Literatur-Tweets

Twitter:Hab ich mir überlegt, ob ich mein internes Literatur-Tweet-Ranking veröffentlichen soll, wo ich doch von solchen Rankings gar nichts halte? Aber was tue ich nicht alles um der Literatur willen und wähle deshalb aus einer Fülle meiner Literatur-Tweets die spannendsten, inspirierendsten, aufwühlendsten aus.

Meine #literarische Entdeckung des Halbjahres 2015: Der #norwegische Autor Tor Ulven – stechend, scharf, unhöflich http://www.droschl.com/programm/person.php?person_id=322 …

Alice Grünfelder, Amelie Soyka, Andrea van Bebber: Die Sachensucherin – als eBook kostenlos bei readfy! https://www.readfy.com/de/ebooks/54209-die-sachensucherin/ …

„Sara tanzt“ von Erwin Koch: mit den sachlichen, deshalb umso beklemmenderen Beschreibungen großartig https://www.perlentaucher.de/buch/erwin-koch/sara-

Lange gesträubt gegen „#Comics richtig lesen“ – nun bin ich total begeistert http://www.carlsen.de/softcover/comics-richtig-lesen/22085 …

Wie ein Volk einen ganzen Monat aus seinem Gedächtnis streicht #tiananmen #china #rezension http://www.literaturfelder.com/sie-haben-nie-vergessen-sie-haben-nie-gewusst/ …

Gestern mit Zitaten aus Kurt Aeblis (http://www.tagderpoesie.ch/poesielexikon/kurt-aebli/ …) Gedichten Stegreifreden konstruieren lassen – grandios #rhetorik #lyrik

 

 

Nicht nach Paris reisen?

IMAG0544Vor einem Monat haben in Paris Terroristen in Restaurants und einem Club Menschen getötet und fast ein Fußballstadion in die Luft gejagt. Es hätte jeden von uns treffen können, jeden, der auch nur kurz überlegt hat, im November nach Paris zu fahren. So wie ich. Deshalb habe ich für Annette Lindstädts Blog diesen Gastbeitrag über eine Nicht-Reise geschrieben …

Menschen fallen – wohin?

Ein Mann fällt vom Dach, so steht es in den Ankündigungen zu dieser Hongkonger Anthologie mit „urbanen Kurzgeschichten“. Doch genauer betrachtet fällt er zwischen gepunkteten Reihen hindurch, wobei jede Reihe für ein Jahrzehnt stehen könnte, und für jedes Jahrzehnt wiederum eine Geschichte. Und einige davon sind unbedingt lesenswert, allein schon, weil sie westlichen Erzählprinzipien widersprechen, weil sich Figuren unerwartet verhalten, Knoten sich verdichten und erst gar nicht aufgelöst werden.in-search-of-a-flat

In „The Game of Laughter“ von Evan Yang wird ein Mädchen auf einem Jahrmarkt angestellt, den Lohn bekommt sie Ende des Monats allerdings nur, wenn keiner sie zum Lachen bringt. Sie wird zum Jahrmarktrenner, doch schließlich wird ihr der Lohn verweigert, weil ihr Schluchzen über die Krankheit ihrer Mutter als Lacher gedeutet wird. Traurig-teuflisch ist „A Devil’s Way“ von Li Wai-Ling: ein undurchschaubarer Charakter, dessen Entwicklung sich direkt ins vermeintlich Böse hineinschraubt. Eine bizarre Szenerie beschreibt Hai Xin in „The Banquet“: Feiern in der leerstehenden Villa auf dem Nachbargrundstück reiche Yuppies eine Party, junge Leute oder Geister? Nur das Dienstmädchen weiß, wer dort wirklich feiert, es sind die Bettler des Viertels.

Kann man tatsächlich in einem Formular „Mieter“ als Beruf ankreuzen? Hauptberuflich ist das Ehepaar ständig auf Wohnungssuche. Während andere an Wochenenden Yum-Cha essen, zu Pferderennen gehen oder zu den Outlying Ilands fahren, prüfen die beiden sämtliche Wohnungen, die in der Zeitung ausgeschrieben werden. Magisch-realistisch lässt Leung Ping-kwan die Suche nach dem Traumhaus an einem Meeresstrand enden – und ihm ist auch diese Anthologie mit diesen ungewöhnlichen, gegen den Strich gebürsteten Texten gewidmet.

