Korea-Forum

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Zeitschrift über koreanische Politik, Kultur und Zeitgeschichte.

Zeitschrift über koreanische Politik, Kultur und Zeitgeschichte.

„Der Anfang einer großen Erzählung“ lautet: 50 Jahre Migration aus Südkorea. Kaum bemerkt, weil die knapp 8000 Bergarbeiter und über 11.000 Krankenschwestern für „gut integriert“ galten, also nicht weiter auffielen. Nur zu welchem Preis? Und was ist schon eine gelungene Integration? Oh Hye Min erklärt in ihrem Artikel „Helden weinen nicht“, dass KoreanerInnen aufgrund ihres hohen Bildungsniveaus und Fleißes geschätzt wurden. Einerseits. Andererseits aber verstecken sich hinter vermeintlichen Erfolgsgeschichten Konflikte, die nie richtig aufgearbeitet wurden. Um die wirtschaftliche Lage Koreas zu verbessern, wurden im Jahr 1963 KoreanerInnen nach Deutschland geschickt – ein Mythos aber, so Oh Hye Min, der sich „in die Herzen der ehemaligen Gastarbeiter“ eingebrannt hätte. immerhin retteten die Überweisungen die Familien in der Heimat vor der Hungersnot. Die eigenen Probleme wurden indes verdrängt, diejenigen der zurückgelassenen Kinder ebenso, wie die Journalistin Jeong Ok-Hee schreibt. „Eigentlich hat schon vor drei Jahren Deutschland meine Mama und meinen Papa geklaut.“ Die Kinder sollen es besser haben (auch anderswo bis heute in Thema, siehe dazu Skype, Mama!), doch als die Eltern abreisen, wurde „das Lächeln aus meinem Gesicht gestohlen, und in meinem kleinen Bauch spürte ich ein kaltes schwarzes Loch, das mein kleines Herz mit seinen Eiskrallen zerdrückte“. Den Zurückgebliebenen geht es in materieller Hinsicht zwar besser, womit sie allerdings auch den Neid der anderen wecken.

Und die Eltern? Das ursprüngliche Ziel der beruflichen Weiterbildung in Deutschland war eine Farce, erläutert Lee You Jae, denn die wenigsten koreanischen Männer waren zuvor im Bergbau tätig gewesen und die Krankenschwestern hätten bereits eine gute berufliche Ausbildung erhalten, ihr Weggang löste gar einen Krankenschwestermangel in Korea aus. Ihre deutschen Abschlüsse wurden in Südkorea hingegen nicht anerkannt. Auffallend bei der koreanischen Community waren indes der hohe Selbstorganisationgrad und ihre Politisierung. Das begann Mitte der 70er Jahre, als Krankenschwestern „wie Waren“ hätten abgeschoben werden sollen, weil die befristeten Arbeitsverträge nicht verlängert wurden. Dieses politische Engagement war selten unter ArbeitsmigrantInnen, und schließlich hatten die KoreanerInnen durch öffentlichen Protest ihr Bleiberecht erkämpft. Auch während der repressiven Phase in Südkorea war die Demokratisierungsbewegung gerade im Ausland wichtig, da diese für internationalen Druck auf das Regime sorgte.

Ergänzt wird die Geschichte der koreanischen MigrantInnen in Deutschland mit Berichten u.a. über Gehörlose in Nordkorea und über Anzeichen einer schleichenden Reform, die Rüdiger Frank auf zahlreichen Reisen akribisch sammelt: die Zahl der Stände, die Mineralwasser und Zigaretten verkauft, habe sich vervielfacht, alle 50 Meter stoße man auf Schilder für Restaurants, eine Geldkarte wurde eingeführt, Mobiltelefone seien überall zu sehen, die Zahl von Solarkollektoren und kleinen Windrädern auf dem Land sei angestiegen. Es gebe offensichtlich mehr Produkte zur Ansicht und zum Verkauf, und es gebe mehr Kunden mit Geld. Die Preise indes seien horrend, „drei Kilo Äpfel kosten so viel wie ein (offizielles) Monatsgehalt“. Und zum ersten Mal sah er „einen 16-jährigen Jungen in blauen Jeans, und wir konnten ein Gespräch führen, das nicht vorher arrangiert war“.

„Beleuchten“ möchte das Korea-Forum Politik internationale Beziehungen, aber auch Geschichte, Literatur und Kunst der koreanischen Halbinsel. Tatsächlich werden hier Befindlichkeiten und Zustände in einer Weise durchleuchtet, wie man es nirgendwo sonst lesen kann.

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Vom Reisen und vom Schreiben

Ein Gespräch mit dem Autor und Journalisten Stefan Schomann

 Foto: Stefan Maria Rother

Foto von Stefan Maria Rother

Beim Philosophieren über Gott und die Welt haben wir uns kennengelernt, und bei meiner Vorbereitung auf das Schreibseminar „Über Reisen schreiben“ wollte ich es genauer wissen: Wie findet man die passenden Worte für seine Erfahrungen in nahen und fernen Ländern? Stefan Schomann erzählt, wie sich der Reisejournalismus in den vergangenen beiden Jahrzehnten veränderte und worauf es letzten Endes ankommt.

Deine erste Reisereportage?

Ein Schulaufsatz: „Für und wider Bergbahnen“. Das war in der 6. Klasse, Mitte der siebziger Jahre. Da begann die Umweltbewegung, dahinter stand auch der schwierige Begriff Heimat. Ich hatte gerade mit meinem Vater einen Ausflug zum Tegernsee gemacht, auf die Neureut, das war damals schon eine Reise. Alles außerhalb von München war eine Reise. Wir sind zu Fuß hinaufgestiegen und eben nicht hochgefahren. In diesem Aufsatz habe ich beschrieben, was ich dabei alles erlebt habe und womit ich in der Seilbahn nicht in Kontakt gekommen wäre: einen Esel, den Wald, die Almwiesen, die Buttermilch, den durch die Zweige sickernden Sonnenschein.

Also keine Erörterung im strengen Sinne?

Erörterung und Erlebnisaufsatz in einem. Vielleicht wäre das gar keine schlechte Definition für eine Reportage. Jedenfalls war es mein Einstieg ins Metier, auch wenn ich bis heute nie wieder an diesen Aufsatz gedacht habe. Aber die Beweggründe fürs Schreiben wie fürs Reisen sind vermutlich häufig in der Kindheit angelegt. Beides artikuliert die Sehnsucht nach einer anderen Welt. Als Kind hatte ich nie damit gerechnet, dass ich diese Sehnsüchte jemals würde stillen können. Uns fehlten die Mittel dafür, und ich war überzeugt, Fernreisen würden ein Traum bleiben. Der Beruf des Reporters hat dieses Verlangen dann doch eingelöst.
Heute ist das Reisen längst kein Privileg mehr, somit hat sich auch der Stellenwert der Reisereportage geändert. Der Leser war vielleicht schon dreimal an dem Ort, den du jetzt das erste Mal besuchst. Du musst also mehr bieten, als „nur“ irgendwo gewesen zu sein. Damit wird das Schreiben wichtiger als das Reisen.

