergebens ihr Grab, filmt stattdessen zwei Mangobäume, unter denen ein Massengrab sein soll. Der Bürgermeister des Dorfes weiß von nichts, seinen Vater interessiert es nicht sonderlich. Das Schweigen im Film ist fast unerträglich.

Über die Champs Elysee brettert ein Rennwagen mit aufheulendem Motor hinauf zum Triumphbogen. Der Gehsteig, wie immer nur der rechte vom Louvre aus gesehen, dicht bevölkert, Französisch hört man selten, dafür viele andere Sprachen. Und Gesichter, die man keiner Weltgegend zuordnen kann. Schwer bewaffnete Soldaten stehen am Sternenplatz. Sollte gerade hier und jetzt? An einem Sonntag?

Hinüber auf die andere Straßenseite zum Luxus-Refugium Louis Vuitton, zur Ausstellung „Le fil rouge“, der Titel sprang mir selbst im klein gedruckten „L’officiel spectacle“ ins Auge. Fäden quer gespannt durch Räume, die schwarzen Geflechte von Chikara Shiata sind wie dicht gesponnene Netze, geben nichts mehr frei. Fred Sandback will mit seinen Fäden Nicht-Materie, Nicht-Existenz aufzeigen. Im Video von Hans Op de Beeck flickt ein sichtlich gealterter Punker seiner Lady das Hemd. Auf einer Parkbank in apokalyptischer Umgebung, Weltende. Inszenierte Melancholie und draußen das regennasse Paris. Ist er das, der rote Faden? Die Ausstellungsmacher greifen weit zurück auf Goethe, zitieren ihn mit seiner Erklärung vom roten Faden, der durch englisches Tauwerk gehe und sich nicht herauswinden lasse, ohne alles aufzulösen.

Und abends singt La Demoiselle inconnu:

Nos silences nos absences se confondent et se touchent.

Noch später lese ich bei Kurt Aebli: „Der Sonntag war wieder Nichttag der Regen eine nichtexistierende Wand.“

Buenos Aires …

… unerwartet: Street Art.

Man sieht sie nur, wenn man einen Abstand hat: Graffiti ergeben erst dann einen Sinn und keinen, wenn man direkt davor steht. Banale Einsicht, verblüffend hier und jetzt.


… unerhört: Tango-Punk.

Wenn Musik Krieg ist, eine Kriegseerklärung, Töne und Melodien übereinander herfallen, das Klavier Schüsse knallt, Schweinwerferkegel über die Bühne schweifen, als suchten sie den Gegner in seinem Schlupfwinkel, er wird gestellt, erschossen mit einem Bass, die Saiten reißen, die Bandenoens werden langestreckt, so lange, dass keine Luft mehr, kein Ton mehr entströmt, der Spieler erschöpft aufgibt. Alles ist eine einzige Anklage, kein Sehnen, kein Seufzen, ein polyphoner Aufschrei. Oder Widerspiegelung argentinischer Geschichte?
Wer macht solche Musik? El Afronte zum Beispiel oder Fernández Fierro.

Soziales Trainingscamp

1236_01_SU_Sitzler_Geschwister.inddNur schon der Umschlag spricht Bände, denn die beiden Halbprofile sind geprägt – und prägend sind „Geschwister“. Nur anders wie bei Freundschaften werden einem Geschwisterbeziehungen aufgezwungen. Und deshalb bergen sie auch so viel Konfliktpotenzial. So vergleicht die Journalistin Susann Sitzler in ihrem Buch Geschwister diese Beziehung treffend mit einem sozialen Trainingscamp. „Lernt man mit Geschwistern, wie man teilt? Nicht nur. Man lernt mit ihnen vor allem, was man tun muss, um möglichst nicht teilen zu müssen.“ Mit den Geschwistern spielt man sich warm, sie sind wie der Sparringpartner, danach kommt man aufs Feld. Die Eltern allerdings sollten sich darum kümmern, dass es in diesem Trainingscamp fair zugeht. Sonst würden die einmal geschlagenen Wunden wie ein fauler Zahn ein Leben lang schwären. So manche Rechnung bleibt dann offen, die man später im Leben mit noch härteren Bandagen begleicht. Denn „das, was von ihnen in uns eingewoben ist, arbeitet weiter.“

Das Konfliktfeld Geschwisterbeziehung ist ein weites, die Gedanken der Autorin zu diesem Thema sind kurzweilig zu lesen und informativ: Fakten veranschaulicht Susan Sitzler mit eigenen Erfahrungen, und da kann sie wahrlich aus dem Vollen schöpfen mit einer „echten“ Schwester, Stiefbrüdern und Halbgeschwistern.

Doch die Autorin verharrt nicht etwa bei den Konflikten, sondern – und das merkt man bei der Lektüre – hat sich selbst aus diesem Knäuel ungeklärter Geschwisterbeziehungen herausgearbeitet und ist froh um diese Erfahrung. Damit Geschwisterbeziehungen eine Chance haben, so Sitzler, müsse man die Rollenmuster aus der Kindheit ablegen. Einfach sei das keineswegs, denn es gebe Rituale und Verhaltensweisen, die man nur in einer Geschwisterbeziehung auslebe. „Wie ein Radar ist das Geschwister, das ein Signal aussendet, auf das wir reagieren und das uns in ein früheres Wesen verwandelt.“ Wie also aus diesem negativen Energiefeld ausbrechen?

Glücklicherweise hält sich Susann Sitzler mit allzu vielen und aufdringlichen Ratschlägen zurück, sie denkt lieber laut nach und zitiert aus Studien, aus Romanen und Filmen. Nur hier und da streut sie wohl dosiert Tipps ein: Es im Alter auch einmal dabei belassen können, die schmutzige Wäsche bei Familienfesten im Koffer zu lassen. Zu üben, nicht jedes Mal in die Luft zu gehen, wenn jemand bestimmte Knöpfe bei einem drückt. Schließlich kenne keiner diese Knöpfe so gut wie ein Bruder oder eine Schwester. Die Fähigkeit, Impulse in Schach zu halten und dafür zu sorgen, dass diese nicht ungefiltert in die Verhaltensweisen einfließen. Man sei immerhin erwachsen geworden und könne zwischen Entscheiden und Automatismus wählen: Warum einem Impuls das Steuer überlassen?

