Lykische Küste

Gastbeitrag von Ines Balcik.

„Kein Ort der Welt kann schöner sein als die westlichen und südlichen Küsten der Türkei“, schrieb einst Freya Stark. Die britische Forschungsreisende und Reiseschriftstellerin erkundete in den 1950er Jahren die lykische Küste „auf den Spuren Alexanders des Großen“ (Originaltitel: Alexander’s Path).

Blick vom Baba Dağı (1.969 m) bei Fethiye

Weite Strecken ihrer Reise legte Freya Stark im Sattel eines Pferdes zurück. Denn selbst Jeeps streikten Mitte des vorigen Jahrhunderts noch auf den unzureichenden Verkehrs-wegen in der zerklüfteten Berglandschaft südwestlich von Antalya.
Diese Zeiten sind natürlich vorbei. Längst ist die Küstenstraße ausgebaut, Tunnel erschließen einst unwegsames Gelände und der Massentourismus hat auch dort Einzug gehalten, wo die Taurusberge direkt ins Meer abfallen.

 

Ich kenne und liebe die lykische Küste, seit mein Mann und ich Anfang der 1990er Jahre mit unseren damals kleinen Kindern einige Jahre in Antalya lebten und die Küste zu Wasser und zu Land erfuhren und erwanderten. Bevor Touristen aus aller Welt die Strände der Südtürkei für sich entdeckten, zogen Einheimische im Sommer lieber hinauf in die Berge, um der Hitze am Meer zu entfliehen. Heute kann man auf dem Lykischen Weg insgesamt 509 Kilometer von Fethiye nach Antalya an der Küste und in den Bergen wandern – und dabei viel entdecken. Imposant sind zum Beispiel die lykischen Sarkophage und Felsgräber, die an eine der Kulturen erinnern, die in Kleinasien ihre Spuren hinterlassen haben.

Strand von Patara

Noch viel mehr Interessantes ließe sich über die Lykier berichten, die bereits Homer mehrfach in der Ilias erwähnt. Zum Beispiel diente der Lykische Bund, ein Zusammenschluss von Städten, der seit dem 3. Jh. v. Ch. über mehrere Jahrhunderte bestand, als Vorbild beim Entstehen der amerikanischen Verfassung von 1787. Auch mit Theorien zum Matriarchat werden die Lykier in Zusammenhang gebracht: Dem Schweizer Altertumsforscher Johann Jakob Bachofen dienten sie als Paradebeispiel für eine Welt, in der die Frauen das Sagen hatten. 1861 erschien seine Schrift „Das Mutterrecht: eine Untersuchung über die Gynaikokratie der alten Welt nach ihrer religiösen und rechtlichen Natur“, deren Thesen, wen wundert es, vielfach umstritten sind.

Zu den bedeutendsten Städten Lykiens gehörte Patara, das heute für seinen kilometerlangen Sandstrand berühmt ist. Als Brutgebiet für die Karettaschildkröten steht er unter Naturschutz und bleibt von Bettenburgen verschont. Durch die Dünen und die teilweise ausgegrabenen Ruinen der antiken Stadt (in der im 3. Jh. Nikolaus von Myra geboren wurde) zu wandern, fasziniert mich. Besonders reizvoll finde ich die Reste des antiken Leuchtturms, eines der ältesten der Welt. Erst im Jahr 2004 wurde er im Sand entdeckt, der weitgehend den antiken Hafen im Mün-dungsgebiet des Xanthos (heute: Eşen Çayı) bedeckt.

Wenn mein Mann und ich heute segelnd an der Küste unterwegs sind, ausgerüstet mit GPS, Funk und weiteren technischen Mitteln unserer Zeit, und dabei doch froh über jedes Leuchtfeuer sind, das uns den Weg weist, dann denke ich voller Hochachtung an die Seefahrer der Antike. Welcher Mut gehörte dazu, sich hinaus aufs Meer zu wagen. Menschliche Neugier im besten Sinne zeigt sich in vielen Facetten.

Ines Balcik ist freie Lektorin und Sachbuchautorin (www.ib-klartext.de). Sie lebt in Hessen und immer öfter auf Reisen, stets mit mobilem Büro im Gepäck.
Diesen Text hat sie im Rahmen des Texttreff-Blogwichtelns 2016 geschrieben.

Bankrotterklärung

gila-lustigerWeil Gila Lustiger verstehen wollte, wie es zu den Attentaten am 13. November 2015 in Paris kommen konnte, versucht sie zu verstehen, warum zehn Jahre zuvor in den Pariser Banlieus und im Norden Frankreichs mehrheitlich Jugendliche „mit Migrationshintergrund“ alles zerstörten, was um sie war. Und sie stellt Fragen, die immer wieder ins Leere laufen. Wie viele Hiphop-Kurse werden in einem Vorortzentrum organisiert und scheinen doch kaum mehr zu sein als ein Feigenblatt für das schlechte Gewissen der Nation? Und was bitte sehr hätten sie mit Terrorvermeidung zu tun? Warum z.B. werden gerade junge Lehrer direkt nach dem Studium in Brennpunkt-Schulen geschickt, ja verheizt, weshalb nirgendwo sonst im Lande der Lehrerwechsel so häufig sei wie hier? Wo Schulen und Bibliotheken brennen, in denen eigentlich nur das Beste gewollt wird? „Viele der Randalierer waren Schulabbrecher, und ihr Hass galt nicht nur dem Buch, sondern auch ganz allgemein dem geschriebenen Wort, das sie als Instrument ihrer Unterwerfung empfanden. […] Sprache, das waren Gebote und Verbote. Nichts, als eine weitere Strategie, sie zu zähmen.“ Terror als logische Folge, da radikalste Integrationsverweigerung.

