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Küsten – von Tsai Wan-Shuen

Lyrik – übersetzt aus dem Chinesischen von Alice Grünfelder, erschienen im hochroth Verlag 2024.

Wenn der letzte Paradiesfisch mit dem Bauch nach oben liegt und Vater den schummrigen Mittagsschlaf hält, schlagen Leuchtkäfer Passwörter mit ihren Flügeln. Warum aber haben die weißen Delphine der Insel den Rücken gekehrt?

Die taiwanesische Künstlerin und Lyrikerin Tsai Wan-shuen konzentriert sich in ihrem Werk – mixed-media Installationen, Videos, Gedichte, Workshops an Schulen – auf die Auseinandersetzung mit dem Meer, der Inselwelt, den Verlust einer intakten Natur. Lakonisch, mit etwas Wehmut und Bitterkeit geht sie an Küsten entlang, immer das Meer im Blick, den ein wenig verlorenen Menschen, und bietet mit ihren Gedichten seltene Einblicke in die sogenannte Meeresliteratur als wichtiges Merkmal der zeitgenössischen taiwanischen Literatur.

Fischer
Generationen von Seefahrern sind an Land gegangen
ihre Netze taugen nicht mehr, Fische zu fangen
nun wühlen sie stattdessen im Müll
einst war es eine Beziehung
ein beseelter Tausch

Tsai Wan-Shuen, Küsten

Nachzuhören ist das Gedicht „Dreimal kehren sie um, die weissen Delphine“ im Rahmen des Taiwanfestest in Zürich.

Aus dem Nachwort des Bandes Küsten:

Mitten im Meer geboren, sammelt Tsai Wan-Shuen Zeichen im Taumel unserer Zeit, Töne und Schwingungen, die wir nicht mehr sehen, nicht mehr hören – die Dichterin hat ein eigenes lyrisches Sensorium entwickelt und ist Archivarin der Zeichen aus dem Meer. Das kleinste Detail, das Elementarteilchen aller Lebewesen, ist ihr eine Quelle der Poesie. Ihr Schreiben ist tastend, intuitiv, ihr Ton sinnend, sinnlich; sie sucht, was einmal war, was sein könnte, warum etwas so ist, wie es geworden ist. Sie klagt nicht an, auch wenn an den Küsten, den scharfkantigen Trennlinien zwischen Wasser und Land, Leben zerschellt. So könnte das Gedicht über die Weißen Delphine als Elegie gelesen werden. Es ist wohl das einzige in ihrem Oeuvre, das als konkrete Bezugnahme und Kritik an den politisch-gesellschaftlichen Verhältnissen zu verstehen ist: während Umweltschützer gegen den Bau eines weiteren Chemiewerks an der Westküste Taiwans protestierten, wo das Habitat der Delphine ohnehin schon empfindlich gestört ist, antwortete der damalige Vizepremier lakonisch: „Die Weißen Delphine sind schlau, wenn die Umgebung ihnen nicht mehr gefällt, weichen sie einfach aus.“ Der Schönheit der (Meeres-)Welt wird die neue Totalität gegenübergestellt. (Zum politischen Hintergrund dieses Gedichts sind hier auf New Bloom Magazin mehr Informationen nachzulesen.)

Die Inselwelt mit ihrer Ambivalenz ist zentral im Werk von Tsai Wan-Shuen, sei es in ihren Kunstinstallationen oder Video- und Tonaufnahmen. Sie selbst ist auf Penghu aufgewachsen, einer Insel mitten im Meer zwischen China und Taiwan. Fern von Inselromantik sind ihre nachdenklich gestimmten Betrachtungen zur Natur – die Menschenwelt wirkt wie ein ferner Echoraum. Fische aller Arten springen, schwimmen in diesen Versen, werden geräuchert, gegessen, liegen im Abfluss. Derweil laden die Menschen den „Schaum der Welt“ hoch, drehen sich immer schneller um sich selbst, werden darüber hart – fast dystopisch glimmt kühl und kalt in der Ferne nur noch ein kleines Feuer („Familie im Frost“).

Die Autorin Tsai Wan-Shuen

Tsai Wan-Shuen wurde 1978 auf Penghu geboren, einer Insel westlich von Taiwan. Sie lebte einige Jahre in Frankreich, wo sie Bildende Kunst studierte. Seit 2004 erarbeitet sie zusammen mit ihrem Mann, dem Sound-Artist Yannick Dauby, Video-Sound-Installationen. Mit ihren Arbeiten zur Insel Penghu und den indigenen Volksgruppen Hakkas und Atayal wurden sie 2016 zur Sydney Biennale eingeladen. Ihr künstlerisches Werk – seien es Installationen und Videos oder Lyrik – ist geprägt von der Auseinandersetzung mit dem Meer, der Welt der Inseln, der Natur allgemein. Bisher sind zwei Lyrikbände erschienen:
潮 汐“(Flut, 2006) und „ 感官編織” (Verwobene Gefühle, 2021).

