Kabul im Jahr 2005: Einmal Skakespeares „Verlorene Liebesmüh“ auf die Bühne bringen, haben sich die französische Schauspielerin Corinne Jaber, der amerikanische Journalist Stephen Landgrin und der afghanische Regieassistent Qais Akbar Omar gedacht und sich tatsächlich vier Jahre nach dem Sturz der Taliban an dieses Projekt gewagt. Männer sollten zusammen mit unverschleierten Frauen auf der Bühne stehen, ein furchtloser Theaterbesuch sollte endlich wieder möglich sein, das war ihr Ziel. Und damit verbunden der Wunsch, dass dieses Volk endlich seinen Frieden finden und nicht mehr länger zerrissen sein möge zwischen den verschiedenen Kriegsparteien, ein Frieden, der diesem Volk so lange vorenthalten wurde.
Offenherzig wird erzählt, dass die Zusammenarbeit zwischen der ehrgeizigen Regisseurin und den eigenwilligen afghanischen Schauspielern nicht immer reibungslos verlief, ja dass der ein oder andere Star damit drohte, das Handtuch zu werfen, weil er oder sie sich nicht genügend respektiert sah, mehr Geld wollte oder hauptberuflich und damit parallel zur den Theaterproben pakistanischen Kriminellen das Handwerk legen musste. Doch stets siegte der Humor, wenn die interkulturellen Abgründe gar zu tief aufblitzten und das Theaterprojekt mehr als einmal zu scheitern drohte.
Auch wenn sich die Sonne am afghanischen Theaterhimmel seither wieder eintrübte, so gewährt dieses Buch einen seltenen Einblick in die afghanische Gesellschaft und ist gleichsam auch eine Dokumentation, wie interkulturelle Zusammenarbeit selbst im schwierigsten Umfeld möglich ist. Oder, wie Irene Binal in der NZZ schrieb: Shakespears Tollheit wurde zur Methode und das Buch „zu einer Botschaft, die weit über die Grenzen Afghanistans hinaus hörbar ist.“
Dass sich übrigens ausgerechnet an Shakespeare ein Schlagabtausch zwischen Thea Dorn und Diethmar Dath über den Abzug der Bundeswehrsoldaten entzündet, ist ein weiteres Bonmot dieser unglückseligen Entwicklung.
Stephen Landrigan, Quais Akbar Omar: Shakespeare in Kabul. Ein Aufbruch in drei Akten. Aus dem Englischen von Inge Uffelmann, Unionsverlag, 2013
Wendy Law-Yone gilt als eine der wichtigsten Stimmen Burmas, seit kurzem dürfen ihre Bücher auch dort erscheinen: Die Autorin kämpft aus dem Exil für ihre Heimat und gegen das Vergessen.
Vor einem Monat haben in Paris Terroristen in Restaurants und einem Club Menschen getötet und fast ein Fußballstadion in die Luft gejagt. Es hätte jeden von uns treffen können, jeden, der auch nur kurz überlegt hat, im November nach Paris zu fahren. So wie ich. Deshalb habe ich für Annette Lindstädts Blog diesen Gastbeitrag über eine Nicht-Reise geschrieben …
Ein Mann fällt vom Dach, so steht es in den Ankündigungen zu dieser Hongkonger Anthologie mit „urbanen Kurzgeschichten“. Doch genauer betrachtet fällt er zwischen gepunkteten Reihen hindurch, wobei jede Reihe für ein Jahrzehnt stehen könnte, und für jedes Jahrzehnt wiederum eine Geschichte. Und einige davon sind unbedingt lesenswert, allein schon, weil sie westlichen Erzählprinzipien widersprechen, weil sich Figuren unerwartet verhalten, Knoten sich verdichten und erst gar nicht aufgelöst werden.
In „The Game of Laughter“ von Evan Yang wird ein Mädchen auf einem Jahrmarkt angestellt, den Lohn bekommt sie Ende des Monats allerdings nur, wenn keiner sie zum Lachen bringt. Sie wird zum Jahrmarktrenner, doch schließlich wird ihr der Lohn verweigert, weil ihr Schluchzen über die Krankheit ihrer Mutter als Lacher gedeutet wird. Traurig-teuflisch ist „A Devil’s Way“ von Li Wai-Ling: ein undurchschaubarer Charakter, dessen Entwicklung sich direkt ins vermeintlich Böse hineinschraubt. Eine bizarre Szenerie beschreibt Hai Xin in „The Banquet“: Feiern in der leerstehenden Villa auf dem Nachbargrundstück reiche Yuppies eine Party, junge Leute oder Geister? Nur das Dienstmädchen weiß, wer dort wirklich feiert, es sind die Bettler des Viertels.
