Li Bai

Li Bai: der verbannte Unsterbliche

Die erste Biografie dieses bedeutenden chinesischen Lyrikers liegt nun vor.

Noch heute müssen Schulkinder seine auswendig lernen, werden bei Festen seine Gedichte als Trinksprüche aufgesagt; Li Bai (701-762) ist wegen der Bild- und Sinnhaftigkeit seiner Gedichte der wohl bekannteste Lyriker Chinas. Nach ihm sind Schnäpse und Weine benannt, Kneipen und Hotels tragen seinen Namen: Li Bai ist zu einer Marke geworden. Im Westen wurde er zunächst einer breiteren Leserschaft durch die Nachdichtungen von Ezra Pound bekannt und dessen wohl bekanntestes Gedicht „Die Frau des Flusshändlers“. Im deutschsprachigen Raum dichtete Hans Bethge altchinesische Lyrik nach, und auf eine seiner Li-Bai-Übertragungen bezog sich wiederum Gustav Mahler bei der Komposition „Lied von der Erde“. Nun liegt zum ersten Mal eine ausführliche Biografie dieses Poeten auf Deutsch vor.

Wer war dieser Jahrtausenddichter, der an der Westgrenze Chinas, im heutigen Kirgisien, von einer Nicht-Chinesin geboren wurde? Ausführlich beschreibt Ha Jin von Li Bais Ehrgeiz, politische Karriere machen zu wollen, aber auch von fröhlicher Unbekümmertheit und lustvollen Ausschweifungen. Dabei stützt sich er auf Li Bais Gedichte, wenngleich er gelegentlich mild-empathisch über die Stilisierung des lyrischen Ichs lächelt. Zwei Sammlungen mit etwa 1000 Gedichten und Prosaminiaturen sind erhalten geblieben, auch wenn der größte Teil seiner Werkes offenbar verlorengegangen ist. Zudem greift der Biograf auf die Aussagen von Zeitgenossen zurück. Du Fu (712 –770) beispielsweise, der sozialkritischere und jüngere der beiden Lyriker – auch sein Ruhm ist bis heute ungebrochen – hat ihm einige Verse gewidmet, da er ihn als junger Mann bewunderte.

„Wenn sein Pinsel zum Schreiben ansetzt, weckt er Wind und Regen auf.“ „Dein Talent ist zu groß für Erfolg / deine Tugenden sind zu nobel, als dass anderes sie teilen könnten.“
Du Fu

Stolz und Ungeduld

Sich selbst beschrieb der Lyriker als jemand, der die Laute im Arm herumfläzt, Nektar schlürfe und schluckt Elixiere für ein langes Leben schlucke, als „Schildkrötenangler im Ozean“, als großer Vogel Rokh, worin sich sein taoistisches Naturverständnis zeigte und die Überzeugung, die Natur trage im Grunde die Dichtung in sich und offenbare sich nur demjenigen, der offen sei für die passenden Verse.

Li Bai fällt bereits als Junge auf, hat einen wachen Geist und ein gutes Gedächtnis, sodass der Vater ihm eine gute Ausbildung zuteil werden lässt in der Hoffnung, sein Sohn könnte später aufsteigen, denn er selbst ist schließlich nur Händler, gehört damit zu den unteren Schichten der chinesischen Gesellschaft. Doch das Studium der alten Klassiker findet Li Bai bald fad, er tut sich stattdessen im Schwertkampf hervor und fühlt sich eher zu den Schriften der Taoisten hingezogen. „xiaoyao you – frei und ungehindert umherschweifen“ macht er sich als Lebensmotto zu eigen und bald schon zum Maßstab seiner Lyrik. Auch hier schätzt er die reglementierte Form nicht, sondern orientiert sich an der frühen Volksdichtung, die weder eine feste Metrik noch ein Reimschema kennt.

Dennoch strebt Li Bai schon früh danach, als wichtiger politischer Berater an den Hof gerufen zu werden: Wie oft spricht er vor, gibt in Gesprächsrunden sein Wissen und seine Dichtkunst zum Besten, lässt sich indes hinreißen zu Selbstüberschätzung und Spott – was seine Gastgeber irritiert, weshalb sie ihn rasch loswerden wollen. Überheblichkeit, Stolz, Verachtung: wenig sympathische Charaktereigenschaften, die Ha Jin indes nicht weiter bewertet. Einmal nur gelingt ihm ein kurzer Aufenthalt in der Hauptstadt, doch nach zwei Jahren reicht er bereits sein Rücktrittsgesuch ein – zu schal erscheint ihm die Politisiereri. Andererseits ist Li Bai zeitlebens getrieben von der Sehnsucht, sich zurückzuziehen und einzig der Dichtkunst zu widmen. Dass aber der Rückzug in die Natur ohne harte Arbeit nicht zu haben ist, davor verschließt Li Bai zeitlebens die Augen. Nie wäre er Bauer geworden, Natur ist für ihn vornehmlich ein religiöser und ästhetischer Raum. Er liebt das Leben in freier Natur, das schon, lässt aber lieber seine Bediensteten die Äcker bestellen, während er sich am Anblick eines Wasserfalls ergötzt. Wie zerrissen Li Bai zwischen seinem politischen Ehrgeiz, seinem lyrischen Schaffen, seiner Trunksucht ist – oft treffen ihn Freunde und Mitreisende schon nachmittags betrunken an, was ihn jedoch nicht am Schreiben hindert -, ist ein Topos in dieser Biografie des Tang-Dichters.