Der Protest wird erstaunlicherweise nicht etwa dahingetragen, wo die Entscheidungen gefällt werden, nach Paris ins Stadtzentrum zum Beispiel, wie all die Bauern, Handwerker, Rechtsanwälte es tun, die mit ihren Aktionen oft genug den Verkehr lahmlegen. Die Jugendlichen zerstörten alles, was stellvertretend für den Staat stand, aber die Regierung und deren Repräsentanten blieben unbehelligt. Warum, fragt Gila Lustiger? Die Jugendlichen haben ihre Viertel trotz ihres Zorns nie verlassen. Und nie haben sie konkrete Forderungen gestellt, was ihrer Meinung nach ein absoluter Konkurs derjenigen Parteien ist, „die sich den Kampf gegen soziale Ungerechtigkeit auf die Fahnen geschrieben haben.“

eribonDie Banlieusards nehmen auch kaum an Wahlen teil, stattdessen wird der Gegensatz von „Die da oben und wir da unten“ von Marie le Pen geschickt aufgegriffen, deren größte Wählerschaft die 18- bis 24 Jährigen sind. Der Feind ist nicht mehr nur der Ausländer, sondern das ganze Establishment. Und die Rechten aller Länder wissen diese Angst zu schüren und zu nutzen. Dies analysiert treffend auch der Soziologe Didier Eribon in der autobiografisch-soziologischen Reflexion Rückkehr nach Reims.

In einer Gesellschaft, in der neoliberale Intellektuelle begründen, weshalb in einer neoliberalen Ökonomie alles möglich, ist, weil jeder alles tun kann und jeder alles tun darf, um reich zu werden, sind – will man der Rechnung auf den Leim gehen – Immigranten und Minderheiten schuld, weil schlichtweg ein Sündenbock herhalten muss. Die wirtschaftlich Entmündigten wurden von der Geschichte und der Globalisierung verraten, Rattenfänger haben Hochkonjunktur, ist seine Bilanz. Und der Verrat der Elite sei schließlich zentrales Motiv jedes Mythos`.

Gila Lustiger trägt eine Wut in sich, will verstehen, was sich kaum verstehen lässt, und ist am Ende froh, auf Menschen zu treffen, die versuchen, die Schieflage einzurenken. Auf eine Lehrerin beispielsweise, die ihre Schüler nicht auf ihre Schwächen reduziert, sondern antwortet: „Braucht nicht jeder von uns etwas spontane Sympathie?“ So banal diese Äußerung oder das Bild vom Einrenken auf den ersten Blick scheinen mag, tröstlich ist es allemal angesichts einer Bestandsaufnahme, die ansonsten keine wohlfeilen Erklärungen bietet, sondern eher einer Bankrotterklärung der französischen Gesellschaft (und auch anderer westlicher Länder) gleichkommt. Es sei wichtig aufzuzeigen, „dass eine andere Welt möglich ist“ in dieser aus den Fugen geratenen und zu einer profitorientierten und egoistischen gewordenen Gesellschaft. Und wie viele Lehrer, Ärzte, Kindergärtner etc. würden tagein, tagaus versuchen, jeder auf seine eigene bescheidene Weise, diese Welt ein wenig einzurenken? Davon dürfe man sich einfach nicht abhalten lassen.

Gila Lustiger: Erschütterung. Über den Terror. Berlin-Verlag, 2016

Didier Eribon: Rückkehr nach Reims. Aus dem Französischen von Tobias Haberkorn. Edition Suhrkamp, 2016

 

Die Korrekturleserin

korr_03_040116Wie viele Künstler oder kreativ Tätige gehören zum Prekariat? Und wie sieht das im Verlagswesen aus, bei den Grafikern, Lektoren, Korrektorinnen? Wenn Selbstausbeutung nicht mehr funktioniert, weil eine Familie zu ernähren ist?

In ihrem ersten gemeinsamen Comic erzählen Theres Rütschi und Alice C. von irrlichternen Hoffnungen einer Korrekturleserin.

