Dunkler wässiger Hintergrund, in weisser Schrift der Titel des Buches "Dunkle Gewässer"

Stille Wasser sind tief

Der Kriminalroman Dunkle Gewässer der taiwanischen Autorin Ping Lu und Antworten der Übersetzerin Monika Li

Jemand treibt im Wasser, fühlt sich matt, immer schwächer, es ist Frau Hong, die von ihrem Ehemann mit der jungen Jiazhen betrogen wird. Die hat auch ihren Mann vergiftet, der ebenfalls irgendwo nördlich von Taipei im Tamsui-Fluss treibt. Doch das Meer spült die Leichen nicht etwa hinaus aufs offene Meer, sondern die Gezeiten treiben sie den Fluss wieder hinauf, zum Tatort zurück.
Dieser Doppelmord hat sich tatsächlich zugetragen und für mediale Aufmerksamkeit gesorgt – selbst ich bin im Februar mit der Fähre über den Tamsui hinüber nach Bali, um das Café aufzusuchen, in dem sich die Täterin und das ältere Ehepaar kennengelernt haben. Denn die Übersetzerin Monika Li hat mir schon vor geraumer Zeit von ihrem Übersetzungsprojekt erzählt, deshalb nur bin ich auf diesen Kriminalroman aufmerksam geworden. Und wie hat sie das Buch gefunden?

„Ich bin über die Empfehlung von Books from Taiwan auf Dunkle Gewässer gestoßen und habe mir dann das Original in einer Buchhandlung in Taiwan besorgt. Es ist ein Krimi, aber auch eine Sozialstudie, ein Psychogramm der taiwanischen Gesellschaft, das zeigt, wie man in Taiwan uneindeutige Kriminalfälle behandelt, wie Frauen mit gesellschaftlichen Erwartungen umgehen und wie sie auf traumatische Erlebnisse reagieren. Ping Lu füllt für mich mit ihrem Roman eine Leerstelle, die durch eine sensationslüsterne Presse in Taiwan geschaffen wurde, und tut das auf eine unglaublich feinfühlige Art und Weise. Es ist ein fiktionales Werk, bei dem man das Gefühl bekommt, es nähert sich der Wahrheit mehr, als es die Gerichtsverhandlungen und die Berichterstattung überhaupt versucht haben. Das finde ich sehr beeindruckend.“

Übersetzerinnen sind nicht nur emsige (und völlig unterbezahlte) Buchstabenhandwerkerinnen, sondern die Engagiertesten, wenn es um literarische Entdeckungen und Vermittlung geht – konventionell auch Brückenbauerinnnen genannt.

„Ich liebe es, selbst nach spannenden Titeln Ausschau zu halten und mir zu überlegen, wie man sie auf dem deutschsprachigen Buchmarkt integrieren könnte, sie dann selbst zu übersetzen und anschließend auch dazu beizutragen, dass sie präsentiert und diskutiert werden. Den Austausch mit der Leserschaft finde ich immer unglaublich spannend und freue mich über Reaktionen, auch über kontroverse.“

Das psychologische Drama hinter diesem Doppelmord lässt sich erahnen, da die Autorin Ping Lu nach jedem Kapitel Ausschnitte aus Zeugenaussagen, Gerichtsprotokollen, ja selbst Facebook-Postings etc. zu einem Nachklapp montiert, der nachdenklich stimmt und einiges über die taiwanische Gesellschaft verrät. War die Täterin Jiazhen nur am Geld des ältlichen Hong interessiert oder hat sie sich selbst in eine ausweglose Lage manövriert? Welche Motive hatte die „Dämonenfrau“, wie die taiwanischen Medien die junge Frau skandalisiert haben, die unter ihren ärmlichen Verhältnissen litt, ihrer Kindheit? Vor Gericht wirkt sie schüchtern, die Rückblicke in ihr Leben sind ernüchternd, beim Blick über den Fluss hinüber zu den Häusern der Wohlhabenden wird ihr stets schmerzlich bewusst, dass sie nie dazu gehören wird, wie nur diesen Graben überwinden? Die Antworten bleiben vage, die Spekulation treibt den Plot voran – denn der Fall wurde rasch gelöst und die Täterin war geständig. Und gilt es nicht als Zeitverschwendung, die Beweggründe eines „schlechten Menschen“ erforschen zu wollen, so befragt sich die Autorin im Nachwort gleich selbst? Wie ging die Übersetzerin mit diesem ambivalenten Stimmungsbild um?

„Ich musste den aktuellen Stand des Kriminalfalls recherchieren, ansonsten erzählt Ping Lu selbst in dem angehängten Interview viel über den realen Hintergrund von Dunkle Gewässer. Tatsächlich bin ich auch an den realen Tatort gefahren, um die Geschichte nachzuspüren, aber zu dem Zeitpunkt war die Übersetzung bereits fertig. Das Café gibt es bis heute. Als ich dort war, kam tatsächlich ein älteres Ehepaar herein und hat am Fenster Kaffee getrunken, exakt wie in der Anfangsszene des Romans. Das war fast schon gruselig. Ansonsten ist die Umgebung wirklich sehr schön und ein Ausflug lohnt sich ungeachtet des Doppelmords, der dort in der Nähe passiert ist.“

Die Vielstimmigkeit des Romans lässt jedenfalls die Nöte der älteren Frau Hong ebenso aufscheinen wie jene der jungen Jiazhen, die davon träumt, eines Tages ein eigenes Café zu eröffnen. Das Mitleid mit dem älteren Herrn Hong hält sich in Grenzen, der die junge Angestellte zuerst per K.o.-Tropfen, später mit einem Gespinst aus Lügen einfängt. Was war dabei die größte Herausforderung beim Übersetzen?

„Am härtesten war es für mich, die Darstellung der Ehe in „Dunkle Gewässer“ auszuhalten, das war eine wirkliche emotionale Herausforderung, vor allem vor dem Hintergrund, dass ich versichert bekommen habe, viele Ehen in Taiwan würden tatsächlich so lieblos geführt werden. Stilistisch ist Dunkle Gewässer sehr reduziert, mit wenigen Worten wird viel ausgedrückt. Es war ebenfalls eine Herausforderung dafür zu sorgen, dass das auch im Deutschen funktioniert und nicht plump oder an manchen Stellen redundant wirkt.“

Die Autorin warnt jedenfalls davor, den Roman als Plädoyer für einen „bösen Menschen“ zu lesen, ihr ist viel eher daran gelegen, die Grauzonen der menschlichen Natur offenzulegen. Das ist ihr gelungen, denn mit jeder Seite wächst die Fassungslosigkeit über so viel Kälte, Missmut und Bösartigkeit – allein das macht die Spannung dieses lesenswerten Kriminalromans aus.

Ping Lu: Dunkle Gewässer. Aus dem Chinesischen von Monika Li. Drachenhausverlag, 2025, 164 Seiten

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