Lustvoll argumentieren wider die Kriegstreiberei

 
Umberto Eco stellte einst in vier Streitschriften ganz grundsätzliche Fragen nach Haltung, Zivilcourage und der Unsinnigkeit, einen sinnvollen Krieg führen zu wollen. Und auf manche seiner Fragen weiß er Antworten, die auch heute noch einiges erhellen können. Wie beispielsweise jene nach sogenannten humanitären Interventionen. Sosehr man die Rechte, den Wunsch nach Selbstbestimmung und die Bräuche andere Völker respektieren müsse, so seien gewisse Verstöße gegen Menschenrechte einfach untolerierbar. Gleichwohl müsse man sich überlegen, wer denn um die Intervention bitte? Und welche Eigeninteressen sich dahinter verbergen? Man muss entscheiden, «was untolerierbar ist, und dann handeln in der Bereitschaft, den Preis für einen Irrtum zu bezahlen.» Nur leider hätte man sich auf der Grundlage eines sogenannten militärischen Humanismus schon oft geirrt. Sei es deshalb nicht an der Zeit, über andere Strategien nachzudenken?

Und Krieg, den unsereins vor allem als Kalter Krieg erlebt hat, flammt gerade nach dessen Beendigung überall wieder auf, was Eco zum „Nachdenken über den Krieg“ anregt. Der Ausgang des 1. Golfkriegs, so die Meinung vieler damals, sei befriedigend gewesen, denn es seien die Ziele erreicht worden, derentwegen dieser Krieg überhaupt geführt worden war. Wenn man diesem Krieg also zugesteht, dass er vorteilhafte Ziele erreicht habe, führe das zu dem Irrglauben, „dass Krieg in manchen Fällen doch noch eine vernünftige Möglichkeit sei. Was jedoch entschieden bestritten werden muss.“

Zivilcourage bräuchte es dafür, was aber, wenn man an keinen Gott glaubt, der einem den Rücken stärkt? Mal abgesehen davon, dass auch Menschen, die das Wort „Glaube“ im Mund führen, zu grausamsten Taten fähig seien? Was befähigt Nicht-Gläubige? Eco formuliert seine weltliche Ethik so: Man sollte anderen ein gutes Beispiel sein, um eine „Flaschenpost zu hinterlassen, damit das, woran man geglaubt hat oder was man schön fand, auch von den Nachgeborenen geglaubt oder schön gefunden werden kann.“

Was aber kann man gegen rohe Intoleranz ausrichten, überlegt Eco in „Die Migration, die Toleranz und das Untolerierbare“? Dann, „ist das Denken wehrlos“, und wenn Intoleranz zur Doktrin wird, sei sie nicht mehr zu besiegen. Erwachsene Menschen, die aus ethnischen oder religiösen Gründen aufeinander schießen, zur Toleranz zu erziehen, sei Zeitverschwendung. Rohe Intoleranz müsse an der Wurzel bekämpft werden: „Durch permanente Erziehung, die im zartesten Alter beginnt, bevor sie zu einer Doktrin gerinnt und bevor sie eine zu dicke und harte Verhaltenskruste wird.“

Immerhin sehe die Welt den Krieg heute durchaus kritischer als zu Beginn des 20. Jahrhunderts, denn „wenn heute jemand von der Schönheit des Krieges als einziger Hygiene der Welt reden würde, ginge er nicht in die Geschichte der Literatur ein, sondern in die Psychiatrie.“ Früher führte man Kriege so, dass man aus der Niederlage des Gegners einen Gewinn ziehen konnte. Bei den beiden Weltkriegen aber wurden alle Völker dieser Erde in Mitleidenschaft gezogen, mit den Verflechtungen des multinationalen Kapitalismus sei ein Krieg eigentlich gar nicht mehr länger möglich. Der unaufhaltsame Informationsfluss führe zudem dazu, dass die eigene Bevölkerung den Glauben an einen gerechten Krieg verliere und stattdessen für das Leid der „feindlichen“ Bevölkerung sensibilisiert werden würde.

