Banus Erlösung

Rückkehr nach Xinjiang


Die Nachrichten aus Xinjiang sind erschütternd, oder sind es nur Gerüchte? Deshalb kehrt die Universitätsdozentin Banu 2017 von der Türkei nach Xinjiang zurück, weil sie sich selbst ein Bild von der momentanen Lage machen möchte. Gleich bei ihrer Ankunft wird sie tagelang festgehalten und von einer Frau Zhang verhört, die sich insbesondere für ihre Liebesaffäre – oder doch eher ein Fall von #metoo – mit ihrem ehemaligen Gönner und Professor Guo interessiert. Erst viel später wird Banu erfahren, dass Professor Guo ausgerechnet diese Verhörbeamtin geheiratet hat. Überhaupt schlägt die Romanhandlung so manch seltsame Kapriole, doch der Reihe nach.

Verrat ohne schlechtes Gewissen

Erstaunlich offenherzig berichtet Banu von ihren Mitmenschen, ihrer Vergangenheit, ihren amourösen Liebschaften, nur um nicht ins Umerziehungslager gebracht zu werden – ein verständliches Ansinnen. Doch warum sie ihren damaligen Chef, der nach den gewalttätigen Demonstrationen von 2009 hingerichtet wurde, und ihre beste Freundin Senem, die seitdem verschwunden ist, denunziert hat, bleibt eines der zahlreichen Rätsel der Protagonistin. Damals informierte Banu die Polizei, dass die Uiguren eine Sitzblockade abhalten. Vielleicht war ihr Anruf nicht ausschlaggebend. Als Uigurin und Parteimitglied kam sie nur ihrer Pflicht als Staatsbürgerin nach, sagte sie sich leichthin. Gleichwohl plagt sie fortan ein schlechtes Gewissen, und sie setzt bei ihrer Rückkehr 2017 alles daran, wenigstens die Tochter ihrer Freundin aus einem der berüchtigten Berufsschulzentren zu bekommen. Dafür lässt sie sich auf ein gewagtes Spiel ein: Im Gegenzug verspricht sie, einen Bekannten – oder ist er gar ihr Liebhaber? – in der Türkei sowie die chinesische Diaspora auszuspionieren.

Absurde Bürokratie

Dieses Buch, der erste uigurische Roman, der je ins Deutsche übersetzt wurde, liegt nun zweisprachig vor – insofern ist er auch eine Gelegenheit, Chinesisch-Lernenden einen aktuellen Stoff erfahrbar zu machen, zumal sich der Text im Chinesischen recht flüssig liest. Erzählt wird in vielen Rückblenden die jüngste Geschichte der Region. Banu zerreißt es fast zwischen ihrem Glauben an den modernen Vielvölkerstaat China, „wie ihn die Kommunistische Partei Chinas propagiert und den im Zeichen antiterroristischer Maßnahmen stehenden ethnischen und „pädagogischen“ Säuberungsmaßnahmen der jüngsten Zeit“, schreibt der Übersetzer Andreas Guder im Nachwort. Die Absurditäten der Bürokratie, die womöglich zu dem ambivalenten Verhalten der Protagonistin führen, mögen in solch einer Umgebung verständlich sein, nur erschweren sie die Nachvollziehbarkeit der stellenweise sprunghaften Handlung – auch bleibt die Figur seltsam widersprüchlich, zumal im knappen ersten Viertel ihre sexuellen Ausschweifungen, Sehnsüchte und Wünsche einen breiten Raum einnehmen. Mal ist Banu impulsiv, dann wieder berechnend, selbstverliebt und eitel – diese Ambiguität ist für die Leserin, den Leser nicht wirklich verständlich. Bestenfalls kann darin eine Charakterstärke gesehen werden, sich durch keinerlei Schikanen beirren zu lassen.

