Comics übersetzen

Graphic Novel III  ::

Wie übersetzt man z.B. die langen Texte von Joe Sacco? Lässt man chinesische Schriftzeichen im Text einfach stehen? Und was ist das Besondere bei Jacques Tardi?

Christoph Schuler wird im Gespräch mit Alice Grünfelder verraten, worauf es beim Übersetzen von Comics ankommt.

Zeit: Sa 15. März, 19:30 bis 20:30
Ort: Schauspiel Leipzig, „Absinth Bar“, im Rahmen von „Auftritt Schweiz“

 

Die Angst der Chinesen vor Wölfen

Wölfe aller Herren Länder – vereinigt Euch! So schallt es hüben wie drüben, damals wie heute, nach dem Wolf richtet so manch einer sein Leben aus. Man denke nur an Jack London, der weniger mit dem Wolf tanzte als andere, oder an den sensationellen Erfolg des Ökoschmachtfetzens „Zorn der Wölfe“ aus der Feder des chinesischen Autors Jiang Rong. Penguin China blätterte für die Weltrechte einen Vorschuss von 100.000 US-Dollar hin, so viel hatte noch nie ein chinesischer Autor eingeheimst. Und Jean-Jacques Annaud wird, da können wir ganz sicher sind, auch die letzten sich verweigernden Drüsen zum Heulen bringen – geht dafür aber wenig wölfisch mit der chinesischen Regierung auf Schmusekurs. Einmal mehr wird das Vorbild vom starken, mutigen und furchtlosen Rudelanführer durchgehechelt, in der chinesisch-mongolischen Version wird der Wolf zum Symbol für die kriegerische Kühnheit ebenso wie für die Expansionsgelüste des Westens, wohingegen der chinesische Ackerbauer vor lauter konfuzianischer Indoktrinierung zum schwachsinnigen Schaf verblödete. Schlag auf Schlag folgten im Reich der Mitte Dutzende von Managementratgeber. „Zeigs Ihnen! Werde zum Wolf!“, „Ein Wolf unter Schafen“, „Wie man zum Wolf wird“: Mit ähnlich variantenreichen Titeln bleute man den chinesischen Managern ein, im Umgang mit ihren westlichen Partnern endlich ihre Zähne zu zeigen.
Der Westen aber besinnt sich derzeit wieder auf seine wölfischen Qualitäten. Der Wolf galt hierzulande schon immer als Vorbild für Kriegsherren, zierte Wappen, dem armen Tier wurde gar die Gründung Roms aufgehalst. Und da die Expansionsgelüste, die Jiang Rong ebenfalls im wölfischen Gebaren westlicher Kulturen begründet sah, jüngst deutliche Ermüdungserscheinungen zeigten, so vollgefressen waren sie von den Jahren zuvor, gilt nun auch hier wieder die Devise: Zurück zum Wolf! Und das krisengeschüttelte Brandenburg springt mit einem marketingstrategisch eleganten Wolfssprung auf den Zug der Zeit: „Wie sie vom Wissen der Wölfe profitieren können und wie sie ihr Team zu einem Hochleistungsteam machen, erfahren und trainieren sie in diesem Workshop.“ Womöglich doch besser das eigene Wolfsgeheul trainieren, als im nächsten interkulturellen Sino-Seminar den richtigen Austausch von Visitenkärtchen zu üben? Denn wer zuletzt heult, den fressen die Schafe.

Eine ganz normale chinesische Familie?

Ein Leben in Comicbildern

Gefährlich wird es immer dann, wenn sich die Gesichter der Menschen entleeren, wenn nur noch Umrisslinien von ihrem Dasein zeugen im grafischen Roman „Ein Leben in China“.