In Search of a Flat: An Anthology of Hong Kong Urban Short Stories. Ed. Kit Kelen, Mary Wong Shuk-han, Chris Song Zijiang, Lingnan University, 2014

Atmen geht da kaum noch

atmenEine ungeheuerliche Geschichte. Ist sie nur deswegen so ungeheuerlich, weil hier – einmal anders wie gewohnt – eine junge Mutter ihr Kind verlässt? Und sie lässt das Kind nicht nur allein in einem Pariser Heim zurück, wo der Vater es auf gar wundersame Weise findet. Nein, sie verschwindet auch für immer aus dem Leben der beiden, meldet sich nur einmal jährlich zum vermeintlichen Geburtstag des Kindes per Postkarte, erinnert aber offenbar noch nicht einmal mehr das genaue Geburtsdatum. Ahnte sie, dass mit dem Kind etwas nicht stimmte und war deshalb gegangen? Auf diese und auch viele andere Fragen bekommt der Vater keine Antworten, nur eine Menge Wut im Bauch.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Autorin Beate Rothmaier Kinderschicksale vornimmt, schon in ihrem Debüt Caspar wird ein Junge von seiner Mutter verlassen und schlägt sich fortan allein durchs Leben. Allein aber schafft das Lio in Atmen, bis die Flut kommt nicht, denn sie ist mit „Blödigkeit“ geschlagen. Diagnose unklar, klar ist nur, dass Lio nicht wie die anderen ist und bis ins 15. Lebensjahr noch mit Lätzchen essen muss. Die Versuche des Vaters, Lio bei Pflegeeltern oder im Heim unterzubringen, scheitern an seiner Liebe zur Tochter. Er kann nicht ohne sie, auch wenn sein Leben dadurch in vielerlei Hinsicht in eine prekäre Schieflage gerät. Als Comic-Zeichner sich durchs Leben zu schlagen, ist schon nicht einfach; als alleinerziehender Vater eines behinderten Kindes wird er noch weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Als ihm die Tochter auf einer Autofahrt quer durch Deutschland auf rätselhafte Weise abhandenkommt, ist ihm dennoch, als streife er einen zentnerschweren Rucksack ab.

Das Ende der Geschichte ist vieldeutig angelegt und wirkt sprachlich sogar relativ nüchtern verglichen mit der stellenweise schwer erträglichen Expressivität im ersten Teil des Romans. Doch im Laufe der Lektüre versöhnt man sich mit der Vorstellung, dass nur auf diese Weise die Beschreibung all der körperlichen Ausscheidungen der Tochter und der existentiellen Ausnahmezustände des Vaters überhaupt möglich ist. Eine ungeheuerliche Geschichte von seltener, gleichsam verstörender Eindringlichkeit.

Beate Rothmaier: Atmen, bis die Flut kommt. DVA-Verlag, 2013.

Berlin im Sommer

berlinWenn die Sonne vom Schaufenster geschluckt wird
von gläsernen Fassaden
Wenn ein Reiher zwischen Häuserschluchten
verschwindet
Bikini Berlin lichtgepunktet leuchtet
Frau mit Hut und rot-weiß kariertem Minikleid zum Takt wippt
Männer x-beinig die Treppen hinaufstolpern
verständnislos über die Schulter blicken

Wenn auf der Bühne Poeten durch die
Abenddämmerung surfen
und Möwen like diamonds in the sky
durch den nachtblauen Himmel pflügen –
dann ist Sommer in Berlin.

 

 

 

 

buchcover klartext verlag

Kürzestgeschichten

sachensucherin

Wenn jedes Wort zählt.

Tatsächlich hat es mein kurzer Text „Zimmermädchen“ geschafft, sich unter mehr als 2000 Einsendungen bemerkbar zu machen, ausgewählt und nun abgedruckt zu werden – in einer Anthologie mit dem markanten Titel Die Sachensucherin.

Organisiert hat den Literaturwettbewerb das Literaturbüro Ruhr, und erschienen ist das Buch mit 55 Kürzesttexten beim Klartext-Verlag.