„Geschwister heißt, dass man zusammengehört, ohne sich lieben zu müssen. Gelernt zu haben, wie das geht, kann im Leben von unschätzbarem Vorteil sein“, könnte das Fazit dieses klugen Berichts lauten, der noch weitere Themen aufgreift wie das erwiesenermaßen unnötig problematisierte Einzelkindphänomen, die Bedeutung der Geschwisterbeziehung für die Migration und in anderen Kulturen sowie den Zusammenhang zwischen Burnout und unverarbeiteten Geschwisterkonflikten.

Susan Sitzler: Geschwister. 352 Seiten, Klett-Cotta, 2014.

Zwischen Üetliberg und Trümmerberg

Von Traditionen und ihrer Überwindung.

Gastbeitrag von Stephanie Esser.nachberlin_cover

Deutschland – Schweiz, speziell Berlin – Zürich. Erstere liegen geografisch nahe beieinander und sind sich doch so fern. Die Zweiten sind geografisch weit voneinander entfernt, sich aber vielleicht näher als man auf den ersten Blick meint.

Diese Polarität liegt auch Kaspar Schnetzlers Familiengeschichte zugrunde: Nach Berlin. Der Roman eines sehnsüchtigen Zürchers, der unter dem weiten preußischen Himmel traumwandelt und schließlich im Emmental gebodigt wird. Der Protagonist Wenzel Morgenthaler hat von seiner verstorbenen Mutter eine starke Sehnsucht nach dem Osten geerbt, von seinem Vater die Liebe zu Tradition und Ordnung. So ist es seit 300 Jahren in seiner Familie vorherbestimmt, dass die Morgenthaler-Männer im Alter von 67 Jahren sterben.

„Berlin lässt einen nicht los.“

Als Wenzel nach Berlin kommt, ist er allerdings noch weit entfernt von diesem Lebensjahr. Zuvor lebt er mit seinem Vater in einer Genossenschaftswohnung mit Blick auf den Zürichsee, begleitet ihn regelmäßig in die Kneipe Alt-Züri und unternimmt die obligaten Wanderungen auf den Zürcher Üetliberg. Bis sich der Germanistikstudent für ein Studienjahr in West-Berlin entscheidet. 1966 ist es, die Mauer steht, und der junge Schweizer findet Logis am Bülowbogen in einem möblierten Zimmer nebst ostpreußischer Wirtin, die ihm zu einer mütterlichen Freundin wird.
Hertha, die zweite Frau in seinem Berliner Leben, lädt ihn zu sich in ihre Grunewald-Villa ein, wo sie mit der Mutter lebt und an der bürgerlichen Etikette zu ersticken droht.
Wenzel und Hertha sind in der Tradition zu Hause und wollen ihr doch entkommen. Ohne Erfolg, wie es scheint. Nach einem Ausflug auf den Trümmerberg, bei dem Hertha ihm ihre Lebensgeschichte erzählt, flieht Wenzel vor der Wucht ihrer ostpreußischen Vergangenheit zurück nach Zürich. Hertha lässt sich von ihrer Mutter in eine Ehe drängen und wird eine Gräfin von Alvensleben.

„Tradition garantierte Schutz vor der widerwärtigen Gegenwart und Trutz gegen die drohende Zukunft.“

Wenzel lebt weiter mit dem Vater in der Zürcher Wohnung, beendet sein Studium und wird Privatdozent an der Universität. Doch er hat mit Berlin nicht abgeschlossen. Bald führt er einen Volkshochschulkurs auf den Spuren Fontanes nach Berlin. Bis nach Lübars geht die Erkundung, und nachdem Wenzel für seine Schüler sogar in die Rolle des Dichters geschlüpft ist, meint er sich des alten Muffs komplett entledigt zu haben.
Dann stirbt, traditionell im 67. Lebensjahr, sein Vater, und Wenzel wendet sich der Gegenwart zu, genauer: der Zürcher Gegenwartslyrik. Die Lehrveranstaltung, die er ins Leben ruft, trägt den altmodischen Namen Collegium Turicense Helveticum. Man beschäftigt sich mit dem Hier und Jetzt, aber im Mäntelchen der guten alten Tradition.
Ungewollt führt ihn sein neues Fachgebiet zurück zu Hertha, die ihm eine Einladung an die Ost-Berliner Humboldt-Universität vermittelt. Wieder ruft Berlin, und wieder folgt Wenzel diesem Ruf. Er reist ein in die DDR, hält eine Vorlesung, die den Parteigenossen schnell die Haare zu Berge stehen lässt, woraufhin das Kolloquium stillschweigend gestrichen wird. Dafür kommt Wenzel seiner Fremdenführerin näher und verstrickt sich in eine (Ost-)Berlin-Zürich-Beziehung.
Er lebt weiter in seiner beschaulichen und überschaubaren Stadt, reist jedoch regelmäßig in die DDR – bis die Mauer fällt und sein Traum von einem gemeinsamen Leben mit seiner Geliebten wahr werden könnte. Doch wieder ist Wenzel nur traumgewandelt. Jetzt, wo sich alles hin zu einer neuen Zeit geöffnet hat, bleibt er da, wo er schon immer war: in seiner Wohnung mit Blick auf den Zürichsee. Ohne Frau, in guter alter Tradition. Vorerst.

„Nach Berlin ist nichts anderes als vor Berlin.“

Nicht der Roman, aber dieser Text lässt offen, ob Wenzel sich seiner letzten Tradition, der Sterbetradition, ebenso hingibt wie allen anderen Traditionen seines Lebens. Fest steht allerdings, dass in diesem Roman Altes und Modernes, Leben und Sterben, Traditionen und Rituale, Nähe und Distanz eng miteinander verwoben sind, einander beeinflussen und bedingen – so wie Berlin und Zürich, die beiden Städte, die weit auseinander liegen und sich doch näher sind, als man auf den ersten Blick meint. Oder vielleicht auch nicht.

Kaspar Schnetzler: Nach Berlin. Der Roman eines sehnsüchtigen Zürchers, der unter dem weiten preußischen Himmel traumwandelt und schließlich im Emmental gebodigt wird. Bilgerverlag Zürich, 2012.

Stephanie Esser lebt als freie Texterin und Lektorin in Berlin (www.textschliff.de). Seit sie beim Diogenes Verlag in Zürich gearbeitet hat, ist sie regelmäßig zu Gast in der Stadt. Denn „nach Zürich ist nichts anderes als vor Zürich“. Diesen Text hat sie im Rahmen des Texttreff-Blogwichtelns geschrieben.

