Comics aus China

Dengdeng – baba – pingping

Vortrag von Alice Grünfelder

In China ist eine lebendige Comicszene entstanden, der das Magazin «Strapazin» sogar eine Jubiläumsnummer gewidmet hat. Ursprünglich den japanischen Mangas nachempfunden und kombiniert mit chinesischer Propagandamalerei sind die «Manhua» genannten Comics unter anderem auch inspiriert von traditionellen chinesischen Tuschezeichungen. Diese Überblendungen beispielsweise in «Ein Leben in China» führen zu reizvollen Kontrasten. Wie aber werden in westlichen Comics chinesische Themen dargestellt? Kleben Autoren und Zeichner an der exotischen Folie, oder gibt es eine ernst zu nehmende Auseinandersetzung mit China?

Ort: Songtsen House, Zürich
Zeit. 6. Dezember 2013, 19.30 Uhr

Aaargh!

Die Comicübersetzer Christoph Schuler und Matthias Wieland im Gespräch mit Alice Grünfelder

Wie halten Übersetzer von Comics und Graphic Novels den deutschen Text kurz, damit er in die Originalblasen passt? Wie retten die Spezialisten für direkte Rede verschiedene Jargons, regionale Färbungen und Wortwitz ins Deutsche? Ein Gespräch über die Strategien und Tricks für ein gelungenes Zusammenspiel von Sprache und Bild, und dazu Einblicke in ganz unterschiedliche Werke.

Christoph Schuler übersetzte u.a. Gaza von Joe Sacco, Alans Krieg von Emmanuel Guibert und Stalag II B von Jacques Tardi. Matthias Wieland hat sich als Übersetzer von Comics wie Peanuts und Simpsons, aber auch Habibi von Craig Thompson einen Namen gemacht.

Eine Veranstaltung der Weltlesebühne e.V. und des sogar theaters in Zusammenarbeit mit dem Übersetzerhaus Looren, gefördert von ProLitteris und pro helvetia.

Ort: sogar theater, Josefstrasse 106, CH-8005 Zürich
Zeit: 30. September 2013, 20.30 Uhr

 

„Ich fand den Abend im sogar theater in sich sehr stimmig, und dank Deiner Moderation kam die ganze Bandbreite der Probleme beim Übersetzen von Comics zur Sprache.“
Zorka Ciklaminy, Übersetzerhaus Looren

Frag nicht!

6.8.2012, Zugreise in Burma

„Train, hello, hello, train“ klopft es an die Tür. Um drei Uhr morgens. Aufstehen wollten wir eine halbe Stunde später, der Zug geht erst um 4 Uhr, den Weg dorthin schaffen wir im Stockdunkeln in knapp zehn Minuten.

Menschen in Burma

Bahnhof in Burma

Schlaftrunken lassen wir uns in die durchgesessenen Sitze der Upper Class fallen, schauen uns um im dunklen Abteil. Zwei junge Frauen weichen dem Blick aus, drei junge Männer vertieft in ein Gespräch, weiter hinten ältere Reisende, die allein unterwegs sind, eine Frau im streng geschnittenen grünen Longy mit farblich darauf abgestimmter, hochgeschlossener Bluse. Das Schaukeln der Waggons schläfert ein, Augen fallen zu, die ausgefranste Morgendämmerung rattert vorüber, Schatten sieht man noch keine, Lichter von Frühaufstehern schon. Irgendwann gelingt es den Augen, länger geöffnet zu bleiben, die Lider klappen müdeschwer nicht sofort wieder zu, die grellgrünen Reisfelder blenden fast, obwohl die Sonne nicht scheint.

An jedem kleinen Bahnhof hält der Zug mit den vier Waggons, es verwundert daher nicht, dass der Zug für diese Strecke von Kyiangin nach Pathein im Südwesten Burmas zehn Stunden braucht, die ein Bus in der Hälfte der Zeit zurücklegen würde – wenn es denn eine Straße gäbe, die hier entlangführte. Nicht jeder Bahnhofsname steht in lateinischen Buchstaben angeschrieben; wie viele Kilometer man bereits zurückgelegt hat, fällt deshalb schwer abzuschätzen.

burma zug

Verkäuferin am Zug

Um 11 Uhr hält der Zug, steht ein wenig länger still. Nur wenige steigen aus. Die meisten bleiben sitzen und schauen einfach nur hinaus. Auch auf dem Bahnsteig wird gewartet, weiter hinten verkauft eine Frau Tee und Reisgerichte, Hühner laufen gackernd über die Bahngleise und zwischen den Wartenden hindurch, Ziegen knabbern an grünen Bündeln, von Frauen gestapelt, die noch mehr Grünzeug holen. Eine Mutter stillt ihren wohl dreijährigen Sohn, der darüber einschläft, wieder aufwacht, einen Klaps auf den Po bekommt, bis sich die Mutter schließlich zu ihm auf die schmale Bank legt, die weiß-rot-blau um einen Pfeiler herum gebaut wurde.

Eine Reiskuchenverkäuferin taucht auf, manche steigen aus, holen sich etwas zu trinken, zu essen. Im hinteren Wagen sitzt eine Sportmannschaft in dunkelblauen Trainingsanzügen der Universität Hinthada. Zwei junge Männer mit Umhängetaschen und in auffällig bedruckten T-Shirts verlassen den Bahnhof. Das Kind wacht auf und hat Hunger. Holt einen blauen Eimer aus dem Lastkorb der Mutter, stellt ihn vor sich hin, nimmt den Deckel ab. Die Mutter öffnet kleine Plastiktüten: eingelegtes Gemüse, Reis, getrocknete Papayafrucht, reicht eins nach dem anderen ihrem Sohn. Schließt den Eimer wieder, dieses Mal mit einer Schnur. Die zwei jungen Männer mit den Umhängetaschen kehren zurück. Mittlerweile ist es zwei Uhr.

burma - wartende

Warten in Burma

Die Lok wurde irgendwann abgekoppelt, die Wagen stehen einfach nur da auf den Gleisen vor dem Kleinstbahnhof. Wann es weitergeht? Mit Händen und Mimik gefragt. „Halp an hour“ antworten dunkle Gesichter und lachende Münder, antworten noch mehr in einer Sprache, die ich nicht verstehe. Gehe hinaus, trete vor den Bahnhof, links und rechts der löchrigen Straße drei, vier Hütten, in einer wird Billard gespielt, in zwei anderen kann man Café trinken und Whisky, die vierte Hütte bietet eine kleine Auswahl an verschiedenen abgepackten Biskuits, gesüßtes Brot, Bier in Flaschen, burmesischen Energy Drink, Cola.

Ratlos wieder zurück zum Zug. Mutter und Sohn müssen sich den Platz nun mit einem Mann teilen, als der aufsteht, breitet sie sich wieder aus. Der Junge entfernt sich ein paar Schritte, zieht mit einer Hand die Hose herunter, mit der anderen das T-Shirt hoch und pinkelt auf den Trampelpfad, ein schöner, geschwungener Strahl. Die Studenten in den Trainingsanzügen schlendern auf dem Bahnsteig zwischen den kauernden Wartenden hindurch. Arbeiter mit einer Harke über der Schulter treffen sich und gehen einen matschigen Abhang hinunter, den zuvor ein Mädchen und ein Junge mit viel zu großen Fahrrädern hinaufgefahren sind.

Wann geht es weiter? Fragen wir zwei Stunden später. „Halp an hour.“ Mittlerweile ist es 4 Uhr, vor zwei Stunden hätten wir ankommen sollen, vor 12 Stunden sind wir aufgebrochen. Wir holen die Landkarte hervor, lassen uns den Ort zeigen, an dem wir uns gerade befinden. Auf der Karte ist keine Straße eingezeichnet, nur eine Eisenbahnlinie.

Als ein Mann offenbar mit Neuigkeiten zurückkehrt, die Gesichter sich erschrocken verziehen und laut gemurmelt wird, fragen wir mit einer Geste, die schlafen bedeuten soll, ob wir hier wohl im Zug übernachten müssen? Die Köpfe der beiden Männer wackeln hin und her, doch mehr erfahren wir nicht. Nicht den Grund, nicht die Uhrzeit, wann wir denn nun in Pathein ankommen würden. Ich spreche Menschen an, deren distinguiertes Aussehen die Hoffnung zulässt, dass sie Englisch sprechen könnten, gut gekleidet in vornehmen Longyis, in Hemden und Blusen. Nichts. Freundliches Kopfschütteln. Wieder im Bahnhofshäuschen: „Wann geht es weiter? Wir warten schon mehr als fünf Stunden“, und zeige auf die Uhr.

