Wortschatz

Schreibworkshops für Kinder

Leitung: Alice Grünfelder und Jaël Lohri.

Die Schreibwerkstatt «Wortschatz» will Kinder von 8 bis 12 Jahren, die nicht nur in der Schule gerne und überdurchschnittlich gut schreiben, sondern auch in der Freizeit, spielerisch, aber gezielt fördern.

Wir begleiten diese talentierten kleinen Schreiberinnen und Schreiber an drei aufeinander folgenden Nachmittagen auf der Suche nach ihrem je eigenen Wortschatz und helfen ihnen, die Kostbarkeiten zu bergen. Dabei sollen die Kinder jederzeit ihrer Freude am Umgang mit der Sprache Ausdruck geben und dabei ihr Sprachbewusstsein nachhaltig schärfen können.
Den Abschluss und Höhepunkt der Schreibwerkstatt bildet eine Präsentation der Arbeiten im Literaturhaus, zu der die Kinder ihre Eltern, Verwandten und Freunde einladen können.
Anmeldung und Informationen im www.aargauer-literaturhaus.ch
Nächster Termin: 24.4.-26.4.2019

Fotos und Texte vom letzten Workshop im April 2015:

Rondells

Er schaute zu den Vögeln.
Er wollte auch so hoch oben sein.
Er schaute zu den Vögeln.
Er war noch zu klein, um zu fliegen.
Er hatte Sehnsucht nach dem Himmel.
Er wollte auch über Städte fliegen.
Er schaute zu den Vögeln.
(Noe, 10 Jahre)

Du irrst dich, wir hätten viel erreichen können.
Doch du warst zu müde.
Du irrst dich, wir hätten viel erreichen können.
Doch du hast aufgegeben.
Doch du hattest nicht genug Mut.
Doch du wolltest nicht mehr.
Du irrst dich, wir hätten viel erreichen können.

Nein, das ist inakzeptabel.
Ich mache nicht mit.
Nein, das ist inakzeptabel.
Ich habe es mir lange genug überlegt.
Es kann nur schief gehen.
Ich habe mich entschieden.
Nein, das ist inakzeptabel.

(Beide Rondells von Malin, 10 Jahre)

Nächster Termin: April 2017

Wenn nichts mehr geht … oder doch?

Wien? Ohne Wien.

Wien? Welches Wien?

Wien? Verrutscht.

Wien? Ausgeblutet.

Wien? Eine Unwirklichkeit.

Wien? Zerschunden.

Wien? Leergeräumt. Ein Tosen oben, ein Dröhnen unten, dazwischen Stille. Scherbenwelt, Trümmerbruch, Geisterstadt. Alle Regeln aufgehoben, keine Stadt, keine Gesetze.

So oder so ähnlich beginnt Autolyse. Erzählungen vom Ende von Karin Peschka. Was auch immer geschehen war, es hatte viel Schaden angerichtet. Auch in der Wohnung einer Rentnerin, die trotz bester Vernetzung im Alter, trotz Smartphone und Internet nun eingesperrt auf ihren Tod wartet. Denn „draußen nach wie vor Getöse, vom Himmel fallende Wut.“ Der Brand fegte durch Straßen, höhlte Häuser aus. Autos liegen quer übereinander, die Alarmanlangen verstummten erst nach ein paar Tagen, die Warnblinkanlagen erlöschten irgendwann. Zwischen Brüchen und Rissen flackert das Straßenlicht.

Was ist passiert?, will eine andere wissen, steigt aus dem Auto, und plötzlich bewegt sich der Boden, ein Ruck, sie stürzt. „Darüber ein gelblicher Himmel mit blauroten Lücken.“ Ein Kapitän fährt auf dem Fluss hinein in die Stadt, in ein Dunkel – wo einst optische Verschmutzung den Himmel hell erleuchtete, flockt nun der Nebel, das Ufer ist wenig mehr als eine Skizze. Ein anderer hat vier Finger verloren, weil ein Fassadenteil direkt auf seine Hand fiel, glatter Schnitt. „Trümmerte es, polterte und hallte nach. War wieder still. So ging es die ganze Zeit.“

Katastrophenvorsorge versagt angesichts dieses überwältigenden Etwas, das keine der Figuren in Worte zu fassen vermag. Ein Mäandern um die konkrete Benennung, und jeder nennt es anders. Zumal man damit beschäftigt ist herauszufinden, wie man mit (dem) Nichts überlebt. Und die irrlichterne Hoffnung, dass es nur ein schlechter Traum sei, dass schon bald Flugblätter abgeworfen werden würden, die einem sagen, wohin, mit Überlebenspaketen an kleinen Fallschirmen.

Die anderen? Menschen schon auch, aber selten, sie irren herum, eine aussterbende Spezies. Aus dem Rauch der Stadt ertönt fernes Hundegebell. Tiere erobern sich die Stadt zurück, hausen in Ruinen wie in anderen Katastrophengebieten, nachzulesen auch in Adolf Muschgs neuem Roman Heimkehr nach Fukushima. Dort sind es Wildschweine, die sich in einem Haus niedergelassen haben und es gegen die Rückkehrer verteidigen.

Die Tierwelt ist bei Karin Peschka nicht nur Begleiterscheinung, sondern Kommentar zu menschlichem Versagen. Einer stellt um des Überlebens willen Fallen auf, dreht einem Vogel rasch den Hals um, bevor das Geschrei den Aufenthaltsort verrät. Anderswo sind die Aquarien in einer Tierhandlung zerbrochen, die Tiere verenden in den Scherben, Reptilien sind geflohen.