Worauf also will die Autorin, die mittlerweile in Berlin lebt, hinaus? Andreas Guder deutet den Roman als eine Erinnerung „an unzählige namenlos gebliebene Menschen, die in den letzten Jahrzehnten gezwungen wurden, ihre Kultur, ihre Traditionen und Überzeugungen aufzugeben – und die die Welt nicht vergessen sollte.“

Gülnisa Erdal  古 莉 尼 萨·厄 达 尔: Banus Erlösung  巴 奴 的 救 赎. Aus dem Chinesischen übersetzt von Andreas Guder, Ostasien Verlag 2022, 353 Seiten.

Weitere Artikel über Xinjiang: Die Wüstengängerin.

Taiwan. Insel der Vielfalt.

Geister und Kirchen …

… wie passt das zusammen? Eine Lektürenotiz

Bücher über Taiwan sind noch immer rar, selten nur anzutreffen in Buchhandlungen, noch seltener besprochen in Feuilletons. Dabei gäbe es noch viele Lücken zu schließen. Warum zum Beispiel sind weite Teile der indigenen Bevölkerung Taiwans zum Christentum konvertiert, warum findet man gerade in Wäldern und Bergen, in abgelegenen Dörfern kleine Kirchen und große Jesusstatuen? Und warum waren es ausgerechnet presbyterianische Missionare, die den Einheimischen Praktiken des zivilen Ungehorsams vermittelten und sie darin bestärkten, für ihre Rechte zu kämpfen?

Die Korrespondentin Carina Rother beantwortet mit ihrem Buch Taiwan. Insel der Vielfalt diese Fragen. Im zweiten Teil „Götter, Geister, Gegenwelten“ erklärt sie leichthändig, warum es in Taipei nicht nur an Feiertagen allerorten qualmt, Erd- und anderen Göttern auf kleinen Klapptischen Opfer dargeboten werden und selbst der Supermarkt 7-Eleven seine Verkäuferin ein halbstündiges Opferritual durchführen zu lassen – während ihrer Arbeitszeit wohlgemerkt. Und im dritten Teil beleuchtet die Autorin das Verhältnis eben der Indigenen zur christlichen Kirche.

Nachvollziehbar beschreibt Carina Rother den Polytheismus der Inselbewohner. Das Nebeneinander, das streng Gläubigen wie ein Durcheinander erscheinen mag, ist aber das Kennzeichen schlechthin für den Umgang mit Dogmen, für den Pragmatismus nicht nur in Glaubensangelegenheiten der Inselbewohner.

Ein Buch also, das gut als Zweitlektüre taugt für jene, die nach einem ersten Blick auf Geschichte und Land der Insel ihre Kenntnisse vertiefen möchten.

Carina Rother: Taiwan. Insel der Vielfalt. Missionshilfe Verlag, 182 Seiten

Weitere Artikel rund um Taiwan zum Nachlesen auf literaturfelder.com/blog.

Echos der Stille

Im Dschungel der malaysischen Geschichte

Zwei neue Romane zeigen eindrücklich: Wer die moderne Geschichte Malaysias verstehen will, muss im Wald damit anfangen.

«Echos der Stille» der malaysischen Autorin Chuah Guat Eng und «Wir, die Überlebenden» des Autors Tash Aw zeigen, dass der Regenwald, der an vielen Stellen gerodet wurde, um Kautschukplantagen zu weichen, Schauplatz der kolonialen Geschichte von Gewalt, Ausbeutung und Ungleichheit ist. Der Wald ist in Malaysia die Quelle des Reichtums der wenigen, unter Ausbeutung der vielen. Er ist aber seit jeher auch der Rückzugsort für Guerillas. Und er ist nicht zuletzt die wichtigste Zuflucht der Geflüchteten und Marginalisierten im Inneren wie aus den Nachbar­ländern – die Rohingya sind nur das bekannteste aktuelle Beispiel.

Kurz: In der Ambivalenz des Waldes spiegelt sich die wechselvolle Geschichte des Landes.

Der ganze Text rund um die beiden Bücher und Malaysias Dschungel ist auf Republik nachzulesen.

