Der Unwetterer

Wolken, Unwetter, dunkle Welten – Drohungen oder Visionen? Das Wetter beim Aargauer Landschaftsmaler Adolf Stäbli hat nichts Erhabenes, er verschmäht alles Liebliche, Ordnungen werden bedroht durch Wolkenexzesse, ein Aufruhr, ein innerer oder auch ein Weltenaufruhr, ein Wüten gegen die Welt – als wollte er sich durch das Malen von der Weltendüsternis befreien. Gleichzeitig spricht eine unsägliche Traurigkeit aus den Bildern, Trauer über eine untergehende Welt? Ist Stäbli ein Prophet, spürt er, welche Unwetter über Europa aufziehen?

Der ganze Text ist nachzulesen auf literaturblatt.ch, zu sehen sind seine Bilder unter anderem im Stadtmuseum Brugg.

Postkarten aus Taiwan …

… könnten so aussehen oder auch ganz anders.

Als Gallus Frei-Tomic von meiner Taiwan-Reise erfuhr, fragte er mich, ob ich Lust hätte, einmal pro Monat eine Postkarte aus Taiwan zu schicken. Kartengrüsse, die über das Oberflächliche hinaus gehen sollen, das schwebte wohl ihm und auch mir vor.

Ob es mir gelingt, all meine Gedanken, Beobachtungen und Beschreibungen in Miniaturen zu verdichten, die auf einer Postkarte Platz haben? Ich zweifle und nehme diese Zweifel gern als kreative Herausforderung mit auf die Reise.

Wer die Postkarten lesen möchte, kann sie auf dem literaturblatt.ch in aller Regelmäßigkeit nachlesen.

Postkarte I: Erste Irritationen

Postkarte II: Glück

Postkarte III: Linien

Postkarte IV: Shilin

Postkarte V: Dem Lyriker Qu Yuan gewidmet

Postkarte VI: Taiwan – zum Letzten: Teeaffäre

Und wer keine Postkarte verpassen möchte, kann den Newsletter vom literaturblatt.ch abonnieren.

Schreiben – mit ungewissem Ausgang

Mutter und Tochter bleibt nur wenig Zeit, um sich voneinander zu verabschieden. Nach der Diagnose einer unheilbaren Krankheit entscheidet sich die Mutter, selbstbestimmt in den Tod zu gehen. Die Tochter sieht sich mit dem festgesetzten Datum konfrontiert. Ein Lauf durch die gemeinsame Geschichte gegen die Zeit. 

Foto: Janine Guldener

Alice Grünfelder im Gespräch mit der Autorin Ariela Sarbacher über ihren Roman Der Sommer im Garten meiner Mutter.

Wann hast Du begonnen, dieses Buch zu schreiben?
Wenige Monate nach dem Tod meiner Mutter fragte mich eine Theologiestudentin, ob sie mich für ihre Dissertation zum Thema Sterbebegleitung befragen dürfe. Sie interessiere, wie wir es als Familie erfahren und geschafft hätten, meine Mutter in ihren Freitod zu begleiten. Ziel dieses Interviews sei, den Blick der kirchlichen Institutionen für die Thematik der Sterbebegleitung zu öffnen und deren Akzeptanz zu gewinnen. Da sie davon auszugehen schien, ich würde die Entscheidung meiner Mutter, mithilfe der Organisation Exit aus dem Leben zu gehen, nicht infrage stellen, wurde mir klar, dass ich keinen Teilausschnitt meiner Erfahrung preisgeben wollte, den andere für ihre Zwecke instrumentalisieren. Das wäre für mich der Komplexität eines solchen Ereignisses nicht gerecht geworden. Kurz darauf sah ich zur selben Thematik eine Diskussion am Fernsehen. Die Gesprächsteilnehmer waren für oder gegen die Organisation der Sterbehilfe. Eine Betroffene, die, so wie ich, eine ihr nahestehende Person begleitet hatte, repetierte Sätze für sich, die ihr nahegelegt worden waren, um die Situation zu bewältigen. Es waren aber nicht ihre eigenen Worte, sondern die ihres verstorbenen Partners und von Freunden.
Die Anfrage der Studentin und die Sendung machten mir klar: Die Angehörigen begleiten ja nicht nur den Menschen, sondern auch die Entscheidung, die dieser Mensch für sich getroffen hat. Damit werden sie in einen Prozess hineingezogen, in dem sie für sich zu einer Haltung finden müssen. Das bestärkte mich weiter in meinem Vorhaben, nach einem eigenen Ausdruck für dieses Geschehen zu suchen.