Kann man tatsächlich in einem Formular „Mieter“ als Beruf ankreuzen? Hauptberuflich ist das Ehepaar ständig auf Wohnungssuche. Während andere an Wochenenden Yum-Cha essen, zu Pferderennen gehen oder zu den Outlying Ilands fahren, prüfen die beiden sämtliche Wohnungen, die in der Zeitung ausgeschrieben werden. Magisch-realistisch lässt Leung Ping-kwan die Suche nach dem Traumhaus an einem Meeresstrand enden – und ihm ist auch diese Anthologie mit diesen ungewöhnlichen, gegen den Strich gebürsteten Texten gewidmet.
In Search of a Flat: An Anthology of Hong Kong Urban Short Stories. Ed. Kit Kelen, Mary Wong Shuk-han, Chris Song Zijiang, Lingnan University, 2014
Eine ungeheuerliche Geschichte. Ist sie nur deswegen so ungeheuerlich, weil hier – einmal anders wie gewohnt – eine junge Mutter ihr Kind verlässt? Und sie lässt das Kind nicht nur allein in einem Pariser Heim zurück, wo der Vater es auf gar wundersame Weise findet. Nein, sie verschwindet auch für immer aus dem Leben der beiden, meldet sich nur einmal jährlich zum vermeintlichen Geburtstag des Kindes per Postkarte, erinnert aber offenbar noch nicht einmal mehr das genaue Geburtsdatum. Ahnte sie, dass mit dem Kind etwas nicht stimmte und war deshalb gegangen? Auf diese und auch viele andere Fragen bekommt der Vater keine Antworten, nur eine Menge Wut im Bauch.
Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Autorin Beate Rothmaier Kinderschicksale vornimmt, schon in ihrem Debüt Caspar wird ein Junge von seiner Mutter verlassen und schlägt sich fortan allein durchs Leben. Allein aber schafft das Lio in Atmen, bis die Flut kommt nicht, denn sie ist mit „Blödigkeit“ geschlagen. Diagnose unklar, klar ist nur, dass Lio nicht wie die anderen ist und bis ins 15. Lebensjahr noch mit Lätzchen essen muss. Die Versuche des Vaters, Lio bei Pflegeeltern oder im Heim unterzubringen, scheitern an seiner Liebe zur Tochter. Er kann nicht ohne sie, auch wenn sein Leben dadurch in vielerlei Hinsicht in eine prekäre Schieflage gerät. Als Comic-Zeichner sich durchs Leben zu schlagen, ist schon nicht einfach; als alleinerziehender Vater eines behinderten Kindes wird er noch weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Als ihm die Tochter auf einer Autofahrt quer durch Deutschland auf rätselhafte Weise abhandenkommt, ist ihm dennoch, als streife er einen zentnerschweren Rucksack ab.
Das Ende der Geschichte ist vieldeutig angelegt und wirkt sprachlich sogar relativ nüchtern verglichen mit der stellenweise schwer erträglichen Expressivität im ersten Teil des Romans. Doch im Laufe der Lektüre versöhnt man sich mit der Vorstellung, dass nur auf diese Weise die Beschreibung all der körperlichen Ausscheidungen der Tochter und der existentiellen Ausnahmezustände des Vaters überhaupt möglich ist. Eine ungeheuerliche Geschichte von seltener, gleichsam verstörender Eindringlichkeit.
Wenn die Sonne vom Schaufenster geschluckt wird
von gläsernen Fassaden
Wenn ein Reiher zwischen Häuserschluchten
verschwindet Bikini Berlin lichtgepunktet leuchtet
Frau mit Hut und rot-weiß kariertem Minikleid zum Takt wippt
Männer x-beinig die Treppen hinaufstolpern
verständnislos über die Schulter blicken
Wenn auf der Bühne Poeten durch die
Abenddämmerung surfen
und Möwen like diamonds in the sky
durch den nachtblauen Himmel pflügen –
dann ist Sommer in Berlin.
