Verschiebungen

Lektürenotiz zu Bae Suah Weiße Nacht

In Kreisen sei dieser Roman angelegt, zirkulär funktioniere er, lese ich in Rezensionen, bin gespannt und merke, es sind nicht Kreise, sondern Halbkreise, die auseinandergeschnitten und leicht verschoben wieder aneinandergesetzt werden. Das gilt für Szenen aus dem Hörtheater in Koreas Hauptstadt Seoul, das bald geschlossen wird; für die Gespräche zwischen Ayami und ihrer Lehrerin Yomi – die später womöglich in einer einzigen Person aufgehen, zumindest fransen die Konturen der Figuren so aus, dass sie sich übereinanderlegen –; für Beobachtungen, die sich leicht verändert wiederholen. Als ich das erste Mal so eine Szene lese, meine ich, mich „ver-lesen, ver-sehen“ zu haben, blättere zurück: „Im Innern des hell erleuchteten Busses saßen einige Frauen um einen Tisch herum, jede von ihnen in die Lektüre eines Buches vertieft. In der dunkelsten, hintersten Ecke der Rückbank saß ein Mann in einer Mönchskutte, die Augen geschlossen.“ Und das Verrückte ist: So absurd diese Szene ist, so deutlich habe ich sie vor Augen und warte gespannt darauf, wann die nächste Verschiebung kommt. So verträumt dieser Roman auch wirkt, die Übergänge zwischen Tag und Nacht, Gestern, Heute und Morgen auch sind, so gegenwärtig ist dieser Roman. Nicht etwa deshalb, weil gegen Ende ein deutscher Krimischreiber namens Wolfi auftaucht. Sondern?

Weil diese flirrenden Parallelwelten, Zwischenwelten auf herbe Realitäten prallen. Immerhin verliert Ayami ihren Job, lebt höchst prekär, hat noch nicht einmal Platz für einen Ventilator, ist auf der Suche nach einem Gegenüber, den sie vielleicht im ehemaligen Direktor des Hörtheaters findet, doch dann lösen sich die beiden langsam auf. Ich gehe mit ihr durch das nächtliche Seoul, begleite sie auf ratlosen Spaziergängen, sehe zu, wie ihre Welt verrutscht, „der Verkehrslärm wie ein brennendes Gerstenfeld„. 

Sprachlich ist dieses Vexierbild von Seoul in ein überzeugendes, sinnliches und doch leichtes Deutsch von Sebastian Bring gebracht worden, sodass ich mich gern von dieser sensorisch reichen, phantastischen und durchaus rätselhaften Geschichte tragen lasse.

Bae Suah: Weiße Nacht. Aus dem Koreanischen von Sebastian Bring. Suhrkamp Verlag, 2021, 160 Seiten.

Eine weitere Rezension mit Korea-Bezug ist auf literaturfelder zu einer Ausgabe des Korea-Forums zu lesen.

Schrei doch!

Wenn ein Text eine Reise antritt, bin ich nervös, bin ich ich unsicher, weil ich nicht weiß, was wird. Nun wurde aus einem Text über eine junge Frau einer, der aus mehr als 1000 ausgewählt wurde und unter die letzten 40 Texte kam – auf die Longlist aber nur. Immerhin. Etwas muss also an der Geschichte gewesen sein, dass sie aufhorchen ließ. Nur schon das freut mich.

Worum es ging? Um den 27. Deutschen Kurzgeschichtenwettbewerb unter dem Motto: SCHREI ENDLICH! „Schreien soll helfen, und deshalb verstehen wir diesen Kurzgeschichtenwettbewerb als Projektionsfläche für all die Schreie, die nötig sind, bislang ungehört sind, gegen all die unverständlichen Phänomene des Menschseins. SCHREI ENDLICH! Schrei! – so polemisch oder böse oder glücklich wie du kannst – gegen oder für das Verlassenwerden, das Einsamsein, das Glücksgefühl auf dem Gipfel, die Ungerechtigkeiten in der Coronakrise, die neue Liebe, Arbeit, Haus, Urlaub. Schrei!“

Und deshalb habe ich mitgemacht.

Scham – oh weh?