Ist Schreiben eine Bewegung gegen das Vergessen gewesen? Wie viel Distanz zwischen Sterben und Schreiben brauchtest Du?
Meine Mutter entschied sich, zu einem selbstgewählten Zeitpunkt, ihrem Leben ein Ende zu setzen. Ich fing sofort an, darüber zu schreiben. Vermutlich war es damals der Versuch, das, was mir gerade passierte, was mich fassungslos machte, schreibend zu begreifen. Die blosse Tätigkeit, mit einem Stift in der Hand meine Worte auf ein Blatt Papier zu bringen, gab mir ein wenig Sicherheit zurück; es zeigte mir, dass es noch etwas gab, das mir vertraut war, woran ich mich halten konnte. Ich schrieb nur für mich.
Ein halbes Jahr später wollte ich all das, was ich bisher erlebt und woran ich geglaubt hatte, nicht verlieren. Deswegen war der Titel vielleicht die erste Eingebung, die zu meinem Roman führen sollte. Er umschloss alles, worum es geht. Es sollte die literarische Umsetzung einer persönlichen Erfahrung werden.
Lange Zeit hätte ich mir auch vorstellen können, einen Monolog für das Theater zu schreiben. Oder einfach einen Text mit Titel und meinem Namen. Zu keinem Zeitpunkt dachte ich, ich schreibe jetzt einen Roman. Das hätte ich mir nicht vornehmen können. Für den Schreibprozess war es mir wichtig, das Format so lange wie möglich offen zu halten. Ich folgte meinem dringenden Bedürfnis zu schreiben – mit ungewissem Ausgang. Nach zwei Jahren las ich zum ersten Mal öffentlich aus meinem Manuskript. Ich trat mit einer Sängerin auf, die zu diesem Anlass einige Gedichte von Emily Dickinson über den Tod vertont hatte. Danach dauerte es nochmals zwei Jahre, bis ich meinen Text als abgeschlossen betrachten konnte.
Die Erfahrung der Lesung vor Publikum hatte mein Vertrauen in meinen Text gestärkt. Gespräche mit anderen Schriftstellern gaben mir obendrein wichtige Impulse, aus denen ich mein Eigenes entwickeln konnte. Mein familiäres Umfeld hat mir viel Raum gelassen, das habe ich als grosse Ermutigung erfahren. Natürlich gab es Phasen der Unsicherheit, in denen ich nicht wusste, wie bringe ich das, woran ich all die Zeit gearbeitet hatte, in eine Form. Im Rahmen meiner Ausbildung «Literarisches Schreiben» bot sich mir dann die Möglichkeit, meinen Text zum Abschluss zu bringen. Ich konnte ein dreiviertel Jahr ungestört schreiben und dranbleiben. Alles bisher Geschriebene darin einfliessen lassen. In dieser Zeit fand ich dann auch zur endgültigen Fassung der Geschichte.

Wenn die Mutter stirbt, was bleibt der Tochter? 
Das vollendete Schicksal der Mutter führt Francesca, die Tochter im Roman, ihre spezifische Mutter-Tochter-Beziehung vor Augen. Es stellen sich Fragen, unter anderem, wer der Mensch jenseits unserer Beziehung zu ihm ist. Francesca reflektiert, wie viel Wandel im Miteinander möglich war und nimmt plötzlich die Veränderung bei sich und den Hinterbliebenen wahr, wenn kein Stein mehr auf dem anderen bleibt. Um die widersprüchlichen Gefühle, das Zusammenfallen von Erinnerung und überfordernder Gegenwart zum Ausdruck zu bringen, habe ich eine poetische Form gewählt, die der Komplexität der Ereignisse und Zusammenhänge gerecht wird, dem einmaligen Verhältnis von Francesca zu ihrer Mutter, diesem für sie unersetzlichen Menschen mit ihrer ganz besonderen Geschichte.
Die Unbeirrbarkeit und Stärke der Mutter waren für Francesca zu Lebzeiten der Mutter oft erdrückend gewesen. Nach dem Tod der Mutter gelingt es Francesca, diese Qualitäten auch bei sich mehr wahrzunehmen. Sie zu verinnerlichen.
Die Kleider und Gegenstände der Mutter. Sie sind von ihr beseelt.
Die Handschrift.
Die Muttersprache.