Provinzprosa

Ein Logbuch.

Wozu notieren, was wie Eintagsfliegen neben Bundesstraßen und Autobahnen wuchert? Will man sich später wirklich daran erinnern? Immerhin: Kursbücher aus bestimmten Jahren sind gefragt, z.B. von 1913, das letzte Jahr des Friedens im alten Europa, 1946, als die Menschen aus den Ruinen krochen, so Klaus Schlögel in einem Essay über Kursbücher und Zivilisationsprotokolle. 2014 aber? Titelte nicht die ZEIT, die Sommermonate 2014 seien so katastrophal wie seit 70 Jahren nicht mehr? Flüchtlingsströme, Kriege, Okkupationen.

Kursbücher, so Schlögel weiter, seien nicht einfach Tabellen und Verzeichnisse, sondern Choreografien unendlich vieler aufeinander abgestimmter Bewegungen, ja Bewegungsprotokolle. Voilà, mit dem Fernbus einmal der Länge nach durch Deutschland.

7.50 Uhr. Ein jovialer, gut gelaunter Busfahrer hält zur Begrüßung eine Haarbürste in der Hand. „Was die Leute so vergessen.“ Wir steigen der Reihe nach ein in den grün-gelben Palmenbus. Wir: Menschen unterschiedlicher Nationalitäten, osteuropäisch klingt die eine Familie, deutsch reden die beiden Outdoor-Klamottenträger, denen sicherlich die beiden Mountainbikes gehören, die der Bus sich auf den Rücken geschnallt hat. Ein Schwarzafrikaner spricht leise in sein Handy. Studenten nippen an einem dampfenden Kaffee, in der anderen Hand eine Zigarette. Kaum ist die eine Zigarette zu Ende, wird die nächste daran angezündet. Schon mal vorrauchen vor der 12-Stunden-Fahrt nach Berlin.

8.00 Uhr. Klimaanlage springt an, der Bus ruckelt, als die letzten Fahrgäste einsteigen, Schlagermusik singt leise aus den Boxen, die meisten telefonieren, der Bus ist zu knapp einem Viertel besetzt, als er losfährt.

8.03 Uhr. Limmat führt braunes Hochwasser, derweil eine Stimme vom Band die Begrüßung abspult. Das Radio läuft weiter. „Wir würden uns sehr erfreuen“, worüber, geht im Gedudel unter. Dann das Ganze noch auf einmal Englisch. Und ich überlege, wie man noch langsamer nach Berlin kommen könnte. Zu Fuß, per Fahrrad. Das nächste Mal

8.50 Uhr. In Konstanz steigt die Hälfte aus. Zwei Inder, Sikhs mit Turban, fragten beim Einsteigen in Zürich, wie das an der Grenze denn ablaufe, ob die reinkämen, sie aussteigen müssten. Der Bus fuhr aber durch, keine Passkontrolle. Mehrheitlich junge Leute steigen wieder ein, in allerletzter Minute rennen sieben Jugendliche gutgelaunt zum Bus, der Motor brummt schon, sie belegen wie früher auf Klassenfahrten die hinterstes Bank, öffnen das erste Bier, machen einen Drauf in Berlin, denke ich.

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Fähre über den Bodensee

9.20 Uhr. Ein Asiate, leicht angegraute Schläfen, mit braunen Gehstöcken in beiden Händen, lehnt mit überkreuzten Beinen an der nächsten Haltestelle, geht humpelnd zum Gepäckfach, richtet sich wieder auf, geht weiter und schaut dem Bus nach.

9.30 Uhr. Die Fähre über den Bodensee braucht nur 15 Minuten. Wie Urlaub, ich breite die Hände gegen den Fahrtwind aus.

9.55 Uhr. An der Kirche in Meersburg steigt ein halbes Dutzend Rentner ein, sie haben den oberen Bodensee schon gar nicht mehr im Blick, über dem tief die Regenwolken hängen. Dann Reben, Obstplantagen, Spielzeugmuseum, ein Kampfsportstudio preist Wing Tsun an, vorbei an Fachwerkhäusern. Alles so idyllisch gelegen, es würgt, erst recht auf den grünen Wiesen mit ihren Einkaufsparadiesen, Campingplätze direkt am See, Biergarten, Minigolf, Gewächshäuser. Bauern ernten Äpfel, oder wer von ihnen ist Pole, Rumäne, aus der Ukraine? Seepromenade, Bodenseecenter, Seehotel Zeppelin, Sanatorium zum See, Hotel Traube. Provinzpoesie denke ich. „Sorglos dichte Keller“, wirbt ein Bauunternehmen. La Brassa Band hängt an einem Laternenpfahl, die verschlägt es hierher aufs Land? Gerüche nach Erdbeerjoghurt, ein Apfel kracht laut, kein Kaffeeduft zieht durch die Gänge. Das Radio ist still. Der Tag wird nur langsam hell, auch zwei Stunden nach Abfahrt ist der Himmel schwer grau.

10.25 Uhr. Friedrichshafen Bahnhof: Ärger mit einem Fahrgast, der bissig beharrlich nicht einsehen will, dass er sein Gepäck hinten verstauen muss und nicht mit hinein nehmen kann. Das wäre ihm telefonisch zugesagt worden. Er blitzt beim Busfahrer ab, der nur meint: Welcome back in Germany. Ein blond rasierter junger Mann steigt ein, brauner Stoffrucksack, nach hinten geklappte Sonnenbrille. Wieder zwei Teenager, von der Mutter in allerletzter Minute zum Bus gefahren. Liest da jemand in einem Buch mit dem Titel: Zen or the art to drive a bus?

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Reisecomfort?

10:27 Uhr. Nach Friedrichshafen meldet sich die Bandstimme wieder zuerst auf Deutsch und dann auf Englisch. Ein neues Wort: „Vertrauenskasse“, da hinein kommt das Geld für Snacks und Getränke.

10:34 Uhr. Erster Stau, wird der Bus die Ankunftszeit in Berlin halten können? Zähflüssiger Verkehr, der Tag ist noch immer nicht hell. Zwischen Plantagen und Bäumen immer wieder See. Statt Mais stehen Sonnenkollektoren auf den Feldern, liegen in Reih und Glied wie Menschen in Liegestühlen an einem überfüllten Cote-d’Azur-Strand, halten Gesichter in die Sonne. Plastikplanen über Gemüsebeeten am anderen Ufer. Wälder, Farn, feuchter dunkler Waldboden, den riecht man im Bus nicht. Apfelbaumspaliere, Mountainbikefahrer, Obstkistenkaskaden, Zwiebeltürme barocker Kirchen. Knappes Überholmanöver eines Motorradfahrers, der Bus bremst nur leicht.