In der längeren Erzählung „Ich“ wühlt sich jemand durch die Stadtlandschaft, zuerst auf der Suche nach Medikamenten gegen eine Autoimmunerkrankung, später nach Möglichkeiten der titelgebenden Autolyse, „denn wenn es niemanden mehr gibt, der dich begraben kann, musst du dich selbst darum kümmern.“ Zuvor aber die Krankheit besiegen, ein Geflecht aus Gängen durchwuchert den Körper, krampfige Schmerzen, eine Faust im Oberbauch, damals gab es noch Hausärzte und Spritzen, doch es wurde trotzdem alles schlimmer, dann aber Rettung, und die Krankheit ebbte ab.  Jetzt aber war ohnehin alles gleichgültig, das Überleben ungewiss, ein Experiment vielleicht nur diese Katastrophe.

© Taha Alkadhi

Karin Peschka verweist mich in eine Düsternis, die zu durchringen reizvoll ist, weil sie sprachlich virtuos glitzert. Das erste Mal ist mir die Autorin mit zwei Texten in der Anthologie „Die Sachensucherin“ aufgefallen. Dort war es ein Traktorfahrer, in dessen Dreck eine Motorradfahrerin ausrutscht. Ein kurzer, harter Aufprall – die Sätze knallen beim Lesen im Ohr. Und Tiere bilden eine seltsame Kulisse, als seien sie das Fragezeichen zum Text. In „Am Morgen, am Pier“ entblösst sich gleichsam die Stadt, denn ein nackter Mann liegt da und fordert Aufmerksamkeit ein. Später dann freute ich mich, dass „Wiener Kindl“ – der dritte Teil von Autolyse Wien -, 2017 mit dem Publikumspreis des Ingeborg-Bachmannpreises ausgezeichnet wurde. Ein Kind überlebt in den Ruinen Wiens, vergessen, verlassen von seiner Familie, aufgenommen in ein Rudel Hunde – kein Text, der einem breiten Publikumsgeschmack entspricht, möchte man meinen, deshalb freut mich der Preis umso mehr, denn er unterschätzt nicht mehr länger das Publikum, von dem so viele Verlage behaupten, sie wüssten, wie es ticke.

„Ich habe in meinen Texten den Hang zum Dunklen, mich interessieren Grenzerfahrungen“, sagt Karin Peschka in einem Interview. Das ist aber nicht alles, warum nur habe ich beim Lesen das Gefühl, die Autorin will dem Dunkel etwas Licht abringen?

Wien? Ausgelöscht. Das einzige Licht von einem fernen Vollmond.

Karin Peschka: Autolyse Wien. Erzählungen vom Ende. Otto Müller Verlag, 2017

Die Bühne muss stimmen!

© Chris Marogg

„Geschichten mit zu viel Harmonie sind langweilig“, sagt Petra Ivanov bei einem Vortrag über ihr Schreiben an der Universität Zürich. Während sie erklärt und zeigt, wie ihr neuester Krimalroman Alte Feinde entstanden ist, ploppt bei mir eine Frage nach der andere auf, die Petra Ivanov ein paar Wochen später beantwortet.

Du hast erzählt, dass das Schreiben eines Buches mit einer Bühne beginnt, das heißt, Du wählst einen Ausschnitt, einen Ort, suchst Dir dann die Figuren zusammen. Steht also am Anfang der Ort, der Dich inspiriert? Oder ist es ein Thema, das Dich nicht mehr loslässt? Du hast auch gesagt, nur schon beim Hören von „Echo der Zeit“ kämen Dir mindestens drei Buchideen in den Sinn.

Die Bühne muss nicht zwingend ein Ort sein. Sie besteht aus Fakten. Diese können einen Ort betreffen, genauso juristische Abläufe oder eine politische Situation, das taktische Vorgehen der Polizei, die Motive der Figuren und so weiter. Ganz am Anfang steht für mich das Thema. Ich suche Informationen zusammen, besuche Schauplätze und Institutionen, lese Fachbücher, spreche mit Beteiligten. Auf diese Weise baue ich die Bühne. Wenn ich das Gefühl habe, dass sie stabil genug ist, lasse ich die Figuren auftreten und beobachte, wie sie aufeinandertreffen.

Wie findest Du Deine Figuren?

Bei Serien sind die Hauptfiguren bereits vorhanden, ich kann höchstens von Buch zu Buch den Schwerpunkt verlagern. Die Figuren, die jeweils neu dazu kommen, entwickeln sich aus dem Thema / entstehen hingegen aus dem Thema heraus. Meist spüre ich beim Recherchieren, wer im Mittelpunkt der Geschichte stehen wird / um wen eine Geschichte kreist. Ein Beispiel: In Alte Feinde spielt der Amerikanische Bürgerkrieg eine wichtige Rolle. Das Mordopfer, Albert Gradwohl, setzt sich mit seinem berühmten Vorfahren Heinrich H. Wirz auseinander, der im Bürgerkrieg gekämpft hatte. Es war mir von Anfang an klar, dass Gradwohl der Aufhänger sein musste, ein Mann im Ruhestand, der nach seinen Wurzeln gräbt. Das passte einfach. Sein Wesen wurde immer konkreter, irgendwann verstand ich, was ihn antrieb.