Ein Leben in China

Ein Leben in China

Als während des Großen Sprungs nach vorn (1958 bis 1961) das Brennmaterial zur Neige geht, lassen sich die Frauen kurzerhand ihre Haare abrasieren. „Keine grosse Sache, Herr Hauptmann, einfach ein paar Gramm weniger auf dem Kopf“, meint eine froh gelaunt, doch das Bild der leeren Figuren inmitten der Haufen Haare straft sie Lügen. Dieser Optimismus vermag indes einen alten Hasen wie den Vater des Zeichners nicht zu täuschen, seine Laune wird von Tag zu Tag schlechter, was sich seine Kinder gar nicht erklären können, jetzt, da Mao mehr denn je den revolutionären Eifer anstachelt. Schliesslich reisst die Kulturrevolution (1966 bis 1976) wie eine Flutwelle alles mit sich, der Einzelne ist einer von Abermillionen Wassertropfen, die sich zu einem großen Strom vereinen.
Kinder und Jugendliche – in den berüchtigten roten Garden organisiert – gehen rigoros gegen alles vor, was nach Bourgeoisie riecht. Sie kämpfen gegen bürgerliche Gerichte wie „Festmahl im Palast“, verlangen, bestimmte Theaterstücke vom Spielplan zu nehmen, und der Coiffeur muss es sich gefallen lassen, dass man ihm Abbildungen von revolutionär genehmen Frisuren vorlegt – womit der Kleine Li zugleich sein Coming-out als Zeichner feiert. Wellness ist dazumal erst recht verpönt, der Besuch im öffentlichen Bad wird zum Skandal: „Einige Gäste lassen sich massieren, das ist eine Art der Ausbeutung, die verboten werden muss.“
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Denunziation macht auch vor der Familie des Zeichners nicht Halt. Ein guter Freund zerrt den schlechten Klassenhintergrund der Familie ans Licht, der Vater wird daraufhin ins Umerziehungslager gesteckt, wo ihn sein Sohn vier Jahre später als gebrochenen Mann kaum mehr wiedererkennt. Dennoch gelingt es dem Kleinen Li, bei einem Maler in die Lehre zu gehen. Wie hat der wohl die Kulturrevolution mit so einem verwegenen Gesicht überlebt? Li lernt Mao-Porträts in allen Variationen zu malen, entdeckt aber eines Tages hinter den Leinwänden unzählige Zeichnungen von nackten Frauen. Wenn das nicht bourgois ist! Wird der Kleine Li den Mund halten?
Die gesellschaftlichen Wirren verknoten sich immer mehr, der Kampf ums tägliche Überleben legt sich wie Mehltau über die Gesellschaft, die ersten Jugendlichen werden aufs Land verschickt. Der Kleine Li will jedoch Soldat werden, seine Mappe mit den Mao-Porträts gewährt ihm den Zugang.

Der erste Band dieser Autobiografie in Bildern endet mit Maos Tod. Ein Zittern, eine Erschütterung geht durch das Volk. Und der Zeichner konstatiert: „Ich bin mir dir geboren worden und erlosch mit dir.“
Die Identifikation des Einzelnen mit dem großen Führer ist für uns unvorstellbar, aber darin liegt die Stärke dieser Grafic Novel: anhand des Schicksals einer Familie die Auswirkungen dieser enormen historischen Umwälzungen sichtbar zu machen. Von Bild zu Bild wird einem bewusster, wie sich das chinesische Volk über sein Land und seinen Führer definierte, wie es möglich war, dass so viele Menschen Opfer dieser Gehirnwäsche werden konnten. Nie gibt es ein Innehalten, ein Zögern in dieser Propagandamaschine.aufmarsch
Die Tableaus erlauben einen aufgefächerten Blick auf die Gesellschaft und sind mehr auf die Details ausgerichtet als dass sie das große Ganze ins Auge fassen, dies entspricht auch dem textlichen Zugang zur Geschichte. Geradeaus und einfach erzählt wird die Kindheit und Jugend des Malers, weitschweifige historische Exkurse und Erläuterungen werden ausgespart, die Zusammenhänge werden dem einfachen Chinesen damals ebensowenig erklärt wie dem Leser heute.
Die Zeichnungen weisen eine enorme Bandbreite auf: Manchmal meint man gar, den Einfluss der traditionellen chinesischen Landschaftsmalerei zu spüren, so wie Li Kunwu auf seinen Bildern Mensch und Landschaften arrangiert. Bei den Massenveranstaltungen aber wirken die Einzelnen wie überzeichnete Comicfiguren. Und werden einmal ganz leer, weil sich später niemand mehr erinnern wird oder erinnern will. Der Maler, der jahrelang propagandistische Comics im Auftrag der Partei zeichnete, hat jedenfalls sämtliche grafische Register gezogen in dieser Choreografie in Bildern seines Lebens.

P. Otié / Li Kunwu: Ein Leben in China. Die Zeit meines Lebens. Band I. Aus dem Französischen von Christoph Schuler. Edition Moderne, 2012, 254 Seiten, ca. 29.80 sFr

Von Sandelholzstrafe und Bauernkaisern

alice-karin-podiumSalongespräch über China

Im Rahmen der Zuger Übersetzer-Gespräche 2014

Karin Betz und Alice Grünfelder unterhalten sich über Themen und Tendenzen in der Gegenwartsliteratur Chinas, über regionale Besonderheiten und die Frage: Was ist überhaupt chinesische Literatur? Apéro im Anschluss an das Gespräch.