Tatsächlich. Alle vier Männer schauen das Ziffernblatt an, rechnen mit dem Finger nach, als würde ihnen erst jetzt aufgehen, dass der Zug schon so lange still steht. Ich frage nach dem Grund, man weist mir freundlich einen Platz zu, ich setze mich und denke, ohne Antwort gehe ich nicht wieder. Ich zeige auf das Telefon. Die Männer unterhalten sich; meint nicht einer, der andere mit weißem Hemd und blauer Hose – die Uniform der Bahnangestellten – soll anrufen? Die rufen hinaus, ein junger Mann mit vom Betel rotgefärbten Zähnen und schlampig gebundenem Longyi kommt herein, ich schaue ihn erwartungsvoll an, als die anderen mit einem Kopfnicken zu mir hinüberweisen. Er schaut durch mich hindurch. Sie reden und lachen. Über alles Mögliche, nicht aber über die fehlende Lok. Stehe auf und gehe zurück zum Waggon. Kehre auf dem Weg um und hole die vierte Biskuitpackung.

Fünf Uhr. Jetzt muss etwas geschehen. Sonst. Nochmals los, energischer dieses Mal, wann der Zug nun endlich weiterfährt, ein Grinsen, ein Blick auf die Uhr, das Telefon klingelt, ein Aufspringen. „Ten minutes.“ Kann es kaum glauben, gehe hinaus, trinke einen burmesischen Nescafé.

Mann im Hochwasser in Burma

Hochwasser in Burma

Als ich den Bahnhofsschuppen betrete, schauen alle Wartenden in dieselbe Richtung. Eine Lok. Der Raum mit den Bahnangestellten ist leer, erstaunliche Stille. Die Gesichter sind wie in all den Stunden zuvor gleichmütig. Eine Lok kann alles und nichts bedeuten. Der hintere Wagen wird mit Säcken beladen, die Ausgänge und Toiletten sind nun blockiert. Ein Ruck geht durch den ganzen Zug, als die Lok angekuppelt wird, dann noch einer, wir fahren. Winken all denen zu, die noch immer auf dem Bahnsteig warten, vielleicht sind es mittlerweile andere, die Mutter ist mit ihrem Jungen jedenfalls vor einer ganzen Weile gegangen.

Das Dorf, aus dem wir fahren, versinkt im Wasser, ein Ochsenkarren im Reisfeld, dahinter ein Bauer bis zur Hüfte im Wasser.

Die Stelzen der Häuser ragen nur zur Hälfte heraus, zuvor gackerten hier Hühner. Der Zug hält am nächsten Bahnhof, verdächtig lange, nimmt nur langsam wieder Fahrt auf, war die Lok das Problem? Um uns die Welt in Wasser versunken, Dächer von Häusern hier und da, Baumkronen schauen vereinzelt heraus, Strommasten liegen abgeknickt im Wasser, die Leitungen schleifen auf den kleinen braunen Wellen, die bis an den Bahndamm klatschen, ihn unterspülen, aushöhlen? Der Zug hält, die Säcke werden ausgeladen, damit der Damm befestigt werden kann, an einer Stelle nur, die Wasserfläche dehnt sich bis in Unendliche.

Burma Hochwasser

Rikscha im Hochwasser

Eine goldene Stupa steht erhöht auf einem kleinen Hügel, einzelne Vögel am grau verhangenen Himmel, nur das Zischen der Lok, die Waggons schwanken bedenklich hin und her, der Zug schiebt sich wie ein dampfender Koloss durchs Meer, das immer dunkler wird, der Abend bricht unvermittelt herein, kaum noch ist der Mann zu erkennen, der neben dem Bahndamm steht, ganz in sein graues Regencape gehüllt, das ihn verschluckt.

Er schwenkt eine grüne Fahne – um die Durchfahrt freizugeben? In den Abteilen ist es still, alle starren hinaus, halten den Atem an.

Ob der Bahndamm hält? Irgendwann fährt der Zug schneller, dunkle Schatten ziehen vorüber, hat sich die Welt wieder verfestigt? Hütten leuchten auf, Lichter brennen an Bahnhöfen, wann kommt die Endstation? Noch zwei, drei Bahnhöfe, noch einer.

Mit steifen Gliedern steigen wir aus, es regnet, regnet in Strömen. Im Dunkeln finden wir den Weg nicht. Nehmen eine Fahrradrikscha, die fährt und fährt und fährt, durchquert Seen auf Straßen, kann Pfützen nicht ausweichen, so groß sind sie, und alles ist nass, überschwemmt. Manchmal steht eine Silhouette ratlos vor dem Wasser. Die Läden sind mit Brettern zugenagelt. Eine Geisterstadt, unwirklich, am Ende der Welt angelangt.

