Tibeter schreiben

Vortrag von Alice Grünfelder.

liechtenstein

© Dana Rudinger

In den letzten Jahrzehnten hat sich Tibet immer stärker, immer schneller verändert. Längst driften die Lebenswelten und Erfahrungshorizonte innerhalb der tibetischen Gemeinschaft auseinander. Die bekannte tibetische Autorin Tsering Woeser sagt dazu: „Beim Schreiben merke ich, wie ich mir selbst fremd bin, sehe, wie viele Tibeter, die ich kenne, mit sich selbst uneins sind, und beobachte eine Spaltung des tibetischen Volkes.“

Wie sich die Lebensweise der Tibeter heutzutage voneinander unterscheidet, zeigt sich in ihren Geschichten, aber auch, dass über sämtliche Sprachgrenzen hinweg durchaus Ähnlichkeiten existieren: das Unbehagen in der eigenen und fremden Kultur, das stete Wissen darum, nie wirklich dazuzugehören, im Extremfall eben immer ein entwurzelter Flüchtling zu sein. Deshalb sind die Tibeter im mehrfachen Sinne die modernen Nomaden des 21. Jahrhunderts.

Alice Grünfelder liest aus aus folgenden Büchern.

Schaan, Liechtenstein, Haus Stein Egerta, In der Steinegerta 26, Samstag, 07.03.15, 19:30h.

Organisiert von der Tibet-Unterstützung Liechtenstein in Zusammenarbeit mit dem Songtsen House.

Dalyan – Iztuzu Beach

Iztuzu-StrandKlock, klock, immer wenn ein Ball auf ein Holzbrett trifft, auf der einen Seite schlägt ein Mann, auf der anderen eine Frau, dumpf und doch hörbar trotz des scharfen Windes, der den Sand vor sich her treibt, dass man selbst mit einer Sonnenbrille auf der Nase sich Sandkörner aus den Augen reiben muss. Und nur blinzelnd dem Meer zuschauen kann, wie es die Wellen aufpeitscht, den Strandgängern, die schlendern, marschieren, rennen.

Fest presst sich das geblümte Baumwollkleid an die Oberschenkel des Mädchens, das sich gegen den Wind stemmt, mit der einen Hand ihren geflochtenen Hut festhält. Wenige Minuten später tippelt dasselbe Mädchen einem jungen Mann hinterher in halblangen, schwarzweiß gesprenkelten Bermudas, der gar nicht mal so rasch ausschreitet, und dennoch gelingt es dem Mädchen nicht, ihn einzuholen, sie spricht mit ihm, er wendet den Kopf nicht, sie redet auf ihn ein, hört sie ihn, hört er sie?

SchildkrötenstrandKaum aus dem Blickfeld verschwunden, taucht ein stolzer, blonder Hüne auf mit fünf ebenso blonden Kindern, die um ihn herumtollen wie Welpen und an einer Schnur entlang gehen, die den Sandstreifen abgrenzt, dort wo Schildkröten ihre Eier vergraben. Über die Nester werden nach oben hin spitz zulaufende Drahtkäfige gestellt. Hier darf man nicht buddeln und sich nicht hinlegen. Fast alle halten sich daran, auch wenn das Seil am Boden im Laufe des Tages ob der vielen Strandspaziergänger immer wieder seinen Lauf ändert.

Ein Geschwisterpaar, in langärmligen T-Shirts der Sonne wegen, wird ständig ermahnt „Quelle est le problème?“, wo doch keines zu sein scheint. Oder doch? Vielleicht wird das Mädchen beim Ballspiel ständig vom Großvater – oder ist der Vater? – ignoriert, weil der sich lieber mit dem Jungen abgibt? Das Mädchen zickt und schlägt um sich, dass Wasser hoch aufspritzt, von dem kleinen und großen Mann wird sie darum umso mehr weniger beachtet.

Eine junge Frau mit rotem knappem Bikini und goldgelbem chinesischem Sonnenschirm hält Ausschau nach einem Platz für ihre fünfköpfige Familie; der Mann zieht einen langen Schirm aus einer noch längeren Tasche, rammt diesen in den sandigen Boden, befestigt ihn mit Seilen … Doch nach Stunden vergeblichen Kampfes gegen den Wind geben sie auf und ziehen weiter, zum anderen Ende des Strandes, eine Stunde Fußmarsch entfernt. „Ege, Ege!“ schreit eine Mutter hinaus aufs Meer, aber keiner dreht sich nach ihr um, der Wind verschluckt jede Silbe. Klock, klock macht es wieder, und wieder beißen Sandkörner im Gesicht.

Iztuzu Beach

Den Wind spüren, den Sand zwischen den Zehen, unter den Sohlen, die immer wieder leicht einsinken. Sinnfreies, absichtsloses heißes Dasein am Strand. Doch wie lange noch? Die Behörden haben dem Bau eines Krankenhauses für Schildkröten zugestimmt und damit womöglich weiteren, noch größeren Vorhaben den Weg gebahnt. Die einheimische Bevölkerung organisiert Petitionen. Schon einmal hatte man sich u.a. mit Unterstützung der internationalen Gemeinschaft erfolgreich gewehrt gegen den Bau eines Hotelkomplexes direkt am Strand. Wie wird die Geschichte dieses Mal ausgehen?

Tipps: Zum Iztuzu Beach kann man auf vielerlei Weise gelangen.
1. Mit dem Boot von Dalyan aus zum Strand. Geht man zu Fuß am Strand entlang, ca. eine Stunde, kann man vom anderen Ende mit dem Dolmus wieder zurück nach Dalyan gelangen. Eine schöne Rundreise.
2. Man leiht sich in Dalyan ein Mountainbike und fährt ca. eine Stunde zum Strand. Beschrieben ist diese Tour hier.

Lachkratzer

Eine Landesgartenschau zwischen Himmel und Erde

Schwimmreifen

Wo einst eine vielspurige Bundesstraße toste, den man in einem dunkel-muffigen Fußgängertunnel unterquerte, brandet nun der knöcheltiefe, höhergelegte Josefsbach – weil sein schluchtartiger Charakter moniert wurde –, in die Rems, die mit Strandkörben Meeresrauschen suggeriert.

Einen Verkehrsknotenpunkt rund um den Bahnhof so umzubauen, dass er nicht mehr wiederzuerkennen ist, kann durchaus als ökonomischer sowie soziologischer Kraftakt einer mitteleuropäischen Stadt gesehen werden. Solcherart kolossale Umgestaltung kennt man sonst nur noch aus asiatischen Metropolen. Möglich war dieser Umbau, weil gleich zwei große Infrastrukturprojekte zusammenkamen: der Tunnel, an dem ein gefühltes halbes Jahrhundert gebaut wurde und der die stark befahrene B29 in den Untergrund verbannen sollte, und eben die Landesgartenschau Schwäbisch Gmünd.

Auch die Stadt, die vormals eher durch Ladensterben und vergammelte dunkle Ecken aufgefallen war, ist kaum mehr wiederzuerkennen. Die Cafés sind auch unter der Woche bis auf den letzten Platz gefüllt ebenso das Bimmelbähnchen, das fußlahme Besucher durch die Stadt führt, die man sonst in einer Viertelstunde durchschritten hat. Es brummt, die Wirtschaft boomt, könnte man meinen, nur die Löhne halten mit 4.50 Euro die Stunde nicht Schritt; auch der Leierkastenmann ist offenbar nicht zufrieden und versinkt am späten Nachmittag in wüste Selbstgespräche. Nichtsdestotrotz präsentiert sich neben Eisdielen, Pizzaschnitten, Wurst- und Salateller auch die „innovative“ Gmünder Industrie, u.a. im goldenen Würfel, der quer und schief in der Stadtlandschaft liegt.

Goldener Würfel

Einzigartig. Und zwischen Himmel und Erde kann man sich einen Parkplatz aussuchen, je nachdem, ob man das Erdenreich in der Stadt oder den Himmelsgarten oben bei Wetzgau besuchen möchte.

Weleda präsentiert dort ihren Kräutergarten gleich neben ihrer Verkaufsfiliale mit Vollsortiment und 20% Rabatt, zwischen wenigen bekannten Pflanzennamen stehen auf kleinen Schildern viele unbekannte, und hier hatten sich Wortdesigner austoben dürfen.

Himmelstürmer, gestürmt vor allem von Schulklassen und Best Agers uniformiert in dreiviertellangen Hosen, Rucksack und Gesundheitstretern an den Füßen, offene Wohnzimmer, eingerichtet in ehemaligen alten UnkrautContainern, Suppenstern, Kreuztisch und Kräuterpädagogen, die nicht etwa analog zu Schulpädagogen Kräuter … nein, hier konnte man den Giersch im Salz zerstampfen, weil er aus dem Garten als lästiges und zähes Unkraut eh nicht wegzubekommen ist.

