„Über Kreuz“ – Workshop für Lektoren und Übersetzer

November 2020: Geleitet von Alice Grünfelder und Tobias Scheffel.

Die Zusammenarbeit zwischen Übersetzern und Lektoren gestaltet sich mitunter diffizil. Bei Fragen der Art: Wie weit soll/darf sich ein Übersetzer vom Original entfernen, wie stark ein Lektor die Übersetzung «glätten»? Wie viel Fremdheit kann ihm – resp. «dem Leser» – zugemutet werden? geraten sie beinahe zwangsläufig «über Kreuz». Diese Differenzen, stereotyp aufgefasst, können die Kommunikation zwischen beiden behindern und ermüden, bergen jedoch zugleich ein enorm kreatives Potenzial, das zu aktivieren Ziel dieses Workshops ist. Anhand von Textproben aus der je «eigenen Werkstatt», die von Lektoren und Übersetzern als Bewerbung eingereicht wurden, diskutieren wir aus der «Doppelperspektive» die unterschiedlichsten Probleme der Übersetzung aus diversen Sprachen in die Zielsprache Deutsch. Per Rollentausch – Lektoren übersetzen, Übersetzer lektorieren – wird die eigene Tätigkeit reflektiert und das literarische Sensorium mit Schreibübungen verfeinert. Der gemeinsamen Selbstwahrnehmung beider Berufsgruppen als Schreibende dient ein spezieller Kurzworkshop mit einem Gastreferenten, mit dem Kreativstrategien zum Thema eigenes Schreiben entwickelt werden. Professionelles Feedback steht ebenfalls zur Diskussion: Wie lassen sich Änderungsvorschläge plausibel machen, wie geht ein Übersetzer gewinnbringend damit um? Aus dieser Fragestellung ergibt sich im besten Falle eine substantielle Verbesserung des Verhältnisses zwischen Lektor und Übersetzer.

Leitung: Alice Grünfelder (Lektorin, Zürich) und Tobias Scheffel (Übersetzer, Freiburg)
Zielgruppe: Lektorinnen und Lektoren und Übersetzerinnen und Übersetzer mit Erfahrung im Umgang mit Übersetzungen von Kinder- und Jugendliteratur.

Zeiten und Termine: 18. bis 22. November 2020

„An dieser Stelle möchte ich gerne ein großes Lob an Alice Grünfelder loswerden, die den Workshop sehr souverän geleitet hat. Ich würde jederzeit wieder eine Veranstaltung mit ihr besuchen.“
Nina Strugholz, Lektorin, über den Workshop „Über Kreuz“ für Lektoren und Übersetzer von Kinder- und Jugendliteratur

„Die Zusammenarbeit zwischen Lektoren und Übersetzern ist eine der tragenden Säulen des Verlagswesens – nur, wenn diese vertrauensvoll und reibungslos abläuft, kann am Ende auch ein gutes Buch dabei entstehen“, so der Ansatz des Workshops. Unter der Leitung des Übersetzers Tobias Scheffel und der Lektorin Alice Grünfelder kamen beide Berufsgruppen zu mitunter überraschenden Erkenntnissen und neuen Einsichten. Gefördert wurde der Workshop von der Robert-Bosch-Stiftung und der Stiftung Pro Helvetia.“
Pressemeldung Buchmarkt

Menschen ohne Flügel

Eine junge Frau verliert über Nacht ihr Gesicht, eine andere lüftet den Schleier eines Familiengeheimnisses, in Indien müssen sich Menschen in der Turboglobalisierung neu erfinden. Und stets prägt die multiethnische Gesellschaft der jeweiligen Länder das Schreiben der drei Autorinnen aus Malaysia, Indien und Indonesien. Sie zeigen mal auf surreale, mal realistische und reflektierende Weise, wie Menschen mit den drängenden Problemen unserer Zeit umgehen.

Mit Feby Indirani (Indonesien), Guat Eng Chua (Malaysien), Sara Rai (Indien); Moderation: Alice Grünfelder

Ort und Zeit: Frankfurter Buchmesse, Pavillon, Mittwoch, 16.10.2019, 12-13 Uhr

Flaneur in Indien – Lesung 24.10.2019

Lesung mit Samuel Herzog.

Über einen Zeitraum von mehr als einem Jahr bereiste der Kolumnist Samuel Herzog das ganze Land. Oft war er zu Fuss unterwegs. Aus seinen Beobachtungen, auch fotografisch festgehalten, ist ein Buch mit wunderbar leichtfüssigen Texten entstanden, kurze Betrachtungen, überraschende Begegnungen sowie Reflexionen über Gott (bzw. die Götter) und die Welt.