Reisen ist nichts Besonderes mehr …

Nein, es gehört zum Lebensstandard. Wobei es natürlich die unterschiedlichsten Arten gibt, und bei der Planung fängt die Kreativität auch schon an. Das kann auch mal eine verrückte Idee sein wie diese Erstbesteigung des Uetlibergs mit Sauerstoff. Darüber ist kürzlich ein Büchlein erschienen – köstlich! Im Grunde auch eine Art der Erörterung: für und wider Extrembergsteigen.

Jedenfalls sollte man sich immer überlegen, wie man sich durch einen Raum bewegen will, um darüber am besten schreiben zu können. Ich war unlängst in den albanischen Bergen unterwegs. Auf dem Hinweg hatte ich einen geländegängigen Wagen mit Fahrer. Das war angenehm und effizient, aber darüber gibt es nichts zu berichten. Auf dem Rückweg bin ich mit einem Sammelbus gefahren, der Einheimische und Touristen entlang der Strecke aufliest und über halsbrecherische Pässe karrt. Das war weit weniger bequem, hat dreimal so lange gedauert, und es konnte einem schon mulmig werden dabei. Der Fahrer telefonierte mit der Linken und schwang mit der Rechten das Lenkrad. Wenn er nicht telefonierte, rauchte er. Ich überlegte mir, was wohl geschehen würde, wenn ihn nun beim Telefonieren der Drang nach einer Zigarette überkäme. Ich habe den Gedanken dann aber wieder verworfen – so etwas denken Reporter sich doch nur aus, damit der Leser sich ein bisschen um sie sorgt. Aber wenig später tat er genau das und lenkte die Kiste dann mit beiden Ellbogen am Abgrund entlang. Darüber lässt sich schreiben! Der schnellste Weg ist nie der ergiebigste.

Umgekehrt ist es zum Beispiel immer lohnend, mit Tieren unterwegs zu sein. Ob man nun reitet, mit einem Hund spazierengeht, mit einem Esel herumzieht – Tiere tragen hervorragend zur Entschleunigung bei.

Die Fahrt mit dem Taxi?

Ist in der Regel keine relevante Situation. Wie viele journalistische Texte beginnen damit, was einem der Taxifahrer auf dem Weg vom Flughafen über die Stadt erzählt. Das ist banal. Da müsste schon etwas sehr Besonderes passieren. Vielleicht, wenn einen der Fahrer nach Strich und Faden übers Ohr haut, das könnte in eine Geschichte münden. Oder wenn er einen umsonst befördert. Beides geschieht ziemlich selten.

Braucht man eine zentrale Figur, die durch den Text führt, wie es in Handbüchern für Journalismus empfohlen wird?

Man kann das schon machen, aber man sollte sich generell nicht zu sehr mit diesen Schnittmustern aufhalten. Am Schnittmuster erkennt man die mittelmäßige Reportage. Es kann produktiver sein, ein Muster zu brechen als ihm zu folgen. Die Form kommt immer aus dem Stoff. Und da der jedesmal anders ist, sollten auch die Formen entsprechend variieren. Ich beschäftige mich seit längerem mit den Geschichtenerzählern in China, das ist dort noch ein richtiger Beruf. Nun habe ich eine Reportage über ein Festival gemacht, das in einem kleinen, x-beliebigen Dorf stattfindet. Da treten sechs Hauptfiguren gleichberechtigt auf, die unterschiedliche Regionen, Milieus, Altersgruppen und Erzählstile verkörpern. Die ganze Geschichte spielt in diesem Dorf, das wir eigentlich nicht verlassen – aber durch diese famosen Kollegen wird ein ganzes Land, eine ganze Kultur fassbar. Eine Figur allein könnte das nicht leisten. Dort reden alle durcheinander, alles geschieht gleichzeitig, ein dreitägiger Tumult – das muss man polyphon lösen.

Wie hat sich seit deinem ersten Artikel das Schreiben über Reisen verändert?

Seit 25 Jahren schreibe ich nun. Früher waren die Rahmenbedingungen besser und professioneller, wir hatten beispielsweise ein Reisebudget, das ist heute nur mehr selten der Fall. Es gab weltweit Korrespondentenbüros, das waren Anlaufstellen. Die große Kränkung für uns rührt daher, dass die Leute immer weniger lesen. Die Auflagen der Magazine gehen zurück, und parallel wird weniger inseriert. Ein Teufelskreis. Ähnlich verhält es sich mit den Auflagen von Büchern. Man könnte meinen, die Leser würden desertieren. Sie bringen sich um die besten Sachen.

Wohl als Symptom der Krise ist der Umgang der Redaktionen mit den Freien rauer und zugleich oberflächlicher geworden. Die Autoren wie auch die Fotografen sehen sich zunehmend zu Handlangern degradiert. Statt sich mit den Potentialen eines Autors auseinanderzusetzen, kommen immer öfter stupide Rundmails: Wer war schon mal in Afrika? Wer verrät uns seine 33 Lieblingshotels? Zugleich werden Redaktionen, Verwaltung, Vertrieb, der ganze Apparat immer selbstbezüglicher. Es gibt im Vorfeld genaue „Briefings“, die festlegen, worum es in der Geschichte gehen soll. Bevor sie überhaupt begonnen hat. Für Unvorhergesehenes ist darin kein Platz. Das Unverhoffte ist aber das Beste am Leben.

Kommen Reporter heutzutage unter Druck, um der Erwartung willen etwas zu erfinden? Wie wahr muss ein Text sein?

Die Versuchung war und ist wohl immer da. Aber das ist eine heikle Gratwanderung. Man sollte besser auf eine Pointe verzichten als seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen. Die Realität ist spannend und auch verrückt genug, ohne dass man flunkern muss.

Wollen die Leser mit Klischees bedient werden?

Das Reisen ist selbst ein Klischee. Diese Stereotypen kann man aufgreifen, abwandeln, sie brechen, spielerisch damit umgehen oder einfach kurz abhaken und dann hinter sich lassen. Was beschäftigt mich wirklich, wenn ich unterwegs bin, was spielt sich dort sonst noch alles ab? Da wird es interessant.