Auch bei der Lesung, die in der geradezu idyllisch gelegenen Salvatorklause hoch über der Stadt „Allerley Kurtzweyl“ zum Tagesausklang versprach, fiel auf, dass jüngere Menschen Veranstaltungen rund um die Landesgartenschau meiden und als Rentnerschow abtun. Grau- und Weißschöpfe lauschten harmlosen Geschichten über Nachbarn und den tückischen Umgang mit der Informationstechnologie.

Dreimal durfte man aufhorchen: Als sich eine Lyrikern damit abmühte, sämtliche schwierig zu merkenden und auszusprechenden botanischen Namen in eine dramaturgisch sinnvolle Reihenfolge zu bringen; als der Moderator des Abends dazu aufrief, eigene Schulgeschichten einzureichen, die im Schulmuseum gesammelt werden würden; und, wie könnte es anders sein im Zentrum der deutschen Automobilindustrie, Gedichte in Anlehnung an Jandl, Mon oder auch Gomringer, wenn man so will, per Flipchart gezeigt wurden über Lackkratzer, Auspuffe und Liebe auf der Rückbank eines Fiat 500: Im Rücksitz liegen zwei liebende / liegen sich lieb / und lieben sich lieg … Oder, um mit den Worten ebendieses Dichters, Erich Klaus, über einen Kratzer im Lack zu schließen: Leck den Kratz und kratz den Leck.

Die Landesgartenschau als Treppenwitz der Gmünder Geschichte ist, man mag es wenden wie man will, tatsächlich mehr als nur ein Lachkratzer.

Ein Hafenkran ohne Hafen

HafenkranAlbern. Vermessen gar? Zwischen Größenwahn und Kleinverzweiflung. Der fehlenden freien Sicht aufs Mittelmeer wegen aufgestellt. Einem Hamburger Besucher wäre der grüne Rosthaufen nicht einmal aufgefallen, hätte man ihn nicht auf die Kunstaktion aufmerksam gemacht und ihm von den städtischen Querelen erzählt. Er bedachte ihn mit einem schnöden Schulterzucken. Und wo der Hafen denn bitteschön sei. Nein, nicht am Bürkliplatz, sondern am Ufer eines schmalen Flüsschens steht er. Das Limmat zwar heißt und der Stolz der Stadtbürger ist, der Kranarm aber überragt ihn bis zur Flußmitte.

Drei Tage lang wurde er nun in Zürich gefeiert: einmal am Meer sein dürfen, Matrosenbeat und Chansonsehnsuchtsseufzer in den Sommerhimmel stoßen. Und jeder dritte im blau-weiß gestreiften T-Shirt und Matrosenkäppi. Eine surreale Sehnsucht wird gefeiert. Nur das Meer. Das fehlt.

Nomadenfestival in Tibet

Erinnerungen an eine Reise nach Jyekundo

Xining
Shopping Malls, wo früher schmale und verlotterte Gassen waren oder Felder; je nachdem, wie weit man sich vom Stadtzentrum entfernte. „Entwicklung West“ – dem Augenschein nach noch nicht weit gekommen. Verlässt man jedoch die gläsernen Fassaden der Einkaufsmeilen, sieht es aus wie eh und je. Graue, braune alte Häuserblocks, zerbrochene Fensterscheiben und Ziegel auf den Straßen, langgestreckte Gebäude, die einst staatliche Arbeitseinheiten beherbergten, aber vor Jahrzehnten schon verlassen und seither vergeblich zwischengenutzt wurden, bis sie nichts mehr hergaben. Diese Häuser, vorn wie hinten, sie stehen für den Wandel, die Veränderung, zum vermeintlich Guten wie zum offensichtlich Schlechten.

Die Städte, sie haben sich verändert, sind gesichts- und charakterlos, wo im Westen wäre es anders? In nur einem Tag könnte man nach Yushu fahren, wie die Chinesen zu Jyekundo sagen, wo alljährlich im Sommer Nomaden Feste feiern. In nur einem Tag, sagte der Fahrer am Telefon, als sie den Tag der Abfahrt festlegen wollten. Was früher Wochen und vor Kurzem noch drei Tage dauerte, ist jetzt an einem Tag auf einer zweispurigen Straße zu bewältigen. Die Welt kommt nach Yushu!