Wie realistisch muss ein Krimi sein, wie nah darf er an das Geschehen ran?

Für mich gibt es keine Regeln. Ich schreibe das, was ich auch gerne lese. Wenn ich mich auf ein Buch einlasse, möchte ich etwas Neues erfahren, eine Reise erleben, die mich erfüllt und zum Nachdenken anregt. Stimmen die Fakten nicht, fühle ich mich getäuscht / betrogen. Hinzu kommt, dass mich Ungereimtheiten ablenken, was der Spannung abträglich ist. Das bedeutet nicht, dass ich Fantasy oder Science-Fiction ablehne. Ganz im Gegenteil. Die Geschichten müssen in sich stimmig sein. Wie realistisch ein Krimi ist, hängt auch mit dem Thema, den Figuren oder dem Plot zusammen. Manche Geschichten verlangen Details, andere nicht.

Wie verarbeitest Du Fakten in Deinen Büchern? Das ist ja eine ziemliche Gratwanderung, zu viele Informationen beschweren den Text, und doch benötigen die LeserInnen eine gewisse Hilfeleistung.

Das finde ich das Allerschwierigste. In Alte Feinde habe ich einen Erzählstrang eingebaut, in dem ein Revolver im Mittelpunkt steht. Er wechselt in jedem Kapitel den Besitzer, die LeserInnen erleben unterschiedliche Seiten des Bürgerkriegs, ohne dass ich viel erklären muss. In anderen Büchern sind es die Figuren selbst, die auf einem bestimmten Fachgebiet tätig sind oder bestimmte Ansichten vertreten, die sie in Dialogen äußern. Auch die Menge an Informationen sind Geschmacksache. Manche LeserInnen interessieren sich eher für die Handlung, andere wiederum auch für die Hintergründe.

Du warst viele Jahre Journalistin, was hat Dich bewogen, Bücher zu schreiben?

Ich bin der Meinung, dass man Menschen mit Büchern anders erreicht als mit journalistischen Texten. Wenn wir einen Roman lesen, nehmen wir uns die Zeit, uns in Figuren hineinzuversetzen. Wir sind bereit, ihre Sichtweise zu verstehen, auch wenn wir sie nicht billigen. Dadurch nehmen wir Fakten anders auf, wir sind empfänglicher und toleranter. Schwierige Themen lassen sich so leichter vermitteln.

Was ist für Dich am schönsten beim Schreiben?

Meine Grenzen zu sprengen. Dinge zu erleben, die ich im Alltag nie erleben würde, weil ich zu ängstlich, zu bequem oder zu vernünftig bin.

Info: Auf der Website von Petra Ivanov finden Sie aktuelle Informationen zu ihren Büchern und Terminen. Und hier gehts zu ihren Büchern beim Unionsverlag.

Palmen Wolken

Inselleben

Insel Koh Tonsay (Kambodscha, August 2018)

Umgeben von rauem Meer, unzuverlässig, zornig, launisch – Wellen, die immer wieder gegen den Sandstrand schlagen, sich zurückziehen, von Neuem ausrollen, ein einziges Vor und Zurück, eine einschläfernde Bewegung, die endlos, ewig, uralt erscheint und schon immer war, bevor es den Menschen gab. Und nachmittags peitscht der Monsun über die Insel, wühlt das Meer erneut auf, zerzaust die Palmen. Der Horizont ist nicht unendlich, die Inseln sind mal scharf gezeichnet, mal undeutlich wie eine Ahnung, die größere könnte die vietnamesische Insel Phu Quoc sein.
Wind und Wasser also.

An den Hängen der Insel zieht sich der Dschungel hinauf, erdrückt alles unter sich mit feucht-fingrigen Ästen. Zwischen den Hügeln Palmhaine. Und unten am Strand Bungalowanlagen. Nur zwei von sechs sind geöffnet um diese Jahreszeit und zwei Restaurants mit ähnlichen Speisekarten.

Die kleine Anlage am Ende der Bucht wird von einem Geschwisterpaar geführt, so scheint es, aber ich bin mir nicht sicher, der Schein kann genauso gut trügen. Was weiß ich schon? Stühle und Tische stehen in Gruppen unter Mangroven, abends wird ein dezentes buntes Licht eingeschaltet. Als einmal die Sonne ein wenig zwischen den Wolken hindurchblinzelt, taucht ein Dritter im Bunde auf, einer mit einer leichten Gehbehinderung, der die Bestellungen aufnimmt, denn Englisch sprechen die anderen beiden nicht, sie verstehen nur das Notwendigste. Am letzten Tag kommen – vermutlich des Wetters wegen – Einheimische, die offensichtlich der Inselküche misstrauen und ihr eigenes Essen mitgebracht haben. Kein Tosen, kein Sturm, kein Gewitter hindert sie daran, sich in die Wellen zu werfen – schwimmen können sie alle nicht.

Die anderen Touristen bleiben in der zweiten Anlage, bei Simone, der Inselkönigin, die jeden sofort anspricht, umarmt, drückt, die Hand reicht – Kundenbindung herstellt, auch mit den Tagesausflüglern, die das Fährboot morgens bringt. Hier aber hockt man hinter Plastikplanen, an denen der Wind so heftig zerrt, dass eine Unterhaltung kaum möglich ist. Hockt auf Plastikstühlen an roh gezimmerten Tischen, und alle linsen hinaus oder zur Seite hin oder zwischen den Planen hindurch, als ob es da draußen etwas anderes zu sehen gäbe als das Meer, als ob sich Wunder was ereigne, aber es ist nur das ewiggleiche Rauschen und Rollen der Wellen.