Tsai Wan-Shuen: Küsten.
Gedichte, zweisprachig – Chinesisch, Deutsch
Aus dem Chinesischen von Alice Grünfelder
mit Zeichnungen von Tsai Wan-Shuen
Verlag hochroth Leipzig, 2024
41 Seiten, Broschur, 10 Euro
ISBN: 978-3-949850-35-6

Verlagswebsite:
hochroth.de/8813/tsai-wan-shuen-kuesten/

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Buchcover hochroth-Verlag

Himmel und Meer

Zwischen Himmel und Meer

Eine Lektürenotiz

Einen Eindruck von der Bandbreite mündlicher und schriftlicher Literatur Taiwans will diese knapp 550 Seiten schwere Anthologie vermitteln – und Thilo Diefenbach, der Herausgeber, hat, so scheint es, dafür alles aufgenommen, was er zwischen Himmel und Meer gefunden hat, nämlich sage und schreibe 101 Werke: 63 Gedichte, 15 Erzählungen, 13 Essays, 9 Legenden – das listet er im Vorwort auf und unterteilt weiter in mündliche Überlieferungen und politische Perioden. Ein Blick ins Inhaltverzeichnis zeigt, dass die Texte chronologisch angeordnet sind, nur warum darunter auch Berichte von chinesischen Beamten sind, die Taiwan im 17. Jahrhundert bereisten, wie Yu Yong-he (im Buch selbst Yü Yung-ho), widerspricht wiederum dem Untertitel des Bandes: eine Anthologie taiwanischer Literaturen.

Verdienstvoll ist die Menge an übersetzten Texten allemal, die einen seltenen Blick in die Gemengelage – gesellschaftlicher, psychologischer, kultureller Art – erlaubt. Die „Elegie von der Überfahrt nach Taiwan“ beispielsweise warnt ungeschminkt und in derben Worten vor einer Übersiedelung auf die Insel. Auch vom harten Arbeiterlos berichtet so mancher Text, vom Pazifik-Krieg Ch’en Ch’ien-wu ebenso wie der bekannte Autor Lo Fu, der mit einem Auszug aus seinem Werk „In der Felsenzelle sterben“ vertreten ist.

Wertvoll sind auch die seltenen Übertragen von indigenen Autor:innen. Badai aus dem Stamm der Puyuma schreibt über eine Shamanin, die im Hier und Jetzt trotz aller Anstrengungen ihren Sohn durch das dunkle Tor ziehen lassen muss, dem Tod entgegen. Lavulas Geren, ein Paiwan, fasst geradezu lakonisch in nur drei Zeilen das Leben der Bergbewohner zusammen.

Angenehm überrascht die Vielzahl der Gedichte. In einem Poem des populären Lyrikers, Verlegers und Literaturvermittlers Hung Hung scheint auf, dass uns nicht allzu viel von Taiwanerinnern und Ostasiaten unterscheidet, dass kulturelle Projekten hier und dort den Blick verstellen.

Japaner
sehen an den Wänden taiwanischer Hotels
die verschneiten Gebirge der Schweiz.

Taiwaner
sehen an den Wänden Schweizer Hotels
Bilder der fließenden Welt aus Japan.

Schweizer
sehen an den Wänden japanischer Hotels
Regenschirme von Ölpapier aus Taiwan.

Chinesen
sehen an den Wänden chinesischer Hotels
die Verbotene Stadt.

Überzeugte die Anthologie Kriegsrecht – ebenfalls von Thilo Diefenbach im selben Wissenschaftsverlag iudicium herausgegeben – durch seine Stringenz und Konzeption, Texte zu versammeln, die sich auf die schwierige Zeit während der Militärdiktatur konzentrierten, fehlt hier solch ein Konzept, und das Ganze wirkt wie ein loses Sammelsurium. Das ist schade, zumal auch das Vorwort mit dem Exkurs ins Sinitische – statt Sinologische – irritiert; dem Herausgeber folgen können ohnehin nur ganz wenige Eingeweihte. Es ist, als stünde sich der Herausgeber mit seinerm Vermittlungeifer selbst im Weg.

Nichtsdestotrotz ist diese Sammlung von Texten, die der Herausgeber selbst mit weiteren Übersetzerinnen und Übersetzern (Wolf Baus, Chiang Po-Hsüan, Eckhard Dreier, Johannes Fiederling, Patricia Hung Wen-chen, Katahrina Markgraf, Fabienne Uji-Hofer) ins Deutsche übertragen hat, eine wertvolle Erweiterung dessen, was bislang auf Deutsch an erzählerischen Texten aus Taiwan erschienen ist.