Wie übersetzt man einen Comic?

Alice Grünfelder – Comic-Übersetzer-Werkstatt.

„Wums! Quiiiietsch! Krumpf!“ Wenn ihr das lest, ist es gleich klar, um welche Art von Text es sich handeln muss, oder? In dieser Übersetzerwerkstatt für Comics geht es aber nicht nur um die passendsten lautmalerischen Wörter, sondern auch darum, auf dem beschränkten Platz der Sprechblasen die Dialoge, Wortspiele, Witze einer anderen Sprache unterzubringen.

Im Workshop übersetzt ihr einige Seiten aus „Baby Blues. Der ganz normale Familienwahnsinn“ aus dem Englischen ins Deutsche und schreibt eure Übersetzung gleich selber in die leeren Sprechblasen.

Ab 11 Jahren, max. 15 Teilnehmende; besonders spannend auch für English native speakers!

In Kooperation mit dem Übersetzerhaus Looren, Wernetshausen (ZH), und dem Carlsen Verlag, Hamburg. Im Rahmen des Schweizer Kinder- und Jugendliteraturfestivals Zug Abraxas.

Zeit: So, 10.11.2013, 13.00 – 15.15 Uhr
Ort: Zug, Schulhaus Burgbach

 

 

Vietnam – angekommen

Reisfelder im Norden

Zwei Bauern mit Spitzhüten auf Reisfeldern, einmal vor grünem, blauem und orangefarbenem Hintergrund. Es muss 1972 gewesen sein, als ich diese kleinen gezackten Gemälde ganz nah vor meine Augen gehalten habe, um die Szenerie genauestens zu inspizieren, gänzlich versunken in diese Welt. Wo das sei, fragte ich meinen Vater, an den diese Briefe adressiert waren. Vietnam, ein Land im Krieg, furchtbar, wo die Kinder Hunger leiden und den ganzen Tag nichts als Reis zu essen bekommen. Reis? Das sei doch meine Lieblingsspeise, könnte ich jeden Tag essen, wochenlang, rief ich begeistert. Na vielleicht warst du in einem früheren Leben ja einmal ein vietnamesisches Waisenkind.

So oder so ähnlich mag sich meine erste Begegnung mit Vietnam zugetragen haben. Später gesellten sich zu den Briefmarken TV-Bilder von Kampflinien, die in diese und in jene Richtung verschoben wurden, von Flugzeugen, die Bomben abwarfen, von Listen, die Gewinne und Verluste aufzählten, vom legendären letzten Hubschrauber, der von der amerikanischen Botschaft in Saigon abhob.

Gemälde aus Museum in Hoi An

Gemälde aus Museum in Hoi An

Und wieder ein paar Jahre später ausgelaugte Kindergesichter von Bootsflüchtlingen, zusammengepfercht auf kleinen Booten, Spendenaufrufe. Die Zusammenhänge sollte ich erst viele Jahre später verstehen, als das Land als eines der fünf aufstrebenden Tiger zum Sprung über den asiatischen Tellerrand ansetzte.

Doch jenseits der ökonomischen Schlagzeilen stieß ich eines Tages bei Recherchen auf einen Text von Peter Weiss, der den Finger auf die Flüchtlingswunde legte – schon damals, als die Bilder von den ausgemergelten Vietnamesen in deutsche Wohnzimmer strahlten. Viel würde berichtet über die vietnamesischen Flüchtlinge, die es nur knapp geschafft hätten. Irgendwie. Kein Wort aber verloren über jene, die gestorben, vergewaltigt und übel zugerichtet worden seien, über diese Tragödien im südchinesischen Meer. Schon viel früher hatte ein amerikanischer Autor über thailändische und burmesische Piraten geschrieben, die die Ärmsten der Ärmsten ausraubten und dem Meer übergaben, wochenlang die Frauen für sich schuften ließen und sie in die Wellen warfen, wenn sie ausgedient hatten. Ein Land wurde in den Wahnsinn getrieben, da versprochene Hilfsleistungen ausgeblieben waren, wo doch gerade die USA Wiedergutmachung zu leisten hätten und dem Land beim Wiederaufbau helfen müssten, doch es passte nicht zum Zeitgeist des Kalten Krieges, erklärte Peter Weiss später, ein kommunistisches Regime zu unterstützen, stattdessen berichtet man lieber über dessen Opfer. Stimmen, die Jahrzehnte später vollkommen verstummt waren, da westliche Unternehmer mit der kommunistischen Partei Geschäfte machen wollten, wie sie es schon mit dem nördlichen Nachbar getan hatten.

