Schwanentage

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Lektürenotiz zu Schwanentage von Zhang Yueran

Ein Kindermädchen entführt einen Jungen, auf den sie eigentlich aufpassen soll. Doch da erfährt sie, dass der Vater und Großvater wegen Korruptionsverdacht verhaftet wurden. Wer soll nun das Lösegeld bezahlen, zumal auch von der Mutter jede Spur fehlt?

Dumm gelaufen, wie so vieles in Yu Lings Leben. Der neue Freund hat es womöglich nur auf ihr Geld abgesehen, und weil sie einmal unnötigerweise zu viel Schuld auf sich genommen hat, kam sie ins Gefängnis. Das liest sich glatt und ist es doch nicht, denn Yu Ling ist eine ambivalente Figur: Mal begehrt sie auf – wenn auch nur insgeheim und in ihren Selbstgesprächen -, mal suhlt sie sich in ihrer Opferrolle und im Selbstmitleid, was ihr immer wieder zum Verhängnis wird; bis ganz zuletzt. (Man mag darin eine andere Figur wiederkennen, den Kurier Hui Anyan in Ich fahr Pakete aus in Peking, und das Phänomen „juǎn“ 卷 – so etwas wie Erschöpfung. „In China muss man ständig auf Hochtouren laufen, um mitzuhalten.“) Einzig zu dem Jungen Kuan Kuan, verwöhntes Bürschen einer neureichen Familie, entwickelt die resignierte Haushälterin eine innige Beziehung, auch wenn ihr bewusst ist, dass sie eines Tages vergessen sein wird.

So ruppig wie Yu Ling wirkt, so verhärtet scheinen auch die anderen Protagonistinnen – die Personal Trainerin Xiaomin zum Beispiel oder die Mutter und Ehefrau Qin Wen, die sich als Künstlerin verkannt fühlt. Eine Bandbreite von sich widersprechenden Gefühlen wird hier en detail ausgebreitet, die behauptet werden, sich allerdings nicht unbedingt aus der Geschichte heraus entwickeln, fast wirken all die Personen deshalb konstruiert. Karin Betz hat indes einmal mehr sich nicht davon beirren lassen und diesen Roman überzeugend übertragen.

Gleichwohl gibt dieser unkonventionell geschriebene Roman einen wichtigen Einblick in Verhältnisse, die von Klassenzugehörigkeit bestimmt werden (sehr zu empfehlen sind in diesem Zusammenhang auch die Gedichte von Zheng Xiaoqiong Erzählung von den Konsumgütern), und das macht ihn wiederum spannend. Denn Schwanentage könnte genauso gut an der Schweizer Goldküste spielen oder überall dort, wo ökonomisch bedingte Ungerechtigkeiten schwärende Wunden schlagen, die irgendwann einmal aufbrechen.

Zhang Yueran: Schwanentage. Aus dem Chinesischen von Karin Betz. Ecco, 2025, 224 Seiten

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