Tatsächlich hat es mein kurzer Text „Zimmermädchen“ geschafft, sich unter mehr als 2000 Einsendungen bemerkbar zu machen, ausgewählt und nun abgedruckt zu werden – in einer Anthologie mit dem markanten Titel Die Sachensucherin.
55 Kürzestgeschichten haben es in die vorliegende Anthologie geschafft, eine Sammlung kleiner Kunst-Stücke aus Sprache, thematisch variantenreich, auf der Höhe der Zeit und doch mit Blick auf Vergangenheit, die nicht vergehen will.
Das Unbehagen in der eigenen und fremden Kultur macht die Tibeter im mehrfachen Sinne zu modernen Nomaden des 21. Jahrhunderts. Zum ersten Mal versammelt dieser Band vielfältige und kontroverse Texte von tibetischen Autorinnen und Autoren der jüngeren Generation aus Tibet und dem Exil.
Der Protagonist in Alais Erzählung Blutsbande hat einen chinesischen Großvater und einen tibetischen Vater; als er mit chinesischem und tibetischem Namen gerufen wird, zerreißt es ihm fast das Herz. In Ralo von Tsering Döndrub begegnen wir einem haltlosen jungen Mann, der seine Umwelt nicht versteht. Während in Tibet lebende Schriftsteller Kritik subtil oder verfremdet in ihre Texte einfließen lassen, artikuliert der Exil-Tibeter Palden Gyal ganz unverblümt die Ungerechtigkeiten, die während der Kulturrevolution geschahen. Umso mehr erstaunen die persönlichen Eingeständnisse von Exilanten, die wieder die Annäherung an Tibet suchen.
Mit Texten von Alai, Jamyang Norbu, Tsering Öser, Tenzin Tsundue und vielen anderen.
Übersetzungen aus dem Chinesischen und Englischen von Alice Grünfelder, aus dem Tibetischen von Franz Xaver Erhard
„Flügelschlag des Schmetterlings“ erschien bereits im Juli 2009 im Unionsverlag. Alice Grünfelder publizierte hierin Texte tibetischer Autoren und Autorinnen, die über ihre Zerrissenheit zwischen China und dem nach Autonomie strebenden Tibet schrieben.
Wer hätte besser eine Auswahl über die Sicht einzelner Autoren bezüglich der Tibet-China-Krise treffen können, wenn nicht Alice Grünfelder? Verbrachte sie doch schließlich zwei Jahre als Stipendiatin in Chengdu, der Provinz Sichuan in China, und unternahm zahlreiche Reisen nach Tibet, wo sie unter anderem als Dolmetscherin tätig war. Nach ihrem Aufenthalt schloss sie ihre Magisterarbeit bezüglich neuerer tibetischer Literatur ab und kehrte 1999 nach Berlin zurück, um dort eine Agentur für Literatur in Asien zu gründen. Bereits 1997 thematisierte Alice Grünfelder, respektive Erzähler aus Tibet, in „An den Lederriemen geknotete Seele“ ein Panorama der rätselhaften Tibeter und ihrer Glaubenswelt. „Flügelschlag des Schmetterlings“ skizziert ebenfalls kulturelle Gegebenheiten, offeriert jedoch insbesondere persönliche Empfindungen mit Fokus auf den anhaltenden politischen Spannungen.
Zwei Mönche mir gegenüber, im 4er-Sitz, praktisch. So könnte man ins Gespräch kommen, wären die Propeller nicht so laut und schickten einen vibrierenden Stoß nach dem anderen durch das Trommelfell, den Rücken hinab bis hinunter in die Zehen. Zwei Tage Yangoon liegen hinter uns. Der Schimmel an den Häuserwänden ist in den vergangenen Jahren noch dunkler geworden, der Reiz des Verkommenen architektonischer Hoffnungslosigkeit gewichen.
Blühender Zerfall
Wo einst das Büro des Verantwortlichen für das Verlagswesen Birmas untergebracht war, ist alles versperrt und verriegelt. Die Bierkneipe, in der wir immer so gern gegessen hatten, mit Brettern zugenagelt. In einem Gebäude, dessen rötlicher Putz hier und da noch zu erahnen ist, sprießen aus dem 3. und 4. Stock Bäume, derweil im Erdgeschoss offenbar noch Veranstaltungen abgehalten werden, jedenfalls lassen die Stuhlreihen dies vermuten. Wo früher ein Markt war, hat man riesige Häuserblocks errichtet. In den unteren Geschossen dunkle Münder, die Waren verschlucken und ausspucken. Nachts aber dröhnen die Blocks, aus jedem ein anderer Hit, die Fenster blinken in allen Farben.
