Kanal und Angler

Mehr Meer – eine lyrische Reise durch Taiwan

Lesung mit Gedichten von Tsai Wan-Shuen, Ling Yü und Alice Grünfelder

Taiwan ist umgeben vom Meer, liegt inmitten 166 weiterer Inseln – jede mit einer eigenen Geschichte, jede besungen, beschwört, missbraucht. Die Lyrikerin Tsai Wan-Shuen ist in Penghu aufgewachsen und hinterfragt in ihren Gedichten den Umgang der Menschen mit der Natur. Das Meer ist eine Naturgewalt, man muss es zähmen, es bedroht die eigene Existenz. „Von den älteren Bewohnern käme niemand auf den Gedanken, aus reiner Sinnenfreude zum Beispiel seinen Fuß ins Meerwasser zu halten, im Wasser zu planschen, zu schwimmen gar aus purer Lust“, sagt sie mir im Gespräch. In ihrem Gedicht „Mutterinsel“ beschreibt sie das raue Inselleben. Inselromantik liegt ihr fern. Die Menschen sind froh, fortgehen zu können in die Stadt, um den Fischgeruch ein für allemal lozuwerden, auch wenn die Gehälter in den Fabriken niedrig sind.

Ling Yü lebt in Yilan, das Meer ist ihr Horizont, das Ufer die Linie im Auge, die Felsen am Strand wie Erinnerungen an etwas Fernes, so sagt die wohl renommierteste Lyrikerin Taiwans. Und wie blau ist das Wasser, lichtblau, tragischblau, sehnsüchtiges Blau, fragt sie in ihrem Lyrikband Töchter.

Taiwan ist durchzogen von unzähligen Flüssen, Lebensadern der Insel, einer davon ist der mehr als 80 Kilometer lange Keelung-Fluss, der geplagt und begradigt wurde – um der Modernisierung willen. An ihm entlang ging Alice Grünfelder in den Sommermonaten 2025, jeder Schritt wurde schwerer und schwerer angesichts der Betonmauern, Dämme und Wehre – so entstand das «Klagelied eines Flusses».

Durch die lyrischen Stimmen aus und über Taiwan entdeckten wir die Gewässer Taiwans – wie sie so noch nie besungen und gesehen wurden.

Zeit und Ort: 23. April 2024, 19.30 Uhr, Taipeh Vertretung Berlin

Lyrik aus Taiwan: