
So ein Quatsch, so verstaubt, mir schwante ein fader Abend, als er kam von wegen „Königin über Zeit und Raum“ und „Engel der Plicht“, der Werther, der seine Charlotte anhimmelt inmitten einer blonden Kinderschar, die jedem Kind ein trocken Stück Brot in die Hand drückt. Waren die wirklich allesamt blond?, frage ich mich gerade, klar, wenn die ältesten Schwestern es auch sind, hätte kein dunkles Kind da hineingepasst in die Familienidylle. Nein, nicht Idylle, die Mutter war ja gestorben, und noch am Totenbett hat Charlotte ihr versprochen, dass sie den Albert nimmt zum Mann, der aber gerade ein halbes Jahr auswärts arbeitet, vermutlich an seiner Karriere bastelt, denke ich mir. Werther aber, der erkennt sie, was die Männer nur immer meinen, in den Augen der Frauen zu erkennen. Und sie sagt zu ihm, an Weihnachten, das sei in einem halben Jahr, da solle er wieder kommen, sie jetzt aber in Ruhe lassen. Denn: die Pflicht!
Und der Werther, den zerreißt es fast vor Liebesqualen, dass ich ihm irgendwann seine verstaubten Floskeln nicht mehr übelnehme und es eine Freude ist, ihm in seinem Liebeswahn zuzusehen, wie er den Theaterboden auseinandernimmt, ein Brett nach dem anderen, um schon mal auszutesten, wie es sich so liegt im ewigen Bett. Der Dezemberhimmel legt sich wie ein Leichentuch über ihn, und er jammert und stöhnt.
Irgendwann steht Charlotte nur noch in Gummistiefeln und Wintermantel vor der schwarzen Bühne, wringt die Hände und windest sich, dass man nicht weiß, was sie da will und steht, und worauf sie wartet. Dann wird alles hell, und sie rennt zur Tür, und reißt sie auf, und der Werther fällt herein in die gute Stube und ein roter Blutfleck an seiner rechten Schulter. Draußen schneits, ach ja, an Weihnachten sollte er ja wiederkommen oder sie wollte es vielmehr, dass er wiederkommt, die „sich nicht vergessen wollte und darum ihn vergaß“. Und nun liegt er da und kann nicht mehr und verschwindet wieder – war wohl doch nicht so schwer verletzt? – und schickt Albert einen Brief, der soll ihm doch bitteschön seine Pistole für eine weite Reise leihen. Da holt er die aus dem Kasten mit dem Pendel, das unerbittlich und schon die ganze Zeit laut schwingt, jetzt aber gerade besonders laut, so laut, dass man es oben in der vorletzten Reihe im 2. Rang hört und ich nachschaue mit dem Fernglas, ob nicht unten im Orchestergraben jemand den Takt vorgibt, aber da ist niemand bzw. da sind viele, aber keiner, der dem Pendel den Takt schlägt, derweil oben auf der Bühne die Welt weitergeht und Charlotte für einen kurzen Augenblick den Pistolenlauf auf den Rücken von Albert richtet und probiert, wie es sich wohl anfühlt, wenn sie den Albert statt den Werther opfert, doch ihr Mann, als hätte er es gespürt, entreißt ihr die Pistole und drückt sie dem Briefboten in die Hand.
Auf Flügeln schwebt nun die Zeit davon, die hält sich fest an Zeilen, die Werther übersetzt hat. Wann er ihn den wecke, der Frühlingshauch, und Juan Diego Flórez gibt den Werther so gut und singt ganz ohne Kitsch und Pathos von diesem Frühlingshauch, der ihn doch bittesehr einfach schlafen lassen soll. Und dafür kriegt er Szenenapplaus – auch von mir –, und weiter geht’s mit dem Beben und Wehen und dem Sehnen und Nicht-Vergessen, Nicht-Verschmelzen können. Und Werther steht da mit seinem blutverschmierten Hemd und stirbt endlich. Punktgenau zum Schluss, als zwei alte Leute auf die Bühne kommen und leise tanzen.
Was für eine gefühlige Überspanntheit! Was für ein überdehnter Furor! Was für ein Bühnenbild! Großartiges Musiktheater im Hause Homoki, ein einziger Rausch.
Weitere Aufführungen im Opernhaus Zürich hier.





Weil Gila Lustiger verstehen wollte, wie es zu den Attentaten am 13. November 2015 in Paris kommen konnte, versucht sie zu verstehen, warum zehn Jahre zuvor in den Pariser Banlieus und im Norden Frankreichs mehrheitlich Jugendliche „mit Migrationshintergrund“ alles zerstörten, was um sie war. Und sie stellt Fragen, die immer wieder ins Leere laufen. Wie viele Hiphop-Kurse werden in einem Vorortzentrum organisiert und scheinen doch kaum mehr zu sein als ein Feigenblatt für das schlechte Gewissen der Nation? Und was bitte sehr hätten sie mit Terrorvermeidung zu tun? Warum z.B. werden gerade junge Lehrer direkt nach dem Studium in Brennpunkt-Schulen geschickt, ja verheizt, weshalb nirgendwo sonst im Lande der Lehrerwechsel so häufig sei wie hier? Wo Schulen und Bibliotheken brennen, in denen eigentlich nur das Beste gewollt wird? „Viele der Randalierer waren Schulabbrecher, und ihr Hass galt nicht nur dem Buch, sondern auch ganz allgemein dem geschriebenen Wort, das sie als Instrument ihrer Unterwerfung empfanden. […] Sprache, das waren Gebote und Verbote. Nichts, als eine weitere Strategie, sie zu zähmen.“ Terror als logische Folge, da radikalste Integrationsverweigerung.
Die Banlieusards nehmen auch kaum an Wahlen teil, stattdessen wird der Gegensatz von „Die da oben und wir da unten“ von Marie le Pen geschickt aufgegriffen, deren größte Wählerschaft die 18- bis 24 Jährigen sind. Der Feind ist nicht mehr nur der Ausländer, sondern das ganze Establishment. Und die Rechten aller Länder wissen diese Angst zu schüren und zu nutzen. Dies analysiert treffend auch der Soziologe Didier Eribon in der autobiografisch-soziologischen Reflexion Rückkehr nach Reims.