Skurrile Überraschungen

Anthologien wird man mit Rezensionen selten gerecht, wie auch? Soll man die einzelnen Geschichten nacherzählen? Gemeinsamkeiten herauskitzeln?

Die Storys in „Ministerium für öffentliche Erregung“ von Amanda Lee Koe sträuben sich gegen jegliche Zuordnung. Skurril, widerborstig, gegen den Strich jeglicher Vorhersehbarkeit sind sie allesamt gebürstet, und jede für sich lässt ungläubiges Staunen zurück. Wegen der Gewalt in Beziehungen, die sich schon mal dadurch Bahn bricht, dass ein Frau ihrer Ex-Geliebten eine Sardinendose zweimal nacheinander auf die rechte Wange knallt und die Leute im Supermarkt lediglich stehenbleiben und zuschauen wie in „Die Ballade von Arlene & Nelly“. Dann wieder fängt die Autorin zärtliche Momente ein in der Beziehung zwischen einer todkranken Seniorin, die im Alter nichts von ihrer Aura verloren hat, und einem jungen Mädchen in „Alice, du musst der Mittelpunkt deines eigenen Universums sein“. Der Titel „Waschsalon“ hingegen führt auf eine völlig falsche Fährte, suggeriert ein urbanes Biotop, das man zu kennen meint – dabei hat ein Stadtanthropologe zu Studienzwecken bloß ein Labor eingerichtet, die Protagonisten wissen nichts davon und werden wie durch eine Lupe beobachtet.

Woher kommt der Stoff zu diesen Geschichten, die Milieus sarkastisch beleuchten, mal behutsam, mal kühl observierend geschundene Seelen skizzieren? Aus Welten, die sich wie wohl in kaum einer anderen Stadt so sehr in die Quere kommen wie in Singapur. Und jede Geschichte ist anders, hat einen anderen Sound, ist formal anders gestrickt – fast schon bang beginnt man die nächste Story, weil man nie weiß, was einen erwartet.

Amanda Lee Koe: Ministerium für öffentliche Erregung. Storys. Aus Englischen von Zoë Beck, Culturebooks, 2016, 222 Seiten

Jung und …

Tee mit Karamell- oder Vanillegeschmack, Sessel mit braunen Cordbezügen, Clearasil Gesichtswasser … Solche Marker durchziehen den neuesten Roman von Kirstin Breitenfellner. Bringen Dinge an die Oberfläche, die man vergessen hat.

Die Handlung ist in wenigen Worten erzählt: Jugend in einer Kleinstadt, erste Zungenküsse, Flaschendrehen in Kellern, Verrat von Jugendfreundschaften. Die politischen Geschehnisse in dieser Zeit bilden nicht nur die Kulisse dieser Erzählung – Waldsterben, saurer Regen, Anti-AKW-Aktionen, Wettrüsten, Friedensdemonstrationen –, denn sie beschäftigen Judith ganz konkret, die im Vorspann des Buches 13 Jahre alt ist. Ein verletzliches Alter. Forsch wird die eigene Schüchternheit überspielt, ein, zwei Lehrer imponieren, die Clique ist ein gefährliches Netz. Verlässliches bricht weg, besser man setzt darauf, Spass zu haben und verbissen die Jugend zu genießen. Einerseits bleibt angesichts der drohenden Katastrophen nur wenig Zeit zum Leben. Andererseits würde in zwei Jahren, nach dem Abi, das Leben erst beginnen. Hauptsache raus aus der Kleinstadt, weg von den Eltern, von denen man sich ohnehin unverstanden fühlt.
Klar kann man sagen, so viel Empörung, so viel Naivität ist jugendlich und nachvollziehbar, doch die Autorin begnügt sich nicht damit. Sie gibt Gegensteuer und bricht die Coming-of-Age-Geschichte mit auktorialen Einsprengseln. Nach einem Streit, in dem der Vater Judith vorwirft, in eine verkommene Gesellschaft geraten zu sein, hält Judith ihm entgegen, dass sich genau diese Leute gegen die verkommene Gesellschaft wehren. Und die Erzählstimme erklärt: „Was Judith damals noch nicht ahnen konnte: dass die, die sich gegen die Gesellschaft zu wehren gewohnt waren, es verlernten, sich gegen sich selbst zu wehren. Dass das ihr größter Denkfehler war. Dass sie sich die Wahrheit über sich selbst nicht eingestanden und auch nicht über den Menschen. Es gab sie nicht, die Guten, die von der bösen Gesellschaft verdorben wurden, denn sie waren alle die Gesellschaft.“
Offenbar traut Kristin Breitenfellner ihren Figuren in ihrem jugendlichen Eifer nicht so recht über den Weg; gleichwohl stellt sie fest, dass man im Alter von 23 Jahren – so alt sind die Helden bei Dostojewski – , zwar kein Kind, aber auch noch nicht richtig erwachsen sei, die Kräfte allerdings noch nicht von der Realität abgenutzt seien. Die Autorin hat sich bewusst für die  auktoriale Erzählperspektive entschieden, denn die Jugend sei eine schrecklich Zeit, «weil man so naiv ist und gleichzeitig so herrisch auftritt … Dieses Bewusstsein wollte ich den Lesern nicht ungefiltert zumuten», erklärt sie in einem Interview.

Interessant ist allemal, wer sich woran erinnert bei diesem Abtauchen in die eigenen 80er-Jahre. Gehörte man womöglich zur Popper-Fraktion, von Judith unterschätzt, wie sie beim Durchblättern der Schülerzeitung feststellt? Worin bestand der Widerstand gegen die damalige Denkstarre, in Kohl-Witzen oder Demos gegen die Stationierung der Pershing II? Und wie hat man sich selbst verhalten, als die Tschernobyl-Wolke über Mittel- und Westeuropa hing? Weiter getanzt zu „99 Luftballons“?
Die Stärke dieses Romans liegt im Spiegel, den man sich unwillkürlich vorhält und seine Vergangenheit inspiziert nach Tee mit Vanillegeschmack, Anti-AKW-Buttons und sich fragt, wo man selbst gestanden ist. Damals. Als die Welt genauso wenig in Ordnung war wie heute.

Kirstin Breitenfellner: Bevor die Welt unterging. Picus-Verlag, 2017, 240 Seiten

Herbst

Auf den Fluren ziehen spitz die Schwärme
der Süden lockt
Vögel in Fallen
Menschen erinnern sich
schreiben mit schwarzen Buchstaben
direkt ins Hirn
wandern unruhig hinter Gittern
wenn alle Blätter treiben.

Inspiriert von Eva Roth
für Ahmet Altan

Staunen und Reisen

Wenn einer eine Reise tut, könnte er was erzählen … wenn er es denn könnte. Oft genug lege ich Reiseberichte gelangweilt weg, weil sie nichts Neues zu berichten wissen oder eben Altbekanntes nicht gut erzählen.

Nicht so bei John Dos Passos, und ich frage mich, warum bei ihm die Stereotypen, die über den Orient im Umlauf sind, sich während der Lektüre nicht aufdrängen? Tagespolitische Ereignisse so beschrieben werden, dass sie zwar auf die damaligen globalen Zusammenhänge verweisen wie das Attentat auf einen aserbaidschanischen Gesandten – aber eben ohne jeden besserwisserischen Kommentar auskommen. Stattdessen wird der Brief der Witwe eben jenes Gesandten abgedruckt, werden politische Gespräche wiedergegeben.

Heute noch und damals erst recht ist schwerlich nachzuvollziehen, welche politischen Wirrnisse in den Weltgegenden herrschten, die der Autor Anfang der 1920er Jahre bereiste. Länder (Türkei, Georgien, Armenien, Iran, Irak, Syrien) hatten zwar einen Namen, die Grenzen dieser Länder aber waren verwischt, zudem künstlich und wurden von den Einheimischen nicht wirklich als solche akzeptiert. Willkürlich wurden historische Landschaften zerschnitten, ebenso willkürlich waren Grenzkontrollen, wenn es sie überhaupt gab.