Thilo Diefenbach: Zwischen Himmel und Erde. Eine Anthologie taiwanischer Literaturen. iudicium-Verlag München, 2022

Weitere Hinweise zu Literatur aus Taiwan sind hier auf dem literaturfelder-blog nachzulesen.

Sehnsucht nach Leben …

… nach dem Tod, eine Gier bis zum Ende. So schreibt Christine Lavant, schreibt, wie sie gelebt hat, widerständig bis zum Schluss. Da mag das Leben noch so garstig mit ihr sein, sie trotzt der Forderung nach Unterwerfung und Demut ebenso wie dem Kleingeist der Gesellschaft.

Nun liegt ein neuer Band mit ihren Gedichten vor, herausgegeben von Jenny Erpenbeck, die diesem Leben entlanggleiten. Hier beschwört eine wortbebende Lyrikerin Bilder in einem schmerzvollen Prozess und mit einer Wut, die bis zuletzt brennt.

Eine Rezension zu dem Band „Seit heute, aber für immer“ ist in der Literaturzeitschrift orte erschienen.

Steffen

Schreibstrom hinter Gittern

Das Lebensthema des Lyrikers Ernst S. Steffen war Ankommen – wen wundert’s, wenn einer ein halbes Leben hinter Gittern verbrachte? Im Gefängnis war er zu feinsten Beobachtungen und Regungen fähig, stets begleitet und angetrieben vom Gefühl, zwischen Stuhl und Bank gefallen sein: „Ich vermute, ich bin nur provisorisch gemeint“, schrieb er in einem Gedicht, „irgendwann wird man mich zu Ende denken.“

Ein Rezension zu seinem neu herausgegebenen Lyrik-Band ist am 1. Februar 2024 in der WOZ zu lesen.

Klause der Illusionen

In die Hügel, dem Wasser lauschen

„Mein Leben fühlt sich leicht an“, schreibt der japanische Haiku-Dichter Matsuo Bashô (1644–1694); es braucht wenig mehr als eine spartanische Hütte, so der Laienmönch Kamo no Chômei (1153–1216). Und Bai Juyi (772–846), einer der bedeutendsten Dichter der chinesischen Tang-Zeit, betrachtet die Felsen und Wolken wie ein Wunder ohne Ende. Ihnen gemeinsam ist der Rückzug aus der Gesellschaft und die stille Kontemplation der Natur.

Die Rezension zum Buch Klause der Illusionen ist in der Neuen Zürcher Zeitung nachzulesen.

Singapur: wie geht ein zweckfreies Leben?

Eine Lektürenotiz: Der Literaturlehrer Sukhin stolpert nicht nur ziemlich zweckfrei und sinnentleert durch sein Leben, sondern eines Tages über einen Haufen Karton. Als eine Gestalt auf ihn zukommt, erschrickt er. Die Obdachlose ist Jinn, seine Freundin, die vor Jahren spurlos verschwand.

So beginnt dieser Roman aus Singapur und durchschreitet mit seltenem Humor gesellschaftliche Barrieren. Nachdem sich Jinn wieder in Sukhins (Gedanken-)Welt einnistet, versucht er vorsichtig herauszufinden, warum sie damals das Leben in einer wohlbehüteten Umgebung als Tochter eine wohlhabenden Familie aufgeben und ihn verlassen hat. „Er fragt sich, wo sie gewesen ist, aber er wird sie nicht fragen.“ Die geliebte Großmutter habe ihr völlig unverhofft die halbe Bäckerei und das gesamte Vermögen vermacht, erzählt sie ihm peu à peu, weshalb die Familie sich von ihr distanzierte und Jinn den Boden unter den Füßen verlor. „Und dann fing mein Verstand an, sich selbstständig zu machen.“ „Wo ist er hingegangen?“ „Ach, an alle möglichen Orte, denke ich.“ Sie beschließt, dieser Welt den Rücken zu kehren, weil sie nicht mehr länger Teil dieser Maschine namens Singapur sein will. wie wir von der Autorin erfahren. „Ich konnte nicht mehr. Also habe ich aufgehört und bin gegangen.“
Ganz anders der 35-jährige Misanthrop und Literaturdozent Sukhin, der nichts mehr hasst als Unordnung und Chaos, sich den Heiratsvermittlungsversuchen seinen Panjabi-Eltern erfolgreich widersetzt, dem es nur halb recht ist, dass Jinn wieder in seinem Leben ist, auch wenn er sie, ja, liebt, wie er sich selbst nach vielen Jahren eingestehen muss. Kuchen und Tee, mit einer Portion Geplänkel als Beilage, „das ist die wahre Idylle, oder nicht?“, fragt er sich selbst ein wenig ungläubig.