Tash Aw: Wir, die Überlebenden. Roman. Aus dem Englischen von Pociao und Roberto de Hollanda. Luchterhand, München 2022. 416 Seiten, ca. 33 Franken.

Chuah Guat Eng: Echos der Stille. Roman. Aus dem Englischen von Michael Kleeberg. Verlag Das Wunderhorn, Heidelberg 2022. 464 Seiten, ca. 41 Franken.

Das Glück verkehrt herum

Wenn Gleichklänge irritieren

In der chinesischen Sprache klingen viele Silben gleich oder ähnlich. Dass dies zu irritierenden, aber auch amüsanten Verwechslungen führen kann, beschreibt Deike Lautenschläger in ihrem Buch Das Glück verkehrt herum. Ich habe nachgefragt:

Homophone sind der Alptraum nicht nur von Sinologie-Studenten: Silben werden gleich ausgesprochen, haben aber eine vollkommen andere Bedeutung. Sie, Deike Lautenschläger, haben nun ausgerechnet Homophone gesammelt. Wie kamen Sie auf die Idee?

Wenn man in Taiwan lebt, stößt man früher oder später auf Homophone – also auf Wörter, die gleich oder ähnlich klingen und denen deshalb je nachdem eine glück- oder unglückbringende Verheißung nachgesagt wird, denn sie sind im Alltag und besonders an Feiertagen präsent. Angefangen hat alles mit der Kakifrucht, die mir vor vielen Jahren eine Freundin in Taiwan zum chinesischen Neujahrsfest Ende Januar/ Anfang Februar überreichte, um mir mit dem Homophon der Kakifrucht 柿子 shìzi und dem chinesischen Wort für „alles“ 事事 shìshì den typischen chinesischen Neujahrswunsch „alles wie gewünscht“ 事事如意 shìshì rúyì ohne Worte zu überbringen. Das hat mich fasziniert – kein Glückwunsch in Form einer Karte mit Worten, sondern in Form einer Frucht durch den gleichen Klang! Natürlich war ich durch einen Chinesischkurs schon auf die schlechte Bedeutung der Zahl Vier aufmerksam geworden und erlebte im Alltag auch die ganz praktischen Konsequenzen wie z.B., dass es manchmal keinen 4. Stock gibt. Über die Jahre habe ich Homophone aus Spaß und Interesse gesammelt. Einige Homophone hatte ich schon in meinem Buch Fettnäpfchenführer Taiwan erwähnt. Inspiriert hat mich letztendlich dann die Art und Form des Buches Atlas der abgelegenen Inseln von Judith Schalansky, in dem 50 abgelegene Inseln recherchiert und in kleinen Geschichten wunderschön poetisch beschrieben sind.

Wie sind Sie sie bei der konkreten Zusammenstellung für dieses Buch vorgegangen? Gab es Zuträger:innen, kam Ihnen der Zufall zu Hilfe, gab es ursprünglich noch mehr Kategorien, wie haben Sie die Homophone ausgewählt?

Viele Homophone sind mir im Alltag und an Feiertagen aufgefallen, oder ich wurde durch taiwanische Freunde und Bekannte darauf aufmerksam gemacht. Als der Entschluss gefallen war, ein Buch darüber zu schreiben, fragte ich natürlich direkt nach und stieß so auch auf weitere Homophone. Zwei oder drei wurden im Chinesischkurs thematisiert. Weiterhin habe ich in taiwanischen Medien danach gesucht, also online in Zeitungen und Magazinen, denn auch wenn viele Homophone sehr alt sind, so werden sie doch noch in heutigen Kontexten angewendet. Zu aktuellen Geschehnissen posteten taiwanische Netizens auf Facebook und Instagram Wortspiele, in denen auch oft Homophone zu finden waren. Geplant waren eigentlich 50 Texte, aber bald hatte ich eine größere Menge zusammengetragen, aus denen ich dann die interessantesten und relevantesten 60 ausgewählt habe. Als das Buch bereits im Lektorat war und auch später während des Drucks und sogar bis heute entdecke ich homophone Wortspiele, die von politischen oder gesellschaftlichen Begebenheit inspiriert sind, die ich zwar für mich aufschreibe, aber für die es leider zu spät ist.