10:53 Uhr. Autobahn. Autobahnkapelle. Schläfrigkeit. Ich greife zum zweiten Teil der Zeitung. Stockender Verkehr wegen Baustelle. Eine alte Holzbrücke über einem Fluss. Selbstbefragung: Höhepunkt der Reise? Schmerzender Rücken vom Sitzen? Komfort? Übelkeit vom Lesen? Mitreisende? Pünktlichkeit? Fahrweise?

11:32 Uhr. Bei der Ausfahrt Buxheimer Wald liegen schwarz-weiß gefleckte Kühe auf einer Wiese, ein BMW überholt rechts, draußen fällt leichter Regen, österreichische, tschechische Autonummern. Mitfahrende: Frau mit schwarzer Samtjacke, tief ausgeschnittenes schwarzes T-Shirt unter knallig orangefarbener Bluse im Mijake-Stil, Beutel in demselben Orange mit Esswaren, Regenmütze aus schwarzem Lack des Regens wegen nahm sie ab beim Einsteigen, geredet hat sie mit niemandem. Geschrieben immer wieder, was? Seltsame Erscheinung, passt nicht zu den anderen, wohin sie wohl fährt? Nassgrüne Felder, pralle Sonnenblumen, Raben auf einem Baum.

11:45 Uhr. Scheibenwischer ziehen zwei halbrunde Kreise, berühren sich nicht, gehen sich bei ihrer Kreisbewegung aus dem Weg, und im Scheitelpunkt prallen große Tropfen auf die Frontscheibe. Raubvögel sitzen auf Zaunpfosten und warten auf die von den Autos tot gefahrenen Opfer.

12:46 Uhr. Eingeschlafen, wieder aufgewacht vom steifen Nacken. Bus ist inzwischen fast voll.

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Wartende am ZOB München

 

12:50 Uhr. ZOB München, tiefdunkel der Busbahnhof. Die meisten Reisenden steigen aus, stehen Schlange vor dem Gepäckverschlag hinten im Bus. Auch die Jugendlichen aus Konstanz, also doch nicht Berlin.
Eine junge attraktive Frau in geblümtem Trägerkleid mit schwarzen Stiefeln, die Absätze schief getreten, rennt an den Bussen vorbei nach Paris, Prag, Pristina. Schwingt ihr langes volles Haar über die Schultern. Väter bringen ihre Töchter, Reisende steigen ein, die sich ähneln in Kleidung und Haltung. Ein Musiker mit Gitarre steigt zu.

13:45 Uhr. Maisfelder, Weizenfelder, Fenster-Türen-Fassaden auf einem blauen Kleinlaster, Pferde auf Koppeln, Hopfenstangen auf Feldern, wie Vs spießen sie den Himmel auf, und immer noch Zwiebeltürme. Auf unserer Spur geht’s voran, auf der anderen stehen sie. Baustelle.

14:51 Uhr: Berlin 491 Kilometer, das erste Mal angeschrieben, tschechische Nummernschilder häufen sich.

Was wird konsumiert? 1 Tageszeitung, 1 Thermoskanne Ingwer-Fencheltee als Prophylaxe gegen Reisekrankheit, 1 Flasche frisch gepressten Blutorangensaft, 1 Tüte Power Mix mit Sprossen unterschiedlichster Bohnen, 4 Kapitel aus Sebalds „Die Ringe des Saturn“, 2 Artikel aus der Zeitschrift Korea-Forum.

15:15 Uhr. Man sieht nichts, wenn man es nicht aufschreibt. Es wäre sonst nur eine reflexartige Aufnahme vorüberziehender Bilder, im nächsten Augenblick schon wieder vergessen.

15:42 Uhr. Unzählige Male schon diese Strecke nach Berlin gefahren, aber nun von oben sieht man die Täler, Dörfer und abgehalfterten Maienbäume deutlicher.

15:23 Uhr. Erotikmarkt mit Videokabinen, Berlin 343 km

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… und dann doch gekauft.

17:00 Uhr. Zweiter Fahrerwechsel, der erste war in München, Autohof Mönchberg. Fleischkäse lag traurig und einsam hinter beschlagener Scheibe, zweimal daran vorbeigegangen. Bis(s).

17:20 Uhr. Brücke der deutschen Einheit. Wie viele der Businsassen wissen, wie hier der Grenzzaun verlief, erinnern sich an die Kontrollposten, daran, dass man vorn die Pässe auf die Laufbänder legen musste, damit sie 20 Meter weiter geprüft wurden?

19:07 Uhr. Mich beim Einnicken ertappt. Es regnet, immer stärker, keine Sicht, dabei bin ich doch des Regens wegen in den Norden geflohen, kein Tröpfen trübte den Wettervorhersagehimmel.

19:12 Uhr. Nur noch flaches Land, so weit das Auge reicht, abgeerntete Weizenfelder, man sieht die Struktur noch der einstigen Landgenossenschaften, die großflächig dachten und anpflanzten. Windräder mit rotem Zyklopenauge, das rote Strumpfband heruntergerutscht auf Kniehöhe, drei Arme recken sie gegen den Blitzgewitterhimmel. Berlin 117 km. Elbe: kein Hochwasser, sandige Uferbänke.

20:05 Uhr. So düster, als ginge die Welt unter, als sei die Sonne dem Winter gewichen.

20:16 Uhr: Schnurgerade die Avus rein, bis der Funkturm aus dem Abenddunst auftaucht.

20:23 Uhr. Kaum zu glauben: mit drei Minuten Verspätung in Berlin eingetroffen. Hinein ins Sommergewitter.

Nachtrag: Im Sommer 2014 war der Fernbusmarkt noch heiß umkämpft, im November gaben die ersten auf. Die FAZ schreibt am 11.11.2014: „Endspurt um den Fernbusmarkt hat begonnen.“

 

 

Schuhe in Budapest am Fluss

Flucht

Ich kann, mag es mir nicht vorstellen. Da rast ein Mob durch die Straßen und jagt die jüdische Bevölkerung vor sich her, jagt sie womöglich johlend und tobend durch die Altstadtgassen Budapests, jagt sie bis hin zum Donauufer. Schaut womöglich zu und klatscht in die Hände, wie die Menschen in den Fluss springen und ertrinken.