Sprachlich ist der Roman in Puddingcreme getaucht, gesprengselt mit feinem Humor, in kursiv gesetzten und etwas rätselhaften Kommentaren schillern Zwischenwelten – denn ist der Mann, von dem da erzählt wird, Sukhin, und die Tote Jinn? Oder wer geistert durch die Seiten? Am Ende wird jedenfalls Jinn von der Familie für tot erklärt, und ganz bewusst zelebrieren die beiden dieses Ereignis.

Doch ist der Protagonistin, die angeblich „den Verstand verlor“, nicht etwas anders abhanden gekommen, denn sie ist ja nicht wirklich verrückt geworden? Die Autorin Yeoh Jo-Ann hat einen chinesischen Hintergrund, und ich frage mich, ob die Übersetzung wirklich das getroffen hat, was die Autorin meinte? Handelt es sich womöglich um dieses unübersetzbare shen 神 oder jing 精? Herz und Geist passten nicht mehr zusammen, rissen Jinn auseinander, sie fiel in ein Loch … Ähnliche Zweifel kamen mir beim Titel „Zweckfreie Kuchenanwendung“ – womöglich ist hier eher die Absichtslosigkeit gemeint, die im chinesisch-buddhistischen Kontext verortet ist? Vielleicht aber bin ich es mit meinem sinologischen Hintergrund, die zu viel hineininterpretiert, vielleicht zeigt diese Übersetzung eines Romans aus Asien, der englisch geschrieben und ins Deutsche übersetzt wurde, dass Kulturtransfer über Sprache nicht gänzlich möglich ist. (Die Autorin selbst, die ich deshalb versucht zu kontaktieren, hat sich bisher leider nicht gemeldet.)

Ganz im Gegensatz zu den Crazy Rich Asians wird hier jedenfalls ein anderes Singapur gezeigt, neben Hongkong eine der wohlhabendsten Städte Asiens: eine Stadt der Obdachlosen, der Gemüse-Piraten, Recycling-Weltmeister und all jener, sich sich den Wohlstandsverpflichtungen der Megapolis entzogen haben und stattdessen z.B. wild campen, containern und in einer abgelegenen Gasse vielleicht eines der schönsten Weihnachtsfeste der Gegenwartsliteratur feiern.

Yeoh Jo-Ann: Zweckfreie Kuchenanwendungen. Übersetzt von Gabriele Haefs. Mit Anmerkungen. Kröner Verlag, 2022, 320 Seiten

Weitere Beiträge zu Singapur:

Derborence …

… ist eine Wand, ist keine Wand, denn sie ist voller Furchen, Kanten, Löcher, bleckenden, leckenden Wasserzungen, weiter unten und auf halber Höhe Geröll, wo vor mehr als 200 Jahren der Berg herunterkam, so hat es Ramuz beschrieben in seinem Roman Derborance, es muss hier gewesen sein, als der Berg einen Gesteinswulst vor sich herschob, die Felsen krachten und flogen, im Tal war es diesig vom steinernen, Nebel, der hinunterwarberte und weiter unten zwischen den Hängen feststeckte, sich einfraß – oder war es auf der anderen Seite, dort, wo es scheint, als sei der Berg abgebrochen, als hätte er die davorliegende Hügelkette durchbrochen, wo heute ein schmales Tal, wo heute Quader aufragen wie Türme, zu beiden Seiten, als wachten sie – worüber? -, als gäben sie Acht, dass nicht noch einmal. Doch ausrichten könnten sie nichts, da der Berg wie eine Wand, oder eben fast, senkrecht aufragt in den scharfklaren Himmel. Ein Streifen Schnee von drüben leckt herüber, vom Gletscher auf der anderen Seite, über allem hängen schwere Wolken, bringen morgen einen beigen Tag, sagt der Wetterdienst. Menschen nur wenige, aber übernächste Woche, wenn gejagt wird, während der Jagdsaison, ist der Parkplatz, das Haus voll, sagt die portugiesische Angstellte, dann nichts mehr, im Winter sowieso und bei Regen sind die Straßen ohnehin gesperrt, dann rutscht die Erde, fließt das Wasser, auch auch unterm Berg. Knappe 7000 Kilometer lang, über Wasserturbinen und Tunnel hinunter ins Tal getrieben, damit unten der Strom … Bald aber nichts mehr. Denn das Gras knistert vor Trockenheit. Und der Berg? Wartet ab.

Wer mehr lesen möchte, dem sei der Roman Derborence von C.F. Ramuz empfohlen, erschienen im Limmatverlag.