Wo steht der Reisejournalismus heute?

Foto: Till Bartels

Foto: Till Bartels

Die Reise ist ein Stiefkind des Journalismus, und der Reiseteil manchmal der schwächste Teil einer Zeitung. Es wird als Genre gar nicht wirklich ernst genommen; man kann damit Anzeigen akquirieren, verfolgt aber keine geistigen Ansprüche. Ich sehe das natürlich genau umgekehrt: das ist die Königsdisziplin, das Schlüsselressort, das die meisten anderen miteinbegreift: Kultur, Sport, Wirtschaft, Politik, Vermischtes. Auch Lokales, als globaler Lokaljournalismus, wenn man so will. Die Welt ist groß, die Welt ist klein.

Wie viel künstlerische Freiheit ist möglich? Und hat sich dein Stil im Laufe der Jahre verändert?

Man braucht wirklich nicht jedesmal zu zaubern – aber wenn es gute Gründe für ein Experiment gibt, sollte man es zumindest versuchen. Über französische Barockgärten habe ich einmal im Blankvers geschrieben. Und eine Geschichte über einen Fluss bestand aus einem einzigen, mäandernden Satz. Solche Stücke schreibt man weniger mit dem Kopf als vielmehr mit den Ohren. Klang, Rhythmus, Melodie sind elementare sprachliche Qualitäten. Das fehlt heute vielfach, dieser Sinn für die Natur der Sprache. Flauberts Nachbarn glaubten manchmal, er hätte spät nachts noch Besuch. Dabei hat er seine Texte nur laut vorgelesen, wieder und wieder. Er hat seiner Sprache zugehört.
Ich habe früher mit mehr Elan geschrieben, auch mit mehr Leichtigkeit. Dieser Verlust an Unmittelbarkeit fällt mir auf. Meine jetzigen Texte haben mehr Substanz, sind von mehr Lebenserfahrung getragen, besser austariert, komplexer, manchmal auch dichter. Mehr als früher interessiert es mich heute, die Menschen zu erreichen, sie durchaus auch zu rühren. Ich habe inzwischen mehr Erfahrung, in diese intimen Prozesse zu gehen. Etwas mitteilen – ist das nicht ein schönes Wort? Der Leser kann nicht nur mitreisen, er kann mitlachen, mitweinen, mitstaunen. Ich biete als Autor eine Art Escort-Service an.

Wie hältst du es mit dem Ich?

Davor habe ich eher Scheu. Man kann subjektiv schreiben, ohne das Ich zu bemühen. Sicher, bei einer körperlich intensiven Erfahrung liegt die Ich-Form nahe, beim Tauchen zum Beispiel oder beim Wandern. Aber auch da hat man die Wahl zwischen einem starken und einem dezenten Ich.

Wie schreibst du?

Eigentlich wäre es wichtig, die Geschichte nach der Reise zügig zu Papier zu bringen. Doch das gelingt selten. Noch unterwegs zu schreiben, habe ich fast nie hinbekommen, die Zeit dort ist dann doch zu kostbar. Ich notiere allerhand Stichwörter, und wenn mir eine gute Formulierung in den Sinn kommt, halte ich sie fest. Bei einer längeren Autofahrt oder Wanderung bietet sich ein Diktiergerät an. Zu Hause tippe ich die Notizen ab, ordne das Material dabei und schleiche um den heißen Brei herum. Das wäre nicht unbedingt nötig, andererseits habe ich dann etwas im Archiv, falls ich später noch einmal zu diesem Thema arbeite. Erst dann beginne ich mit dem Schreiben. Die Grundidee und die Eröffnung kommen mir meist noch unterwegs. Aber wie soll es weitergehen? Und wie löse ich es auf?
Da ich ein guter Vermeidungsstratege bin, kommen mir äußere Anforderungen gelegen. Der finanzielle Druck, der Abgabetermin, der mit den Fingern trommelnde Redakteur, sie sind unsere treuesten Verbündeten.

Und wann schreibst du am besten?

Wenn man nicht mehr ans Schreiben denkt, dann schreibt man am besten.

Bereitest du dich gründlich vor oder verlässt Du dich ganz auf Deine Intuition?

Beides geht, auch wenn Hausaufgaben natürlich seriöser sind. Du solltest imstande sein, in kurzer Zeit eine beträchtliche Menge an Informationen zu sammeln, zu filtern und halbwegs zu verdauen. Natürlich schöpft man auch aus dem, was schon über die Gegend geschrieben wurde. Es zu lesen hilft einem, hinter das Offenkundige zu dringen. Beim Schreiben ermatte ich manchmal, beim Recherchieren interessanterweise nicht. Wenn ich keine Lust mehr aufs Recherchieren hätte, müsste ich aufhören.

Gibt es große Reiseschriftsteller als Vorbilder?

Alles, was gut geschrieben ist, kann zum Vorbild geraten. Auch aus ganz anderen Genres. Ob von bekannten oder weniger bekannten Autoren, toten oder lebenden, das ist ganz gleich. Wirklich Fixsterne habe ich nicht. Neulich habe ich bei Arno Schmidt die Beschreibung eines Sonnenuntergangs entdeckt – zum Niederknien. Das ist kein Autor, den man in diesen Reportage-Handbüchern finden würde. Die großen Einzelgänger und Einzelgängerinnen sind immer faszinierend. Die Reisefeuilletons von Giorgio Manganelli etwa – himmlisch. Auch die Schweizer haben traditionsgemäß große Reiseschriftsteller hervorgebracht, Leute wie Nicolas Bouvier oder Georg Brunold.
Man kann vielleicht sagen, dass mich zwei Schulen geprägt haben. Das sind zum einen die angelsächsischen Autoren mit ihrer etwas schnoddrigen Art, in Ich-Form zu schreiben und dabei doch distanziert. Dazu gehören Autoren wie Jonathan Raban, Bruce Chatwin, Colin Thubron, Bill Bryson. Von den Klassikern Evelyn Waugh mit seinen launigen Reportagen, der immer darüber lamentierte, er sei zu spät dran, er hätte zwei Jahrzehnte früher losziehen sollen – und das schon in den dreißiger Jahren! Was sollen wir da sagen. Dieses Rennen ist nie zu gewinnen. Du kannst kaum mehr irgendwo der Erste sein. Aber vielleicht ja einer der ersten, der wirklich gut darüber schreibt.
Diese angelsächsische Prägung findet sich bei vielen Kollegen, nur bei den Ostdeutschen zwangsläufig seltener. Was insgesamt weniger präsent ist, mich aber stark beeinflusst hat, ist der deutschsprachige Journalismus der zwanziger, dreißiger Jahre. Bezeichnenderweise sind die meisten, die mir in den Sinn kommen, Österreicher: Alfred Polgar, Josef Roth, Egon Erwin Kisch. Das waren die besten Stilisten, die verfügten über das geschmeidigste, reichhaltigste Deutsch. Da sind wir wieder bei den musikalischen Qualitäten. Diese Autoren haben seltener in der Ich-Form geschrieben, die hatten andere Prioritäten. Die Sprache war das denkende Subjekt.