Kokonor

Kokonor

Xining – Mato
Verwahrloste Tibeter. Wurden irgendwann unruhig oder zogen – nicht ganz freiwillig und zur Umsiedlung gezwungen – zum Beispiel an die Straßen, die zum Kokonor führen, wo sie für Touristen ihre Pferde und Yaks bereit halten, für Fotos. Vor gelben Rapsfeldern und türkisblauem See, vor wunderbarer Kulisse; einer Fototapete gleich. Sie selbst wohnen in Ziegelbarracken, die Gebetsfahnen flattern verblichen und vom Wind zerfetzt müde zwischen Stöcken, die in die trockene Erde gerammt wurden, braun und grau vom Staub der Fernstraße. Oder in Zelten, in denen sie Touristen bewirten. Shangrila auf Abruf. Den chinesischen Touristen gefällts.

Die erste Fabrik.

Ewig flach ansteigende, wenig gewundene oder gar steile Berge, ausgetrocknete Flussbetten, weiß gesprenkelte Weiden, Yaks, die verunsichert die Straße überqueren. Überall Tankstellen mit demselben Emblem. Tibeter kommen auf Motorrädern, kein Zelt, vor dem kein Motorrad steht, selbst ihre Herden würden sie mittlerweile mit den Motorrädern zusammentreiben, erklärt einer, der meinen Blick bemerkt.

Tibeter warten in ihren mitgebrachten Zelten

Tibeter warten in ihren mitgebrachten Zelten

Jyekundo
Auf einer großen, weiten Ebene sind weiße Zelte hingesprenkelt auf spärlichen Grasnarben. Wenn die Zelte abgebaut sind, wird von dem Gras nach zehn Tagen noch weniger zu sehen sein. Unterschiedliche Klänge schallen aus unterschiedlichen Zelten – meist tibetische mit blauen Symbolen auf Sonnenzelte appliziert –, mal chinesische Schlager und tibetische traditionelle Lieder, allesamt ausgeleierte und krächzende Tonaufnahmen.

Die Tribüne ist nur für die offen, die ein Badge traben, die wiederum die Regierung an ihre Günstlinge verteilt. Ausländische Reisende gehören nicht mehr dazu, eine Reisegruppe muss sich oftmals einen Badge teilen. Wie genau die Verteilung gehandhabt wird, bleibt im Dunkeln. Die Willkür ist ein wirksames Machtmittel.

Khampa beim Kunstritt

Khampa beim Kunstritt

Grandios das Pferderennen, die bunten Reiterkostüme herrlich im Wind flattern und die Reiter selbst alles geben, um ihre Ziele mit alten Schrotflinten zu treffen oder, weit aus dem Pferdesattel hängend, die weißen Khatas vom Boden aufzuheben. Das Publikum johlt und klatscht, ein Tibeter vor mir ist schon ganz heiser. Aufdringlich dröhnen chinesische Volkslieder aus den Lautsprechern, in denen die Schönheit des Schneelandes und die wunderbare und alte Tradition Tibets gepriesen werden. Und dann wieder chinesische Popmusik.

Yak-Wettrennen

Yak-Wettrennen

Einen Tag später findet die Modeschau statt. Wider Erwarten sind zahlreiche Trachten mit Pelzen von Wildtieren verbrämt – entgegen der Weisung des Dalai Lama, darauf zu verzichten, gemäß der Weisung der chinesischen Regierung. Kein Pelz, keine Zulassung zum Festival, mag die Parole geheißen haben. Oser, im Westen bekannt als Woeser oder auch Weise, ist aus Beijing zum Festival gefahren, um zu schauen, wie viele Tibeter Pelz tragen und vor allem wer welche trägt.

„Die Regierung war überrascht, dass die Weisung des Dalai Lama befolgt wurde, Pelze vor allem von besonderen Tieren wie dem Schneeleopard, nicht mehr zu tragen. Das war ein Zeichen der Schwäche der chinesischen Strategie. Im Gegenzug wird nun verlangt, dass all jene, die im Auftrag der Regierung an Vorführungen teilnehmen, sich in pelzverbrämten Trachten kleiden.“ Pure Sturheit, die von einem kindlichen Verhalten zeugt, das eines der mächtigsten Regimes der Welt an den Tag legt und im Widerspruch steht zum ausgetüftelten Unterscheidungsmechanismus der Gleichmachungspolitik.

Von dieser „Harmonisierung“ ist auch die Sprache betroffen, die seit etwa zwei Jahren zu beobachten ist. Wurden zuvor Veranstaltungen und auch Dorffeste in zwei Sprachen, tibetisch und chinesisch angekündigt, wird jetzt durchweg nur Chinesisch gesprochen, sagt Osers Mann Wang Lixiong.

