Container gestapelt Erzählung von den Konsumgütern

Alle haben ein Recht auf Gedichte

Eine Rezension von Peggy Kames

„Erzählung von den Konsumgütern“ – der Band heißt, wie sein erstes Gedicht, Erzählung, und ist somit auch als Einladung zu verstehen an all jene, die lieber keine Gedichte lesen. Die Gedichte gehen uns indes unmittelbar an, auch wenn sie aus dem vermeintlich „fernen China“ stammen, weil es unsere globalisierte Welt ist, die da beschrieben wird. Zheng Xiaoqiong, 1980 in Sichuan geboren, ging 2001 als Wanderarbeiterin nach Dongguan, wo ihre ersten Gedichte entstanden, wo „sie eine Freifläche aus ihrem Körper [holt], in der sie Gesundheitsschäden und Wut vergräbt, in die sie helle Wörter pflanzt […]“ (S.65)

Ihr erster, viel beachteter Gedichtband Das Buch der Arbeiterinnen (女工记) gab den bis dahin anonym gebliebenen Wanderarbeiterinnen eine Stimme. Als sie 2007 überraschend den Liqun-Lyrikpreis erhielt, wuchs ihre Popularität. Die Gedichte aus den Warenfabriken, die Porträts der Wanderarbeiterinnen, wie sie selbst eine war, machten sie zur Wortführerin einer Poesierichtung. Inzwischen lebt sie als freie Autorin und Mitherausgeberin eines Literaturmagazins, sitzt „versunken in einer Stadt im Süden und [schreibt] die Strophen und Balladen des Industriezeitalters.“ (S.23)

Die vorliegende Auswahl aus dem Gesamtwerk ist Zheng Xiaoqiongs erste Buchveröffentlichung auf Deutsch. Sie wurde von Christian Filips zusammengestellt und den Dichterinnen und Sinologinnen Sara Landa, Maja Linnemann, Eva Schestag und Lea Schneider übersetzt.
Einige der Gedichte erschienen bereits 2016 auf Deutsch in der von Lea Schneider zusammengestellten und übersetzten Anthologie neuer Lyrik aus der Volksrepublik, Chinabox. 2018 war Zheng Xiaoqiong zu Gast beim Poesiefestival und 2023 auf der Poetica 8, „Das chorische Ich. Writing in the name of …“, kuratiert von Christian Filips, dem Herausgeber des vorliegenden Bandes. Zu hören ist die Lyrikerin übrigens auf www.lyrikline.org, ein besonderes Erlebnis, da sie Rhythmus und Tempo stets variiert und dadurch die Kraft, Unmittelbarkeit und selbst Zartheit der Gedichte – nicht zuletzt durch ihren weichen Sichuan-Dialekt – auch jenseits des Verstehens der Sprache erfahrbar macht.

Die „Stacheln [der Sprache] sind aufgestellt und stechen in dieses weiche Zeitalter“ (S.17). Manchmal stechen sie auch in meinen Lesefluss, ich stoße mich an Worten wie „Venusse“ und daran, dass in der Werkstatt geschleift und nicht geschliffen wird. Zheng Xiaoqiong verwendet wiederholt den Begriff der Zeit und des Zeitalters als etwas Vorübergehendes, Veränderliches und tröstet damit letztlich den Leser ob der beschriebenen Düsternis mit Wandlung und Wiedergeburt: „Wenn die Epoche mich als Ausschussware deklariert,/ dann werde ich ins Feuer zurückkehren, mich in eine Form pressen, in spitze Nägel zerlegen und sie in die Wände der Epoche schlagen“, heißt es im Gedicht „Zum Abriss freigegeben“ (S.21). Die Möglichkeit einer Veränderung sieht sie jedoch nicht.
Sie schreibt über den Alltag der unteren sozialen Schichten, der Arbeiterinnen, der Abgehängten, schildert Orte ihres Alltags in stakkatoartigen Aufzählungen, steckt fest zwischen Ohnmacht und Aufbegehren, beschreibt in wiederkehrenden Bildern das 21. Jahrhundert,/ diese staubgraue Maschinerie, aus der gefällte Litschiwälder/ herabstürzen […]“. Leider fehlt dieses Klappentextgedicht im Buch selbst.
Im letzten Teil „Fußgänger-Himmelsbrücke“ verdichtet sie Gehörtes, Gesehenes, Gelesenes zu einem Crescendo. Zheng Xiaoqiongs Poesie ist Aufschrei, sie deckt auf und klagt an, sie wünscht sich, „dass mehr Schreibende ihre Arbeit mit dem Kampf der Schwachen verbinden, mit den Machtlosen, deren Stimmen nicht hörbar sind.“ (S.174) Ihre Gedichte knüpfen an Traditionen der Arbeiterliteratur, führen uns hin zu den Schmuddelecken. Sie erzählt von einer unterrepräsentierten, von vielen ignorierten Seite unseres 21. Jahrhunderts.