„Es ist heute eine intellektuelle Pflicht, die Unmöglichkeit des Krieges zu proklamieren. Auch wenn es keine alternative Lösung gibt.“ Doch es nützt nichts, Umberto Eco nachzuweinen, sondern man muss einen intellektuellen Disput wiederherstellen, der den Namen auch verdient, verlangt der italienische Autor Giorgio Fontana und fordert dazu auf, lustvoll die rhetorischen Klinken zu kreuzen wider Populisten und Argumentverächtern.

Umberto Eco: Vier moralische Schriften. dtv-Verlag, 1998

Ellbogenwut

Hazal wird achtzehn und will es deshalb so richtig knallen lassen. Vorgeglüht und aufgestylt zieht sie mit zwei Freundinnen durch die Berliner Nacht. Doch als ein Türsteher die drei Mädchen nicht in den angesagtesten Club der Stadt lässt, kriecht Wut in ihnen hoch, die sich aufstaut … staut … staut – bis sie sich an einem jungen Mann entzündet. Der einfach nur nachts auf die U-Bahn wartet. Die drei Frauen lassen der Wut ihres Lebens freien Lauf, und Hazal befördert ihn mit einem gut gezielten Tritt aufs Gleisbett. Gleisbett, was für ein schöner Name, sinniert sie später, empfindet aber erst recht keine Reue für ihre Tat, als sie erfährt, dass das Opfer auch noch Thorsten heißt.

In dieser Nacht geht nicht nur ein Leben zu Ende. Hazal muss fliehen, ihr fällt nichts Besseres ein als Istanbul, wo sie erst mal rein gar nichts checkt. Weil sie bislang bloß in ihrem Weddinger Kiez gelebt hat mit den aufgetakelten Bräuten und abgekapselten Bevölkerungsgruppen. Wie in einem Kokon, nur dass nicht unbedingt ein Schmetterling schlüpfte. Für nichts hat sie sich interessiert. Wie denn auch. Die Wohnung zu klein, Eltern und ein Bruder, die nerven, zwei Selbstmordversuche, das Leben war auch so schon beschissen. Abgeklärt sind die Girls, und sie treten noch nach unten und schimpfen über die „Fluchtis“.  Und über den Chef, weil der eine der ihren entließ, nur weil sie #fuckcharliehebdo auf Facebook gepostet hat.

In Istanbul ist Hazal allerdings noch nicht einmal der Unterschied zwischen Türken und Kurden klar, und sie glaubt auch nicht, dass eine Unterschrift einen in den Knast bringen kann. Ein Mord schon, deshalb ist sie hier. Und als die kluge Tante Semra nach Istanbul kommt, weil sie verstehen will, was Hazal getrieben hat, prallt sie ab von dieser Wand aus Wut. Sie will verstehen, wo es nichts zu verstehen gibt, denkt Hazal und wenn sie mir jetzt noch mit Migrationshintergrund kommt, und die Sozialarbeiterin Semra kommt damit, platzt es aus ihr heraus: Warum? „Wegen der Ellbogen, die uns das Leben reingerammt hat, immer wieder, und immer noch. Überall nur Ellbogen von denen, die stärker sind als wir.“ Deshalb gibt es auch nichts zu klären, wie und warum in jener Nacht einfach alles eskalierte.

Jedenfalls kommt sie in Istanbul auf die Welt, ein harter Aufprall, das Geld ist bald alle, irgendwie muss es hier weitergehen. Doch sie kann nicht einmal gut genug Türkisch, um zu begreifen, was los ist, als Erdogan blass auf dem TV-Bildschirm auftaucht. „Er spricht über Facetime oder so und sieht irgendwie total alt aus, wie ein Opa, der zum ersten Mal ein Selfie macht. Vielleicht hätte ihm jemand mal besser die Filterfunktion erklärt, seine Hautfarbe sieht in dem Halogenlicht nicht so gesund aus.“

Als sie sich in der Nacht des Putsches auf den Boden legt, weil Panzer an ihr vorbeirollen, sind es immerhin echte Panzer und nicht so Plastikdinger, mit denen ihr Bruder spielt. Ist es das, was sie will? Das Leben endlich spüren, so wie es ist, und will sie verstehen und ihr Gutes tun, was eh nichts bringt. Ist sie wütend, weil sie nicht selbstbestimmt ist, immer andere über sie bestimmen und ihr was erklären wollen? So wie ihre Tante, bei der immer alles so „schön türkisch aufgeräumt“ ist in der „Altbau-Single-Wohnung mit hölzernem Esstisch“.

