Rätselhafter Thriller

mai jiaEs gibt nur wenige Übersetzer aus dem Chinesischen – wen wundert das, wenn nur wenige Verlage sich trauen, chinesische Autoren in ihr Programm aufzunehmen, und nur wenige Leser sich für Literatur aus China zu interessieren scheinen? DVA hat sich getraut und mit dem Roman Das verhängsnisvolle Talent des Herrn Rong von Mai Jia eine gute Wahl getroffen. Warum, erklärt die Übersetzerin Karin Betz, die neben Werken von Autoren wie Mo Yan und Liao Yiwu auch diesen Spionagethriller ins Deutsche übertragen hat, im Gespräch mit der Sinologin und Kulturvermittlerin Alice Grünfelder.

Das Gespräch über das rätselhafte Mathematikgenie Rong ist nachzulesen in der neuesten Ausgabe der LiteraturNachrichten.

Mai Jia: Das verhängsnivolle Talent des Herrn Rong. Aus dem Chinesischen von Karin Betz. DVA, 352 Seiten.

 

Nächtliches Spazierenschreiben …

… organisierte das Museum Strauhof im Zusammenhang mit der Ausstellung
„Ce n’est pa trés beau“ zu Friedrich Glausers Werk, wobei folgende Notizen entstanden.

Lumière in der Nacht
Brunnen-Hedwig malt den Schatten des Teufels an die Wand,
der soeben mit gläsernem Aufzug hinauffuhr in die Nacht,
acht Glühlämpchen kündeten von
seinem Kommen.
Hinter ihm strahlt am jenseitigen Ufer eisblau der Waldrand,
eisblau wie in Glauser‘schen Krankenzimmern.
Eine gelbe Schaukel vibriert, der Kies knirscht,
hohl tönen die Schritte auf Steinplatten.
Grell sind die Wissenspaläste angestrahlt,
noch heller irrlichtert blaue und gelbe Leuchtreklame im Fluss.
Rollt ein Koffer nachts über das Pflaster, ist es lauter?
Lauter auch, wenn Wasser in den Brunnen plätschert,
feuchter und kälter die Dunkelheit? Ist ein Pudel nachts weißer?
Illuminiert nur von flackernden Straßenlaternen,
flankiert von Fidelio und Goethe, der einst in Robert Walsers Gasse
zu Mittag aß, am helllichten Tag.
Doch Studers Lächeln sieht man auch im Dunkeln.

Mehr Informationen über ungewöhnliche Spaziergänge
finden Sie bei der Agentur für Gehkultur.

Ums Überleben rennen

Atticus Lish

„I have a dream“, doch der Traum des einen
bedeutet immer auch den Tod des anderen.
Auch jener, die heimkehren aus Kriegen
versehrt an Körper und Seele, unrettbar verloren, zerstört,
zerstören sie jetzt erst recht das Leben anderer.
Nach diesem Krieg geht daheim – wo? – der Krieg einfach weiter.
Schließlich vergibt die Armee
„keine Streicheleinheiten für Heulsusen“,
wie Skinner keine sein will. Deshalb Krieg gegen sich selbst
gegen andere erst recht, da hilft kein Saufen, kein Huren.
Die Sehnsucht nach Liebe ist in Skinners Krater versunken, und damit alle Hoffnung.
„Sie wissen alles darüber, wie man im Krieg überlebt, aber nichts über das Zivilleben.“

Die Halbwaise Zou Lei aus China, Xinjiang, ein anderer Kriegsschauplatz.
„Nicht viele wissen, was Uigur-Menschen sind.“
Es tut nichts zur Sache, warum rührt also der Autor daran?
Eine Geächtete im kantonesischen Kauderwelsch,
in Garküchen, Shopping Malls, im illegalen Untergrund der USA.
Stets auf der Hut vor den Cops, lebt sie außerhalb des Rechts
ergo es gibt kein Recht, rechtlose Existenz.
Das Gefängnis noch immer alptraumhaft, weil illegal und egal ist nichts
nacktes Nomadendasein am unterstes Ende der Zuwanderungsspirale.
Und „Ohren, die ständig nach innen explodieren“.
Zhou Lei trainiert und quält ihren Body.
Um ihren Körper ein Käfig aus stählernem Ingrimm.

