Wortreich

Kinder schreiben und übersetzen Gedichte

Übersetzerwerkstatt „Wortreich“ für PrimarschülerInnen im Übersetzerhaus Looren

Ausgehend von selbst erfundenen Geschichten oder einzelnen Worten machen sich Kinder auf die Suche nach Gedichten, und sie lernen, worauf es beim Vortragen ankommt.
Im Anschluss daran führt Alice Grünfelder die Kinder in den Prozess des Übersetzens und in den kreativen Umgang mit Sprache im interkulturellen Kontext ein.

Leitung Schreiben: Svenja Herrmann, Schriftstellerin, Leiterin Schreibwerkstätten und Expertin für Begabungs- und Begabtenförderung
Leitung Übersetzen: Alice Grünfelder, Herausgeberin und Übersetzerin aus dem Chinesischen und Englischen, Lehrbeauftragte für Sprache und Kommunikation

Zeit und Ort: 21. Mai; Übersetzerwerkstatt „Wortreich“ für PrimarschülerInnen der 5. und 6. Klassen der Primarschulen Wernetshausen und Girenbad im Übersetzerhaus Looren.

 

Geburtstag (17.1.2012)

Sie hatten sich nicht abgesprochen, von Anfang an war alles klar gewesen, eine spontane Einladung. „Wenn du schon in Berlin bist an deinem Geburtstag … Ich lade ein paar Freunde ein, du bringst ein paar Leute mit. Lass mich nur machen.“

In den letzten Jahren war er fast jeden Winter in Europa oder den USA, um über die Erhaltung tibetischer Architektur zu referieren. Mit viel Idealismus und erstaunlichem Durchhaltevermögen hatte er es – keiner weiß wie – geschafft, die Behörden in Lhasa zu überzeugen, einzelne Häuser zu renovieren und dafür eigens Handwerker aus entferntesten Regionen zu holen. Woher er wusste, dass gerade dieser oder jener alte Tibeter sich noch darauf verstand, den Lehm fürs Dach richtig zusammenzumischen, damit der kein Wasser durchließ? Oder das Reisig richtig zu bündeln, das als Abschluss unterhalb der Mauerkronen eingesetzt wurde? Er habe erst einmal mit einem alten Arbeiter angefangen, der sich erinnerte, dass ein anderer, mit dem er einst den Sommerpalast renoviert hatte, diese alte Handwerkskunst beherrsche und auch noch am Leben sei. Und der meinte wiederum, in jenem Ort sei einer, der doch damals dieses Haus gebaut habe. So kam ein Trupp zusammen, der Stein um Stein, Stock um Stock Häuser in Lhasa instand setzte. Zum Abschluss tanzten die Handwerker und Arbeiterinnen im Wechselgesang auf dem Dach, klopften dabei mit Holzpflöcken und stampften mit den Füßen den Lehm eben. Bis es eines Tages den Behörden in Lhasa zu viel wurde. Nur was? Neideten sie sie ihm die Spendengelder, die er im Laufe der Jahre akquirierte? Gönnten gewisse private Bauunternehmer ihm den Erfolg nicht, weil jeder nur noch in seinen Häusern wohnen wollte? Über Nacht wurde ihm die Bewilligung entzogen, an dem Projekt weiterzuarbeiten, ja sich überhaupt in Lhasa aufzuhalten.
Kurze Zeit später hieß es, er baue in Osttibet ein Kloster auf, und in Berlin hielt er in einem Wintermonat einen Vortrag über die Renovierung der Altstadt Leh. Unerschrocken hatte er einfach immer weitergemacht, bescheiden auf seine Projekte verwiesen. Im Kurzfilm „Heritage Heroes“ wandert er durch die Straßen Lehs, hält sich aber auch hier im Hintergrund.
Ein letztes Mal hatten sich unsere Wege auf der Berlinale gekreuzt, worüber hatten wir gesprochen? Für einen Kaffee hatten wir gerade keine Zeit, es war wohl wenig mehr als Wortgeplänkel gewesen. Ein Buch würde er schreiben, meine ich mich zu erinnern, beim renommierten britischen Serindia-Verlag würde es erscheinen. Ich gratulierte ihm.

Am Morgen hatte sie wie vereinbart die letzten Einkäufe erledigt, Essen und guten Wein besorgt, Platz gemacht in der Wohnung für die Gäste am Abend. Denn bei ihm konnte man nie wissen, wie viele Freunde er mitbringen würde. Und alle waren gekommen, alle, die ihn kannten und Zeit hatten oder eben auch gerade zufällig in Berlin waren. Schön sich zu sehen, so lange war es her, alle redeten mit- und durcheinander, umarmten und fragten nach den Projekten der anderen. Die ersten Gäste gingen in die Küche und holten sich etwas zu essen, dort waren auch die Geschenke übereinander gestapelt, nur kleine und wenige, damit er sie auf der Reise zurück auch würde mitnehmen können. Der Abend zog sich hin, die Grüppchen hatten sich in verschiedene Winkel zurückgezogen mit ihren Papptellern und Getränken, bloß er war nicht erschienen. Sie hörte das Telefon klingeln. „Er wird nicht mehr kommen“, sagte sie den Gästen, als sie auflegte. Auf dem Weg zu seiner Geburtstagsfeier hatte sein Herz aufgehört zu schlagen.

Die Geschichte ist nur mein kleines Andenken an André Alexander, den Begründer des Tibet Heritage Fund. Sie beruht lediglich in wenigen Teilen auf Tatsachen, vieles wurde mir zugetragen, einiges habe ich mir zusammengereimt, womöglich falsch. Falls ich mit diesem Text irgend jemandes Gefühle verletze, möchte ich mich dafür aufrichtig entschuldigen.

Monatsgedicht: Verwehrtes Glück

Wie viele Ohren der Seele hören das Alter?
Hören die Einsamkeit. Diese einzige, diese allerletzte Freiheit
wurde zerschlagen. Als sie versunken lauschten
auf jenem Gipfel des Glücks
den tiefsten Tiefen riesiger Gewächse
[…]
aus: Zheng Danyi: Wings of Summer, Gedichte 2003 (Sixfingerpress)

Am 23. Januar hat mit dem Neumond das Jahr des Drachen begonnen. Ein Glücksjahr ist also angesagt, gilt der Drache im Chinesischen doch als gutes Omen.
Was aber macht das Glück aus? Es mag der schnell auf solche Frage genannte Wohlstand und Erfolg sein, die Gesundheit und Liebe dazu.Nur – in dieser achten Runde der Monatsgedichte steht ein anderes Glück im Brennpunkt.
Wie zeigt sich Glück, wenn es seine eigenen Wege gehen will? Wenn es Gedankenfreiheit und uneingeschränkte Meinungsäußerung im Sinn hat? Wenn die Vorstellung von Glück weder dem „Mainstream“ noch politischer Vorschrift entspricht?
Was spiegeln daher Gedichte – nicht nur – chinesischer Dissidenten wider, welche Hoffnung auf Glück ist in den Texten aus Guantanamo zu hören, wofür kämpf(t)en die Mütter auf der Plaza de Mayo, wofür setzendie Demonstranten in der arabischen Welt ihr Leben aufs Spiel?
Schreiben Sie für die achte Runde ein politisches Gedicht, in dem Sie – ob tagesaktuell oder schon Geschichte – die Perspektive bislang „verwehrten Glücks“ vermitteln. Sie haben bis zum 21. Februar Zeit.

Mehr Informationen hier: www.unternehmen-lyrik.de/projekte/monatsgedichte

Eine Türkin in Rio de Janeiro

Asli Erdogan – dritte Autorin in Residence in Zürich – wird von Alice Grünfelder vorgestellt, die mit ihr das Gespräch führt (in deutscher Sprache, mit türkischer Übersetzung). Aus den deutschen Texten liest Rebekka Burckhardt.

Rio de Janeiro – was für eine Verheissung! Özgür, eine junge türkische Akademikerin, fühlt sich von der fesselnden und zugleich bedrohlichen Stadt angezogen. Freiheit und Lebensfreude locken, treiben ihr eigenes Schreiben an, bis sich Abgründe auftun und sich die verstörenden Seiten der Metropole zeigen. Nicht nur in «Die Stadt mit der roten Pelerine» (Unionsverlag 2008) zeigt sich Asli Erdogans atmosphärisches Schreiben, auch «Der wundersame Mandarin» (Galatea 2008) lebt von seinen dichten Bildern und seiner feinfühligen Scharfsichtigkeit.

Literaturhaus Zürich, Do, 9.2.2012, 20.00 Uhr

Zu „Die Stadt mit der roten Pelerine“ gehts hier:
http://www.unionsverlag.com/info/title.asp?title_id=2439

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

Geschenkte Stunden für aufgeschobene Geschichten

Schreibseminar für Autor/innen, die endlich ihren Text (fertig-)schreiben wollen

Leitung: Alice Grünfelder

Wer kennt sie nicht, die tollen Ideen, die man schon immer einmal aufschreiben wollte, aber nie Zeit und Musse hatte oder einfach nicht wusste wie. Wer hat sie nicht, die angefangenen Texte in der Schublade, die man schon immer einmal zu Ende schreiben wollte, nur einfach nicht wusste wie. Manchmal hilft schon das Gespräch darüber, dass man weiterschreiben kann. Manchmal muss man den Text durchbürsten, auf den Kopf stellen, einen ganz anderen Blick darauf werfen, damit es weitergeht. Aufgeschoben ist jedenfalls nicht aufgehoben, denn in den Stunden, die uns durch die Zeitverschiebung geschenkt werden, denken wir über unsere eigenen Schreiblockaden nach und versuchen, sie auszutricksen. In diesem Schreibseminar im Rahmen der LANGEN NACHT DER KURZEN GESCHICHTEN mag manch einem die dargebotene Hilfe zur Selbsthilfe reichen, jemand anders schreibt motivierter in einer Gruppe als einsam zu Hause am Schreibtisch. Aber auch Diskussionen über das Schreiben an sich und konkrete Übungen helfen, wieder in den Schreibfluss zurückzufinden.

Ich glaube, Sie haben mit Ihrem Seminar bei allen Teilnehmern sehr viel ausgelöst und uns allen in dieser kurzen Zeit unglaublich viel gegeben (das war nicht einfach, aber Sie haben das mühelos geschafft!). Das Seminar hat mir Motivation, sehr viele gute Ideen und den nötigen Anstoss gegeben.
Dina Casparis, Teilnehmerin

Samstag, 29. Oktober 2011, 17 bis 20 Uhr; Ort: Zentrum Karl der Grosse, Zürich

Verboten

Verbotene Literatur aus China.

Lesung und Vortrag mit Alice Grünfelder.

Noch immer fürchten Regierende die Macht der Worte. Noch immer werden wegen Büchern Menschen unter Hausarrest gestellt oder gar verhaftet, ihre Texte sind schlicht verboten. Tsering Öser, Jamyang Kyi, aber auch der Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo sowie Liao Yiwu, der sich unlängst nach Deutschland absetzte, sind gefürchtete Regimekritiker, derweil sie lediglich in Worte fassen, worunter unzählige Bewohner
Chinas leiden.
„Es besteht keine Pressefreiheit, keine Rede- und Versammlungsfreiheit, kein Recht sich zu organisieren. Das gesamte fortschrittliche geistige und kulturelle Leben wird abgewürgt, große Künstler werden jeder
Arbeitsmöglichkeit beraubt und drangsaliert, ihre Werke zerstört und verbrannt.“ Diese Protestnote wurde 1933 von chinesischen Intellektuellen gegen die Bücherverbrennung in Deutschland verfasst, unterzeichnet u.a. von Lu Xun. Der deutsche Botschafter in China lehnte das Schreiben ab mit der Begründung, es sei pure Propaganda und der Sachverhalt maßlos übertrieben. Knapp 80 Jahre später wechselten die Fronten, doch die Zustände sind geblieben, sonst gäbe es keine „verbotene Literatur aus China“.

In Zusammenarbeit mit dem DeutschSchweizer PEN Zentrum.

Ort: Tibet Songtsen Haus, Zürich
Zeit: 10. Dezember 2011, 19.30 Uhr

Berlin zu Wasser

Stenogramm einer Bootsfahrt in Berlin.