Still und gedämpft
Laut sind hier in den Straßen nur die Jungs, die an den offenen Bustüren hängen und ihre Routen ausrufen. Ansonsten funktioniert hier scheinbar alles reibungslos und still. Keine freundlichen Gesichter, aber auch keine unfreundlichen. Um nichts wird viel Aufhebens gemacht. Auch nicht, als vor dem Bankschalter ein junger Burmese Dutzende von gebündelten Banknoten abholt. Von irgendwoher bringt ihm jemand zwei große Plastiktüten. Einer hilft ihm, die Geldscheine hineinzupacken, eine Tüte ist fast zu schwer, der Griff zum Reißen gespannt, deshalb wird sie oben noch einmal zugeknotet, mit zwei Tüten macht er sich auf Richtung Ausgang, fast rutscht ihm die untere aus den Händen, er sucht seinen Schirm, den jemand an die Tür gehängt hat, ein anderer spannt ihn auf für diesen jungen Mann, der in der Menge verschwindet.
Shwedagon im Monsun, ruhig oder gedämpft? Rituale wie das beständige Waschen und Putzen der kleinen Buddhastatuen rund um die Pagode bleiben rätselhaft. Das Schauen muss genügen für den Moment. Innere Ruhe will nicht einkehren beim Anblick der zahllosen kleinen Stupas, Buddhas, Mönchen und Nonnen. Dazwischen immer wieder Männer mit Abzeichen an der Hemdbrust: Passen sie auf den Tempel auf, achten sie auf gebührliches Verhalten oder seltsame Bewegungen unter den Besuchern? Für Außenstehende nicht auszumachen. Außen. Innen. Warum bin ich hier?
Regenzeit in Kalaw.
Wie Winter. Das feuchte Leben spielt sich in den eigenen vier Bretterwänden ab. Draußen duckt man sich unter vielfarbigen Regenschirmen mit Blumen, Mickey Mouse, Logos internationaler Designmarken, schiebt sich samt der Schirme unter Plastikplanen über den Markt, ab und an stürzen Wassermassen in die Gassen, nicht selten erklingt ein unterdrückter Aufschrei und ein leises Lachen der Marktfrauen über den Unglücklichen, den es erwischt hat. Kaum ein Augenpaar, das unter dem Schirmrand hervorlugt, denn das frische Gemüse, das Obst, die zahlreichen Schnittblumen, die später vor die Buddhastatuen gestellt werden in den unzähligen Tempeln im Ort und der Umgebung, sind wichtiger als der fremde Besucher. Nirgends fand sich ein Hinweis, dass Kalaw eine Militärstadt ist. Die Straßen sind voll mit „Grand Tigers“, brandneuen Automobilen, sie stehen in Reih und Glied vor dem Markt. Kaufen Soldaten mit wächsernem Gesicht für ihre Frauen ein, die in den Autos warten? Niemandes Englisch reicht für ein Gespräch, Gesten müssen genügen, um sich nicht zu verirren auf dem Bazar, um nach dem Preis zu fragen, nach den Spezialitäten aus Teig, die ein indisch aussehendes Paar auf Bastmatten anbietet.
Birma – ein Vielvölkerstaat und mehr
Auf dem Markt Chinesen, Inder, Nepali, Burmesen, auch Bangladeshi? Groß gewachsene Männer mit europäischen Gesichtszügen und dunkler Haut, einer schlurft daher wie ein Japaner, wieder ein anderer könnte die Hauptrolle in einem Bollywood spielen; Frauen mit Thanaka auf den Wangen sind dennoch in der Mehrheit, auch deren Gesichter könnten unterschiedlicher nicht sein. Wie lange ist es her, dass Japaner, Briten diesen Ort verlassen haben? Selbst die über Siebzigjährigen waren damals noch Kinder, die Völker haben sich anscheinend schon früher und über Generationen hinweg vermischt. Nachfahren nepalesischer Gurkhas bieten in einem Restaurant nepalesische Gerichte an. Die Frau des Hauses reichte einem Mann mit chinesischen Gesichtszügen drei dicke Bündel mit Geldscheinen. Der zählt und zählt. Wer ist dieser Mann, denn die Summe, rasch überschlagen, beträgt 300 bis 500 Dollar, schon im Voraus abgezählt und vorbereitet, mit seinem Besuch wurde gerechnet, sie erhält eine Quittung dafür. Der Vermieter? Einer dieser reichen Chinesen, über die sich das Volk so sehr ärgert, dem hier in Kalaw eine dieser Villen im Cottage-Stil gehört?
Westliche Vorstellungen vom Golden Triangle
Das zweistöckige, gelb gestrichene Wohnhaus gegenüber von unserem Hotel gibt Rätsel auf. Warum zum Beispiel tritt die ältere Matrone alle paar Stunden vors Haus und wirft Hände voll Reiskörner auf die Straße, um zahllose Tauben anzulocken? Zwei Männer auf einem Moped fahren in den Hof, der Beifahrer hat einen Strauß Blumen im Schoß. Sie holen einen fettbauchigen Sack Reis und packen ihn vor den Fahrer unters Lenkrad. Eine alte Frau, das weiße Haar zu einem Dutt am Hinterkopf geknotet, schöpft oben auf dem Balkon Wasser von einem Behälter in den anderen. Dann schüttet sie einen Becher voll in den Hof hinunter, wäscht sie Gläser aus? Herauszufinden wäre dies nur mit einem Fernglas. Sie zupft immer am selben Blumenstrauß mit den weißen und gelben Blüten herum. Als die Frau mich entdeckt, knotet sie hastig ihren Longy neu, dreht mir auf dem schmalen Balkon den Rücken zu. Im Seitenflügel stehen Tür- und Fensterflügel weit auf, undeutlich sind Billardkugeln im Dunkeln zu erkennen, Männer lehnen an der Fensteröffnung, schauen mal dem Spiel zu, manchmal hinaus in den nicht nachlassenden Regen.
Ein Mönch schüttelt kurz seinen Regenschirm aus, bevor er den Billard-Salon betritt: braun der Schirm, braun sein Gewand und auch die samtenen Sandalen. Mit einem Föhn müsse man diese trocknen, würden sie nass, erklärte die Schuhverkäuferin mir in Yangoon. Ein Mönch mit Föhn? Ein junger Mann geht vor dem Eingang kurz in die Hocke, schiebt den Longy wieder hoch und kehrt zurück zum Spiel. Noch immer lehnen dieselben Männer am Fensterrahmen, noch immer regnet es, seit heute Früh schon. Drei Mopeds stehen mittlerweile vor dem Billard-Salon, ein weiteres fährt vor, der Beifahrer mit Spitzhut aus Palmblatt. Ob wohl auch Alkohol ausgeschenkt wird? Ein Mann hängt seinen rosafarbenen Regenmantel an den rostbraunen Fensterflügel, schaut kurz hinaus auf die Wolken, die immer tiefer ins Tal drücken. Bald wird darin auch die Spitze der weißen Pagode verschwinden. Es regnet wieder stärker. Die Tropfen prasseln lauter und schneller auf das Pflaster. Darunter mischen sich Gitarrenklänge von irgendwoher.
Vor dem Haus steht ein Schild, in birmesischen Schriftzügen steht wohl drauf, was hier gehandelt wird, Reis? Bilder von Kinofilmen aus der benachbarten chinesischen Provinz Yunnan ziehen durch den Kopf, wo in solchen Häusern ungeheure Mengen von Rohopium in geheimen Verstecken gelagert und verkauft werden, und von wilden Schießereien. Golden-Triangle-Fantasien eines westlichen Hirns. Im Billardraum brennt nun Licht, grün scheint der Billardtisch auf, sieben Mopeds stehen nun davor, eines ist rot. Es regnet noch immer, wird endgültig dunkel. Ausschnitte, Oberflächen, die Fragen aufwerfen und vermeintlich Geschichten erzählen, die in die Irre führen, weil man eben nur einen Bruchteil sieht; keine Möglichkeit, tiefer zu dringen. Das bloße Schauen führt irgendwann ins Nichts, kreist um sich selbst.
Morgengymnastik in Pyay.