55 Kürzestgeschichten haben es in die vorliegende Anthologie geschafft, eine Sammlung kleiner Kunst-Stücke aus Sprache, thematisch variantenreich, auf der Höhe der Zeit und doch mit Blick auf Vergangenheit, die nicht vergehen will.

Gerd Herholz (Hrsg.), Verena Geiger (Hrsg.), Jens Dirksen (Hrsg.), Ulli Langenbrinck (Hrsg.)
 Die Sachensucherin
55 kurze Geschichten
 erschienen am 17.08.2015 im Klartext Verlag, 158 Seiten, Broschur, 12,95 €  ISBN: 978-3-8375-1518-3

Das 13. Zimmer

Schreibwerkstatt für Jugendliche.

In jeder Familie gibt es einen komischen Kauz, ein schwarzes Schaf, eine lustige Grossmutter, ein Grossvater, von dem man womöglich nicht einmal den Namen weiss. Und Familienmitglieder sind nun einmal die Personen, deren Ticks und Tricks man am besten kennt. Schade ist auch, wie viel Familiengeschichte verloren geht, wenn niemand sie aufzeichnet.
Figuren wiederum sind tragende Pfeiler einer Geschichte, wir leben mit ihnen, wir fiebern mit ihnen mit. Sind die Figuren nicht richtig ausgestaltet, funktioniert auch die Geschichte nicht. Ziel der Schreibwerkstatt also ist es, aufgrund von Recherchen in der eigenen Familie oder in Stans die Figuren in den Texten möglichst lebensecht auszugestalten, ohne Familienmitglieder zu entlarven. Wir lernen, Figuren zu collagieren und zu fiktionalisieren, damit sie im Text funktionieren.

Ort: lit.z – Literaturhaus Zentralschweiz
Zeit: Abschlusslesung mit Jugendlichen des Kollegiums St. Fidelis, der Mittelschule des Kantons Nidwalden, am 26.11.2015 um 18:45 Uhr.

 

Zitate aus Texten, die während des Workshops entstanden sind:

Wandern war meine Leidenschaft, bevor alles begann.

„Sollen wir das wirklich tun?“ Ich hatte meine Zweifel.

Es ist ein Blitzentscheid gewesen, doch ich weiss, dass ich es niemals bereuen werde.

Hä, was Knall? Ich verstehe gar nichts.

Er schaut nicht einmal zurück, als wüsste er genau, was von ihm erwartet wird.

Das Meer hab ich gegen die Alpen eingetauscht.

Ich gewöhnte mich daran, dass hier nichts so ist wie in der Schweiz.

Zweifel kommen langsam auf, die Angst davor, ausgelacht zu werden.

Heute würde die Armee durch das Dorf marschieren. Ich zog es dieses Mal vor, auf unser ohnehin schon rationiertes Frühstück zu verzichten.

Immer das gleiche dunkle Brot … Wie Pappe, man kaut drauf rum, es klebt zwischen den Zähnen … Man muss es mit Milch, Ziegenmilch (bitter und fettig), hinunterspülen.

Benommen bleibt sie liegen und starrt auf das direkt über ihr hängende rosa Euter.
Wir hatten uns immer über Leute lustig gemacht, die behaupteten, man würde die letzten Stunden seines Lebens an sich vorbeiziehen sehen, wenn es so weit wäre.

Da traf ich eine Entscheidung und bog auf die Strasse Richtung Freiheit ab.

Birmesische Autorin …

Wendy Law-Yone als Friedrich Dürrenmatt-Gastprofessorin an der Uni Bern.

1.12.: Gespräch und Lesung mit Wendy Law-Yone (in englischer Sprache)
Moderation: Alice Grünfelder

Wendy Law-Yone, geboren in Mandalaly, floh als 20-Jährige aus Birma und lehrte an der School of Oriental and African Studies der University of London. Zu den wichtigsten Themen in ihren Romanen gehören die Erfahrungen der Diktatur und des Exils, das Leben zwischen Ost und West sowie die Auswirkung der turbulenten Geschichte Birmas auf die individuellen Schicksale seiner multiethnischen Bevölkerung.