Dieser Hass ist in einer schlichten Sprache abgebildet, wo doch spätestens in puncto Mündlichkeit und Jargon seit Feridun Zaimoglus Kanaksprach mehr möglich wäre, man den Lesern mehr zutrauen könnte? So versäumt es Fatma Aydemir meiner Meinung nach, den Furor ihrer Figuren auch sprachlich abzubilden. Sie vergibt sich dadurch das Echo eines Sounds, der den Tag und die Nacht bestimmt oder doch eher das Zwielicht, in dem sich die Figuren bewegen, die nirgends dazu gehören wollen und, wenn es darauf ankommt, auch nirgends dazugehören.

Der Terror ist eine Folge von Hass der Menschen, die sich ohne Respekt behandelt fühlen und einen Hass auf Leute haben, die zu den 1% gehören, so der französische Diplomat Stéphane Hessel in Anspielung auf das Motto der Occupy-Wall-Street-Bewegung „We are the 99%“.  „Eine ganze Generation über den Globus verstreut ist im Gefühl aufgewachsen, emotional wie rational keine Zukunft zu haben angesichts der aktuellen Ordnung der Dinge.“

Woran mag es liegen, dass Flüchtlingskinder aus Syrien, so eine Sekundarschullehrerin aus Berlin, schon nach einem Jahr die chronisch abgehängten Migrantenkinder in der dritten Generation überholen und gen Abitur marschieren? Bastelkurse und Rap-Workshops, die auch in Pariser Banlieues wie Pilze aus dem Boden schossen, sind höchstens das Feigenblatt einer schuldbewussten Gesellschaft. Die Gewaltausbrüche der Jugendlichen damals richteten sich oftmals gerade gegen Sozial- und Bildungseinrichtungen, die solche Programme anboten, wie Gila Lustiger in ihrem Essay „Erschütterung“ beschreibt, und nicht gegen staatliche Institutionen, gegen die man ebenso wütend hätte sein können.

Ellbogen ist ein Pflock in der deutschsprachigen Literatur, er erklärt nichts, aber nach der Lektüre, die man insbesondere Lehrern, Sozialarbeitern und vor allem Bildungspolitikern ans Herz legen möchte, muss die Uhr zurückgedreht werden. Wir müssen nochmals von vorn beginnen. Mit Integration auf Augenhöhe?

Fatma Aydemir: Ellbogen. Hanser Verlag, 2017.

Ziviler Ungehorsam

 

2017 jährt sich der Abrüstungsvertrag zwischen Michail Gorbatschow und Ronald Reagan, der das Ende des Kalten Krieges einleitete, zum dreißigsten Mal. Im Jahr vor Vertragsabschluss trafen die beiden einander ohne großen Pomp in einem Holzhaus in Rejkjavik. Dass kurz nach Amtsantritt Donald Trumps «Neuauflage»-Gerüchte eines Gipfeltreffens mit Vladimir Putin in Island auftauchten, macht einmal mehr deutlich, dass der Traum von der Aufteilung der Welt in geopolitische Einflusssphären nicht ausgeträumt ist.

Dabei führte die Friedensbewegung in Mutlangen vor Augen, dass es durchaus möglich ist, mit zivilem Ungehorsam eine Großmacht in die Knie zu zwingen. Warum aber schwieg die Bevölkerung vor Ort größtenteils zur Stationierung der Pershing II, warum steht Mutlangen bis heute als Symbol für gewaltfreien Widerstand? In welchem Spannungsfeld entsteht Zivilcourage und was kann Mutlangen noch heute bedeuten als Symbol des zivilen Ungehorsams?

Antworten auf diese Fragen sind in der aktuellen Ausgabe des österreichischen Kulturmagazins Wespennest nachzulesen: Alice Grünfelder – „Der Langmut von Mutlangen. Ziviler Ungehorsam für den Frieden.“

Glück?

Mai 2017: Kann man Glück riechen, schmecken, hören? Wie fühlt sich Glück an? Das vierte Projekt des Jugendtheaters actNow geht auf die Suche nach dem Glück und findet die Antwort, denn: „Ich bin Lumturia“ – Das Glück liegt in uns selbst.