Ort: Zug, Bibliothek, St. Oswaldsgasse 21
Zeit: Samstag, 18. Januar 2014, 10.30 Uhr

Chinesischer Humor

Der Chinese lacht viel, sagt man, nur lacht er auch gerne? Und was könnte es bedeuten, wenn er lächelt? Schließlich versuchen in interkultureller Kommunikation Geschulte seit Jahrzehnten, dieses Lachen für uns zu enträtseln.
Das irritierende Lächeln der Chinesen ist berüchtigt, gefürchtet gar von jenen, die mit Chinesen Verhandlungen führen. Da wird gelächelt, was das Zeug hält, und nur in den seltensten Fällen weiß das westliche Gegenüber diese Muskeldehnung im Gesicht richtig einzuschätzen, bei der die Augenschlitze dann gleich noch ein wenig schmaler werden. Es könnte heißen: „Ich weiß jetzt auch nicht weiter, deshalb lächle ich zur Sicherheit mal ein paar Runden“, oder: „Dein Angebot ist eine Unverschämtheit, dir werd ichs noch zeigen.“ Aber auch: “Du hast mich ertappt, egal, das nächste Mal passiert mir das nicht mehr.“ Nun, es kann viel bedeuten, nur in den allerseltensten Fällen das, was es im Westen bedeuten würde: ein Zeichen des wohlwollenden, gütigen Einverständnisses. Es ist auch kein verschmitztes Lächeln, sondern möchte einfach nur ein peinlich bedrückendes Schweigen, einen Stillstand im Gespräch, einen Gesichtsverlust kaschieren; es ist eine Mimik aus der Not heraus, wenn man nicht mehr weiter weiß. Und allemal besser, als gleich mit der Faust teutonisch auf den Tisch zu hauen.

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Was aber ist mit dem Lachen? Im Laufe der letzten Jahrhunderte erschienen in China diverse Witzsammlungen, besonders geistreich „Lachwald“ genannt, und kürzlich brachte auch ein deutscher Verlag eine solche heraus. Würde man die besonders schlechten Witze anstreichen, wäre das Buch über und über mit schwarzen X versehen. Unglaublich, worüber die Chinesen lachen können! Aber vielleicht lachen sie ja auch gar nicht über diese Witze, die so moralinsauer und pädagogisch daherkommen, dass man ihnen höchstens als humorige Sinnsprüche etwas abgewinnen kann. Und vielleicht gewähren sie ein wenig Einblick in den Humor eines Volkes, doch beim Blick wird es bleiben.

Ein Witz heißt auf Chinesisch „Xiaohua“, also Lachgespräch, Lachgeschichte. Offenbar fehlt den meisten eine Pointe, über die ein Westler lachen könnte. Woran nur mag das liegen?
Lachen, so die Herausgeber einer solchen Witz-Sammlung, sei gesund: man könne sich damit gleich um 10 Jahre verjüngen, heißt es, den Menschen in Einklang bringen mit seiner Umgebung – Lachen als Heilmittel also. Oder eingebettet in Streitgespräche chinesischer Gelehrter kann solch ein spröder Lacher ein rhetorisches Stilmittel sein. Lachen ist also offenbar nie zweckfrei, und möglicherweise ist das der Grund, weshalb wir solche Weisheits-Humor-Mogelpackungen sofort durchschauen, die uns dann allenfalls ein müdes Gähnen entlocken. Das Lachen bleibt auf der Strecke zwischen Hirn und Gesichtsmuskel irgendwo stecken.

