Vom Reisen und vom Schreiben

Ein Gespräch mit dem Autor und Journalisten Stefan Schomann

 Foto: Stefan Maria Rother

Foto von Stefan Maria Rother

Beim Philosophieren über Gott und die Welt haben wir uns kennengelernt, und bei meiner Vorbereitung auf das Schreibseminar „Über Reisen schreiben“ wollte ich es genauer wissen: Wie findet man die passenden Worte für seine Erfahrungen in nahen und fernen Ländern? Stefan Schomann erzählt, wie sich der Reisejournalismus in den vergangenen beiden Jahrzehnten veränderte und worauf es letzten Endes ankommt.

Deine erste Reisereportage?

Ein Schulaufsatz: „Für und wider Bergbahnen“. Das war in der 6. Klasse, Mitte der siebziger Jahre. Da begann die Umweltbewegung, dahinter stand auch der schwierige Begriff Heimat. Ich hatte gerade mit meinem Vater einen Ausflug zum Tegernsee gemacht, auf die Neureut, das war damals schon eine Reise. Alles außerhalb von München war eine Reise. Wir sind zu Fuß hinaufgestiegen und eben nicht hochgefahren. In diesem Aufsatz habe ich beschrieben, was ich dabei alles erlebt habe und womit ich in der Seilbahn nicht in Kontakt gekommen wäre: einen Esel, den Wald, die Almwiesen, die Buttermilch, den durch die Zweige sickernden Sonnenschein.

Also keine Erörterung im strengen Sinne?

Erörterung und Erlebnisaufsatz in einem. Vielleicht wäre das gar keine schlechte Definition für eine Reportage. Jedenfalls war es mein Einstieg ins Metier, auch wenn ich bis heute nie wieder an diesen Aufsatz gedacht habe. Aber die Beweggründe fürs Schreiben wie fürs Reisen sind vermutlich häufig in der Kindheit angelegt. Beides artikuliert die Sehnsucht nach einer anderen Welt. Als Kind hatte ich nie damit gerechnet, dass ich diese Sehnsüchte jemals würde stillen können. Uns fehlten die Mittel dafür, und ich war überzeugt, Fernreisen würden ein Traum bleiben. Der Beruf des Reporters hat dieses Verlangen dann doch eingelöst.
Heute ist das Reisen längst kein Privileg mehr, somit hat sich auch der Stellenwert der Reisereportage geändert. Der Leser war vielleicht schon dreimal an dem Ort, den du jetzt das erste Mal besuchst. Du musst also mehr bieten, als „nur“ irgendwo gewesen zu sein. Damit wird das Schreiben wichtiger als das Reisen.

Reisen ist nichts Besonderes mehr …

Nein, es gehört zum Lebensstandard. Wobei es natürlich die unterschiedlichsten Arten gibt, und bei der Planung fängt die Kreativität auch schon an. Das kann auch mal eine verrückte Idee sein wie diese Erstbesteigung des Uetlibergs mit Sauerstoff. Darüber ist kürzlich ein Büchlein erschienen – köstlich! Im Grunde auch eine Art der Erörterung: für und wider Extrembergsteigen.

Jedenfalls sollte man sich immer überlegen, wie man sich durch einen Raum bewegen will, um darüber am besten schreiben zu können. Ich war unlängst in den albanischen Bergen unterwegs. Auf dem Hinweg hatte ich einen geländegängigen Wagen mit Fahrer. Das war angenehm und effizient, aber darüber gibt es nichts zu berichten. Auf dem Rückweg bin ich mit einem Sammelbus gefahren, der Einheimische und Touristen entlang der Strecke aufliest und über halsbrecherische Pässe karrt. Das war weit weniger bequem, hat dreimal so lange gedauert, und es konnte einem schon mulmig werden dabei. Der Fahrer telefonierte mit der Linken und schwang mit der Rechten das Lenkrad. Wenn er nicht telefonierte, rauchte er. Ich überlegte mir, was wohl geschehen würde, wenn ihn nun beim Telefonieren der Drang nach einer Zigarette überkäme. Ich habe den Gedanken dann aber wieder verworfen – so etwas denken Reporter sich doch nur aus, damit der Leser sich ein bisschen um sie sorgt. Aber wenig später tat er genau das und lenkte die Kiste dann mit beiden Ellbogen am Abgrund entlang. Darüber lässt sich schreiben! Der schnellste Weg ist nie der ergiebigste.

Umgekehrt ist es zum Beispiel immer lohnend, mit Tieren unterwegs zu sein. Ob man nun reitet, mit einem Hund spazierengeht, mit einem Esel herumzieht – Tiere tragen hervorragend zur Entschleunigung bei.

Die Fahrt mit dem Taxi?