Wir wohnen etwas abseits, der Besitzer musste am Tag unserer Ankunft erst überzeugt werden, uns einen Bungalow zu vermieten, denn die meisten seiner Hütten waren abgedeckt mit blauen Plastikplanen. Er liegt den ganzen Tag mit seinem Handy in der Hängematte, immer mal wieder kommen Männer vorbei, am Anfang saß noch eine Frau bei ihm, die stickte und teilte nachts mit ihm die Matratze.

Weiter hinten bei den Enten wohnen die Masseurinnen der Insel, die Touristen für 5 Dollar massieren würden, wenn denn welche kämen und Lust dazu hätten. Meistens aber sehe ich sie untätig neben ihren Matten sitzen und warten. Um 15 Uhr packen sie ihre Utensilien zusammen und gehen wieder zurück zu ihren Entenhäuschen. Was sie wohl tun? Sich ihre Träume erzählen?

Die neuen Seidenstraßen

Geoökonomischer Machtpoker: Bieten die Wirtschaftskorridore entlang der alten Seidenstraßen Alternativen zu herkömmlichen Handelsbeziehungen oder will China einfach nur seine Vormachtstellung in der Welt ausbauen? Der Publizist Uwe Hoering analysiert in seinem Buch Der Lange Marsch 2.0.. Chinas Seidenstraßen als Entwicklungsmodell die ökonomischen Hintergründe dieses gigantischen Masterplans. Eine längere Rezension seines Buches ist auf www.kritisch-lesen.de nachzulesen, eine kürzere Besprechung in der NZZ.

Übers Schreiben

fluss mit vogelschwarmWarum ich schreibe, was mich umtreibt und wichtig ist – das haben Dana Grigorcea und Perikles Monioudis aus mir herausgekitzelt. Diese Fragen habe mich ganz schön in die Enge getrieben und dazu angeregt, mir über mein eigenes Schreiben einmal Gedanken zu machen.

Ihre Fragen und meine Antworten sind hier nachzulesen.

 

Nicht mehr länger stumm

Frauen aus Nepal erzählen – und sie erzählen in einer Weise von alltäglichen Kränkungen und Diskriminierungen, die rühren und erschrecken.

Peinlich ist es, auf einer Schulbank zu sitzen und nicht zu wissen, was da aus einem herausrinnt; das Mädchen weiß es nicht, weil niemand es über die Menstruation aufgeklärt hat, nicht einmal die eigene Mutter. Noch schmerzlicher wird dann die Erfahrung, als Blutende temporär ausgestoßen zu sein, nicht an Festen teilnehmen zu können, dieses und jenes der vermeintlichen Unreinheit wegen nicht in die Hand nehmen zu dürfen, die blutigen Binden nachts im Hof waschen zu müssen, damit frau nicht gesehen wird.

Auch das Problem, nur Frau, nur Tochter zu sein, nur Töchter geboren zu haben, lastet auf Generationen von Frauen – und führt zur harschen Zurückweisung selbst innerhalb der eigenen Familie. Schließlich können die Ahnenrituale nur von Söhnen richtig ausgeführt werden, und die Tochter geht nach der Heirat ohnehin aus dem Haus, warum sich also Mühe geben mit der Erziehung? Unverständlich nur, dass Frauen, die selbst unter diesem Schicksal litten, kaum weniger nachsichtig sind. Die Autorin Sharmila Khadka erklärt: „Sie behandelten ihre Töchter genauso, wie sie von ihren Müttern behandelt worden waren. Weil sie wenig Selbstvertrauen hatten und unfähig waren, Entscheidungen zu treffen, blieben sie von anderen abhängig.“

Vom sexuellen Missbrauch durch nächste Verwandte wird erzählt, von grundlegenden Benachteiligungen selbst in kleinsten Dingen, und von einer Scheidung, denn wohin soll eine Frau, wenn der Mann sich scheiden lassen will? Die Frau ist lediglich eine Marionette, schreibt Usha Sherchan: „Diese unsichtbaren Haken / Obwohl ich sie abreißen möchte / Kann ich sie aber nicht abreißen / Obwohl so sehr vom Tanz ermüdet / Bin ich gezwungen, weiter zu tanzen / Obwohl ich so sehr vom Leben ermattet bin / Bin ich zum Weiterleben verdammt.“

Auch wenn der Klappentext es anders verspricht, so ist nur wenig von Selbstbestimmung und Hoffnung die Rede, wenngleich so manche der Autorinnen sich all ihren Mut kraftvoll zusammenschreibt. Auf diese Weise enstand eine bildreiche Lebenscollage, an der 12 nepalesische Frauen mitgewirkt haben.

Benachteiligungen von Frauen in solcherart patriarchalischen Gesellschaften wurden in Reportagen, Romanen und Kurzgeschichten bereits variantenreich aufgearbeitet. Was bei diesen Lebensgeschichten allerdings überrascht und auch beabsichtig ist, so die Herausgeberinnen und Übersetzerinnen Johanna Buß und Alaka Atreya Chudral, ist die Rohheit. Hier wurde nichts für eine westliche Leserschaft aufpoliert, daran kann man sich stören wie an so manch ungelenker Formulierung, doch es sind letztlich Unmittelbarkeit und Offenheit der Texte, die bestechen und gänzlich unvermutet treffen.