„Ich bin Lumturia“ ist der zweite Teil eines zweijährigen interkulturellen Projekts zwischen dem Kosovo und der Schweiz; kein literarischer Text ist Grundlage für das Stück, sondern die Kreationen und Ideen der Jugendlichen. Welche Unterschiede gibt es im Bezug auf die beiden Länder Schweiz und Kosovo? Wie sehen die jeweiligen Menschen das Glück?

„Dramatisches aus der Zentralschweiz – Schatzi, a je mirë? – im Werkstattgespräch werden dieses Fragen vertieft und der Entstehungsprozess des Stückes diskutiert.

Zeit: Montag, 29. Mai 2017, 21.15 (im Anschluss an die Aufführung)

Ort: Voralpentheater Luzern

 

Wolken über dem Land

Mai 2017: Literarische Blicke auf die Türkei

Revolution, Putsch, Exil: Die Literatur der Türkei spiegelt seit fast hundert Jahren sämtliche gesellschaftlichen Umwälzungen wider. Und schon immer stellten sich Autoren den drängenden existentiellen Fragen, die an diesem Abend vorgestellt werden.

Vor dem Hintergrund der Ereignisse in der Türkei, den Verhaftungen türkischer Intellektueller stellt der PEN Schweiz seine Arbeit und seine Aktionen vor. Bei einem Streifzug durch die Literatur aus der Türkei hören wir Stimmen, die von Völkervertreibung erzählen, von der Erfahrung im Exil berichten, aber die Texte sind auch als verstörende Bestandsaufnahmen des Alltags zu lesen.

Mit Alice Grünfelder (Literaturvermittlerin), Yusuf Yesilöz (Autor).

Zeit: 27. Mai 2017, 17.00 Uhr

Veranstalter: Deutschschweizer Pen Zentrum

Ort: Solothurner Literaturtage

Opernrausch

 

So ein Quatsch, so verstaubt, mir schwante ein fader Abend, als er kam von wegen „Königin über Zeit und Raum“ und „Engel der Plicht“, der Werther, der seine Charlotte anhimmelt inmitten einer blonden Kinderschar, die jedem Kind ein trocken Stück Brot in die Hand drückt. Waren die wirklich allesamt blond?, frage ich mich gerade, klar, wenn die ältesten Schwestern es auch sind, hätte kein dunkles Kind da hineingepasst in die Familienidylle. Nein, nicht Idylle, die Mutter war ja gestorben, und noch am Totenbett hat Charlotte ihr versprochen, dass sie den Albert nimmt zum Mann, der aber gerade ein halbes Jahr auswärts arbeitet, vermutlich an seiner Karriere bastelt, denke ich mir. Werther aber, der erkennt sie, was die Männer nur immer meinen, in den Augen der Frauen zu erkennen. Und sie sagt zu ihm, an Weihnachten, das sei in einem halben Jahr, da solle er wieder kommen, sie jetzt aber in Ruhe lassen. Denn: die Pflicht!

Und der Werther, den zerreißt es fast vor Liebesqualen, dass ich ihm irgendwann seine verstaubten Floskeln nicht mehr übelnehme und es eine Freude ist, ihm in seinem Liebeswahn zuzusehen, wie er den Theaterboden auseinandernimmt, ein Brett nach dem anderen, um schon mal auszutesten, wie es sich so liegt im ewigen Bett. Der Dezemberhimmel legt sich wie ein Leichentuch über ihn, und er jammert und stöhnt.