Zeit: 1. Dezember 2015, 20 Uhr
Ort: Café Ono, Bern

Rückblick: „Es war ein Vergnügen, den beiden in ihrem klugen, angeregten Dialog zuzuhören, darin waren sich wohl die zahlreich anwesenden Interessierten einig.“

In Zusammenarbeit mit artlink und der Uni Bern.

Buch: Flügelschlag des Schmetterlings – Tibeter erzählen

Cover
„Flügelschlag des Schmetterlings“ (© Unionsverlag)

Herausgegeben von Alice Grünfelder.

Das Unbehagen in der eigenen und fremden Kultur macht die Tibeter im mehrfachen Sinne zu modernen Nomaden des 21. Jahrhunderts. Zum ersten Mal versammelt dieser Band vielfältige und kontroverse Texte von tibetischen Autorinnen und Autoren der jüngeren Generation aus Tibet und dem Exil.

Der Protagonist in Alais Erzählung Blutsbande hat einen chinesischen Großvater und einen tibetischen Vater; als er mit chinesischem und tibetischem Namen gerufen wird, zerreißt es ihm fast das Herz. In Ralo von Tsering Döndrub begegnen wir einem haltlosen jungen Mann, der seine Umwelt nicht versteht. Während in Tibet lebende Schriftsteller Kritik subtil oder verfremdet in ihre Texte einfließen lassen, artikuliert der Exil-Tibeter Palden Gyal ganz unverblümt die Ungerechtigkeiten, die während der Kulturrevolution geschahen. Umso mehr erstaunen die persönlichen Eingeständnisse von Exilanten, die wieder die Annäherung an Tibet suchen.

Mit Texten von Alai, Jamyang Norbu, Tsering Öser, Tenzin Tsundue und vielen anderen.

Übersetzungen aus dem Chinesischen und Englischen von Alice Grünfelder,
aus dem Tibetischen von Franz Xaver Erhard

Was andere über das Buch sagen:

Interview mit der Herausgeberin:

www.fairunterwegs.ch

Kontrapunkt China – Tibet

Berliner Literaturkritik

„Flügelschlag des Schmetterlings“ erschien bereits im Juli 2009 im Unionsverlag. Alice Grünfelder publizierte hierin Texte tibetischer Autoren und Autorinnen, die über ihre Zerrissenheit zwischen China und dem nach Autonomie strebenden Tibet schrieben.

Wer hätte besser eine Auswahl über die Sicht einzelner Autoren bezüglich der Tibet-China-Krise treffen können, wenn nicht Alice Grünfelder? Verbrachte sie doch schließlich zwei Jahre als Stipendiatin in Chengdu, der Provinz Sichuan in China, und unternahm zahlreiche Reisen nach Tibet, wo sie unter anderem als Dolmetscherin tätig war. Nach ihrem Aufenthalt schloss sie ihre Magisterarbeit bezüglich neuerer tibetischer Literatur ab und kehrte 1999 nach Berlin zurück, um dort eine Agentur für Literatur in Asien zu gründen. Bereits 1997 thematisierte Alice Grünfelder, respektive Erzähler aus Tibet, in „An den Lederriemen geknotete Seele“ ein Panorama der rätselhaften Tibeter und ihrer Glaubenswelt. „Flügelschlag des Schmetterlings“ skizziert ebenfalls kulturelle Gegebenheiten, offeriert jedoch insbesondere persönliche Empfindungen mit Fokus auf den anhaltenden politischen Spannungen.

Aus: Berliner Literaturkritik

Birma – Vignetten

Flug nach Mandalay.

Zwei Mönche mir gegenüber, im 4er-Sitz, praktisch. So könnte man ins Gespräch kommen, wären die Propeller nicht so laut und schickten einen vibrierenden Stoß nach dem anderen durch das Trommelfell, den Rücken hinab bis hinunter in die Zehen.
Zwei Tage Yangoon liegen hinter uns. Der Schimmel an den Häuserwänden ist in den vergangenen Jahren noch dunkler geworden, der Reiz des Verkommenen architektonischer Hoffnungslosigkeit gewichen.