Johanna Buß und Alaka Atreya Chudral: Auf der Suche nach dem eigenen Sein. Frauen aus Nepal erzählen. Draupadi-Verlag, 2018, S.118

 

Tschoir – ein Unort

Die Silbe mitsamt der Konsonanten hart ausstoßen und wieder einsaugen – das könnte der korrekten Aussprache dieses Ortes nahekommen; der Reiseführer empfiehlt, nur zum Tanken anzuhalten, mehr sei hier nicht zu sehen. Dieser Unort also, wie ich ihn für mich nenne, wird an diesem Freitagnachmittag heftig aufgewühlt von lauwarmen Sturmböen, die Staub und Plastiktüten vor sich hertreiben, erst recht zwischen den flachen Nebengebäuden des örtlichen Krankenhauses. Dort werden wir empfangen vom Gesundheitsverantwortlichen des hiesigen Aimag, der sich jedoch wegen weiterer Verpflichtungen sogleich entschuldigt, dem Chefchirurgen, dessen rechte Hand seltsam zuckt, und dem IT-Spezialisten des Krankenhauses.

Im Ort fallen die älteren Häuser auf, weil sie einen Holzanbau haben und die Fensterrahmen auf eine Weise gefertigt sind, wie man sie in Europa kennt. Dies ist vermutlich zurückzuführen auf die Russen, die weiter nördlich einen unterirdischen Flughafen für ihre Kampfjets angelegt hatten. Heute liegt die mit 25 Kilometern längste Landebahn der Mongolei verlassen da, besichtigt werden darf sie trotzdem nicht.

Von der seit Jahrhunderten geopolitisch bedeutsamen Rolle des Ortes zeugt heute allerdings nur noch die Bahnverbindung: Die transsibirische Eisenbahn fährt hier zwei Mal die Woche durch, in 400 Kilometer Entfernung liegt die chinesische Grenze. Und dass japanische Truppen über ihren Vasallenstaat Mandschukuo hierherkamen, um in den Norden Chinas vorzudringen, darauf deutet eine Statue im Niemandsland hin: gefallene Mongolen im siegreichen Kampf gegen die japanischen Imperialisten. Dahinter erhebt sich der neuere Teil der Stadt: Wohnblocks, gegen die Winterkälte abgeriegelt, und nur in den inneren Zirkeln sieht man Werbetafeln, die u.a. auf einen Minimarkt hinweisen, einen Frisörsalon, ein Hotel.
Später betreten wir in der „alten Stadt“ ein Gebäude, vor dem ein Lautsprecher in Endlosschlaufe vermutlich Waren anpreist. Üppige Frauen stehen hinter spärlich ausgelegten Waren, BHs, Blusen aus Polyester. Makrelen im Glas werden uns angeboten, laut Etikett kommen sie aus Russland. In einem großen Saal mit ausgetretenem Parkett stehen ein paar Tische, dahinter sitzen Frauen und kreischen in einem fort. Nur was sie sagen, verstehen wir nicht, deuten vielleicht auch das Lachen in ihren feisten Gesichtern falsch, verlassen jedenfalls eilig wieder den Saal, treten hinaus in den staubigen Wind, der zugenommen hat. Die Windräder an den Straßenlaternen, die zudem mit Solarpanels ausgestattet sind, surren wild und so schnell im Kreis, dass man die einzelnen Flügel nur wie ein verwischtes Segel sieht.
Der Weg zum Bahnhof ist ein dröger, im Internet-Café sitzen Kinder vor Computern, die buntblinkende Gegenstände über den Bildschirm jagen, weit und breit kein Erwachsener. Vermutlich die einzige Art von Kinderbetreuung hier während der dreimonatigen Sommerferien. Vor einem Geschäft spricht uns eine Frau an. Sie öffnet ein halbhohes Gefäß aus Aluminium, lupft das angegraute Leinentuch und sagt: Busz. Gedämpfte Teigtaschen. Wir lehnen dankend ab. Den Sanddornsaft, den ich soeben gekauft habe, stelle ich nach dem ersten Schluck in eine Ecke, er schmeckt vergoren, wer weiß, wie lange das Ablaufdatum schon zurückliegt. Ich kann die Ziffern nicht zuordnen. Auf dem Rückweg kommen wir an einer Kirche vorbei, was man daran erkennt, dass in den viereckigen Bau zur Straße hin ein Kreuz in die Betonwand geritzt worden war.

Nichts an diesem Ort entspricht dem Mongolei-Bild aus Reisekatalogen. Keine Weidelandschaft, keine Pferde, Rinder, Schafe. Doch es ist die Vergänglichkeit, die einen von überallher anweht, dieses vollkommene Nichtverstehen, die erfolglose Dechiffrierung, die bleibt, und eben keine Hochglanzbilder.

Am Nachmittag holt uns der Klinikchef im Hotel ab, der uns Stunden zuvor als Chefchirurg vorgestellt worden war, und wir fahren etwa eine Stunde lang zuerst auf einer asphaltierten Straße, dann einfach mitten hinein in eine Steppenlandschaft, in der sich Felsen kegeln. Hinter zwei mit blauen Khadags umwickelten Pfosten versteckt sich die weiße Tara. Und der Chefchirurg, belassen wir es bei dieser Bezeichnung, mit seiner Frau und seinem Begleiter, der ein schwarzes T-Shirt mit goldenem Masarati-Logo trägt, zeigt uns ein Foto aus dem Jahr 1912, auf dem eine riesige Klosterstadt abgebildet ist. Hier lebten bis in die zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts 1500 Mönche, doch unter sowjetischem Einfluss wurde die Anlage zerstört. Keine Ruine, kein einziger Stein mehr ist zu sehen, nur hier und da verraten dunkle Grasnarben vielleicht Spuren der einstigen Grundmauern.