Irgendwann steht Charlotte nur noch in Gummistiefeln und Wintermantel vor der schwarzen Bühne, wringt die Hände und windest sich, dass man nicht weiß, was sie da will und steht, und worauf sie wartet. Dann wird alles hell, und sie rennt zur Tür, und reißt sie auf, und der Werther fällt herein in die gute Stube und ein roter Blutfleck an seiner rechten Schulter. Draußen schneits, ach ja, an Weihnachten sollte er ja wiederkommen oder sie wollte es vielmehr, dass er wiederkommt, die „sich nicht vergessen wollte und darum ihn vergaß“. Und nun liegt er da und kann nicht mehr und verschwindet wieder – war wohl doch nicht so schwer verletzt? – und schickt Albert einen Brief, der soll ihm doch bitteschön seine Pistole für eine weite Reise leihen. Da holt er die aus dem Kasten mit dem Pendel, das unerbittlich und schon die ganze Zeit laut schwingt, jetzt aber gerade besonders laut, so laut, dass man es oben in der vorletzten Reihe im 2. Rang hört und ich nachschaue mit dem Fernglas, ob nicht unten im Orchestergraben jemand den Takt vorgibt, aber da ist niemand bzw. da sind viele, aber keiner, der dem Pendel den Takt schlägt, derweil oben auf der Bühne die Welt weitergeht und Charlotte für einen kurzen Augenblick den Pistolenlauf auf den Rücken von Albert richtet und probiert, wie es sich wohl anfühlt, wenn sie den Albert statt den Werther opfert, doch ihr Mann, als hätte er es gespürt, entreißt ihr die Pistole und drückt sie dem Briefboten in die Hand.

Auf Flügeln schwebt nun die Zeit davon, die hält sich fest an Zeilen, die Werther übersetzt hat. Wann er ihn den wecke, der Frühlingshauch, und Juan Diego Flórez gibt den Werther so gut und singt ganz ohne Kitsch und Pathos von diesem Frühlingshauch, der ihn doch bittesehr einfach schlafen lassen soll. Und dafür kriegt er Szenenapplaus – auch von mir –, und weiter geht’s mit dem Beben und Wehen und dem Sehnen und Nicht-Vergessen, Nicht-Verschmelzen können. Und Werther steht da mit seinem blutverschmierten Hemd und stirbt endlich. Punktgenau zum Schluss, als zwei alte Leute auf die Bühne kommen und leise tanzen.

Was für eine gefühlige Überspanntheit! Was für ein überdehnter Furor! Was für ein Bühnenbild! Großartiges Musiktheater im Hause Homoki, ein einziger Rausch.

Weitere Aufführungen im Opernhaus Zürich hier.

 

Der Sound bleibt

 

Es ist nicht immer ganz leicht,

nach Unterricht, Arbeitssitzung und Tramfahrten,

mit einem vollen Kopf und müden Ohren

zu einer Lesung zu gehen, Autorin und Moderator zuzuhören.

Da bleibt nicht viel, dieses Mal aber:

Emotionaler Jetlag.

Wünsche laut aussprechen.

Der Sound ist das, was nach der Lektüre bleibt.

 

Ich stelle mir vor, wie ich die Bücher in meinem Regal

nach Tönen sortiere, hier die grellen, dort die dunklen,

die mittleren, an die ich mich nicht mehr erinnere,

bringe ich in den Bücherkeller.

 

Gedacht und mitgenommen von der Lesung mit Kathy Zarnegin aus ihrem Buch Chaya.

Buchhandlung am Hottinger Platz, Zürich, am 29. März 2017.

 

 

 

Für alle, die unter Schüchternheit leiden

Dieses Palimpsest ist entstanden aus verschiedenen Textanfängen und Sätzen, über denen wir beim 3. Über-Kreuz-Workshop für Übersetzer und Lektoren von Kinder- und Jugendbuchliteratur gebrütet haben. Vermutlich werden nur die TeilnehmerInnen dieses Workshops den „tieferen Sinn“ dahinter verstehen und sich amüsisieren, aber sei’s drum. So viel Text-Recycling, Überschreiben und durch den Textwolfdrehen muss einfach sein.

Am frühen Morgen hatte ich die Luft knistern hören. Eine Nacht war vom Erdboden verschwunden. Der Wind heulte geisterhaft in den Bäumen, geheimnisvoll nah. Die plötzliche Kälte an meinem Rücken ließ mich zittern. Tief in meinem Innersten fühlte ich mich schwach und krank. Jemand kratzte an der Fensterscheibe. Was waren denn das für schräge Töne? Schritt, Schritt, Schritt, knarz, knarz, knarz. Ich erschauderte. Das Kratzen kam und ging mit dem Wind.