Die Modeschau selbst – anders, als wir sie uns vorstellten. Auf einem riesigen, ovalförmig angelegten Platz stolzieren prächtig gekleidete Tibeter und Tibeterinnen mit schwerem Kopfschmuck – schwer, weil voller Halbedelstein, voller Korallen und Türkise. Vor der Tribüne: ein paar Schritte vor, einige zurück, schließlich nach links abmarschiert, an der Besuchertribüne mit den Ehrengästen entlang.

Im Hintergrund warten Soldaten - worauf?

Im Hintergrund warten Soldaten – worauf?

Gesangswettbewerb am Sonntagmorgen. Wussten wir, was wir uns darunter vorzustellen hatten? Es ist jedenfalls anders als das, was uns schließlich dargeboten wird. Erstaunliche Stimmen in hohen Lagen, gepresste Kopfstimmen bei Männern und Frauen, nur selten lyrisch, meistens langanhaltende Töne mit Tremolos. Die Bewertung erfolgt durch die Jury oben auf der Bühne, doch nach welchen Kriterien bewertet wird, ist uns nicht klar, fanden wir doch stets jemanden anders Stimme schöner als jene des Gewinners?

Wer für meine Ohren nicht ganz so sauber sang, die Töne schleifen ließ und fast schon krächzte, erhält nun mehr Punkte. Ästhetisch musikalisches Empfinden ist offenbar nicht universell. Frauen schneiden in der Regel besser ab als Männer, erhalten zumindest eine bessere Note und mehr Applaus. Die Endresultate werden erstaunlich unzeremoniell heruntergeleiert, keine Siegerehrung, die Gewinnerinnen oder die Gewinner werden nicht auf die Bühne gebeten.

Im Hintergrund marschieren dreißig schwer bewaffnete Soldaten – neben dem üblichen Personal an Polizisten und Aufsehern. Das Ganze war so rasch im buchstäblichen Sinne über die Bühne gegangen, als wären diese Gesangsaufführungen nur eine Alibi-Übung gewesen, als wären die richtigen Gesänge anderswo zu hören.

Tibet - geschmückter Schimmel

Tibet

Die Busse standen bereits mit laufendem Motor am Rand, die Sänger stiegen ein und noch bevor die letzten Schlager aus den Lautsprechern schmetterten, verschwanden die Busse in Staubwolken, fuhren in Richtungen, die nur die Nummernschilder verraten hatten; weit weg jedenfalls, in kleine Städte und Dörfer im Osten Tibets, in tiefen Tälern und unwirtlichen Gegenden gelegen, wo die Khampas mit ihren Stimmen den Himmel zu erweichen suchen.

Die Reise fand 2007 statt, kurz vor Ausbruch der Unruhen im Frühling 2008, als tibetische Nomaden, Studenten, Schüler, Frauen, Männer, Stadtbewohner, Nonnen, Mönche sich erhoben. Seither haben sich mehr als 130 Tibeter selbst verbrannt.

Comics übersetzen

Graphic Novel III  ::

Wie übersetzt man z.B. die langen Texte von Joe Sacco? Lässt man chinesische Schriftzeichen im Text einfach stehen? Und was ist das Besondere bei Jacques Tardi?

Christoph Schuler wird im Gespräch mit Alice Grünfelder verraten, worauf es beim Übersetzen von Comics ankommt.

Zeit: Sa 15. März, 19:30 bis 20:30
Ort: Schauspiel Leipzig, „Absinth Bar“, im Rahmen von „Auftritt Schweiz“

 

