Wie übersetzt man einen Comic?

Alice Grünfelder – Comic-Übersetzer-Werkstatt.

„Wums! Quiiiietsch! Krumpf!“ Wenn ihr das lest, ist es gleich klar, um welche Art von Text es sich handeln muss, oder? In dieser Übersetzerwerkstatt für Comics geht es aber nicht nur um die passendsten lautmalerischen Wörter, sondern auch darum, auf dem beschränkten Platz der Sprechblasen die Dialoge, Wortspiele, Witze einer anderen Sprache unterzubringen.

Im Workshop übersetzt ihr einige Seiten aus „Baby Blues. Der ganz normale Familienwahnsinn“ aus dem Englischen ins Deutsche und schreibt eure Übersetzung gleich selber in die leeren Sprechblasen.

Ab 11 Jahren, max. 15 Teilnehmende; besonders spannend auch für English native speakers!

In Kooperation mit dem Übersetzerhaus Looren, Wernetshausen (ZH), und dem Carlsen Verlag, Hamburg. Im Rahmen des Schweizer Kinder- und Jugendliteraturfestivals Zug Abraxas.

Zeit: So, 10.11.2013, 13.00 – 15.15 Uhr
Ort: Zug, Schulhaus Burgbach

 

 

Vietnam – angekommen

Reisfelder im Norden

Zwei Bauern mit Spitzhüten auf Reisfeldern, einmal vor grünem, blauem und orangefarbenem Hintergrund. Es muss 1972 gewesen sein, als ich diese kleinen gezackten Gemälde ganz nah vor meine Augen gehalten habe, um die Szenerie genauestens zu inspizieren, gänzlich versunken in diese Welt. Wo das sei, fragte ich meinen Vater, an den diese Briefe adressiert waren. Vietnam, ein Land im Krieg, furchtbar, wo die Kinder Hunger leiden und den ganzen Tag nichts als Reis zu essen bekommen. Reis? Das sei doch meine Lieblingsspeise, könnte ich jeden Tag essen, wochenlang, rief ich begeistert. Na vielleicht warst du in einem früheren Leben ja einmal ein vietnamesisches Waisenkind.

So oder so ähnlich mag sich meine erste Begegnung mit Vietnam zugetragen haben. Später gesellten sich zu den Briefmarken TV-Bilder von Kampflinien, die in diese und in jene Richtung verschoben wurden, von Flugzeugen, die Bomben abwarfen, von Listen, die Gewinne und Verluste aufzählten, vom legendären letzten Hubschrauber, der von der amerikanischen Botschaft in Saigon abhob.

Gemälde aus Museum in Hoi An

Gemälde aus Museum in Hoi An

Und wieder ein paar Jahre später ausgelaugte Kindergesichter von Bootsflüchtlingen, zusammengepfercht auf kleinen Booten, Spendenaufrufe. Die Zusammenhänge sollte ich erst viele Jahre später verstehen, als das Land als eines der fünf aufstrebenden Tiger zum Sprung über den asiatischen Tellerrand ansetzte.

Doch jenseits der ökonomischen Schlagzeilen stieß ich eines Tages bei Recherchen auf einen Text von Peter Weiss, der den Finger auf die Flüchtlingswunde legte – schon damals, als die Bilder von den ausgemergelten Vietnamesen in deutsche Wohnzimmer strahlten. Viel würde berichtet über die vietnamesischen Flüchtlinge, die es nur knapp geschafft hätten. Irgendwie. Kein Wort aber verloren über jene, die gestorben, vergewaltigt und übel zugerichtet worden seien, über diese Tragödien im südchinesischen Meer. Schon viel früher hatte ein amerikanischer Autor über thailändische und burmesische Piraten geschrieben, die die Ärmsten der Ärmsten ausraubten und dem Meer übergaben, wochenlang die Frauen für sich schuften ließen und sie in die Wellen warfen, wenn sie ausgedient hatten. Ein Land wurde in den Wahnsinn getrieben, da versprochene Hilfsleistungen ausgeblieben waren, wo doch gerade die USA Wiedergutmachung zu leisten hätten und dem Land beim Wiederaufbau helfen müssten, doch es passte nicht zum Zeitgeist des Kalten Krieges, erklärte Peter Weiss später, ein kommunistisches Regime zu unterstützen, stattdessen berichtet man lieber über dessen Opfer. Stimmen, die Jahrzehnte später vollkommen verstummt waren, da westliche Unternehmer mit der kommunistischen Partei Geschäfte machen wollten, wie sie es schon mit dem nördlichen Nachbar getan hatten.