„Berlin mal vom Wasser aus …”, – so inspiriert verbrachten wir dieses Jahr unseren Sommerurlaub hier und ließen andere nach Ibiza reisen oder was die Sommerreisezielpalette sonst hergab. Luftboot –  das sich wohlgemerkt erheblich von einem schnöden Schlauchboot unterscheidet – eingepackt und Anlegestelle gesucht, zu der man direkt mit dem Auto fahren kann, ohne sich die Füße nass oder gar schmutzig zu machen – der Gatte wollte es so haben. Gesucht, gefunden, gleich bei der Schlossbrücke in Charlottenburg, dem Endpunkt der bleiernen Touristendampferrouten, die mehrsprachig und lärmend quer durch die Metropole führen. Vorsichtig Hundekot und Glasscherben ausweichend Boot ins Wasser gelassen, nicht ohne dem Sohn eine grellgiftigorangefarbene Schwimmweste überzustreifen. Wer wollte schon in dieser Brühe untergehen?

Mehr auf magda.de

Auslöser übrigens für diese Reise zu Wasser war das wunderbare Buch „Meer Berlin. Die Hauptstadt zu Wasser erobern“, erschienen im Vergangenheitsverlag.

3. Tibetisches Filmfestival in Zürich

Bereits zum dritten Mal findet am 28./29. Oktober 2011 das Tibet Film Festival in Zürich und erstmals gleichzeitig in Dharamsala statt: das einzige Filmfestival, das dem zeitgenössischen tibetischen Filmschaffen gewidmet ist.
Einzigartig ist dabei der Kurzfilm-Wettbewerb, der sich an Tibeter/innen aus dem Exil und Tibet richtet und dieses Jahr zum zweiten Mal organisiert wird. Eingereicht werden können 5-Minuten-Film-Beiträge zum Thema Ama/Mutter.
Mehr Informationen unter www.filmingfortibet.org

«Über Kreuz»

Ein Workshop für Übersetzer und Lektoren im Übersetzerhaus Looren (Schweiz)

Von 2. November bis 6. November 2011

Die Zusammenarbeit zwischen Übersetzern und Lektoren gestaltet sich mitunter diffizil. Bei Fragen der Art: Wie weit soll/darf sich ein Übersetzer vom Original entfernen, wie stark ein Lektor die Übersetzung «glätten»? Wie viel Fremdheit kann ihm – resp. «dem Leser» – zugemutet werden? geraten sie beinahe zwangsläufig «über Kreuz». Diese Differenzen, stereotyp aufgefasst, können die Kommunikation zwischen beiden behindern und ermüden, bergen jedoch zugleich ein enorm kreatives Potenzial, das zu aktivieren Ziel dieses Workshops ist.

Anhand von Textproben aus der je «eigenen Werkstatt», die von Lektoren und Übersetzern als Bewerbung eingereicht wurden, diskutieren wir aus der «Doppelperspektive» die unterschiedlichsten Probleme der Übersetzung aus diversen Sprachen in die Zielsprache Deutsch. Per Rollentausch – Lektoren übersetzen, Übersetzer lektorieren – und andere Übungen wird die eigene Tätigkeit reflektiert, das literarische Sensorium verfeinert.

Der gemeinsamen Selbstwahrnehmung beider Berufsgruppen als Schreibende dient ein spezieller Kurzworkshop mit dem Kommunikationswissenschaftler Prof. Otto Kruse (Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften), in dem Kreativstrategien entwickelt und Wege zur Auflösung von Schreibblockaden aufgezeigt werden.

Professionelles Feedback steht ebenfalls zur Diskussion: Wie lassen sich Änderungsvorschläge plausibel machen, wie geht ein Übersetzer gewinnbringend damit um? Aus dieser Fragestellung ergibt sich im besten Falle eine substantielle Verbesserung des Verhältnisses zwischen Lektor und Übersetzer.

Werkstattleitung: Alice Grünfelder (Lektorin, Zürich) und Andreas Tretner (Übersetzer, Berlin)

Bewerben können sich Lektorinnen und Lektoren, die Übersetzungen lektorieren, sowie Übersetzer und Übersetzerinnen von Belletristik, Sachbuch, Essay und Lyrik mit Berufserfahrung.  Bewerber, die mit Literatur aus Ost- und Südosteuropa arbeiten, werden bevorzugt, dennoch möchten wir auch andere Übersetzer und Übersetzerinnen sowie Lektoren und Lektorinnen unbedingt ermuntern, sich zu bewerben.

