Taiwan: eine Insel mit 23 Millionen Einwohnern und einer komplexen Geschichte. Unweit der chinesischen Südküste gelegen, wurden die Inselbewohner immer wieder von benachbarten Großmächten überrannt, immer wieder suchten chinesische Exilanten hier nach Zuflucht. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs war die Insel eine japanische Kolonie, und als Mao in Peking die Volksrepublik ausrief, flohen anderthalb Chinesen nach Taiwan.
Von diesen Wirren und Überlagerungen unterschiedlichster
Völkerschaften mit all den damit einhergehenden neben- und auch gegeneinander
ausgespielten Lebensweisen erzählt die Autorin Jade Y. Chen in ihrem
Familienroman Die Insel der Göttin. Es geht darin nicht nur um ihre
eigene Familie, in der sich das Leid einer Japanerin genau so spiegelt wie
eines taiwanischen Untergrundkämpfers, der sich für die Demokratie auf der
Insel engagiert und deshalb nach Südamerika fliehen muss. Sondern auch um die
zentrale Frage, die Taiwaner heute umtreibt: „Wer sind wir? Und was ist Taiwan
eigentlich?“ Die Antwort ist alles andere als einfach, wenn man sich folgende Familiengenealogie
vor Augen führt: „ ,Mein Urgroßvater väterlicherseits war Mongole (…). Er
heiratete meine Urgroßmutter, die aus der Nähe von Shanghai stammte. Mein
Großvater und mein Vater sind in Peking geboren. (…) Als junger Mann ging mein
Vater nach Taiwan und lernte in Taichung meine Mutter kennen. Meine Großmutter mütterlicherseits
war eine Japanerin, die meinen Großvater heiratete, dessen Vater, also mein
Urgroßvater, aus Südchina stammte., „
Die Loyalitäten sind entsprechend schwankend. Der Vater der
Ich-Erzählerin, ein wankelmütiger Abtrünniger, der mit den Kuomintang-Truppen
des aus China geflohenen Chiang Kaishek nach Taiwan gelang, kehrt eines Tages
wieder aufs Festland – womit die VR China gemeint ist – zurück, nur um dort als
vermeintlich reicher Mann von seinen Verwandten über den Tisch gezogen zu
werden. Der Großvater fühlt sich dem japanischen Kaiserreich verpflichtet und kämpft
bei der Luftwaffe, verschwindet aber eines Tages, nachdem die Kuomintang-Partei
die Macht übernommen hat. Und die japanische Großmutter verstrickt sich in eine
heimliche Liebe mit dem Großonkel.
Geschickt weiß die Autorin diese Biografien miteinander zu verflechten, wodurch ein einmaliges und vielschichtiges Kaleidoskop der Inselrepublik entsteht, über die im Westen nur wenig bekannt ist. In vielerlei Perspektiven beschreibt sie eindrücklich, wie es sich heute anfühlen muss, in Taiwan mit all den individuellen Traumata zu leben. Dem Schweigen aber, das sich wie Mehltau über die Familie und auch das Land legt, und der damit einhergehenden Lieblosigkeit kann Jade Chen im Buch und auch in der Realität offenbar nur dadurch entkommen, indem sie das Land verlässt. Als hervorragende Einführung in die jüngste Geschichte Taiwans, das international aufgrund des zunehmenden Drucks der VR China zunehmend isoliert wird, sei dieser Familienroman unbedingt empfohlen.
Jade Y. Chen: Die Insel der Göttin. Münchner Frühling Verlag, 2009, 419 Seiten, ca. 42,90 sFr.
Dieses Debüt des taiwanesischen Autors Wang Ting-Kuo ist nicht wirklich greifbar: Ein Mann wird verlassen, zerbricht fast daran – bis eines Tages ein erfolgreicher Geschäftsmann sein Café betritt. Eine Rückschau beginnt, die mäandert, auch die Figuren bleiben vermutlich bewusst vage.