Synagoge

Zuschütten

Das Gemäuer, bis auf die Grundmauern verkohlt, verrußt die Steine, Säulen, geschmolzen die Kronleuchter, Kerzenständer, Treppengeländer. Und ein Jahr danach die Trümmer in den Keller geschoben, die Küchenfliesen mit Schutt zugedeckt. Viel später dann alles wieder aufgerissen für eine Tiefgarage, doch den Behörden ging das Geld aus, das Loch also wieder zugeschüttet. Und heute jeden Stein, jede Scherbe, jeden Knopf einzeln bergen, hineinsehen in Abgründe, in das freigelegte Fundament und sich vorstellen, wie es einmal gewesen war – vor dem 9. November 1938.

Mehr Informationen zur Bornplatzsynagoge in Hamburg auf der Website der Jüdischen Gemeinde.

Ciao amore ciao

Liebe, Migration und Backlist

Wie gehören diese drei Begriffe zusammen? Ein Interview mit Franco Supino

Ein wenig sind mir die Hips und Hypes, Trends und Lifestyle-Literatur, die Buchpreise und Festivalprogramme mit stets denselben Namen und Titeln aufgrund der erregten Berichterstattung verleidet worden – und so greife ich in jüngster Zeit immer öfter zu Titeln, die abseits des Mainstreams ihr eigenes Dasein fristen: unbekannt und vielleicht damals wie heute auch unerkannt. Und entdecke Themen und Stile, die in ihrer Unaufgeregtheit ziemlich wohltuend sind. So zum Beispiel Ciao amore, Ciao von Franco Supino (2004 erschienen), die Geschichte der Schlagersängerin Dalida und ihres Geliebten Luigi Tenco; ein Roman auch über das unerbittliche Musikbusiness und die Schnoddrigkeit eines undankbaren Publikums. Wie ich ausgerechnet zu diesem Buch kam? Durch einen einfachen Büchertausch; ich hatte irgendwo gelesen, dass der Roman durch seine Montagetechnik auffällt, das interessierte mich.

Weil mich diese Geschichte auf seltsame Weise streifte, mich der Ohrwurm „Ciao amore, Ciao“ anfing zu plagen, ich einen Abend lang durch Dalidas Leben und ihr Schlagerrepertoire surfte, nicht wusste, warum mir diese Personen so eigenartig nah und vertraut waren, fragte ich Franco Supino ein wenig aus. Denn von der Sängerin hatte ich nur den Namen gekannt, vom Schlagerfestival Sanremo noch nie gehört, auch nicht von einem Sänger, der sich nach einem erfolglosen Auftritt im Hotelzimmer erschoss.

Franco Supino, wie ist es, nach einem Buch gefragt zu werden, dessen Veröffentlichung schon so lange zurückliegt? Ist es noch immer präsent oder haben Deine anderen Schreibprojekte, Bücher diesen Roman mittlerweile vollkommen überlagert? An was denkst, Du, wenn Du ans Schreiben dieser Geschichte von heute aus zurückblickst?

Ich erinnere mich gut daran, was ich mit diesem Text darzustellen versucht habe: Iolanda Gigliotti, Dalida, stammte aus einer nach Schubra, Kairo, ausgewanderten italienischen Familie. Als junge Frau ging sie Mitte der 50er nach Paris und feierte als Schlagersängerin phänomenale Erfolge (der Durchbruch gelang ihr mit einem italienisch angehauchten Lied «Bambino»). 1967 wurde sie zum Schlagerfestival von Sanremo eingeladen. In diesem Jahr sah der Modus vor, dass immer ein einheimischer Sänger mit einem internationalen Star im Duett zum Wettbewerb antreten sollte. Luigi Tenco gehörte zur jungen Generation der politisch engagierten Cantautori, die die Welt mit ihrer Musik verändern wollte. Er war talentiert und inspiriert, sah gut aus – doch mit einer beliebigen Partnerin wäre er nie aufgetreten. Die Musikmanager brachten Iolanda und Luigi zusammen, und die beiden verliebten sich sofort ineinander. Ihr gemeinsames Lied, so Luigi Tenco, sollte mit ihnen beiden und mit der Gegenwart zu tun haben. Deshalb schrieb er für sie (und sich) das Lied «Ciao amore, ciao», das zum ersten Mal in der Musikgeschichte das Elend der süditalienischen Migranten besang – also das, was Dalidas Familie vor dem Ersten Weltkrieg erlebt hatte und viele Süditaliener in den 50er und 60er Jahren erlebten. Dalida zweifelte zwar daran, dass das Schlagerpublikum so etwas hören wollte, doch Luigi Tenco überzeugte sie davon, dass man als Künstlerin bei sich bleiben müsse und sich nicht nach dem Publikumsgeschmack richten dürfe. (Ihre Version des Liedes ist hier nachzuhören: )

Wie bist Du überhaupt auf diese Geschichte gekommen?