Ist in der Regel keine relevante Situation. Wie viele journalistische Texte beginnen damit, was einem der Taxifahrer auf dem Weg vom Flughafen über die Stadt erzählt. Das ist banal. Da müsste schon etwas sehr Besonderes passieren. Vielleicht, wenn einen der Fahrer nach Strich und Faden übers Ohr haut, das könnte in eine Geschichte münden. Oder wenn er einen umsonst befördert. Beides geschieht ziemlich selten.

Braucht man eine zentrale Figur, die durch den Text führt, wie es in Handbüchern für Journalismus empfohlen wird?

Man kann das schon machen, aber man sollte sich generell nicht zu sehr mit diesen Schnittmustern aufhalten. Am Schnittmuster erkennt man die mittelmäßige Reportage. Es kann produktiver sein, ein Muster zu brechen als ihm zu folgen. Die Form kommt immer aus dem Stoff. Und da der jedesmal anders ist, sollten auch die Formen entsprechend variieren. Ich beschäftige mich seit längerem mit den Geschichtenerzählern in China, das ist dort noch ein richtiger Beruf. Nun habe ich eine Reportage über ein Festival gemacht, das in einem kleinen, x-beliebigen Dorf stattfindet. Da treten sechs Hauptfiguren gleichberechtigt auf, die unterschiedliche Regionen, Milieus, Altersgruppen und Erzählstile verkörpern. Die ganze Geschichte spielt in diesem Dorf, das wir eigentlich nicht verlassen – aber durch diese famosen Kollegen wird ein ganzes Land, eine ganze Kultur fassbar. Eine Figur allein könnte das nicht leisten. Dort reden alle durcheinander, alles geschieht gleichzeitig, ein dreitägiger Tumult – das muss man polyphon lösen.

Wie hat sich seit deinem ersten Artikel das Schreiben über Reisen verändert?

Seit 25 Jahren schreibe ich nun. Früher waren die Rahmenbedingungen besser und professioneller, wir hatten beispielsweise ein Reisebudget, das ist heute nur mehr selten der Fall. Es gab weltweit Korrespondentenbüros, das waren Anlaufstellen. Die große Kränkung für uns rührt daher, dass die Leute immer weniger lesen. Die Auflagen der Magazine gehen zurück, und parallel wird weniger inseriert. Ein Teufelskreis. Ähnlich verhält es sich mit den Auflagen von Büchern. Man könnte meinen, die Leser würden desertieren. Sie bringen sich um die besten Sachen.

Wohl als Symptom der Krise ist der Umgang der Redaktionen mit den Freien rauer und zugleich oberflächlicher geworden. Die Autoren wie auch die Fotografen sehen sich zunehmend zu Handlangern degradiert. Statt sich mit den Potentialen eines Autors auseinanderzusetzen, kommen immer öfter stupide Rundmails: Wer war schon mal in Afrika? Wer verrät uns seine 33 Lieblingshotels? Zugleich werden Redaktionen, Verwaltung, Vertrieb, der ganze Apparat immer selbstbezüglicher. Es gibt im Vorfeld genaue „Briefings“, die festlegen, worum es in der Geschichte gehen soll. Bevor sie überhaupt begonnen hat. Für Unvorhergesehenes ist darin kein Platz. Das Unverhoffte ist aber das Beste am Leben.

Kommen Reporter heutzutage unter Druck, um der Erwartung willen etwas zu erfinden? Wie wahr muss ein Text sein?

Die Versuchung war und ist wohl immer da. Aber das ist eine heikle Gratwanderung. Man sollte besser auf eine Pointe verzichten als seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen. Die Realität ist spannend und auch verrückt genug, ohne dass man flunkern muss.

Wollen die Leser mit Klischees bedient werden?

Das Reisen ist selbst ein Klischee. Diese Stereotypen kann man aufgreifen, abwandeln, sie brechen, spielerisch damit umgehen oder einfach kurz abhaken und dann hinter sich lassen. Was beschäftigt mich wirklich, wenn ich unterwegs bin, was spielt sich dort sonst noch alles ab? Da wird es interessant.

Wo steht der Reisejournalismus heute?

Foto: Till Bartels

Foto: Till Bartels

Die Reise ist ein Stiefkind des Journalismus, und der Reiseteil manchmal der schwächste Teil einer Zeitung. Es wird als Genre gar nicht wirklich ernst genommen; man kann damit Anzeigen akquirieren, verfolgt aber keine geistigen Ansprüche. Ich sehe das natürlich genau umgekehrt: das ist die Königsdisziplin, das Schlüsselressort, das die meisten anderen miteinbegreift: Kultur, Sport, Wirtschaft, Politik, Vermischtes. Auch Lokales, als globaler Lokaljournalismus, wenn man so will. Die Welt ist groß, die Welt ist klein.