So richtig von Herzen lachen kann der Chinese aber auch, nur worüber? Und worüber am liebsten? Wenn anderen ein Missgeschick passiert, kann man beobachten, wie Chinesen gern und auf der Stelle sofort lachend zueinander finden und sich schenkelklopfend vor lauter Lachen schier gar nicht mehr einkriegen.
Der Begriff „Missgeschick“ ist allerdings dehnbar, es reicht vom Ausrutschen auf der Treppe bis hin zu einer echten Panne oder gar einem üblen Streich. Einmal saß ich in einem Bus – der Motor lief, der Fahrer wollte offenbar nur noch schnell etwas erledigen – und beobachtete, wie auf dem Vorplatz des Busbahnhofs drei Jungen um einen behinderten Mann herumhüpften, den sie immer wieder versuchten, von seinem Brett herunterzustoßen, an dem vier Rollen angebracht waren und das er mit seinen Händen vorwärts bewegte; Beine hatte er keine mehr. Die Jungen gieksten und lachten, lachten am lautesten, wenn das Brett umkippte und der Mann sich wieder aufrichten musste. Schnell bildete sich ein Kreis mit Schaulustigen, die lachend um das makabre Grüppchen herumstanden, und da diese Art von Lachen in China besonders ansteckend ist, wurde der Kreis immer größer. Auch die Mitreisenden im Bus stupsten sich an und schauten dorthin, wo das Lachen und Toben in vollem Gang war, wo der Mann immer wieder umgestoßen wurde und sich mühsam wieder aufrappeln musste. Auch im Bus wurde das Lachen immer lauter, es gellte mir in den Ohren, doch hilf- und ratlos blieb ich sitzen. Der Fahrer hätte ja jeden Augenblick zurückkommen und losfahren können.
Das Lachen blieb mir jedenfalls im Hals stecken. Und gelernt habe ich nur: Wenn einem ein Missgeschick passiert, kommt ihm niemand zu Hilfe, weil dann der Spaß doch zu schnell zu Ende wäre. Doch ausgerechnet in diesem Moment fällt mir eine deutsche Redewendung ein: „Wer zuletzt lacht, lacht am besten!“

Skype bitte, Mama, skype!

Zerkratzte Geschichten aus der Ukraine

Die neue Nabelschnur ist das Internet samt Webcam, damit wird per Skype die Mutter auf den Bildschirm geholt, weil sie als Gastarbeiterin anderswo arbeitet. Und so verlassen denn in den vorliegenden Erzählungen Mütter ihre Familien, weil sie in der Ukraine keine Arbeit finden oder zumindest keine, die genug Geld einbringt, um sich und die Kinder über Wasser zu halten oder ihnen einen höheren Lebensstandard zu ermöglichen. Doch die Abhängigkeiten, die durch dieses Wirtschaftsexil entstehen, können fatal sein.
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Wie im Fall „Slawka“, einem Mädchen, das sich nichts mehr herbeisehnt als ihre Mutter. Doch als die endlich wieder zurück im Dorf ist, erhängt sie sich im Wald, weil der bigotte Pfarrer ihr Geheimnis überall herumerzählt, woraufhin der Vater sich im Haus verbarrikadiert und anzündet. Zurück bleibt Slwaka, und nichts wird gut, wie die Kinder in diesem Erzählband immer wieder getröstet werden – zerkratzte Kinderseelen, die sich mit Marken-T-Shirts und neuesten Handys, mit Aussichten auf ein besseres Leben nicht trösten lassen wollen, sondern zornig versuchen, sich abseits der verlogenen Erwachsenenwelt eine eigene Welt zurechtzuzimmern, so wie in „Das Familien-Finde-Spiel“. Erschütternd, dass solche Sehnsüchte irgendwann selbstzerstörend werden. „Das Arbeitsmigrantenleben der Eltern programmiert in den Kindern von klein auf denselben Sehnsuchtsmechanismus: nach einem besseren Leben nicht in der Heimat, sondern in der Ferne, dort, wohin der Gastarbeiterweg führt“, schreibt die Herausgeberin Marjana Sawka im Nachwort. Nur wenige, scheint es, finden auf diesem Gastarbeiterweg wieder zurück, zumindest in den Erzählungen. Und nie geht es gut aus. Aus einem Jahr werden mehrere, aus kleinen Kindern, die bei ratlosen Verwandten aufwachsen, werden Jugendliche, die an ihre Eltern immer höhere und absurdere Forderungen stellen, die das Loch im Herzen allerdings auch nicht mehr zu stopfen können. Und bei jeder Zeile fragt man sich: Wie halten die Kinder das nur aus?
Von zerrissenen Seelen handeln diese Geschichten, von alltäglichen Entmutigungen, doch über diese sozialen Waisen zu schreiben, so die Herausgeberin, sei schon mal ein erster Schritt zur Lösung des Problems. Und geschrieben wird ganz ohne Anklage, ohne Pathos, einfach nur aus Kinderperspektive. Die Zeit läuft, und Skype hält die Uhr nicht an.

