Notizen über Tibet – von Tsering Öser

Tsering Öser – Essays.

Die in den letzten Jahren geschriebenen Essays von Öser lassen sich in zwei Kategorien einteilen. Beklagt die Autorin beispielsweise in „Die Tränen des Nyima Tsering“ und „Niedergang des Potala“ ganz offen den Niedergang der tibetischen Kultur, die Tragödie und Unterdrückung des tibetischen Volkes, so analysiert sie in anderen Essays sehr genau gesellschaftliche Phänomene im tibetischen Alltag.

In „Erinnerungen an eine mörderische Fahrt“ beispielsweise beschreibt sie, wie sie zusammen mit ihren Cousins nach Terdrom fährt, ein Nonnenkloster östlich von Lhasa gelegen, das für seine heiße Quellen bekannt ist. Unterwegs erschießen die jungen Tibeter einfach nur aus Lust am Töten jedes Tier, das ihnen vor die Flinte kommt. Und als sie in Terdrom ankommen, schmieden sie Pläne, wie sie aus dem kleinen Kloster mit seinen Quellen ein profitables Touristenresort machen könnten.

Ösers Kritik an den Zuständen in Tibet macht vor den eigenen Landsleuten nicht Halt, wenn sie beispielsweise auch die Selbstzufriedenheit mancher Bevölkerungsschichten in Lhasa kritisiert oder die ungerechte Behandlung der Nonnen innerhalb des tibetischen Klerus. Dann wieder überrascht sie durch feine Skizzen aus dem Alltag in Lhasa, wenn sie über den Feiertag Saga dawa, den Geburtstag des Dalai Lama, schreibt. An diesem Tag sind die Tibeter besonders großzügig, sie brechen schon früh am Morgen zu ihren Umwandlungen rund um die Heiligtümer in Lhasa auf; die Wege sind von tibetischen Bettlern gesäumt, die hier ihre Almosen empfangen. In den letzten Jahren aber kommen aus dem ganzen Land, also auch aus China, Bettler aus diesem Grund nach Lhasa und mischen sich unter die Tibeter. So mancher Chinese sieht auch gar nicht sonderlich bedürftig aus, meint die Autorin. Die Tibeter aber, großherzig wie sie sind, unterscheiden nicht zwischen Tibeter und Chinesen und geben allen.

Tsering Ösers Essays fordern dazu auf, unsere bisherigen Vorstellungen von Tibet kritisch zu hinterfragen, und sie eröffnen uns eine gänzlich neue Perspektive auf Tibet.

Tsering Öser, geb. 1966 in Lhasa, studierte Chinesische Sprache und Literatur in Chengdu. Später ging sie an die Lu-Xun-Akademie in Beijing und arbeitete als Redakteurin für die Zeitschrift Tibetan Literature. Öser schreibt auf Chinesisch und hat bereits etliche Bücher über Tibet verfasst. Im September 2003 geriet sie aufgrund ihrer Essaysammlung Notizen über Tibet in die Schusslinie der chinesischen Behörden; ihre Arbeit im tibetischen Literaturverband als Redakteurin musste sie aufgeben. Die Autorin war dem zunehmenden Druck vor Ort in Lhasa nicht mehr gewachsen und ging nach Peking, wo sie heute mit ihrem Mann, dem bekannten Dissidenten Wang Lixiong lebt. Seit dem Ausbruch der Unruhen in Lhasa am 14. März steht sie immer wieder unter Hausarrest. Im Februar 2008 erhielt sie die „Freedom of Speech Medal“, im Oktober 2010 den „Journalism Courage Award“.

Die Bilder konsumieren uns! Im Gespräch mit der Künstlerin Irene Sauter

Auszüge aus einem Gespräch, das Alice Grünfelder mit der Künstlerin Irene Sauter Ende November 2009 in Zürich führte:

Alice Grünfelder: Du kommst zwar von der Minimal Art, fühlst dich, wie du sagst, damit auch immer noch sehr verbunden, aber in den letzten Jahren infiltrieren zunehmend kunstexterne Phänomene deine Arbeiten. Bei „Enjoy Your Meal – An Everyday Sculpture“ hast du beispielsweise einen Abend lang Gäste während eines exzellenten Dinners diversen Filmsequenzen ausgesetzt. Diese Bilder – überwiegend Kriegsbilder aus europäischen und US-amerikanischen TV-Nachrichten, hart geschnitten und mit kurzen Sequenzen aus Werbung und Unterhaltung versetzt – werden in einem Raum ohne Ton auf vier Meter hohe Wände projiziert. Ganz gleich, wohin die Gäste ihren Blick gerichtet haben, wenn sie von ihrem exquisiten Mahl aufsahen …mehr …

Symposium für literarische Übersetzungen

„Ich finde, dass ein gutes Lektorat das Beste ist, was einer guten Übersetzung passieren kann.“

Vortrag über die Zusammenarbeit zwischen Übersetzern und Lektoren. Von Alice Grünfelder.

Die Dokumente sind ab sofort auf der Website des Autorenverbandes abrufbar:  http://bit.ly/9s9AP6

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Kontrapunkt China – Tibet

Berliner Literaturkritik
„Flügelschlag des Schmetterlings“ erschien bereits im Juli 2009 im Unionsverlag. Alice Grünfelder publizierte hierin Texte tibetischer Autoren und Autorinnen, die über ihre Zerrissenheit zwischen China und dem nach Autonomie strebenden Tibet schrieben.