Wie viel künstlerische Freiheit ist möglich? Und hat sich dein Stil im Laufe der Jahre verändert?

Man braucht wirklich nicht jedesmal zu zaubern – aber wenn es gute Gründe für ein Experiment gibt, sollte man es zumindest versuchen. Über französische Barockgärten habe ich einmal im Blankvers geschrieben. Und eine Geschichte über einen Fluss bestand aus einem einzigen, mäandernden Satz. Solche Stücke schreibt man weniger mit dem Kopf als vielmehr mit den Ohren. Klang, Rhythmus, Melodie sind elementare sprachliche Qualitäten. Das fehlt heute vielfach, dieser Sinn für die Natur der Sprache. Flauberts Nachbarn glaubten manchmal, er hätte spät nachts noch Besuch. Dabei hat er seine Texte nur laut vorgelesen, wieder und wieder. Er hat seiner Sprache zugehört.
Ich habe früher mit mehr Elan geschrieben, auch mit mehr Leichtigkeit. Dieser Verlust an Unmittelbarkeit fällt mir auf. Meine jetzigen Texte haben mehr Substanz, sind von mehr Lebenserfahrung getragen, besser austariert, komplexer, manchmal auch dichter. Mehr als früher interessiert es mich heute, die Menschen zu erreichen, sie durchaus auch zu rühren. Ich habe inzwischen mehr Erfahrung, in diese intimen Prozesse zu gehen. Etwas mitteilen – ist das nicht ein schönes Wort? Der Leser kann nicht nur mitreisen, er kann mitlachen, mitweinen, mitstaunen. Ich biete als Autor eine Art Escort-Service an.

Wie hältst du es mit dem Ich?

Davor habe ich eher Scheu. Man kann subjektiv schreiben, ohne das Ich zu bemühen. Sicher, bei einer körperlich intensiven Erfahrung liegt die Ich-Form nahe, beim Tauchen zum Beispiel oder beim Wandern. Aber auch da hat man die Wahl zwischen einem starken und einem dezenten Ich.

Wie schreibst du?

Eigentlich wäre es wichtig, die Geschichte nach der Reise zügig zu Papier zu bringen. Doch das gelingt selten. Noch unterwegs zu schreiben, habe ich fast nie hinbekommen, die Zeit dort ist dann doch zu kostbar. Ich notiere allerhand Stichwörter, und wenn mir eine gute Formulierung in den Sinn kommt, halte ich sie fest. Bei einer längeren Autofahrt oder Wanderung bietet sich ein Diktiergerät an. Zu Hause tippe ich die Notizen ab, ordne das Material dabei und schleiche um den heißen Brei herum. Das wäre nicht unbedingt nötig, andererseits habe ich dann etwas im Archiv, falls ich später noch einmal zu diesem Thema arbeite. Erst dann beginne ich mit dem Schreiben. Die Grundidee und die Eröffnung kommen mir meist noch unterwegs. Aber wie soll es weitergehen? Und wie löse ich es auf?
Da ich ein guter Vermeidungsstratege bin, kommen mir äußere Anforderungen gelegen. Der finanzielle Druck, der Abgabetermin, der mit den Fingern trommelnde Redakteur, sie sind unsere treuesten Verbündeten.

Und wann schreibst du am besten?

Wenn man nicht mehr ans Schreiben denkt, dann schreibt man am besten.

Bereitest du dich gründlich vor oder verlässt Du dich ganz auf Deine Intuition?

Beides geht, auch wenn Hausaufgaben natürlich seriöser sind. Du solltest imstande sein, in kurzer Zeit eine beträchtliche Menge an Informationen zu sammeln, zu filtern und halbwegs zu verdauen. Natürlich schöpft man auch aus dem, was schon über die Gegend geschrieben wurde. Es zu lesen hilft einem, hinter das Offenkundige zu dringen. Beim Schreiben ermatte ich manchmal, beim Recherchieren interessanterweise nicht. Wenn ich keine Lust mehr aufs Recherchieren hätte, müsste ich aufhören.

Gibt es große Reiseschriftsteller als Vorbilder?