Allerdings vermisse ich Angaben zu den Gedichten. Wann und wo wurden die Originale veröffentlicht? Wurden sie es überhaupt? Diese Information hätte dem Buch gutgetan, wurden nun auf dieser Website nachgereicht.

Unbedingt lesenswert ist diese Lyrikanthologie allemal! Denn: „Alle haben ein Recht auf Gedichte“, erklärt die Autorin in einem Interview, ebenfalls abgedruckt im Band.

Zheng Xiaoqiong: Erzählung von den Konsumgütern. Gedichte. Aus dem Chinesischen übersetzt von Sara Landa, Maja Linnemann, Eva Schestag, Lea Schneider und Christian Filips (Hrsg.), zweisprachige Ausgabe Chinesisch und Deutsch, Reihe Poesie Dekolonie, Bd. 3, Engeler Verlage, Schupfart und Berlin 2025.

Noch mehr Lyrik?

Oken Junge am Meer

Die Keime einer Religion der Poesie

Gastbeitrag von Yu-Sheng Tsou

»Die Liebe ist das Numinose des Herzens«, predigt er. Zumal jetzt,
wo der Frühling da ist.
aus: Yang Mu Frühlinglied

Wu Shih-hungs 吳識鴻 Graphic Novel OKEN: Geburt eines Dichters adaptiert Yang Mus autobiographische Essaysammlung Sturm in den Bergen, Regen über dem Meer, die später in Frühe Schriften aus dem Berg Qilai aufgenommen wurde. Yang Mu 楊牧 (1940-2020) war einer der wichtigsten Dichter*innen Taiwans, der – angeregt von der englischen Romantik – einen poetischen Archetyp der modernen Poesie Taiwans schuf, dessen Leitbegriff der Naturrhythmus ist und den Yang Mu selbst alleine zu seiner Vollendung brachte. ​

​Die Erzählung erstreckt sich über das Ende der japanischen Herrschaft (im Jahr 1945) bis hin zu den Wirren nach der Ankunft der chinesischen Macht Kuomintang (ebenfalls im Jahr 1945) in Taiwan. So erlebte der Dichter in seiner Kindheit gewaltige Umwälzungen in Sprache(n) und Kultur(en); hinzu kam ein großes Erdbeben 1951 in Hualian. In seinem Essay „Die Keime meiner Poesie“ erinnert sich der Dichter folgendermaßen an diese Erfahrung kosmischer, den Wesensgrund erschütternden Gewalt: ​„Dass Himmel und Erde wahrhaftig von Gottheiten bewohnt werden, dass ihre geheimnisvolle Schöpfung und Umwandlung mit mir in Resonanz und Antwort treten kann – dessen wurde ich mir erstmals vor und nach einem großen Erdbeben gewiss. (…)
Da kam gleichsam aus einer fernen, unbegreiflichen Gegend eine geheimnisvolle, schwache Stimme herüber, zwischen Sein und Nichtsein schwebend, ein erschreckendes Geräusch, das bereits angekommen war, bevor ich es völlig begriff, und zugleich begann die ganze Welt zu zittern. Erdbeben!“