Auf welche Reportagen bist du heute noch stolz?

Interessant wird es natürlich dort, wo man an Grenzen rührt, ob an die eigenen oder die des Genres. Aber im Rückblick finde ich, dass sie erfreulich gleichmäßig geraten sind. Und erfreulich variabel zugleich.

Dein schlimmstes Missgeschick?

Als Missgeschick empfinde ich es, wenn man nichts Gescheites von einer Reise zurückgebracht hat. Da kommt heute öfter vor als früher, und das liegt auch an diesen Pressereisen. Die finden auf Einladung von Fremdenverkehrsämtern oder Touristikunternehmen statt. Sie sind bequem und ökonomisch, aber hinterher gerät man ins Schwimmen. Weil man es sich eben nicht selbst erarbeitet hat. Manchmal wäre die einzig adäquate Reaktion eine Satire. Das ist aber ein Tabuthema in den Reiseredaktionen, die nur ungern eingestehen, wie diese tollen Berichte, die immer so souverän erscheinen, wie die zustandekommen. Die leiden natürlich auch darunter, dass sie solche Konzessionen machen müssen.

Wie weit gehst du für einen guten Text? Wie gefährlich ist der Beruf?

Mir selbst ist nichts Ernstliches passiert, aber Freunde und Kollegen sind durchaus in lebensbedrohliche Situationen geraten, einige auch umgekommen. Ich war ein paarmal in Krisengebieten, aber nicht in eigentlichen Kampfzonen. Trotzdem ist der Krieg ein Phänomen, das mich reizt, auch intellektuell, weil er eine der großen anthropologischen Konstanten darstellt. Für mein letztes Buch habe ich mich zwei Jahre lang mit der Geschichte des Roten Kreuzes beschäftigt, die zwangsläufig eine einzige Folge von Kriegen und Katastrophen war. Das war eine sehr intensive Auseinandersetzung mit Gewalt und Gefahr, auch wenn sie scheinbar nur „in den Regalen“ stattgefunden hat, in Büchern, Archiven, vereinzelt auch mal an einschlägigen Schauplätzen. Ich habe dafür sehr viele Berichte aus erster Hand gelesen und ausgewertet. Und auf gewisse Art all diese Kriege mitgemacht. Das waren auch Reisen: Zeitreisen, Fantasiereisen. Manche bis ins Herz der Finsternis.

Kann man vom Schreiben übers Reisen leben?

Man macht das nicht, um Geld zu verdienen; Reisen sind ein Wert für sich. Es ist ein Lebensstil, es hat für mich eine existentielle Dimension, ein Gegengewicht zu dieser zunehmenden Verarmung und Verengung. Das Weite suchen – aber nicht als Flucht, sondern um teilzuhaben an der Mannigfaltigkeit der Welt.

Von Stefan Schomann kam zuletzt das Buch Auf der Suche nach den wilden Pferden heraus. 2013 erschien seine Monographie über die Geschichte des Roten Kreuzes (Im Zeichen der Menschlichkeit, DVA).

Tibeter schreiben

Vortrag von Alice Grünfelder.

liechtenstein

© Dana Rudinger

In den letzten Jahrzehnten hat sich Tibet immer stärker, immer schneller verändert. Längst driften die Lebenswelten und Erfahrungshorizonte innerhalb der tibetischen Gemeinschaft auseinander. Die bekannte tibetische Autorin Tsering Woeser sagt dazu: „Beim Schreiben merke ich, wie ich mir selbst fremd bin, sehe, wie viele Tibeter, die ich kenne, mit sich selbst uneins sind, und beobachte eine Spaltung des tibetischen Volkes.“

Wie sich die Lebensweise der Tibeter heutzutage voneinander unterscheidet, zeigt sich in ihren Geschichten, aber auch, dass über sämtliche Sprachgrenzen hinweg durchaus Ähnlichkeiten existieren: das Unbehagen in der eigenen und fremden Kultur, das stete Wissen darum, nie wirklich dazuzugehören, im Extremfall eben immer ein entwurzelter Flüchtling zu sein. Deshalb sind die Tibeter im mehrfachen Sinne die modernen Nomaden des 21. Jahrhunderts.

Alice Grünfelder liest aus aus folgenden Büchern.

Schaan, Liechtenstein, Haus Stein Egerta, In der Steinegerta 26, Samstag, 07.03.15, 19:30h.

Organisiert von der Tibet-Unterstützung Liechtenstein in Zusammenarbeit mit dem Songtsen House.

Dalyan – Iztuzu Beach

Iztuzu-StrandKlock, klock, immer wenn ein Ball auf ein Holzbrett trifft, auf der einen Seite schlägt ein Mann, auf der anderen eine Frau, dumpf und doch hörbar trotz des scharfen Windes, der den Sand vor sich her treibt, dass man selbst mit einer Sonnenbrille auf der Nase sich Sandkörner aus den Augen reiben muss. Und nur blinzelnd dem Meer zuschauen kann, wie es die Wellen aufpeitscht, den Strandgängern, die schlendern, marschieren, rennen.

Fest presst sich das geblümte Baumwollkleid an die Oberschenkel des Mädchens, das sich gegen den Wind stemmt, mit der einen Hand ihren geflochtenen Hut festhält. Wenige Minuten später tippelt dasselbe Mädchen einem jungen Mann hinterher in halblangen, schwarzweiß gesprenkelten Bermudas, der gar nicht mal so rasch ausschreitet, und dennoch gelingt es dem Mädchen nicht, ihn einzuholen, sie spricht mit ihm, er wendet den Kopf nicht, sie redet auf ihn ein, hört sie ihn, hört er sie?

SchildkrötenstrandKaum aus dem Blickfeld verschwunden, taucht ein stolzer, blonder Hüne auf mit fünf ebenso blonden Kindern, die um ihn herumtollen wie Welpen und an einer Schnur entlang gehen, die den Sandstreifen abgrenzt, dort wo Schildkröten ihre Eier vergraben. Über die Nester werden nach oben hin spitz zulaufende Drahtkäfige gestellt. Hier darf man nicht buddeln und sich nicht hinlegen. Fast alle halten sich daran, auch wenn das Seil am Boden im Laufe des Tages ob der vielen Strandspaziergänger immer wieder seinen Lauf ändert.