Kriegsspuren überall

Heute wird das Land angeboten als „Top-Destination“ in Reisekatalogen, ja es gilt als eines der beliebtesten asiatischen Reiseziele, und Traveller können es in nur zehn Tagen „machen“. Nun war es opportun, terrassierte Reisfelder anzupreisen, kilometerlange Badestrände und die vietnamesische Küche. Dass der vermeintliche Wohlstand, der Aufschwung auf dem Rücken der armen Bevölkerung ausgetragen wurde, Enteignungen im großen Stil durchgeführt wurden, dass die wirtschaftliche Erneuerung – Doi Moi – einherging mit der Beschneidung einfacher Grundrechte wie Meinungsfreiheit, bekamen Schrifsteller und Blogger zu spüren, deren Worte bald zensiert wurden, die selbst oft genug hinter Gitter landeten. Kritisierten Politikern indes gelang es stets, ihre Haut zu retten.
Ein kriegsversehrtes, traumatisiertes Volk, möchte man meinen, wenn man die Berichte westlicher Reisender liest, doch keiner konnte wirklich erfassen, was all die Greuel wirklich bedeuteten für die „vietnamesische Seele“, davon können nur vietnamesische Autoren jenseits der wie auch immer gearteten Schwarz-Weiß-Malerei erzählen. Wo liegt die Wahrheit? Irgendwo dazwischen. Wie immer.

Das Faszinosum Vietnam hat mich nie losgelassen, erstaunlich nur, dass ich so viele Jahre verstreichen ließ, bis ich selbst hinfuhr. Die Spuren des Krieges waren tatsächlich auch nach mehr als 40 Jahren noch überall zu sehen, gleichwohl überraschte der scheinbar selbstverständliche Umgang mit der Vergangenheit und auch das Selbstbewusstsein und die Offenheit dieses Volkes. Was bleibt ihm anderes übrig, rätselte ich. Trotz der Schmach weiterleben, vor allem Ende der 70er-Jahre ums nackte Überleben kämpfen, als die Hungernot grassierte und Vietnam zu einem der ärmsten Länder der Welt zählte.

Doch dann, bei einer Wanderung durch die Bergwälder im Norden, vorbei an verlassenen Gebäuden, die wohl noch aus der Kolonialzeit stammten, den Blick über weite Teeplantagen, die bis zum Horizont reichten, der im Nebel verschwand. Angekommen, dachte ich. Und mir fielen die Briefmarken aus meiner Kindheit wieder ein.

Mehr über Vietnam, Geschichten und Berichte …

Nebel über Europa – Versuche einer Klärung

„Phantomschmerz Europa“, Wespennest Nr. 164

„Das furchtbare Leiden im Zweiten Weltkrieg zeigte die Notwendigkeit eines neuen Europa. Über 70 Jahre hatten Deutschland und Frankreich drei Kriege ausgefochten. Heute ist Krieg zwischen Deutschland und Frankreich undenkbar“, heißt es in der Begründung des Komitees für die Verleihung des Friedensnobelpreises 2012 an die EU. Die schmerzvolle Erfahrung zahlreicher blutiger Auseinandersetzungen wird damit als treibende Kraft hinter der Realisierung eines geeinten Europas präsentiert. Wer würde dem widersprechen wollen? Dass „Kriegsgeschichten“ in Familienerinnerungen wie in europäischen Landstrichen tiefe Spuren hinterlassen haben, macht im aktuellen Wespennest-Themenschwerpunkt etwa Alice Grünfelders literarische Reflexion am konkreten Beispiel Elsass bewusst. weiterlesen …

Abbas Khider erhält den Hilde-Domin-Preis …

… warum?