​ Die menschliche Welt – Politik, Sprache, zwischenmenschliche Beziehungen. Die Welt der Maschinen – der Zug, den das Kind auf der Flucht bestieg, der den Kosmos in den Rhythmus auf den Schienen zerteilte; die Setzerei seines Vaters; die in das Meer versunkene Standuhr. Die Kosmosmaschine. Die Natur – die Tiefe in den Bergen in Osttaiwan, wo das Kind mit den Eltern auf der Flucht Zuflucht suchte, deren Farbtöne, Klänge und Düfte. Die Kunst – das vom japanischen Freund dem Vater geschenkte blankpolierte Samuraischwert.
Das in jenem Moment vor dem Erdbeben Gesehene: „An diesem Tag stickten die Mädchen Blumen. Jede hielt in der linken Hand ein schönes Stück Stoff, das in der Mitte von zwei Ringen gespannt und gestrafft war, darauf waren Muster gezeichnet – Pfingstrosen, Schmetterlinge, Goldfische und dergleichen –, mit der rechten Hand führten sie die Nadel und stickten bunte Seidenfäden in die Ringe hinein, so konzentriert und schön“; der Bildhauer religiöser und ikonischer Statuen, die in den unruhigen Zeiten künstlerische Gestalt annehmen und einheimische wie fremde Gottheiten in die Welt brachten. So entsteht undeutlich ein Bereich, in dem sich Kunst, Geist und Kosmos begegnen.

​ Die Graphic Novel stellt diese Räume und ihr wechselseitiges Sich-Entfernen, Sich-Nähern und Verschmelzen mit Tusche- und Aquarellstrichen dar. Gerade Tusche und Aquarell, diese flüssigen Farben, lassen die Leser*innen an die Verschmelzung dieser einst getrennten Bereiche denken. Doch wie bei Yang Mus eigener Poesie liegt das Bewegendste meines Erachtens dort, wo die flüssigen Farben auf die Natur treffen – Luftströme, Düfte in den Luftströmen, die gigantischen Berge in Osttaiwan, die Feuchtigkeit der Blätter, die aus der Erde freigesetzte Gewalt, die die Welt der Menschen und Maschinen erschüttert und zerstört.

​ ​Zwei Szenen haben mich besonders berührt.

​ ​Die erste ist die Szene der Begegnung des jungen Dichters mit dem Bildhauer taiwanischer/chinesischer Gottheiten. Der Kontext ist folgender: Die Gottheiten des japanischen Shintō haben keine Götterstatuen in den Schreinen, sondern werden durch symbolische Gegenstände bezeichnet, die den Ritualen als Bezugspunkt dienen – etwa Spiegel oder Schwerter, die als shintai 神体 (das Konkrete einer Gottheit) bezeichnet werden. In der Erzählung empfindet der Dichter daher die Götterstatuen mit konkreter menschlicher Gestalt als fremd. Der junge Dichter erlebt nicht nur die Revitalisierung bereits „taiwanisierter“ chinesischer Gottheiten, sondern wird auch Zeuge des Einzugs einer neuen Schar von Gottheiten, die mit der chinesischen Macht Kuomintang kamen. Der Bildhauer religiöser Statuen, der den taiwaniserten chinesischen sowie den neuen chinesischen Glauben stützt, lässt den Dichter miterleben, wie anthropomorphe Gestalten unter seinen Händen allmählich zur Vollendung gelangen, um dann die Hände eines Demiurg-Künstlers zu verlassen und zum Kern des Glaubens zu werden. Hier berührt der Dichter zum ersten Mal im Leben den Bereich, in dem Kunst, Geist und Schönheit zusammentreffen.

​Die zweite ist die Szene, in der der junge Dichter nach dem Erdbeben in den Wald geht und dort dem „schönen und schrecklichen“ Geist in einer wie Müll weggeworfenen Gottheitsstatue begegnet. Um die Schönheit und Gewalt des Kosmos kreisend, beginnen ein Dialog und die Vorstellung einer poetischen Religion, die sich um das in jedem Kunstwerk aufbewahrte Material dreht – Material, das aus Spuren menschlicher Arbeit und der Zusammenarbeit zwischen Elementen in der Natur besteht – sowie um jene Momente menschlicher Selbstüberschreitung und Ekstase. Eine Religion der Poesie, die Kunstfertigkeit und Kunst verehrt und dem Menschen rückwirkend sein eigenes Bild und seinen Ort gibt.

Shih-hung Wu: OKEN: Geburt eines Dichters. Eine Adaption des Bandes Sturm in den Bergen, Regen über dem Meer mit sieben autobiografischen Essays von Yang Mu (楊牧). Aus dem Chinesischen von Marc Hermann. Chinabooks.ch, 2025

Weiterer Text über Hualian, die Stadt am Meer:

https://www.mosaikzeitschrift.at/literatur/freitext-alice-gruenfelder

Weitere Hinweise auf Bücher aus Taiwan:

Wege durch finstere Zeiten

Finster sind die Zeiten

Afghanische und Schweizer Texte über Flucht und Asyl.