Typisch für die Reiseliteratur damals mag wohl gewesen sein, sich ganz dem Versuch hinzugeben, mit der einheimischen Kultur zu verschmelzen, kombiniert mit Kritik an der eigenen Zivilisation. Dieser eskapistische Aspekt wird beim Kamelritt quer durch die Wüste – von Bagdad nach Damaskus – deutlich: „Es ist die feinste Sache der Welt, keine Uhr zu haben und kein Geld und für nichts Verantwortung zu empfinden.“ Und so werden auch die Derwische, die Landstreicher, die fröhlichen zerlumpten Gestalten, bewundert: „Sie sind gewiss die glücklichsten Menschen in Persien. Sie denken nicht an Steuern … wandern umher, Sonne und Wind ausgesetzt, hungern und singen Gebete und tragen Epidemien und das Wort Gottes von der Wüste Gobi bis zum Euphrat. Landstreicher gibt es überall, aber im Orient ist diese Lebensform ein religiöser Akt.“ Mag das stellenweise auch knapp am Exotismus vorbeischrammen, so ist doch unterm Strich die Gratwanderung zwischen offenem Staunen und dem einfachen Zuhören und Beobachten gelungen.

Wer weiß, vielleicht lag diese Offenheit Dos Passos anderen Kulturen gegenüber in seiner Kindheit begründet, die Stefan Weidner im Nachwort beschreibt: eine „Hotelzimmerkindheit“, die ihn dieses Staunen auch als Reiseschriftsteller bewahren ließ.

John Dos Passos: Orient-Express. Aus dem Englischen von Matthias Fienbork. Nachwort von Stefan Weidner. Zürich: Nagel & Kimche, 2013. 207 Seiten.  Auch als Taschenbuch bei dtv erhältlich.

Bergwelt

Wolken schießen über den zerklüfteten Berggrat
ein Regenbogen stemmt sich hoch, biegt sich weit übers Tal
ein schwarzer Salamander, noch einer – weil der Regen kommt –
krabbeln unbeholfen auf dem Pfad, kriechen unter den nächsten Stein
eine schwarze Schnecke erstarrt, weil sie Schritte hört
oder erste Tropfen auf ihren Rücken fallen
schwarze Ziegen meckern und glocken.
Mit jedem Schritt regnet es stärker, scheint es,
bis der Pfad sich windet und eine Hütte verheißt,
wo keine ist, erst nach der übernächsten Biegung
steht sie da auf einer Anhöhe, die tief hinabstürzt.
Und als die Wolkendecke sich öffnet wie ein Fenster
zackt der Berg kurz auf, bevor es sich wieder schließt.
Nasse Felsen blinken in der Sonne
Gämsen recken den Kopf in die Höhe
Murmeltiere pfeifen und verschwinden unter Felsen.
Das Tal ruft, der Waldboden bebt.
Mit jedem Schritt werden Fantasien in den Boden gestampft
überhaupt kommt man mit dem Denken nicht weit.
Wohl der Sinn des Bergwanderns.

Gedanken auf einer Wanderung im Kanton Uri, mit der Gondel zum Arnisee, auf dem steilen Waldweg hinauf zum Sunnigrät, vor dort den Berg gequert zur Leutschachhütte. Und am nächsten Tag die blau-weiße Route über den Wichelpass, das Schindlachtal hinunter wieder zum Arnisee zurück.

Schreiben mit Kindern

Warum ist das Schreiben außerhalb der Schule so wichtig? Was können Kinder aus Schreibworkshops mitnehmen? Hoffentlich viel Spaß und Lust, mit Wörten zu jonglieren und eigene Geschichten aufgrund der vielen Anregungen, die sie bekommen, zu gestalten. Zu diesem Thema hat mich Schreibtrainerin und Lektorin Maike Frie befragt. Mehr dazu hier.

Pflanzen überall


Wie konnte es geschehen, dass unter Hunderten von Einsendungen gerade mein Dreizeiler auffiel und aufgenommen wurde in „Steinbrech. Gedichte zu Pflanzen“? Freuen tut es mich jedenfalls für mein Zimmerpflanzen-Haiku.