Im Rahmen der Ausstellung «Indiennes. Stoff für tausend Geschichten» im Zürcher Landesmuseum liest Samuel Herzog aus seinem Buch «Indien im Augenblick» (Rotpunktverlag 2019) und spricht mit der Literaturvermittlerin Alice Grünfelder über die Passion des Reisens und das Abenteuer des Zufälligen.

Ort und Zeit: Landesmuseum Zürich, 24.10.2019, 19:00

Frieden auf den neuen Seidenstraßen?

Die Belt-and-Road-Initiative, behauptet ein Autorenkollektiv in «Im Sog der Seidenstraße», stoße «den größten friedensstiftenden Prozess des Jahrhunderts» an. Wie das?

Blick auf das Tal At-Bashi in Kyrgyzstan, wo einst die alte und heute die neue Seidenstraße hindurchführt.

Gern wird China unterstellt, mithilfe der Belt-and-Road-Initiative seinen globalen Einfluss ausbauen zu wollen. Doch auch andere Nationen wetteifern um Einfluss und Vormachtstellung. Der Glaube, die nationale und internationale Sicherheit nicht bloß mit militärischer Gewalt, sondern mit Wirtschaftswachstum zu gewährleisten, ist indes in der chinesischen Überzeugung tief verwurzelt.

Der Artikel „Frieden sieht anders aus“ , erschienen in der WOZ am 29.8.2019, ist ein Versuch, diesem höchst komplexen und ambitionierten Projekt mithilfe diverser Bücher auf den Grund zu gehen.

Skying

Nichts Schöneres, purer Luxus – den Wolken zuschauen. Und manchmal formen sich dabei Silben zu Wörter zu Zeilen. Und manchmal schreibe ich sie auf und schaue sie viele Monate später wieder an. Ein Haiku brannte sich ein, und daran dachte ich oft, wenn ich den Wolken zusah. Jetzt gibt es dieses Haiku als Postkarte.

Und nun lese ich im Buch Wörter, die es nicht auf Hochdeutsch gibt den Begriff „Wulkenschuber“: ein Nichtstuer, der die Wolken betrachtet und Wolken sammeln als Hobby angibt. (S. 102). So eine Müßigggängerin wäre ich gern öfter.

Jirgalan, ein Name wie Schmirgelpapier

Beobachtungen in Kyrgyzstan

An der Wäscheleine zwei Staubmasken, zwei Unterhemden, eine Unterhose
überm Fluss zwei Brücken aus Brettern, eine hinfälliger als die andere, und mitten im Dorf liegt ein Findling.

Die Hälfte aller Häuser steht leer, manchmal ist es auch nur die eine Hälfte eines Hauses, da sind die Fenster zugenagelt
bei der anderen Haushälfte hängen Vorhänge vor den Fenstern
ein Auto steht vor der Tür, eine Satellitenschüssel im Garten
ein Mann streicht die Hauswand hellblau.

Auf der Anhöhe ein Friedhof
viele starben jung
zwei Männer, vielleicht Vater und Sohn,
starben am selben Tag.

Manchmal kommen zwei, drei Pferde die Dorfstraße entlang
manchmal bellt ein Hund hinter einem Bretterzaun
oder in einem von Unkraut überwucherten Garten
in einem Hof picken Hühner im Staubboden
der Hahn kräht dünn, keiner dreht sich nach ihm um.

Jirgalan, der Name wie Schmirgelpapier auf Zunge.

Über der stillgelegten Kohlemine fliegen Tauben auf
Förderwagen liegen umgekippt auf gekrümmten Schienen
riesige Masten, einst Ventilatoren, kauern umgeknickt am Boden
überall Schächte, der ganze Berg ist unterhöhlt.

Versehrte Landschaft, darüber weite Weiden,
dahinter leuchten am Abend die Gipfel.

Jirgalan iegt ca. 1 Stunde nord-östlich von Karakol und gehört zu den 10 Top Destinations Kyrgyzstans, noch ist die Zahl der Touristen überschaubar. Jirgalan bietet sich als Ausgangspunkt für diverse Treks an, die Ausrüstung wie Zelt, Schlafsack etc. kann man vor Ort im Jirgalan Destination Office ausleihen. Nach der Schließung des Kohlebergwerks im Jahr 1991 zogen viele Dorfbewohner hinunter an die Ufer des Issik Kul, erzählt die Gastgeberin Bermet vom Gästehaus Baitor. Erst vor zehn Jahren stoppte die Abwanderung mit dem Bau des ersten Guesthouses, von ca. 2016 bis 2018 investierte USAid in den Ausbau der touristischen Infrastruktur. Bermet selbst ist aufgewachsen unten am See, vor 22 Jahren kam sie hierher, doch noch heute vermisst sie die frischen Früchte wie Pfirsiche, Melonen, Aprikosen. Die Tochter Nurela kümmert sich vorn am Dorfeingang um den eigenen Dorfladen – einen von dreien -, der 17-jährige Sohn Erjigit führt Touristen mit dem Pferd aus.