Da will eine nicht mehr länger zusehen, da schreckt eine weder bürokratische Hürden noch die Not der Afghaninnen und Afghanen, aus der kein Entkommen scheint. Die Rede ist von Sabine Haupt, die hochgefährdeten afghanischen Intellektuellen (Schriftstellerinnen, Journalisten, Universitätsdozentinnen, Menschen- und Frauenrechtsaktivisten, Juristinnen) mit ihrem beherzten Engagement ermöglicht hat, nach Europa zu gelangen. Um diese Aktion zu dokumentieren, an der ein ganzes Netzwerk von ehrenamtlichen Helfer:innen beteiligt ist und das von PEN Schweiz unterstützt wurde, entstand diese Anthologie mit Beiträgen afghanischer und Schweizer Autorinnen und Autoren.

Der Publizist Roger de Weck schreibt im Vorwort: «Der Schritt vom Entsetzen, vom Zorn oder Mitgefühl zu einer beherzten Tat ist nicht selbstverständlich», stellt er fest. «Oft fehlt es an Tatkraft, und bloße Empörung ist Passivität. Die afghanischen Autorinnen und Autoren dieses Buches aber sind heute in der Schweiz oder sonst wo in Europa, weil ein Individuum die Initiative ergriff und gegen die Gleichgültigkeit, die Bürokratie, die kühl organisierte Abwehr von Geflüchteten kämpfte. Dieser Mensch ist Sabine Haupt, Herausgeberin des vorliegenden Bands. (…) Zur Tat schritten ihrerseits die Afghaninnen und Afghanen, die ein Albtraum ins Exil schlug. Sie taten jenen Schritt, der das Herz zerreißt und oft das Leben aus seiner Bahn wirft, um überhaupt das Leben und das der Nächsten zu bewahren. Sie verließen eine Heimat, in der Gewalt, Willkür und Menschenverachtung zum Gesetz erhoben wurden.»

Die Texte der afghanischen Autorinnen, Anwälte, Dozentinnen, Aktivisten sind so unterschiedlich wie Menschen es sind, doch zwei Triebkräfte – so kommt es mir vor, da ist eine unglaubliche Kraft, die die Menschen, die Texte vorantreibt – sind in allen zu spüren. Neben der Tragödie, das Land, die Familie verlassen zu müssen, oft gar nicht verlassen zu wollen, ist es die Kraft, den Neuanfang, die Chance zu schätzen und sich von den Umständen nicht unterkriegen zu lassen. Der Schmerz in den Gedichten von Jahan A. Afroz wird zunächst zerschnitten von senkrechten Strichen, „um jede Zunge hängt ein Schloss / Klage klemmen in der Kehle“, eine Rhapsodie zwar auf das Schicksal, aber auch ein Aufruf: „Gegen das Joch und die Gewalt / Werd ich mich stets erheben … Schreite fort voller Elan / Brich Tabus, sei mutig / Zündel nicht an deinem Leben …“. Andere schreiben nüchtern von Abschied und Ankunft, wieder andere sind ganz in sich gekehrt und holen Worte aus einer dunklen Tiefe (Nilofar Niksear in „Deine Albträume“). Der ehemalige leitende Staatsanwalt Ekramuddin Barez („Von Kabul in die Schweiz“) erhebt in seinem Text Vorwürfe, denn die SEM (Schweizer Staatssekretariat für Migration) habe ihm in seinem Asylantrag unterstellt, die Haftbefehle der Taliban gefälscht zu haben, um eine Einreise zu erwirken.

Daniel Rothenbühler, ehemaliger Präsident von PEN Schweiz, zitiert mit A. Gramsci das Engagement von Sabine Haupt: „Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens.“ Dieses Zitat stimmt indes auch für all die Geflüchteten, die in diesem Textband zu Wort kommen, sicherlich auch für die Künstlerinnen und Künstler, deren Illustrationen die Schatten der Vergangenheit einfangen.

Es ist ein Buch der Vielfalt, der Vielstimmigkeit, lässt sich aufgrund der Wuchtigkeit der Themen nicht in einem Fluss durchlesen, könnte vielmehr immer wieder dann zur Hand genommen werden, wenn der eigene Tunnelblick zu düster gerät.