Die Angst der Chinesen vor Wölfen

Wölfe aller Herren Länder – vereinigt Euch! So schallt es hüben wie drüben, damals wie heute, nach dem Wolf richtet so manch einer sein Leben aus. Man denke nur an Jack London, der weniger mit dem Wolf tanzte als andere, oder an den sensationellen Erfolg des Ökoschmachtfetzens „Zorn der Wölfe“ aus der Feder des chinesischen Autors Jiang Rong. Penguin China blätterte für die Weltrechte einen Vorschuss von 100.000 US-Dollar hin, so viel hatte noch nie ein chinesischer Autor eingeheimst. Und Jean-Jacques Annaud wird, da können wir ganz sicher sind, auch die letzten sich verweigernden Drüsen zum Heulen bringen – geht dafür aber wenig wölfisch mit der chinesischen Regierung auf Schmusekurs. Einmal mehr wird das Vorbild vom starken, mutigen und furchtlosen Rudelanführer durchgehechelt, in der chinesisch-mongolischen Version wird der Wolf zum Symbol für die kriegerische Kühnheit ebenso wie für die Expansionsgelüste des Westens, wohingegen der chinesische Ackerbauer vor lauter konfuzianischer Indoktrinierung zum schwachsinnigen Schaf verblödete. Schlag auf Schlag folgten im Reich der Mitte Dutzende von Managementratgeber. „Zeigs Ihnen! Werde zum Wolf!“, „Ein Wolf unter Schafen“, „Wie man zum Wolf wird“: Mit ähnlich variantenreichen Titeln bleute man den chinesischen Managern ein, im Umgang mit ihren westlichen Partnern endlich ihre Zähne zu zeigen.
Der Westen aber besinnt sich derzeit wieder auf seine wölfischen Qualitäten. Der Wolf galt hierzulande schon immer als Vorbild für Kriegsherren, zierte Wappen, dem armen Tier wurde gar die Gründung Roms aufgehalst. Und da die Expansionsgelüste, die Jiang Rong ebenfalls im wölfischen Gebaren westlicher Kulturen begründet sah, jüngst deutliche Ermüdungserscheinungen zeigten, so vollgefressen waren sie von den Jahren zuvor, gilt nun auch hier wieder die Devise: Zurück zum Wolf! Und das krisengeschüttelte Brandenburg springt mit einem marketingstrategisch eleganten Wolfssprung auf den Zug der Zeit: „Wie sie vom Wissen der Wölfe profitieren können und wie sie ihr Team zu einem Hochleistungsteam machen, erfahren und trainieren sie in diesem Workshop.“ Womöglich doch besser das eigene Wolfsgeheul trainieren, als im nächsten interkulturellen Sino-Seminar den richtigen Austausch von Visitenkärtchen zu üben? Denn wer zuletzt heult, den fressen die Schafe.

Eine ganz normale chinesische Familie?

Ein Leben in Comicbildern

Gefährlich wird es immer dann, wenn sich die Gesichter der Menschen entleeren, wenn nur noch Umrisslinien von ihrem Dasein zeugen im grafischen Roman „Ein Leben in China“.

Ein Leben in China

Ein Leben in China

Als während des Großen Sprungs nach vorn (1958 bis 1961) das Brennmaterial zur Neige geht, lassen sich die Frauen kurzerhand ihre Haare abrasieren. „Keine grosse Sache, Herr Hauptmann, einfach ein paar Gramm weniger auf dem Kopf“, meint eine froh gelaunt, doch das Bild der leeren Figuren inmitten der Haufen Haare straft sie Lügen. Dieser Optimismus vermag indes einen alten Hasen wie den Vater des Zeichners nicht zu täuschen, seine Laune wird von Tag zu Tag schlechter, was sich seine Kinder gar nicht erklären können, jetzt, da Mao mehr denn je den revolutionären Eifer anstachelt. Schliesslich reisst die Kulturrevolution (1966 bis 1976) wie eine Flutwelle alles mit sich, der Einzelne ist einer von Abermillionen Wassertropfen, die sich zu einem großen Strom vereinen.
Kinder und Jugendliche – in den berüchtigten roten Garden organisiert – gehen rigoros gegen alles vor, was nach Bourgeoisie riecht. Sie kämpfen gegen bürgerliche Gerichte wie „Festmahl im Palast“, verlangen, bestimmte Theaterstücke vom Spielplan zu nehmen, und der Coiffeur muss es sich gefallen lassen, dass man ihm Abbildungen von revolutionär genehmen Frisuren vorlegt – womit der Kleine Li zugleich sein Coming-out als Zeichner feiert. Wellness ist dazumal erst recht verpönt, der Besuch im öffentlichen Bad wird zum Skandal: „Einige Gäste lassen sich massieren, das ist eine Art der Ausbeutung, die verboten werden muss.“
denunziation
Denunziation macht auch vor der Familie des Zeichners nicht Halt. Ein guter Freund zerrt den schlechten Klassenhintergrund der Familie ans Licht, der Vater wird daraufhin ins Umerziehungslager gesteckt, wo ihn sein Sohn vier Jahre später als gebrochenen Mann kaum mehr wiedererkennt. Dennoch gelingt es dem Kleinen Li, bei einem Maler in die Lehre zu gehen. Wie hat der wohl die Kulturrevolution mit so einem verwegenen Gesicht überlebt? Li lernt Mao-Porträts in allen Variationen zu malen, entdeckt aber eines Tages hinter den Leinwänden unzählige Zeichnungen von nackten Frauen. Wenn das nicht bourgois ist! Wird der Kleine Li den Mund halten?
Die gesellschaftlichen Wirren verknoten sich immer mehr, der Kampf ums tägliche Überleben legt sich wie Mehltau über die Gesellschaft, die ersten Jugendlichen werden aufs Land verschickt. Der Kleine Li will jedoch Soldat werden, seine Mappe mit den Mao-Porträts gewährt ihm den Zugang.