Als der Tag dämmert und oben am Himmel Geier ihre Kreise ziehen, wird der Kofferraum geöffnet und das Hammelfleisch herausgeholt, Pferdedung gesammelt, angewärmte Steine zusammen mit dem Fleisch und ein paar wenigen Kartoffeln in einen Dampfkochtopf getan. Und dann sitzen wir am Boden auf einer Plastikdecke mit dem Klinikchef, der stolz darauf ist, uns dieses typisch mongolische Gericht auf diese typisch mongolische Weise anbieten zu können samt dem Wodka, den er großzügig ausschenkt. Noch stolzer ist er später, als er in halsbrecherischer Geschwindigkeit mit seinem Toyota durch die bizarre Feldlandschaft rast und uns die seltenen Angali-Schafe zeigt. Die Landschaft ringsum sieht aus, als hätten Götter zum Zeitvertreib mit Felsen geworfen, um zu sehen, wer wohl der Stärkste sei. Zuletzt fahren wir zur Quelle Nordon, deren säurehaltiges Wasser gut gegen sämtliche Krankheiten sein soll.
Jeder Mongole, so hörte ich später in einem Dokumentarfilm, sei im Grunde seines Herzens ein Nomade, egal, wie städtisch und modern er sich gebe. Am nächsten Tag fragt unser Begleiter, als er schon Richtung Norden abgebogen war, ob dies die Straße nach Ulaan Bataar sei? Zuerst meinen wir, er mache einen Scherz, doch es ist ihm ernst und er will schon umdrehen. Offenbar scheint so manchem modernen Nomaden dann doch den Orientierungssinn abhanden gekommen zu sein.

Flussfahrt in Kambodscha

Als wären es Gebetsfahnen im Wind.
Rote, weiße und blaue Ballone
hängen im Bambusgehölz, das ächzt und knirscht, wenn eine Böe hineinfährt.

Verbrannter Plastikmüll beißt in den Augen,
auf dem Sangkae-Flus schaukeln die Hälse und Köpfe der Pet-Flaschen
markieren die Netze
treiben langsam flussabwärts.
Mancherorts ragen blaue und braune Käfige aus dem Wasser,
darüber stapeln sich leere Bambuskörbe,
abends oder anderntags gefüllt und auf den Markt gekarrt.

Ein Fischer und seine Frau waten am Ufer
das Wasser geht ihnen bis zur Hüfte.
Er zieht eine Bambusstange durch die Wellen
sie wirft den Plastikmüll zurück an Land
der nächste Windstoß wird ihn wieder zurücktragen.

Das Stöhnen des Bambusʼ wird unterbrochen von Popmusik
getaktet vom Tuckern der Generatoren
in blauen Rohren fließt Wasser auf die Felder.

Großherrliche Villen, wo wem errichtet?
Man vermutet Drogenbarone, korrupte Beamte hinter getönten Scheiben.
Weiter flussabwärts niedrige Wellblechhütten auf Pfählen
auf einer Veranda eine Hängematte aus orangefarbenem Nylon
daneben verrottet ein Boot, sein Bug liegt tief im Wasser.

Metallene Finger ragen in den monsunschweren Himmel
Mobilfunkantennen greifen nach unsichtbaren Wellen
gut verdrahtet ist das Land.

Info:
Die Fahrt auf dem Sangkae-Fluss nördlich von Battambang kann man mit einem Kajak unternehmen. Am besten, man fragt dafür im Hotel Royal nach dem Verleiher Green Orange und arrangiert von dort aus sowohl den Tuk-Tuk-Fahrer sowie das Ausleihen des Kajaks vor Ort. Stand August 2018.

Weitere „Wasser“-Artikel:

Tibetische Flüchtlingskinder

© Yangchen Waldburger Zahn

Anfang der 1960er-Jahre wurden 160 tibetische Flüchtlingskinder – aufgrund der Initiative des Schweizer Industriellen Charles Aeschimann – in die Schweiz geholt. Zunächst hieß es, es seien Waisenkinder, die bei Pflegefamilien ein neues Zuhause finden sollten. Und später, so die Idee des Dalai Lama, sollten diese Tibeter zurückkehren und ihrem Volk möglicherweise gar in Tibet beim Aufbau helfen. Doch die meisten der „Tibeterli“, wie sie damals in den Medien verniedlichend genannt wurden, waren keine Waisen. Und statt zurückzukehren, blieben viele in einem kulturellen Zwiespalt gefangen.
Die Journalistinnen Sabine Bitter und Nathalie Nad-Abonji haben die Hintergründe dieser Aktion recherchiert.

Es gibt meines Wissens bereits zwei Doku-Filme über tibetische Kinder, die von Schweizer Familien adoptiert wurden. Warum jetzt noch ein Buch?