Ein Geschwisterpaar, in langärmligen T-Shirts der Sonne wegen, wird ständig ermahnt „Quelle est le problème?“, wo doch keines zu sein scheint. Oder doch? Vielleicht wird das Mädchen beim Ballspiel ständig vom Großvater – oder ist der Vater? – ignoriert, weil der sich lieber mit dem Jungen abgibt? Das Mädchen zickt und schlägt um sich, dass Wasser hoch aufspritzt, von dem kleinen und großen Mann wird sie darum umso mehr weniger beachtet.

Eine junge Frau mit rotem knappem Bikini und goldgelbem chinesischem Sonnenschirm hält Ausschau nach einem Platz für ihre fünfköpfige Familie; der Mann zieht einen langen Schirm aus einer noch längeren Tasche, rammt diesen in den sandigen Boden, befestigt ihn mit Seilen … Doch nach Stunden vergeblichen Kampfes gegen den Wind geben sie auf und ziehen weiter, zum anderen Ende des Strandes, eine Stunde Fußmarsch entfernt. „Ege, Ege!“ schreit eine Mutter hinaus aufs Meer, aber keiner dreht sich nach ihr um, der Wind verschluckt jede Silbe. Klock, klock macht es wieder, und wieder beißen Sandkörner im Gesicht.

Iztuzu Beach

Den Wind spüren, den Sand zwischen den Zehen, unter den Sohlen, die immer wieder leicht einsinken. Sinnfreies, absichtsloses heißes Dasein am Strand. Doch wie lange noch? Die Behörden haben dem Bau eines Krankenhauses für Schildkröten zugestimmt und damit womöglich weiteren, noch größeren Vorhaben den Weg gebahnt. Die einheimische Bevölkerung organisiert Petitionen. Schon einmal hatte man sich u.a. mit Unterstützung der internationalen Gemeinschaft erfolgreich gewehrt gegen den Bau eines Hotelkomplexes direkt am Strand. Wie wird die Geschichte dieses Mal ausgehen?

Tipps: Zum Iztuzu Beach kann man auf vielerlei Weise gelangen.
1. Mit dem Boot von Dalyan aus zum Strand. Geht man zu Fuß am Strand entlang, ca. eine Stunde, kann man vom anderen Ende mit dem Dolmus wieder zurück nach Dalyan gelangen. Eine schöne Rundreise.
2. Man leiht sich in Dalyan ein Mountainbike und fährt ca. eine Stunde zum Strand. Beschrieben ist diese Tour hier.

Lachkratzer

Eine Landesgartenschau zwischen Himmel und Erde

Schwimmreifen

Wo einst eine vielspurige Bundesstraße toste, den man in einem dunkel-muffigen Fußgängertunnel unterquerte, brandet nun der knöcheltiefe, höhergelegte Josefsbach – weil sein schluchtartiger Charakter moniert wurde –, in die Rems, die mit Strandkörben Meeresrauschen suggeriert.

Einen Verkehrsknotenpunkt rund um den Bahnhof so umzubauen, dass er nicht mehr wiederzuerkennen ist, kann durchaus als ökonomischer sowie soziologischer Kraftakt einer mitteleuropäischen Stadt gesehen werden. Solcherart kolossale Umgestaltung kennt man sonst nur noch aus asiatischen Metropolen. Möglich war dieser Umbau, weil gleich zwei große Infrastrukturprojekte zusammenkamen: der Tunnel, an dem ein gefühltes halbes Jahrhundert gebaut wurde und der die stark befahrene B29 in den Untergrund verbannen sollte, und eben die Landesgartenschau Schwäbisch Gmünd.

Auch die Stadt, die vormals eher durch Ladensterben und vergammelte dunkle Ecken aufgefallen war, ist kaum mehr wiederzuerkennen. Die Cafés sind auch unter der Woche bis auf den letzten Platz gefüllt ebenso das Bimmelbähnchen, das fußlahme Besucher durch die Stadt führt, die man sonst in einer Viertelstunde durchschritten hat. Es brummt, die Wirtschaft boomt, könnte man meinen, nur die Löhne halten mit 4.50 Euro die Stunde nicht Schritt; auch der Leierkastenmann ist offenbar nicht zufrieden und versinkt am späten Nachmittag in wüste Selbstgespräche. Nichtsdestotrotz präsentiert sich neben Eisdielen, Pizzaschnitten, Wurst- und Salateller auch die „innovative“ Gmünder Industrie, u.a. im goldenen Würfel, der quer und schief in der Stadtlandschaft liegt.

Goldener Würfel

Einzigartig. Und zwischen Himmel und Erde kann man sich einen Parkplatz aussuchen, je nachdem, ob man das Erdenreich in der Stadt oder den Himmelsgarten oben bei Wetzgau besuchen möchte.

Weleda präsentiert dort ihren Kräutergarten gleich neben ihrer Verkaufsfiliale mit Vollsortiment und 20% Rabatt, zwischen wenigen bekannten Pflanzennamen stehen auf kleinen Schildern viele unbekannte, und hier hatten sich Wortdesigner austoben dürfen.

Himmelstürmer, gestürmt vor allem von Schulklassen und Best Agers uniformiert in dreiviertellangen Hosen, Rucksack und Gesundheitstretern an den Füßen, offene Wohnzimmer, eingerichtet in ehemaligen alten UnkrautContainern, Suppenstern, Kreuztisch und Kräuterpädagogen, die nicht etwa analog zu Schulpädagogen Kräuter … nein, hier konnte man den Giersch im Salz zerstampfen, weil er aus dem Garten als lästiges und zähes Unkraut eh nicht wegzubekommen ist.

Auch bei der Lesung, die in der geradezu idyllisch gelegenen Salvatorklause hoch über der Stadt „Allerley Kurtzweyl“ zum Tagesausklang versprach, fiel auf, dass jüngere Menschen Veranstaltungen rund um die Landesgartenschau meiden und als Rentnerschow abtun. Grau- und Weißschöpfe lauschten harmlosen Geschichten über Nachbarn und den tückischen Umgang mit der Informationstechnologie.