Der erste Band dieser Autobiografie in Bildern endet mit Maos Tod. Ein Zittern, eine Erschütterung geht durch das Volk. Und der Zeichner konstatiert: „Ich bin mir dir geboren worden und erlosch mit dir.“
Die Identifikation des Einzelnen mit dem großen Führer ist für uns unvorstellbar, aber darin liegt die Stärke dieser Grafic Novel: anhand des Schicksals einer Familie die Auswirkungen dieser enormen historischen Umwälzungen sichtbar zu machen. Von Bild zu Bild wird einem bewusster, wie sich das chinesische Volk über sein Land und seinen Führer definierte, wie es möglich war, dass so viele Menschen Opfer dieser Gehirnwäsche werden konnten. Nie gibt es ein Innehalten, ein Zögern in dieser Propagandamaschine.aufmarsch
Die Tableaus erlauben einen aufgefächerten Blick auf die Gesellschaft und sind mehr auf die Details ausgerichtet als dass sie das große Ganze ins Auge fassen, dies entspricht auch dem textlichen Zugang zur Geschichte. Geradeaus und einfach erzählt wird die Kindheit und Jugend des Malers, weitschweifige historische Exkurse und Erläuterungen werden ausgespart, die Zusammenhänge werden dem einfachen Chinesen damals ebensowenig erklärt wie dem Leser heute.
Die Zeichnungen weisen eine enorme Bandbreite auf: Manchmal meint man gar, den Einfluss der traditionellen chinesischen Landschaftsmalerei zu spüren, so wie Li Kunwu auf seinen Bildern Mensch und Landschaften arrangiert. Bei den Massenveranstaltungen aber wirken die Einzelnen wie überzeichnete Comicfiguren. Und werden einmal ganz leer, weil sich später niemand mehr erinnern wird oder erinnern will. Der Maler, der jahrelang propagandistische Comics im Auftrag der Partei zeichnete, hat jedenfalls sämtliche grafische Register gezogen in dieser Choreografie in Bildern seines Lebens.

P. Otié / Li Kunwu: Ein Leben in China. Die Zeit meines Lebens. Band I. Aus dem Französischen von Christoph Schuler. Edition Moderne, 2012, 254 Seiten, ca. 29.80 sFr

Von Sandelholzstrafe und Bauernkaisern

alice-karin-podiumSalongespräch über China

Im Rahmen der Zuger Übersetzer-Gespräche 2014

Karin Betz und Alice Grünfelder unterhalten sich über Themen und Tendenzen in der Gegenwartsliteratur Chinas, über regionale Besonderheiten und die Frage: Was ist überhaupt chinesische Literatur? Apéro im Anschluss an das Gespräch.

Ort: Zug, Bibliothek, St. Oswaldsgasse 21
Zeit: Samstag, 18. Januar 2014, 10.30 Uhr

Chinesischer Humor

Der Chinese lacht viel, sagt man, nur lacht er auch gerne? Und was könnte es bedeuten, wenn er lächelt? Schließlich versuchen in interkultureller Kommunikation Geschulte seit Jahrzehnten, dieses Lachen für uns zu enträtseln.
Das irritierende Lächeln der Chinesen ist berüchtigt, gefürchtet gar von jenen, die mit Chinesen Verhandlungen führen. Da wird gelächelt, was das Zeug hält, und nur in den seltensten Fällen weiß das westliche Gegenüber diese Muskeldehnung im Gesicht richtig einzuschätzen, bei der die Augenschlitze dann gleich noch ein wenig schmaler werden. Es könnte heißen: „Ich weiß jetzt auch nicht weiter, deshalb lächle ich zur Sicherheit mal ein paar Runden“, oder: „Dein Angebot ist eine Unverschämtheit, dir werd ichs noch zeigen.“ Aber auch: “Du hast mich ertappt, egal, das nächste Mal passiert mir das nicht mehr.“ Nun, es kann viel bedeuten, nur in den allerseltensten Fällen das, was es im Westen bedeuten würde: ein Zeichen des wohlwollenden, gütigen Einverständnisses. Es ist auch kein verschmitztes Lächeln, sondern möchte einfach nur ein peinlich bedrückendes Schweigen, einen Stillstand im Gespräch, einen Gesichtsverlust kaschieren; es ist eine Mimik aus der Not heraus, wenn man nicht mehr weiter weiß. Und allemal besser, als gleich mit der Faust teutonisch auf den Tisch zu hauen.