Blühender Zerfall

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Wo einst das Büro des Verantwortlichen für das Verlagswesen Birmas untergebracht war, ist alles versperrt und verriegelt. Die Bierkneipe, in der wir immer so gern gegessen hatten, mit Brettern zugenagelt. In einem Gebäude, dessen rötlicher Putz hier und da noch zu erahnen ist, sprießen aus dem 3. und 4. Stock Bäume, derweil im Erdgeschoss offenbar noch Veranstaltungen abgehalten werden, jedenfalls lassen die Stuhlreihen dies vermuten. Wo früher ein Markt war, hat man riesige Häuserblocks errichtet. In den unteren Geschossen dunkle Münder, die Waren verschlucken und ausspucken. Nachts aber dröhnen die Blocks, aus jedem ein anderer Hit, die Fenster blinken in allen Farben.

Still und gedämpft

Laut sind hier in den Straßen nur die Jungs, die an den offenen Bustüren hängen und ihre Routen ausrufen. Ansonsten funktioniert hier scheinbar alles reibungslos und still. Keine freundlichen Gesichter, aber auch keine unfreundlichen. Um nichts wird viel Aufhebens gemacht. Auch nicht, als vor dem Bankschalter ein junger Burmese Dutzende von gebündelten Banknoten abholt. Von irgendwoher bringt ihm jemand zwei große Plastiktüten. Einer hilft ihm, die Geldscheine hineinzupacken, eine Tüte ist fast zu schwer, der Griff zum Reißen gespannt, deshalb wird sie oben noch einmal zugeknotet, mit zwei Tüten macht er sich auf Richtung Ausgang, fast rutscht ihm die untere aus den Händen, er sucht seinen Schirm, den jemand an die Tür gehängt hat, ein anderer spannt ihn auf für diesen jungen Mann, der in der Menge verschwindet.

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Shwedagon im Monsun, ruhig oder gedämpft? Rituale wie das beständige Waschen und Putzen der kleinen Buddhastatuen rund um die Pagode bleiben rätselhaft. Das Schauen muss genügen für den Moment. Innere Ruhe will nicht einkehren beim Anblick der zahllosen kleinen Stupas, Buddhas, Mönchen und Nonnen. Dazwischen immer wieder Männer mit Abzeichen an der Hemdbrust: Passen sie auf den Tempel auf, achten sie auf gebührliches Verhalten oder seltsame Bewegungen unter den Besuchern? Für Außenstehende nicht auszumachen. Außen. Innen. Warum bin ich hier?

Regenzeit in Kalaw.

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Wie Winter. Das feuchte Leben spielt sich in den eigenen vier Bretterwänden ab. Draußen duckt man sich unter vielfarbigen Regenschirmen mit Blumen, Mickey Mouse, Logos internationaler Designmarken, schiebt sich samt der Schirme unter Plastikplanen über den Markt, ab und an stürzen Wassermassen in die Gassen, nicht selten erklingt ein unterdrückter Aufschrei und ein leises Lachen der Marktfrauen über den Unglücklichen, den es erwischt hat. Kaum ein Augenpaar, das unter dem Schirmrand hervorlugt, denn das frische Gemüse, das Obst, die zahlreichen Schnittblumen, die später vor die Buddhastatuen gestellt werden in den unzähligen Tempeln im Ort und der Umgebung, sind wichtiger als der fremde Besucher.
Nirgends fand sich ein Hinweis, dass Kalaw eine Militärstadt ist. Die Straßen sind voll mit „Grand Tigers“, brandneuen Automobilen, sie stehen in Reih und Glied vor dem Markt. Kaufen Soldaten mit wächsernem Gesicht für ihre Frauen ein, die in den Autos warten? Niemandes Englisch reicht für ein Gespräch, Gesten müssen genügen, um sich nicht zu verirren auf dem Bazar, um nach dem Preis zu fragen, nach den Spezialitäten aus Teig, die ein indisch aussehendes Paar auf Bastmatten anbietet.