Kriegsspuren überall

Heute wird das Land angeboten als „Top-Destination“ in Reisekatalogen, ja es gilt als eines der beliebtesten asiatischen Reiseziele, und Traveller können es in nur zehn Tagen „machen“. Nun war es opportun, terrassierte Reisfelder anzupreisen, kilometerlange Badestrände und die vietnamesische Küche. Dass der vermeintliche Wohlstand, der Aufschwung auf dem Rücken der armen Bevölkerung ausgetragen wurde, Enteignungen im großen Stil durchgeführt wurden, dass die wirtschaftliche Erneuerung – Doi Moi – einherging mit der Beschneidung einfacher Grundrechte wie Meinungsfreiheit, bekamen Schrifsteller und Blogger zu spüren, deren Worte bald zensiert wurden, die selbst oft genug hinter Gitter landeten. Kritisierten Politikern indes gelang es stets, ihre Haut zu retten.
Ein kriegsversehrtes, traumatisiertes Volk, möchte man meinen, wenn man die Berichte westlicher Reisender liest, doch keiner konnte wirklich erfassen, was all die Greuel wirklich bedeuteten für die „vietnamesische Seele“, davon können nur vietnamesische Autoren jenseits der wie auch immer gearteten Schwarz-Weiß-Malerei erzählen. Wo liegt die Wahrheit? Irgendwo dazwischen. Wie immer.

Das Faszinosum Vietnam hat mich nie losgelassen, erstaunlich nur, dass ich so viele Jahre verstreichen ließ, bis ich selbst hinfuhr. Die Spuren des Krieges waren tatsächlich auch nach mehr als 40 Jahren noch überall zu sehen, gleichwohl überraschte der scheinbar selbstverständliche Umgang mit der Vergangenheit und auch das Selbstbewusstsein und die Offenheit dieses Volkes. Was bleibt ihm anderes übrig, rätselte ich. Trotz der Schmach weiterleben, vor allem Ende der 70er-Jahre ums nackte Überleben kämpfen, als die Hungernot grassierte und Vietnam zu einem der ärmsten Länder der Welt zählte.

Doch dann, bei einer Wanderung durch die Bergwälder im Norden, vorbei an verlassenen Gebäuden, die wohl noch aus der Kolonialzeit stammten, den Blick über weite Teeplantagen, die bis zum Horizont reichten, der im Nebel verschwand. Angekommen, dachte ich. Und mir fielen die Briefmarken aus meiner Kindheit wieder ein.

Mehr über Vietnam, Geschichten und Berichte …

Nebel über Europa – Versuche einer Klärung

„Phantomschmerz Europa“, Wespennest Nr. 164

„Das furchtbare Leiden im Zweiten Weltkrieg zeigte die Notwendigkeit eines neuen Europa. Über 70 Jahre hatten Deutschland und Frankreich drei Kriege ausgefochten. Heute ist Krieg zwischen Deutschland und Frankreich undenkbar“, heißt es in der Begründung des Komitees für die Verleihung des Friedensnobelpreises 2012 an die EU. Die schmerzvolle Erfahrung zahlreicher blutiger Auseinandersetzungen wird damit als treibende Kraft hinter der Realisierung eines geeinten Europas präsentiert. Wer würde dem widersprechen wollen? Dass „Kriegsgeschichten“ in Familienerinnerungen wie in europäischen Landstrichen tiefe Spuren hinterlassen haben, macht im aktuellen Wespennest-Themenschwerpunkt etwa Alice Grünfelders literarische Reflexion am konkreten Beispiel Elsass bewusst. weiterlesen …

Abbas Khider erhält den Hilde-Domin-Preis …

… warum?