„Wegen des sanften Schwungs deines einzigen ungebrochenen Flügels“ – ein Zitat aus Hilde Domins Gedicht Taube aus wurmstichigem Holz, das dem einstigen irakischen Taubenzüchter offenbar über die traumatischen Erfahrungen in irakischen Gefängnissen hinweggeholfen hat.
Die Jury würdigte Khider als lakonischen wie heiteren Chronisten, als Meister der Situationskomik und geborenen Erzähler. Wie schon in seinem autobiographisch inspirierten Gefängnis- und Taubenzüchter-Epos ‚Die Orangen des Präsidenten‘ erweist sich Abbas Khider auch in ‚Brief in die Auberginenrepublik‘ als ebenso lakonischer wie heiterer Chronist, als Meister der Situationskomik und geborener Erzähler. Eine Woche ist Abbas Khiders ‚Brief in die Auberginenrepublik‘ im Oktober 1999 vom lybischen Bengasi in die irakische Hauptstadt Bagdad unterwegs, aus der Gaddafi-Diktatur in die noch finsterere von Saddam Hussein, in deren Gefängnissen der Autor selbst zwei Jahre verbrachte, bevor er 1996 aus dem Irak floh. Sieben Personen schildern in dieser ‚mesopotamischen Geschichte‘ den Briefschmuggel, beginnend mit dem exilierten, liebeskranken Urheber über einen ägyptischen Reisebüroleiter bis zur Frau eines Saddam-treuen Oberst in Bagdad. Das Schriftstück reist von Land zu Land und bringt jeden, in dessen Hände es gerät, dazu, sich zu offenbaren.

Dongxuan – Vietnam in Berlin

HalleRing-Center, Landsberger Allee, dann noch eine halbe Stadt weiter in Richtung Osten, ein russischer Supermarkt mit aufgesprayten orthodoxen Kirchen, Wohnblockriegel, austausch- und verwechselbar, wären da nicht die mal verblasst gelben, dann verblichenen blauen Ballons, dann, nach der Vulkanstraße links, deren Namen zum Plattenallerlei passt wie die Faust aufs Auge, gelbrotfarbener Metallbogen über regenpfütziger Toreinfahrt: Dong Xue Center. Und links und rechts Tafeln, die werben für eine vietnamesische Fahrschule, für den letzten Schrei des Nail-Design, für Mode aus New York. Deutsch wird hier reduziert auf notwendigste ökonomische Floskeln von Seiten der Käufer sowie der Verkäufer: Wie viel kostet? Teuer! Billiger! Ich kein verdien. Eindringlich, bestimmt, aber nicht laut. Händler und Käufer aller Länder vereinigt Euch – hier!

Triste langgraue Schläuche durchschneiden die langen Hallen, links und rechts finden sich in schlundbäuchigen Läden Waren, die in ihrer Überflüssigkeit kaum zu übertreffen, doch gerade deshalb umso reizvoller sind. Gläserne hellblaue Delphine über grauem Sockel, Plastikspielzeug, das garantiert keine Öko-Zertifizierung erhält, dafür laut schriekt und blinkt, dass es eine Freude ist, auch der bunte Buddha lacht dazu, Plastikschmuck, unmodische Mode, Manicure und Pedicure oder neudeutsch doch besser Nail-Studios, chinesische Lebensmittelläden, haufenweise vietnamesische Nudelsuppen, Klobrillen, die anfangen zu singen, sobald man sich draufsetzt, rosige Grußkarten, Galaschen aus Leder, schmale Frisörläden, in denen sich europäische Gesichter massieren und vietnamesische Köpfe frisieren lassen, Zettel an den Wänden, auf denen etwas angepriesen oder gesucht wird – überwältigend öde und verzweifelt gedämpft ist diese Welt östlich der Mitte.

PlakateGesprochen wird in verschiedenen Sprachen und immer nur leise. Berliner zwängen sich hauptsächlich zwischen Lebensmitteln, ratlos, diese Büchse und jenes Glas gegen das Licht haltend, um zu erraten, was wohl darin sein mag. Unaufdringliche Verkäufer, in Stapel mit Listen vertieft, schauen mit unbeteiligtem Blick auf die meterlangen Regale vor sich. Leer und weit, wie der Parkplatz vor den sechs Hallen, der im Schneematsch versinkt.

 

Literarische Texte im Unterricht – geht das?

Lesen ist Kino im Kopf. Aber ist die Auseinandersetzung mit Büchern im dichtgedrängten ABU-­Unterricht überhaupt möglich? Und was tun, wenn Berufslernende mit literarischen Texten nichts anfangen können oder nur über basale Lesekompetenzen verfügen?
Zu diesem Dauerthema unterhält sich Christine Tresch, Leiterin Literale Förderung am Schweizerischen Institut für Kinder‐ und Jugendmedien SIKJM (www.sikjm.ch) mit Alice Grünfelder.

