Mein Taiwan-Dossier

23. Mai 2020

Power to the People. Ein Wochenende in Taibei

Wann beginnt ein Wochenende? Schon am Freitagnachmittag? Als der Monsun für ein paar Minuten nachlässt, die Bäume vor der kleinen Terrasse im zweiten Stock des Cafés Steep Stairs dampfen? Ein umgebautes altes Haus mit viel Charme und noch mehr Winkeln und Ecken und sogar zwei Separés im zweiten Stock ­– es könnte irgendwo sein, nur in Taibei hätte ich es nicht vermutet. Mit einer Bekannten diskutiere ich einen Nachmittaglang ethische Standards im Journalismus und die Notwendigkeit, dass Taiwan sich mit einem neuen Mediengesetz gegen Fake News und die Beeinflussung durch China wehrt.

Am Abend dann ins „Pure Wine“, wo mich die Sängerin wie eine alte Bekannte grüßt. Verwechselt sie mich? Sie sei doch neulich bei uns gewesen, zum Geburtstag einer Mitbewohnerin, hätten den stinkenden Tofu mitgebracht, den ich kaum heruntergebracht hätte! Erst recht sie die Billie-Holiday-Version von Piafs „La vie en rose“ so soulig singt – „Give your heart and soul to me / And life will always be …” – da klingt etwas an.

«Power to the people». Am Samstagmorgen beginnt um 11 Uhr die Demo im Hauptbahnhof: An den Wochenenden sollen Migrantinnen aus Südostasien – die in Taiwan hauptsächlich im Care-Bereich arbeiten – wieder picknicken dürfen, so wie man es auch aus anderen Städten, z.B. Hongkong, kennt. Denn der Corona-Virus hatte das Bahnhofsmanagement veranlasst, diesen Platz fürs öffentliche Rumsitzen zu sperren, und zu Wochenbeginn angekündigt, diese Sperrung trotz Aufhebung zahlreicher Maßnahmen zur Eindämmung des Covid19-Virus beizubehalten.

Woraufhin Mitte der Woche für den Samstag eine Demonstration organisiert wurde. Als Peking am Donnerstag ein neues Sicherheitsgesetz für Hongkong verabschiedete, wurde auch dagegen demonstriert. Nun geht es nicht mehr nur um das Recht auf öffentlichen Raum – was ja auch im Zusammenhang mit Zürichs Bahnhofshalle immer wieder diskutiert wird, aber gabs da jemals eine Demo? -, sondern um die Sicherheit der Hongkonger Bürger, auch wenn damit in Taiwan eine andere gemeint ist. Schwarzweiß sei der Dresscode, erreichte mich kurz zuvor noch eine SMS, sehr sinnig, denn die Bodenfließen in der Haupthalle sind ebenfalls schwarz-weiß, die Fotos von der Demo entsprechend medientauglich. Die Grüppchen hocken wegen des zu gewährleistenden Sicherheitsabstands auch fast nur auf den schwarzen Kacheln. Als «Glory of Hong Kong» angestimmt wird, geht ein Raunen durch die Halle, und ich krieg eine Gänsehaut. 500 Leute seien zusammengekommen, wird nachmittags gemeldet. Nun, nicht die Welt angesichts knapp 3 Millionen Einwohner Taipeis, aber doch irgendwie ergreifend.

Am Sonntag konnte ich endlich den Jingmei White Terror Memorial Park besuchen, nachdem ich Wochen zuvor wegen des Corona-Virus vor verschlossenen Türen stand. Ob ich zum Audioguide noch einen Regenschirm möchte, denn die Vögel im Park seien während der Brutzeit recht aggressiv. Mein verneinendes Danke wird irritiert zur Kenntnis genommen.
Schon im ersten Raum fällt mir auf: die Zeiger sämtlicher Uhren stehen auf vier, denn vier – chinesisch ausgesprochen – bedeutet Tod, und zwischen 4 und 5 Uhr morgens wurden jene politischen Gefangene abgeführt, die später auf dem Machangding Execution Ground am Fluss hingerichtet wurden. Zuvor hatte man ihnen schwere Fußketten angelegt, mit denen sie durch die Gänge rasselten, damit alle hören konnten, dass die Todeskandidaten ihren letzten Gang antraten. Und die Mitgefangenen begannen ihnen zu Ehren ein Lied zu singen.

38 Jahre dauerte die Militärdiktatur in Taiwan, politische Gefangene aber gebe es keine, hatte Chiang Kaishek jahrelang behauptet, bis der Assistent des Gefängnisarztes Listen der Gefangenen hinausschmuggeln konnte, diese im Ausland für Furore sorgten und Amnesty International aktiv werden ließen. In den Zellen nachgestelltes Essen, Toiletten – und auch Briefe. Nicht mehr als 200 Zeichen durfte ein solcher haben. Mit Worten geizen und auch mit der Zeit, nur 10 Minuten jeden Donnerstag, und dafür reisten die Angehörigen oft mit dem Nachtzug an.