Was verschwindet mit der Mutter bei ihrem Tod?
Die Möglichkeit, verpasste Gelegenheiten miteinander nachzuholen. Die einvernehmlichen Gespräche und die hitzigen Diskussionen. Man kann nichts mehr auf die Mutter abwälzen, und man kann sich nicht mehr an ihr anlehnen.
Ihre Berührung.
Die Pausen zwischen den Telefonaten werden länger.
Ihre Stimme.

Hast Du Dir beim Schreiben auch über die ethische Ästhetik Gedanken gemacht?
Die einzige Entscheidung, die ich im Vorfeld getroffen habe, war, ein schriftliches Zeugnis abzulegen, das literarische Qualität hat.
Die Thematik der Sterbehilfe begegnet mir vor allem hier in der Schweiz in einer Mischung von Aufgeklärtheit und Tabu. Man ist dafür oder dagegen, aber man spricht nicht so gerne darüber. In Italien oder in Deutschland erlebe ich die Diskussion freier. Vielleicht, weil es dort nicht legal ist und man sich deshalb mit mehr Distanz darüber äussern kann, was immer einfacher ist. Mich hat interessiert, was passiert, wenn jemand jenseits eines Pro oder Contra ist. Also unfreiwillig mit in die Entscheidung eines nächsten Angehörigen mit hineingezogen wird. Die Mutter-Tochter- Beziehung schien mir als engst mögliche Verbindung dafür zu stehen. Die Figur der Francesca braucht lange, bis sie jemanden findet, der bereit ist, ihre Trauer mit ihr zu teilen. Ihr zuhört und nicht mit einer vorgefassten Meinung, zustimmend oder ablehnend, gegenübertritt. Interessanterweise findet dieses Gespräch am Telefon und über die Grenze nach Deutschland statt. Ich wollte zeigen, welche Zweifel sie quälen, wie die Entscheidung der Mutter auf die ganze Umgebung Einfluss hat. Gleichzeitig war es mir sehr wichtig, die Geschichte der Mutter zu erzählen. Was sie zu diesem Schritt geführt haben könnte.
Oder ich könnte mit einem Zitat von Brecht antworten: «Wie soll Kunst die Menschen bewegen, wenn sie selbst nicht von den Schicksalen der Menschen bewegt wird?»

Was hat das Schreiben bei Dir ausgelöst, was soll es beim Lesen auslösen?
Für mich war es ein Ablegen und Speichern. Oder ein Speichern durch Ablegen. Ich bin gespannt, was der Roman beim Lesen auslöst. Das plane ich beim Schreiben nicht mit ein, sondern ich versuche, mir selber auf die Spur zu kommen und herauszufinden, was ich erzählen will und wie es sich erzählen lässt. Alles Weitere soll sich dann zwischen dem Text und Leser abspielen.

Ariela Sarbacher: Der Sommer im Garten meiner Mutter
Roman, gebunden, mit Lesebändchen
Bilgerverlag, ISBN 978-3-03762-083-0  
ca. 200 Seiten, 30 Franken / 23 Euro

Hurra, die Welt geht unter*

Immer wieder sticht die Redaktion ins „Wespennest“, dieses Mal zwar unbeabsichtigt, wie Andrea Zederbauer auf der Frankfurter Buchmesse sagte, denn das Heft „Klimawandel“ hätten sie geplant, als noch kein Mensch danach krähte. Jetzt aber …

Leider gehöre ich nicht zu den schnellen Lesern; auch wenn schon im Mai „Klimawandel“ mein Text zu den Kriegsaufräumern des Ersten Weltkriegs abgedruckt wurde, fand ich erst in den letzten Tagen Zeit, mir einen Essay nach dem anderen vorzunehmen. Welche Augenöffner! Es passiert selten, dass ich in einer Zeitschrift ganze Passagen ankreuze und sogar abschreibe.

Der isländische Autor Sjon sinnt beispielsweise der Möglichkeit nach, wie schreibend der ökologische Blick zu schärfen ist, wie das eine ins andere übergehen könnte, webend, verzahnend.