In der Leseprobe ist nachzusehen, wer worüber schreibt, der Band selbst ist gegliedert in vier Kapitel: „Wie alles begann“, „Was früher war“, „Wie es weiterging“, „Der Blick von außen“. Mein Text „Eindringlinge“ über Neophyten zeigt lediglich, wie fremd und feindlich der eigene Garten werden kann, wenn Fremdes sich einnisten will.

Sabine Haupt: Wege durch finstere Zeiten. Afghanische und Schweizer Texte über Flucht und Asyl. Verlag die Brotsuppe, 360 Seiten.

Mauerläufer Zeitschrift Krisen und Magie

Krisen & Magie …

... als ließen sich beim Blick in die Glaskugel die Probleme der Welt lösen?

Weil es zu viele sind, weil sie allgegenwärtig sind, fangen wir an, sie zu überblättern, steht im Editorial der aktuellen Ausgabe des Literarischen Jahresheftes Mauerläufer. Und so gehen die Autorinnen und Autoren hinein in einen Cottbusser Sommer oder hinauf in die wilde Rentiereinsamkeit.
„Sollten wir uns nicht doch ein Paar Handschuhe kaufen?“ Auf jeden Fall, antwortet Niels Zubler auf die Frage von Chris Inken Soppa im Editorial der Zeitschrift, denn warm anziehen müssen wir uns jetzt und in Zukunft.

Mein Text über die Handschuhe steht auf Seite 116.

Mehr Texte, Illustrationen, Gedichte, Aufrufe, Reflexionen auf allen anderen 192 Seiten der Literaturzeitschrift Mauerläufer.

Wolken

Ein Jahr lang „wettern“

Ein Langedicht übers Wetter

Wie wäre es, fragte ich Eva Roth, über etwas so Flüchtiges wie das Wetter zu schreiben? Ja, antwortete Eva, und wenn der Anfang nicht passt, schneiden wir ihn später einfach wieder ab. So sprachen wir miteinander in Gedanken ständig übers Wetter, schickten uns Zeilen, die die andere weiterdachte und fortführte. Mal ist vom Pieselwetter die Rede, vom Husten und Niesen, Nesseln und Schlingen, von seltsamen Gestalten, die über den See wabern –  es ist hier und da eingeflossen in unser Wetterschreiben. Der Kommentar zum Wetter liest sich jedenfalls Jahre später noch wie ein Meta-Text zu diesem kollaborativen Projekt.

Nachzulesen ist nun das ganze Gedicht auf literaturblatt.ch

Weitere Texte übers Wetter:

Der Unwetterer Adolf Stäbli

Ein Stadt wartet auf ein Unwetter

Rezension zu Der Tag, an dem die Sonne starb

Das Wetter auf einer Insel: Rabbit Island

freitext alice grünfelder

Eine Stadt wartet

Eine Stadt am Meer, wartet, harrt aus, weil Unwetterwarnungen das Leben lahm legen.

Eine Stadt, die – eine Fahrradstrecke lang – eine Müllhalde, eine Kläranlage, Kieshalden am Meer ablegt.

Eine Stadt, in der das Hinterland mitschwingt.

So eine Stadt, in wenigen Zeilen verdichtet, erschien nun auf Freitext.

Gedichte in vier Sprachen

Gedichte hören

Die Multimedia- und Soundkünstlerin Pei hat die Meeres- und Kindergedichte von Tsai Wan-Shuen in vier Sprachen einlesen lassen: Deutsch, Französisch, Chinesisch und Taiwanisch. Und von verschiedenen Sprecherinnen, Kindern und Männern.

Zum ersten Mail ausgestellt bzw. hörbar sind diese Gedichte während des Taiwanfestes in Zürich am 7. Juni 2025.

Die Files der einzelnen Sprachen sind anzuklicken, und hinter jedem File verbergen sich mehrere Gedichte aus den Bänden Küsten (Hochroth Verlag Leipzig) und Ich will im Meer aufwachen (Drachenhausverlag).