Der Hintergrund der Geschichte, immer wieder kurz angerissen, verrät einiges über die jüngste Geschichte Taiwans. Beispielsweise über den Bauboom zwischen dem Jiji-Erdbebens von 1999 und des Ausbruchs von SARS im Jahr 2003, über die Stimmung in verlassenen Küstenorten, über die Verlorenheit der Menschen, die aus weniger begüterten Verhältnissen stammen wie die Hauptfigur. Eine Szene aus dessen Kindheit schwebt über der weiteren Lektüre: Der Junge ist acht Jahre alt und geht an der Hand seines Vaters zur Schule. Der darf jeden Tag ungehindert ein und aus gehen, was den Sohn mit Stolz erfüllt. Er vermutet ihn in der Schulverwaltung, bis er am Tag seiner Einschulung entdeckt, dass er „in einer weiten schwarzen Regenhose und klobigen Gummistiefeln … energisch den verdreckten Boden schrubbt.“ Der Junge schleicht davon, geht nach Hause, wo die Mutter auf dem Boden sitzt. Ihr wischt er den Speichel vom Mund, denn nach einem Unfall hat sie den Verstand.
Gegen Ende legt der Roman ein wenig an Tempo zu, und die Figuren überzeugen zunehmend – das Ganze gewinnt schlussendlich an Sinnhaftigkeit.
Wenngleich die seltsamen stilistischen Brüche, die sicherlich nicht dem Übersetzer Johannes Fiederling anzulasten sind, immer wieder irritieren, stimmen reizvolle und ungewöhnliche Bilder sowie stilistische Kapriolen nachdenklich. Wang Ting-Kuo gelingt mit seinem Roman jedenfalls ein stimmungsvolles Porträt von Taiwan – ein Sound bleibt ihm Ohr, den man nicht so schnell vergessen wird.
Während des Ersten Weltkriegs arbeiten nach der verlustreichen Schlacht an der Somme im Jahr 1916 140.000 Chinesen für die Briten und Franzosen. China setzt die chinesischen Arbeiter als Pfand ein, um bei den Friedensverhandlungen in Versaille – im Siegesfall der Alliierten – ihre Provinz Shandong wieder zurückzuerhalten. Die chinesischen Arbeiter bleiben teilweise bis 1922 in Frankreich und „räumen den Krieg auf“. In der österreichischen Zeitschrift „Wespennest“ erscheint nun ein erster Text zu diesem Thema.
„Vom Aufprall auf dem Boden der Realpolitik hat sich Hongkongs Gesellschaft bis heute nicht wirklich erholt. Die Regenbogen-Bewegung ist kein Thema mehr für die Bevölkerung, doch immerhin werden Unregelmässigkeiten bei Wahlen aufmerksamer verfolgt als auch schon. Die Menschen sind verunsichert. Als ich darüber mit der Mitarbeiterin eines kleinen Verlags spreche, überlegt sie lange, bevor sie sich quasi selbst befragt: Was darf man tun, was sagen, wo ist die rote Linie? Welche Auswirkungen hat vielleicht zu einem späteren Zeitpunkt mein Tun, und sind davon auch meine Kinder betroffen?“ Rote Linien überall, von der chinesischen Regierung in Beijing willkürlich gezogen. Man sieht sie erst, wenn das Überschreiten Folgen hat. Nachzulesen sind diese Überlegungen in „Wer weiss denn schon, wo genau die roten Linien verlaufen – in Hongkongs Kulturszene herrscht Verunsicherung“, NZZ vom 3.5.2019.
„Wovon man nicht reden kann, darüber muß man schweigen“, schrieb Ludwig Wittgenstein im letzten Abschnitt des Tractatus. Hätte ich also besser über das geschwiegen, was mir beim Besuch des Gefängnisses Tuol Sleng und der Killing Fields Cheung Ek außerhalb von Phnom Pen durch den Kopf ging? Als ich mir vorstellte, dass hier in einem einstigen Gymnasium ein Mädchen zuerst gefoltert und später ermordert wurde? Eines von ca. 14.000 Menschen? Etwa zur selben Zeit ging ich auf Partys, trug dieselben Schlaghosen wie sie, hörte vielleicht sogar dieselbe Musik? Wer war sie?
Der einen kommen die Schreibideen auf dem Hometrainer, beim Paddeln mit dem Kajak – zum Beispiel mir -, einem anderen unter der Dusche. Als Maike Frie mir zum alljährlichen Blogwichteln der Textinen ein Interview mit Katarina Pollner vorschlug, die Tanzen mit Schreiben kombiniert, dachte ich, ja, warum eigentlich nicht? Und war neugierig.