Fast sprachlos vor Faszination machte mich der Text von Valeska Bertoncini über den Wetterchronist Hans Jürgen von der Wense, der tagein tagaus Wolken- und Wetterformationen notierte und doch feststellen musste, dass die vermeintlich endlosen Variationen sich wiederholen, der dennoch nicht müde wird, diese „unendliche Musik“ zu dirigieren, die Wettermusik, -sprache verstehen zu wollen, eine Fremdsprache wie Chinesisch und Isländisch sei das. Und sofort habe ich mir die Wetterbücher im Blauwerke-Verlag über eine Zürcher Buchhandlung bestellt. (Auch das übrigens eine Entdeckung, Hochliteratur in Groschenheftformat!)

Ryan Crawford wird in „Erdglob“ bei Kant fündig. In dessen „Streit der Fakultäten“ überlegt er, wenn die Natur einst Pflanzen und Tiere vernichtete, um den Menschen Platz zu schaffen, ob nicht eines Tages die Zeit anbreche und die Menschen von der Bühne treten müssen? Und wenn die Natur von der Menschheit verlange, ihren exklusiven Platz aufzugeben und an andere Lebewesen abzutreten? Kant aber, tadelt Crawford, verbietet sich eine Antwort auf die Frage.

Warum fällt mir dazu ausgerechnet die Trisolaris-Science-Fiction-Trilogie von Liu Cixin ein? Dort wundern sich die Außerirdischen tatsächlich über die seltsame Arroganz der Erdenbewohner, die nichts anderes tun, als ihre Welt zu zerstören.

Klimawandel. Wespennest. Zeitschrift für brauchbare Texte und Bilder, Nummer 176.

*Der Song „Hurra, die Welt geht unter“ läuft hier:

Schreiben wie Kathrin Mansfield …

… eine Prophetie, die der Vater der indischen Schriftstellerin Sara Rai mit auf den Weg gab.

Vom Schreiben und dem Ringen um Worte erzählt Sara Rai in ihrem Essay „Du wirst die Katherine Mansfield der Hindi-Literatur sein“. Sie selbst übersetzt moderne Hindi und Urdu Literatur, schreibt in Hindi und Englisch, wuchs auf zwischen der schiitischen und hinduistischen Kultur.

Ihre Reflexion übers Schreiben haben allerdings wenig mit ethnischen Zuschreibungen und Abgrenzungen zu tun, ihre Fragen sind vielmehr universeller Natur. Woher kommt dieser Drang zu schreiben? „Liegt es vielleicht daran, dass ich die Dinge aus einer sprachlichen Distanz heraus betrachten muss?“ Schon als Kind wusste sie, dass sie schreiben wolle. „Nur, wie anfangen?“

Und so schrieb Sara Rai jahrelang Tagebücher, suchte nach einer Sprache und wartete auf den vermeintlich richtigen Augenblick. „Wenn er da war, spuckte mein Füller nur wiedergekäute Literatur aus.“ Dann aber begreift sie eines Tages, dass „der Schreibprozess begann, lange bevor man etwas zu Papier brachte, dass man gewissermaßen immer schon schrieb.“

Einfacher wird das Schreiben deshalb noch lange nicht, und man merkt den Geschichten an, dass sich Sara Rai gewisse Themen zur Aufgabe macht, sich daran abarbeitet, ohne dass indes die Schwere spürbar wird. In der Erzählung „In der Wildnis“ versucht sie, Wortfetzen zu fassen, die wie eine Karawane vorüberziehen. „Sie fliegen auf und davon wie Vögel, die das Weite suchen.“ Auffällig ist, wie sie es vermag, gänzlich verschiedene Welten zu beschreiben und völlig unterschiedliche Perspektiven einzunehmen wie beispielsweise jene eines Mannes in „An der Kante“, der seine Liebe zu einem anderen Mann nicht leben kann, oder die Sicht eines Vergewaltigers in „Tatverdächtiger flüchtig“, der froh ist, dass ein anderer für seine Tat bestraft wird.

Umso überraschender ist das Eingeständnis von Sara Rai, als Frau von vielerlei Erfahrungen ausgeschlossen zu sein. Sie könne zum Beispiel nachts nicht alleine ausgehen, könne also eine Stadt in Nordindien nicht im Schlaf erleben, Frauen hängen auch nicht an einer Betelnussbude herum und sie habe deshalb auch keine Chance, die feinen Abstufungen des Straßenslangs zu vernehmen, der Alltagssprache zu lauschen. Dafür aber gelingt ihr die Tonalität in ihren Geschichten erstaunlich gut.