Dreimal durfte man aufhorchen: Als sich eine Lyrikern damit abmühte, sämtliche schwierig zu merkenden und auszusprechenden botanischen Namen in eine dramaturgisch sinnvolle Reihenfolge zu bringen; als der Moderator des Abends dazu aufrief, eigene Schulgeschichten einzureichen, die im Schulmuseum gesammelt werden würden; und, wie könnte es anders sein im Zentrum der deutschen Automobilindustrie, Gedichte in Anlehnung an Jandl, Mon oder auch Gomringer, wenn man so will, per Flipchart gezeigt wurden über Lackkratzer, Auspuffe und Liebe auf der Rückbank eines Fiat 500: Im Rücksitz liegen zwei liebende / liegen sich lieb / und lieben sich lieg … Oder, um mit den Worten ebendieses Dichters, Erich Klaus, über einen Kratzer im Lack zu schließen: Leck den Kratz und kratz den Leck.

Die Landesgartenschau als Treppenwitz der Gmünder Geschichte ist, man mag es wenden wie man will, tatsächlich mehr als nur ein Lachkratzer.

Ein Hafenkran ohne Hafen

HafenkranAlbern. Vermessen gar? Zwischen Größenwahn und Kleinverzweiflung. Der fehlenden freien Sicht aufs Mittelmeer wegen aufgestellt. Einem Hamburger Besucher wäre der grüne Rosthaufen nicht einmal aufgefallen, hätte man ihn nicht auf die Kunstaktion aufmerksam gemacht und ihm von den städtischen Querelen erzählt. Er bedachte ihn mit einem schnöden Schulterzucken. Und wo der Hafen denn bitteschön sei. Nein, nicht am Bürkliplatz, sondern am Ufer eines schmalen Flüsschens steht er. Das Limmat zwar heißt und der Stolz der Stadtbürger ist, der Kranarm aber überragt ihn bis zur Flußmitte.

Drei Tage lang wurde er nun in Zürich gefeiert: einmal am Meer sein dürfen, Matrosenbeat und Chansonsehnsuchtsseufzer in den Sommerhimmel stoßen. Und jeder dritte im blau-weiß gestreiften T-Shirt und Matrosenkäppi. Eine surreale Sehnsucht wird gefeiert. Nur das Meer. Das fehlt.

Nomadenfestival in Tibet

Erinnerungen an eine Reise nach Jyekundo

Xining
Shopping Malls, wo früher schmale und verlotterte Gassen waren oder Felder; je nachdem, wie weit man sich vom Stadtzentrum entfernte. „Entwicklung West“ – dem Augenschein nach noch nicht weit gekommen. Verlässt man jedoch die gläsernen Fassaden der Einkaufsmeilen, sieht es aus wie eh und je. Graue, braune alte Häuserblocks, zerbrochene Fensterscheiben und Ziegel auf den Straßen, langgestreckte Gebäude, die einst staatliche Arbeitseinheiten beherbergten, aber vor Jahrzehnten schon verlassen und seither vergeblich zwischengenutzt wurden, bis sie nichts mehr hergaben. Diese Häuser, vorn wie hinten, sie stehen für den Wandel, die Veränderung, zum vermeintlich Guten wie zum offensichtlich Schlechten.

Die Städte, sie haben sich verändert, sind gesichts- und charakterlos, wo im Westen wäre es anders? In nur einem Tag könnte man nach Yushu fahren, wie die Chinesen zu Jyekundo sagen, wo alljährlich im Sommer Nomaden Feste feiern. In nur einem Tag, sagte der Fahrer am Telefon, als sie den Tag der Abfahrt festlegen wollten. Was früher Wochen und vor Kurzem noch drei Tage dauerte, ist jetzt an einem Tag auf einer zweispurigen Straße zu bewältigen. Die Welt kommt nach Yushu!

Kokonor

Kokonor

Xining – Mato
Verwahrloste Tibeter. Wurden irgendwann unruhig oder zogen – nicht ganz freiwillig und zur Umsiedlung gezwungen – zum Beispiel an die Straßen, die zum Kokonor führen, wo sie für Touristen ihre Pferde und Yaks bereit halten, für Fotos. Vor gelben Rapsfeldern und türkisblauem See, vor wunderbarer Kulisse; einer Fototapete gleich. Sie selbst wohnen in Ziegelbarracken, die Gebetsfahnen flattern verblichen und vom Wind zerfetzt müde zwischen Stöcken, die in die trockene Erde gerammt wurden, braun und grau vom Staub der Fernstraße. Oder in Zelten, in denen sie Touristen bewirten. Shangrila auf Abruf. Den chinesischen Touristen gefällts.

Die erste Fabrik.

Ewig flach ansteigende, wenig gewundene oder gar steile Berge, ausgetrocknete Flussbetten, weiß gesprenkelte Weiden, Yaks, die verunsichert die Straße überqueren. Überall Tankstellen mit demselben Emblem. Tibeter kommen auf Motorrädern, kein Zelt, vor dem kein Motorrad steht, selbst ihre Herden würden sie mittlerweile mit den Motorrädern zusammentreiben, erklärt einer, der meinen Blick bemerkt.

Tibeter warten in ihren mitgebrachten Zelten

Tibeter warten in ihren mitgebrachten Zelten

Jyekundo
Auf einer großen, weiten Ebene sind weiße Zelte hingesprenkelt auf spärlichen Grasnarben. Wenn die Zelte abgebaut sind, wird von dem Gras nach zehn Tagen noch weniger zu sehen sein. Unterschiedliche Klänge schallen aus unterschiedlichen Zelten – meist tibetische mit blauen Symbolen auf Sonnenzelte appliziert –, mal chinesische Schlager und tibetische traditionelle Lieder, allesamt ausgeleierte und krächzende Tonaufnahmen.

Die Tribüne ist nur für die offen, die ein Badge traben, die wiederum die Regierung an ihre Günstlinge verteilt. Ausländische Reisende gehören nicht mehr dazu, eine Reisegruppe muss sich oftmals einen Badge teilen. Wie genau die Verteilung gehandhabt wird, bleibt im Dunkeln. Die Willkür ist ein wirksames Machtmittel.

Khampa beim Kunstritt

Khampa beim Kunstritt

Grandios das Pferderennen, die bunten Reiterkostüme herrlich im Wind flattern und die Reiter selbst alles geben, um ihre Ziele mit alten Schrotflinten zu treffen oder, weit aus dem Pferdesattel hängend, die weißen Khatas vom Boden aufzuheben. Das Publikum johlt und klatscht, ein Tibeter vor mir ist schon ganz heiser. Aufdringlich dröhnen chinesische Volkslieder aus den Lautsprechern, in denen die Schönheit des Schneelandes und die wunderbare und alte Tradition Tibets gepriesen werden. Und dann wieder chinesische Popmusik.