Katarina Pollner, Foto: Ruth Frobeen
Wie
passen Tanzen und Schreiben zusammen? Viele stellen sich Schreibende vermutlich
im Dachkämmerlein oder am Cafétisch vor – auf jeden Fall sitzend, allein und
vielleicht auch beengt. Sind das Klischees, mit denen du aufräumen kannst?
Wenn wir schreiben, schreibt immer auch
unser Körper. Unsere Haltung, die übergeschlagenen Beine, der vorgestreckte
Kopf, die verkrampfte Hand, wenn wir mit dem Stift schreiben – all das hat eine
Wirkung auf unsere Gedanken, auf das Wie und Was wir schreiben. Der physische
Akt des Schreibens und die Medien, die wir verwenden (zum Beispiel den Computer
oder Stift und Papier) haben Einfluss auf den Text, der entsteht.
Sich körperlich zu bewegen, kann einen
stockenden Schreibfluss in Schwung bringen, und sei es, dass wir eine Runde um
den Block gehen oder uns ausschütteln.
Als Schreibtrainerin und Schreibende
befasse ich mich damit, wie wir leichter Zugang zu Inspiration und Kreativität
finden können. Im Zentrum steht die Frage, wie wir das überwinden können, was
uns daran hindert, frei und furchtlos zu schreiben: in erster Linie unsere
Zweifel und einschränkende Vorstellungen davon, wie wir schreiben sollten. Am
besten gelingt das im Flow, einem Zustand, in dem wir eins sind mit dem, was
wir tun, und das Gefühl für Zeit und Raum verlieren. Wer einmal Flow erfahren
hat, weiß, was ich meine. Sowohl beim Tanzen als auch beim Schreiben kann sich
Flow einstellen, wenn ich mich einlasse und loslasse.
Ich schreibe nicht nur beharrlich und
leidenschaftlich, ich tanze auch sehr gerne. Beim Tanzen nehme ich mich
intensiv wahr. Ich spüre nicht nur meinen Körper, sondern auch „mich“, was auch
immer das sein mag – meinen Kern, meine Seele, mein Bewusstsein. Ich
akzeptiere, wer ich jetzt in diesem Moment bin. Zur Bewegung kommt die Musik
hinzu, die Emotionen weckt. Selbstwahrnehmung, Fokussierung und die
Durchlässigkeit für Gefühle, Ideen, Imagination und Kreativität das bildet für
mich die Brücke zwischen Tanzen und Schreiben.
Wie
bist du auf die Idee gekommen, Tanzen und Schreiben zu kombinieren? Seit wann
bietest du solche Kurse an?
Seit einigen Jahren bin ich Trainerin
für ENERGY DANCE®. Mit dieser Methode
kann ich Menschen ohne Choreografie und Schritte-Üben direkt ins Tanzen führen.
Ich erkannte, dass dies eine großartige Möglichkeit ist, die Verbindung von
Tanzen und Schreiben all denen zu öffnen, die wenig bis keine tänzerische
Erfahrung haben. Um im Flow tanzen zu können, sich Impulsen zu öffnen, muss man
in der Bewegung aufgehen. Das gelingt nur, wenn man nicht (mehr) zählt, sich
nicht panisch eine Choreografie in Erinnerung ruft oder das Gefühl hat, an
komplizierten Schrittfolgen zu scheitern. Bei choreografischen Methoden ist das
erst der Fall, wenn man ein
recht hohes Level erreicht oder sehr viel geübt hat. Auch freie
Tanzimprovisation kann anspruchsvoll sein – man muss erst lernen, sich Impulsen
zu öffnen. Mit ENERGY DANCE® kann ich
Menschen direkt in Bewegung führen. Sie folgen einfach meinem Bewegungsfluss,
ohne darüber nachzudenken oder verstehen zu müssen, was sie tun. Das Motto ist „Raus
aus dem Kopf, rein in den Körper“ und das funktioniert von Anfang an.
