Im Schein der Pfütze, blauer Buchumschlag

Eine Pfütze erzählt

Lektürenotiz zum zweibändigen Familienroman von Jimmy Brainless

Im­ Schein­ der­ Pfütze und Im Spiegel der Ahnen ist ein drei Generationen und zwei Kontinente umspannendes Kaleidoskop an Geschichten und Menschen. Da habe ich mich gefragt, wie man in so einem kurzen Leben gleich eine zweibändige Geschichte seiner Familie schreiben kann?
„Es hat recht harmlos damit angefangen, dass ich einen meiner Onkel in Taiwan nach seiner Vergangenheit befragt habe. Da sind recht verrückte Dinge dabei herausgekommen, bei denen ich mir gedacht habe, ich notiere sie mal sicherheitshalber – wer weiß. Spannend ist es dann geworden, als ich andere Familienmitglieder auf seine Erlebnisse angesprochen habe und diese mir ganz andere Varianten derselben Geschichte erzählt haben. 
Gleichzeitig habe ich begonnen, mich mit der Geschichte Taiwans auseinanderzusetzen und habe bemerkt, dass es sich hier ähnlich verhält: Je nachdem, wen man befragt, bekommt man unterschiedliche Versionen zu hören. 
Dieses Gegenüberstellen von Wahrnehmungen – im Kleinen als auch im Großen – hat mich als Thema sehr gereizt. Und es hat mich genervt, dass Taiwan in den Medien oft nur in bestimmten Kontexten genannt wird. Dieses Framing entspricht der dort vorherrschenden Vielfalt an Kulturen und Sprachen einfach nicht.“

Ein wenig langatmig, manchmal sprunghaft wird von familiären Verwicklungen erzählt; wie praktisch, dass das Lesezeichen den ganzen Stammbaum als Orientierungshilfe bereit hält. Immer wieder und wie um sich zu vergewissern, telefoniert der junge Ich-Erzähler Simon mit seiner Schwester Lupida in Wien, die nicht so ganz nachvollziehen kann, so scheint es, warum der Bruder sich so tief in die Familiengeschichte vergräbt. Daneben gibt es noch eine zweite perspektivische Unterbrechung, nämlich eine Pfütze. Wie in eine Gehäuseschnecke zieht sich der Erzählstrom hier zurück. Die vermeintlich objektive Instanz wird zur Familienhistorie befragt, eine durchaus raffinierte Erzählstrategie.
Wie kam es zur Idee der Pfütze?
„Weil ich mich mit unterschiedlichen Wahrnehmungen befassen wollte, habe ich nach einer unzuverlässigen Erzählerin gesucht. Da schien mir die Pfütze sehr geeignet, denn je nachdem, aus welcher Perspektive man auf sie schaut, spiegelt sie etwas anderes wider. Das Wasser an sich und die verschiedenen Aggregatzustände, die es annehmen kann, haben mich ebenso fasziniert. Und auch, welche Facetten das Wasser sprachlich bietet. Sei es der „Lesefluss“ oder der „Gedankenstrom“. Oder wenn zwischen Fremden erstmal das Eis gebrochen werden muss.
Ist Jimmy Brainless ausgezogen, über Taiwan zu schreiben, seine Familie, das Meer, die Furcht vor dem Wasser der Inselbewohner, um nur ein Detail zu nennen.

„Nur knietief dürft ihr ins Wasser“, hat man uns immer gesagt.

„Wenn ihr weiter hineingeht, schnappt euch eine Strömung, die reißt euch in die Tiefe und lässt euch erst wieder vor der japanischen Küste auftauchen.“

„Das klingt super“, sage ich, als ginge es um ein Angebot, das ich gern wahrnehmen möchte. „Ich bin noch nie in Japan gewesen.“

An einer Stelle ist vom Placebo-Menschen die Rede. „Du tust widerspenstig, aber am Ende gibst du doch immer die Pfote.“ Fast könnte man meinen, diese doppelbödige Placebo-Mentalität prägt die ganze Familie, denn keiner der Personen ist die, die sie zu sein vorgibt, stets schwingt die Vergangenheit subkutan mit und drückt mit Gewalt nach oben.

Und wo steht der Erzähler selbst, wenn er sich nach der Ankunft in Tainan fragt: „Wohin hat es mich verschlagen?“

„Ich habe auf meiner letzten Lesereise in Taiwan sehr vehement behauptet, dass ich meinen Platz gefunden habe und die Unentschlossenheit meines Protagonisten Simon definitiv nicht teile. Und zu diesem Zeitpunkt hat sich das auch sehr richtig angefühlt. Dann bin ich wieder nach Wien geflogen und hab mir gedacht: Oh je. So einfach ist es vielleicht doch nicht … 
Ich bin also noch dabei, herauszufinden, wo mein Platz ist. Denn obwohl ich in Wien lebe, ist Taiwan ein wichtiger Teil meines Lebens – ich habe Familie und Freund:innen dort, die meine Mentalität geprägt haben und ich fühle mich der Kultur sehr verbunden.“

Jimmy Brainless: Im Schein einer Pfütze und Im Spiegel der Ahnen. Müry Salzmann Verlag, 2025

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