Ein Scham-O-Mat als Erinnerungsarchiv

Die Idee und Installation ist bestrickend: In einer Kabine sitzen sich zwei gegenüber, corona-bedingt getrennt durch eine Scheibe, und lesen sich Scham-Geschichten vor. Aber keine fiktiven, sondern Texte, die im Laufe von Monaten in verschiedenen Kulturkreisen (Russland, Pakistan, Schweiz) gesammelt wurden. Weil mich diese Geschichten unentwegt beschäftigten, traf ich mich mit Trixa Arnold – der Co-Initiatorin – zu einer kleinen Schifffahrt über den Zürichsee zu einem Gespräch.

Ausgangspunkt für die Entwicklung des Scham-O-Maten war die Theaterbühne, so Trixa Arnold. Ihr Mann, Co-Initiator und Schauspieler Ilja Komarov, hat ein Programm rund um das Thema Scham konzipiert. Nach der Vorstellung erzählten Zuschauer von eigenen beschämenden Erlebnissen.

Die Texte für die Installation erhielten die beiden über die Scham-O-Maten, Kabinen, die mit einem Aufnahmegerät und einem Briefkasten ausgerüstet waren und an diversen Orten aufgestellt wurden. Es gab leichte und lustige Geschichten, aber auch „schwere“ über Missbrauch und Gewalt. Überarbeitet wurden die eingereichten Texte nur wenig, Trixa Arnold wollte sich auf jeden Fall an den Duktus halten, die Texte keinesfalls überschreiben. Sie wurden verdichtet, Redundanzen gestrichen, ins Präsenz gesetzt. Manchmal gab es Lücken in den Texten, und je schwerer die „Fälle“ waren, desto umständlicher wurde erzählt, gelegentlich in die 3. Person gewechselt.

Verblüffend klar treten die Kategorien der Scham zu Tage: die schichtspezifische Scham, der Klassimus, sich aufgrund der finanziellen Situation etwas nicht leisten können, Armut. Die körperliche Scham – in manchen Kulturkreisen rufen beispielsweise Schamhaare angewiderte Empörungsrufe hervor -, die erste Monatsblutung. Und die Scham aufgrund der Ohnmacht in einem Machtgefälle, dem man ausgeliefert ist.

Ein weiterer überraschender Aspekt ist die Einsicht, dass nicht nur Opfer Scham empfinden, sondern auch Täter, sie schämen sich für ihre Tat. Oder es gibt eine Fremdscham, man schämt sich für die Eltern, für die Freundin.

Wie nah Schuld und Scham beieinander liegen, ist ein Gedanke, der sich wie viele andere nach dem Besuch des Scham-O-Maten weiterspinnt. Es gibt durchaus eine Schnittmenge, sagt Trixa Arnold. „Es ist befreiend, von einem beschämenden Ereignis zu erzählen, selbst wenn der Scham-O-Mat kein Beichtstuhl ist.“

Auch zwischen Scham und Schande gibt es Berührungspunkte: Der gesellschaftliche Kontext bestimmt, was Schande ist, man wird von den anderen beschämt, die Scham wiederum wirft einen auf sich selbst zurück. Scham, so Trixa Arnold, könne gleichwohl auch ein Schutz vor Blamage sein, vor gesellschaftlicher Ächtung. So wurden uneheliche Kinder jungen Mädchen oft als Schande vor Augen geführt, um sie vor diesem beschämenden Schritt zu bewahren.

Für mich war der Scham-O-Mat eine unerwartete Möglichkeit, einen besseren Einblick in dieses komplexe und vielschichtige Thema zu bekommen, zu lesen und hören, worüber und warum Menschen sich schämen. Das mag banal klingen, und banal empfanden vielleicht manche Besucher:innen diese Installation, weil sie die Geschichten zu kennen glaubten. Andere wiederum erzählten sich endlich die eigene Scham vom Leib, wurden sie damit ein für allemal los.

Spannend wird die Scham dort, wo sie Potenzial freilegt. So erzählt Miriam Davoudvandi in der WOZ, dass sie die Ausgrenzung nicht etwa wegen ihrer Ethnie oder ihres Körpers so stark empfunden habe, sondern wegen des sozialen Milieus. Ob daraus eine Wut entstanden sei? „Wir hatten nicht das Privileg, wütend zu sein. Meine Eltern wussten, wenn sie aufmüpfig sind, könnten sie ihre Arbeit verlieren. Daran war ihre nackte Existenz geknüpft. (…) Ich selbst fühle immer auch Wut gegenüber den Realitäten unserer Welt. Aber manchmal fühlt sich auch das nach einem Privileg an.“

Solche Beschämungen können also Wut hervorbringen, Trotz und Stolz, könnten dazu führen, mehr Gerechtigkeit einzufordern, um unfaire Verhältnisse nicht weiter zu begünstigen, die beschämend sind. Dann wäre Scham nicht mehr länger nur ein Gefühl, das bestenfalls in die Privatsphäre abgedrängt wird.

Die Gedanken rund um Scham erhellen jedenfalls einige dunkle Schatten in uns und in der Gesellschaft, führen vor, wie beschämende Gefühle perpetuiert werden – und so gehen die Schamgeschichten in eine neue Runde: Ab dem 3. November 2021 gehen die Schamgeschichten als Performance „Schäm Dich!“ auf Tournee, zuerst in der Helferei Zürich, im Frühjahr 2022 im Theater der Roten Fabrik.

Genauere Termine sind auf der Homepage schaemdi.ch nachzulesen.

Adelheid Duvanels Sprengsätze

Duvanels Lust an widerständigem Schreiben zeigt sich in den 251 Geschichen, die in der Anthologie „Fern von hier“ versammelt sind; ihre Lust auch an leiser Provokation, an Verdichtung des schier Unausdenkbarem auf kleinstmöglichem Raum, die Lust auch, alles, was zwischen Licht und Schatten in solch einer Existenz möglich ist, aufzuspüren.

Und die Figuren erst! Sie flirren, schweben knapp über dem sogenannten festen Boden unter den Füssen, lassen sich nicht unbedingt verorten und und erst recht nicht bändigen.

Eine Rezension zu diesem Textband ist im literaturblatt.ch nachzulesen.

Mit scharfem Blick

Es war das Bellen der Hunde, das mich auf den taiwanischen Lyriker Cheng Chiung-ming aufmerksam machte. Entdeckt hatte ich ihn im Vorspann der Anthologie Kriegsrecht, die wie keine andere ein halbes Jahrhundert Literaturgeschichte Taiwans umfasst.

Diese Hunde lassen sich nichts gefallen, und das will viel heißen in einem Land, das de facto 40 Jahre unter der Knute einer Parteidiktatur lebte, in der zu Beginn, also Ende der 1950er-Jahre, die intellektuelle Elite dahingemordet, „weißer Terror“ verbreitet wurde. In Anlehnung an diese Zeit heißt auch der Titel der Lyrik-Anthologie „Gedanken in Weiß“. Brave Hund bellen nicht in dieser pechschwarzen Nacht, andere aber haben geknurrt und wurden dafür bestenfalls für Jahre eingesperrt, denn: „Ich muss einfach bellen“.

Cheng Chiung-ming, so schreibt es der Übersetzer Thilo Diefenbach im Vorwort, gehört zu den mutigsten, politisch engagierten Lyrikern Taiwans. Als Arzt hat er tief hineingeblickt in die Seelennöte der Menschen, die Schwermut darüber drückt sich in seinen Gedichten aus, die immer wieder auch in direkte Kritik umschlägt, denn: „Worte sind die schärfste Waffe“, lautet der Titel eines Gedichts. So wechseln sich auch seine Schaffensperioden ab, sind mal politisch grundiert, dann wieder lyrisch wie in „Schatten“, das der Übersetzer in gleich drei Variationen vorstellt. Ihm ist nach Kriegsrecht erneut eine Entdeckung zu verdanken, denn von Cheng Chiung-ming lagen bisher nur vereinzelt Übersetzungen vor.

Cheng Chiung-ming: Gedanken in Weiß. Gedichte aus Taiwan. Aus dem taiwanischen Chinesisch von Thilo Diefenbach. Iudicium-Verlag, 2019.

Ein Tag entleert sich

Als ob es das geben könnte: ein Sonntag in einer Großstadt wie Paris, und gleichzeitig das Gefühl einer alles ertränkenden Leere, allerorten anzutreffen, in Gesichtern, Straßenecken, Museen. Das war schon immer so mit mir und Paris; warum, weiß ich nicht, einmal mehr hat sie mich überfallen an einem Sonntag, und uralte wesenseigene Empfindungen überschwemmten mich wie aus dem Nichts. So habe ich sie niedergeschrieben, um sie wenigstens einmal festzuhalten – begriffen habe ich sie deshalb noch lange nicht.