Limitierte Auflage (23. Ex., Leporello, 4 Seiten, 8 Franken) direkt bei der Illustratorin erhältlich: atelier(a)theresruetschi.ch.

in den Sonnenuntergang paddeln

Mit dem Kanu auf dem Orchon

Damit habe ich nicht gerechnet, nicht mit braunem, aufgewühltem Hochwasser und Stromschnellen. Im Regen stellten wir die Zelte auf, schon am nächsten Tag sollte es losgehen. In der Nacht warf ich mir vor, noch nie überlegt zu haben, was in einem Notfall geregelt sein müsste, gleich anderntags wollte ich das nachholen, was im Falle des Falles zu tun wäre, und wälzte mich in dieser Nacht auf einer dünnen Matte, die Gelenke schmerzten, und nie mehr – das nahm ich mir fest vor – würde ich so wahnsinnig sein, eine solche Outdoor-Reise zu buchen. Offensichtlich hatte ich nicht wirklich über die Einzelheiten nachgedacht: zehn Tage nur mit dem Notwendigsten auf einem mongolischen Fluss. Bei meinen Recherchen vorab im Internet fand ich den Strom, der gegen Norden Richtung Russland fließt, eher flach, als müsste man an manchen Stellen das Boot gar tragen oder ziehen, so wenig Wasser führte er mit sich. Dass der Fluss bei doppelt so hohem Wasserstand eine doppelt so starke Strömung hatte, lag nun klar auf der Hand; dass unsere Kleider allesamt nass werden würden, wenn wir bei einer Stromschnelle kenterten, fürchtete ich. An weitere mögliche Szenarien mochte ich gar nicht denken. Kein Vogel am niedrigen grauen Himmel, den ich nach Zeichen von Wetterverbesserung absuchte. Und auch keine Pferde, nach denen eine Nomadin Ausschau hielt. Seit Tagen schon war jede Spur von der kleinen Herde verschwunden, nun fürchtete sie, Wölfe würden sie attackieren. Am Abend war auch die Nomadin weg.

Der Start inmitten der Stromschnellen war besser als befürchtet, das Kanu legte sich tief ins Wasser und blieb schwerfällig, war nur schwer manövrierbar beim Umpaddeln der Felsen, die knapp aus dem Wasser ragten. Breitseiten schwappten ins Boot, einmal landeten wir im Ufergebüsch statt in der Strömung, die uns voranbringen würde. Am Vormittag des ersten Tages fiel auch Plan B ins Wasser, sich im Falle des Falles von einem Fahrer abholen zu lassen. Kein Empfang zeigte das Display des Handys. Und das würde auch in den nächsten Tagen so bleiben, meinten die Guides, als ich vorsichtig nachfragte. Hoffen, durchstehen, ausharren. Auch bei strömendem Regen im Zelt, von dem nachts ein Tropfen auf mein Gesicht fiel und mich weckte.

Anderntags hatte der Regen zugenommen, wir legten einen Rasttag ein. Als es nur noch nieselte, schlenderte ich durch hohes Gras zu einem Bach, da spürte ich auf einmal, wie der Boden bebte. Ich sah auf, ein mongolischer Jugendlicher saß auf einem Pferd und durchschritt den Bach. Als er am anderen Ufer davongaloppierte, sah man über den Gräsern nur noch seine blaue Trainingsjacke und rote Baseballkappe. Ohne besonderes Ziel vor Augen folgte ich dem Adler, der hoch oben über der steinernen Kuppel eines Hügels enge Kreise zog, bald stand ich oben. Der Blick war überwältigend – war er es wirklich? Denn an wie vielen einsamen und ausgedehnten Tälern und Weiden hatte ich mich in meinem Leben schon satt gesehen? Der Anblick war mir vertraut, verwundert war ich nur, kein Zeichen von Zivilisation ausmachen zu können, auch nicht in einem sattgrünen schmalen Tal, durch das ein Bach mäanderte. Ich ging am Grat entlang, den ich von Weitem fälschlicherweise für solch einen gehalten hatte, denn dahinter zog sich eine weite Ebene hin. Und bei jedem Schritt meinte ich, aus der Ferne Rufe zu hören, ein Singen vielleicht, wie wenn einer eine Herde zusammentreibt. Doch immer, wenn ich stehen blieb, war nichts zu hören. Vor mir glänzte etwas am Boden, die Überreste einer Plastikflasche, zwischen zwei Grasbüscheln hing eine Plastiktüte, einem Schuh fehlte der Absatz, ein paar Schritte weiter tauchte der Schaft eines Stiefels auf. Neben einer Feuerstelle lag ein Regal aus Metall, vom Wind hierhergeweht? Warum sollten Menschen das Gerümpel auf den Hügel schleppen, wenn es genauso gut anderswo hätte verrotten können? Ich hob das Horn eines Rindes auf, schaute hindurch auf den Fluss weit unten und ließ es wieder fallen.

Der dritte Tag begann trocken, doch kaum waren wir gestartet, kenterte ein Boot, und kurze Zeit später setzte der Regen ein, der bis zum Abend nicht aufhören sollte. Völlig aufgeweicht schlugen wir in der Abenddämmerung das Lager unter einer Baumgruppe auf und trockneten die Kleider am Feuer.