Ja, besonders die politischen Homophone haben mich beeindruckt, da ist die Rede von Grasschlampferden, Flusskrabben – mit denen der Künstler Ai Weiwei in seinem Kunstwerk Hexie bereits gespielt hat. Zurzeit skandieren jugendliche Demonstranten in China „Bananenschalen“, weil diese Silben mit demselben Buchstaben beginnen wie die Initialen von Xi Jingping In anderen Kapiteln wiederum menschelt es, dann wieder geht es um Feste und z.B. das Wetter – kurz, die Bandbreite der Homophon-Sammlung ist enorm. Ihre Sammlung macht Lust, hinter die schier unüberwindbare Mauer aus schwer zu erlernenden Schriftzeichen zu blicken. Dabei kombinieren Sie sprachlich fein ziselierte Alttagsbeobachtungen mit etymologischen Ausführungen, besonders überzeugend z.B. bei Wolken und Glück; amüsant auch, wie Sie die bestimmte Redewendungen aufschlüsseln, 三 Q / sān q wird zu thank you, 八八一 / bā bā yī zu bye bye. Darüber sprechen Sie ausführlich auf Radio Taiwan. Warum aber steht im Untertitel des Buches „Homophone in Taiwan“, es bezieht sich ja auf die Sprache, nicht ein Land? Oder gelten die gesammelten Homophone und deren Bedeutung nur in Taiwan? Schließlich erwähnen Sie auch Homophone in China und HK.

Sprache ist stets eng verbunden mit Identität, Kultur und Politik. Fast alle der Homophone im Buch sind mir in Taiwan zu Ohren gekommen – eingebettet im Kontext des taiwanischen Alltags, in denen die Wörter ihre Bedeutung in Feinheiten und Komplexitäten finden. Viele der Homophone gibt es sicher auch in China und anderen chinesischsprachigen Ländern und Gebieten, doch wie sie da gebraucht werden, vermag ich in diesem Buch nicht zu sagen – das wäre dann ein jeweils anderes Buch. Und es wäre auch ein Buch, das ich nicht schreiben kann als eine Autorin, die seit mehr als 17 Jahren nur in Taiwan gelebt hat. Schreiben ist ein subjektiver Prozess, bei dem man bewusst und unbewusst seine Erfahrungen und Erlebnisse mit einfließen lässt.
Auch die wenigen homophonen Ausflüge nach China und Hongkong sind nur von Taiwan aus möglich. Zum Beispiel basiert der Text über Hongkong auf Erzählungen von Augenzeugen, die mir in einem Café in Taipei von den Protesten 2019/2020 in Hongkong berichteten. So ein freier Austausch von Meinungen und Erlebnissen wäre höchstwahrscheinlich in einem Café in Peking nicht möglich gewesen.

Deike Lautenschläger: Das Glück verkehrt herum. Fotografie und Illustration Liesbeth Cole. Iudicium-Verlag 2022, 278 Seiten

Weitere Artikel über Taiwan sind hier auf dieser Seite nachzulesen.

Wu Ming-Yi

Die Sprache der Vögel lernen

climate fiction aus Taiwan

Jedes kleine Stück Plastik, das in den letzten 50 Jahren hergestellt wurde und in den Ozean gelangte, ist immer noch irgendwo dort draußen. Was aber, wenn eine dieser Plastikmüllinseln im Pazifk auf eine reale Insel prallt, auf Taiwan zum Beispiel? Dieser Gedanke ist Ausgangspunkt des Romans Der Mann mit den Facettenaugen des taiwanischen Autors Wu Ming-Yi. Darin rettet die lebensmüde Akademikerin Alice den Indigenen Atile’i, der auf eben solch einer Müllinsel gelandet ist.

