Mauerläufer und Krisen und Magie

Auf der Mauer laufen

Lektürenotiz zur aktuellen Ausgabe der Literaturzeitschrift Mauerläufer

Es gibt sie noch, es gibt sie wieder – dabei wird ihre Existenz und Notwendigkeit stets bezweifelt: die Literaturzeitschriften. Im literaturport sind sie aufgelistet, nur jene mit einem roten Querbalken wurden eingestellt. Der Mauerläufer gehört nicht dazu, er rennt schon seit mehr als zehn Jahren gegen Trends und Mauern an. Auf der Website ist folgende Selbstäußerung zum Heft und Vogel zu finden: „Obwohl er erstens nicht auf Mauern läuft, sondern Felswänden und zweitens überhaupt nicht läuft, sondern hüpft (…), erklärt er damit seine Zugehörigkeit zu jenen, die wirklich auf Mauern laufen, damit solch zweifelhafte Bauwerke, die statt Gemeinsamkeit Trennung zum Ziel haben, nicht nur über-, sondern auch unterlaufen, er zeigt seine Geistesverwandtschaft mit allen, die sich für eine Heimat im „Dazwischen“ entschieden haben.“

Zwischen Krisen und Magie fallen auch die Texte in der aktuellen Ausgabe, so lautetet jedenfalls das Thema. Weil Krisen so leicht überblättert werden, weil wir uns warm anziehen sollten, weil nur Magie noch hilft – so vielleicht? Und so ähnlich jedenfalls im Editorial.

Schwer lässt sich so ein literarisches Jahresheft, lassen sich mauerlaufende Texte auf einen Nenner bringen, deshalb greife ich zur List der Listung und einigen wenigen Erwähnungen (den Seitenzahlen entlang), die weniger stellvertretend stehen, vielmehr die Bandbreite aufzeigen.

Klaus Reinhard Oehler in „Vogelhäuser“ – die Ahnung einer gewaltvollen Kindheit, „ein Krach in der Nacht“ und ein abgerissener Mercedesstern.

Oliver Gassner zerlegt „Im Wald“ die Demokratie – weil die Gierung die Tauschdings an sich gerissen hat.

Martin Stockburger scheitert in rhythmisierten Fragen und Antworten in „Schöne Bilder“.

Ruth Erat tappt in „Ja, ach ja, wir, ach, wir“´durch ein Land, wo aus Holz Wegwerfmöbel gemacht werden, dagegen hilft kein Abrakadabra.

Chris Inken Soppa verlässt in „Zwei Ringe“ ein unterlegenes Land, nur wird sie anderswo glücklicher? Und bezahlt dafür bis ans Lebensende.

Zu einem Schmuckeremit verhilft Matthias Ach in „Behausungen“ einem Hausbesitzer, der einen Gärtner sucht und stattdessen einen meditierenden Verrückten beherbergt.

Chandal Nasser berichtet in „Gott spielen“ aus dem Innern eines Glascontainers.

Natur ist eben nicht nur schön, stülpt dem Menschen das Widerborstige nach außen – so in Christine Zureichs „Bewildern“.

Jürgen Wenig folgt: „Meine Mutter hat gesagt“, er solle was rechtes lernen, also legt er sich hin und steht nicht mehr auf, nur dem Opa hätte es gefallen.

Bernd Storz wendet in „Beständigkeit“ einen Lachs in einer faschistischen Pfanne.

Niels Zubler stellt sich in „Bestien“ die Frage, ob der Mensch tatsächlich von Grund auf Böse ist, wie die „fabel-parabelhafte“ Räbin überlegt?

Dass Texte im Mauerläufer zwei- und dreidimensional wirken, ist dem Grafiker Ralf Staiger zu verdanken, jede Doppelseite ein gestalterisches Erlebnis, jeden Text fasst er neu an. In dieser Ausgabe führt die Abteilung „Ein Birnbaum stand in einer fremden Heimat“ mit cut-ups und black-out-Texten diesen mutwilligen Gestaltungsdrang weiter.

Regional radikal randständig: Was braucht es mehr in Zeiten wie diesen?

Zu beziehen sind die Mauerläufer über diese Website oder diese Buchhandlungen.

Weitere Hinweise auf Literaturzeitschriften:

Eine Rezension in Orte:

Und noch eine zu Walle Sayer:

Mein Flusspoem in der Zeitschrift Am Erker