Kati Brunner, Marjana Sawka, Sofia Onufriv (Hg.): Skype Mama. Edition.fotoTAPETA, 2013, 150 Seiten, ca. 18.90 sFr

Balkongespräch

Ein altes Ehepaar sitzt auf dem Balkon. Gegenüber ein Wohnsilo.
M: Jetzt sind wir also im Alterswohnheim Abendruh …
V: Abendruh! Wenn ich das nur höre. Schau doch mal geradeaus! Was siehst du?
M: Ja, schon. So viele Wohnungen, so viele Menschen, laut ist es hier, aber …
V: Aber eben: Du wolltest ja nicht mehr kochen, waschen und putzen. Ich hätte noch lange den Garten besorgt.
M: Den Garten schon, Vater; mir ist es einfach zu viel geworden. Die Trudi in Amerika, das Vreni im Welschen und der Peter …
V: Der Peter, von dem kam nie was Rechtes.
Er stopft seine Pfeife. Sie bleibt still.
V zieht an der sich langsam erwärmenden Pfeife: Also, einige Vorteile hat das Leben hier schon. Und der Lärm ist ja auch manchmal schön, wenn die Jungen da unten tschutten …
M: … dann denkst du daran , wie du am Sonntag immer auf dem Fussballplatz warst, während ich zu Hause blieb mit den Mädchen. Schon da ist mit dem Peter was ungut gelaufen …
V: Jetzt sag nur wieder, ich sei schuld daran! Nein, nein und nochmals nein! Ich war immer korrekt.
M: So korrekt, dass einem schwindlig wurde von deiner Selbstherrlichkeit.
V: Jetzt hör aber auf, Mutter, immer hab ich für euch alle gesorgt. Du hast nie arbeiten müssen. Ich hatte eine gute Stelle. Wir haben eine anständige Wohnung in einer anständigen Gegend gehabt. Dass der Peter auf Abwege gekommen ist und …
M: … ist bestimmt nicht meine Schuld. – Du!
Sie streckt die Hand aus und zeigt auf eines der Fenster des gegenüberliegenden
Hochhauses.
Da will einer springen!
V: Wo? Ich sehe nichts!
M: Ruf die Polizei! Die Feuerwehr! Geh!
Der Vater erhebt sich mühsam, geht vom Balkon hinein ins Zimmer.
M: Lass, Vater, da hat ihn einer aufgehalten!
Sie sehen einander an: Wenn nur einer den Peter gehalten hätte.

Dieses Kürzestdrama enstand während des Workshops „Von der Idee zum Buch“. Marion Eve Stöckli (1937) lebt, liebt, liest und schreibt am liebsten am Bodensee oder über dem Zürichsee und hat bereits bei einigen literarischen Wettbewerben gewonnen. Mehr über sie hat Cornelia Jacoment in einem Gespräch erfahren.

Ayurveda – ums Leben wissen

Sri Lanka, 2013

„Put on some normal clothes!“, wenn der Manager zum Gespräch bittet, der einmal die Woche aus Colombo kommt und mit den neuen Gästen persönlich sprechen möchte. Danach würde man uns die Anlage zeigen, sagte die Empfangsdame im beigefarbenen Sari. Ihr Blick musterte mich von Kopf bis Fuß, glitt dann an mir ab, doch ich hatte ihn vor Augen, als ich in meinem staubigen Rucksack nach „normal clothes“ suchte. Muffig rochen sie. Wie sollte es auch anders sein, zweieinhalb Wochen waren wir vom Norden kommend im Zickzackkurs an der Küste entlang gereist, unterbrochen nur von Besichtigungen – auf sämtlichen Landeskarten gelb markierten Highlights – im Landesinnern: die Felsenfestung Sigiriya und die vernebelte Hochebene der Horton Plains.

Sigiriya Felsenfestung

Sigiriya Felsenfestung

Mit Bus und Tuktuk waren wir angereist, allerdings war das Ayurveda-Resort schwer zu finden, kein Schild, kein Wegweiser, zahlreiche Abzweigungen, von denen der Tuktuk-Fahrer jeweils die falsche wählte; auf hohe weiße Mauern zeigten die Menschen, die der Tuktuk-Fahrer befragte. Der fast schon ein wenig vorwurfsvolle Blick beim Empfang galt auch dieser Art des Reisens, kein Gast war bislang offenbar mit so einem motorisierten Dreirad gekommen und hatte staubige Rucksäcke in der marmorglänzenden Lobby abgestellt. Wie unliebsame Wesen behandelten die Boys die beiden Gepäckstücke, zierten sich gar, schien es, diese Ungetüme auch nur anzufassen.