Yak-Wettrennen

Yak-Wettrennen

Einen Tag später findet die Modeschau statt. Wider Erwarten sind zahlreiche Trachten mit Pelzen von Wildtieren verbrämt – entgegen der Weisung des Dalai Lama, darauf zu verzichten, gemäß der Weisung der chinesischen Regierung. Kein Pelz, keine Zulassung zum Festival, mag die Parole geheißen haben. Oser, im Westen bekannt als Woeser oder auch Weise, ist aus Beijing zum Festival gefahren, um zu schauen, wie viele Tibeter Pelz tragen und vor allem wer welche trägt.

„Die Regierung war überrascht, dass die Weisung des Dalai Lama befolgt wurde, Pelze vor allem von besonderen Tieren wie dem Schneeleopard, nicht mehr zu tragen. Das war ein Zeichen der Schwäche der chinesischen Strategie. Im Gegenzug wird nun verlangt, dass all jene, die im Auftrag der Regierung an Vorführungen teilnehmen, sich in pelzverbrämten Trachten kleiden.“ Pure Sturheit, die von einem kindlichen Verhalten zeugt, das eines der mächtigsten Regimes der Welt an den Tag legt und im Widerspruch steht zum ausgetüftelten Unterscheidungsmechanismus der Gleichmachungspolitik.

Von dieser „Harmonisierung“ ist auch die Sprache betroffen, die seit etwa zwei Jahren zu beobachten ist. Wurden zuvor Veranstaltungen und auch Dorffeste in zwei Sprachen, tibetisch und chinesisch angekündigt, wird jetzt durchweg nur Chinesisch gesprochen, sagt Osers Mann Wang Lixiong.

Die Modeschau selbst – anders, als wir sie uns vorstellten. Auf einem riesigen, ovalförmig angelegten Platz stolzieren prächtig gekleidete Tibeter und Tibeterinnen mit schwerem Kopfschmuck – schwer, weil voller Halbedelstein, voller Korallen und Türkise. Vor der Tribüne: ein paar Schritte vor, einige zurück, schließlich nach links abmarschiert, an der Besuchertribüne mit den Ehrengästen entlang.

Im Hintergrund warten Soldaten - worauf?

Im Hintergrund warten Soldaten – worauf?

Gesangswettbewerb am Sonntagmorgen. Wussten wir, was wir uns darunter vorzustellen hatten? Es ist jedenfalls anders als das, was uns schließlich dargeboten wird. Erstaunliche Stimmen in hohen Lagen, gepresste Kopfstimmen bei Männern und Frauen, nur selten lyrisch, meistens langanhaltende Töne mit Tremolos. Die Bewertung erfolgt durch die Jury oben auf der Bühne, doch nach welchen Kriterien bewertet wird, ist uns nicht klar, fanden wir doch stets jemanden anders Stimme schöner als jene des Gewinners?

Wer für meine Ohren nicht ganz so sauber sang, die Töne schleifen ließ und fast schon krächzte, erhält nun mehr Punkte. Ästhetisch musikalisches Empfinden ist offenbar nicht universell. Frauen schneiden in der Regel besser ab als Männer, erhalten zumindest eine bessere Note und mehr Applaus. Die Endresultate werden erstaunlich unzeremoniell heruntergeleiert, keine Siegerehrung, die Gewinnerinnen oder die Gewinner werden nicht auf die Bühne gebeten.

Im Hintergrund marschieren dreißig schwer bewaffnete Soldaten – neben dem üblichen Personal an Polizisten und Aufsehern. Das Ganze war so rasch im buchstäblichen Sinne über die Bühne gegangen, als wären diese Gesangsaufführungen nur eine Alibi-Übung gewesen, als wären die richtigen Gesänge anderswo zu hören.

Tibet - geschmückter Schimmel

Tibet

Die Busse standen bereits mit laufendem Motor am Rand, die Sänger stiegen ein und noch bevor die letzten Schlager aus den Lautsprechern schmetterten, verschwanden die Busse in Staubwolken, fuhren in Richtungen, die nur die Nummernschilder verraten hatten; weit weg jedenfalls, in kleine Städte und Dörfer im Osten Tibets, in tiefen Tälern und unwirtlichen Gegenden gelegen, wo die Khampas mit ihren Stimmen den Himmel zu erweichen suchen.

Die Reise fand 2007 statt, kurz vor Ausbruch der Unruhen im Frühling 2008, als tibetische Nomaden, Studenten, Schüler, Frauen, Männer, Stadtbewohner, Nonnen, Mönche sich erhoben. Seither haben sich mehr als 130 Tibeter selbst verbrannt.

Comics übersetzen

Graphic Novel III  ::

Wie übersetzt man z.B. die langen Texte von Joe Sacco? Lässt man chinesische Schriftzeichen im Text einfach stehen? Und was ist das Besondere bei Jacques Tardi?

Christoph Schuler wird im Gespräch mit Alice Grünfelder verraten, worauf es beim Übersetzen von Comics ankommt.

Zeit: Sa 15. März, 19:30 bis 20:30
Ort: Schauspiel Leipzig, „Absinth Bar“, im Rahmen von „Auftritt Schweiz“

 

Die Angst der Chinesen vor Wölfen

Wölfe aller Herren Länder – vereinigt Euch! So schallt es hüben wie drüben, damals wie heute, nach dem Wolf richtet so manch einer sein Leben aus. Man denke nur an Jack London, der weniger mit dem Wolf tanzte als andere, oder an den sensationellen Erfolg des Ökoschmachtfetzens „Zorn der Wölfe“ aus der Feder des chinesischen Autors Jiang Rong. Penguin China blätterte für die Weltrechte einen Vorschuss von 100.000 US-Dollar hin, so viel hatte noch nie ein chinesischer Autor eingeheimst. Und Jean-Jacques Annaud wird, da können wir ganz sicher sind, auch die letzten sich verweigernden Drüsen zum Heulen bringen – geht dafür aber wenig wölfisch mit der chinesischen Regierung auf Schmusekurs. Einmal mehr wird das Vorbild vom starken, mutigen und furchtlosen Rudelanführer durchgehechelt, in der chinesisch-mongolischen Version wird der Wolf zum Symbol für die kriegerische Kühnheit ebenso wie für die Expansionsgelüste des Westens, wohingegen der chinesische Ackerbauer vor lauter konfuzianischer Indoktrinierung zum schwachsinnigen Schaf verblödete. Schlag auf Schlag folgten im Reich der Mitte Dutzende von Managementratgeber. „Zeigs Ihnen! Werde zum Wolf!“, „Ein Wolf unter Schafen“, „Wie man zum Wolf wird“: Mit ähnlich variantenreichen Titeln bleute man den chinesischen Managern ein, im Umgang mit ihren westlichen Partnern endlich ihre Zähne zu zeigen.
Der Westen aber besinnt sich derzeit wieder auf seine wölfischen Qualitäten. Der Wolf galt hierzulande schon immer als Vorbild für Kriegsherren, zierte Wappen, dem armen Tier wurde gar die Gründung Roms aufgehalst. Und da die Expansionsgelüste, die Jiang Rong ebenfalls im wölfischen Gebaren westlicher Kulturen begründet sah, jüngst deutliche Ermüdungserscheinungen zeigten, so vollgefressen waren sie von den Jahren zuvor, gilt nun auch hier wieder die Devise: Zurück zum Wolf! Und das krisengeschüttelte Brandenburg springt mit einem marketingstrategisch eleganten Wolfssprung auf den Zug der Zeit: „Wie sie vom Wissen der Wölfe profitieren können und wie sie ihr Team zu einem Hochleistungsteam machen, erfahren und trainieren sie in diesem Workshop.“ Womöglich doch besser das eigene Wolfsgeheul trainieren, als im nächsten interkulturellen Sino-Seminar den richtigen Austausch von Visitenkärtchen zu üben? Denn wer zuletzt heult, den fressen die Schafe.