Im Labyrinth“ ist ein Mikrokosmos indischer Welten, die Erzählungen sind fein ziseliert und zeigen unterschiedliche Ausschnitte einer Gesellschaft, die an ihren Widersprüchen zu zerbrechen droht. Dafür erhielt die Autorin verdientermaßen 2019 den Rückert Preis der Stadt Coburg.

Sara Rai: Im Labyrinth. Aus dem Hindi und mit einem Nachwort von Johanna Hahn. Draupadi-Verlag, 190 Seiten, 18 Euro. Als E-Book beim Unionsverlag.

green fields

Edition Weite Felder

„Das ist ein weites Feld“ ist einer meine Lieblingsausdrücke, wenn ich komplexe Themen zu erklären versuche oder auf die Frage antworten muss, was ich denn so tue.

Deshalb gibts nun die Edition Weite Felder, in der all das erscheint, was sich nicht so leicht einordnen und unterbringen lässt, zum Beispiel mit Gedichten bestickte Taschentücher, ein Hongkong-Fanzine, ganz neu ein Taiwan-Fanzine, Wolkenhaikupostkarten, oder was aus einer gesellschaftlichen Notwendigkeit heraus einfach veröffentlicht werden muss wie mein Essay Wird unser MUT langen? Ziviler Ungehorsam für den Frieden.

Wer sich dafür interessiert, kann sich bei mir per Mail (Kontakt) melden oder z.B. das Buch in einer Buchhandlung oder online bestellen. Auch das ist ein weites Feld.

green fields

Wird unser MUT langen?

Ziviler Ungehorsam für den Frieden.
Ein Essay von Alice Grünfelder.

»Unser Mut wird langen, nicht nur in Mutlangen« war das Motto der Friedensbewegung in Mutlangen. Jahrelang demonstrierten Friedensaktivisten und blockierten die Pershing-II-Transporte, bis schließlich 1987 Michail Gorbatschow und Ronald Reagan den INF-Abrüstungsvertrag unterzeichneten.

In diesem Essay geht Alice Grünfelder der Frage nach, warum die Bevölkerung vor Ort größtenteils zur Stationierung der Pershing II schwieg, das Dorf aber bis heute Symbol für gewaltfreien Widerstand ist. In welchem Spannungsfeld entsteht Zivilcourage, und was kann Mutlangen bedeuten als Symbol des zivilen Ungehorsams? Insbesondere heute wieder, da soziale Bewegungen sich erneut gegen vermeintlich Unausweichliches wehren. Welche Strategien wurden damals erarbeitet, welche könnten und sollten heute wieder zur Anwendung kommen?

Die Kriminalisierung der Friedensbewegung in Deutschland hat Tradition, das war auch in Schwäbisch Gmünd und Mutlangen so. Widerstand organisierte sich lokal und regional – oder eben auch jahrelang gar nicht. Denn schließlich wurden die Atomraketen Pershing I bereits seit den 1960er Jahren auf der Mutlanger Heide stationiert, ohne dass es Protest gegeben hätte. Schwäbisch Gmünd war eine Garnisonsstadt mit zwei amerikanischen Kasernen, diversen Bunkeranlagen versteckt in Wäldern und einem Militärflughafen. An die amerikanische Besatzung hatte man sich seit den 50er Jahren zu gewöhnen, zumal in weiten Bevölkerungskreisen die Amerikaner durchaus als Sieger willkommen geheißen wurden.

Im Jahr 1979 wurde der NATO-Doppelbeschluss unterzeichnet und die Stationierung der Pershing II, die zum damaligen Zeitpunkt noch nicht einmal entwickelt war, beschlossen. Und auf einmal regte sich nach der Bekanntgabe der Stationierungsorte 1981 Widerstand, deutschlandweit und in Schwäbisch Gmünd.

Mit welchen Gegenkräften musste gerechnet werden? Welche Bedrohungsszenarien wurden von Friedensaktivisten und insgeheim auch der NATO entwickelt? Welche Rückschläge gab es, nachdem die größten Demonstrationen Deutschlands gegen die Stationierung der Pershing II vergebens waren, selbst die Prominentenblockade Anfang September 1983 nichts bewirkt hatten?

