die letzte insel vor blauem hintergrund

Eine Inselbiogeografie

Lektürenotiz zu Die letzte Insel von Gabrielle Alioth

Gibt es das Wort überhaupt, gibt es inselbiogeografische Forschungen? Sie sind in diesem Roman jedenfalls doppeldeutig zu verstehen.

Holm, eben Inselbiogeograf und auch Erforscher versehrter Landschaften, führt ein letzter Auftrag auf eine Insel, doch der Aufprall ist hart, das Boot mitsamt dem Equipment zerschellt an den Klippen, er rettet sich an Land, findet Aufnahme bei Mönchen. In Gedanken und auf Papier skizziert er alles, was ihm für die Nachwelt lohnenswert scheint. Denn die Insel wird wie viele andere überschwemmt, und auch sonst wird allerlei angeschwemmt: Phosphorbombem aus einem Krieg, Atommüll, der einst vor der Küste irgendwo im Meer versenkt wurde.

Parallel zu dieser Geschichte spricht eine Ich-Erzählerin von einer anderen Überschwemmung, die ihren Mann fortriss, sprachwandelt zwischen Bäumen, Sträuchern und Blumen, erkundet eine Insel – ist es dieselbe, auf der Holm seine letzten Tage verlebt, oder eine andere? Wir wissen es nicht genau, die Zeiten schieben sich ineinander – und das stört nicht, befremdet nicht, fügt sich wie Erdschichten zu einem harmonischen Textwebnis, als seien Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft eins; frei von jeglichem esoterischen Hauch, was mich staunen lässt, wie das gelingen kann.

Die Geschichten der beiden Hauptfiguren scheint mir indes weniger bedeutsam – vom Halten und Verlieren, von Lieben und Verlusten wird erzählt – als die Naturbetrachtungen es sind. Denn ohne das gespreizte Darlegen von Wissen, wie ich es aus Nature-Writing-Texten kenne, flicht Gabrielle Alioth, die selbst die meiste Zeit des Jahre in Irland lebt, gänzlich unaufdringlich botanische Namen ein, die sich zu einer wundersamen Erzählung verknüpfen.

Ein stilles Buch, in dem eine Vielzahl von Details milde aufscheint, eine raue Inselwelt, in die reale Dystopien einbrechen – selten wurde so unaufgeregt vom Ende unserer Welt erzählt, was verwundert und gerade deshalb umso schmerzlicher nachwirkt.

Gabrielle Alioth: Die letzte Insel, Lenos Verlag

Eine ausführliche Rezension und ein Interview sind auf literaturblatt.ch nachzulesen.

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