Ich bin selber mit dem Festival von Sanremo aufgewachsen: zuerst haben wir das Festival am Radio mitverfolgt, später im Fernsehen auf Rai Uno (erst fand es Ende Januar statt, heute im Februar) – immer von Montag bis Samstag. (Ja, ich verfolge auch heute noch das Festival von Sanremo – vielleicht nicht mehr jeden Abend und bis in die Puppen – meistens endet die Übertragung nicht vor 1 Uhr –, aber ich möchte mitbekommen, welche Lieder man dann das ganze Jahr in Italien hört). So erfuhr ich auch von der Tragödie um Luigi Tenco, zwar nicht live, dafür war ich noch zu jung, aber hin und wieder wurde Tenco verstohlen erwähnt – und ich stellte fest, dass sich dahinter ein nationales entsprechend tabuisiertes Trauma verbarg. Ich fand rasch heraus, dass Dalida damals als Partnerin von Tenco auftrat. Doch nie war dabei das Lied ein Thema, und merkwürdigerweise konnte sich in meiner Familie niemand an die Botschaft des Liedes erinnern.

Das schreibst Du auch in einer Stelle im Buch, dass der Ich-Erzähler sich wundert, weil sich das Lied doch an die italienischen Arbeitsmigranten richtete, auf die das Lied jedoch keinerlei Eindruck machte, geschweige denn, einen hinterließ. Waren das musikalisch-politische Engagement demnach umsonst?

Ich stellte es mir (wie Luigi Tenco) eher romantisch vor: Wenn Menschen wie meine Eltern, wenn ihr Leiden und ihre Sehnsüchte in Sanremo besungen werden, wird dies in der italienischen Gesellschaft ein Bewusstsein für deren Situation schaffen und das Thema würde in der Politik ankommen – und gleichzeitig würde es die Emigranten, die das Festival hörten, freuen, sie ermutigen, bestärken. Aber, wie du sagst, das Lied hinterliess keinen Eindruck – auf keiner Seite. Tencos Selbstmord in der Festivalnacht von Sanremo erschütterte Italien, er wirkte wie ein auf sich selbst gerichteter Terroranschlag – und bewirkte, dass ein paar Jahre später (durch Amilcare Rambaldi, einen Blumenhänder aus Sanremo, der ebenfalls im Buch vorkommt) das Tenco-Festival gegründet wurde, ein bis heute sehr wichtiges und aktives Festival für die Cantautori, bei dem die Qualität und nicht die Verkaufszahlen im Mittelpunkt steht. Aber auf den Migrationsdiskurs bezogen war die Wirkung von „Ciao amore, ciao“, soweit ich feststellen konnte, und ich habe viel recherchiert: Null!

Überhaupt habe ich viel gelernt in diesem Buch; ich wusste z.B. nicht, dass es vor dem Zweiten Weltkrieg so eine große italienische Migrantenszene in Kairo gab und Italiener in britische Kriegsgefangenenlager in Ägypten kamen – so z.B. auch Dalidas Vater.

Dass Dalida (auch) Italienerin war, wusste ich von meinen Eltern, ich kannte einige ihrer Lieder. Als ich mir dann „Ciao, amore Ciao“ genauer anhörte und mich fragte, wie kam Luigi Tenco dazu, ein solches Lied zu schreiben und es nach Sanremo zu bringen, entdeckte ich erst diese Zusammenhänge. Meistens werden die Umstände nur aus Luigi Tencos Sicht erzählt, ich erzähle die Geschichte auch aus Dalidas Sicht.

Wie erzählt man ein Leben, wenn doch die Eckdaten schon alle bekannt sind, was gibt es da noch zu erzählen, wie bist Du vorgegangen beim Schreiben, wie sehr hast Du Dich von den Fakten leiten lassen, wo hast Du fiktionalisiert und warum?

Bei Luigi Tenco und Dalida gibt es klar zwei Sichtweisen. Die französische sieht nur Dalida, die italienische nur Luigi Tenco (die jeweils andere Figur bleibt sekundär und ganz sicher inferior). Von diesen beiden Perspektiven sind auch die Fakten geprägt. Niemand in Italien nahm Dalida als Künstlerin ernst, die mit Luigi Tenco auf Augenhöhe arbeitete. Niemand in Frankreich kannte Luigi Tenco – außer als revoluzzender Songwriter, der mit Dalidas Hilfe den Durchbruch schaffen wollte. Ich wollte die Sichtweisen der beiden Figuren zusammenbringen: als zwei sich liebende Menschen, die versuchen, künstlerisch und als Paar (in den 60er Jahren, also in einem bestimmten historischen Kontext) zusammenzufinden.