Wandelnde Bäume, Rehe, die sich in Ziegen verwandeln – Menschliches, Natürliches wird dabei mit Magischem verknüpft; es geht um indigene Mythen und Überleben in einer Moderne, die kaum noch Überleben zulässt. Und zwischen den Zeilen schwingt die Frage mit: „Was können, was sollen wir tun?“

„Zusehen, ohne einzugreifen. Allein dazu bin ich da“, antwortet darauf der Mann mit den Facettenaugen.

Die ganze Rezension ist nachzulesen in der WOZ vom 24.11.2022.

Wu Ming-Yi: Der Mann mit den Facettenaugen. Aus dem Chinesischen von Johannes Fiederling. Matthes & Seitz, 2022, 318 Seiten.

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Ai Qing Schnee fällt auf Chinas Erde

Kälte riegelt China ab

Ausgewählte Gedichte des chinesischen Lyrikers Ai Qing

Ai Qings Gedichte zählen zum Kanon chinesischer Lyrik und erzählen von der existenziellen Bedrohung des Individuums, zerrieben zwischen Nationalisten und Kommunisten, dem Imperialismus der japanischen Invasoren und dem Kampf zwischen den Machthabern. Seine Gedichte sind in einer klaren, schnörkellosen Sprache gehalten, die Ummittelbarkeit von Landschaft und Menschen ist frappierend. In seinen Bildern spürt man eine tiefe Verbundenheit mit dem Schicksal der Menschen gerade im kargen Norden Chinas.

Es ist wie ein Blitz, der erste Eindruck, das erste Gedicht eine Fahrt durch den Suezkanal, das „Sonnenlicht weit entfernt“. Wer schreibt da mit solch einer Wehmut? Ai Qing, Vater des berühmten Künstlersohns Ai Weiwei, hat dieses Gesicht 1932 auf seiner Rückreise nach China verfasst, nachdem er zuvor in Paris studiert hatte, sich von der französischen und russischen Lyrik inspirieren ließ und wo sein politisches Bewusstsein erwachte – wie die Übersetzerin Susanne Hornfeck es in einem Nachwort darlegt.

Ai Qings Lyrik durchweht eine Empathie mit der ländlichen Bevölkerung im Norden Chinas: sei es in „Durchsichtige Nacht“, wo ein Trupp Trinker des Nachts durch ein Dorf am Wüstenrand zieht, die Stimmung und das Gelage zum Hören greifbar wird, wo „Licht aus Öllampen wie Steppenbrand“ auf Dutzende lehmfarbene Gesichter scheint, in denen die „Kraft von Leid, Wut und Hass sitzt“. Oder im Gedicht „Der Norden“, „gehüllt in Sandwolken, die sich niemals lichten, / Vom Horizont galoppiert ein Heulen heran“, und weiter geht es über fahlöde, ausgedorrte Ebenen, vorbei an verwilderten Gräbern, und über allem Wildgänse, die panisch mit den Flügeln schlagen, um dieser Einöde zu entkommen.

Um dieses Frühwerks willen verzeiht man dem Dichter gern die späteren Verirrungen, der auch als Verklärer der Sowjetunion, Stalins und Mao Zedongs aufgefallen ist, dem er sich früh angeschlossen hat, was zu zahlreichen Verhaftungen führte. Mit Mao geriet er gleichwohl schon in den 40er-Jahren über Kreuz, seine vorsichtige Kritik und Forderung nach Meinungsfreiheit trug ihm während der Kampagne „Lass hundert Blumen blühen“ 18 Jahre Arbeitslager ein. Er wurde nach Xinjiang verbannt, wohin ihm sein Sohn Ai Weiwei folgte und wo er jahrelang Latrinen putzte. Über diese Zeit schreibt Ai Qing: „Ich lebte wie in einem Sarg.“ Die späteren Gedichte klingen entsprechend abgeklärt, der Bruch ist offensichtlich. 1979 wurde Ai Qing offiziell rehabilitiert.