Nicht nur die pensionierte Lehrerin Luise Olsen und andere Senioren setzten sich gemeinsam mit ihren Söhnen und Töchtern auf die Zufahrtsstraßen, um die mit Raketen beladenen Sattelschlepper zu blockieren. Für solcherart «verwerfliche Nötigung» wurden 3000 Menschen festgenommen, zu Geldstrafen verurteilt, andere wiederum gingen ins Gefängnis. Doch dieser zivile Ungehorsam vor Ort, von einer kleinen Gruppe aufrechterhalten, führte neben weiteren Faktoren letzten Endes u.a. dazu, dass die Raketen abgezogen wurden.

Die zentrale Frage aber, die diesem Essay zugrunde liegt, lautet: Warum engagieren sich die einen, warum schauen andere weg?

 «Alice Grünfelder wählt eine bemerkenswerte Konkretisierung, um all das in Erinnerung zu rufen, zugleich aber von den Umbrüchen zu erzählen, die zur Formierung einer starken Gegenbewegung für den Frieden in Deutschland führten. Mutlangen, ein verschlafenes baden-württembergisches Dorf, steht nicht nur im Zentrum ihres zwischen Reportage, essayistischer Betrachtung und persönlicher Erinnerung changierenden Textes. Es stand 1983 einen Sommer lang auch im Zentrum der europäischen Friedenspolitik, als dort von einer kleinen Gruppe gewaltfreie Protestmärsche und Sit-ins gegen die Stationierung von Pershing II-Raketen organisiert wurden.»

Andrea Zederbauer, Wespennest

Hier gehts zur Leseprobe, Auszüge aus einigen Kapiteln.

Stimmen:

„Warum kann ich mich nicht erinnern, wenn ich neuerdings gefragt werde, wie es damals im Friedenscamp und auf der Mutlanger Heide war?“ Grünfelder nahm die Frage zum Anlass, zurück in ihre Heimatstadt zu gehen, dort im Stadtarchiv zu stöbern und zu einem 140 Seiten umfassenden Essay auszuholen. Zu entdecken ist ein gut lesbarer Text mit Fragen zu heutigen Widerstandspraktiken.“
Peter Weishaupt, Friedenszeitung

„Alice Grünfelder kleidet nach fast 40 Jahren das Unfassbare in Worte. Es macht betroffen und weckt Verantwortungsgefühl, dass sie ihr Buch nicht mit dem weltweit bekannt gewordenen Mutlangen-Motto der Friedensbewegung betitelte „Unser Mut wird langen“, sondern auf dem Cover leider immer noch die Frage stellt: „Wird unser MUT langen?“
Heino Schütte, Rems-Zeitung

„Ihr mit vielen persönlichen Erinnerungen verwobener Text verdeutlicht die politischen Ereignisse und gesellschaftlichen Stimmungen, die damals die Friedensbewegung antrieben. Ihre Betrachtungen führen aber auch ins Heute und zur Frage, wie Zivilcourage entsteht, warum es trotz zahlreicher kriegerischer Konflikte so still um die Friedensbewegung geworden ist und dass sich mit zivilem Ungehorsam auch heute etwas bewegen ließe.“
Alblust

Wird unser MUT langen?
Alice Grünfelder
Edition Weite Felder
ISBN 978-3750-41744-1
Broschur, 140 Seiten, 12 Euro
Auch als ebook

Sie können das Buch über jede engagierte Buchhandlung bestellen, online im bod-Buchshop, bei diversen anderen online-Anbietern und Autorenwelt.

Szenen aus dem Film „Unser Mut wird langen“ (mit interessantem Archivmaterial) zeigen die Beweggründe der Demonstranten und Blockierer.

Lektorat im Verlag – Seminar

Seminar: Basiswissen Buchverlag / Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband,
Seminarleitung: Alice Grünfelder

Was muss man wissen, wenn man neu ist in einem Verlag? Was macht eine Lektorin, ein Lektor, wie entscheidet sie/er sich für oder gegen ein Manuskript, wie schreibt man einen Klappentext, wie stellt man das Buch Buchhandelsvertreten und Buchhändlern vor?