Nach oben aber kommt niemand, das wissen andere Stimmen,
die wirr durcheinanderschreien, keiner hört zu.
Alles dreht sich im Kreis, tritt auf der Stelle, seitenlang.
Immer mit der Waffe im Anschlag oder, wenn die fehlt,
mit einer Wut im Bauch, die jederzeit explodieren kann
wie die rhetorische Wu(ch)t in diesem Buch.
Gefahr lauert überall, jede Pore ständig in Alarmbereitschaft,
mit weit aufgerissenen Augen wird obsessiv jedes Detail gescannt,
jedes Ladenschild, schiefe Visagen, kaputte Flaschen, besoffene Gestalten
alles wird mental notiert. Wie einst Franz Biberkopf es tat.
Nur sind Skinner und Zou Lei schneller.
Sie laufen, vom „Laufen harte Muskeln“, rennen, um zu überleben.
Fahrzeuge „zischen“ vorüber, Fassaden in Staccato, Autoreparaturwerkstätten,
Abfallhaufen.

Laufen, bis es schmerzt, die Füße eitern.
Mit blutenden Fußsohlen unter grauem Himmel.
Eine irrwitzige Jagd auf der Suche nach dem anderen
weil sie sich verloren glauben.
Schließlich sucht Zhou Lei nach Vögeln und sieht einen Falken.
Und Skinner stolpert wenig hintersinnig in einen Tunnel.
Dunkel ists – ein Schuss fällt. Von eigener Hand gefällt.

Das Ende, nicht aber für Zou Lei,
die Reste ihres vorherigen Lebens aus der Mülltonne klaubt,
anderswo den Traum von „Miss Fitness“ weiterträumt.
Noch immer nicht, scheints,
am Ende ihrer Kräfte, immer auf dem Sprung,
einmal nur trifft sie der „süße Schmerz mit voller Wucht“.

Morsche Apokalypse
untertunnelt von Illegalen, Entrechteten
knirscht unter schweren Füßen,
die stampfen und tanzen
ziellos. Hauptsache nicht
erwischt werden wobei?
Deals und Depressionen.

Atticus Lish: Vorbereitung auf das nächste Leben. Aus dem Englischen von Michael Kellner (großartig!), Arche-Verlag, Zürich, 2015, 528 Seiten

Shakespeare in Kabul

Kabul im kabulJahr 2005: Einmal Skakespeares „Verlorene Liebesmüh“ auf die Bühne bringen, haben sich die französische Schauspielerin Corinne Jaber, der amerikanische Journalist Stephen Landgrin und der afghanische Regieassistent Qais Akbar Omar gedacht und sich tatsächlich vier Jahre nach dem Sturz der Taliban an dieses Projekt gewagt. Männer sollten zusammen mit unverschleierten Frauen auf der Bühne stehen, ein furchtloser Theaterbesuch sollte endlich wieder möglich sein, das war ihr Ziel. Und damit verbunden der Wunsch, dass dieses Volk endlich seinen Frieden finden und nicht mehr länger zerrissen sein möge zwischen den verschiedenen Kriegsparteien, ein Frieden, der diesem Volk so lange vorenthalten wurde.

Offenherzig wird erzählt, dass die Zusammenarbeit zwischen der ehrgeizigen Regisseurin und den eigenwilligen afghanischen Schauspielern nicht immer reibungslos verlief, ja dass der ein oder andere Star damit drohte, das Handtuch zu werfen, weil er oder sie sich nicht genügend respektiert sah, mehr Geld wollte oder hauptberuflich und damit parallel zur den Theaterproben pakistanischen Kriminellen das Handwerk legen musste. Doch stets siegte der Humor, wenn die interkulturellen Abgründe gar zu tief aufblitzten und das Theaterprojekt mehr als einmal zu scheitern drohte.

Auch wenn sich die Sonne am afghanischen Theaterhimmel seither wieder eintrübte, so gewährt dieses Buch einen seltenen Einblick in die afghanische Gesellschaft und ist gleichsam auch eine Dokumentation, wie interkulturelle Zusammenarbeit selbst im schwierigsten Umfeld möglich ist. Oder, wie Irene Binal in der NZZ schrieb: Shakespears Tollheit wurde zur Methode und das Buch „zu einer Botschaft, die weit über die Grenzen Afghanistans hinaus hörbar ist.“

Dass sich übrigens ausgerechnet an Shakespeare ein Schlagabtausch zwischen Thea Dorn und Diethmar Dath über den Abzug der Bundeswehrsoldaten entzündet, ist ein weiteres Bonmot dieser unglückseligen Entwicklung.

Stephen Landrigan, Quais Akbar Omar: Shakespeare in Kabul. Ein Aufbruch in drei Akten. Aus dem Englischen von Inge Uffelmann, Unionsverlag, 2013

 

Literatur-Tweets

Twitter:Hab ich mir überlegt, ob ich mein internes Literatur-Tweet-Ranking veröffentlichen soll, wo ich doch von solchen Rankings gar nichts halte? Aber was tue ich nicht alles um der Literatur willen und wähle deshalb aus einer Fülle meiner Literatur-Tweets die spannendsten, inspirierendsten, aufwühlendsten aus.

Meine #literarische Entdeckung des Halbjahres 2015: Der #norwegische Autor Tor Ulven – stechend, scharf, unhöflich http://www.droschl.com/programm/person.php?person_id=322 …

Alice Grünfelder, Amelie Soyka, Andrea van Bebber: Die Sachensucherin – als eBook kostenlos bei readfy! https://www.readfy.com/de/ebooks/54209-die-sachensucherin/ …

„Sara tanzt“ von Erwin Koch: mit den sachlichen, deshalb umso beklemmenderen Beschreibungen großartig https://www.perlentaucher.de/buch/erwin-koch/sara-

Lange gesträubt gegen „#Comics richtig lesen“ – nun bin ich total begeistert http://www.carlsen.de/softcover/comics-richtig-lesen/22085 …

Wie ein Volk einen ganzen Monat aus seinem Gedächtnis streicht #tiananmen #china #rezension http://www.literaturfelder.com/sie-haben-nie-vergessen-sie-haben-nie-gewusst/ …

Gestern mit Zitaten aus Kurt Aeblis (http://www.tagderpoesie.ch/poesielexikon/kurt-aebli/ …) Gedichten Stegreifreden konstruieren lassen – grandios #rhetorik #lyrik

 

 

Nicht nach Paris reisen?

IMAG0544Vor einem Monat haben in Paris Terroristen in Restaurants und einem Club Menschen getötet und fast ein Fußballstadion in die Luft gejagt. Es hätte jeden von uns treffen können, jeden, der auch nur kurz überlegt hat, im November nach Paris zu fahren. So wie ich. Deshalb habe ich für Annette Lindstädts Blog diesen Gastbeitrag über eine Nicht-Reise geschrieben …

Menschen fallen – wohin?

Ein Mann fällt vom Dach, so steht es in den Ankündigungen zu dieser Hongkonger Anthologie mit „urbanen Kurzgeschichten“. Doch genauer betrachtet fällt er zwischen gepunkteten Reihen hindurch, wobei jede Reihe für ein Jahrzehnt stehen könnte, und für jedes Jahrzehnt wiederum eine Geschichte. Und einige davon sind unbedingt lesenswert, allein schon, weil sie westlichen Erzählprinzipien widersprechen, weil sich Figuren unerwartet verhalten, Knoten sich verdichten und erst gar nicht aufgelöst werden.in-search-of-a-flat

In „The Game of Laughter“ von Evan Yang wird ein Mädchen auf einem Jahrmarkt angestellt, den Lohn bekommt sie Ende des Monats allerdings nur, wenn keiner sie zum Lachen bringt. Sie wird zum Jahrmarktrenner, doch schließlich wird ihr der Lohn verweigert, weil ihr Schluchzen über die Krankheit ihrer Mutter als Lacher gedeutet wird. Traurig-teuflisch ist „A Devil’s Way“ von Li Wai-Ling: ein undurchschaubarer Charakter, dessen Entwicklung sich direkt ins vermeintlich Böse hineinschraubt. Eine bizarre Szenerie beschreibt Hai Xin in „The Banquet“: Feiern in der leerstehenden Villa auf dem Nachbargrundstück reiche Yuppies eine Party, junge Leute oder Geister? Nur das Dienstmädchen weiß, wer dort wirklich feiert, es sind die Bettler des Viertels.

Kann man tatsächlich in einem Formular „Mieter“ als Beruf ankreuzen? Hauptberuflich ist das Ehepaar ständig auf Wohnungssuche. Während andere an Wochenenden Yum-Cha essen, zu Pferderennen gehen oder zu den Outlying Ilands fahren, prüfen die beiden sämtliche Wohnungen, die in der Zeitung ausgeschrieben werden. Magisch-realistisch lässt Leung Ping-kwan die Suche nach dem Traumhaus an einem Meeresstrand enden – und ihm ist auch diese Anthologie mit diesen ungewöhnlichen, gegen den Strich gebürsteten Texten gewidmet.

In Search of a Flat: An Anthology of Hong Kong Urban Short Stories. Ed. Kit Kelen, Mary Wong Shuk-han, Chris Song Zijiang, Lingnan University, 2014

Atmen geht da kaum noch

atmenEine ungeheuerliche Geschichte. Ist sie nur deswegen so ungeheuerlich, weil hier – einmal anders wie gewohnt – eine junge Mutter ihr Kind verlässt? Und sie lässt das Kind nicht nur allein in einem Pariser Heim zurück, wo der Vater es auf gar wundersame Weise findet. Nein, sie verschwindet auch für immer aus dem Leben der beiden, meldet sich nur einmal jährlich zum vermeintlichen Geburtstag des Kindes per Postkarte, erinnert aber offenbar noch nicht einmal mehr das genaue Geburtsdatum. Ahnte sie, dass mit dem Kind etwas nicht stimmte und war deshalb gegangen? Auf diese und auch viele andere Fragen bekommt der Vater keine Antworten, nur eine Menge Wut im Bauch.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Autorin Beate Rothmaier Kinderschicksale vornimmt, schon in ihrem Debüt Caspar wird ein Junge von seiner Mutter verlassen und schlägt sich fortan allein durchs Leben. Allein aber schafft das Lio in Atmen, bis die Flut kommt nicht, denn sie ist mit „Blödigkeit“ geschlagen. Diagnose unklar, klar ist nur, dass Lio nicht wie die anderen ist und bis ins 15. Lebensjahr noch mit Lätzchen essen muss. Die Versuche des Vaters, Lio bei Pflegeeltern oder im Heim unterzubringen, scheitern an seiner Liebe zur Tochter. Er kann nicht ohne sie, auch wenn sein Leben dadurch in vielerlei Hinsicht in eine prekäre Schieflage gerät. Als Comic-Zeichner sich durchs Leben zu schlagen, ist schon nicht einfach; als alleinerziehender Vater eines behinderten Kindes wird er noch weiter an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Als ihm die Tochter auf einer Autofahrt quer durch Deutschland auf rätselhafte Weise abhandenkommt, ist ihm dennoch, als streife er einen zentnerschweren Rucksack ab.

Das Ende der Geschichte ist vieldeutig angelegt und wirkt sprachlich sogar relativ nüchtern verglichen mit der stellenweise schwer erträglichen Expressivität im ersten Teil des Romans. Doch im Laufe der Lektüre versöhnt man sich mit der Vorstellung, dass nur auf diese Weise die Beschreibung all der körperlichen Ausscheidungen der Tochter und der existentiellen Ausnahmezustände des Vaters überhaupt möglich ist. Eine ungeheuerliche Geschichte von seltener, gleichsam verstörender Eindringlichkeit.

Beate Rothmaier: Atmen, bis die Flut kommt. DVA-Verlag, 2013.

Berlin im Sommer

berlinWenn die Sonne vom Schaufenster geschluckt wird
von gläsernen Fassaden
Wenn ein Reiher zwischen Häuserschluchten
verschwindet
Bikini Berlin lichtgepunktet leuchtet
Frau mit Hut und rot-weiß kariertem Minikleid zum Takt wippt
Männer x-beinig die Treppen hinaufstolpern
verständnislos über die Schulter blicken

Wenn auf der Bühne Poeten durch die
Abenddämmerung surfen
und Möwen like diamonds in the sky
durch den nachtblauen Himmel pflügen –
dann ist Sommer in Berlin.