Während die Inder über Jahrhunderte das Yoga verfeinerten, Chinesen Tai Chi und Kungfu, selbst Vietnam einen eigenen Kampfstil entwickelte und in Thailand das Thai-Boxing mit Schlägen und Kicken Menschenmassen in Stadien treibt, ist aus Burma nichts dergleichen bekannt. Eine besondere Form des burmesischen Yoga soll es geben, doch selbst Weitgereiste, Intellektuelle und besser gestellteBirmesen haben davon noch nie etwas gehört.
Lauftrainer und Hüftschwinger
In Pyay aber gibt es an der Strand-Promenade, die nur ein fader Abglanz des gleichnamigen Boulevards in Yangoon ist, einen kleinen Park, der etwa 250 Meter Länge und 50 Meter Breite misst: mit Schaukeln, Bänken und kuriosen Geräten. Gut, den Lauftrainer mag man noch erkennen, dass man aber auf den kreisenden Scheiben lediglich seine Hüften ein wenig hin und her schwingt, wird mir erst beim heimlichen Beobachten einiger Kinder klar. Was aber sollen die schwarzen Rollen auf Knie- und Schulterhöhe? Damit massiert man die Waden, indem man die Beine darüber legt und hin und her zieht, sehe ich am anderen Morgen bei einem Mann.
Die Frauen in ihren Longyis schlendern nicht einfach durch den Park, was mir erst dann auffällt, als sie schon zum vierten Mal an mir vorüberkommen. Sie gehen tatsächlich ein wenig schneller als auf der Straße, kehren am Ende des asphaltierten Weges schwungvoll um und schreiten den Weg erneut ab. Eine schließt und öffnet dabei ihre Fäuste. Nordic Walking, aus Ermangelung der Stöcke eben nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Ein älterer Herr in grauen, knielangen Hosen und einer dazu passenden Jacke biegt unvermittelt ab und stampft mit seinen klobigen Turnschuhen zur vierten Schaukel, reckt sich in die Höhe und holt seinen Schirm herunter, an dem er seinen dreistöckigen Henkelmann befestigt hat. Stapft dann davon und würdigt mich keines Blickes.
Liebesblick
Ein Neuankömmling mit Schirmmütze zieht sein rechtes Bein ein wenig nach, vermutlich ein Schlaganfall vor ein paar Wochen, Monaten? Ein anderer stellt sich kurz auf den Lauftrainer in seinem Longyi, danach geht er zur Drehscheibe und schwingt seine Hüfte ein wenig hin und her, allerdings sehr viel weniger dynamisch als die Walking-Frauen zuvor, die noch eine Dehnübung anschlossen auf der kleinen Plattform, die direkt auf den Irrawaddy hinausgeht. Durchaus reizvoll dieser Blick über den Stacheldraht – der den Park vor wem oder was schützen soll? – auf den braunen, rasch dahinfliessenden Irrawaddy, auf die große Brücke, dahinter die geduckten Hügel. Das langsame Hin- und Her auf dem Lauftrainer versetzt einen in eine leichte Trance, während die Mosquitos um die Knöchel schwirren.
Zwischen Park und Fluss sind auf einem schmalen Uferstreifen kleine Zeltbuden aufgestellt. Verlassen am Morgen, bevölkert am Abend von Liebespärchen, die mit Blick auf das kreiselnde Wasser an Limonade nippen und die Arme umeinanderlegen. Liebesbuden am Ufer des Irrawaddy, unter blau-rot-weiß gestreiften Zeltplanen, neben Laufbändern und Hüftschwinger. Für Leib und Seel ist offenbar ausreichend gesorgt.
Wie existenziell Schreiben sein kann, wie es ist, nicht mehr schreiben zu dürfen, eingesperrt zu sein bei Wasser und Brot, das ist erschütternd nachzulesen in Kassiber. Verbotenes Schreiben. Die Herausgeber des Katalogs unterscheiden dabei nicht zwischen verschiedenen totalitären Systemen oder politischen Haltungen der Autoren. Und es wird nicht nur in die Lager und Zuchthäuser des 20. Jahrhunderts geblickt, sondern es geht tief zurück in die eigene Vergangenheit. Da besucht zum Beispiel Schiller auf dem Hohenasperg Christian Friedrich Daniel Schubart, dem man das Schreiben verboten hat. Schubart beschreibt Fetzelchen mit dem Dorn einer Kleiderschnalle, einer Gabel, doch alles wird immer wieder gefunden und vernichtet.