Viel Freude beim Hören, denn Gedichte wirken erst, wenn sie gelesen, wenn sie gehört werden.

https://taiwanfest.ch/%E8%87%BA%E8%AA%9E-taiwansisch

https://taiwanfest.ch/%E8%8F%AF%E8%AA%9E-mandarin

https://taiwanfest.ch/%E5%BE%B7%E8%AA%9E-deutsch

https://taiwanfest.ch/%E6%B3%95%E8%AA%9E-fran%C3%A7ais

Furios

Yves Raeber über seine Übersetzung des Langpoems Schieflage von Thierry Raboud

Als Yves Raeber beim Übersetzerstammtisch in Zürich von seinem aktuellen Projekt erzählte, dass sich da einer hat einschließen lassen in ein Museum und in wildem Furor in sieben Tagen und Nächten sich alles vom Leib tippte, was ihn quälte – und das auf ein einziges Blatt Papier, einen Bogen vielmehr, eingespannt in eine Schreibmaschine -, wurde ich hellhörig. Wie sollte das gelingen, diesen Furor zu übertragen? Yves war skeptisch, wir wünschten ihm alles Gute, glaube ich, gutes Gelingen vor allem. Immer mal wieder fragte ich ihn, wie es gehe, ob es gehe, er meinte, ja, er käme voran, dann wieder nicht, eher zwei Schritte vor und einer zurück oder noch mehr?

Als nun endlich die Übersetzung vorlag, grub ich mich ein in diesen Text, der sich um die Welt kümmert, um deren Niedergang, um den Menschen und wie er aus diesem selbst angerührten Schlammassel wieder herausfindet, wenn überhaupt.

Und hatte Fragen. Wie Yves Raeber das sprachlich so hinbekommen hat, dass man gar nicht aufhören möchte mit dem Lesen. Dass einem der Verlegerwitz wieder einfällt: „Das Buch ist gut, oder?“ – „Die Übersetzung, hast du die gelesen? Die ist noch besser!“ Hab meine Fragen in eine Mail gepackt und Yves geschrieben, ob er Lust hat auf ein paar Antworten. Dazu hat er zwar Ja gesagt – herausgekommen ist allerdings ein ebenso furioser Text, eine Art Selbstreflexion. Hat er sich frei geschrieben von der ganzen Übersetzerqual? Womöglich …

Nachzulesen ist der Text nun auf literaturblatt.ch, und Daniel Graf ist in der Republik eine Rezension und ein Übersetzungsvergleich gelungen.

Thierry Raboud: Schieflage. Aus dem Französischen von Yves Raeber. Verlag die Brotsuppe, 72 Seiten, 2025

Nicht mit allem …

... einverstanden? Sonst gäbe es womöglich den neuen Gedichtband von Nathalie Schmid nicht? Ein Interview.

Was passiert, wenn ich ein Gedicht lese? Wie wirft es einen Köder aus, fängt mich ein? Erklären kann ich es nicht genau, aber wenn die Zeilen etwas auslösen, das mag ein kurzes Stolpern beim Lesen sein, ein Blitz, ein Feuer … So ist es mir mit Nathalie Schmids Gedichtband Gletscherstück ergangen und nun mit ihrem neuen Band Ein anderes Wort für einverstanden. Was mir besonders gefällt: Der Band ist vielstimmig und nicht monothematisch, die Form wird nicht dem Inhalt übergestülpt, sondern scheint organisch mit dem Inhalt verwoben.

Die Gedichte in Deinem neuen Band lesen sich stellenweise wie eine Rückschau auf ein Leben, auf Dein Leben? Ein bewusstes Voranschreiten, ein Rückblick in Versen?

Die Themen, die mich beim Schreiben dieses Bandes beschäftigten, haben durchaus etwas mit einer Bewusstwerdung zu tun, mit der Frage nach Identitäts- und Rollenbildung, Prägungen und Einfluss auf das eigene Werden. Insofern macht es Sinn, dass sich die Reihenfolge der Kapitel auch wie eine Art Rückschau lesen.

Im Kapitel über „Iris“ fällt das besonders auf, als sinniere eine reife, weise Frau über ihr Leben.

Iris ist die Personifizierung einer Frau, die älter ist, ja. Sie durchläuft in ihrem Kapitel eben diesen Prozess des Innehaltens und der Vergegenwärtigung: Wer bin ich gewesen und wer bin ich geworden. Dadurch erlangt sie eine Art Weisheit und eine gewisse Ruhe. Sie sortiert ihre Vergangenheit aus und entledigt sich alter Themen.