Dies bot mir die Chance, Tanzen und
Schreiben als Methode allen Menschen zu öffnen, unabhängig von Tanz- oder
Schreibvorerfahrungen. Ich entwickelte ein Konzept und biete seit einiger Zeit
erste Workshops an.
Gibt
es bestimmte (Schreib-)Übungen, die sich für dieses Format besonders eignen?
Am naheliegendsten ist es, abwechselnd
zu schreiben und zu tanzen. Die Bewegung des Körpers geht in den Fluss der
Wörter über und umgekehrt. Ich arbeite oft mit Free Writing, also damit, mit
oder ohne einen Impuls möglichst unzensiert und spontan zu schreiben, was
kommt. Mit den entstandenen Texten kann man weiterarbeiten: einzelne Sätze und
Bilder können der Kern eines neuen Textes werden. Man kann die Musik und die
Bewegung auch mit unterschiedlichen Schreibanreizen kombinieren, von Bildern
über zu verwendende Begriffe bis hin zu Gerüchen und Farben. Themen, Figuren
und Stimmungen können vom Schreiben in den Tanz mitgenommen und dort
weiterentwickelt werden. Ich habe auch schon mit Bildern, Zeichnungen oder
Gruppen-Assoziationsnetzen experimentiert. Texte können im Tanz ausgetauscht
und von anderen weitergeschrieben oder beantwortet werden.
Was
macht die Bewegung mit den Schreibenden? Was für Rückmeldungen bekommst du?
Welche (Schreib-)Prozesse stößt das an?
Die Bewegung lässt die Gedanken und
Impulse fließen. Es können unerwartete Ideen aufkommen. Durch den Wechsel von
Schreiben und Tanzen kommt es seltener zu Blockaden. Wir ändern unserer
Haltung, geben unserem Hirn neue Aufgaben und Eindrücke, so kann die
Kreativität sich entfalten. Die Text sind oft, und das ermuntere ich
ausdrücklich, überraschend, bildhaft und dicht. Es sind meist Entwürfe, an
denen man später weiterarbeiten kann. Ich habe aber auch schon erlebt, dass „aus
dem Nichts“ fertige, runde Szenen entstanden.
Wer
sind typische Teilnehmer*innen von „Tanzen und Schreiben“? Wer sollte sich noch
auf den Weg machen, das für sich zu entdecken?
Bislang kamen die Teilnehmer*innen
zumeist vom Schreiben. Ich habe aber auch einen Wochenendkurs unterrichtet, in
dem die meisten Teilnehmer*innen erfahren in der Tanzimprovisation waren. Sie
konnten sich beim Tanzen schnell von meinen Impulsen lösen und in einen eigenen
Bewegungsfluss eintauchen. Das ist bei meiner Methode jederzeit möglich, sodass
mehr oder weniger Tanzerfahrene auch in derselben Gruppe arbeiten können.
Tanzen und Schreiben ist daher geeignet
für alle, die sich auf einen kreativen Prozess einlassen wollen, bei dem sie
nicht vorher genau wissen, was entstehen wird. Bewegung, Musik und Schreiben
wecken Bilder, Erinnerungen und Assoziationen. Emotionen werden angesprochen.
Man kann plötzlich von Traurigkeit erfüllt sein, düstere Text können entstehen,
aber auch fröhliche, alberne und skurrile. In den Workshops stellt sich schnell
eine dichte Atmosphäre ein und eine starke Fokussierung auf den kreativen
Fluss. Es ist gut, wenn die Teilnehmer*innen offen sind für unerwartete Ideen.
Was
planst du in der Zukunft? Wo und wann könnte ich – oder können andere
Interessierte – einen Kurs besuchen?
Bislang habe ich eher sporadisch
Workshops gegeben – bei Netzwerktreffen oder an einer Schule für Tanz,
Clownerie und Schauspiel. Ich plane, in Berlin regelmäßig offene
Schnupperabende anzubieten, um die Methode bekannter zu machen und Menschen die
Möglichkeit zu bieten, sie kennenzulernen und zu erfahren. Perspektivisch
möchte ich mehrmals im Jahr Wochenendworkshops anbieten und suche dafür noch
die passenden Orte und Kooperationspartner*innen. Ich bin offen für
Einladungen.