Himmel und Erde wie Häutungen …

… schreibt der taiwanesische Autor Yang Mu in einem Gedicht über eine Schlange, das er gleich in drei Variationen vorstellt. Das ist typisch für seine „Pinselnotizen“, ein Genre, das in China auf der Bruchlinie zwischen Literatur und Leben angesiedelt ist, wie die Herausgeberinnen und Übersetzerinnnen Susanne Hornfeck und Wang Jue im Nachwort erklären. Reise-Impressionen und philosophische Betrachtungen können das zum Beispiel sein, Beiläufiges werde zu tiefer Einsicht verdichtet, alltägliche Betrachtungen mit neuer Bedeutung aufgeladen.

Typisch scheint mir indes bei Yang Mus literarischen Pinselstrichen zu sein, dass er sich eben weigert, seine Beobachtungen in Gewissheiten zu verankern – zu unsicher scheint selbst der Boden unter den Füßen und das Schwanken der Erde vielmehr „Ursprung der Poesie“, so der Titel einer Prosaminiatur. Hier schreibt er vom Aufheulen der Erde, einer Stimme, die in Panik versetzt, bevor sie einen erreicht und erstarren lässt in einer metaphysischen Ehrfurcht, die zwischen Himmel und Erde waltet. In diesem Dazwischen ist auch der Mensch angesiedelt, und nicht alles, was vom Himmel kommt, ist gut, weiß schon der kleine Yang Mu, als sich seine Mutter über ihn wirft, um ihn vor den Angriffen der japanischen Kolonisatoren zu schützen in „Weiße Novemberblüten“. Zwischen Himmel und Erde ist der Mensch, diesem Dreiergestirn gilt auch der Kungfu-Gruß, wenn eine Faust in die Handinnenfläche gelegt wird. Warum aber die Kampfkunst eines Mannes aus dem Süden der Insel nicht mithalten kann mit der strahlenden Vitalität des Großonkels, die allerdings vom Autor nur behauptet wird, bleibt offen. Gern würde man hierzu mehr erfahren.

Doch dieses Mehr, eine Festlegung der Beobachtung und Überführung in eine allgemeine Betrachtung der Welt, wie sie klassischen chinesischen Texten eigen ist, verweigert Yang Mu, so als habe die Moderne keine solche Gewissheiten mehr zu bieten, so als sei das Schwebende, das Dissidente wie bei der einsamen Schlange, eine Konstante, der er stattdessen nachsinnt.

Das luftige Element dieser Pinselnotizen, das Puzzle voller Anspielungen ins Deutsche zu übertragen, sei ein „halsbrecherisches Unterfangen“, so die Herausgeberinnen im Nachwort. Es ist ihnen gelungen, dass ich jedenfalls gern und immer wieder eingetaucht bin in dieses literarische Fluidum.

Yang Mu: Die Spinne, das Silberfischchen und ich. Pinselnotizen. Aus dem Chinesischen von Susanne Hornfeck und Wang Jue. A1 Verlag, 2013. (nicht mehr lieferbar, gebraucht bei amazon, ebooks, ebay …)

Waldsee

Schwimmen am Sonntag

Auf den Schotterwegen, die durch den Mischwald mit seinen Tannen und Buchen führen, liegen Vogelfedern, schwarz-weiß gestreift. Regentropfen glitzern in den Blättern der Heidelbeersträucher, oder sind es die Schleimspuren der Schnecken? Der Weg führt sumpfigen Wiesen entlang, auf denen einst Sägemühlen standen und sich Müller um das spärliche Wasser stritten, säumt einen Fischweiher. Dort angelt einer, wohin die Wanderwege führen, weiß er nicht. Er sitzt auf einem Klapphocker vor seinem Auto, ein Kind pult Würmer aus einer Plastikschachtel, ein anderes steckt eine Angel zusammen. Auf den Wiesen steht hoch der Mohn. Und auf den Feldern wiegen sich die fedrigen Gerstenähren im Wind.