153 AutorInnen aus sechs Ländern haben geschrieben über „Pflanzen, die uns ernähren, uns schmücken, schützen und heilen – und sie töten uns.“ Am 27. Oktober 2017 wird im Botanischen Garten Leipzig das Heft der Lyrikgesellschaft gefeiert.

Mehr Informationen hier.

 

Wolken ziehen mit Liu Xiaobo

Wie an einen fernen Freund denke ich beim Blick in die vorüberziehenden Wolken, dabei kennen wir uns nicht. Ich kenne auch Liu Xiaobos Gedichte nicht, nach denen ein Radiosender fragt. Erinnere mich an seine Essays, die mich damals beim Lesen beeindruckten. Ohne dass ich genau zu benennen wüsste, was es war, aber eine Offenheit und unerschütterliche Hoffnung sprachen daraus, die mich angesichts seiner Lebensumstände – Verurteilung, Arbeitslager, Freilassung, Verurteilung … – überraschten.
Nun nehme ich erneut den Band Ich habe keine Feinde, ich kenne keinen Hass aus dem Regal, sehe all die Kreuzchen und Ausrufezeichen, also müssen mich die Texte damals ziemlich beschäftigt haben, denn nur selten hinterlasse ich solche Markierungen in einem Buch. Kindersklaverei in den Ziegeleien von Shanxi. Vertuschte Vergewaltigung einer Schülerin und Massenproteste. Willkürherrschaft und Betrügereien selbstherrlicher Beamter. Die Kluft zwischen Propaganda und Darstellungen im Internet, so Liu Xiaobo, zeige das wahre Gesicht der VR China. Und: „Solange die Chinesen keine Freiheit haben, gibt es für Tibet keine Autonomie.“
Doch es ist die Inschrift für einen 17-Jährigen, der auf dem Platz des Himmlischen Friedens keinen Frieden gefunden hat, die mich trifft:

Du hast nicht auf die Ermahnungen der Eltern gehört, du bist aus dem kleinen Klofenster zu Hause hinaus, und als du mit hoch erhobener Fahne zu Boden gingst, warst du erst 17. Ich aber lebe weiter, mit meinen 36. Weiterleben ist ein Verbrechen vor deinem Gespenst, dir ein Gedicht widmen Schande. Die Lebenden müssen schweigen, lauschen der Anklage der Gräber. Ich habe kein Recht, dir ein Gedicht zu schreiben. Deine 17 Jahre gehen über alle Worte hinaus und alles, was ein Mensch tun kann.

Liu Xiaobo hat viel gewagt für diese Worte, für seine Essays, Gedichte, Pamphlete. Der Nobelpreis wurde ihm in Abwesenheit verliehen, denn da saß er wegen seiner Unterschrift unter die Charta 08 – einer Forderung u.a. nach freien Wahlen, Gewaltenteilung und föderaler Strukturen – bereits im Gefängnis. Er tat, was er tun konnte.

Nur die Wolken ziehen weiter, als wüssten sie von nichts.

Lärm

Ein Aufwachen, ein Brummen, was war zuerst? Das Brummen, und man ist deswegen aufgewacht? Oder weil man aufwachte, hat man das Brummen überhaupt erst gehört? Das Dach bebt, die Rollläden klappern, Regen prasselt, in Regenrinnen rauschts, das Dach hebt ab, scheint abheben zu wollen, das ganze Haus, es braust.
Und Stunden später hebt ein anderes Getöse an. Ein Glockengeläut, ein Zittern an den Wänden, ein Dröhnen der Gläser in den Wandschränken, im Ohr, das Beben des Fensterglases, ein holpriges Poltern, die tiefste Glocke hatte einen Aussetzer, stimmt wieder ein, im Ohr prallen die Klänge aufeinander, verschwimmen, die Klänge kommen von unten, von nebenan, von oben herab. Ewig scheint es läuten zu wollen.
Und 15 Minuten später in die abrupte Stille hinein das Gurren einer Taube, überlaut und wie von einem Band abgespult.