Wer hätte besser eine Auswahl über die Sicht einzelner Autoren bezüglich der Tibet-China-Krise treffen können, wenn nicht Alice Grünfelder? Verbrachte sie doch schließlich zwei Jahre als Stipendiatin in Chengdu, der Provinz Sichuan in China, und unternahm zahlreiche Reisen nach Tibet, wo sie unter anderem als Dolmetscherin tätig war. Nach ihrem Aufenthalt schloss sie ihre Magisterarbeit bezüglich neuerer tibetischer Literatur ab und kehrte 1999 nach Berlin zurück, um dort eine Agentur für Literatur in Asien zu gründen. Bereits 1997 thematisierte Alice Grünfelder, respektive Erzähler aus Tibet, in „An den Lederriemen geknotete Seele“ ein Panorama der rätselhaften Tibeter und ihrer Glaubenswelt. „Flügelschlag des Schmetterlings“ skizziert ebenfalls kulturelle Gegebenheiten, offeriert jedoch insbesondere persönliche Empfindungen mit Fokus auf den anhaltenden politischen Spannungen.

Aus: Berliner Literaturkritik

Tibet Now!

ASIA UNLIMITED presents
Tibet Now!
Bilder und Töne vom Dach der Welt 13. – 20.02.2010

Zeitgenössisches Multimediafestival aus Tibet kuratiert von Mona Schrempf (Berlin) und Alice Grünfelder (Zürich)
Mit Filmen („Ein Genosse im Bundeshaus”, Yonten Gompamitsang, “Vaterland & Troim”, Lobsang Tashi Sotrug, “Nang ma — tibetische Diskowelten”, Mona Schrempf), Video-Projektionen von Yannis Banuls-Bieler, Mona Schrempf, Henrike Grohs.
Mit einer Fotoausstellung: „Gesichter“ Mareike Wulff und der Tanzperformance: „Das Khor-Projekt“ von Stefania Giannetti.

Mit einer Lesung aus „Flügelschlag des Schmetterlings“ von Alice Grünfelder.

 

China auf der Frankfurter Buchmesse

Mit dem Gastland China hat es sich die Frankfurter Buchmesse nicht leicht gemacht. Wenn’s brenzlig wird, lädt man lieber aus statt ein. Was hat das Programm der Messe dennoch zu bieten?

Dienstagabend, Frankfurter Buchmesse: Noch während der Literaturnobelpreisträger Gao Xingjian die letzten Worte seiner Eröffnungsrede spricht, springt der chinesische Staatspräsident auf und geht mit offenen Armen auf ihn zu, derweil sich die Apparatschiks applaudierend erheben. Einen Tag später sitzen Autoren aus Hongkong, Tibet und China am runden Tisch, um über den Begriff „chinesische Literatur“ zu diskutieren. Der Vorsitzende des chinesischen P.E.N. leitet eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „Engagierte Literatur in China“. Und die Journalistin Dai Qing, die auf einem Symposium im Vorfeld der Buchmesse die chinesischen Organisatoren mit Forderungen nach Demokratie und Meinungsfreiheit brüskierte, arbeitet gemeinsam mit Behördenvertretern an einer Novellierung des Presse- und Informationsgesetzes, um die Zensur auszuhebeln.

Wenn’s brenzlig wird, lädt man lieber aus statt ein

Dieses Szenario ist eine Illusion, denn statt Diskussion ist Präsentation angesagt, man bleibt auf beiden Seiten hübsch unter sich, und wenn’s brenzlig wird, gilt die Devise: Statt Einladung lieber Ausladung. Immerhin wird Gao Xingjian über das Leben und Schreiben in zwei Kulturen sprechen. Als auf dem Salon de Livre in Paris 2004 China Schwerpunktland war, hielt die chinesische Regierung diese persona non grata erfolgreich fern. Der Essayist und Präsident des chinesischen P.E.N., Liu Xiaobo, sitzt im Gefängnis, weil er das Bürgerrechtsmanifest 08 unterzeichnete. Bei keiner Veranstaltung werden Autoren aus China auf Kollegen treffen, die dem Land den Rücken gekehrt haben – von einer Diskussion zwischen Vertretern des GAPP (Behörde für Presse und Publikationen) und Dissidenten ganz zu schweigen.

Anders herum gefragt: Was werden wir präsentiert bekommen?

Der vollständige Artikel ist im Tagesspiegel Berlin online nachzulesen:

Rezension: Reise nach Myanmar (Birma) auf siamheute.de

Myanmar, dieser uns fast unbekannte südostasiatische Staat, ist auch in unserer Literaturszene kaum vertreten. Alice Grünfelder und Lucien Leitess‘ Herausgabe von „Reise nach Myanmar (Birma) Kulturkompass fürs Handgepäck“ ist somit eine Rarität in Bezug auf Literatur über Myanmar. Den Herausgebern dieses Buches, sowohl Literatur- wie auch Asienexperten, ist mit der Auswahl der Texte eine hervorragende Mischung gelungen.

» Rezension von Anita Bolte auf siamheute.de weiterlesen

Erschienen 2009 im Unionsverlag Zürich
252 Seiten, UVP: EUR 9,90, CHF 17,90
ISBN: 978-3-293-20443-0