Der klare Ton seiner Lyrik, die Kargheit des Nordens berührt insbesondere in der titelgebenden Elegie „Schnee fällt auf Chinas Erden“, die heute auch allegorisch gedeutet werden könnte. Wie ein Refrain tönt es wieder: „Kälte riegelt China ab.“ Erzählt wird von Bauern mit von „Kummerfalten zerfurchten Gesichtern“, von einem Ich, das von den „Wogen des Unheils / immer wieder überrollt und ausgespuckt“ wird. Von verlassenen Frauen und Müttern und von einem Land, das Krieg versehrt ist. „Chinas Elend und Leid / so weit und endlos wie diese Schneenacht.“

Als formaler Neuerer gilt Ai Qing, denn als präziser Beobachter schrieb er in damals ungewöhnlich einfachen Worten über das harte Leben der Menschen auf dem Land, weil er selbst an den Ungerechtigkeiten litt, die dem einfachen Volk widerfuhren. Insofern, so fasst die Übersetzerin es zusammen, sind die Gedichte eine Zeitreise durch die Geschichte des modernen Chinas und der Opfer, die diese den Menschen abverlangte.

Ai Qing: Schnee fällt auf Chinas Erde. Aus dem Chinesischen übertragen, kommentiert und mit einem Nachwort von Susanne Hornfeck. Mit einem Vorwort von Ai Weiwei, Penguin Verlag Berlin, 2021, 138 Seiten

Meine Rezension ist in der Literaturzeitschrift Orte (Oktober 2022) erschienen.

Taiwan und Turbulenzen

China, Erdbeben, Taifune: Wie lebt man auf einer bedrohten Insel? Ein Gespräch mit Andrea Hauer vom Ö1 und Freda Fiala.

Die ständige Bedrohung von Festland-China, Erdbeben, Taifune, geologisch aktive Vulkane: wie leben die Einheimischen damit, außer mit einem vielfältigen Frühwarnsystem? Ist die Gefahr, die von Peking ausgeht, für die 23 Millionen Einwohner:innen tatsächlich größer geworden oder wird im Westen neuerdings mehr darüber berichtet? Welche Rolle spielt Taiwan für die Welt und für China und welche Rolle möchte es selbst gern spielen? Fragen, denen ich in meinem Buch Wolken über Taiwan. Notizen aus einem bedrohten Land unter anderem nachgegangen bin.

Nachzuhören ist die Radiosendung auf Ö1.

Wahrsager und Technofrauen

Taiwanische Autorinnen erzählen. Eine Lektürenotiz.

Der Titel klingt vielversprechend, das Tempo und die Themen sind eher moderat. Beeindruckend fand ich die Erzählung „Bukolika“ von Ko Yu-Fen (schon mit „An den Ufern des Tamsui“ im Erzählband Kriegsrecht vertreten), die von prekären Verhältnissen berichtet, von Fabrikarbeiterinnen und ratlosen Müttern, von schmierigen Übergriffen und sinnlosen Toden – und welche Opfer die rücksichtlose Industrialisierung von Mensch und Natur fordert.

Um Rücksichtslosigkeit geht es auch in „Berggeister“ von Chiou Charng-Tin, die in ihre Geschichten – laut biografischer Notiz – Umweltthemen und -zerstörung einfließen lässt. Die Protagonistin, die sich von Nebelgeistern verfolgt fühlt, trifft in den Bergen auf „Baumratten“ (vgl. dazu auch der Text „Alishan“ in Wolken über Taiwan) , Holzdiebe. „Eigentlich sind diese Bergratten Junkies aus den Städten […]. Die alten Bäume in den Bergen sind für diese Kerle wie Geldautomaten.“ Ihr Fazit: Die Gier beschert den Menschen bloß Alpträume, und die Berggeister entkommen ihr nur, weil sie sich an immer entlegenere Orte zurückziehen. Was, wenn man diesen Gedanken zu Ende denkt?