Genauere Infos zu den Teilnahmebedingungen etc. finden Sie hier auf www.looren.net

Die rote Staatsanwältin

Pistole in der Hand der Partei

Eine Staatsanwältin berichtet aus dem Innern des chinesischen Rechtssystems:

„Immer wieder musste ich Fälle bearbeiten, bei denen ich mit den Verdächtigen sympathisierte“, so Xiao Rundcrantz in ihrem autobiografischen Bericht. Neben der persönlichen Geschichte einer jungen Frau, die mit 18 Jahren ihre Ausbildung als Staatsanwältin beginnt, wird hier das chinesische Rechtssystem geschildert – die Einblicke sind ernüchternd. Über die desolate Lage der Anwälte schreibt Xiao Rundcrantz beispielsweise: „Die Stellung der Rechtsanwälte in China ist so schwach, dass Polizisten, Staatsanwälte und Richter sie völlig ignorieren können. Im Gerichtssaal dienen sie lediglich der Dekoration.“

Die rote Staatsanwältin Mit der Öffnung Chinas und Deng Xiaopings Reformkurs zu Beginn der Neunzigerjahre habe sich das System keineswegs verbessert, im Gegenteil: Die Korruption innerhalb des Gerichtswesens habe sprunghaft zugenommen, und Rechtsanwälte wurden zu Überbringern von Bestechungsgeldern degradiert. Das Recht diene allein den Machthabern, dies sei das oberste Gesetz, so die ehemalige Staatsanwältin, die heute in Schweden lebt.

Xiao Rundcrantz litt im Laufe der Jahre zunehmend darunter, wenn Leute beispielsweise als Opfer von politischen Entscheidungen ungerecht behandelt, Schuldige hingegen freigekauft wurden. Gleichzeitig war aber selbst sie nicht untätig, als es darum ging, für Bekannte und Verwandte ein milderes Strafmaß zu erwirken. Doch von Jahr zu Jahr verlor sie zunehmend das Gefühl dafür, auf welcher Seite der Fronten sie eigentlich stand.

Diese innere Entfremdung führt schließlich auch zur Trennung von ihrem Mann. „Wenn ich weiterhin mein wahres Ich verleugnete, würde ich am Ende vielleicht ein kalter, verhärteter Mensch werden. Der Gedanke machte mir Angst.“

Doch zurück zu den Zustandsbeschreibungen des chinesischen Rechtssystems: Todesstrafen werden als abschreckendes Beispiel verhängt: „Indem wir einen töten, warnen wir Hunderte.“ Die Einweisung in ein Arbeitslager konnte von der Polizei angeordnet werden, selbst wenn keine Beweise für die Schuld vorlagen, die Verdächtigung allein genügte schon. Leute wurden zu Oberstaatsanwälten berufen, ohne Jura studiert zu haben. Die Kriminalitätsrate sei in den letzten Jahren um das Dreifache gestiegen, so die Autorin, ebenso die Summe der Schmiergelder.

So stilisiert sich die ehemalige Anklägerin ein wenig als Opfer, um nun vom Westen aus eine Art Anklageschrift zu verlesen. Allerdings wäre es vermessen, ihr dies vorhalten zu wollen, denn jegliche systemimmanente Kritik hätte zum sofortigen Verlust des Arbeitsplatzes geführt, möglicherweis auch zu Repressalien, denn oft genug wurde Xiao Rundcrantz gedroht.

Wer hier allerdings eine scharfe Analyse des chinesischen Rechtssystems erwartet, wird enttäuscht. Zwar bestechen Xiao Rundcrantz’ nüchterne Beschreibungen, gerade weil sie nichts beschönigen, auch nicht ihre eigene Rolle, doch die Unfähigkeit, das System generell zu hinterfragen und stattdessen die Schuld bei sich zu suchen, führt schließlich zum Sturz bei diesem schwierigen Balanceakt, zwischen Recht und Unrecht zu unterscheiden.
Alice Grünfelder

Xiao Rundcrantz: Rote Staatsanwältin. Freiburg: Herder-Verlag, 2007. 352 Seiten, mit Abbildungen, sFr 15,90 / Euro 9.95