An den folgenden Tagen wurden wir geweckt vom Reißen des Flusses, von schwerfälligen Insekten, die kaum fliegen und offensichtlich noch nicht einmal die grellorange Zeltplane sehen können, wieder und wieder dagegen prallten, dass alles vibriert; von Kühen und Hunden, die hinter dem nächsten Hügel das Vieh zusammenbellten; von vorsichtigen Schritten –eines Bären? – rund um das Lebensmittelzelt; von Schafen, Pferden, dem Wind.

Aus der Ferne erinnerte das einzige Dorf auf der Strecke, in dem wir unseren Proviant aufstocken würden, an Fotografien von sibirischen Siedlungen mit bunten Dächern. Während des Wartens auf die anderen, die ins Dorf gegangen waren, um Thunfisch mit Kimchi, Schokolade, Trinkwasser und eine Flasche Goldener Dschingis Khan zu besorgen, durchquerte eine Kuhherde stolpernd und schwimmend den Orchon: Eine Kuh nach der anderen ging wie an einem unsichtbaren Fährseil entlang. Um uns saß eine 11-köpfige mongolische Familie, die uns anschaute, wir schauten zurück, sprachen in unseren eigenen Sprachen und taten und nickten, als ob man den anderen bestens verstünde.

Am Abend lagerten wir auf einer Flussinsel, am anderen Ufer stand eine blendend weiße Jurte, ein Ger, wie die Mongolen sagen. Eine Frau trat heraus, als unsere Kanus auf der Insel anlandeten. Der Boden bebte selbst hier, als drüben in dunstiger Ferne zwei Reiter eine riesige Schafherde zusammentrieben. Die Schafsrücken wogten wie Gischt durch das grüne Meer. Immer wieder ritt einer der Mongolen zurück, um ein Schaf oder eine Kuh – das war aus der Ferne nicht immer auszumachen – zurückzutreiben. Bis alle beide durch ein schwarzes Rinnsal ritten, die Furt querten und auf uns zukamen. Dachte ich. Doch sie fingen zwei ausgewachsene Rinder ein und trieben sie zurück. Auf der ganzen Insel verstreut, lagen zwischen Kuhfladen, Kötel und Pferdeäpfeln ausgebleichte Schädelknochen, Gelenke, Wirbel. Dazwischen leere Wodkaflaschen.

Tagsüber versuchte ich, den Paddelschlag dem Atem anzupassen. Gelang nicht immer, das Tagträumen schon, den Blick dem Ufer entlang gleiten lassen, den Kanten der Berge, die sich auftürmten, mancherorts schienen Riesen mit Felsen gespielt zu haben, so seltsam gehäuft lagen sie an den Hängen. Und nichts hätte an die Welt anderswo erinnert, wäre nicht beständiges Gedröhn aus dem Himmel zu hören gewesen, ohne die Flugzeuge je zu Gesicht zu bekommen.

Einmal waren wir unversehens im Schilf gelandet, die Strömung war so stark gewesen, dass kein Paddelschlag dagegen ankam und wir nach links abtrieben. Einer der Guides stand bärengleich breitbeinig im Wasser und zog gleich zwei Kanus wieder zurück in die Strömung, die hier so laut toste, dass er schreien musste: „Double left“ und den großen Fels schräg vorn passieren, dann links in die Strömung rein und los. Hätten wir ihn nicht gehabt, hätten wir uns den Weg dicht am schilfigen Ufer gesucht, wo uns das Wasser gegen die Felsen gedrückt hätte – das sah ich erst, als ich mich nach dem Passieren dieser Stelle umdrehte.

Kein Gefühl mehr für die Zeit, Tage, Wochentage. Nachts meinte ich, einem Wispern zu lauschen, das Wasser murmelt, endlich verstand ich dieses Bild, aber nicht die Sprache des Flusses. Anders wie der Guide Banzai, der, wenn es darauf ankam, breitbeinig im Kanu stand, um den Fluss „zu lesen“.

Eines Tages, gegen Ende der Reise, besuchten wir eine Familie in ihrer Jurte, unsere Guides brachten ihnen Mayonnaise und Konfitüre mit. Ein Pferdeposter hing neben dem Eingang und ein Wandteppich mit Pferdeköpfen, auf dem Regal stand ein Fernseher und flackerte vor sich hin. Der Gastgeber saß auf einem Bettgestell, eine Frau schenkte Milchtee ein und stellte zwei große Schüsseln vor uns hin, die eine mit frittierten Krapfen, die andere mit Milchgebäck. Wie passten Frau und Mann zusammen, rätselten wir, da sie viel älter schien als er? Der älteste Sohn starrte uns aus großen und dunklen Augen unverwandt an, ein spitzbübisches Gesicht hatte sein jüngerer Bruder, der später kam und eine junge Ziege brachte, gerade mal zehn Stunden alt. Nach einer Weile erhob sich der Mann, ging zu einem Wandschrank und holte eine blaue Plastikflasche hervor. Die Flüssigkeit darin war trüb, fermentierte Molke mit einem niedrigen Alkoholgehalt, wurde uns versichert, und wir nahmen alle einen Schluck, was der Gastgeber wohlwollend zur Kenntnis nahm.