Stünde nicht auf einmal eine Informationstafel am Wegrand, würde man die bemoosten Ruinen im Wald übersehen. Es sind die Reste eines Schwimmbeckens, doch Beton – das erstaunt mich immer wieder – übersteht historische Epochen fast unbeschadet. Zerbröckelt sind hier und da die Wände, doch die einstige Größe ist ersichtlich, wenngleich unvorstellbar, dass hier einmal ein Freibad mit Nichtschwimmerbecken und Umkleidekabinen existiert haben soll. Die Natur hat sich alles zurückgeholt. Selbst die Haken, die aus den Beckenwänden ragen, sind voller Moos.

Als es zwölf schlägt vom Frickenhofener Kirchturm, springe ich über die Mauer, die Luft bebt von den Glockenschlägen. Vor achtzig Jahren lagen Kinder und junge Männer auf der abschüssigen Wiese, stand eine junge Frau, ein BDM-Mädel vielleicht, am Beckenrand und zögerte nur kurz, bevor sie sprang und in das kalte Wasser eintauchte. Und dafür womöglich einen bewundernden Blick erhielt, den sie nicht sah, da sie unter Wasser die Länge des Beckens durchmaß mit weit ausholenden Zügen? Derweil an den Hängen die Bauernjungen Heu einholten, auch am Sonntag. Wer ging dem Müßiggang nach, wer folgte dem Ruf, sich zu stählen, den Körper zu trainieren auf Führers Befehl? Gingen alle zum Schwimmen am Sonntag? Gab es welche, die nicht mochten – weil das Wasser zu kalt war, die jungen Männer zu laut, die Mädchen zu forsch und zuversichtlich, dass an der deutschen Jugend die Welt genesen soll?

Der Text auf der Tafel erzählt davon, dass das Bad kurze Zeit nach dem Krieg geschlossen wurde. Die Flüchtlinge hatten anderes im Sinn, als sich zu amüsieren; viele der jungen Männer, die hier das Schwimmern lernten, kamen entweder nicht zurück aus dem Krieg, für den sie abgehärtete worden waren, oder verletzt an Körper und Seele. Das Schwimmen am Sonntag war ihnen vergangen.

Auf die Spur diese Freibadruinen im Wald gebracht haben mich allgemeine Recherchen über Zeugnisse des Dritten Reiches auf der Schwäbischen Alb ­– nachdem ich dort völlig unvermutet auf ehemalige KZs gestoßen bin. Mehr Informationen zu diesem Freibad und Frickenhofen hier:

Wie aus Reisen Literatur wird

Das Spektrum der Reiseliteratur reicht von Pilgerberichten über Bildungsreisen bis hin zu Reiseimpressionen der Neuzeit. Doch je mehr Texte übers Reisen entstehen, desto schwieriger ist es, originell zu wirken. Das zweiteilige Seminar gibt einen Überblick über die Reiseliteratur der letzten Jahrhunderte und Schreibimpulse. Im zweiten Teil klären wir, wie man Reiseeindrücke gestalten kann, damit auch andere Lust haben, diese reisenden Schreibgedanken zu lesen.

Zeit:

31.05.2019, 15.30 Uhr bis 17 Uhr

21.09.2019, 10.30 Uhr bis 12 Uhr

Ort: VHS, Haus Bärengasse, Zürich

Und wie man am besten über Reisen schreibt, erzählt Stefan Schomann in seinem Interview: Vom Reisen und vom Schreiben.

„Ihr Kurs ‚Schreiben über Reisen‘ hat mich sehr inspiriert. Nochmals ganz herzlichen Dank für die wertvollen Tipps und den interessanten Tag. Mein Schreibstau hat sich mit zwischenzeitlichen Stockungen aufgelöst!“
Cornelia Schmid

Comics im Gespräch

Von Panels, Stripes und wahren Geschichten

Immer mehr Autoren und Verlage verpacken anspruchsvolle Themen in Comics und Graphic Novels, weil sie denken, Jugendliche damit einfach zu erreichen. Denn komplexe Geschichten werden nicht nur sprachlich, sondern auch graphisch erzählt. Darin liegt das Potenzial für den kreativen Umgang mit diesen Text-Bild-Büchern. Doch ganz so einfach ist es nicht, denn Graphic Novels sind beispielsweise gar nicht so leicht zu dechiffrieren.
Wir geben den KursteilnehmerInnen einen Überblick über Comics und Graphic Novels, die Jugendliche ansprechen, und zeigen anhand praktischer Übungen, wie sich Comics in Bibliotheken und im Unterricht einsetzen lassen.

Leitung: Theres Rütschi und Alice Grünfelder

Zeit und Ort: 16.9.2019, 18.15 Uhr, im SIKJM, Zürich.