Auch in Deinem jüngsten Roman Spurlos in Neapel schickst Du eine Ich-Person als „Rechercheur“ vor und durch die Geschichte. Warum?

Ich habe Mühe damit zu glauben, dass die Wirklichkeit in Texten abbildbar ist. Was wir lesen und schreiben sind nur Projektionen, genährt aus unseren Wünschen, Hoffnungen, Enttäuschungen – gerade wenn es um Fakten geht. Sie in einem Roman zu deuten, steht nur einem Subjekt zu.

Franco Supino: Ciao amore, ciao. Rotpunktverlag, 2004, 276 Seiten,

Franco Supino: Website

Yao Jui-Chung

Von Gold und Schatten

Die erste umfassende Darstellung des taiwanischen Künstlers Yao Jui-Chung

Als ich das erste Mail den Innenhof des C-Lab betrat, ein angesagtes Kulturzentrum in Taipei, musste ich lachen: olivgrüne, aufblasbare Panzer standen vor einem Mann, da mokierte sich einer offensichtlich über die aufgeblasene Machtdemonstration auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1989 oder überhaupt über Macht wie z.B. der einstigen Militärdiktatur Taiwans, denn das Kulturzentrum war früher Hauptquartier der Luftwaffe. Und so ging ich weiter durch Räume, in denen auf Gold grundierten Gemälden gefurzt wurde, verschlungene Körper fluchten oder Weltfrieden heraufbeschwörten. Das war 2020, unversehens war ich in eine Ausstellung von Künstlern geraten, denen nichts heilig war – die Vielfalt nicht nur der Themen, auch der Medien war stupend.

Erst als ich im Frühjahr 2023 den Katalog eines Künstler aus Taiwan in Händen hielt, weil mich ein Schweizer Verlag per Newsletter darauf hingewiesen hatte, begriff ich, dass die Kunstwerke, die ich damals in den über dem ganzen Gelände verstreuten Gebäuden sah, alle von einem einzigen Künstler stammten: Yao Jui-Chung. Ich musste wieder lachen und blätterte very amused in dieser Gesamtschau.

Von Schatten befreien

Yao Jui-Chung, 1969 geboren in Taipei, hinterfragt gängige Kunstformen und Normen, stellt sie buchstäblich auf den Kopf, zieht ihnen in seinen Peformances den Boden unter den Füßen – nimmt alles auseinander und setzt es wieder neu zusammen; aus dem Schatten der Vergangenheit holt er Unterdrücktes hervor und besteht damit gleichsam darauf, dass Taiwan mit seiner Geschichte und Kultur einen eigenen Platz in der Welt erhält. Zudem pocht er darauf, dass man zuerst ein Bewusstsein dafür entwickeln müsse für die Beziehung der Menschen untereinander, zur Umwelt, zur Welt im Allgemeinen, bevor man seine eigene Identität definieren könne – ein Thema, das viele Taiwaner:innen umtreibt.

Yao selbst, so schreibt es die Kuratorin und Herausgeberin Sophie McIntrye, habe eine „mixed heritage“: die Mutter Taiwanerin, der Vater war aus Changzhou (China) und mit den Truppen der Kuomintang-Nationalisten vor den Kommunisten nach Taiwan geflohen. Yao selbst gehörte zur letzten Generation, die noch unter der Kuomintang (KMT) zur Schule ging, als auf den Lehrplänen ausschließlich chinesische Geschichte und Geografie stand, und wenn sie in der Schule Taiwanisch sprachen, mussten sie dem Lehrer dafür einen Taiwan Dollar bezahlen. (vgl. S. 10) Auch im Studium wurde ausschließlich die antike und moderne chinesische Kunst bis zur Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 vermittelt. Bald gab er diese Art der Malerei auf, die er als viel zu traditionell empfand, widmete sich der Fotografie, die ihm geeigneter schien, die Entfremdung in der Gesellschaft zu entlarven. Anfang der neunziger Jahre gründete er zusammen mit Kommilitonen eine Theatergruppe, und schon bald stand die Performance im Mittelpunkt seiner künstlerischen Auseinandersetzung, ja, bis heute gilt er als Pionier der Performance-Szene Taiwans.