Gleich nachher würden wir durchs Haus geführt, wiederholte die Empfangsdame abermals, nach dem Gespräch mit dem Manager. Was eine humorlose Managerin war, die über die Tuktuk-Anfahrt wohl informiert worden war und darüber nur den Kopf schüttelte, uns vor dem rauen Meer warnte und auf die rote Fahne hinwies, die wir bei unserem ersten Schwumm übersehen hatte, so eingezwängt hingt sie in einer Astgabel, erneut den Kopf über dieses Wagnis schüttelte und uns ein drittes Mal warnte, nun vor den Moskitos und Affen.

Wie überhaupt die 16-seitige Broschüre, die uns gleich zu Beginn ausgehändigt worden war, unzählige do’s und don‘ts auflistete, dass einem schwindlig wurde. Mir zumindest. Was tun, was lassen? Und ja, man solle nicht miteinander und schon gar nicht schlecht über die anderen reden, solle sich bitte auch nicht von den negativen Energien der Mitreisenden beeinflussen lassen, sich ganz auf das Positive konzentrieren. Entgiftung und Reinigung stünden im Vordergrund, die Besinnung auf sich selbst. Nachdem so viel Negatives erst mal vorgeschoben wurde, dachte ich mir, welch ein Sündenpfuhl, diese Welt da draußen! Und ebenso sollte man auch tunlichst jeglichen Kontakt mit den Dorfbewohnern vermeiden. Nur so sei der Erfolg der Behandlung garantiert. Alles sei nur zum eigenen Besten. Klösterliche Strenge. Hätte man nicht eine hübsche Stange Geld für diesen einwöchigen Ayurveda-Aufenthalt hingelegt, hätte man sich womöglich aufgelehnt. So aber: alles freiwilig.

Buddhas Zehen

Buddhas Zehen

Um 6 Uhr dann die erste Morgensession Yoga. Eine stattliche Zahl von sieben offenbar Schlafgestörten fand sich ein, ein dunkelhäutiger Yogalehrer zählte im Rhythmus mal deutsch, mal englisch die Atemzüge. Das Entspannendste war naturgemäß die Entspannungshaltung, ausgestreckt am Boden, mit dem Blick in das helle Morgenblau zwischen Palmen. Die Konzentration hatte es schwer, denn in den Wipfeln tobte eine Horde Affen, vor den Zehen transportierte eine Meute Ameisen ein totes Insekt, bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Ein strahlend blauer Eisvogel flog über den ebenso strahlend blauen Swimmingpool, verfolgt von einem gelben Schmetterling. Im Meeresrauschen und Affentoben ging die Stimme des Yogalehrers unter. Die schamhaften Shanti-Gesänge ebenso.

Später dann sah man umherwandelnde Gestalten auf sandigen Pfaden, in blauen, schwarzen und roten Sarongs, je nach Behandlung mit oder ohne Handtuch zum Turban gewickelt. Und bald auch schritten wir zur ersten Konsultation, beantworteten brav die Fragen nach Vata, Pita und Kapha, wurden sogleich zur ersten Behandlung beordert mit sonderlichem Namen, der nicht zu merken war, jedenfalls nicht, wenn man sich keine Mühe gab. Und dann in Öl schwimmen, Öl glatt streichen auf dem Haar, den Schultern, im Nacken, ums Ohr herum, die Ohrläppchen, bis in den Gehörgang hinein streckte sich ein Finger, und nochmals, und hinunter am Rückgrat entlang, alles schwimmt in Öl, scheint sich aufzulösen, löst sich auf, meint man, als man wieder bei Sinnen ist, da gleitet ein heißer öliger Stoffballen über die Hüfte und den Oberschenkel.

Aufstehen könne ich jetzt, einen Sarong um mich wickeln und hinter den nächsten Vorhang treten. Dort lag ein Sarg. Ein großer brauner aus Holz. Der Sargdeckel wurde geöffnet, ich solle mich auf den Rost legen, der Deckel schloss sich, nur mein Kopf schaute aus einer runden Öffnung am Kopfende heraus. Freiwillig, dachte ich. Freiwillig garen lassen, über heißen Dämpfen, eine Guillotine könnte nun herabsausen und mit einem glatten Schnitt den Kopf vom Körper trennen, sobald der die richtige Temperatur hätte. Um verspeist zu werden. Kannibalen.

Eine Frau trat neben den Kopf und tupfte mir nicht-existenten Schweiß von der Stirn, jedenfalls spürte ich keinen. Spürte nur die Temperatur, die ich in der Sauna stets mied. Hätte am liebsten gesagt, es reiche jetzt. Dampfbad hin oder her, aber ich lasse mich nicht garen. Es reicht jetzt, meinte sie, lupfte den Deckel, ich kletterte vom Rost, erhaschte einen Blick auf einen Aluminiumtopf, der darunter vor sich hin dampfte.