Glücklicherweise ist es nur ein Mahnmal, die jüdischen Ungarn sind nicht ertrunken, man hat sie am Donauufer zusammengeschossen. Einige wenige wurden gerettet. Zum Beispiel vom Schweizer Vizekonsul Carl Lutz, was diesem allerdings der Vorwurf der Kompetenzüberschreitung eintrug.

Warum nur geht mir dieses Bild mit den verlassenen Schuhen nicht mehr aus dem Kopf? Flüchtlinge, Erschießungen, ein Mob, der alles Fremde eliminieren möchte …

Budapest 2011 / Januar 2015

Schreiben per Zufall?

„Stricken ohne Wolle geht nicht.“

Das Gerücht, wonach das Schreiben einfach so aus einem herausfließe und der Zufall nachhelfe, wenn man nur offen dafür sei, hält sich hartnäckig. Dass Kreativität aber nicht von nichts kommt, erläutert der Neuropsychologe Lutz Jäncke. Und weitere Beispiele zeigen den Zusammenhang zwischen Schreiben und dem faszinierenden Prinzip Serendipität in meinem Gastartikel auf Christa Goedes Blog.

Hafen im Nebel

Ein wahres Schattendasein

In England hat Reiseliteratur Tradition. Hierzulande wird sie nicht ernst genommen. Ein Plädoyer für den Reisebericht zwischen authentischer Reportage und fiktionaler Erzählung.

Von Martin Hager.

Berlin: Ein junger Mann betritt eine Buchhandlung. Er erkundigt sich nach Reiseliteratur. Die Verkäuferin fragt, wo er denn hin will, um ihn auf das entsprechende Sortiment an Reiseführern verweisen zu können: Kunst-Reiseführer, Abenteuer-Reiseführer, Individual-Reiseführer, Reisen-mit-Kind- Reiseführer. Der Mann will aber gar nicht verreisen. Er will lesen.

London: Die Frage nach Reiseliteratur führt zu einem Regal, dessen Bücher nicht nach Ländern, sondern nach Autoren geordnet sind: Bruce Chatwin, James Fenton, Norman Lewis, Jan Morris, Eric Newby, Jonathan Raban, Paul Theroux etc.

Im Gegensatz zu Deutschland wird in Großbritannien der zweite Teil des Begriffs „Reiseliteratur“ ernst genommen. Nicht dass es hierzulande keine guten Reiseberichte gäbe, es kennt sie nur kaum einer. Zugegeben, dass Goethe in Italien war, ist allgemein bekannt. Auch Heinrich Böll hätte Irland als Thema der diesjährigen Frankfurter Buchmesse nicht gebraucht. Ob Alfred Andersch, der über Spitzbergen geschrieben hat, mit Norwegen geholfen wäre, ist schon eher wahrscheinlich. Das „Verzeichnis lieferbarer Bücher“ vermerkt lapidar: „Andersch, Alfred, „Hohe Breitengrade“. Letzte Auflage 1989, z.Zt. vergriffen, Datum der Neuauflage unbestimmt.“ Seine Romane zählen zur Standard-Schullektüre und sind zum Teil in verschiedenen kommentierten Ausgaben erhältlich, die Reiseberichte dagegen liegen mangels Nachfrage nur noch in Bibliotheken vor. Ihr Wert ist, scheint es dem interessierten Beobachter, eher museal.

Ob es für ein literarisches Werk schlimmer ist, nicht mehr gedruckt oder als Pflichtlektüre in den Schulunterricht aufgenommen zu werden, sei dahingestellt. Literarische Reiseberichte führen hierzulande jedenfalls ein beklagenswerten Schattendasein. Literarische Reiseberichte zählen – abschätzig formuliert – als „Bastardliteratur“. Sie sind weder zweckgebundene Information wie ein Reiseführer noch freies Spiel der Phantasie wie ein Roman.

Der Autor eines Reiseberichts ist auf die faktische Basis seiner Erzählung verpflichtet, sie muss auf eine tatsächlich unternommene Reise zurückgehen. Andererseits sind seiner subjektiven Interpretation des Gesehenen und Erlebten keine Grenzen gesetzt. Am besten ist der Text, der auf faktischer Basis beruht und sich dennoch aller stilistischer Techniken fiktionalen Erzählens bedient, der wörtliche Rede einsetzt und Spannungskurven aufbaut, der es also vermag, authentische Erfahrung eindrucksvoll zu inszenieren.

Wenn der britische Reiseerzähler Bruce Chatwin in seinem Buch „In Patagonien“ über seine Suche nach den Ursprüngen eines Stücks Faultierhaut aus dem Kuriositätenkabinett seiner Grossmutter berichtet, ist das spannender als eingehende Beschreibungen noch so schöner Gletscher – worauf er ohnehin verzichtet.

Es ist ein interessantes Phänomen, dass die Beschreibung eines Raums in einem Roman – skizziert durch wenige Worte – eindringlicher und nachvollziehbarer ist als die seitenlange Beschreibung einer wunderschönen Landschaft in einem Reisebericht. Das hat mit der menschlichen Kognition zu tun. Die Fiktion des Romanautors wird zur Fiktion beim Leser. Der Reisende hat jedoch die Realität vor Augen und unternimmt den – zum Scheitern verurteilten – Versuch, diesen visuellen Eindruck in Sprache zu transformieren.

Der Romanautor will Atmosphäre vermitteln. Wenn das mit Hilfe einiger „telling details“ gut gemacht ist, merkt der Leser nicht, dass er von dem Raum eigentlich gar keine konkrete Vorstellung hat, sondern nur von einigen Details, die bestimmte, eindringliche und klare Assoziationen wecken: „Wie sie aufwacht, ist es Abend, und die saubere weiße Wand, auf die sie zuerst sieht, ist nur noch wenig hell.“ (Die Szene spielt im Krankenhaus.)

In der akkuraten Landschaftsbeschreibung kann die Stärke von Reiseberichten also nicht liegen. Hier hilft höchstens Verfremdung weiter, also weg von der Nüchternheit des Sachtexts hin zur Dichte des Romans: „Die Bocage ist jener südwestliche Teil des Departements Calvados, wo… sich das Land hinterm Meer plötzlich zu Hügeln aufwirft, wo die sanfte Dünung der Normandie durcheinandergerät und der Horizont hinter sich türmenden Strauchmauern verschwindet.“ Der Text stammt aus einer Geo-Reportage. Hier wird kein konkret-exaktes Bild gezeichnet, sondern ein Bild, wie die Landschaft auf den Betrachter, den Autor wirkt.