Manche Rezensenten sprechen von einer gewissen „Düsternis und Dunkelheit“ in den Texten – düster kann einem werden, wenn man einen Blick in die Zukunft wirft. Das Leben der „Technofrau“ ist kein beneidenswertes, zumal nicht klar ist, wer denn nun ein echter Mensch ist und wer nicht; in „Transkommunikation“ sendet der verstorbene Vater Nachrichten von einem Account, der von einer NGO nach dessen Tod weiter betrieben wird.

Man mag sich fragen, wie repräsentativ diese Geschichten für die gegenwärtige Literatur Taiwans sind, wie die Auswahl zustande gekommen ist. Im Vorwort gibt die Herausgeberin Hsu An-Nie Auskunft: In zwei Diskussionsrunden wurden 12 Erzählungen von taiwanischen Literaturexpert:innen empfohlen, in einer dritten Runde wählten deutsche Expert:innen acht davon aus. So kommt es vielleicht, dass die Erzählungen auf unterschiedliche Weise mal mehr, mal weniger literarisch ausgereift sind – ein kritischer Blick auf die taiwanische Gesellschaft ist jedenfalls allen Geschichten eigen.

Hsu An-Nie (Hrsg.): Von Wahrsagern und Technofrauen. Erzählungen zeitgenössischer Autorinnen aus Taiwan. Übersetzt aus dem Chinesischen von Marc Hermann, Brigitte Höhenrieder und Hans Peter Hoffman. 2021; 286 Seiten

Friede Bunker

Ungehorsam für den Frieden

Ende der 1970er Jahre spitzte sich der Kalte Krieg zwischen der Sowjetunion und den USA erneut zu. 1983 ließ die NATO Nuklearraketen in der Bundesrepublik Deutschland und in anderen westeuropäischen Ländern stationieren. Vor allem die schwäbische Gemeinde Mutlangen rückte damals als Standort von Pershing-II-Raketen in den Fokus der Friedensbewegung und der Öffentlichkeit. Weil ich darüber ein Buch geschrieben habe, stellte ich Richard Rohrmoser fünf Fragen zu seiner Dissertation zu diesem Thema. Darin beschreibt er die Entwicklung Mutlangens zu einem Symbolort der Friedensbewegung.

Wie kamst Du ausgerechnet auf die längst vergessene „Friedensbewegung in Mutlangen“?

Ich habe mich schon während des Studiums recht intensiv mit dem NATO-Doppelbeschluss und der bundesdeutschen Friedensbewegung beschäftigt, zumal mein Doktorvater viel dazu publiziert hat. Auf der Suche nach einem eigenen Promotionsthema bin ich in einem Buch auf einen Flyer mit dem Slogan „Unser Mut wird langen!“ gestoßen. Dies hat mein Interesse geweckt und nachdem die ersten Zeitzeug:innen spannende Einblicke in das noch stark untererforschte Thema lieferten, war mir klar, dass ich darüber meine Doktorarbeit schreiben werde.

Was hat Dich bei Deinen Recherchen am meisten überrascht?

Zum einen, dass sich zuvor tatsächlich noch niemand im größeren Ausmaß wissenschaftlich mit diesem Themenkomplex beschäftigt hat; zum anderen die große Bereitschaft sämtlicher Zeitzeug:innen, über das Geschehene zu berichten und die Ereignisse aufzuarbeiten. Dementsprechend ergiebig und hilfreich waren auch die Gespräche mit den Zeitzeug:innen.

Gab es einen Widespruch zwischen Deinen Forschungsergebnissen und dem, was Du vor Ort durch Gespräche herausgefunden hast?

Einen eklatanten Widerspruch konnte ich eigentlich nicht feststellen, aber die Gespräche vor Ort haben insbesondere die „Geschichte der Emotionen“, also die Furcht vor einem nuklearen Schlagabtausch oder einer nuklearen Katastrophe, sehr viel anschaulicher und konkreter gemacht. Davon hat meine Dissertation, denke ich, enorm profitiert.

Auf mich wirkte damals die Ablehnung der örtlichen Bevölkerung gegenüber den „fremden“ Friedensaktivisten recht hermetisch. Wie ist Dein Eindruck?