„Wegen des sanften Schwungs deines einzigen ungebrochenen Flügels“ – ein Zitat aus Hilde Domins Gedicht Taube aus wurmstichigem Holz, das dem einstigen irakischen Taubenzüchter offenbar über die traumatischen Erfahrungen in irakischen Gefängnissen hinweggeholfen hat.
Die Jury würdigte Khider als lakonischen wie heiteren Chronisten, als Meister der Situationskomik und geborenen Erzähler. Wie schon in seinem autobiographisch inspirierten Gefängnis- und Taubenzüchter-Epos ‚Die Orangen des Präsidenten‘ erweist sich Abbas Khider auch in ‚Brief in die Auberginenrepublik‘ als ebenso lakonischer wie heiterer Chronist, als Meister der Situationskomik und geborener Erzähler. Eine Woche ist Abbas Khiders ‚Brief in die Auberginenrepublik‘ im Oktober 1999 vom lybischen Bengasi in die irakische Hauptstadt Bagdad unterwegs, aus der Gaddafi-Diktatur in die noch finsterere von Saddam Hussein, in deren Gefängnissen der Autor selbst zwei Jahre verbrachte, bevor er 1996 aus dem Irak floh. Sieben Personen schildern in dieser ‚mesopotamischen Geschichte‘ den Briefschmuggel, beginnend mit dem exilierten, liebeskranken Urheber über einen ägyptischen Reisebüroleiter bis zur Frau eines Saddam-treuen Oberst in Bagdad. Das Schriftstück reist von Land zu Land und bringt jeden, in dessen Hände es gerät, dazu, sich zu offenbaren.

Dongxuan – Vietnam in Berlin

HalleRing-Center, Landsberger Allee, dann noch eine halbe Stadt weiter in Richtung Osten, ein russischer Supermarkt mit aufgesprayten orthodoxen Kirchen, Wohnblockriegel, austausch- und verwechselbar, wären da nicht die mal verblasst gelben, dann verblichenen blauen Ballons, dann, nach der Vulkanstraße links, deren Namen zum Plattenallerlei passt wie die Faust aufs Auge, gelbrotfarbener Metallbogen über regenpfütziger Toreinfahrt: Dong Xue Center. Und links und rechts Tafeln, die werben für eine vietnamesische Fahrschule, für den letzten Schrei des Nail-Design, für Mode aus New York. Deutsch wird hier reduziert auf notwendigste ökonomische Floskeln von Seiten der Käufer sowie der Verkäufer: Wie viel kostet? Teuer! Billiger! Ich kein verdien. Eindringlich, bestimmt, aber nicht laut. Händler und Käufer aller Länder vereinigt Euch – hier!

Triste langgraue Schläuche durchschneiden die langen Hallen, links und rechts finden sich in schlundbäuchigen Läden Waren, die in ihrer Überflüssigkeit kaum zu übertreffen, doch gerade deshalb umso reizvoller sind. Gläserne hellblaue Delphine über grauem Sockel, Plastikspielzeug, das garantiert keine Öko-Zertifizierung erhält, dafür laut schriekt und blinkt, dass es eine Freude ist, auch der bunte Buddha lacht dazu, Plastikschmuck, unmodische Mode, Manicure und Pedicure oder neudeutsch doch besser Nail-Studios, chinesische Lebensmittelläden, haufenweise vietnamesische Nudelsuppen, Klobrillen, die anfangen zu singen, sobald man sich draufsetzt, rosige Grußkarten, Galaschen aus Leder, schmale Frisörläden, in denen sich europäische Gesichter massieren und vietnamesische Köpfe frisieren lassen, Zettel an den Wänden, auf denen etwas angepriesen oder gesucht wird – überwältigend öde und verzweifelt gedämpft ist diese Welt östlich der Mitte.

PlakateGesprochen wird in verschiedenen Sprachen und immer nur leise. Berliner zwängen sich hauptsächlich zwischen Lebensmitteln, ratlos, diese Büchse und jenes Glas gegen das Licht haltend, um zu erraten, was wohl darin sein mag. Unaufdringliche Verkäufer, in Stapel mit Listen vertieft, schauen mit unbeteiligtem Blick auf die meterlangen Regale vor sich. Leer und weit, wie der Parkplatz vor den sechs Hallen, der im Schneematsch versinkt.

 

Literarische Texte im Unterricht – geht das?

Lesen ist Kino im Kopf. Aber ist die Auseinandersetzung mit Büchern im dichtgedrängten ABU-­Unterricht überhaupt möglich? Und was tun, wenn Berufslernende mit literarischen Texten nichts anfangen können oder nur über basale Lesekompetenzen verfügen?
Zu diesem Dauerthema unterhält sich Christine Tresch, Leiterin Literale Förderung am Schweizerischen Institut für Kinder‐ und Jugendmedien SIKJM (www.sikjm.ch) mit Alice Grünfelder.

Ort: PH Zürich
Zeit: Di 24.9.2013, 17:15 – 19:00, Raum LAA-M021 (9. Etage)
Anmeldung hier: http://www.phzh.ch/de/Weiterbildung/Literarische-Texte-im-Unterricht–Geht-das-n144108404.html