Ruinen und Zerfall – buddhistisch gedeutet

Die Welt der Kunstakademie wurde ihm Yao bald zu eng, er reiste durch Taiwan und fotografierte verlassene Gebäude. In der schwarz-weiß-Serie Roaming Around the Ruins (1993) zeigt Yao betonierte Affen hinter einem verlassenen Hotel, zerlegte Dinosauriere in einem Freizeitpark, zerbröckelnde Militärbunker, überdimensionale Buddhafiguren auf Autofriedhöfen, sich selbst überlassene Fabriken, weil es günstiger geworden war, in China zu produzieren. Doch anders, als ich sie verstanden hatte, nämlich als Kritik an sinnloser Umweltzerstörung angesichts eines raffgierigen und zerstörerischen Kapitalismus, zielt Yao darauf ab, mit diesen Ruinen auf den Kreislauf des Lebens, die Unvermeidbarkeit von Leben und Tod, die Wiedergeburt hinzuweisen, ganz im buddhistischen Sinne. „Obwohl unsere kurze Anwesenheit auf dieser Welt von Verfall begleitet wird, sind diese stillen Ruinen Symbol für ein kontinuierliches Gebären und Sterben.“ (S.17) Seine Fotografien sind wie Spiegel, in denen man mit dem eigenen Schatten konfrontiert wird. Über einen Zeitraum von 20 Jahren entwickelte Yao diese Serie, darauf folgte mit Mirage – Disused Public Property in Taiwan (2012-20) eine weitere Serie mit Bauruinen: einige waren gebaut worden, um Wahlversprechungen zu erfüllen, andere bezeugen den sorglosen Umgang der Behörden mit der Ressource Umwelt, mit Land oder einfach mit öffentlichen Geldern. „Moskito Hallen“ werden sie genannt, weil nur Moskitos darin leben können.
In Territory Takeover (1994) arbeitet Yao das erste Mal exzessiv mit Gold: sechs sepiafarbene Fotografien, auf denen ein nackter Mann uriniert, sind über sechs goldenen Kindertoiletten angebracht: Taiwans Geschichte, so Sophie McIntrye, sei für den Künstler nicht history, sondern shitory (Kot und Geschichte sind im Chinesischen Homophone). Gold bedeutet Reichtum und Glück, doch „für mich ist Gold wie Kot. Sobald Geschichte und auch Kunst für Macht und Geld instrumentalisiert werde, sei sie nichts mehr wert, so Yao. (vgl. S. 32)
Der Durchbruch kam mit 28, als Yao zur Biennale nach Venedig eingeladen wurde – beachtlich, da Taiwan als Land nicht international anerkannt ist. Eine Einladung folgte auf die andere, 1997 entstand die Serie Beyond The Blue Sky: Hier wird in allen erdenklichen Formen gefurzt. Sophie McIntrye deutete dies daoistisch im Sinne von: Loslassen. Bis der Künstler während eines Seminars erklärte, er habe während seine Aufenthalts in San Francisco an Verstopfung gelitten, der Anus sei im Mittelpunkt seines Lebens und eben dann auch seiner Bilder gestanden.

Gold und Geld

Dekolonialisierung der traditionellen chinesischen Tuschmalerei, den taiwanischen „Funky Local Style“ zurückgewinnen, lautet eine Zwischenüberschrift in diesem Katalog – ein Motto, das bis heute Yaos Kunst prägt, wie auch die Ausstellung im August 2023 in Taipei zeigte. Figuren in traditionell gekleideten Gewändern treiben über pinkfarbene Gewässer, sitzen vor Computern – oftmals sind diese Szenen in Gold getaucht, oder es tauchen goldene Einsprengsel in Bambuswäldern auf. In einem Gespräch mit dem chinesischen Künstler Hou Hanru erklärt er die Verwendung von Gold mit seiner Affinität zur Tempelästhetik, so wie seine ganze Kunst von der Tempelarchitektur inspiriert sei. (S.64) Yaos neuere Arbeiten versteht er als Satire auf die traditionelle chinesische Gelehrtenmalerei; er male diese Pseudolandschaften auch, um die Absurdität traditioneller ästhetischer Normen herauszufordern. Alles, was falsch und heuchlerisch ist, fordert Yao heraus mit frechen Bildern. Nicht zuletzt mit seiner jüngsten Arbeit „Altar Space“, in der er den Hype um Kryptowährungen mit der Wahrsagerei in einem Tempel überblendet, denn: Für Reichtum zu beten ist für Tempelgänger schließlich so selbstverständlich wie für Krypto-Spekulanten.

Yao, so steht es in der Erklärung zu dieser Arbeit, zeigt sich auch hier einmal mehr als ewiger Skeptiker und Zyniker, der sich über jene lustig macht, die zwar die Wissenschaft ernst nehmen, aber an globale Märkte glauben und Götter, wenn der Erfolg lockt.

Sophie McIntrye (ed): Yao Jui-Chung. englisch, zahlreiche Abbildungen, 208 Seiten, Scheidegger & Spiess, Zürich / Tina Keng Gallerie Taipei, 2023