Gute Reiseberichte, das hat Bruce Chatwin mit „In Patagonien“ und „Traumpfade“ bewiesen, bewegen sich an der Schnittstelle von authentischer Reportage und fiktionaler Erzählung. Natürlich war Chatwin in Patagonien und in Australien, und natürlich basieren die Bücher auf den dort gemachten Erfahrungen. Begleitet wurde er aber in Australien nicht von Arkady Volchok, wie es in den „Traumpfaden“ heißt, sondern von Salman Rushdie, der sich im Jahr 1983 noch frei bewegen konnte. Chatwin brachte aber, um die zentrale Botschaft von der Qualität der ursprünglichen Kultur der Aborigines glaubhaft vermitteln zu können, jemanden, der in diese Kultur eingeweiht war. Also erfand er den in Australien gebürtigen Russen Volchok, einen Weißen, der mit europäischer kultureller Tradition und Kenntnissen aboriginaler Mythologie aus erster Hand aufwarten konnte.

Auch Alfred Andersch blendet in seinem Reisebericht über einen Sommeraufenthalt auf und um Spitzbergen die Tatsache völlig aus, dass der Anlass dieser Reise eine Filmexpedition war. Ein Kamerateam existiert nicht, auch nicht seine Frau Gisela Andersch, die doch für die Fotos in dem Buch verantwortlich zeichnet; statt dessen eine gewisse Asa, die nicht zur Crew des Schiffes gehört, das Andersch gemietet hat, sondern als Fotografin agiert und in einer persönlichen, aber nicht näher definierten Beziehung zum Ich-Erzähler steht.

Andererseits lautet der vollständige Titel des Buches „Hohe Breitengrade oder Nachrichten von der Grenze. Mit 48 Farbtafeln nach Aufnahmen von Gisela Andersch“. Und auf der letzten Seite des Buches findet sich eine kurze „Notiz“, die auf den tatsächlichen Kontext der Reise verweist, eine „Film-Expedition des Deutschen Fernsehens“. Damit ist der Bericht eingerahmt von zwei Aussagen, die seine Fiktionalität klar zum Ausdruck bringen. Entscheidend ist aber nicht die exakte Wiedergabe der äusseren Realität, sondern die Nachempfindung einer inneren Wahrheit. Wenn es dazu notwendig ist, das Kamerateam zu streichen und Gisela durch Asa zu ersetzen, dann muss das eben sein.

Wichtig für das Funktionieren der beschriebenen Verschmelzung von Fakt und Fiktion ist der Status, den ein Text hat, weniger der tatsächliche Authentizitätsgehalt. Reiseberichte haben, wenn sie als solche gelten, faktischen Status, das heißt, der Leser akzeptiert ihre Authentizität – im Gegensatz zu der von Münchhausens oder Gullivers Reisen. Kaum jemand verschwendet einen Gedanken daran, ob man sich wirklich an den eigenen Haaren aus dem Dreck ziehen kann (was möglicherweise ein Fehler ist).

Nicht alle Reiseberichte sind in demselben Maße fiktionalisiert wie die oben genannten. Dann wäre es mit dem Status der Authentizität bald vorbei. Aber der Prozess der Vertextung ist auch einer der Veränderung, von den Sinneseindrücken über die Notizen vor Ort zum fertigen Bericht. Aus dem Reisenden im fremden Land wird schließlich der Autor am heimischen Schreibtisch, und der schafft den Ich-Erzähler in der Geschichte.

Literarische Reiseberichte sind Kunstwerke. Bei deutschen Verlagen laufen sie aber unter der Rubrik Sachliteratur. Das ist schade und irreführend. Der sogenannte Tatsachenroman, wie Truman Capotes „Kaltblütig“, ist auch kein Sachbuch, selbst wenn sich viele Kritiker auf dessen Wahrheitsgehalt gestürzt haben – und ihn dann in Frage stellen konnten.

Um auf die vorher genannten Autoren zurückzukommen: Weder lese ich Chatwin, weil ich erdkundliche Informationen über Patagonien oder Australien brauche, noch Andersch als Vorbereitung auf eine Spitzbergen-Tour. Ich lese die Bücher, weil ihre Autoren gut schreiben können, weil sie sensibel sind für ihre Umgebung und weil sie interessante Geschichten erzählen über das, was sie sehen, was sie denken, was die Orte ihnen zu sagen haben.

Sowenig sich die Bedeutung eines Geschichtswerks darin erschöpft, Quelle zum Verständnis der Gegenwart zu sein, so wenig liegt der Sinn eines Reiseberichts in der Sachinformation über die besuchte Gegend. Dafür gibt es seit 150 Jahren den Baedecker und eine mittlerweile unüberschaubare Zahl ähnlicher Produkte.

Mit freundlicher Genehmigung des Autors.
© taz, erschienen am 18.1.1997, aber noch immer aktuell.

Sounds of Hong Kong 1-5

„I have never seen myself from the outside.“

BB

Sicht aus dem Fenster auf die Insel Peng Chao

一 Nächtlicher Klangteppich
Vermeintlich Bekanntes, alles schon einmal gesehen, wenn auch schon lange nicht mehr – seit zwölf Jahren, um genau zu sein. Gesehen wohl, aber genau gehört? Und nicht das Gefühl gehabt, als wäre es schon hundertmal gehört? Sanfte Wellen, die hier wie dort leise plätschernd auf flachem Sandstrand auslaufen. Hierin sind sich die Meeresgeräusche ähnlich. Am Strand aber – ein angenehm leiser Singsang. Ein Vater ruft, eine Mutter klatscht in die Hände, Teenager lachen. Die Luft dröhnt, Flugzeuge landen und steigen hinter der langgestreckten hügeligen Kuppe auf der gegenüberliegenden Insel, es dröhnt so laut, dass die Antwort auf die Frage am Telefon, wo der Bus zur Discovery Bay denn nun abfährt, immer wieder im Flugzeuglärm unterging, das war gestern gewesen, darüber das grüne Mäppchen mit den wichtigsten Namen, Telefonnummern und Mail-Adressen in einem der unzähligen Flughafentrolleys vergessen. „Dieses Mäppchen, also diese Papiere, die sind nur für Sie von Wert. Jeder andere wirft sie achtlos weg“, sagte mir einer der Angestellten hinter einer Theke, den ich aus seinem Schachspiel herausreißen musste, und er riet mir, in Mülleimern und Blumenkübeln zu suchen. Erstaunte Blicke von Angestellten in grün-weißen Uniformen, von Reisenden, die in Rolls Royce stiegen, um sich zu den Luxushotels fahren zu lassen. Das grüne Mäppchen blieb verloren, der richtige Bus wurde gefunden. Auch der richtige Pier für die Weiterfahrt mit einer der kleineren Fähren, einem Kaito, die zwischen den Inseln für den Personen- und Güterverkehr zuständig sind. Das langsame Motorentuckern wieder, das je nach Wellengang mal leiser, mal lauter den ganzen Schiffsraum und selbst die angeschraubten Sitze im Heck vibrieren lässt. Das eigene Wort bleibt ungehört, das des anderen erst recht, weggeweht vom Fahrtwind.