Schwärmt er in seinen frühen Gedichten noch von Kurtisanen und einem Leben am Hof, von unversehrter Natur und hochtrabenden Plänen, erzählen seine Lieder zunehmend vom Elend und Leid der Menschen, was ihn zum Höhepunkt seiner Dichtkunst führt, so der Biograf Ha Jin. Einmal springt ihn das das Schicksal der Treidler am Oberen Yangtse an. “Wie schwer sich die Treidler mit dem Kahn taten. / Das schlammige Wasser war ungenießbar, / jeder Kessel nach dem Abkochen halb voll mit Erde. / Von Ferne klang das Arbeitslied, das sie sangen. / Es brach mir das Herz und rührte mich zu Tränen. / Tausende Männer brachen riesige Steine, / und konnten sie kaum zu Ufer schaffen. / Sieh die vielen Felsbrocken, die noch herumliegen – / die endlose Fron machte mich weinen.“

Spät im Leben folgt die sehnsüchtig erwartete Chance, doch Li Bai setzt auf das falsche Pferd und macht sich für einen Rivalen des Kaisers stark. Er wird verhaftet, noch im Gefängnis tobt Li Bai, er sei zu Unrecht eingesperrt worden. Als der Kaiser ihn amnestiert, meint er, dies habe er seiner Dichtkunst zu verdanken. Schließlich wird er im Januar 764 als Berater an den kaiserlichen Hof gerufen, doch da ist er schon zwei Jahre tot. Der Legende nach, die sich bis heute hartnäckig hält, war er mit einem Boot unterwegs auf einem Fluss und wollte in betrunkenem Zustand den Mond auf dem Wasserspiegel umarmen.

Fron und Frauen

Was Li Bais Gedichte neben der Bildhaftigkeit und Regellosigkeit seiner Werke noch unterscheidet, ist die weibliche Perspektive in manch seiner Gedichte. Er schreibt über Kurtisanen und Sängerinnen, aber auch über Arbeiterinnen und seine erste Frau, die er bemitleidet, dass sie einen so untüchtigen und erfolglosen Lyriker zum Mann hat. „Dreihundertfünfundsechzig Tage im Jahr / bin ich betrunken und schlapp wie Matsch. / Wie schrecklich für dich, dass du Bais Frau wurdest. / Es ist, als hätte man einen Idioten zum Mann.“ Seine zweite Frau, eine überzeugte Daoistin, hatte vergeblich versucht, ihn von der politischen Bühne fernzuhalten. Doch „seine Heimat war die Straße und sein Wesenskern das ewige Wandern“.

Die Problematik, sich am lyrischen Ich für eine Biografie auszurichten, erläutert die kompetente Übersetzerin Susanne Hornfeck in einem Nachwort: Ha Jin interessiere sich weniger für die Form der Gedichte, sondern lediglich für deren Inhalt, was die Übersetzerin in ein Dilemma stürzte. „Meine Aufgabe war es, Ha Jin zu übersetzen, nicht Li Bai. Dennoch habe ich das als Sinologin natürlich mit einem Seitenblick auf das Original getan. (…) Insofern war ich bei diesem Übersetzungsauftrag gleichzeitig Dienerin zweier Herren.“

Ha Jin erzählt linear und konventionell das Leben des Dichters nach, wobei sich die Frage aufdrängt, wie sich eine Biografie vielleicht anders als fadengerade erzählen ließe? Wenn sich die Zerrissenheit zwischen Rückzug und Karrierewillen in einer ermüdenden Redundanz wiederholt, weil Li Bai nicht aus sich herausfindet und es ihm zeitlebens nicht gelingt, endlich in Einklang mit den ihn zerreißenden Ansprüchen zu leben? Das moniert auch der Literaturkritiker Han Zhang in der New York Times. Gleichwohl sieht er Parallelen im Leben des Tang-Lyrikers Li Bai und Autors Ha Jin: Auch Ha Jin musste seine Heimat verlassen, seine Empathie mit dem Dichter rührt an eigene Gefühle, seine Sehnsucht, endlich anzukommen, die Zerrissenheit hinter sich zu lassen. In dem Gedicht „Dankbarkeit“ schreibt er über Du Fu und Li Bai, über deren bitterem Schicksal, aus dem so wunderbare Poesie erwuchs. Bitternis als Grundlage für exzellente Lyrik gar?

Der Rückzug à la Li Bai hat jedenfalls Tradition – Unter dem gegenwärtigen harschen Regime hört man gelegentlich von Kulturtätigen, die sich aufs Land zurückziehen, um dort auf bessere Zeiten zu warten. Dass Bedeutendes in dieser neuerlichen selbstgewählten Isolation entsteht, darauf wird zu hoffen sein.

Erschienen ist eine kürzere Rezension in der NZZ, das Buch selbst wurde bei Matthes&Seitz veröffentlicht.

Ha Jin: Der verbannte Unsterbliche. Das Leben des Tang-Dichters Li Bai. Aus dem