Blumenarrangement à la Ayurveda

Blumenarrangement à la Ayurveda

Einmal wurde ich zu einem Holzkasten geführt und musste lachen. In den Deckel des Kastens war ein ovales Loch gefräst, und das Ganze sah aus wie ein erhöhter Abort. Geschätzte zehn Minuten steckte ich da hinein meinen Kopf. Um den heißen Dampf einzuatmen, der einem nur halb gedeckelten Topf entwich.
Bei der Synchronmassage ein paar Tage später bearbeiteten mich gleich vier Hände im Rhythmus, und obwohl mir der Druck der Finger genau gleich vorkam, schien der ganze rechte Arm im Gegensatz zum linken nur ein schwaches Rohr zu sein.

Solcherart Ungleichgewicht im ansonsten gleichgewichtigen Kneten und Streichen war verblüffend und kam ansonsten bei keinem anderen Gliedmaß vor. War womöglich der einige Monate zurückliegende Fahrradunfall der Grund dafür, bei dem ich den rechten Ellbogen brach, Schulter und Handgelenk prellte? Schmerzen hatte ich dort keine mehr, doch meine Aussage, der rechte Arm fühle sich einfach nicht mehr so an wie mein linker, wurde bislang von allen Ärzten nicht weiter beachtet, sodass ich es aufgegeben hatte, diesem leisen Ungleichgewicht weiter Aufmerksamkeit zu schenken.

Weniger angenehm war das Rotzen und Schleimlassen nach einem Naseneinlauf, es brennt, es würgt, und immer hinein damit in eine grüne Plastikschüssel, dessen Inhalt allein schon bald gereicht hätte, sich zu übergeben. Sinnigerweise musste an diesem Tag auf das Frühstück verzichtet werden, wie überhaupt Nahrung und Behandlung einhergingen. Man durfte ohnehin nicht immer am Buffet zu den Speisen greifen, die am verlockendsten rochen, sondern konnte schon mal vom Koch nach der Zimmernummer gefragt werden, um mit einem Kopfschütteln die Genehmigung für eben dieses Gericht verweigert zu bekommen. Nach der Nasenreinigung durfte man jedenfalls einen Tag lang nicht an die Sonne: kein leises Streichen des Windes über die ölige Haut, wo doch die Meeresbrandung gerade heute so verführerisch rauschte.

Tangalle

Tangalle

Eine „angenehme Erfahrung“ sei das Augenbad, verspricht der Leitfaden zur Panchakarma-Kur, dieses nahm ich beziehungsweise meine beiden Augen wenige Stunden nach dem Nasenbad ein. Ein Teigrand wird dabei direkt um die Augen gelegt, darin sammelt sich die geschmolzene Butter, in ihr muss man die Augen öffnen, mal nach rechts, mal nach links rollen, schließen, öffnen, grelles Sonnenlicht sei für heute zu vermeiden. Mein Blick auf die Weisheit vom langen und gesunden Leben trübt ein, meine „body energy“, nach der ich jeden Tag mehrere Mal gefragt werde, sackt in den Keller, bis kein tieferer Punkt mehr erreicht werden kann. Noch am Tag danach war mir, als hingen fette Buttertropfen an den Lidern meines linken Auges, als würde sie aus den Augenwinkeln herauslaufen. Das Feuer trete aus den Augen, meinte die befragte Ärztin zu diesem Symptom.

Empfohlen wird eine vierzehntägige Panchakarma-Kur, doch einen Durchhänger hätte ich spätestens nach diesen beiden Behandlungen gehabt. Dennoch: Sechs Tage lang unangestrengt nichts tun, sich entgiften, abgelagerte Schlacke von Jahrzehnten ausstoßen, ölselig sich den Massagen hingeben, nichts tun, nichts tun dürfen, im Palmenschatten den Wind über die Haut streichen lassen, ausspannen, entschleunigen, ermattet tagträumen. Erinnerungen brechen senkrecht durch Gedanken und falten sich wieder zusammen. Einfach nur daliegen und alles sein lassen. Ayurveda eben, ums Leben wissen.