Ich schnupperte nach einem Geruch, einer Spur. Toblerone, ein metallischer Geruch von Blut, viele Mikroskope von hier entfernt, purer Mord für die Lungen. Es war die Gestalt im Abgrund, ein Gott mit einem Riss in der Hose, bespannt mit einem großen Segeltuch. Er musterte mich unverhohlen, dann grinste er breit und flirtbereit: „Willst du’n Kaugummi? Frisch gepflückt!“ Das Gesicht eines Gentlemans, vielleicht ist es ein netter Mensch. Schade, dass du nach Fisch stinkst, dachte ich. Eine Eule rief unheimlich „huhuu“.

Kaugummi? Es fühlte sich zu viel an und gleichzeitig nicht genug. „Wie bitte? Ich bin doch kein Wal“, schnauzte ich. „Ach so“, sagte er dümmlich. Ich trat gegen die Glaswand, aber die tat keinen Mucks. Noch nie war ich in meinem Leben so hungrig gewesen. „Essen ohne Giftköder, Lippenstift, Rouge, Wimperntusche, Nagellack und Scheißminischokoeier!“, brüllte ich. „Ne echte Sahneschnitte? Erdbeer! Deine Lieblingssorte! Und Pommes sind auch noch da!“, flüsterte er.

Ich wanderte mit dem Finger über seinen Bauch und spielte ein wenig an seinem Bauchnabel. Sein Kopf war schon ganz dick und rot. Seine Schnurrhaare zitterten. Ich ließ mich auf der Bettkante nieder, kleine Maus im rosa Nachthemd. Seine Zunge teilte meine Lippen, drückte den Kiefer der Frau auseinander. Ich habe meinen Mund für ihn geöffnet, ihn geschmeckt. Ich tat es, obwohl mir davon schlecht wurde, Ruß und Magensäure im Mund. „Das war jetzt aber etwas mehr als ein Kuss“, kicherte ich. „Ach so“, sagte er dümmlich.

Wir legten uns zueinander gewandt aufs Bett, das eigentlich eher eine große Holzkiste war. Überall lagen Muffinkrümel. Sieh mich an, sieh mich an, sieh mich an. Seine großen Augen waren starr und flehend. Langsam glitt meine Hand in seinen Slip. Schwacher Rauch ringelte aus dem Schornstein, zäh wie gerinnendes Blut. „Spürst du, dass da so etwas wie ein kleiner Knopf ist?“, flüsterte er. Es fühlte sich an, als wäre all sein Blut plötzlich in seine Hose geschossen. Mein lieber Scholli, nicht mal für ein eigenes Spiegelbild bist du groß genug, dachte ich. Ich rückte ihn ein bisschen nach rechts. Rückte ihn ein bisschen nach links. Dann grinste er mich an, superzufrieden mit sich selbst. Als ich mich ein Stück auf ihn zubewegte, glitt sein Mittelfinger in mich hinein, in mein tiefstes Inneres. (Wie ein Wurm, dachte ich noch, wie ein widerlicher kleiner Wurm.) Ich holte mein Klappmesser aus der Hosentasche und schlitzte den Stoff mit zwei schnellen Bewegungen auf, böses Schneewittchen. In seinem Blick dämmerte Verständnis: Großer Gott, hast du nun wieder vor? Ich arbeitete präzise, aber auch nicht gerade phänomenal, mit einer Effizienz, die eine geübte Hand verriet. Im Schritt. Und dann schrie er, lauthals, durchs ganze Labor.

Ich legte einen Finger auf seinen Mund. Er kaute auf seiner Unterlippe, drückte ein paar Tränen hervor. Die Tränen fielen von der kleinen, schiefen Kuhle an seiner Nase auf seinen schiefen Hals, aufgeschürft, rau und pink. Seine Haut wurde goldgelb. Ich legte die Fingerspitzen an seine Kehle, er fühlte sich tot an. Gerade gefallen. Ich bellte den Wachen den Befehl zu, den Leichnam zu holen: „Hopp! Toter Mann!“ Wachemann Eins, Führungskraft der Polizei, rollte ihn auf den Platz hinaus, am Waldrand lag eine kleine Polizeistation.

Das wuschige Gefühl ebbte allmählich ab. Die Sterne bewegten sich über mir. Mitunter ertönte ein Geläut von tausend Silberglöckchen, zarter als Luftblasen. Ka-Dunk! Ich merkte, dass ich immer noch seinen Penis in der Hand hielt.