Als wir am darauffolgenden Tag im Regen die Zelte abbauten, kamen zwei Mongolen auf einem Motorrad. Waren es die beiden, die wir eine Stunde später am linken Ufer wiedersahen? Unsere Guides hielten jedenfalls am rechten Ufer. Erst nach einer Weile verstanden wir, was da vor sich ging: Ein junger Mann am gegenüberliegenden Ufer versuchte, eine Pferdeherde zum Fluss, also ans andere Ufer zu treiben. Banzai sollte mit seinem roten Paddel die Ausbruchversuche der Hengste verhindern, doch es gelang ihm nicht. Die beiden Männer am anderen Ufer, an dem wir festgemacht hatten, sahen zu. Irgendwann fragten wir den Ältesten gestenreich, ob er denn nicht ans andere Ufer wolle? Flugs stand er auf, raffte seinen Mantel zusammen und stieg trotz der unter Mongolen offenbar verbreiteten Angst vor Wasser ins Kanu, setzte sich auf die blaue Kleidertonne und ritt so über den Strom. Doch auch zu fünft konnten sie nichts ausrichten, die Pferde wollten nicht zurück ins Wasser.

Und das alles war nicht etwa ein Zufall, sondern zeigt, wie Kommunikation in der Mongolei funktioniert. Als wir gestern die Nomaden besuchten, hatte der Mann erzählt, er habe einen Freund, dessen Herde auf der anderen Flussseite sei. Die müsse er zurückholen, sonst würden womöglich Wölfe die Pferde angreifen. Dieser Freund war es, der am Morgen mit dem Motorrad gekommen war, um unsere Guides zu bitten, dass sie ihnen flussabwärts beim Zusammentreiben der Herde helfen sollten. Wie aber waren die Pferde auf die andere Seite gelangt, wenn sie sich jetzt so widerspenstig anstellten? Man hätte sie, als der Wasserstand noch niedriger war, auf die andere Seite getrieben, weil dort das Gras besser sei. Nun müsse man halt warten und es später noch einmal versuchen. Aber warum führte keiner der Männer ein Seil, eine Lassostange oder ähnliches Gerät mit sich?

Gewitterwolken türmten sich auf über Gebirgszügen, peitschten das Wasser vor sich her, dass es sich kräuselte und spritzte, kein Regen fiel, für eine Weile zumindest, und erst als wir dachten, das Gewitter hätte sich verzogen, fing es an, zuerst nur ein paar Tropfen, dann ein Wolkensturz. Später tauchten am linken Ufer braune Tiere auf, größer als Pferde, auch wehte der Wind einen Geruch über den Orchon, der anders war. Kamele! Wie aus dem Nichts. Staunten uns an, wie wir sie anstaunten.

Am letzten Tag eine Traurigkeit wie über den Verlust von etwas, was schon all die Tage zuvor so schwer in Worte zu fassen war. Natur, Wasser, Nichts, nur Dahintreiben.

Infos: Kanureisen in der Mongolei organisiert Ernst von Waldenfels, der Orchon ist für Einsteiger mit Kanuerfahrung geeignet.

 

Verliebt in Shanghai

Hat die Sinologin und Autorin Susanne Hornfeck in ihren Jugendromanen Ina aus China und Torte mit Stäbchen ihre Protagonistinnen aus politischen Gründen einmal quer über den Kontinent geschickt, so reist dieses Mal die widerborstige Teenagerin Mulan nach Shanghai, weil sie die Chinesisch-Kurse in ihrer Heimatstadt München nicht besuchen will. Kurzerhand beschließt der Vater, dass sie dann eben die Sprache ihrer Mutter drei Monate lang vor Ort lernen soll. Dort wird sie von ihrer Verwandtschaft gleich in Beschlag genommen und ist ein wenig irritiert vom schroffen Gebaren ihrer Großmutter, die ständig ein Zitat von Konfuzius oder Mao auf den Lippen trägt. Vielleicht ist diese alte Frau mit ein Grund, dass ihre Mutter so lange nicht mehr in Shanghai war?

Mulan wird zwar keihornfeck_mulan_vp105631_4c-658x1024n spektakuläres Familiengeheimnis entdecken, doch die Geschichte um eine junge entflammende Liebe – garniert mit zahlreichen Erklärungen zum chinesischen Kontext – liest sich vergnüglich.

Susanne Hornfeck: Mulan. Verliebt in Shanghai. dtv, 2016.

Blick ins Reich der blinden Masseure

Als Hongkong im Jahr 1997 wieder an China zurückging, war die chinesische Massagetechnik Tuina in der ehemaligen Kronkolonie zu teuer geworden, und in der Grenzstadt Shenzhen schossen die Massagesalons wie Pilze aus dem Boden. Aus dem ganzen Land reisten blinde Masseure in den Süden, wo sie auf müde Hongkonger trafen, die müde vom Geld waren, müde Knochen hatten und verspannte Muskeln. Sie ließen sich massieren und zogen danach wieder los, um noch mehr Geld in Hongkong zu verdienen.