Uns hat – über die in den Filmen dokumentierten Einzelschicksale hinaus – interessiert, wie es dazu kam, dass eine initiative Privatperson praktisch losgelöst von einer behördlichen Aufsicht 160 außereuropäische Kinder und Jugendliche in die Schweiz holen und diese nach eigenem Gutdünken bei Pflegefamilien unterbringen konnte. Wir wollten mehr wissen über die politische und juristische Dimension dieser Geschichte. Deswegen haben wir nicht nur Gespräche mit ehemaligen Pflegekindern und deren Angehörigen geführt, sondern haben in Archiven recherchiert und viele unbekannte Fakten zu Tage gefördert. Die Rahmenbedingungen dieser Aktion zu erhellen, ist wichtig, weil die jungen Tibeterinnen und Tibeter damals zur ersten Gruppe von außereuropäischen Kindern überhaupt gehörten, die in unser Land geholt wurden. Sie stehen am Anfang der Schweizer Auslandsadoptionen, die ein hochproblematisches Kapitel der Fremdplatzierung ausmachen, das bisher nicht aufgearbeitet worden ist. Und nicht zuletzt hat uns auch die Position des Dalai Lama in der Aeschimann-Aktion interessiert.

Vom damaligen Standpunkt aus gesehen, war die Aktion des Schweizer Charles Aeschimann begrüßenswert. Können Sie kurz skizzieren, wie es zu dieser Hilfsaktion kam, zumal zeitgleich in der Schweiz noch immer Verdingkinder in schwierigen Verhältnissen lebten und auch die Kinder der italienischen Gastarbeiter keinen legalen Status hatten.

Der Oltner Industrielle lancierte 1959 die Idee, tibetische Flüchtlingskinder aufzunehmen. Dies nachdem der Dalai Lama nach seiner Flucht aus Tibet nach Indien die westliche Welt darum gebeten hatte. Dank guter Beziehungen gelang es Aeschimann, einen direkten Kontakt zur Familie des Dalai Lama herzustellen. Als Erstes schlug er ein Tibeter-Haus im Kinderdorf Pestalozzi in Trogen vor, wofür er selbst Mittel aufbrachte und ein finanzielles Risiko in Kauf nahm. Das Haus konnte bald gebaut und das Projekt schnell realisiert werden. Der Dalai Lama zeigte sich dankbar und erfüllte zugleich Aeschimanns Wunsch, selbst ein tibetisches Kind zu bekommen. Die Ankunft des Jungen und auch der kleinen Tibeterinnen und Tibeter, die ins Pestalozzi-Dorf zogen, löste ein enormes Medienecho aus. Viele Ehepaare und Familien meldeten sich danach bei Aeschimann, weil sie auch ein „Tibeterli“ aufnehmen wollten. So kam es, dass Aeschimann mit der Vermittlung von Pflegekindern begann. Die Aufnahme tibetischer Flüchtlingskinder war ein humanitäres, im Kalten Krieg aber auch ein politisches Statement, hatten sie doch vor den chinesischen Kommunisten flüchten müssen. So hatte man bereits 1956 auch die Ungarnflüchtlinge mit offenen Armen empfangen. Mit der Aufnahme eines italienischen Saisonnierkinds, das in der Schweiz illegal im Versteckten leben musste, oder einem Kind, das auf einem Bauernhof verdingt war, hätte sich kein medial wirksames, antikommunistisches Statement verbinden lassen.

Es war von einer Aktion für tibetische Waisenkinder die Rede, doch die meisten Kinder hatten zumindest noch einen Elternteil, manche Eltern wurden gar nicht gefragt, zumal die Entscheidungen von Mönchen und dem Dalai Lama ohnehin nicht zu hinterfragen waren. Wie wurden die Kinder ausgewählt, die in die Schweiz reisen durften und später als gut ausgebildete Tibeter zurückkehren und ihrem Volk helfen sollten, wenn es denn eines Tages zurück nach Tibet gehen würde?

Die Kriterien, nach denen die Leitung des Heims – also maßgeblich die ältere Schwester des Dalai Lama, Tsering Dolma – die Kinder für die Pflegefamilien auswählte, sind nicht klar zu benennen und nirgends dokumentiert. Es spielte offensichtlich in einigen Fällen eine Rolle, ob die Kinder zur Tanzgruppe des Heims gehörten, musikalisch waren und sich gut bewegen konnten. Der Mönch, der damals mithalf, die Kinder auszusuchen, sagte uns in einem Gespräch 2015, er habe den Kindern auch einfach ins Gesicht geschaut und so versucht herauszufinden, ob sie eine schnelle Auffassungsgabe besaßen, lernwillig und wissbegierig waren. Anderen Kindern wurden Fotos und Postkarten aus der Schweiz gezeigt. Dann wurden sie gefragt, ob sie dahin möchten. Oder die Mädchen und Jungen wurden nach ihrem Berufswunsch gefragt, und wenn dieser zufällig zum Beruf eines Pflegevaters passte, hatte das Kind eine größere Chance, genau in dieser Familie platziert zu werden. So kam beispielsweise ein Kind, das angab, Arzt werden zu wollen, in eine Medizinerfamilie. An dieser Stelle manifestierten sich aus unserer Sicht auch die unterschiedlichen Interessen von Charles Aeschimann und dem Dalai Lama: Aeschimann wollte möglichst kleine bzw. junge Kinder in die Schweiz holen, die sich hier schnell zurecht fanden. Während der Dalai Lama ein Interesse daran hatte, wesentlich ältere Kinder in die Schweiz zu schicken, die bereits so stark von der tibetischen Kultur geprägt worden waren, dass sie später zurückkehren würden.