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Was aber ist mit dem Lachen? Im Laufe der letzten Jahrhunderte erschienen in China diverse Witzsammlungen, besonders geistreich „Lachwald“ genannt, und kürzlich brachte auch ein deutscher Verlag eine solche heraus. Würde man die besonders schlechten Witze anstreichen, wäre das Buch über und über mit schwarzen X versehen. Unglaublich, worüber die Chinesen lachen können! Aber vielleicht lachen sie ja auch gar nicht über diese Witze, die so moralinsauer und pädagogisch daherkommen, dass man ihnen höchstens als humorige Sinnsprüche etwas abgewinnen kann. Und vielleicht gewähren sie ein wenig Einblick in den Humor eines Volkes, doch beim Blick wird es bleiben.

Ein Witz heißt auf Chinesisch „Xiaohua“, also Lachgespräch, Lachgeschichte. Offenbar fehlt den meisten eine Pointe, über die ein Westler lachen könnte. Woran nur mag das liegen?
Lachen, so die Herausgeber einer solchen Witz-Sammlung, sei gesund: man könne sich damit gleich um 10 Jahre verjüngen, heißt es, den Menschen in Einklang bringen mit seiner Umgebung – Lachen als Heilmittel also. Oder eingebettet in Streitgespräche chinesischer Gelehrter kann solch ein spröder Lacher ein rhetorisches Stilmittel sein. Lachen ist also offenbar nie zweckfrei, und möglicherweise ist das der Grund, weshalb wir solche Weisheits-Humor-Mogelpackungen sofort durchschauen, die uns dann allenfalls ein müdes Gähnen entlocken. Das Lachen bleibt auf der Strecke zwischen Hirn und Gesichtsmuskel irgendwo stecken.

So richtig von Herzen lachen kann der Chinese aber auch, nur worüber? Und worüber am liebsten? Wenn anderen ein Missgeschick passiert, kann man beobachten, wie Chinesen gern und auf der Stelle sofort lachend zueinander finden und sich schenkelklopfend vor lauter Lachen schier gar nicht mehr einkriegen.
Der Begriff „Missgeschick“ ist allerdings dehnbar, es reicht vom Ausrutschen auf der Treppe bis hin zu einer echten Panne oder gar einem üblen Streich. Einmal saß ich in einem Bus – der Motor lief, der Fahrer wollte offenbar nur noch schnell etwas erledigen – und beobachtete, wie auf dem Vorplatz des Busbahnhofs drei Jungen um einen behinderten Mann herumhüpften, den sie immer wieder versuchten, von seinem Brett herunterzustoßen, an dem vier Rollen angebracht waren und das er mit seinen Händen vorwärts bewegte; Beine hatte er keine mehr. Die Jungen gieksten und lachten, lachten am lautesten, wenn das Brett umkippte und der Mann sich wieder aufrichten musste. Schnell bildete sich ein Kreis mit Schaulustigen, die lachend um das makabre Grüppchen herumstanden, und da diese Art von Lachen in China besonders ansteckend ist, wurde der Kreis immer größer. Auch die Mitreisenden im Bus stupsten sich an und schauten dorthin, wo das Lachen und Toben in vollem Gang war, wo der Mann immer wieder umgestoßen wurde und sich mühsam wieder aufrappeln musste. Auch im Bus wurde das Lachen immer lauter, es gellte mir in den Ohren, doch hilf- und ratlos blieb ich sitzen. Der Fahrer hätte ja jeden Augenblick zurückkommen und losfahren können.
Das Lachen blieb mir jedenfalls im Hals stecken. Und gelernt habe ich nur: Wenn einem ein Missgeschick passiert, kommt ihm niemand zu Hilfe, weil dann der Spaß doch zu schnell zu Ende wäre. Doch ausgerechnet in diesem Moment fällt mir eine deutsche Redewendung ein: „Wer zuletzt lacht, lacht am besten!“