Sehende Haende von Bi Feiyu

Sehende Haende von Bi Feiyu

Wang Daifu ist einer dieser Masseure. Dessen Finger sind vom vielen Massieren jedoch schon ganz krumm, zudem hat er sich verliebt und will zurück in seine Heimatstadt Nanjing. Dort eröffnet er mit seinem ehemaligen Studienkollegen Sha Fuming eine Studio. Und die beiden stellen wiederum blinde Masseure an, von denen der
chinesische Autor Bi Feiyu in wechselnden Perspektiven erzählt.

Das Schicksal des Xiao Ma, der im Alter von neun Jahren wegen eines Unfalls erblindete, ist vielleicht am eindrücklichsten; im gleichnamigen Film, Tui Na – Blind Massages, steht er auch im Mittelpunkt. Da alle Therapien nichts halfen, versuchte er, sich mit der Scherbe einer Esschüssel die Halsschlagader aufzuschneiden. Nicht nur diese wulstige Narbe unterscheidet ihn von den anderen, sondern dass er einst sehend war. All die Gefühlsebenen der blinden Masseure und die Schattierungen ihres Lebens hat Bi Feiyu in jahrelangen Recherchen eruiert. Was bedeutet zum Beispiel Schönheit? Du Hong heißt eine Masseurin, deren Schönheit von den Sehenden geschätzt wird, weshalb sie auch die meisten Kunden hat. Sie könnte Kapital aus ihrer Schönheit schlagen, bleibt aber in ihrer eigenen Verwirrung gefangen. Denn was ist Schönheit, „wenn ich sie nicht sehen kann?“ Bei all dem Grübeln wird sie „kompliziert … im Grunde wünschte sie sich, sie hätte nie von ihrer Schönheit erfahren.“ Und wie gehen Blinde beispielsweise mit Macht um? An einer Stelle im Buch zerstreiten sich die beiden Chefs hoffnungslos und müssen sich im Streit gleichwohl auf das Urteil von Sehenden verlassen.

Schade nur, dass diese wichtigen Aspekte neben geschwätzigen Dialogen und seitenlangen Beschreibungen stehen. Bi Feiyu hat es versäumt, Themen und Figuren eine schärfere Kontur zu verleihen. Ärgerliche Allgemeinplätze finden sich stattdessen hier und da im Roman, wie z. B. jener: „So unterschiedlich die Menschen auch waren, eines hatten sie gemeinsam: Alle hatten ein Handy.“

Dennoch ist es lohnenswert, einen Blick „in den toten Winkel der Gesellschaft zu werfen“. Die nämlich gewährt den Blinden zwar eine kleine finanzielle Unterstützung, mit denen sich die Gesellschaft frei kauft vom schlechten Gewissen, doch Blinde tappen sprichwörtlich im Dunkeln, leben in einem Zwischenreich. Dass genau dieses wiederum seligmachend sein kann, beschrieb unlängst der Autor und Reporter Urs Mannhart: „Die Stille, die den kleinen Massageladen zu einer Insel werden lässt in dem rastlosen, lärmerfüllten Chongqing. Der Gedanke an diesen Ort hilft mir, Getöse und Gedränge besser zu ertragen.“

Bi Feiyu: Sehende Hände. Aus dem Chinesischen von Marc Hermann. Blessing-Verlag, 2015, 416 Seiten

 

 

Absurd = Alltag in Birma

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Mit dem Namen fängt es schon an: Myanmar, Burma oder Birma? Und mit dieser in wenigen Zeilen und Bildern nur schwer zu erklärenden Konfusion beginnt Guy Delisle auch gleich sein Comic-Reisetagebuch. Als Begleiter seiner Frau, die für die Organisation „Medècins Sans Frontières“ Krankenhäuser im Nordens Birmas betreut, verbringt der franko-kanadische Comic-Zeichner im Jahr 2005 elf Monate in diesem Land, das damals noch vor allem durch Negativschlagzeilen Furore machte.

Die Tage und Wochen vergehen für einen Vater im Erziehungsurlaub in Birma auch nicht schneller als anderswo: Allein in isolierter Umgebung fällt ihm die Decke recht bald auf den Kopf. Obwohl das ausländische Baby der Stolz des Viertels ist, will man nicht einmal einen Vater mit Kinderwagen zur damals berühmtesten Gefangenen der Welt – Aung San Suu Kyi – vorlassen, die gleich um die Ecke wohnt. Im Supermarkt beträllert wie andernorts Karen Carpenter mit „Every shalala …“ die Angestellten und Produkte wie La Vache qui rit und Nescafé, denn Kunden gibt es kaum. Und wie soll man überhaupt mit diesen Geldscheinen bezahlen, die für Beträge wie 45, 90 usw. stehen? Dieses Volk muss verrückt werden oder Weltmeister im Kopfrechnen, überlegt der Comic-Artist und versucht sich daran, einen wie auch immer gearteten Alltag in diesem Polizeistaat zu zeichnen.