Nachzulesen ist der ganze Text auf dem Blog von Manfred Lipp: Aus dem Alltag

Maiser = einer, der für andere auf den Feldern schwitzt

Lektürenotiz Fabiano Alborghetti Maiser

Vom Leben einer Auswandererfamilie, einer italienischen, die genauso gut die Geschichte einer anderen hätte sein können, eine Geschichte, die klingt, weil Fabiano Alborghetti sie in ein Langpoem gegossen hat. Sie erzählt von Ankunft, Sehnsucht und diesem ewigen Gefühl des Ausgeschlossenseins, erzählt davon in einem Singsang, einem langsamen, und trifft damit diesen intensiven Ton von einem Leben zwischen allem.

Zwischen Kühen und Schweinen, den harten Steinen auf den Feldern, ist auch kein Denken möglich an einen Alltag, denn Normalität gibt es nicht: die Initianten vom schwarzen Bach würden Menschen wie Bruno und seine Familie am liebsten fortschaffen. Und es ist auch kein Trost, dass diese Initiative zu 54 Prozent abgelehnt wurde, denn die andere Hälfte beäugt die Fremdarbeiter und ihre im Schrank versteckten Kinder noch immer mit Argwohn. So geht es bis heute, so ist es auch anderswo. „Es werden tausend Neue sein / die die Mehrheit anstreben / nach Beweggründen suchen / die Epochen studieren, um die Erinnerung zu befeuern / um mit dem Finger auf die da zu zeigen / und auf die Ungerechtigkeit / der Räume, übervölkert von Menschen, die nicht hier geboren sind.“

Hin und her gerissen zwischen dem Fehl am Platz sein, in dieser Schwebe zu leben, nicht zu wissen, wer man ist, nur zerrissen sein, antwortet der Bruder: „Niemand ist jemals nur ein einziges Leben.“

Die Eltern aber verschieben ihre Wünsche ein Leben lang auf morgen, zählen die Jahre – und können dann doch nicht zurück, weil sich das Dorf verwandelt hat, weil sie auch dort nicht mehr zu Hause sind, und das Dazwischen keine Heimat bietet. Im Alter, so jedenfalls ist es bei Bruno, der als junger Mann mit seiner Familie in den Norden zog, ist das Leben eingesperrt in seinem Kopf. Und die anderen fragen sich: Wie viele Kreuze hat er in seinem Leben getragen, waren es nicht genug?

Fabiano Alborghetti: Maiser. Aus dem Italienischen von Maja Pflug, Klaudia Ruschkowski; Limmatverlag, 2020, 224 Seiten.

Literaturtipps zu Taiwan

Mit Radio Taiwan International sprach ich über drei Bücher, die eine Lektüre lohnen, die indes unterschiedlicher nicht sein könnten: Die Erkundung Taiwans von Jessica Lee auf ihren eigenen biografischen Spuren, die gleichsam Einblick geben in die Tier- und Pflanzenwelt der Insel. Die Anthologie „Kriegsrecht“, die mehr als 40 Jahre Literatur umfasst. Und die Graphic Novel „Son of Formosa“, die anhand des Schicksals eines Jungen (so im ersten Band der vierteiligen Serie) die Geschichte Taiwans in Wort und Bild aufdröselt, bis aus dem Jungen ein Mann wird, der hinter Gittern landet. Nachzuhören ist das Gespräch auf RTI.

Von Töchtern und ihren Vätern

Gleich vorweg: Ich mag keine Sachbücher, lese nur selten welche, weil sie mich beraten wollen, und die Ratschläge aufdringlich und seitenlang zum Besten gegeben werden. Und nein, ich spreche nicht von Ratgebern, sondern von Sachbüchern zu sogenannten lebensrelevanten Themen.

Nur bei Susann Sitzler mach ich eine Ausnahme, weil ich weiß, dass sie mich nicht beraten, sondern erzählen will. Dennoch habe ich bei ihrem Buch über die Geschwister tatsächlich so etwas wie einen Rat bekommen, auch wenn mir nur schon die Formulierung „Und, was hast Du mitgenommen?“, die Frage nach der Take-Home-Message, auf den Keks geht.

Nun also geht es in ihrem neuen Buch um Väter und Töchter, um zehn Besuche auf dem Friedhof, wo sie die Urne ihres Vaters besucht (denn „seit er tot ist, kann ich mich ihm endlich gefahrlos nähern.“), nicht aber das Grab ihres Stiefvaters. Es ist ein „Beziehungsbuch“, so der Untertitel, und sie fächert die vielfältigen Beziehungen, die zwischen Vätern und Töchtern möglich sind, sensibel auf: Das reicht vom immerhin „Ersten Mann“ über „Sparring“ bis zu der ambivalenten Rolle des Zerstörers und Bewahrers – je nach Familie. Und wie frau sich an der lebenslangen Asymmetrie abarbeitet.