Eine ganz normale chinesische Familie?

Ein Leben in Comicbildern

Gefährlich wird es immer dann, wenn sich die Gesichter der Menschen entleeren, wenn nur noch Umrisslinien von ihrem Dasein zeugen im grafischen Roman „Ein Leben in China“.

Ein Leben in China

Ein Leben in China

Als während des Großen Sprungs nach vorn (1958 bis 1961) das Brennmaterial zur Neige geht, lassen sich die Frauen kurzerhand ihre Haare abrasieren. „Keine grosse Sache, Herr Hauptmann, einfach ein paar Gramm weniger auf dem Kopf“, meint eine froh gelaunt, doch das Bild der leeren Figuren inmitten der Haufen Haare straft sie Lügen. Dieser Optimismus vermag indes einen alten Hasen wie den Vater des Zeichners nicht zu täuschen, seine Laune wird von Tag zu Tag schlechter, was sich seine Kinder gar nicht erklären können, jetzt, da Mao mehr denn je den revolutionären Eifer anstachelt. Schliesslich reisst die Kulturrevolution (1966 bis 1976) wie eine Flutwelle alles mit sich, der Einzelne ist einer von Abermillionen Wassertropfen, die sich zu einem großen Strom vereinen.
Kinder und Jugendliche – in den berüchtigten roten Garden organisiert – gehen rigoros gegen alles vor, was nach Bourgeoisie riecht. Sie kämpfen gegen bürgerliche Gerichte wie „Festmahl im Palast“, verlangen, bestimmte Theaterstücke vom Spielplan zu nehmen, und der Coiffeur muss es sich gefallen lassen, dass man ihm Abbildungen von revolutionär genehmen Frisuren vorlegt – womit der Kleine Li zugleich sein Coming-out als Zeichner feiert. Wellness ist dazumal erst recht verpönt, der Besuch im öffentlichen Bad wird zum Skandal: „Einige Gäste lassen sich massieren, das ist eine Art der Ausbeutung, die verboten werden muss.“
denunziation
Denunziation macht auch vor der Familie des Zeichners nicht Halt. Ein guter Freund zerrt den schlechten Klassenhintergrund der Familie ans Licht, der Vater wird daraufhin ins Umerziehungslager gesteckt, wo ihn sein Sohn vier Jahre später als gebrochenen Mann kaum mehr wiedererkennt. Dennoch gelingt es dem Kleinen Li, bei einem Maler in die Lehre zu gehen. Wie hat der wohl die Kulturrevolution mit so einem verwegenen Gesicht überlebt? Li lernt Mao-Porträts in allen Variationen zu malen, entdeckt aber eines Tages hinter den Leinwänden unzählige Zeichnungen von nackten Frauen. Wenn das nicht bourgois ist! Wird der Kleine Li den Mund halten?
Die gesellschaftlichen Wirren verknoten sich immer mehr, der Kampf ums tägliche Überleben legt sich wie Mehltau über die Gesellschaft, die ersten Jugendlichen werden aufs Land verschickt. Der Kleine Li will jedoch Soldat werden, seine Mappe mit den Mao-Porträts gewährt ihm den Zugang.

Der erste Band dieser Autobiografie in Bildern endet mit Maos Tod. Ein Zittern, eine Erschütterung geht durch das Volk. Und der Zeichner konstatiert: „Ich bin mir dir geboren worden und erlosch mit dir.“
Die Identifikation des Einzelnen mit dem großen Führer ist für uns unvorstellbar, aber darin liegt die Stärke dieser Grafic Novel: anhand des Schicksals einer Familie die Auswirkungen dieser enormen historischen Umwälzungen sichtbar zu machen. Von Bild zu Bild wird einem bewusster, wie sich das chinesische Volk über sein Land und seinen Führer definierte, wie es möglich war, dass so viele Menschen Opfer dieser Gehirnwäsche werden konnten. Nie gibt es ein Innehalten, ein Zögern in dieser Propagandamaschine.aufmarsch
Die Tableaus erlauben einen aufgefächerten Blick auf die Gesellschaft und sind mehr auf die Details ausgerichtet als dass sie das große Ganze ins Auge fassen, dies entspricht auch dem textlichen Zugang zur Geschichte. Geradeaus und einfach erzählt wird die Kindheit und Jugend des Malers, weitschweifige historische Exkurse und Erläuterungen werden ausgespart, die Zusammenhänge werden dem einfachen Chinesen damals ebensowenig erklärt wie dem Leser heute.
Die Zeichnungen weisen eine enorme Bandbreite auf: Manchmal meint man gar, den Einfluss der traditionellen chinesischen Landschaftsmalerei zu spüren, so wie Li Kunwu auf seinen Bildern Mensch und Landschaften arrangiert. Bei den Massenveranstaltungen aber wirken die Einzelnen wie überzeichnete Comicfiguren. Und werden einmal ganz leer, weil sich später niemand mehr erinnern wird oder erinnern will. Der Maler, der jahrelang propagandistische Comics im Auftrag der Partei zeichnete, hat jedenfalls sämtliche grafische Register gezogen in dieser Choreografie in Bildern seines Lebens.

P. Otié / Li Kunwu: Ein Leben in China. Die Zeit meines Lebens. Band I. Aus dem Französischen von Christoph Schuler. Edition Moderne, 2012, 254 Seiten, ca. 29.80 sFr