Blieb einem bei Delisles vorangegangenen Comics Shenzhen und Pjöngjang das Lachen im Halse stecken, da der Autor sich oftmals vergeblich bemühte, einheimischen Animationszeichnern die Kunst des Trickfilms nahezubringen, so ist dieses Mal das ganze Umfeld so unglaublich absurd, dass dem geforderten Leser nichts anderes übrigbleibt, als „die Absurdität wegzulachen“. Das bekommt der Geschichte erstaunlicherweise ganz gut, denn hatten die Plots von Delisle bislang nur wenige Höhe- und Wendpunkte – von einer tieferen Einsicht der Hauptfigur in die jeweilige durchaus komplexe Gesellschaft ganz zu schweigen –, so packt er dieses Mal seine Erlebnisse in kürzere Kapitel und weiß sie dramaturgisch geschickt zu inszenieren. In kleinen, scharf gezeichneten Bildern von der Willkür und Lächerlichkeit sämtlicher Repressalien mischen sich mitunter fast schon lyrische Momentsaufnahmen von Ausflügen zum Inle-See und in ländliche Regionen, die von den aufmüpfigen Karen bewohnt werden.

Auch politische Fragen spart Guy Delisle nicht aus. Als sämtliche NGOs abreisen, nachdem die Regierung quasi über Nacht die Hauptstadt ins Landesinnere verlegt hatte – „das surrealste aller Gerüchte stellt sich als wahr heraus“ –, bleibt „Medècins Sans Frontières“. Doch unter welchen Bedingungen ist humanitäre Hilfe noch sinnvoll? So meint denn Delisle auch ganz selbstkritisch, das einzig Sinnvolle, das er in Birma geschaffen habe, sei ein Comic für HIV-infizierte Kinder gewesen, damit sie ihre Medikamente nur ja regelmäßig einnehmen.

Was aber bleibt dem Volk? Der Wille der Menschen sei gelähmt, so Delisle, da der Alltag mit Angst infiltriert sei. Wird Birma auch deshalb das Land der Pagoden genannt, weil Religion die letzte Zuflucht bietet? Am Anfang versucht der Autor noch, den Theravada-Buddhismus mit ein paar Bildern zu erklären, was allerdings misslingt. Sehr weit geht sein Interesse am Nirwana auch gar nicht, denn als er einen 10-tägigen Meditationskurs besuchen soll, stellt er lakonisch fest, dass seine Neugier doch nicht so groß sei. Am Ende seines Aufenthalts ändert er seine Meinung, besucht drei Tage lang ein Kloster und hält seine Konzentrationsschwächen auf höchst amüsante und selbstironische Weise fest. Denn ist die wahre Erkenntnis nicht jene, nichts zu wissen? Und je länger man in einem Land lebt, immer weniger zu begreifen? „Ich haben den seltsamen Eindruck, auf die andere Seite des Spiegels gelangt zu sein“, resümiert Delisle weise.

Guy Delisle: Aufzeichnungen aus Birma. Aus dem Französischen von Kai Wilksen. Reprodukt, 2009, 263 Seiten, sFr  34,50

Weitere Artikel über Birma: www.literaturfelder.com/tag/burma/

 

 

 

Augenblick

In einem Augenblick geschehen, im nächsten schon wieder vorbei: ein Gedanke, eine Begegnung, ein Vogel. Von solchen Momenten erzählen Autorinnen und Autoren mal in prägnanten Momentaufnahmen, mal in auschweifenden Erzählungen, und die werden immer wieder begleitet von Fotografien und Zeichnungen.

Theres Rütschi hat solch einen Gedankenblitz von Alice C. illustriert und somit ein erstes beeindruckendes Gesamtspiel von Zeichnung, Lettering und „Gewölk“ eines Vogelschwarms veröffentlicht.

Erschienen ist das Buch Dieser Moment im Rahmen eines Literaturwettbewerbs beim Vidal Verlag.

Wider das Vergessen

semsandberg

Warum hält niemand die Maschine auf? Denn wenn das Gesetz so beschaffen ist, dass es notwendigerweise aus dir den Arm des Unrechts an einem anderen macht, dann brich das Gesetz, forderte schon Thoreau. Diese Frage drängt sich erneut auf bei diesem Roman über „Die Erwählten“, die in einer Wiener Kinder- und Jugendpsychatrie qualvoll zu Tode kamen.

„Irgendwann muss doch mal Schluss sein“, hörte ich, wie einmal eine Frau zu einer anderen sagte und sich darüber beschwerte, dass sie im Urlaub in Norwegen als Deutsche so unwirsch behandelt worden sei.