Es gefällt mir, dass sie nie etwas besser weiß als ihre Leser:innen, sondern einfach nur aufmerksam Gespräche führt, zuhört, behutsam Fragen stellt. Zwar untermauert sie ihre Einsichten mit Informationen aus Fachbüchern, flechtet diese aber eher unauffällig ein. Gleichzeitig ist es auch ein sehr privates Buch, denn beim erneuten Durchblättern stelle ich fest, dass bei ihrer Suche nach den verschiedenen Vater-Funktionen und den damit einhergehenden Problemen es wohl auch darum geht, ihren eigenen Vater besser zu verstehen, der ein Leben lang zwar an- und doch meistens abwesend war. Und was heißt das für ihr eigenes Leben? „Es ist das, was Erwachsensein auch bedeutet. Verantwortung zu tragen für die Schmerzen, die man anderen zufügt. Sich manchmal für sich selbst und gegen andere, auch wenn sie schwächer sind, zu entscheiden. Und auch dem anderen diese Verantwortung zuzugestehen.“ Vor dem Hintergrund dieses Satzes verstehe ich die Abschiedsszene zwischen der Autorin und ihrem Vater: auch hier wieder sehr persönlich, fast beneidenswert souverän.

Interessant sind die Ausführungen über die vaterlosen Töchter, spannend wird es, wenn Töchter von Vätern und ihrer späten Suche nach ihnen erzählen: von den Sockeln, auf die sie gestellt wurden, von den Traumhelden – und wie schmerzlich die Wahrheit ist oder wie frau damit leben muss. Susann Sitzler befragt auch viele junge Väter für ihr Buch, die für sich ein anderes Rollenmodell entwickelt oder intuitiv gefunden haben. Weshalb sich die zwölfjährige Helene von sich aus bei der Autorin meldet, weil auch sie etwas zu ihrem Vater sagen möchte. „Ich finde, ich habe einen unglaublich tollen Papa. Ich könnte mir keinen besseren vorstellen.“

So changiert das Buch gekonnt zwischen der persönlichen Auseinandersetzung mit dem eigenen Vater, kenntnisreichen Hinweisen aus Fachliteratur, zwischen der Schwere, die dem Vaterthema nicht erst seit Kafkas Brief an den Vater anhaftet, und der Leichtigkeit junger Väter.

Susann Sitzler: Väter und Töchter. Klett-Cotta, 2021

In der Rubrik Rezension finden Sie eine Besprechung des Buchs Geschwister, ebenfalls von Susann Sitzler.

Neue Literatur aus Taiwan

„Kriegsrecht“: Ein wenig martialisch mutet der Titel dieser Anthologie an, doch sie trägt ihn wohlüberlegt: Dem Herausgeber Thilo Diefenbach ging es darum, Texte zu versammeln, die sich im weitesten Sinn mit dem Kriegsrecht in Taiwan beschäftigen.

„Neue Literatur aus Taiwan“ trägt die Textsammlung im Untertitel und umfasst dreißig Texte, die zum Teil das erste Mal auf Deutsch vorliegen und ein halbes Jahrhundert widerspiegeln. Denn Taiwan befand sich nicht erst seit 1949 mit der Ausrufung des Kriegsrechts in einem Ausnahmezustand: Nach 50 Jahren japanischer Kolonialherrschaft ging 1945 die Insel wieder an die chinesische Republik, die sich damals im Bürgerkrieg aufrieb, nur um zwei Jahre später im Aufstand vom 28. Februar und deren Folgen in blutiger Agonie zu versinken. Als Chiang Kai-shek den Krieg gegen die Kommunisten verlor, floh er und mit ihm zwei Millionen Festlandchinesen nach Taiwan.