Du
schreibst selbst. Magst du uns kurz sagen, was für Texte – und nutzt du
Bewegung auch für dein eigenes Schreiben?
Ich schreibe seit Langem und stetig Prosatexte. Neben Romanen und Erzählungen zählen dazu kurze und kürzeste Texte unter anderem für mein Blog „Das Bodenlosz-Archiv“. Letztes Jahr habe ich einen Band mit Märchenumschreibungen herausgebracht. Ein gemeinsamen Nenner meiner Texte könnte das Spiel mit Erwartungen und Perspektiven sein. Ich schreibe realistische Texte mit skurrilen oder surrealen Einschlüssen oder umgekehrt Märchen, die ins Realistische, Satirische oder Psychologische abschweifen. Ich bewege mich oft auf dem Grat zwischen Ernsthaftigkeit und Humor oder Realismus und Phantastik. Offensichtlich liebe ich es, auf der Grenze zwischen mehreren Welten zu wandern.
Ich nehme meine Texte mit ins Tanzen,
nicht immer geplant. Meine Figuren, meine Ideen, Probleme, an denen ich
festhänge – ich habe sie
beim Tanzen dabei und bewege sie. Und oft löst sich dabei der Knoten und eine
Eingebung stellt sich ein.
Die Schreibtrainerin und Autorin Anette Huesmann im Gespräch mit Alice Grünfelder
Kann man das? Sämtliche Buchgenres, die sich im Laufe der letzten Jahrhunderte entwickelten, auflisten mit Charakterisierungen, Beispielen und Literaturhinweisen? Auch wenn sich in manchen Büchern und auch Top-Sellern die Genres überschneiden, was Verlage wenig und Buchhändlerinnen noch weniger goutieren – welcher Code, in welches Regal nur? – ist es vielleicht gerade ein Genre-Mix, der spannend sein kann. Jedenfalls habe ich das so erfahren bei meinem Wüsten-Reise-Abenteuer-Frauenroman „Die Wüstengängerin“. Was hat nun die Schreibtrainerin Anette Huesmann bewogen, Klarheit in die Vielzahl der Genres zu bringen?
Was war der
Auslöser für dieses Buch?
Ich gebe seit etlichen Jahren Workshops zum kreativen Schreiben. Von den TeilnehmerInnen meiner Kurse werde ich oft nach Buchgenres gefragt. Besonders bei den Subgenres sind sich viele nicht darüber im Klaren, welche Subgenres es eigentlich gibt, was genau man darunter versteht bzw. was die Genre-Konventionen sind? Vor einigen Jahren habe ich dann angefangen, die Buchgenres, die ich kannte, zu sammeln, die Genre-Konventionen zu formulieren und auf meinem Blog zu veröffentlichen. Im Laufe der Zeit wurde die Liste immer länger, und vor einem Jahr habe ich dann beschlossen, daraus ein Buch zu machen. Denn auf meinem Blog kann ich nur die wichtigsten Genres benennen und in Stichworten beschreiben. In meinem Buch sind viel mehr Subgenres benannt und im Detail erläutert.
Wie ist es
entstanden, wie bist du vorgegangen?
Am Anfang habe ich die Arbeit total unterschätzt. Zu
Beginn dachte ich, es gibt vielleicht 30 der 40 Genres oder Subgenres. Doch im
Laufe der Zeit wurden es immer mehr. Denn natürlich habe ich auf einmal
Literaturzeitschriften, Rezensionen und Berichterstattungen über Buchmessen mit
ganz anderen Augen gelesen. Und plötzlich tauchten immer wieder neue Subgenres
auf, von denen ich noch nie gehört hatte! Schließlich war meine Neugierde
geweckt, und ich begann zu recherchieren.
Außerdem war mir schnell klar, dass ich gern die
Entstehung der Genres beschreiben möchte – soweit diese bekannt ist. Das hat
mich zusätzlich viel Arbeit gekostet. Bei vielen Subgenres musste ich erst mühsam
herausfinden, wann die ersten Bücher aufgetaucht sind und was die Geschichten
charakterisiert hat.