Die Hauptfigur in Steve Sem-Sandbergs Roman Die Erwählten, Adrian Ziegler, könnte dem entgegenhalten: „Es gibt eine Art Vergessen, die nicht dasselbe ist wie sich nicht mehr zu erinnern, sondern es ist so, als sei das Gehirn verstummt.“ Bei ihm aber ist es noch schlimmer. Seine Zeit in Spielgrund, einer sogenannten Fürsorgeanstalt für kranke, behinderte und „nicht erziehbare“ Kinder und Jugendliche, die von 1940 bis 1945 medizinischen Versuchen ausgesetzt und gequält worden waren, muss er „wegamputieren“. Er war wie viele andere zwischen seinem 10. und 15. Lebensjahr Krankenschwestern und Ärzten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert, da er Zigeunerblut in sich trug.

Über die (Mit-)Schuld von Ärzten und Krankenschwestern bei der Euthanasie vermeintlich unwerten Lebens wurde schon oft erzählt, gleichwohl erschüttert jedes Mal aufs Neue, wie dieses System funktionierte. So erzählt der Autor relativ nüchtern von kleinen seelischen Verwundungen, die in Abhängigkeiten führten. Die Krankenschwester Anna Katschenka zum Beispiel fühlte sich von ihrem ersten Gatten, einem Juden, so gedemütigt und vom Arzt Jekelius gerettet, dass sie fortan folgsam untertan agiert und abgehärtet ist gegen die Kinderschicksale, denen sie meistens frei von jeglicher Empathie gegenübersteht. Auch die Ärzte beugen sich mehr oder weniger gewissenhaft dem Beschluss, der aus Berlin kam – worauf sie sich später berufen konnten –, minderwertige Leben auszumerzen. Man hatte zu folgen, man versteckte sich hinter dem „man“ und einer Mauer aus Schweigen, die besorgte Eltern nicht durchbrechen konnten, selbst wenn sie gewollt hätten. Und manche haben es auch nicht einmal gewollt, waren froh, den Bastard, das Kind mit dem Wasserkopf, den schwer erziehbaren Adrian Ziegler endlich los zu sein, oder waren schlichtweg überfordert von der eigenen Lebenssituation. Abgeschobene Kinder also und welche, bei denen die Eltern meinten, im Spiegelgrund bestünde noch Hoffnung, von den Ärzten anfangs auch so vorgegaukelt, die nur wenig später den Totenschein ausstellten.

Der dänische Autor Steve Sem-Sandberg, der schwedischen Dokumentarliteratur verpflichtet, konzentriert und verdichtet die Geschichten von unzähligen Kinderschicksalen. Seine nüchterne Erzählweise verstärkt den Schrecken nur noch und auch die Empörung über so viel Ungerechtigkeit selbst den Überlebenden gegenüber: Als Adrian Ziegler später seinem Peiniger aus Spiegelgrund gegenübersitzt, sorgt der dafür, dass Adrian noch länger hinter Gitter bleiben muss als juristisch notwendig. Der andere aber, Dr. Gross, macht mit seinen Forschungsarbeiten an Kindergehirnen Karriere, ja wird als Koryphäe und von der Medizinwelt hofiert. Nur für seine Verbrechen kann er nicht belangt werden, denn als die erdrückenden Beweise endlich auf dem Tisch liegen, ist Dr. Gross aus Altergründen nicht mehr vernehmbar.

Klar könnte man entgegenhalten, über all das wurde doch schon so oder anders berichtet, wozu braucht es darüber wieder einen Roman? Und warum meint Aldo Keel in der NZZ, dass es eine „qualvolle, doch bitte notwendige Lektüre“ sei? Dieses System des Wegsehen, des Duckens, des Vergessens, des Mitmachens, der Karrierefixiertheit, so steht zu befürchten, wird nach wie vor befördert. Und deshalb sind solche Romane noch immer wichtig. Denn solange solche Charaktereigenschaften gefördert werden und Zivilcourage bestraft wird, ist noch lange nicht Schluss mit dem Vergessen, denn die Maschine läuft weiter.

Steve Sem-Sandberg: Die Erwählten. Aus dem Schwedischen von Gisela Kosubek, Klett-Cotta Verlag, 2015

 

 

 

Amrum

IMG_8690Dünengräser ducken sich im Wind, beugen sich vor ihm – in China würde man sagen, es ist geschmeidig wie der Wind und bricht nicht.
Wind streicht über die Haut, durch das Haar, Wind treibt Abfalltüten vor sich her, in die Luft, Wind rauscht durch Bäume, über die Dünen, die Graskuppeln ducken sich, wiegen sich, richten sich nur selten auf, geduckte Haltung ein Leben lang. Oder eben. Angepasst und nicht gebrochen.
Grelle Sonne über gleißendem weißem Sandstrand, feinster Sand überall, in den Zehenritzen, unter den Zehennägeln, in den Haaren, Wimpern, Augenbrauen, Ohren, nicht zwischen den Zähnen, die Lippen immer fest aufeinander gepresst.
Möwen greinen wie kleine Kinder, lachen, quoarken, schreien.
Enten im Vogelzug im Sommer schon und nicht erst im Herbst?
Und mittendrin der Himmel.
Schwarzes Band, metallen blinkend, hinter dem weißen Sand: das Meer.
Kein Meeresrauschen, nur Möwen keckern höhnisch.
Wunderland schwappt über Dünensand.