F

Abendlicher Gang zum Pier, ein Mann schiebt sein Fahrrad den Weg hinauf, murmelt etwas und zieht eine lange Alkoholfahne hinter sich her, Frösche quaken, aber auch eine alte Kröte, so tief hört sich das klopfende Geräusch an, Wind klatscht Wellen ans Ufer der Ostbucht, Gelächter weht herüber vom öffentlichen Grillplatz, leise surrt der meterhohe Zaun, der was einzäunt? Hunde kläffen, eine Fahrradklingel, Vögel stoßen langgezogene Schreie aus, dann wieder kurz und schnell hintereinander. Schlurfende Schritte hallen durch die Wing-On-Street, biegen vor dem Tin-Hau-Tempel links ab in Richtung Ferry Pier. Müde Gespräche, leises Murmeln am frühen Abend, Schritte, die in engen, langen Gassen der Insel verhallen, tief und grau hängt der Himmel über dem Platz zwischen Supermarkt und Public Library, beim Franzosen stehen zwei Ausländer im Türrahmen. Seltsames Zwielicht schon den ganzen Tag über. Von weitem hört man das Stampfen des Motors, die letzte Fähre legt gleich ab.

Hunde bellen die ganze Nacht, nicht so schlimm zwar wie in Lhasa, wo man ihretwegen oft kein Auge zutut. Und auch Flugzeuge nachts, oder dann erst recht, erzählt eine Inselbewohnerin. „Drüben beschweren sich die Bewohner, wenn gegen das nächtliche Flugverbot verstoßen wird, deshalb fliegen sie hier über unsere Insel. Und wir haben keine Lobby.“

F

Inmitten des nächtlichen Klangteppichs ist zu hören, wie sich Vögel wie auf ein verabredetes Zeichen hin zurufen, dem Gleichklang vertrauend. Sind die Grillen ruhig, rufen mitten in diese Stille hinein die Vögel, als lauschten nun die Grillen. Und wenn die Vögel verstummen, heben die Grillen wieder an, krätschen unter Sträuchern, in den Zweigen der Büsche. Der Chor schwillt an, begleitet vom Dröhnen der Flugzeuge, das als leiser Bass den Grundton vorgibt, doch kurz vor der Landung heult der Motor noch ein letztes Mal auf, der Bass geht in die Höhe, die Vögel, Grillen werden lauter, ein Ton schraubt sich empor, fällt abrupt in sich zusammen. Stille. Bis wieder ein dumpfer Vogelschrei als Kontrabass einsetzt, Zirpen sich als zweite Stimme darüberlegt, nahes und fernes Vogelgezwitscher auf einmal dazwischenfährt, sich im tönernen Zwist verquirlt, bis einzelne Geräusche herauszuhören sind. Eine Taube gurrt, der Bambus rauscht, hohes Flugzeugsurren, ein Vogel, der laut auflacht, darüber der schallende Zwischenruf eines anderen, erneut lang anhaltendes, anschwellendes Zirpen. Und da capo. Nach einer kurzen Pause, in der das Leben still zu stehen scheint, wieder einzelne Vogelstimmen, von Grillenzirpen unterbrochen, das rhythmische Schnaufen von Schiffsmotoren, ein Blatt, das leise und doch hörbar auf die Terrasse fällt, Schwingen eines Vogels, der durch die Abenddämmerung fliegt, der Abend, die Nacht, zur Ruhe kommt auch sie nicht.

B

二 Lärm durchpflügt den Himmel

Auf Lantau knattern die Fahnen laut im Wind, der die Stofffetzen bloß so um die Fahnenstangen schlägt. Nur dort, wo es hinaufgeht zum weltweit größten sitzenden Buddha, scheint der Wind dermaßen aufzubrausen. Nicht hinten im rund angeordneten Stelenwald und auch nicht vorn, wo die Busse abfahren zu den verschiedenen Orten auf Hongkong drüben und der Insel hier. In Tai O die Kakophonie schlechthin, chinesische Touristen und ihre Guides mit Megaphon, Händler, die Fische in allen Formen – geräuchert, getrocknet, gesalzen – anbieten, Ticketverkäufer, die eine Motorbootfahrt zwischen den Pfahlbauten und hinaus aufs offene Meer anpreisen. Wo weiße Delphine zu sehen sein sollen. Vielleicht früher einmal. Aber spätestens mit dem Bau des Flughafens sind sie verschwunden. Und was sollen sie auch zwischen den unzähligen Touristenbooten mit ihren röhrenden Motoren und den riesigen Frachtern, die auf offenem Meer, so scheint es zumindest, ihre Waren löschen? Zu laut ist auch der Himmel, im Fünf-Minutentakt von Motorenlärm durchpflügt.