Auffällig ist, wie gut Form und Inhalt zusammengehen. Mal sind die Verse eher formal streng gehalten, dann wieder lässt Du die Zeilen non-chalant fliegen. Manche Gedichte sind fein ziseliert, das Sterben der Großmutter ist eher als beschwörende Prosa angelegt.

Da ist zuerst das Thema, dem ich mich durch das Schreiben annähere und das rasch eine bestimmte Form verlangt, die sich mir zeigt, wenn ich weiter mit dem Text arbeite. Bei den Texten zum Sterben war zum Beispiel schnell klar, dass ich dieses Gefangensein im Körper, dieses Nicht-Sterben-Können in einer Form zeigen will, die das Eingesperrt-sein darstellen soll. Ich hatte Betonblöcke vor Augen, aus denen nicht auszubrechen ist, und dieses Bild gab den Texten diese bestimmte Form.

Sich auflehnen und sich dann doch nicht trauen: Das scheint mir ein Thema in Deinem Werk zu sein – auch in Deinem Roman Lass es gut sein – und taucht hier im im Gedicht „Am See“ auf. „Ich will sagen hey lass das aber ich / trau mich nicht. Sie ist / eine Kriegerin mit Kampferfahrung / sie würde mich wegfegen mit einem Ruck.“

Ein Thema bei mir ist sicher die Auseinandersetzung mit einengenden Konventionen. Wo geben sie Halt und Sicherheit, wo fungieren sie als Gefängnis und hemmen Entwicklung und Originalität? Wann wendet sich Höflichkeit gegen einen selbst, weil man nicht Nein sagen kann oder sich nicht zu wehren traut, und wo braucht es zwingend Höflichkeit und Rücksichtnahme, damit ein Zusammenleben funktionieren kann? Solche Fragen beschäftigen mich.

„Wasser“ ist ein zentrales Motiv in diesem Gedichtband, oft und in vielerlei Zusammenhängen ist von Flüssen die Rede, ohne diese bedeutungsschwer zu überfrachten.

Ich lebe im Kanton Aargau, in der Nähe des Wasserschlosses, wo Limmat, Aare und Reuss zusammenfliessen. In dieser Gegend ziehen sich die Flüsse wie Wege durch die Landschaft und prägen das Lebensgefühl, den Raum, in dem ich mich bewege. Ich fühle mich dem Fluss als Wasserkörper sehr verbunden und möchte ihm literarisch gerne ein Denkmal setzen.

Eine Stelle über Wurzeln hat mich gewundert, vor allem im Zusammenhang mit dem derzeit populären Nature Writing, dem Du Dich allerdings nicht andienst. „Er weist auf das Wurzelgeflecht der Tannen hin. Wie es in die Breite geht nicht in die Tiefe wie sippenhaft sie sich gesellen.“ Wie willst Du das verstanden wissen?

Ob eine Pflanze flach oder tief verwurzelt ist, hängt nicht nur von ihrer Art, sondern auch von der Bodenbeschaffenheit ab. Ich finde, das lässt sich durchaus auch auf Bedingungen für Beziehungen übertragen, auf Familiensysteme oder Gemeinschaften, unter welchen Bedingungen und in was für einem System sie funktionieren und gedeihen können.

Allen Kapiteln sind Gedichte von Autor:innen vorangestellt. Welche Bezüge möchtest Du damit herstellen?

Die Auszüge am Anfang der Kapitel sind Mottos, die einen Hinweis geben, wohin die Reise im Kapitel geht. Vielleicht können sie als eine Art Wegweiser gelesen werden, der dennoch vieles offenlässt. Bezüge möchte ich eher mit den Zitaten herstellen, die als Zeilen in die einzelnen Gedichte Eingang gefunden haben und so einen Kanon zeigen, den ich gelesen habe, der mich beschäftigte und beeinflusste, während ich an den Texten arbeitete. Das habe ich schon in meinem letzten Gedichtband gemacht mit Autorinnen wie Anne Carson, Eileen Myles, Sheila Heti … So eröffnet sich ein Echoraum, den ich mit anderen Autorinnen und ihrem Werk teile und der für mich sehr wichtig ist. Den wollte ich gerne aufzeigen und einweben.

Nathalie Schmid: Ein anderes Wort für einverstanden. Gans-Verlag, 2025, 128 Seiten.