Birma – ein Vielvölkerstaat und mehr

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Auf dem Markt Chinesen, Inder, Nepali, Burmesen, auch Bangladeshi? Groß gewachsene Männer mit europäischen Gesichtszügen und dunkler Haut, einer schlurft daher wie ein Japaner, wieder ein anderer könnte die Hauptrolle in einem Bollywood spielen; Frauen mit Thanaka auf den Wangen sind dennoch in der Mehrheit, auch deren Gesichter könnten unterschiedlicher nicht sein. Wie lange ist es her, dass Japaner, Briten diesen Ort verlassen haben? Selbst die über Siebzigjährigen waren damals noch Kinder, die Völker haben sich anscheinend schon früher und über Generationen hinweg vermischt.
Nachfahren nepalesischer Gurkhas bieten in einem Restaurant nepalesische Gerichte an. Die Frau des Hauses reichte einem Mann mit chinesischen Gesichtszügen drei dicke Bündel mit Geldscheinen. Der zählt und zählt. Wer ist dieser Mann, denn die Summe, rasch überschlagen, beträgt 300 bis 500 Dollar, schon im Voraus abgezählt und vorbereitet, mit seinem Besuch wurde gerechnet, sie erhält eine Quittung dafür. Der Vermieter? Einer dieser reichen Chinesen, über die sich das Volk so sehr ärgert, dem hier in Kalaw eine dieser Villen im Cottage-Stil gehört?

Westliche Vorstellungen vom Golden Triangle

Das zweistöckige, gelb gestrichene Wohnhaus gegenüber von unserem Hotel gibt Rätsel auf. Warum zum Beispiel tritt die ältere Matrone alle paar Stunden vors Haus und wirft Hände voll Reiskörner auf die Straße, um zahllose Tauben anzulocken? Zwei Männer auf einem Moped fahren in den Hof, der Beifahrer hat einen Strauß Blumen im Schoß. Sie holen einen fettbauchigen Sack Reis und packen ihn vor den Fahrer unters Lenkrad. Eine alte Frau, das weiße Haar zu einem Dutt am Hinterkopf geknotet, schöpft oben auf dem Balkon Wasser von einem Behälter in den anderen. Dann schüttet sie einen Becher voll in den Hof hinunter, wäscht sie Gläser aus? Herauszufinden wäre dies nur mit einem Fernglas. Sie zupft immer am selben Blumenstrauß mit den weißen und gelben Blüten herum. Als die Frau mich entdeckt, knotet sie hastig ihren Longy neu, dreht mir auf dem schmalen Balkon den Rücken zu. Im Seitenflügel stehen Tür- und Fensterflügel weit auf, undeutlich sind Billardkugeln im Dunkeln zu erkennen, Männer lehnen an der Fensteröffnung, schauen mal dem Spiel zu, manchmal hinaus in den nicht nachlassenden Regen.

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Ein Mönch schüttelt kurz seinen Regenschirm aus, bevor er den Billard-Salon betritt: braun der Schirm, braun sein Gewand und auch die samtenen Sandalen. Mit einem Föhn müsse man diese trocknen, würden sie nass, erklärte die Schuhverkäuferin mir in Yangoon. Ein Mönch mit Föhn? Ein junger Mann geht vor dem Eingang kurz in die Hocke, schiebt den Longy wieder hoch und kehrt zurück zum Spiel. Noch immer lehnen dieselben Männer am Fensterrahmen, noch immer regnet es, seit heute Früh schon. Drei Mopeds stehen mittlerweile vor dem Billard-Salon, ein weiteres fährt vor, der Beifahrer mit Spitzhut aus Palmblatt. Ob wohl auch Alkohol ausgeschenkt wird? Ein Mann hängt seinen rosafarbenen Regenmantel an den rostbraunen Fensterflügel, schaut kurz hinaus auf die Wolken, die immer tiefer ins Tal drücken. Bald wird darin auch die Spitze der weißen Pagode verschwinden. Es regnet wieder stärker. Die Tropfen prasseln lauter und schneller auf das Pflaster. Darunter mischen sich Gitarrenklänge von irgendwoher.

Vor dem Haus steht ein Schild, in birmesischen Schriftzügen steht wohl drauf, was hier gehandelt wird, Reis? Bilder von Kinofilmen aus der benachbarten chinesischen Provinz Yunnan ziehen durch den Kopf, wo in solchen Häusern ungeheure Mengen von Rohopium in geheimen Verstecken gelagert und verkauft werden, und von wilden Schießereien. Golden-Triangle-Fantasien eines westlichen Hirns.
Im Billardraum brennt nun Licht, grün scheint der Billardtisch auf, sieben Mopeds stehen nun davor, eines ist rot. Es regnet noch immer, wird endgültig dunkel.
Ausschnitte, Oberflächen, die Fragen aufwerfen und vermeintlich Geschichten erzählen, die in die Irre führen, weil man eben nur einen Bruchteil sieht; keine Möglichkeit, tiefer zu dringen. Das bloße Schauen führt irgendwann ins Nichts, kreist um sich selbst.