Die Diktatur wurde von «innen heraus» zu Fall gebracht, irgendwann war auch den machtbesessensten Politikern klar, dass es so nicht weitergehen konnte, und spätestens mit Lee Deng-hui, so sagte mir eine Taiwanerin, sei so etwas wie eine Öffnung und vor allem ein Aufatmen durch die Gesellschaft gegangen. Die Diktatur selbst hatte Zehntausende von Opfern gefordert. Und ich bin positiv überrascht, wie in Museen, mit Filmen, Autobiografien, selbst Gaphic Novels – um nur ein paar Beispiele zu nennen – versucht wird, diesen «Weißen Terror» aufzuarbeiten.

Am Abend dann Hsieh Ming-yen, vom Lyriker Hung Hung empfohlen als der «most talented saxophone player in Taiwan». In der Rhythm Alley, wo es sich allerdings eher wie in einem Yoga-Studio anfühlt – was es unter der Woche auch ist – und nicht wie in einem Jazz Club. Groovig, funkig und wild zu Ehren eines anderen Saxofonisten: Joe Henderson und seinem Album: «Power to the people».

17.4.2020

Der Ring der Schlammrückendrachen von Hung Hung

Im 2-28 Peace Memorial Park habe ich das Gedicht aufgenommen. Der Park ist all den Opfern des Aufstands vom 28.2.1947 gewidmet, mit dem 30 Jahre Militärdikatur begann. Hung Hung hat sein Gedicht den “Geschändeten Taiwans” gewidmet. Denn es ist an uns, ob man untertänig die Knie krümmt oder mit Schlammwürfen den Drachen zusetzt, um sie aufzuwecken.
Hung Hung (Künstlername von Hung-ya Yen), studierte Theaterwissenscahaft, veröffentlichte Gedichte, Erzählungen und Essays, ist Chefredakteur zahlreicher Zeitschriften. Er schrieb das Drehbuch zu dem Film A Brighter Summer Day (1991) von Edward Yang. Hung Hung hat über 20 Theaterstücke und vier Opern inszeniert und ist Kurator des Taipei Poetry Festivals. Zudem ist er ambitionierter Verleger von Dark Eyes u.a. der Graphic Novel Anthologie “Lunatic is the night”.

2020-4-7

Zum Gedenken an Nylon Cheng (Cheng Nan-Jung), der sich heute vor 31 Jahren selbst verbrannte. Einer der wohl wichtigsten Stimmen für die Freiheit des Wortes und Unabhängigkeit Taiwans.

Am Morgen des 7. April 1989 drangen Polizisten in die Redaktionsräume der Zeitschrift „Epoche der Freiheit“ (自由時代 Ziyou shidai), nachdem sich Nylon Cheng wochenlang weigerte, wegen Volksverhetzung und Landesverrat vor Gericht zu erscheinen. Da er zuvor immer wieder unter fadenscheinigen Gründen verhaftet worden war, erklärte er dieses Mal, sich nur noch als Leiche von der damals regierenden Partei Kuomingtang verhaften zu lassen. Mit Haut und Haar hat er sich buchstäblich der Freiheit des Wortes verschrieben, an jenem Morgen mit Benzin übergossen und angezündet. Zu seiner Beerdigung kamen Zehntausende Menschen und zogen durch die Stadt, tragischerweise verbrannte sich bei diesem Trauermarsch auch sein Mitarbeiter Chan I-hua, seine Mitstreiter konnten nur noch hilflos zusehen, wie er sich am Boden wälzte.

In den ehemaligen Redaktionsräumen ist heute ihm zu Ehren ein Museum untergebracht, das ich Ende März 2020 besuchte. Selten hat mich eine Ausstellung dermaßen niedergedrückt. Ausgestellt werden u.a. ausgefranste Tagebucheintragen und Notizen zu den Gefängnisbesuchen seiner Tochter. Der letzte Raum ist eben jenes Redaktionszimmer, in dem sich Chen Nan-Jung verbrannte. Angekohlte Bretter, schwarze Wände, zusammengeschmolzene Gegenstände. Den Brandgeruch in der Nase bilde ich mir ein.
Wie groß musste die Not sein, sich aus lauter Verzweiflung darüber, dass die Regierung das Land in eine Sackgasse manövrierte, zu dieser Tat zu schreiten?

Heute, am 7.4.2020, hätte es aus Anlass dieses Todestages eine Reihe von Veranstaltungen ihm zu Ehren und für die Meinungsfreiheit gegeben, die wegen der Vorkehrungen gegen den Corona-Virus nun ins Internet verlagert wurden, und zwar unter dem Hashtag #Made in Freedom #三一二 #自由时代.