Zusammengestellt von Thomas Weiler. in memoriam Looren Über Kreuz, 7.-11. April 2017

Gehört und gesponnen

 

Zeige- und Mittelfinger in eine Denkfalte legen,

wenn Bedeutendes in Gedanken vorformuliert wird.

Beim Denken zusehen.

Zeilen später stöckelt eine Frau

zwischen Rauchschwaden über Toteninseln,

werden Sehnsuchtsblicke nach Costa Rica

über die Donau geworfen,

weil der Himmel derselbe ist,

denn endlich ist nie.

 

Aufgeschnappt und weitergesponnen nach einer Lesung dreier Lyriker: Svenja Herrmann, Ernst Halter, Pierre Alain-Tâche und sein Übersetzer Markus Hediger, Autoren des Wolfbach Verlags.

 

Comicwelten

Für mich war es das erste Mal. Mehr als 1000 Einsendungen sichten an nur einem Tag. Mir grauste vor der Fülle, vor möglichen Wiederholungen, davor, den einzig, wirklich guten Comic vor lauter Comics nicht zu sehen. Am meisten überrascht haben mich die Einsendungen der Kinder – weil sich da die Fantasie noch am ehesten unverbraucht und unbeeinflusst auslebt?

Sébastian Friedberg (*2000, FR)

«Welten» – ein weites Feld, entsprechend viele Einreichungen gab es beim diesjährigen Fumetto-Comic-Wettbewerb, der nun schon zum 26. Mal ausgeschrieben wurde. Welten und ihre Bilder waren gefragt, Welten, in denen wir leben, aus denen wir uns manchmal fortwünschen und Wunschwelten.

In der «Kinder-Kategorie» (bis 12 Jahre) erstaunte die Vielfalt sowie die Komplexität so mancher Geschichte und die Antwort auf die Frage: Welche Welt ist denn nun die bessere – die, in der wir leben, oder die andere? Viele Geschichten endeten zwar damit, dass es zu Hause immer noch am schönsten ist, doch so manches Mal schnitt die eigene Welt im Vergleich nicht unbedingt besser ab, und manchmal braucht es nicht viel, um das Leben in einer anderen Welt für diejenigen, die dort leben, ein bisschen angenehmer zu machen.

Nur wenige träumten sich hinweg in eine andere Welt, was in der Kategorie 13-17 Jahre schon ganz anders aussah. Hier überwogen die epigonal anmutenden Science-Fiction-Szenarien, umso stärker leuchteten dann die Storys auf, die sich davon abhoben: ein Junge stürzt sich gegen den Willen der Eltern in eine Karriere als Gitarrist, ein anderer, der im Rollstuhl sitzt, träumt von einer Fußballkarriere, in einem Comic wird der Exportartikel «Freiheit» gegen Öl eingetauscht und Umweltkatastrophen werden heraufbeschworen.

In der dritten Kategorie, ab 18 Jahren also, hätten die Welten nicht variantenreicher ausfallen können, so dass die Nominierung schwerfiel. In einem Comic spielte ein Haarföhn die Hauptrolle, in einem anderen ein Flüchtling, der sich endlich emanzipiert und lustvoll seiner Opferrolle entledigt. In einem aufwendig hergestellten, comicartigen Scherenschnitt wurde die Schweizer mit der arabischen Welt verglichen – um nur einige Beispiele zu nennen, die mir neben vielen anderen in Erinnerung geblieben sind.

Gerade in der dritten Kategorie schlägt sich die Internationalität der Wettbewerbsteilnehmer nieder. Aus 58 Ländern wurden 997 Arbeiten eingereicht. Und dass Comic längst kein altersspezifisches Genre mehr ist, zeigen nicht zuletzt dieses Zahlen: Die jüngste Teilnehmerin war 4 Jahre alt, der älteste Teilnehmer 74.

Ausstellung der Sieger und Nominierten: Kunsthalle Luzern, 1.-9. April 2017, 10-20 Uhr.
Partner: Der Wettbewerbspartner Comundo zeigt seine Comic-Favoriten im Mai 2017 im Luzerner Romero-Haus.