Nachtrag:

Elf Jahre später fuhren wir wieder hin, wegen eines Bandscheibenvorfalls, steifen Gelenken, just name it. Die strengen Konversationsregeln waren von den Gästern aufgelockert wurden, nun wurde morgens und abends Yoga unterrichtet, auch wurde auf manche exotische Behandlung während der Panchakarma-Kur verzichtet (z.B. das herbeigeführte Erbrechen, der Schwenkeinlauf) – vieles aber war so, wie wir es in positiver Erinnerung behalten hatten.

Weiterer Beitrag zu Sri Lanka:

Sri Lanka fürs Handgepäck. Herausgegeben von Alice Grünfelder, erschienen im Unionsverlag, 2014

Die Suche nach B.

Berlin, 2008

Berliner Himmel

Berliner Himmel

Noch immer spürt man die Wunden, den Kahlschlag, Stahlnarben, spürt der Zeit nach. Lange, wie lange? ist es her. Wie gestern. Dort einmal entlang gegangen, untergehakt, nachts. Weil ich Spaziergänge in Städten liebe. Besonders nachts. Über weite Plätze, breite Straßen, wo auch tagsüber kaum Menschen gehen. Lachend schaute er mich an. War ihm offenbar neu, solche Vorlieben kannte er nicht. Er schlurfte über den Kiesweg, sie hinkte ein wenig. Über ihnen bleiche Ausweglosigkeit.

Ihm war bang, nicht wissend, wie sollte er es wissen, wie sie sich entscheidet, entscheiden wird. Und sie noch heute Gewissensbisse deswegen hat. Deswegen, wegen ihm, der bohrenden Vorwürfe wegen, immer zerrissen, ihn von sich stoßen, was er nie verstand.

Waren sie in diesem Café zusammengesessen? Sie stutzt, schaut an der Fassade des Hauses hoch mitten hinein in einen Himmel, der sich verschließt. Dort ein neues Gebäude, der Architekt wollte ein Brauhaus nachbauen. Misslungen, findet sie. Steht und beobachtet die Wachposten, die langsam hin und her gehen, stehen bleiben, zu ihr herüberstarren.

Sie geht weiter. Goethe, Schiller, Humboldt, schwarz sind die Skulpturen vom Wetter, der staubfeindlichen Luft. Sitzen da auf ihren steinernen Stühlen. An der Kantine vorbei. Hat er sich hier mit ihr getroffen? Sie ist sich nicht sicher. Doch dieses Gemäuer verbindet sie mit ihm. Erinnert sich, wie sie einmal die knarrenden Holzstufen des Instituts hochgestiegen ist, ihn gesucht hat.

Das war ein Straßenzug weiter. Und ihn dort nicht gefunden hat. Aber warum war sie dorthin gegangen? Warum hatte sie ihn hier gesucht? Hatte sie sich ihm entzogen und sehnte sich plötzlich nach ihm? Nach seinem Arm, seinem Körper. Sie wusste es nicht mehr. Aber hier sprach alles von ihm. Von den verzweifelten Tagen, von der alles verschlingenden Leidenschaft, vom Schmerz, den sie zufügte. Und selbst litt.

Schön war dieser Blick hier über den Damm auf der einen Seite, frisch herausgeputzte Häuser auf der anderen Die Kuppel eines Museums, dahinter der Fernsehturm.

Die Straße, in die sie soeben einbog, kommt ihr bekannt vor. Oder doch nicht. Alte Schilder hängen an Häusereingängen. Dass hier noch geprobt wird, verrät nur die Türklinke. Blank hebt sie sich ab vor dem dunkelbraunen Holz der schweren Eingangstür.

Weiter vorn ist der Gehweg abgesperrt, an einer schmalen Stelle nur für Fußgänger geöffnet, die sie erst sieht, als sie davor steht. Sie musste immer lange Umwege machen, hier über die Straße, dann auf der anderen Seite zurück, um wieder eine Straße zu überqueren. Sie hüpfte fast, er lachte und wartete, schaute zu, wie sie näherkam. Und nahm sie in die Arme.

Buchsafari

Wie riecht ein Buch, wie fasst es sich an, wie wird es gemacht? Wie schreibt man ein Gedicht oder eine kurze Geschichte?

Wir tauchen ein in die Bibliothek des Literaturhauses, lernen mit einer Lektorin und einem Schauspieler Texte lesen und selber schreiben. Am Schluss des Workshops kann jeder ein selber gebundenes Buch mit nach Hause nehmen.

Ort: Literaturhaus Zürich und Schauspielhaus Zürich
Zeit: 7.10.13 (Mo) – 9.10.13 (Mi), 10-16 Uhr
Anmeldung über http://www.kulturvermittlung-zh.ch