Tee mit Karamell- oder Vanillegeschmack, Sessel mit braunen Cordbezügen, Clearasil Gesichtswasser … Solche Marker durchziehen den neuesten Roman von Kirstin Breitenfellner. Bringen Dinge an die Oberfläche, die man vergessen hat.
Die Handlung ist in wenigen Worten erzählt: Jugend in einer Kleinstadt, erste Zungenküsse, Flaschendrehen in Kellern, Verrat von Jugendfreundschaften. Die politischen Geschehnisse in dieser Zeit bilden nicht nur die Kulisse dieser Erzählung – Waldsterben, saurer Regen, Anti-AKW-Aktionen, Wettrüsten, Friedensdemonstrationen –, denn sie beschäftigen Judith ganz konkret, die im Vorspann des Buches 13 Jahre alt ist. Ein verletzliches Alter. Forsch wird die eigene Schüchternheit überspielt, ein, zwei Lehrer imponieren, die Clique ist ein gefährliches Netz. Verlässliches bricht weg, besser man setzt darauf, Spass zu haben und verbissen die Jugend zu genießen. Einerseits bleibt angesichts der drohenden Katastrophen nur wenig Zeit zum Leben. Andererseits würde in zwei Jahren, nach dem Abi, das Leben erst beginnen. Hauptsache raus aus der Kleinstadt, weg von den Eltern, von denen man sich ohnehin unverstanden fühlt.
Klar kann man sagen, so viel Empörung, so viel Naivität ist jugendlich und nachvollziehbar, doch die Autorin begnügt sich nicht damit. Sie gibt Gegensteuer und bricht die Coming-of-Age-Geschichte mit auktorialen Einsprengseln. Nach einem Streit, in dem der Vater Judith vorwirft, in eine verkommene Gesellschaft geraten zu sein, hält Judith ihm entgegen, dass sich genau diese Leute gegen die verkommene Gesellschaft wehren. Und die Erzählstimme erklärt: „Was Judith damals noch nicht ahnen konnte: dass die, die sich gegen die Gesellschaft zu wehren gewohnt waren, es verlernten, sich gegen sich selbst zu wehren. Dass das ihr größter Denkfehler war. Dass sie sich die Wahrheit über sich selbst nicht eingestanden und auch nicht über den Menschen. Es gab sie nicht, die Guten, die von der bösen Gesellschaft verdorben wurden, denn sie waren alle die Gesellschaft.“
Offenbar traut Kristin Breitenfellner ihren Figuren in ihrem jugendlichen Eifer nicht so recht über den Weg; gleichwohl stellt sie fest, dass man im Alter von 23 Jahren – so alt sind die Helden bei Dostojewski – , zwar kein Kind, aber auch noch nicht richtig erwachsen sei, die Kräfte allerdings noch nicht von der Realität abgenutzt seien. Die Autorin hat sich bewusst für die auktoriale Erzählperspektive entschieden, denn die Jugend sei eine schrecklich Zeit, «weil man so naiv ist und gleichzeitig so herrisch auftritt … Dieses Bewusstsein wollte ich den Lesern nicht ungefiltert zumuten», erklärt sie in einem Interview.
Interessant ist allemal, wer sich woran erinnert bei diesem Abtauchen in die eigenen 80er-Jahre. Gehörte man womöglich zur Popper-Fraktion, von Judith unterschätzt, wie sie beim Durchblättern der Schülerzeitung feststellt? Worin bestand der Widerstand gegen die damalige Denkstarre, in Kohl-Witzen oder Demos gegen die Stationierung der Pershing II? Und wie hat man sich selbst verhalten, als die Tschernobyl-Wolke über Mittel- und Westeuropa hing? Weiter getanzt zu „99 Luftballons“?
Die Stärke dieses Romans liegt im Spiegel, den man sich unwillkürlich vorhält und seine Vergangenheit inspiziert nach Tee mit Vanillegeschmack, Anti-AKW-Buttons und sich fragt, wo man selbst gestanden ist. Damals. Als die Welt genauso wenig in Ordnung war wie heute.
Kirstin Breitenfellner: Bevor die Welt unterging. Picus-Verlag, 2017, 240 Seiten

Wenn einer eine Reise tut, könnte er was erzählen … wenn er es denn könnte. Oft genug lege ich Reiseberichte gelangweilt weg, weil sie nichts Neues zu berichten wissen oder eben Altbekanntes nicht gut erzählen.




… oder so ähnlich könnte der Titel meiner Wiederentdeckung von Niklaus Meienbergs Reportagen lauten. Zwar sind Band 1 und Band 2 bereits 2000 im Limmat-Verlag erschienen, zwar liegt der Bosnien-Krieg (1993-1995) schon eine Weile zurück. Aber wenn man diesen offenen Brief an den Chefredakteur der Zeitschrift „Oslobodjenje“ und seine Redaktion liest, ist man verdutzt. So zeitlos sind diese Zeilen, ist diese Gegenüberstellung gesättigter Schweizer Larmoyanz, die so, wie sie geschildert ist, durchaus übertragbar ist auf andere Länder. Denn wenn es hier raucht, sind das maximal die Müllverbrennungsanlagen. Den Hunden geht es soweit gut. Wasser fließt aus den Hähnen. Kein Beschuss zu vermelden. „Von einer Belagerung der Stadt Zürich ist nichts zu spüren. Belagert und umzingelt sind wir nur vom Wunsch, das Schlachten im ehemaligen Jugoslawien aus unseren Köpfen zu verdrängen.“ Und zynisch schlägt er den Boden weiter zu Ländern, wo der Ressourcen wegen durchaus eingegriffen wird in völkermörderisches Treiben. Aber: „Wir verfolgen das Gemetzel am Fernsehen, doch es verfolgt uns nicht.“
Unruhige Momente im Leben, verdichtet in Haikus, die nachdenklich stimmen, Oberflächen aufbrechen und Gedankenräume erschließen: 164 Texte von 123 Poeten und Poetinnen wurden zu diesem Thema zusammengetragen in dem Buch Unruhige See(le). Sie vermitteln einen Einblick in das zeitgenössische Haiku-Schreiben deutschsprachiger Autoren. Das Projekt kam durch eine