Alles, was gut geschrieben ist, kann zum Vorbild geraten. Auch aus ganz anderen Genres. Ob von bekannten oder weniger bekannten Autoren, toten oder lebenden, das ist ganz gleich. Wirklich Fixsterne habe ich nicht. Neulich habe ich bei Arno Schmidt die Beschreibung eines Sonnenuntergangs entdeckt – zum Niederknien. Das ist kein Autor, den man in diesen Reportage-Handbüchern finden würde. Die großen Einzelgänger und Einzelgängerinnen sind immer faszinierend. Die Reisefeuilletons von Giorgio Manganelli etwa – himmlisch. Auch die Schweizer haben traditionsgemäß große Reiseschriftsteller hervorgebracht, Leute wie Nicolas Bouvier oder Georg Brunold.
Man kann vielleicht sagen, dass mich zwei Schulen geprägt haben. Das sind zum einen die angelsächsischen Autoren mit ihrer etwas schnoddrigen Art, in Ich-Form zu schreiben und dabei doch distanziert. Dazu gehören Autoren wie Jonathan Raban, Bruce Chatwin, Colin Thubron, Bill Bryson. Von den Klassikern Evelyn Waugh mit seinen launigen Reportagen, der immer darüber lamentierte, er sei zu spät dran, er hätte zwei Jahrzehnte früher losziehen sollen – und das schon in den dreißiger Jahren! Was sollen wir da sagen. Dieses Rennen ist nie zu gewinnen. Du kannst kaum mehr irgendwo der Erste sein. Aber vielleicht ja einer der ersten, der wirklich gut darüber schreibt.
Diese angelsächsische Prägung findet sich bei vielen Kollegen, nur bei den Ostdeutschen zwangsläufig seltener. Was insgesamt weniger präsent ist, mich aber stark beeinflusst hat, ist der deutschsprachige Journalismus der zwanziger, dreißiger Jahre. Bezeichnenderweise sind die meisten, die mir in den Sinn kommen, Österreicher: Alfred Polgar, Josef Roth, Egon Erwin Kisch. Das waren die besten Stilisten, die verfügten über das geschmeidigste, reichhaltigste Deutsch. Da sind wir wieder bei den musikalischen Qualitäten. Diese Autoren haben seltener in der Ich-Form geschrieben, die hatten andere Prioritäten. Die Sprache war das denkende Subjekt.

Auf welche Reportagen bist du heute noch stolz?

Interessant wird es natürlich dort, wo man an Grenzen rührt, ob an die eigenen oder die des Genres. Aber im Rückblick finde ich, dass sie erfreulich gleichmäßig geraten sind. Und erfreulich variabel zugleich.

Dein schlimmstes Missgeschick?

Als Missgeschick empfinde ich es, wenn man nichts Gescheites von einer Reise zurückgebracht hat. Da kommt heute öfter vor als früher, und das liegt auch an diesen Pressereisen. Die finden auf Einladung von Fremdenverkehrsämtern oder Touristikunternehmen statt. Sie sind bequem und ökonomisch, aber hinterher gerät man ins Schwimmen. Weil man es sich eben nicht selbst erarbeitet hat. Manchmal wäre die einzig adäquate Reaktion eine Satire. Das ist aber ein Tabuthema in den Reiseredaktionen, die nur ungern eingestehen, wie diese tollen Berichte, die immer so souverän erscheinen, wie die zustandekommen. Die leiden natürlich auch darunter, dass sie solche Konzessionen machen müssen.

Wie weit gehst du für einen guten Text? Wie gefährlich ist der Beruf?

Mir selbst ist nichts Ernstliches passiert, aber Freunde und Kollegen sind durchaus in lebensbedrohliche Situationen geraten, einige auch umgekommen. Ich war ein paarmal in Krisengebieten, aber nicht in eigentlichen Kampfzonen. Trotzdem ist der Krieg ein Phänomen, das mich reizt, auch intellektuell, weil er eine der großen anthropologischen Konstanten darstellt. Für mein letztes Buch habe ich mich zwei Jahre lang mit der Geschichte des Roten Kreuzes beschäftigt, die zwangsläufig eine einzige Folge von Kriegen und Katastrophen war. Das war eine sehr intensive Auseinandersetzung mit Gewalt und Gefahr, auch wenn sie scheinbar nur „in den Regalen“ stattgefunden hat, in Büchern, Archiven, vereinzelt auch mal an einschlägigen Schauplätzen. Ich habe dafür sehr viele Berichte aus erster Hand gelesen und ausgewertet. Und auf gewisse Art all diese Kriege mitgemacht. Das waren auch Reisen: Zeitreisen, Fantasiereisen. Manche bis ins Herz der Finsternis.

Kann man vom Schreiben übers Reisen leben?

Man macht das nicht, um Geld zu verdienen; Reisen sind ein Wert für sich. Es ist ein Lebensstil, es hat für mich eine existentielle Dimension, ein Gegengewicht zu dieser zunehmenden Verarmung und Verengung. Das Weite suchen – aber nicht als Flucht, sondern um teilzuhaben an der Mannigfaltigkeit der Welt.

Von Stefan Schomann kam zuletzt ein Band über den amerikanischen Südwesten heraus (gemeinsam mit dem Fotografen Holger Lorenz, National Geographic Verlag). 2013 erschien seine Monographie über die Geschichte des Roten Kreuzes („Im Zeichen der Menschlichkeit“, DVA).