Schubart: „All meine Gedanken, all mein Wissen.“
Kassiber heißt der Katalog nach der gleichnamigen Ausstellung vor ein paar Jahren im Literaturmuseum der Moderne in Marbach. Man wünschte sich, die Ausstellung wandere weiter in Zeiten eines beständigen Twitter-Rauschens, so eindrücklich erscheinen die Notizen von Autoren, deren Leben nichts wert zu sein scheint, wenn man es nicht mehr mitteilen kann. Erfinderisch waren die Autoren in ihrer Schreibnot: Botschaften wurden durch Blasrohre nach außen befördert, in Hohenasperg gar ein Besenstiel ausgehöhlt, um Nachrichten wie durch ein Blasrohr von Zelle zu Zelle zu schießen.
Und es zeigt sich auch, dass die Macht der Autoritäten nicht grenzenlos war: Textfetzen wurden in Büchern versteckt (z.B. wurden von der Stasi „winzige Schriftzüge, mit blutigem Streichholz auf Toilettenpapier geschrieben“, gesammelt und für die Nachwelt in einer internen Jubiläumsschrift abgedruckt.), vergraben, verschlüsselt.
Erschütternd sind diese Berichte auch deshalb zu lesen, wenn man weiß, dass diese Botschaften oftmals die letzten Lebenszeichen der Autoren waren, oft genug aber nie angekommen sind – weil z.B. die versteckten Schriftstücke erst Jahrzehnte später entdeckt wurden, wie der Text „Käse“ von Wolfgang Borchardt. Diese Erzählung hat ein Freund bei dessen erster Verhaftung unter Schuhen in einem Karton versteckt, der wiederum 1985 in einem Lagerhallenschrank gefunden wurde, weil er versteigert werden sollte. Wieder andere vergruben Schriftstücke in der Hoffnung, die Nachwelt werde sie finden, so wie z.B. nach der Befreiung unter Fußbodendielen in einem KZ. Auch Mandela vergrub seine Notizen im Gefängnisgarten, selbst wenn sich alles dagegen sträubte, selbst wenn es viel zu gefährlich war. „Das innere Muss war stärker als alles. – Ich schrieb.“
Ernst Toller: „Gefangene wurden zum Seiltänzer der Worte.“
Wieder andere Autoren wurden in einem Käfig ausgestellt, ins Lager gesteckt oder in die Verbannung geschickt. Und danach waren sie, so Ovid, nicht mehr der, der sie davor waren. Denn Haftzeit = Vernichtung von Lebenszeit
Warum aber schmuggelten Autoren Texte trotz Strafandrohung? Weil das Schreiben ein überlebensnotwendiger Akt geworden war, weil man dank der Notizen hoffte, seine Worte auch außerhalb der Gefängnismauern machtvoll wirken zu lassen. Und weil, so Konrad Merz, das Schreiben am Nullpunkt, im jahrelangen Untergrund sein muss, um sich im Schreiben wenigstens vergewissern zu können, um gegen die Ohnmacht anzuschreiben, im besten Fall sogar Hoffnung zu schöpfen. Und sich zu sagen: „Es ist vielleicht doch nicht alles umsonst gewesen.“
Das Schreiben wird zum Kamikaze-Akt, die Entdeckung kann tödliche Folgen haben.
Auf die Tarnung kam es also an, sie war auch überlebensnotwendig für all jene Autoren, denen das Schreiben Existenz bedeutete – erfinderisch waren sie in ihrer Not. Brechts „Legende vom toten Soldat“ wurde z.B. eingepasst in Robert Walsers „Poetenleben“, eigens als Übersetzung herausgegeben. Gertrud Kolmar tarnte ihre eigenen Gedichte als Übersetzungen aus dem Englischen, um sie vielleicht doch noch im nationalsozialistischen Deutschland veröffentlichen zu können. Und „Literatur um 1900 ist, wenn man in Deutschland die Verlagsproduktionen anschaut, immer wieder auch Literatur aus den Kerkern, Kellerlöchern und Totenhäusern“, steht geschrieben.
Was die ZEIT über die Ausstellung sagt, führt auch der Katalog mit seinem Panoptikum verbotenen Schreibens eindrücklich vor Augen: „Es sind unterschiedlichste Entstehungsbedingungen, aber alle Texte eint eine innere Notwendigkeit und existenzielle Dringlichkeit.“