Wie beurteilen Sie selbst die eher paternalistische Haltung des Industriellen Charles Aeschimann, der damals sowohl die Zusammenarbeit mit kompetenten Hilfsorganisationen wie dem Schweizer Roten Kreuz verweigerte als sich auch die Einmischung von Behörden verbat?

Charles Aeschimann war durch und durch ein Macher, der es gewohnt war, dass andere sich nach seinen Ansagen richten. Hinzu kamen seine exzellenten Verbindungen in Politik und Wirtschaft, die er geschickt zu nutzen wusste. Wohl auch mit dem Anspruch, sich humanitär zu engagieren. Wie sich beispielsweise an seiner Initiative für die beiden Tibeter-Häuser im Pestalozzidorf ablesen lässt. Allerdings verfügte er weder über pädagogische noch über entwicklungspsychologische Kenntnisse. Hinzu kam, dass seine Aktion, wie bereits erwähnt, weitgehend losgelöst von behördlicher Kontrolle war. Und das war von ihm durchaus so gewollt.

Welche Motivationen steckten hinter den Adoptionen, nicht alle Tibeter waren „glücklich“, auch weisen Sie auf die relativ hohe Suizidrate unter diesen Kindern und später Jugendlichen hin.

Nur ein Teil der „Aeschimann-Kinder“ wurde adoptiert. Und wenn, oft erst Jahre später. Hinter der Pflegekinder-Aktion standen widersprüchliche Interessen. Und gerade dies hatte für viele Tibeterinnen und Tibeter eine große psychische Belastung zur Folge. Die Pflegeeltern, die ein tibetisches Kind aufnahmen, wollten eine Familie gründen oder die bestehende erweitern. Der Dalai Lama aber vermittelte die Kinder nur auf Zeit: Sie sollten der tibetischen Kultur und dem Buddhismus stark verbunden bleiben und dereinst nach einer möglichst guten Ausbildung als hochqualifizierte Elite in ein befreites Tibet, so die Hoffnung, zurückkehren. Es zeigte sich aber bald, dass dieses politische Bildungsprogramm nicht aufging: Die Mädchen und Knaben kamen als traumatisierte Flüchtlinge und Heimkinder in die Schweiz, waren oft schon im Schulalter, konnten aber noch nicht lesen und schreiben. Sie standen von Anfang an unter einem hohen Anpassungsdruck, sich möglichst schnell zu integrieren, in der Schule und Ausbildung erfolgreich zu sein, um dereinst die Ansprüche des Dalai Lama zu erfüllen und zurückzukehren. Spätestens in der Pubertät kam es bei vielen zu außerordentlich schweren Krisen. Viele Pflegeeltern waren denn auch überfordert. Sie erwarteten, dass die jungen Leute die Bildungschance dankbar ergreifen und „etwas aus sich machen“. Die Jugendlichen standen in einer Zeit, in der sich in der Schweiz nach 1968 autoritäre Strukturen aufzulösen begannen, unter einem Bildungsdiktat und waren zudem von religiös geprägten, ungewohnt autoritären Anweisungen ihrer leiblichen Eltern, die sich aus der Ferne meldeten, konfrontiert. Mit der Herkunftsfamilie konnten sie sich aber nicht angemessen verständigen, denn die jungen Leute konnten kein Tibetisch mehr. Viele fühlten sich so hin- und hergerissen zwischen zwei Kulturen, entwurzelt und psychisch unter Druck. Manche konsumierten Drogen, andere wurden krank. Dass es in dieser Community spezifische Probleme und einen Zusammenhang zu einer hohen Suizidrate gibt, wurde bereits in einer früheren Studie (Brauen/Kantowski) in den 1980er-Jahren belegt und muss aufgrund unserer Recherchen bestätigt werden.

Wie sehen die betroffenen Tibeter-Kinder die Aktion heute?

Ihre Sicht auf die Aktion ist sehr unterschiedlich, da sie alle mit unterschiedlichen Voraussetzungen (Herkunft, Alter, Bildungsstand etc.) in die Schweiz kamen, wo sie auf sehr unterschiedliche Verhältnisse in den Pflegefamilien trafen. Davon ist auch ihre heutige Sicht auf die Aktion geprägt. Wir kennen Fälle, in denen Kinder schwer krank in die Schweiz kamen und hier behandelt oder gar geheilt werden konnten. Da ist auch heute noch eine große Dankbarkeit gegenüber dieser als Chance bewerteten Aktion zu spüren, im Bewusstsein, dass sie unter Umständen im indischen Exil nicht überlebt hätten. Darüber hinaus gibt es eine Reihe ehemaliger Pflegekinder, die sich in der Schweiz beruflich verwirklichen konnten, wie es in Indien kaum möglich gewesen wäre. Aber wir haben auch mit zahlreichen «Aeschimann-Kindern» gesprochen, die sich bis heute entwurzelt und nirgends heimisch fühlen. Oft berichteten sie auch davon, sich sogar in der tibetischen Exilgemeinschaft fremd zu fühlen, weil sie, im Gegensatz zu anderen Exil-Tibetern, die Sprache nicht sprechen und die Bräuche nicht kennen. Teilweise beeinträchtigt dieses Gefühl der Entwurzelung bis heute die Lebensqualität der Betroffenen sehr.

Sabine Bitter, Nathalie Nad-Abonji: Tibetische Kinder für Schweizer Familien. Die Aktion Aeschimann. Rotpunkverlag, 240 Seiten, 38 Franken.