Das sind u.a. die Themen, über die ich innerhalb des Seminars „Basiswissen Buchverlag“ sprechen werde.

Weitere Informationen: sbvv.ch

Zeit: 22. November 2019

„Über Kreuz“ – Workshop für Lektoren und Übersetzer

November 2020: Geleitet von Alice Grünfelder und Tobias Scheffel.

Die Zusammenarbeit zwischen Übersetzern und Lektoren gestaltet sich mitunter diffizil. Bei Fragen der Art: Wie weit soll/darf sich ein Übersetzer vom Original entfernen, wie stark ein Lektor die Übersetzung «glätten»? Wie viel Fremdheit kann ihm – resp. «dem Leser» – zugemutet werden? geraten sie beinahe zwangsläufig «über Kreuz». Diese Differenzen, stereotyp aufgefasst, können die Kommunikation zwischen beiden behindern und ermüden, bergen jedoch zugleich ein enorm kreatives Potenzial, das zu aktivieren Ziel dieses Workshops ist. Anhand von Textproben aus der je «eigenen Werkstatt», die von Lektoren und Übersetzern als Bewerbung eingereicht wurden, diskutieren wir aus der «Doppelperspektive» die unterschiedlichsten Probleme der Übersetzung aus diversen Sprachen in die Zielsprache Deutsch. Per Rollentausch – Lektoren übersetzen, Übersetzer lektorieren – wird die eigene Tätigkeit reflektiert und das literarische Sensorium mit Schreibübungen verfeinert. Der gemeinsamen Selbstwahrnehmung beider Berufsgruppen als Schreibende dient ein spezieller Kurzworkshop mit einem Gastreferenten, mit dem Kreativstrategien zum Thema eigenes Schreiben entwickelt werden. Professionelles Feedback steht ebenfalls zur Diskussion: Wie lassen sich Änderungsvorschläge plausibel machen, wie geht ein Übersetzer gewinnbringend damit um? Aus dieser Fragestellung ergibt sich im besten Falle eine substantielle Verbesserung des Verhältnisses zwischen Lektor und Übersetzer.

Leitung: Alice Grünfelder (Lektorin, Zürich) und Tobias Scheffel (Übersetzer, Freiburg)
Zielgruppe: Lektorinnen und Lektoren und Übersetzerinnen und Übersetzer mit Erfahrung im Umgang mit Übersetzungen von Kinder- und Jugendliteratur.

Zeiten und Termine: 18. bis 22. November 2020

„An dieser Stelle möchte ich gerne ein großes Lob an Alice Grünfelder loswerden, die den Workshop sehr souverän geleitet hat. Ich würde jederzeit wieder eine Veranstaltung mit ihr besuchen.“
Nina Strugholz, Lektorin, über den Workshop „Über Kreuz“ für Lektoren und Übersetzer von Kinder- und Jugendliteratur

„Die Zusammenarbeit zwischen Lektoren und Übersetzern ist eine der tragenden Säulen des Verlagswesens – nur, wenn diese vertrauensvoll und reibungslos abläuft, kann am Ende auch ein gutes Buch dabei entstehen“, so der Ansatz des Workshops. Unter der Leitung des Übersetzers Tobias Scheffel und der Lektorin Alice Grünfelder kamen beide Berufsgruppen zu mitunter überraschenden Erkenntnissen und neuen Einsichten. Gefördert wurde der Workshop von der Robert-Bosch-Stiftung und der Stiftung Pro Helvetia.“
Pressemeldung Buchmarkt

Menschen ohne Flügel

Eine junge Frau verliert über Nacht ihr Gesicht, eine andere lüftet den Schleier eines Familiengeheimnisses, in Indien müssen sich Menschen in der Turboglobalisierung neu erfinden. Und stets prägt die multiethnische Gesellschaft der jeweiligen Länder das Schreiben der drei Autorinnen aus Malaysia, Indien und Indonesien. Sie zeigen mal auf surreale, mal realistische und reflektierende Weise, wie Menschen mit den drängenden Problemen unserer Zeit umgehen.

Mit Feby Indirani (Indonesien), Guat Eng Chua (Malaysien), Sara Rai (Indien); Moderation: Alice Grünfelder

Ort und Zeit: Frankfurter Buchmesse, Pavillon, Mittwoch, 16.10.2019, 12-13 Uhr