In Bezug auf den Protest in den 1980er Jahren kann ich dies absolut bestätigen. Interessanterweise habe ich in meinen Gesprächen aber doch sehr den Eindruck gewonnen, dass die lokale Bevölkerung inzwischen fast schon einstimmig stolz auf die Protestgeschichte der Gemeinde ist und die Ereignisse von damals – insbesondere die Reaktionen vieler Einwohner:innen auf die angereisten und zugezogenen Friedensaktivist:innen – etwas verklärt.

Wie könnten Erkenntnisse aus der Friedensbewegung in Mutlangen für die Gegenwart wieder fruchtbar gemacht werden?

Richard Rohrmoser

Ich denke eine zentrale Erkenntnis aus der Protestgeschichte der 1980er Jahre ist, dass es stets das zivilgesellschaftliche Engagement ist, das entscheidende Impulse auf Richtung, Tempo und Intensität des sozialen Wandels ausübt. Die Aktionen engagierter Bürger:innen haben Reaktionen des Staates zur Folge. In diesem Sinne ist explizit zu betonen, dass die Sitzblockaden von Mutlangen in der Öffentlichkeit deutlich wahrgenommen wurden: Nicht nur im Ostalbkreis, sondern in Baden-Württemberg, in der ganzen Bundesrepublik und sogar darüber hinaus!

Richard Rohrmoser: Sicherheitspolitik von unten. Ziviler Ungehorsam gegen Nuklearrüstung in Mutlangen, 1983–1987. Campus-Verlag, 2021, 460 Seiten.

Das Leben eines anderen

Das Leben eines anderen …

… einmal ausprobieren. Eine Lektürenotiz.

Darum geht es, und geht es doch nicht. Mal ehrlich, wer hat sich nicht schon einmal vorgestellt, die Haut eines anderen überzustreifen? Erst recht, wenn man wie Rechtsanwalt Akiro Kido die Diskriminierung als Nachfahre koreanischer Einwanderer fürchtet, weil rechtsextreme Gruppierungen im heutigen Japan an Macht gewinnen? Einmal nur das Leben eines anderen durchzuspielen, oder sich wie im Spiel oder zum Spaß als jemand anders auszugeben, Erlebtes erfinden, nur um zu sehen, wie es wirkt, dieses ausgedachte Leben?

Was ein Spaß sein könnte, den sich Akira Kido im Roman Das Leben eines anderen von Keiichiro Hirano in einer Kneipe erlaubt und wenig später bereut, ist allerdings bitterer Ernst. Denn da will einer endlich loskommen vom Blutgeruch seines Vaters, einem hoch verschuldeten Spieler, der einen Unternehmer und dessen Familie ermordete, darunter der Spielkamerad seine Sohnes. Der Fluch verfolgt ihn überall hin, da liegt es nah, sich einen anderen Namen zuzulegen, ein anderes Leben.

So einfach lässt sich dieses Verwirrspiel um Identitäten allerdings nicht erzählen, der Fall wird von hinten aufgerollt. Rechtsanwalt Akira Kido wird mit der Suche nach der wahren Identität eines Mannes beauftragt, trifft dabei einen Unterhändler, der mit solchen handelt, eine Frau, mit der er sich ein gemeinsames Leben vorstellen könnte, und das Glück eines Mannes am Ende dessen „falschen“ Lebens. Leise und behutsam lockt uns der Autor Keiichiro Hirano auf falsche Fährten und versöhnt uns mit den Lügengespinsten der anderen.

Ich hingegen wundere mich über dieses immer wiederkehrende Thema der geliehenen Leben, über Leben in einer Lüge im japanischen Kontext – im Roman Herr Kato spielt Familie von Milena Michiko Flašar zum Beispiel, im Film Family Romance von Werner Herzog, und erinnere mich wieder an die flirrenden Wechselidentitäten in Haruki Murakamis Werk.

Keiichiro Hirano: Das Leben eines anderen. Aus dem Japanischen von Nora Bierich. Suhrkamp-Verlag, 2022, 366 Seiten.