Morgengymnastik in Pyay.

Während die Inder über Jahrhunderte das Yoga verfeinerten, Chinesen Tai Chi und Kungfu, selbst Vietnam einen eigenen Kampfstil entwickelte und in Thailand das Thai-Boxing mit Schlägen und Kicken Menschenmassen in Stadien treibt, ist aus Burma nichts dergleichen bekannt. Eine besondere Form des burmesischen Yoga soll es geben, doch selbst Weitgereiste, Intellektuelle und besser gestellteBirmesen haben davon noch nie etwas gehört.

Lauftrainer und Hüftschwinger

In Pyay aber gibt es an der Strand-Promenade, die nur ein fader Abglanz des gleichnamigen Boulevards in Yangoon ist, einen kleinen Park, der etwa 250 Meter Länge und 50 Meter Breite misst: mit Schaukeln, Bänken und kuriosen Geräten. Gut, den Lauftrainer mag man noch erkennen, dass man aber auf den kreisenden Scheiben lediglich seine Hüften ein wenig hin und her schwingt, wird mir erst beim heimlichen Beobachten einiger Kinder klar. Was aber sollen die schwarzen Rollen auf Knie- und Schulterhöhe? Damit massiert man die Waden, indem man die Beine darüber legt und hin und her zieht, sehe ich am anderen Morgen bei einem Mann.

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Die Frauen in ihren Longyis schlendern nicht einfach durch den Park, was mir erst dann auffällt, als sie schon zum vierten Mal an mir vorüberkommen. Sie gehen tatsächlich ein wenig schneller als auf der Straße, kehren am Ende des asphaltierten Weges schwungvoll um und schreiten den Weg erneut ab. Eine schließt und öffnet dabei ihre Fäuste. Nordic Walking, aus Ermangelung der Stöcke eben nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Ein älterer Herr in grauen, knielangen Hosen und einer dazu passenden Jacke biegt unvermittelt ab und stampft mit seinen klobigen Turnschuhen zur vierten Schaukel, reckt sich in die Höhe und holt seinen Schirm herunter, an dem er seinen dreistöckigen Henkelmann befestigt hat. Stapft dann davon und würdigt mich keines Blickes.

Liebesblick

DCIM100SPORT

Ein Neuankömmling mit Schirmmütze zieht sein rechtes Bein ein wenig nach, vermutlich ein Schlaganfall vor ein paar Wochen, Monaten? Ein anderer stellt sich kurz auf den Lauftrainer in seinem Longyi, danach geht er zur Drehscheibe und schwingt seine Hüfte ein wenig hin und her, allerdings sehr viel weniger dynamisch als die Walking-Frauen zuvor, die noch eine Dehnübung anschlossen auf der kleinen Plattform, die direkt auf den Irrawaddy hinausgeht. Durchaus reizvoll dieser Blick über den Stacheldraht – der den Park vor wem oder was schützen soll? – auf den braunen, rasch dahinfliessenden Irrawaddy, auf die große Brücke, dahinter die geduckten Hügel. Das langsame Hin- und Her auf dem Lauftrainer versetzt einen in eine leichte Trance, während die Mosquitos um die Knöchel schwirren.

Zwischen Park und Fluss sind auf einem schmalen Uferstreifen kleine Zeltbuden aufgestellt. Verlassen am Morgen, bevölkert am Abend von Liebespärchen, die mit Blick auf das kreiselnde Wasser an Limonade nippen und die Arme umeinanderlegen. Liebesbuden am Ufer des Irrawaddy, unter blau-rot-weiß gestreiften Zeltplanen, neben Laufbändern und Hüftschwinger. Für Leib und Seel ist offenbar ausreichend gesorgt.

Aufgezeichnet am 31.7.2012 / 1.8.2012