Am Ende war ich selber überrascht, wie viele Genres und
Subgenres es gibt. Bei eher unbekannten Begriffen musste ich immer neu entscheiden:
Mache ich daraus einen eigenen Eintrag, ist es ein Synonym eines bereits
bekannten Genres oder wird die Bezeichnung nur ein einziges Mal von einem
einzelnen Menschen verwendet? Meist habe ich zu Beginn gegoogelt und in
germanistischen Fachbüchern nachgeschlagen. Wenn ich gemerkt habe, dass eine
Bezeichnung praktisch nirgendwo auftaucht, weder im Internet noch in
Nachschlagewerken, habe ich neu überdacht, ob ich die Bezeichnung wirklich mit
reinnehme. Meist habe ich neue Begriffe nur mitgenommen, wenn sie in
verschiedenen Medien auftauchen und von mehreren Menschen benutzt werden.
Wie hast Du die
vielen Literaturhinweise recherchiert?
Da bin ich durch sämtliche Internetseiten gesurft, auf
denen Beschreibungen von Büchern zu finden sind: Amazon, Goodreads, Google
Books, Projekt Gutenberg usw. Bei manchen, seltenen Subgenres war es
tatsächlich sehr mühsam, zwei Lektüretipps zu finden. Aber da war ich dann
einfach hartnäckig und habe nicht aufgegeben, bis ich was Passendes gefunden
hatte.
Ein paar Bücher
tauchen als Beispiel gleich bei mehreren Genres auf, warum?
Neue Subgenres entstehen oft, weil ein Buch erscheint,
das ganz klar einem Genre zugehört, aber ganz neue charakteristische Inhalte
hat. Das können außergewöhnliche Ideen sein oder außergewöhnliche Themen,
Wendungen, Schauplätze oder Charaktere. Diese Bücher sind gleichermaßen
genretypisch und einzigartig. Dann kommen Bücher anderer AutorInnen hinzu, die
das Neue auf eine ähnliche Weise aufgreifen. So entwickelt sich im Laufe der
Zeit ein neues Subgenre, weil immer mehr Bücher mit dieser neuen Charakteristik
entstehen. Das erste Buch, das den Trend gesetzt hat, ist ein wichtiger
Meilenstein – sowohl für das übergeordnete Genre als auch für das neue
Subgenre, das daraus entstanden ist. Deshalb war es mir wichtig, dieses Buch
sowohl als Beispiel beim übergeordneten Genre als auch beim Subgenre zu nennen.
Du bist ja auch Schreibtrainerin – was empfiehlst Du Autoren in puncto Genre, sichtest Du das Material und sagst dann, halten Sie sich an z.B. die Struktur eines Entwicklungsromans? Oder empfiehlst Du Regional-Krimis, weil Verlage momentan danach suchen? Wie hältst du es mit Genre-Mix?
Meine wichtigste Empfehlung: Schreib das Buch, das dich selber begeistert. Ganz egal, ob es einem bestimmten Genre oder Subgenre zugeordnet werden kann oder nicht. Aber ich sage dann auch offen, dass Bücher, die sich nicht klar zuordnen lassen, schwerer zu vermarkten sind. Egal, ob man dafür einen Verlag sucht oder im Selfpublishing LeserInnen direkt ansprechen möchte. Oft stellt sich heraus, dass es nur kleine Veränderungen braucht, damit das Herzens-projekt die Genre-Konventionen eines bestimmten Genres berücksichtigt. Wenn man sich bzw. seine Geschichte dadurch nicht verbiegt und es immer noch das Herzensprojekt bleibt, lohnt sich die kleine Anpassung – weil sich das fertige Buch leichter vermarkten lässt. Aber wenn jemand für eine Geschichte brennt, genau so, wie sie ist, und diese Geschichte passt in keine Schublade – dann würde ich dazu raten, diese Geschichte genau so zu schreiben. Es lohnt sich nicht, für einen kleinen Marketingvorteil die eigene Geschichte zu verraten. Dann verliert man die Freude daran und damit auch die Chance, dass daraus ein richtig gutes Buch wird.
Du hast das Buch
selbst verlegt über BoD, war das von Anfang an so geplant?