三 Sound art: Samson Young
Feines Klanggespinst hätte ich hören sollen, doch nicht einmal die Angestellte der Galerie habe ich gehört, als sie mir den MP3-Player hinhielt. Bin noch taub vom Lärm auf der Straße, hatte auch schon an der Sprechanlage nichts gehört, schaute auf das Display, bis das „Warten“ einem „Sprechen“ wich, und ich sprach, ohne meine Stimme zu hören oder eine andere aus der Sprechanlage, drückte irgendwann gegen die metallene Tür, die nachgab, ging weiter die Wand entlang um eine Ecke, da war nichts, kehrte um, und eine junge Frau schaute mich lächelnd an, winkte.
DCIM100SPORTDer Klangkünstler Samson Young machte die Aufnahmen an verschiedenen Tagen zwischen den Jahren 2012 und 2014 und setzte sie schließlich zu einer Melodie zusammen. Die Hauptmelodie zeichnet sich in der Partitur als starke Linie ab, die schwächeren Stimmen sind fein eingetragen, nur gelegentlich findet sich eine Angabe über die Tonstärke, ein rostbrauner Fleck, dann kleine schwarze Pfeile, die Kreisen und Anschwellen andeuten. Oftmals verbinden sich die Linien, da wo der Grenzzaun doppelt verstrebt und ein Verstärker angeschlossen wurde, dort wo sich eine Polizeistation befindet. Die Töne sind frei, Vogelgezwitscher, ein Zug in der Ferne, irgendwo sirrt vielleicht der Grenzzaun, der Shenzhen von Hongkong trennt.
Am Ende des Galerierundgangs wird per MP3-Player Schuhmanns Träumerei von Martha Argerich gespielt, in Verbindung mit einem kleinen Bildschirm, der eine Aufnahme von einer weißen Metallbaracke am Grenzzaun zeigt – Niemandsland, Rohre, Absperrungen, darunter ein Zitat: „I have never seen myself from the outside.“
Dann setzte der zweite Presslufthammer ein, neben den Wänden der Galerie, alles bebte. Träumereien?
Die Angestellte, vielleicht eine junge Kunststudentin, lächelte nur, als ihr ihr sagte, da, wo leises Plätschern blau in die Partitur eingezeichnet war, hörte ich nur die beiden Presslufthammer von nebenan. Sie lächelte weiter, meinte, sie hätte sich daran gewöhnt und höre den Lärm nicht mehr, der mir die Beine hinaufgekrochen war, so vibrierte das ganze Haus. Stille sei, fiel mir das Zitat einer Schweizer Autorin ein, nur das zu hören, was man auch hören wolle. Voilà. Das schaffte dieses Mädchen auch inmitten dieser Baustellenlärm-Symphonie.

DCIM100SPORT

四 Lärmender Alltag

Zuerst rollen Holzkugeln über die Bretterbühnen, in unregelmäßigen Abständen, ein Rhythmus lässt sich nicht heraushören, genauso wenig beim Herumstochern in Porzellanperlen, wenig sorgsam werden sie mit Essstäbchen aus einer Schale herausgepickt und in Glasschüsseln geworfen, manche fallen mit einem harten Knall auf die Holzdielen. Unter all den Kugeln ist eine, die schwergewichtig durch den Raum rollt und sich von jedem Widerstand abstößt, eine Plastikkugel schabt über die Bretter.
Sonic Anchor #16 stellt, so der Programmflyer, zwei junge Musiker aus Hongkong vor. Tsang Sin-yu gewähre Einblick in ihre alltägliche Hausarbeit. Im zweiten Akt wirft die Künstlerin Federn auf den Boden, zu hören ist dabei nur das leise Schlappen der Plastiksandalen gegen ihre Fußsohlen. Im dritten Akt wickelt sie eine Radioantenne aus Metallfäden, ein Krächzen, dann ein Rauschen aus dem Gerät, das gleichbleibend monoton klingt. Im vierten und zugleich letzten Akt kommt der Staubsauger ins Spiel, der röhrend einen Teil der Federn in sich aufnimmt, sich aber lieber in das weiße Gewand der Künstlerin verheddern würde. Die gröbsten Federn aber muss sie von Hand auflesen. Als es dunkel bleibt, klatscht niemand, die Stille wirkt erlösend.
„In certain sound art communities there is a tendency to highlight the fragility of sound, and the importance of protecting them from the assaults of modern civilisation”, schreibt der Kurator Samson Young von Sonic Anchor, eine Klangkunst-Reihe, die experimentelle Musik und Klangkunst kombiniere. Und so sehr dieses Statement auch zutrifft, gerade in Hongkong, so wenig erschließt sich in diesen Stücken die Sensibilität dem Klang gegenüber.

五 Hongkong Gangster Movie
Was, wenn man einen Hongkonger Gangster Movie wie in „On the Edge“ von Herrmann Yao nur hören könnte? Sparsame Dialoge, Wortfetzen gar, die sich bloß im Kontext erschließen lassen, im Zucken eines Gesichtsmuskels. Auf die dramatisch aufgepeitschte Verfolgungsjagd am Anfang könnte man optisch verzichten, auf die Zweifel im Gesicht des Undercover agierenden Cops weniger, als er seinem vermeintlichen Triadenfreund die Knarre an den Hinterkopf drückt. Die weiten Kameraschwenks über die Stadt und ihre langen Straßen müsste man imaginieren, erspart wäre einem das Säbel- und Messergewetze. Was wäre mit dem Lavieren zwischen den Identitäten, zwischen Cop oder Punk, die sich beständig auf Harry-Boys Gesicht abzeichnet, mit der nie ausgesprochenen Frage: „Wer bin ich eigentlich?“, auf die alles in dieser Stadt hinausläuft.

M

Die grotesk-komödienhafte Szene am Ende, sie würde man missen: Alles hängt an einem Turnschuh, ein Mann, stundenlang – so scheint es zumindest – über einer Balkonbrüstung eines schäbigen Mietblocks. Kopfunter, das andere Bein hält Harry-Boy fest. Lässt er ihn fallen? Zeigen die plötzlich verständnisvollen Worte seines unnachsichtigen Polizeikollegen doch noch Wirkung? Ja, schon, doch dann rutscht der Fuß aus dem Schuh. Der Verräter fällt. Fällt in ein Sprungtuch, das die Feuerwehr gerade noch rechtzeitig hatte aufspannen können. Harry-Boy wird abgeführt. Zwischen der gaffenden Menge fährt ein beinloses Triadenmitglied auf seinem Brett mit vier Rädern unbeachtet herum, zielt auf Harry-Boy, drückt ab. Und wie er in seinem Blut liegt, das wird in der Anfangs- und Schlussszene des Films gezeigt. Nein, hören könnte man das alles nicht. Und viele Worte widersprechen den Bildern, die man gesehen haben muss.

Weitere Filme über Hongkong in Zürich

Vignetten vom April 2014, seither ist in Hongkong nichts mehr, wie es vorher war. Und die Zukunft ist unklarer als vielleicht jemals zuvor.