Ort: PH Zürich
Zeit: Di 24.9.2013, 17:15 – 19:00, Raum LAA-M021 (9. Etage)
Anmeldung hier: http://www.phzh.ch/de/Weiterbildung/Literarische-Texte-im-Unterricht–Geht-das-n144108404.html

Raus mit der Sprache!

Ein Fortbildungsseminar für die Moderation von Übersetzerlesungen.

Wer Übersetzerlesungen moderiert, soll andere zum Reden bringen und sich selbst zurückhalten. Was aber macht eine erfolgreiche Moderation aus? Welche Gestaltungsmöglichkeiten gibt es auf dem Podium? Wie werden Texte und Themen anschaulich vermittelt? Und was tun, wenn das Gespräch stockt, aus dem Ruder läuft, im eigenen Blackout zu erlöschen droht?

Ausgehend von den Erfahrungen und Ideen der Teilnehmer widmet sich das Seminar konzeptionellen Fragen sowie dem Redetraining und verschiedenen Improvisationstechniken. Gemeinsam werden neue Lesungsformate ausprobiert und Methoden erarbeitet, die helfen, der eigenen Pannenpanik zu trotzen.

Zeit: 24.-26. März 2013
Leitung: Alice Grünfelder und Thomas Lang (Wolfenbüttel, Theaterpädagoge und Regisseur)

Mehr Infos auf der Website der Bundesakademie Wolfenbüttel

Volkslesen

Lesen Banker keine Bücher? Volkslesen fragte im Sommer 2012 nach, erhielt aber nur abschlägige Antworten. Die Banker, so der Initiator von Volkslesen.TV, seien ein scheues Wild. Frage man sie in der Mittagspause: Entschuldigung! Lesen Sie? Eine Frage: …, bleiben sie nicht stehen. Sie ziehen die Köpfe ein und die Schultern hoch. Sie schauen auf ihre schönen Schuhe, beschleunigen den Schritt – und sind weg. Was lesen Zürcher Banker? Hölderlin? Oder Vampir-Romane? American Psycho? Vielleicht das Kapital? Wir wissen´s nicht.

Lesen bzw. vorlesen taten 55 Zürcher, u.a. auch literaturfelder auf dem eigenen Balkon aus einem ihrer liebsten Bücher: Christoph Simon „Spaziergänger Zbinden“.

Fremd im eigenen Land

Vortrags- und Leseabend in Zusammenarbeit mit dem Übersetzerhaus Looren in Wernetshausen.

Am 10. März 1959 erhob sich das Volk gegen die Fremdherrschaft der Chinesen in Lhasa, der Aufstand wurde niedergeschlagen, ein Exodus begann, und seither leben Tibeter in den USA, Indien, England, der Schweiz und knapp sechs Millionen in Tibet. Längst driften die Lebenswelten und Erfahrungshorizonte innerhalb der tibetischen Gemeinschaft auseinander. Die bekannte tibetische Autorin Tsering Öser sagt dazu: „Beim Schreiben merke ich, wie ich mir selbst fremd bin, sehe, wie viele Tibeter mit sich selbst uneins sind, und beobachte eine Spaltung des tibetischen Volkes.“

In ihrem Vortrag geht die Sinologin und Tibetkennerin Alice Grünfelder anhand literarischer Texte auf Ähnlichkeiten und Unterschiede in der Lebensweise heutiger Tibeter ein. Sie beleuchtet aber auch deren Unbehagen, nie wirklich dazuzugehören, im extremsten Fall immer ein entwurzelter Flüchtling zu sein. Marco Badilatti begleitet sie mit Leseauszügen aus ihren Büchern „Flügelschlag des Schmetterlings“ und „Reise in den Himalaya“.
Ein Gemeinschaftsprojekt mit dem Übersetzerhaus Looren in Wernetshausen.

Zeit: 10. März 2013,19:30 Uhr

Ort: Villa Grunholzer, Florastrasse 18, 8610 Uster

„Es war ein äusserst gut gestalteter, inhaltlich vielschichtig und interessant vorgetragener Abend. Es war schön, dich so aus dem Vollen schöpfend zu erleben. Die Reaktionen und die Fragen haben gezeigt, dass dein Vortrag bei den gespannt lauschenden Zuhörern auch sehr gut angekommen ist.“
Florence Widmer, Übersetzerhaus Looren