Ja, das hatte ich von Anfang an vor. Mir ist es wichtig,
dieses Buch aktuell zu halten. Jedes Jahr kommen neue, erstaunliche Bücher
heraus und entstehen neue Subgenres. Ich pflege eine Liste mit Begriffen, die
bisher noch nicht im Buch drin sind. Fast jede Woche kommen neue Begriffe
hinzu. Diese Aktualität ist am ehesten im Selfpublishing möglich. Ich kann in
unregelmäßigen Abständen immer wieder neu entscheiden, ob sich jetzt eine
Aktualisierung und damit eine Neuauflage lohnt.
Anette Huesmann ist Germanistin und Sprachwissenschaftlerin, schreibt Krimis und Kinderbücher, und als Schreibtrainerin vermittelt sie in Workshops, wie man Bücher schreibt.
aus: Jacques Tardi: Elender Krieg, edition moderne
Mithilfe von Graphic Novels lassen sich zeitgeschichtliche Entwicklungen und politische Fragestellungen oft besonders gut erschliessen – auch und gerade in der schulischen Arbeit und mit schwächeren LeserInnen. Mehr dazu in „Buch & Maus“ (1/2019)
Graffitis entdeckt in schulterbreiten Passagen zwischen Wolkenkratzern, an Fabrikwänden, an LKWs – in Sheung Wan, Central, Sham Shui Po und Wong Chuk Hang. Nie zuvor bemerkt, aber einmal die Augen geöffnet, waren sie überall.
Und wie kein anderer hat der Autor Leung Ping-kwan die Stadt zu dechiffrieren gewusst:
Die Geflüchteten versammelt acht Erzählungen, angesiedelt in den Siebziger- und Achtzigerjahren. Sie erzählen von Menschen, die in den Monaten und Jahren nach dem Fall von Saigon aus Vietnam geflüchtet sind, erzählen von schmerzlichen Rückblicken und der Unmöglichkeit anzukommen, aber auch von der Begleichung noch offener Rechnungen, die aus der alten Heimat herrühren.
Die Charaktere in den Erzählungen kennt man zum Teil bereits aus Viet Nguyens Roman Der Sympathisant, hier tauchen sie wie auf einer Bühne erneut auf und werden in einem anderen Licht beleuchtet. In der Erzählung „Kriegsjahre“ wird beispielsweise vieles angerissen, was im Roman ausgeführt wurde. In anderen Erzählungen wiederum treten Figuren auf, die in Der Sympathisant an den Rand gedrängt wurden.
Das Thema in „Transplantation“ meint man allerdings anderswo schon gelesen zu haben. Der Empfänger einer Leber findet den Menschen, der ihm das lebensrettende Organ gespendet hat. Im Laufe der Erzählung stellt sich indes heraus, dass es sich um ein Missverständnis handelt, schließlich leben in den USA unzählige Vietnamesen mit Namen Vu, es entsteht eine falsche Dankbarkeit, die wiederum in Erpressung mündet. Die Geschichte und deren Ende bleibt relativ absehbar.
Um eine gescheiterte Ehe geht es in „I’d love you want me“; in „Die Amerikaner“ versinkt ein Vater, der seine Beteiligung im Krieg in Vietnam nie bereut hat, in Selbstmitleid, weil seine Tochter ihn einfach nicht verstehen will. In „Vaterland“ besucht die vermeintlich reiche ältere Schwester die zurückgebliebene erste Familie des Vaters in Vietnam; der vorgegaukelte Reichtum wird spät erst entlarvt, als die jüngere Halbschwester die Ältere bittet, sie mit in die USA zu nehmen. So verflüchtigen sich Illusionen im weiten Himmel über Saigon.
Die Erzählungen lassen sich als Erweiterung des Romans lesen, in diesem Panoptikum erfahren sie allerdings keine Zuspitzung, die Figuren bleiben blass und die Plots skizzenhaft – die kurze Form scheint Viet Than Nguyen weniger zu liegen. Gleichwohl stehen die Texte stellvertretend für die Asian-American Literature – mit der für diese Literatur typischen Beschreibung von Zerrissenheit, einer zum Teil traumatischen Vergangenheit und der beständigen, quälenden Suche nach einer Identität.
Viet Than Nguyen: Die Geflüchteten. Aus dem Amerikanischen von Wolfgang Müller. Blessing-Verlag, 2018.