Auf dieser Folie – und das erklärt Thilo Diefenbach ausführlich in seinem Vorwort – sind die frühen Erzählungen entstanden, sie bilden weiter den wirtschaftlichen Aufschwung ab, die ersten Demokratisierungsbewegungen in den achtziger Jahren und reichen schließlich bis ins neue Jahrtausend. Sie indes nur als Widerspiegelung gesellschaftlicher Verhältnisse deuten zu wollen, wäre verkürzt, gleichwohl wird erst durch Literatur deutlich, was Fach- und Sachbücher über die jüngste Geschichte nicht auszudrücken vermögen: Wie ist es dem Einzelnen in diesen Wirren ergangen, wie hat er/sie überlebt? Welche eskapistischen Räume wurden eröffnet, welche Bilder verwendet, um der Realität einen Sinn abzuringen, sie zu überwinden, ihr etwas entgegenzuhalten? Das war je nach Zeit und Status des Autors unterschiedlich, zumal gerade in den ersten beiden Jahrzehnten der Militärdiktatur nur schon ein falsches Lied, eine falsche Melodie zur Unzeit gesungen einen ins Gefängnis und anschließend für Jahre auf eine der Gefängnisinseln bringen konnte. Erst recht eine „Friedenserklärung“ (Yang Kuei), die nichts anderes forderte, als dass Taiwan wieder Frieden findet. So durchweht die „Spätphase des Kriegsrechts“, so der Name des zweiten Teils der Anthologie, ein kalter Wind: erzählt wird von abgerichteten Kragenbären in einem Zwangssystem – „Gerüchte“ von Shu Chʼang –, von Spionen, Landesverrat, von einer spektakulären „Flucht in die Berge“ (Lee Chiao).

„Nach der Aufhebung des Kriegsrechts“ tritt Taiwan in eine neue Phase der Selbstfindung, so lassen sich die Erzählungen wie überhaupt die Literatur aus Taiwan nicht mehr monothematisch festlegen – und das ist auch gut so. Wer könnte schon in ein, zwei Sätzen zusammenfassen, was die Literatur aus der Schweiz, was deutsche Literatur im innersten Kern ausmacht? Seltsam genug, dass genau nach solchen Schlussfolgerungen gern gefragt wird. In dieser Nach-Kriegsrecht-Phase kristallisiert sich indes eine besondere Sensibilität für das Meer, die Welt der Ozeane, die Natur heraus, ohne dass den Autoren der Begriff Nature Writing bewusst gewesen wäre, den aber Taiwans Kulturvermittler bald schon in den Begriff Ozean-Literatur ummünzten und beispielsweise als Motto auf der Frankfurter Buchmesse 2019 einsetzten.

Neben Wu Ming-yi, der in der Anthologie zwar fehlt, seien Liu Ka-shing und Syaman Rapongan zu erwähnen, die mit zwei Textauszügen vertreten sind und ganz eigene Textpositionen einnehmen. In „Paradiesvogel“ erzählt Liu Ka-shing, wie eine Ringkiebitz auf einen Strand geweht wird und hier langsam stirbt. Das ist weder kindlich, erinnert auch nicht an europäische Fabeln, sondern der Autor beschreibt nüchtern beobachtend und Schritt für Schritt, wie sich der kleine Vogel gegen den Wind stemmt, wie der Sandsturm ihn jedoch langsam unter sich begräbt. In einer ausführlichen Nachbemerkung, die übrigens jede Erzählung begleitet, erfahren wir mehr über den Autor und seine Vorgehensweise, wie er Reisen und Naturbeschreibungen verflicht, gleichzeitig gesellschaftliche Entwicklungen reflektiert – und dies auf leise, gleichsam symbolische Weise, womit die Universalität der Themen verdeutlicht wird.

Syaman Rapongan, Angehöriger der Tao, ein Volk, das vor der Ostküste Taiwans auf der Orchideeninsel (Lanyu) lebt, geht in „Schwarze Flügel“ noch dichter ran, taucht ein in die Fischwelt, folgt den Fischschwärmen, bedroht von Raubfischen und den Fischer der Inseln. „Den fliegenden Fischen ist es bestimmt, Jagdbeute der großen Raubfische zu sein“ – damit ist nicht nur die Situation des Volkes der Tao gegenüber der Mehrheit der Han, Hakkas und Hoklas gemeint, sondern womöglich auch die Lage Taiwans in der Welt.

Thilo Diefenbach ist mit dieser Textsammlung – der dritten, die es auf Deutsch zur Literatur aus Taiwan überhaupt nur gibt – die Zusammenstellung eines funkelnden literarischen Panoramas gelungen, das vor allem durch die Auffächerung der thematischen Vielfalt überzeugt.

Thilo Diefenbach (Hg.): Kriegsrecht. Neue Literatur aus Taiwan. München: iudicium-Verlag, 2017

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Jade Y. Chen: Die Insel der Göttin

Wang Ting-kuo: Der Kirschbaum meines Feindes